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Was hat eine 1895 im Hafen von New York von einer organisierten Kinderbande geraubte Uhr mit Louis Armstrong zu tun? Was mit dem Mord an einem französischen Ehepaar und mit einem jüdischen Arzt in Hamburg? In welchem Zusammenhang steht sie mit den Albträumen eines Jungbauern in Bayern? Was hat sie mit dem Einbrecher Karl Prommer in Stuttgart zu tun? Und wie gelangt sie 1998 in das südsteirische Örtchen St. Veit am Vogau? Es ist eine unwahrscheinlich faszinierende, temporeiche und teils sehr berührende Geschichte von Menschen, die in einem Zeitraum von über 120 Jahren in den Besitz dieser geraubten Taschenuhr gelangen. Gleichzeitig wird dem Leser bewusst, dass der Begriff Zeit im Laufe der Geschichte eine andere Bedeutung erlangte. Gerhard von Leonstein versteht es wieder einmal, seine Leser mitzunehmen und zeichnet Bilder mit seinen Worten, als befände sich der Leser selbst inmitten des Geschehens.
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Seitenzahl: 434
Veröffentlichungsjahr: 2022
Impressum
ISBN 978-3-7059-0423-1
E-Book 2022
Coverfoto: Adobe Stock
Herstellung / Verlag: Weishaupt Verlag, A-8342 Gnas,
e-mail: [email protected]
e-bookshop: www.weishaupt.at
© Copyright by Gerhard Bengesser
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Sämtliche Figuren und Ereignisse dieses Romans sind der Fantasie entsprungen. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen, lebend oder tot, wäre zufällig und vom Autor nicht beabsichtigt.
Gerhard von Leonstein
Die geraubte Taschenuhr
Roman
Weishaupt Verlag
PROLOG:FRÜHJAHR 1655
Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Die Sonne sandte ihre ersten wärmenden Strahlen und die ersten Blüten zeigten ihre Pracht. Ein leiser Windhauch flüsterte durch die Sträucher und Bäume, als der achtjährige Sven sich mit seinem Freund Bertil dem kleinen Flüsschen näherte. Beide hatten sie sich eine Angel gebastelt. Sie wollten für das Abendessen ihrer Familien Fische fangen.
Ihre Augen begannen zu glänzen, als sie das Ufer erblickten. Heute hatten sie keinen Unterricht. Ihre Lehrerin war krank geworden und Svens Vater, der auch der Chef ihres Dorfes war, war am frühen Morgen mit anderen zur Jagd aufgebrochen.
„Sven, hier könnten wir es gleich versuchen! Da ist das Wasser etwas ruhiger!“, rief Bertil seinem Freund voll freudiger Erwartung entgegen. Sven war ganz begeistert von diesem Uferrand. An dieser Stelle war er noch nie. Das Ufer wurde von Büschen und einigen Bäumen gesäumt. An dieser Stelle gab es eine kleine Einbuchtung des Gewässers, die frei vom Gebüsch war. Man konnte da ohne Hindernisse seine Angel auswerfen.
Sein Vater hatte mit den hier lebenden Indianern nicht nur das Jagdrecht, sondern auch das Recht zu fischen ausverhandelt. Dafür versorgten sie die Ureinwohner mit Gegenständen des täglichen Lebens und halfen ihnen, ihre Kranken zu versorgen, wenn Bedarf war. Es war wirklich ein herrliches Leben an diesem Ort, vor allem für die heranwachsenden Jungen. Es gab für sie täglich neue Abenteuer zu bestehen. Langeweile hatten sie hier noch nie kennengelernt.
Die beiden hatten Svens Mutter noch im Ohr, als sie ihnen beim Abschied noch mit ihrem besorgten Ruf zur Achtsamkeit in den Ohren lag. Sven liebte seine Eltern ganz besonders; vor allem seine Mutter. Sie war die Liebe in Person. Sie versuchte jedem ihrer Kinder ihre ganze Liebe und Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Sechs Kinder hatte sie und jedes von ihnen war der Überzeugung, ihre besondere Aufmerksamkeit zu bekommen. Alle waren in dieser neuen Welt, die ihre Eltern für sie entdeckten und eroberten, geboren worden.
Svens Vater Carl erzählte seinem Sohn immer wieder die Geschichte, als sie 1638 aus Schweden kommend hier landeten und ihr Dorf gründeten. Das kleine Flüsschen und auch das Fort benannten sie nach ihrer Königin Christina in ihrer alten Heimat. Die ersten Jahre waren voller Entbehrungen und äußerst mühsam. Dennoch war Sven richtig stolz auf seine Eltern.
Nur in der letzten Zeit bemerkte Sven, dass vor allem sein Vater immer öfter überaus besorgt seine Mutter anblickte. Er konnte sich aber nicht erklären, was seinen Vater so beunruhigte. Als er ihn einmal fragte, ob es Probleme mit den Indianern gäbe, meinte Carl nur, „das wäre das kleinste Problem, Sven“.
Sven und Bertil fischten schon eine ganze Weile, sie hatten die ersten Fische schon gefangen. Plötzlich brach es aus Sven heraus. „Bertil, ist dein Vater auch in der letzten Zeit so beunruhigt. Ich mache mir Sorgen, weil ich nicht weiß, was in unserem Dorf los ist. Die Erwachsenen flüstern nur mehr, wenn Kinder in der Nähe sind. Was ist passiert? Weißt du etwas?“
Bertil wurde ganz bleich im Gesicht. Er war etwas älter als sein Freund Sven. Er wusste nicht, wie er anfangen sollte, sein Wissen weiter zu geben. „Jetzt mach deinen Mund auf, Bertil! Ich will wissen, was los ist“, fuhr Sven seinen Freund an.
Sven war ein für sein Alter recht aufgeweckter Junge. Er war sehr hübsch mit seinen blonden Locken und ein paar Sommersprossen im Gesicht. Der Schabernack war ihm aus seinen strahlend blauen Augen anzusehen. Er hatte auch ständig ein schelmisches Lächeln aufgesetzt.
