Die Generalversammlung - Markus Fricker - E-Book

Die Generalversammlung E-Book

Markus Fricker

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Beschreibung

Zu Beginn des 21sten Jahrhunderts treffen sich die Mitglieder eines dörflichen Gewerbevereins zur ordentlichen Generalversammlung.

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Seitenzahl: 73

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Geschrieben 2007 Beruht teilweise auf wahren Begebenheiten Enthält Helvetismen

Krachen, Knarren und Ächzen, auch dunkles, tiefes Grollen wäre vielleicht zu hören gewesen, hätte man Jahrmillionen-Zeitraffer-Ohren gehabt.

Unerbittlich aber geduldig, als Gesteins-Brecher, wälzte er sich von den Alpen richtung Schwarzwald, stemmte, wuchtete, und raffelte sich sein monumentaler Eispanzer über die Molasse des Pleistozäns, auf seinem Vortrieb nordwärts, bis er an den ersten Jurafalten auflief.

Hundertausende Sonnenumkreisungen später, nennt man ihn Reussgletscher. Auf seinem mit Schotter und Sand, von Eis und Wasser geschliffenem Geschiebe, quasi seiner Endmoräne, stehen heute Weinreben. Wo einst Kies an der Eis-Brandung rieselte, wächst jetzt Riesling Sylvaner.

Rebterassen umschnüren den Kieshügel zeilenweise. Im Herbst wird gelesen.

Dieser Hügel, Stock genannt, ruht auf einer Hangterrasse oberhalb des Dorfes. Bei starkem Regen saugt sich der bewaldete Kieshügel mit Wasser voll, wie ein Schwamm, bis er gesättigt ist und es nicht mehr halten kann. Tritt diese Situation ein, lässt er das Wasser los, und in seinem Sog entleert sich der ‹Schwamm›. So kann es vorkommen, dass unterhalb des Hügels, wo der Kies auf eine Lehmschicht trifft, mitten im Garten eines Radio-Fernseh-Elektrikers, eine armdicke Wasserfontäne zum Boden herausschiesst.

Die Einladung kam kurzfristig, etwa zwei Wochen vorher. An- und Abmeldung obligatorisch. Der Gewerbeverein durchlief damals eine Sinnkrise. Der Präsident legte nach anderthalb Jahren sein Amt nieder, und gab den Austritt aus dem Verein.

Gute Voraussetzungen für eine spannende Generalversammlung.

Die Generalversammlung, auch «Ge-Vau» genannt, fand im sogenannten Degustations-Raum statt, im Weinbaugut eines Vereinsmitgliedes. Das Anwesen des Weinbauers, ein in den siebziger Jahren vom Kanton subventioniertes, schwarzes Eternitgebäude vom Typ Rebbau, stand am oberen Dorfrand, unterhalb des etwa 4 Hektaren grossen Weinberges – dem Stock.

Der Vater des Weinbauern, im Dorf aufgrund eines Vorfahren mit militärischer Karriere «General» genannt, war ein ‹Rucksäckler›. Arbeitete also tagsüber im Steinbruch oder in der Zementfabrik und abends auf dem eigenen Hof – wie damals die meisten im Dorf.

Im militärgrauen ‹Über-Gwändli› und einem roten Kopf unter dem Lederhelm, fuhr der General auf seinem Kreidler Florett, das ihm, mit der tiefen Lenkstange, eine sozusagen sportliche Haltung abverlangte, lärmend durchs Dorf. Bis der Töff sich, mit der Zeit immer mehr der minimalsten Geschwindigkeit und dem maximalsten Lärm annäherte. Nach dem achtzigsten Lebensjahr, ritt der General ein altes Puch-Maxi Töffli, mit einem weissen Helm aus Franzosen-Plastik.

Der älteste von vier Söhnen führte den landwirtschaftlichen Betrieb des Generals weiter. Darauf wurde der elterliche Hof aufgegeben, stattdessen am Dorfrand, jenes Haus mit schwarzen Eternitschindeln gebaut, und der Betrieb, in Besinnung dörflicher Traditionen, auf Rebbau umgestellt. Der Übername ‹General› blieb am Sohn hängen – nicht aber der Rucksack, denn man lebte fortan ganz vom Wein.