„Es … es könnte Krieg geben, Sven“, brach es aus Bertil heraus. Dabei begannen Tränen sein Gesicht herunter zu rinnen. „Dabei könnten viele von unserem Dorf sterben. Ich habe so viel Angst, Sven, auch unsere Eltern könnten dabei sterben. Ich will das nicht!“
„Aber wie ist das möglich, Bertil, wer soll uns denn Böses antun? Wir leben doch ganz friedlich mit den Indianern hier. Ich verstehe das nicht.“ Sven ließ seine Angel in der Wiese nieder und begann nun ebenso zu schluchzen. Beide saßen im Gras und schnieften vor sich hin, bis Bertil langsam zu erzählen begann, während er einen Grashalm in seinen Mund steckte.
„Ich habe gestern Abend ein Gespräch meines Vaters mit seinem Freund Henrik belauscht. Sie unterhielten sich darüber, dass Engländer, Franzosen, Spanier und Holländer auf diesem neuen Kontinent nicht nur die Ureinwohner bekämpfen, sondern auch kleinere und größere Siedlungen überfallen, um Land zu erobern. Wenn sich die Einwohner wehren, würden sie sie niedermetzeln. Mein Vater meinte, dass auch wir damit rechnen müssten. Ich habe Angst, Sven. Unsere Eltern haben Wachen außerhalb unseres Dorfes aufstellen lassen.“
Sven war geschockt, was er da eben von seinem Freund erfuhr. Die Sonnenstrahlen erreichten sein Herz nicht mehr. Seine Freude am Fischen war ihm vergangen. Er konnte die Menschen nicht verstehen. Warum konnten sie nicht miteinander in Frieden leben? Bis jetzt hatte er mit seinen Eltern nur eine schöne und friedvolle Zeit erlebt.
Zwei Tage später übernahmen Niederländer kampflos diese schwedische Enklave, das heutige Wilmington, dort am Zusammenfluss des Christina Rivers mit dem Delaware River. Nur neun Jahre später, im Jahre 1664, kamen die Briten, die die Herrschaft übernahmen.
Eines schaffte aber keiner dieser fremden Herren: das schwedische Zusammengehörigkeitsgefühl zu zerstören. Das würde für alle Zeit bestehen bleiben.
USA, WILMINGTON, August 1894
Sven Larsson saß im Hinterzimmer des Juwelier- und Uhrengeschäftes seines Vaters, das sich im Stadtzentrum von Wilmington befand. Er versuchte schon seit einer Stunde das Uhrwerk einer englischen Taschenuhr zu studieren, die er sich ohne Wissen seines Vaters Gustav letztes Jahr im Frühjahr aus England schicken ließ. Das Interessante daran war, dass diese Uhr ein Schweizer Uhrwerk hatte.
Sven war mit seinem jungen Alter ein bildhübscher junger Mann geworden. Er war ein Sinnbild seiner schwedischen Vorfahren: Blond gelockt, schlank, aber mit kräftigem Oberkörper und einem hübschen, energischen Gesicht raubte er so mancher jungen Frau einen Sehnsuchtsblick, wenn nicht gar den einen oder anderen Seufzer eines noch unerfüllten Wunsches.
Für Sven gab es nichts anderes als Uhren in seinem Leben. Sie bedeuteten ihm alles. Als er erst zehn Jahre alt war, hatte er begonnen, sie zu zerlegen und wieder zusammen zu bauen. Jetzt, vierzehn Jahre später, war die Technik einer Uhr kein Geheimnis mehr für ihn. Was Sven beschäftigte, war die Frage, wie er diese Technik und somit ihre Qualität verbessern konnte. Seit über einem Jahr zeichnete er Entwürfe für ein neues Uhrwerk.
Sein Vater hatte dafür nur wenig Verständnis. Er war der Meinung, dass sich darum andere kümmern sollten. Gustav liebte seinen Sohn über alles, aber er wünschte sich, dass er sich mehr um den Verkauf und somit um ihre Finanzen sorge, obwohl er es bis zu diesem Zeitpunkt schon zu einem kleinen Vermögen gebracht hatte. Vor allem der Schmuckverkauf war mehr als einträglich.
Als Sven gerade vertieft das Uhrwerk betrachtete, nahm er einen unwahrscheinlichen Lichtstrahl und fast im selben Moment ein ohrenbetäubendes Krachen war. Er zuckte vor Schreck zusammen und spürte die Erschütterung in seinen Knochen. „Ich hab es ja gewusst, dass es heute noch ein Gewitter gibt“, dachte er sich, während er die Uhr weglegte und zum Fenster hinausblickte.
„Den ganzen Tag schon brütende Hitze – und nun das Gewitter“, schwirrte es in Svens Kopf ärgerlich herum. „Hoffentlich gibt es keinen Brand hier in der Stadt.“ Sven hatte schon immer Angst vor Naturkatastrophen, da gehörten vor allem Feuer durch Unwetter und Hochwasser dazu.
Er dachte mit heftigem Unwohlsein daran, als vor zwei Jahren heftige Regenfälle den Christina River aus seinen Ufern treten ließ, sodass das Wasser bis kurz vor ihr Wohnhaus kam. Damals hatte die ganze Familie bereits die wichtigsten Sachen gepackt um vorübergehend das Haus verlassen zu können. Doch sie hatten Glück; es kam nicht dazu. Wie hätten sie auch mit ihren Pferden das ganze Hab und Gut in dieser kurzen Zeit wegbringen sollen. Er konnte sich noch sehr gut an das vor Angst verzerrte Gesicht seiner Mutter erinnern.
So schön es hier in Wilmington für Sven war, er hätte lieber im nahe gelegenen Philadelphia gewohnt. Dort in der Großstadt, ja, das wäre seine Welt. Dort würde er gerne sein eigenes Geschäft errichten. Er träumte schon länger davon, eine eigene Uhrenmanufaktur zu betreiben. Dazu müssten sie aber wahrscheinlich einen Kredit aufnehmen und vor allem müsste die Uhr von ihrer Qualität her konkurrenzfähig sein. „Nein“, dachte er sich, „sie müsste hervorragend sein, so wie die Schweizer Uhren.“ Nicht einmal die englischen Uhren konnten da mithalten, dessen war sich Sven bewusst.
Nun hörte Sven, wie sich prasselnder Regen über die Stadt ergoss. Er bemerkte, wie das Gewitter weiterzog, der Donnerhall sich entfernte. Sven stand auf, steckte seine in England erworbene Uhr, eingewickelt in weiches Tuch, in die Rocktasche und begab sich in den Verkaufsraum ihres Geschäftes.
„Dad“, begann sich Sven vorsichtig seinem Vater, der sich mit dem Polieren von Schmuck beschäftigte, bemerkbar zu machen. Sein Vater blickte nur kurz auf und brummte unverständliche Worte. „Dad“, versuchte es Sven nochmals. „Ich habe mich mit Lars verabredet. Ich werde wahrscheinlich erst am Abend wieder zu Hause sein.“ Sven hoffte, dass ihn sein Vater gehen ließe.
Gustav blickte ihn nun erstaunt an. „Hast du die Kaminuhr von Mrs. White schon repariert?“, fragte er seinen Sohn mit einem wissenden Lächeln im Gesicht. Gustav war sich der tiefen Freundschaft seines Sohnes mit Lars sehr wohl bewusst. Die beiden Jungen waren schon gemeinsam zur Schule gegangen. Nicht nur einmal mussten Gustav Larsson und seine Frau gemeinsam mit den Eltern von Lars ihre Lausbubenstreiche ebnen.
Während Lars seine Laufbahn im Bankwesen einschlug, hatte sich Sven seiner Leidenschaft, den Uhren, gewidmet. Trotz ihrer Jugendstreiche entwickelten sich die beiden Freunde prächtig, dachte sich Gustav. Er war stolz auf seinen Sohn, der bereits jetzt ein hervorragender Uhrentechniker war.
„Ja, Vater“, antwortete ihm sein Sohn mit einem Schmunzeln. „Die liebenswerte alte Mrs. White hatte einen Dollar im Uhrwerk deponiert. Vielleicht hat sie die Uhr mit ihrer Sparbüchse verwechselt“, lachte ihn Sven an. „Na, dann wünsche ich euch beiden viel Spaß und stellt nicht wieder Unsinn an, dafür seid ihr schon zu alt. Und erschreckt die Mädchen nicht!“, rief Gustav seinem Sohn noch nach, der bereits das Geschäft verließ.
Gustav Larsson war für sein Alter, er war 54 Jahre alt, ein durchaus stattlicher Mann. Groß gewachsen, noch immer schlank mit fast sportlicher Figur, sahen die Damen gerne zu ihm auf. Seine Frau, die er gerne „mein Engel“, oder „meine Rose“ nannte, liebte er wie am ersten Tag, als er ihr begegnete. Seine Gesichtszüge bekamen dann eine Sanftheit, als würde er unverzüglich in einen wunderschönen Traum mit ihr hineingleiten.
***
Sven und Lars hatten sich in der King’s Bar verabredet. Sie liebten diese Bar, die etwas außerhalb des Stadtzentrums am Ufer des Christina Rivers lag. Dort konnte man herrliche Fischgerichte auf der Terrasse genießen, die Miss Molly zubereitete. Vor allem der Fischeintopf hatte es Sven angetan.
Es war hier nicht so laut, wie am Delaware River, wo die Dampfschifffahrt verkehrte, vor allem die neuen Salondampfer, die schon einigen Wirbel verursachten. Sven liebte es ein bisschen ruhiger. Er genoss das Ambiente dieser kleinen Bar, die mit diversen Gegenständen aus der Fischerei und Schifffahrt ausgestattet war. Er war immer wieder fasziniert, wie Miss Molly den großen Schank- und Gastraum, aber auch die Terrasse mit Fischernetzen, Ruderblättern, Steuerrädern oder Sturmlaternen ihre persönliche Note verliehen hatte.
Als er die Bar betrat, begrüßte ihn Miss Molly mit ihrem überaus liebenswerten Lächeln. Miss Molly war von kleinerer, wenn auch etwas fülliger Figur. Ihr Gesicht strahlte so viel Herzlichkeit mit ihren großen schwarzen Augen aus, dass man sie von Beginn an sofort ins Herz schloss. Sie schlang sogleich ihre Hände um ihn und drückte ihn an ihren wogenden Busen. „Ach Sven, ist das schön, dich wieder hier zu sehen“, und küsste ihn vor Freude. „Kommt Lars auch?“, fragte sie ihn hoffnungsvoll. „Ihr wollt sicher auf der Terrasse sitzen, der Regen hat sich ohnehin schon verzogen“, lächelte sie weiter und zog ihn mit hinaus. „Schau, euer Lieblingsplatz ist noch frei.“
Sven liebte diese etwas schrullige Frau. Sie könnte mindestens seine Mutter sein, doch sie verhielt sich oft wie ein Teenager, dachte er sich noch, als er für sich ein Glas Rotwein bestellte.
Sanft floss das Wasser neben Sven den Christina River hinunter. Normalerweise konnte man die Fische hier in ihrem Element sehen. Doch heute war das Wasser durch den Sturzregen getrübt. Sven musste Lächeln. Wie gerne hätte er mit Lars hier einmal gefischt, während sie von Miss Molly bedient werden.
Es dauerte nicht lange, da kam auch Lars. Es war eine sehr herzliche Begrüßung. Sie hatten sich in den letzten Wochen nicht so oft gesehen. „Was gibt es Neues, Lars?“, fragte Sven voller Neugier seinen Freund. „Sven, du glaubst es nicht“, sprudelte es aus Lars heraus, „ich bin seit einer Woche der Kreditabteilung zugeteilt.“ Dabei strahlte sein Gesicht vor Freude. „Das bedeutet gleichzeitig, dass ich auch ein besseres Gehalt beziehe.“ Sven konnte es nicht fassen. „Lars, das ist wunderbar, ich freue mich für dich. Ich hätte nicht so rasch mit deinem Aufstieg gerechnet.“ Sven drückte freudestrahlend seinem Freund die Hand. „Das müssen wir feiern. Du bist heute mein Gast!“, nahm Lars seine Gratulation entgegen.
Rasch bestellten sie bei Miss Molly ihr Essen. „Wie kam das so schnell, Lars?“, wollte Sven von ihm wissen. Nun konnte er den Redefluss seines Freundes kaum mehr bremsen. „Du weißt doch von dem riesengroßen Eisenbahnerstreik“, begann Lars. „Wie könnte ich das vergessen, ist ja erst vor einigen Wochen passiert, Lars“, antwortete ihm Sven, „er wurde auch sehr blutig niedergeschlagen. Mein Vater und ich spüren wie alle anderen Handelstreibenden auch die schlechte Wirtschaftslage.“ „Ja, ich weiß, Sven. Und genau deshalb hat man in unserer Bank die Kreditabteilung personell aufgestockt. Wir wollen den Leuten mit günstigen Krediten helfen, Firmen zu gründen, dadurch soll die Wirtschaft wieder angekurbelt werden. Denke doch nur einmal nach. New York, Chicago und hier unser Philadelphia haben bereits jeweils eine Million Einwohner. Sven, das ist die Chance für jeden jungen Menschen, sich selbstständig zu machen, seine eigene Firma zu gründen.“ Dabei strahlte Lars seinen Freund voller Enthusiasmus an.