Im Degustations-Raum des Generals wurde also sinnigerweise die Generalversammlung abgehalten. Früher wurde sie im Restaurant Schmitte abgehalten, der einzig verbliebenen Wirtschaft im Dorf. Der damalige Schmitte-Wirt, auch ein Gewerbevereins-Mitglied, übernahm dann aber eine Beiz im Nachbardorf; ohne übrigens seine Vereinsmitgliedschaft zu kündigen, und war somit seit zwei Jahren mit Mitgliederbeiträgen im Ausstand. Es war eine klare Dezembernacht.

Das Weingut des Generals, am westlichen Dorfrand gelegen, erforderte, je nach Wohnort der Mitglieder, einen längeren Spaziergang, weil das Dorf sehr lang gezogen ist.

Auf der Hauptstrasse bummelte ein Vereinsmitglied, ein Schlosser. Er wich dann in eine Seitenstrasse, und betrachtete die Auslagen des beleuchteten Schaufensters einer Schreinerei. Der Inhaber war auch ein Vereinsmitglied. Im Schaufenster, das eher einer Vitrine glich, waren auf zwei Regalen Kristalle ausgelegt. «Mineralien aus dem Wallis, Eigenfunde», stand da geschrieben, und «Mineralien aus unserem Steinbruch». Strahler-Trophäen des Schreiners. Kristalle, die er im Rucksack vom Strahlen nach Hause brachte. Also auch er ein ‹Rucksäckler›.

Eine Strasse weiter, tauchte das nächste Mitglied aus der Dunkelheit auf, der Gründer des Gewerbevereins, ebenfalls ein Metallbau-Unternehmer. Er besass eine Bude am Aareschachen.

Vor kurzem wollten die Chinesen seine Firma heimlich übernehmen. «Weil die Chinesen in ihrem Geld versaufen», wie er sagte. Sie seien unter Druck Geld zu investieren, westliche Firmen zu kaufen. Die Chinesen hätten ihm per Strohmann in Österreich, einen Grossauftrag zugehalten, bei dem er dann, die Produktion ganz hätte auf den Chinesenauftrag konzentrieren sollen, also sich in eine Abhängigkeit begeben, welche die Chinesen dann, wir er argwöhnte, ausgenützt und ihn sozusagen gefressen hätten.

In einem abgelegenen Winkel seiner Werkstatt habe es übrigens eine Stelle, eine feuchte Höhle, denn die Werkstatt sei ja rückwandig in den Jurafelsen gebaut, in dieser Höhle also, lebe eine Kröte, die der Schlosser manchmal, wenn es ganz ruhig sei, rufen höre «öök-öök-öök». Ganz selten sehe man sie auch wie sie rausschaue, wenn man vor diesem Loch stehe, erzählte er jeweils mit glänzenden Augen. Man fragt sich, was wohl die Chinesen davon gehalten hätten.

Der Metallbau-Unternehmer grüsste den Schlosserkollegen in seiner gewohnten Art, eben nicht zu Grüssen, sondern eine weltgewandte Frage oder Bemerkung in den Raum zu stellen.

Man kam dann aufs Wetter und seine Kapriolen zu sprechen. Er stellte fest, dass er doch übrigens erst vor nicht so langer Zeit, die vielen Feigenbäume in unserem Dorf entdeckt habe. Dies sagte er mit einem fast empörten Erstaunen, als hätte man diese Tatsache jahrelang vor ihm verschwiegen.

Tatsächlich schien einem der Gedanke an Feigenbäume unwirklich, in dieser frischen, sternenklaren Dezembernacht.

Unterdessen waren sie am Stock angelangt, dem Hügel an dem der Weinbaubetrieb lag. Die Aussicht bot einen Überblick über das Aaretal, das sich hier besonders breit zu einer Ebene ausdehnte. Das gegenüberliegende Dorf mit seinen, in rätselhaftem geometrischen Zusammenhang stehenden Lichtpunkten, erinnerte an eine elektronische Schaltplatte. Die umliegenden Dörfer waren wie mit Leitungen verbunden, durch die, lautlos Autolichter tröpfelten, und etwas schneller fliessend, gelegentlich die Lichterkette einer Eisenbahn. Zwischen diesen Leuchtdioden-Siedlungen lagen lauernd, schwarze, haarige Wälder, an wilde Urtiere gemahnend.

Vor der Weinsiedlung angelangt, sprach der Metallbauer eine zuversichtliche und entschlossene Floskel, allerdings mit leicht seufzendem Unterton. Sein Gang an die GV, war der, eines besorgten Vaters. Sein Kind, der Gewerbeverein, musste wieder aufgerichtet und ausgerichtet werden. Als Gründervater und ehemaliger Präsident mit langjähriger Amtszeit, fühlte er wohl eine besondere Verpflichtung.