Sven musste das zuerst verdauen, was er von seinem Freund nun gehört hatte. Er saß mit offen stehendem Mund da. Er war ganz bleich geworden. Sven fühlte sich, als hätte ihn soeben ein Blitz getroffen, bis er endlich wieder zu einer Regung in der Lage war. „Lars … Lars …“, begann er stammelnd, „würde das auch für mich gelten?“, wollte Sven wissen. „Natürlich, Sven, du brauchst nur das richtige Konzept für deine Firma“, strahlte ihn Lars an.
„Du weißt, dass das mein größter Traum wäre, Lars“, begann Sven vorsichtig. „Ich zermartere mir schon seit Monaten das Gehirn, wie ich meine Wünsche in die Wirklichkeit umsetzen könnte. Schau, ich muss dir etwas zeigen.“ Dabei holte Sven seine in England erworbene Taschenuhr aus der Tasche. „Lars“, setzte Sven fort, „dieses Uhrwerk wurde in der Schweiz gefertigt. Das Geheimnis ist, dass sie eine wesentlich bessere Qualität aufweist, als die bei uns erzeugten. Sie geht wesentlich genauer. Ich denke, ich habe ihr Geheimnis gelüftet. Lars, ich würde gerne eine selbst entwickelte Taschenuhr erzeugen. Was glaubst du, wenn ich sie nur an die Eisenbahn verkaufen könnte, deren Personal einen genauen Zeitmesser dringend benötigen würde. Das wäre schon ein beachtlicher wirtschaftlicher Erfolg. Ich würde aber noch einige Zeit brauchen, bis ich ein Firmenkonzept fertig hätte. Tatsächlich habe ich bereits ein neues Uhrwerk entwickelt. Die Entwürfe liegen schon in meinem Zimmer zu Hause, die Zeichnungen sind fertig.“
Nun war es Lars, der sprachlos war. Es dauerte einige Zeit, bis er den Wunsch und die Idee von ihm verstanden hatte. „Sven, das wäre großartig“, flüsterte er, als hätte er soeben ein Geheimnis anvertraut bekommen, das es zu wahren galt. „Du hast mir noch nie davon erzählt, mein Freund. Ich bin fasziniert von deiner Idee. Darf ich dir bei der Erstellung eines Firmenkonzeptes helfen?“ „Das wäre großartig, Lars. Das würde mich unheimlich freuen“, stammelte Sven hervor. Er war überrascht, sein Freund Lars war eine Wucht! Gemeinsam mit ihm könnte das vielleicht wirklich etwas werden.
Zusammen verzehrten sie den Fischeintopf, jedoch waren beide tief in ihren Gedanken versunken. Plötzlich hob Lars den Kopf und sah seinen Freund ernst an. „Sven, versuche, dass du die Technik für die Uhr rasch hinbekommst. Ich werde mir inzwischen überlegen, wie ich dein Firmenkonzept anlege. Wie lange würdest du brauchen, bist du soweit bist?“, schlug er Sven erwartungsvoll vor. Nach einer kurzen Überlegung meinte Sven, „na ja, ich müsste sie eigentlich nur noch nach meinen Zeichnungen bauen, Lars“.
Da erhob Lars sein Glas und hielt es seinem Freund entgegen, um mit ihm anzustoßen. „Sven, lass uns versuchen, dieses Projekt bis Ende des Jahres abzuschließen. Du solltest deine Uhrenmanufaktur nächstes Jahr eröffnen können. Wir haben viel Arbeit vor uns!“ Sven lief es ganz kalt den Rücken runter, als er mit seinem Freund darauf anstieß. Mit verschwommenen Augen antwortete er: „Lars, ich danke dir aus ganzem Herzen für deine Freundschaft. Ich hätte mir nie gedacht, dass es so etwas geben kann!“
***
Sven wusste, dass er zumindest die seelische Unterstützung seines Vaters benötigte. Er kannte aber auch die konservative Meinung von ihm. Er konnte ihn verstehen, ihr Vermögen in kleinen Schritten aufzubauen, ohne Kredite aufzunehmen, das nicht einfach war. Sven wusste selbst, dass fremdes Geld als Investition ein großes Risiko darstellte. Doch wie konnte er seinen Vater davon überzeugen. Sven selbst hatte der Bank keine Sicherheiten zu bieten.
All diese Gedanken gingen ihm durch den Kopf, als er am späten Abend nach Hause ging. Er verzichtete auf eine Mietkutsche. Er genoss die kühle Nacht und die frische Luft, die vom Fluss heraufstieg.
Zu Hause saß er noch auf der Terrasse, den Blick auf das Wasser des Christina Rivers gerichtet, das leise gurgelnd an ihrem Grundstück vorbeifloss. Er liebte immer wieder diesen Ausblick. Ganz besonders heute, in dieser sternklaren Nacht. Dann und wann sprang ein Fisch aus den Fluten, dass man das Wasser platschen hörte. In genau so einem Moment kam Sven eine Idee, die nun Formen annahm.
Am Vormittag des nächsten Tages war Sven alleine mit seinem Vater in ihrem Geschäft. Das Wetter sah nach Regen aus und ließ die Menschen auf der Straße mit raschem Schritt vorbeieilen. Das bedeutete, dass heute mit wenig Kundschaften zu rechnen war. Sven saß gemeinsam mit Gustav in der Werkstatt, die sich hinter dem Verkaufsraum befand. Beide waren in ihre Arbeit vertieft.
Mit einem tiefen Seufzer hob Sven plötzlich den Kopf. „Dad“, wandte er sich seinem Vater zu, „was würdest du am Uhrwerk ändern, damit sich die Ganggenauigkeit erhöht?“, fragte er, wobei er seine englische Taschenuhr in der Hand hielt. „Sie geht doch gut“, meinte Gustav Larsson vorsichtig. „Wir hatten doch schon ähnliche Diskussionen, mein Sohn.“ Gustav hatte schon vor einigen Monaten die gezeichneten Entwürfe seines Sohnes zu Hause entdeckt. Er ahnte, was hinter der Frage von Sven steckte.
„Na ja“, setzte Sven vorsichtig fort, „die Zeit bekommt einen immer wichtigeren Stellenwert, Dad. Denke nur an die Eisenbahn. Immer mehr Züge verkehren, das Personal muss schon minutengenau arbeiten, in Zukunft wird es wahrscheinlich auf Sekunden ankommen. Denkst du nicht, dass dann die Ganggenauigkeit eines Uhrwerkes gefragt sein wird?“ „Ja, du könntest recht haben, mein Sohn. Für mich wird das aber keine Rolle mehr spielen. Für mich hat Zeit eine andere Bedeutung. Für uns Alten spielt eine Stunde auf oder ab doch keine Rolle. Ob wir unser Geschäft um neun Uhr oder erst um zehn Uhr aufsperren, ist gleichgültig. Unsere Kunden gehen mit ihrem Zeitbedarf ebenso großzügig um.“
„Vater, das ist heute, aber morgen sind andere Uhren gefragt. Uhren für junge, agile Leute, denen Zeit wichtiger wird.“ Bei diesen Worten hielt Sven ihm die englische Taschenuhr mit dem Schweizer Uhrwerk hin. Der blickte ihn erstaunt und fragend an.
„Ja Dad, ich habe diese Uhr in England gekauft und mir schicken lassen. Ich habe sie oft genug zerlegt und studiert. Wie du siehst, ist das Werk aus der Schweiz und verfügt über eine enorme Ganggenauigkeit, fast schon sagenhaft. Da können wir mit unseren amerikanischen nicht annähernd mithalten. Es ist die Präzision der Einzelteile, mit der die Schweizer punkten, Vater, aber auch ihre Ankerhemmung. Und die Lager sind perfekt. Ohne Firlefanz.“ Sven war ganz aufgeregt.
„Sven, was willst du mir damit sagen? Ich sehe das Feuer in deinen Augen, was willst du? Glaubst du etwa, du könntest das auch? Na ja, zutrauen würde ich es dir schon. Du bist jetzt schon bei den Uhren wesentlich besser als ich. Das weiß ich, mein Junge. Ich freue mich auch darüber, das kannst du mir glauben, ich bin richtig stolz auf dich. Ich weiß, ich habe dir das noch nie gesagt. Aber du verdienst meine ganze Achtung. Aber nun rede nicht um den heißten Brei herum. Du kennst unser schwedisches Blut, mein Junge. Bring es auf den Punkt.“
Nun bekam Sven feuchte Augen. Er musste zuerst schlucken, bevor er zu sprechen begann. Wie liebte er doch diesen Mann, der sein Vater war. „Weißt du“, begann er langsam, „du bist nicht nur mein Vater, mein Freund und meine Familie. Du bist mein Vorbild, mein Alles, gemeinsam mit meiner Mutter.“
Sven begann von seiner Idee, eine eigene Taschenuhr zu bauen, zu erzählen. Er schilderte auch von seinem gestrigen Zusammentreffen mit seinem Freund Lars und ihrem Gespräch. „Vater, ich möchte aber nur mit deinem Einverständnis, mit deiner Unterstützung, vor allem als Berater an meiner Seite, dieses Risiko eingehen. Und noch etwas, Dad“, und nun machte Sven eine kurze Pause. „Ich will von Anfang an ein Geschäft in Philadelphia, und …“, er stockte kurz. „Die Uhr muss „Stockholm“ heißen. Ich möchte diesen Namen unseren Vorfahren widmen, die hier in Wilmington unsere Wurzeln gründeten. Ich bin stolz darauf, dass meine Familie aus Schweden stammt.“
Nun war es heraus. Sven wusste, dass gerade seine letzten Worte seinen Vater tief in seinem Innersten berührten. Er konnte sehen, wie auch seine Augen feucht wurden. Gustav erhob sich plötzlich und sagte mit zitternder Stimme, wobei er Sven zu sich zog: „Ich bin dabei, Sven, mein lieber Sven, ich bin dabei.“ Dabei streichelte er seinem Sohn über den Rücken. Er konnte es nicht fassen. Er bewunderte Sven, der vor Energie nur so strotzte. Er selbst wäre viel zu feige für solche Risiken gewesen.
USA, Wilmington, September 1894
Es war ein angenehmer, sonniger Tag, als Sven zu Hause auf der Terrasse saß. Seine Taschenuhr mit dem Schweizer Uhrwerk lag wieder einmal zerlegt vor ihm auf dem Tisch. Konzentriert betrachtete er nun zum gefühlten tausendsten Mal diese Teile. Es war genau diese Umgebung, die ihm die besten Ideen in seinem Leben bisher bescherten. Er genoss es heute, dass es noch einmal so angenehm war. Der Herbst kündigte sich immerhin schon seit einigen Tagen vehement an. Das Laub hatte sich schon vor einiger Zeit begonnen zu verfärben. Und trotzdem streichelten die warmen Sonnenstrahlen seine Seele. Er liebte sein zu Hause, er liebte diese Umgebung.
Gustav und er waren zu dem Entschluss gekommen, dass sie ihr Haus, das andere eine Villa nannten, und den dazu gehörenden riesigen Grund als Pfand für einen Kredit einsetzen müssten. Seine Mutter stand ohnehin mit ganzem Herzen hinter seiner Idee, auch wenn sich jedes Mal, wenn sie darüber diskutierten, leichte Sorgenfalten in ihrem Gesicht abzeichneten.
Sven kam zu dem Schluss, dass es jetzt an der Zeit war, seine Idee in die Realität umzusetzen. Er glaubte zu wissen, wo er den Hebel ansetzen musste, um den Prototyp seiner „Stockholm“ zu verwirklichen. Er benötigte aber dazu das richtige Werkzeug, die richtigen Maschinen. Er wusste, dass der erste Qualitätsmangel der amerikanischen Uhrwerke in der Qualität der Verzahnungen der Zahnräder lag, aber vor allem in der Ankerhemmung. Er benötigte nicht die englische Version der kettengetriebenen Schnecke. Die Schweizer Werke gingen auch ohne diese Schnecke genauer. In erster Linie ergab sich ihre Ganggenauigkeit aus der Präzision der einzelnen Bauteile. Das war des Rätsels Lösung. Und die erreichte man nur durch bessere Werkzeuge und Materialien in der Produktion und mit Fachleuten.