Der sogenannte Degustationsraum, eine Mischung aus Festraum und Kellerlager, war in gelbliches Neonlicht getaucht. Entlang einer Wand waren Kartons mit Weinflaschen gestapelt. Davor Festbänke aneinander gestellt, zu einem grossen ‹L› ausgerichtet. An der gegenüberliegenden Wand stand eine massive Theke aus tannigem Schwartenholz, dahinter präsentierten sich auf Regalen aufgereihte Flaschen mit den Erzeugnissen des Hauses. Barrique, Rivaner, Blauburgunder, Rosé, Pinot Gris, Gewürztraminer, Zweigelt, Schaumwein, Abavado, Marc, Kirsch, Zwetschgenwasser.

Die Vorstandsmitglieder, der Weinbauer, und einige andere Mitglieder waren auf lockere Weise in Begrüssungsgespräche verwickelt, legten gerade ab, oder hantierten mit Papier.

Der ehemalige Präsident begrüsste den noch Amtierenden, oder besser: warf ihm wie gewohnt einen beflügelten Spruch hin. Welchen dieser mit leicht säuerlichem, fragendem Ernst quittierte. Offenbar verstand er heute keinen Spass. Den Kopf hatte er leicht nach vorne geneigt, denn er blickte über die Lesebrille, die am unteren Teil seiner langen, platten Nase auflag. Unter hängenden Lidern, blickten kleine Äuglein gefährlich aus dem wilden, aber gutmütigen Gesicht. Die schütteren Barthaare klebten wie Algen an einem Wurzelstock. Seine grosse Statur und sein dichtes, farbloses Haar erinnerten an eine Märchengestalt. Aus ‹die Schöne und das Biest› vielleicht.

Der Raum füllte sich jetzt immer schneller. 18 Gewerbetreibende waren anwesend. Ein Schreiner, ein Maler, ein Zimmermann, eine Coiffeuse, ein Treuhänder, eine Masseurin, ein Gartenbauer, zwei Schlosser, ein Taxibetreiber, eine Personalcoachingfachfrau, ein Hi-Fi-Händler, eine Beschrifterin, eine Werkzeugmaschinenhändlerin, ein Car-Unternehmer, ein Heizungshändler, der Präsident der Dorfladen-Genossenschaft und der Weinbauer. Die restlichen etwa 25 Mitglieder fehlten, auch der Elektroinstallateur, der das Amt des Kassierers hatte. Er liess sich per Brief entschuldigen.

Dieses Schreiben wurde denn auch nach dem offiziellen Begrüssungs- und Eröffnungsteil, vom Präsident vorgelesen. Durch die leiernde Stimme des Präsidenten, sprach der Kassierer von seiner Frustration im Zusammenhang mit unbeglichenen Vereinsbeiträgen säumiger Mitglieder. «Ich», zitierte der Präsident mit schläfrigen Äuglein in die Lesebrille hinunterschauend, «wünsche dem Verein für die Zukunft alles Gute, wenn es diesen dann noch braucht».

Es töne wie eine Verabschiedung, wurde vermerkt.

Nein, der Schluss sei anders auszulegen, der Kassierer sei doch immer noch bereit, bei mehr Handlungskompetenzen gegenüber den fehlbaren Mitgliedern, seine Arbeit weiter zu führen.

Man einigte sich auf diese Auslegung des Kassiersbrief.

Man müsse ihm mehr Handlungsraum zugestehen. Aber ob man wirklich Mitglieder betreiben soll?

Die Art der Mahnung wurde diskutiert. Wie soll der Kassierer unterzeichnen? Mit seinem Namen und seiner Funktion? Oder nur im Namen des Vereins? Damit es ihm niemand verüble.

Wieso verübeln? Er sei ja im Recht, – man müsse die Fehlbaren eben sehr wohl härter anfassen.

Dann wurden Beispiele von Fehlbaren erörtert.

Der weggezogene Schmitten-Wirt zum Beispiel, man wisse ja was das für einer sei, nur profitieren habe der wollen. Es gehe nicht, dass einer einfach wegziehe und den Austritt nicht gebe, dann müsse er halt die hundertfünfzig Franken Mitgliederbeitrag weiterhin zahlen.