Man musste wesentlich bessere Löhne zahlen, um die Besten der Besten für die Produktion zu gewinnen. Noch einmal ließ er sich die Worte von Lars durch den Kopf gehen. Er sagte zu ihm: „Das beste Konzept für eine Firma reicht nicht, wenn dein Produkt von schlechter Qualität ist. Wenn du die Welt erobern willst, dann musst du der Beste sein.“
„Dad“, rief Sven seinen Vater auf die Terrasse, der sofort zu seinem Sohn eilte und sich zu ihm setzte. Wortlos blickte dieser auf das zerlegte Uhrwerk. „Was brütest du aus, mein Sohn“, fragte er ihn vorsichtig.
„Vater, ich bin soweit. Bitte hilf mir, das richtige Werkzeug zu beschaffen, ich sage dir, welches. Und falls du es erlaubst, möchte ich in der leer stehenden Halle, die sich auf dem Weg zu unserem Haus befindet, mir eine Werkstatt einrichten. In unserem Geschäft hätte ich nicht genug Platz. Die Werkzeugmaschinen, für die ich mich interessiere, könnten wir in New York kaufen. Dort gibt es ein Geschäft, das die Ware aus Europa beschafft. Kann ich dir das übertragen? Aber Vater, bei diesem Werkzeug, bei diesen Maschinen, dürfen wir nicht sparen. Die müssen die Neuesten sein, sie müssen präzise sein. Sonst schaffen wir das nicht.“
Gustav seufzte tief. Dann gab er sich einen Stoß, er wusste, dass nun das Abenteuer seines Sohnes Gestalt annahm. „Wie schnell brauchst du das?“, fragte er nun seinen Sohn. „Dad, wenn du alles schon gestern her geschafft hättest, wäre es rechtzeitig“, lachte er seinen Vater an und klopfte ihm dabei auf die Schulter. Nun lachten sie beide. „Na schön, Sven, ich werde in zwei Tagen nach New York fahren, in zwei bis drei Wochen hast du die Maschinen und das Werkzeug.“
Gustav brach tatsächlich am übernächsten Tag auf. Von Philadelphia fuhr er mit dem Zug nach New York. Eine Woche später war er zurück, das Werkzeug und die Maschinen wurden drei Tage nach seiner Rückkehr bereits geliefert. Man hatte erst vor Kurzem diese Maschinen aus Deutschland bekommen.
Sven hatte die Halle, die er sofort anmietete, in der Zwischenzeit als Werkstätte herrichten lassen. Sie wurde perfekt abgedichtet, dass ja kein Staubkorn mehr eindringen konnte. Ja, es war ein Provisorium, aber es musste ebenso perfekt sein. Das Dach wurde verstärkt, der Boden war eben. Die Maschinen wurden nach ihrer Lieferung genauestens mittels einer Waage ausgerichtet. Sven und Gustav staunten selbst über ihren eigenen Arbeitseifer und den Hang zur Perfektion. Drohte Sven etwas zu übersehen, berichtigte ihn sein Vater und umgekehrt.
Als sie fertig waren, saß Sven mit seinen Eltern trotz der frischen Temperaturen auf der Terrasse zusammen. Seine Mutter hatte eine herzhafte Fischsuppe auf den Tisch gestellt. Kaum hatten sie zu essen begonnen, warf Svens Mutter Gustav einen fragenden Blick zu, und endlich fragte sie ihn, da er nicht reagierte. „Hast du Sven von unserem morgigen Besuch schon erzählt?“ „Nein“, brummelte Gustav. „Was?“, fragte nun Sven neugierig. Nun war es an Gustav, Sven zu überraschen. „Morgen, mein Sohn, kommt ein alter Freund von mir. Es ist Richard Muller, ein gebürtiger Deutscher. Er ist einer der besten Uhrmacher und hat schon in Deutschland für eine berühmte Uhrmacherfirma gearbeitet. Er wird dir in den nächsten vier Wochen zur Verfügung stehen, mit all seinem Wissen und Können.“ Dabei schaute Gustav verlegen in seine Suppenschüssel, als hätte er Angst, Sven könnte das ablehnen.
Sven war begeistert von der Tatsache, dass sein Vater das Bestmögliche unternahm, um ihn zu jedem Zeitpunkt dieses Projektes zu unterstützten. Mit einem Lachen erhob sich Sven von seinem Stuhl, breitete seine Arme aus und sagte aus tiefster Überzeugung: „Du liebenswerter, allerbester Vater, du alter Esel, ich liebe dich. Hast du gar geglaubt, ich könnte deinen Freund ablehnen, das wäre doch verrückt! Ich freue mich jetzt schon, deinen Richard kennenzulernen.“ Sven nahm seinen Vater in den Arm, dann meinte er nur noch glücklich: „Komm, lass uns Mutters Fischsuppe essen, sie hat es verdient, dass wir dieser Köstlichkeit genauso viel Zeit widmen wie unserer Uhr.“
Es wurde noch ein gemütlicher Abend. Sven war sich bewusst, dass die gemeinsame Zeit mit seinen Eltern immer seltener werden würde. Sie wurde immer kostbarer. Immer öfter befasste er sich mit dem Begriff Zeit. Immerhin versuchte er technisch Zeit zu perfektionieren, nämlich ihre Messung. Doch wie verhielt sich Zeit im Leben eines Menschen, wenn man versucht, sie so langsam wie möglich zu leben. Wenn man sie, wie jetzt, genießt? War er nicht zu jung, um sich mit solchen Gedanken auseinanderzusetzen?
Am nächsten Tag war es soweit. Richard Muller kam gegen Mittag. Nach einem kurzen Mittagessen gingen Sven und er auf die Terrasse, wo Sven ihm seine Gedanken und Ziele für die Produktion der Uhr mitteilte. Bevor das jedoch geschah, musste Richard eine Verschwiegenheitsverpflichtung unterschreiben. Diese basierte auf dem Ratschlag seines Freundes Lars.
Nachdem Sven mit seinen Erklärungen geendet hatte, starrte ihn Richard lange an. Sven wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Hatte er etwas Falsches gesagt, fragte er sich, als Richard endlich zu sprechen begann.
„Sven, vorweg, du bist für die nächste Zeit mein Chef, dem ich mich uneingeschränkt verpflichtet fühle. Das, was du als Qualitätsmangel völlig richtig erkannt hast, weiß ich auch schon lange. Auf mich hat man aber nicht gehört, denn das hätte die Produktion etwas verteuert.“ Nach einer kleinen Pause sprach er weiter. „Irgendwie faszinierst du mich, Junge. Du kommst mir auf der einen Seite vor wie ein junger Rotzlöffel, der noch nicht einmal trocken hinter den Ohren ist. Ja, und dann, wenn man dir zuhört, dann kommst du mir vor wie ein Fachmann, der schon lange im Geschäft ist. Also, lass uns gemeinsam die beste Taschenuhr der Welt entwickeln, ich bin dabei!“
Sven starrte Richard mit großen Augen an. Dann streckte er ihm seine Hand entgegen, in die Richard kräftig einschlug. „Ja, Richard, lass uns morgen loslegen!“, antwortete ihm Sven mit einem tiefen Brustton und vollem Ernst. Er wusste, dass er nun einen weiteren Verbündeten gefunden hatte.
Sven konnte es am nächsten Morgen kaum erwarten, mit Richard seine Ideen in die Praxis umzusetzen. Er verlangte von Bethy, der Hausangestellten, Richard um sieben Uhr bereits zu wecken. Nach einem kurzen Frühstück gingen die beiden dann in „seine“ neue Werkstätte. Noch bevor sie dort hineingingen, blickte Richard skeptisch diese Halle an. Als sie diese jedoch betraten, konnte er es nicht glauben. „Sven“, murmelte Richard, „das hätte ich nicht erwartet.“
Sven stellte schnell fest, dass er mit Richard einen genialen Partner gefunden hatte. Sie fanden nicht nur von der menschlichen Seite rasch zueinander, sie verstanden sich auch fachlich sofort. Gerade da ergänzten sie sich hervorragend. Sie schufteten täglich solange, bis der erste Prototyp fast fertig war. Ihnen war bewusst, dass sie noch nicht das Endergebnis erhoffen durften. Aber trotzdem hatten sie eine gewisse Erwartungshaltung.
„Sven, wir müssen für die Zahnräder noch eine bessere Legierung finden, ein besseres Material. Schau, wir können bei der Bearbeitung keine größere Präzision erreichen, wenn die Härte des Materials nicht stimmt“, flüsterte Richard. „Wo sollen wir das Material beschaffen, Richard?“, fragte ihn Sven ganz verzweifelt.
„Ich wüsste eine Firma in New York, und wenn mich nicht alles täuscht, haben sie sogar in Philadelphia eine Filiale. Komm, fahren wir morgen dorthin, notfalls weiter nach New York. Genau dort liegt der Fehler der Uhrenmanufakturen, glaube das, ich weiß, wovon ich spreche.“ Richard sprach sehr eindringlich auf Sven ein. Nach einigem Zögern stimmte Sven dann doch ein. Er wusste, dass Richard recht hatte, er bezweifelte nur, ob er tatsächlich diese Qualität erhalten würde.
Gemeinsam waren sich Richard und Sven aber einig, dass die erste Taschenuhr einen Durchmesser von 55 mm ohne Krone haben sollte und eine gewisse Wertigkeit für den Käufer darstellen müsste. Das Gehäuse sollte aus Silber bestehen und das Uhrwerk musste mit einer laufenden Seriennummer und der Manufaktur signiert werden. Es musste eine wahrlich exklusive Uhr werden.
Beide, nicht nur Sven, waren überrascht, als sie in Philadelphia das richtige Material fanden. Sie waren fasziniert, als sie die ersten Metallplatten für die Zahnräder und anderen Teile mitnehmen konnten. Sie waren bei Gott nicht billig. Als sie erfuhren, dass das Material auf dem Seeweg aus Deutschland kam, wo auch die Schweizer ihr Material bezogen, fand ihr Schmunzeln kein Ende mehr. Nun waren sie sicher, dass sie es schaffen würden. Es war Ende Oktober 1894, als sie ihr erstes Uhrwerk fertigstellten.
Lars besuchte immer öfter seinen Freund Sven. Er wurde für ihn irgendwie nicht nur der finanzielle Berater, er hatte auch unwahrscheinliche Ideen für die Vermarktung der Taschenuhr. So kam er mit der Idee zu Sven, dass er mit mindestens fünf verschiedenen Modellen von Beginn weg auf den Markt kommen müsse. Eines für die „Eisenbahner“, das wäre das Wichtigste, sozusagen ein Sondermodell, erklärte Lars, denn dort liege das Geld für ihn schon bereit. Das nächste wäre das „wertige“ Modell, für den Geschäftstreibenden, das auch etwas kosten dürfe. Dann käme das „goldene“ Modell, für einen kleineren Kundenkreis, aber das sollte so richtig teuer sein. Letztlich müsse er dem „kleinen Mann“ ein kostengünstiges anbieten können. Überall, so erklärte Lars, müsse aber dieselbe Qualität im Uhrwerk stecken. Damit würde er sich nicht nur einen Namen machen, sondern auch sein Konto füllen.
„Lars, deine Idee gefällt mir außerordentlich gut. Das lässt sich aber nicht umsetzen. Wir können anfangs nur mit einem Modell beginnen.“ Sven schüttelte dabei seinen Kopf. Sie hatten dazu nicht die Kapazitäten an Personal, Material und die erforderlichen Räumlichkeiten. Auch ihre Finanzen hätten das nicht zugelassen.
Nun begann Lars zu schmunzeln. „Das sollst du auch nicht, du Dummkopf. Deshalb sollst du nicht nur in Philadelphia, sondern auch in New York gleichzeitig eine Filiale eröffnen, zumindest innerhalb eines Jahres, Sven. Du musst in jeder Stadt mit mehr als einer Million Einwohnern in den nächsten drei Jahren eine Filiale haben. Das nächste Ziel ist dann Europa. London, Stockholm, Paris! Du musst dir einen Namen machen, mein Freund. Denkst du klein, bleibst du klein. Du musst aber gleichzeitig an der Verbesserung deiner Uhrenqualität arbeiten. Das, was du heute schaffst, ist morgen schon alt. Du musst dir Richard erhalten, zahle ihm soviel, dass er nie mehr daran denkt, dich zu verlassen!“
Svens Augen wurden vor Überraschung immer größer. Er war platt. War das noch immer sein Freund Lars? „Wie … wie sollen wir das machen, Lars?“, fragte er ganz erstaunt seinen Freund. Der lächelte ihn ganz locker an und meinte nur, „darum werde ich mich kümmern, Sven. Du hast mich einfach nur angesteckt mit deiner Euphorie, mit deiner Überzeugung von der Qualität deiner neuen ,Stockholm‘. Vergiss eines niemals, wir sind in unserem Herzen Schweden, die hier in Amerika leben. Für uns ist die Welt groß genug. Wir werden im Stillen diese Firmenphilosophie planen. Deine Uhren werden einen Siegeszug antreten, das verspreche ich dir!“
Die Worte von Lars hallten in Svens Kopf noch nach. Je länger er darüber nachdachte, umso besser verstand er Lars. Er musste dringend mit Gustav sprechen. Sein Vater ist ihm ein richtiger Mentor geworden. Sven genoss es, mit ihm über kleine und große Fragen zu ihrem Projekt zu diskutieren. Nun brauchte er ihn dringend. Eine neue Idee machte sich breit in seinen Gedanken.
Während des Essens zu Hause, an dem diesmal auch Lars teilnahm, sagte plötzlich Richard in einem ruhigen, aber doch bestimmten Ton: „Sven, wir müssen auch die Qualität der Lager und der Triebe im Uhrwerk verbessern. Ich habe dafür schon eine Lösung, aber darüber sprechen wir später!“ Da stieß es Sven aus tiefster Überzeugung heraus: „Danke Richard, du bist der reinste Wahnsinn. Ich wüsste nicht, was ich ohne dich machen würde.“ Richard sah ihn daraufhin mit einem dankenden Blick an. Er ließ ein Lächeln auf seinen Lippen erscheinen und nickte nur.
„Dad“, wandte sich nun Sven hoffnungsvoll an seinen Vater. „Ich hätte sehr gerne mit dir dann etwas Dringendes besprochen. Würdest du mit mir nachher zum Fluss ein bisschen runtergehen?“ Dieser sah seinen Sohn mit einem leichten Stirnrunzeln an. Dieses Tempo, das Sven für das Projekt vorlegte, war ihm manchmal unheimlich. „Gerne, Sven“, antwortete er ihm. An Richard und Lars gewandt meinte Sven bestimmend: „Und ihr wartet hier bitte.“
Keine zehn Minuten später war es soweit. Sven stand mit seinem Vater am Ufer des Christina Rivers. Doch diesmal hatte Sven keinen Blick für die vom Ufer weg flüchtende Entenfamilie. Er sah auch nicht die im Wasser glitzernden Sonnenstrahlen. Er war in Gedanken bei seiner, ihrer, neuen Taschenuhr. Gustav beobachtete seinen Sohn aufmerksam. Er wusste, dass er ihm Zeit lassen musste, dass Sven seine Gedanken formen musste.
Da begann Sven leise zu sprechen. „Dad, wir haben mit Richard und Lars ein tolles Team. Ich möchte dir vorschlagen, dass wir diese beiden für uns so wichtigen Menschen mit in unsere Firma nehmen. Ich möchte, dass du und ich jeweils 30 % Firmenanteile haben und Richard und Lars jeweils 20 %. Ich möchte aber auch, sollten die beiden sterben, dass ihre Anteile nach ihrem Tod an mich zurückfließen. Dafür bräuchten sie sich an der Finanzierung der Firma nur in geringem Ausmaß beteiligen. Was hältst du davon?“ Sven sah Gustav mit Spannung an.
Als Gustav zu lächeln begann, wusste Sven, dass er eine gute Idee hatte. „Sven“, begann sein Vater leise und legte ihm eine Hand auf die Schulter, „ich bin richtig stolz auf dich. Ich hätte dir ohnehin einen ähnlichen Vorschlag gemacht, denn sie verdienen es. Ich wollte dir aber Zeit geben und sehen, ob du selbst zu dieser Entscheidung findest. Komm, mein Sohn, lass uns mit unseren neuen Partnern darüber sprechen.“ „Ich freue mich, Dad, lass uns gleich mit ihnen alles besprechen und ihre konkreten Aufgaben benennen. Ich habe da ganz konkrete Vorstellungen.“
Es wurde eine sehr lange Besprechung. Im Anschluss daran gab es die Firma „Stockholm Watches“ der „Sven Larsson & Co Ltd.“ mit Firmensitz in Wilmington.
England, Birmingham, Oktober 1894
Es war ein kalter Tag in Birmingham, mit dicken Nebelschwaden, die sich nicht lichten wollten. Es war ein typisch englisches Wetter für diese Jahreszeit. Die Kaminschlote der Fabriken taten ihr Übriges noch dazu. Schwarze Rauchwolken stiegen auf und vermischten sich mit dem Nebel. Es war bei Gott ein elendes Wetter, das sich bei den Menschen hier auf das Gemüt schlug. Es war auch keine Besserung in Sicht. Dazu kam die Wirtschaftskrise. Immer mehr Menschen verloren ihre Arbeit und wussten nicht, wie sie ihre Familie ernähren sollten.
John Albert Hurst stand am Fenster seines Büros und blickte besorgt hinaus, obwohl er dort draußen nichts erkennen konnte. Ihm war bewusst, dass er bald keinen finanziellen Spielraum mehr hatte, wenn die Auftragslage weiter gegen null sank. Er würde bald eines seiner beiden Häuser verkaufen müssen. Damit würde er aber nur einen kleinen Teil seiner Schulden abdecken.
John erzeugte Silberwaren mit seiner Firma, die er an Großkunden, aber auch in seinen beiden Geschäften, eines hier in Birmingham, eines in London, verkaufte. Der Umsatz war stark zurückgegangen, er konnte kaum noch die laufenden Kosten bedienen.
John war klar, dass es an der Zeit war, ein ernstes Gespräch mit seiner Frau Elisabeth zu führen. Obwohl in der Gesellschaft noch immer die Frauen eine sehr untergeordnete Stellung in der Ehe einnahmen, war es John immer ein Bedürfnis, Bethy, wie er sie gerne nannte, in alle Entscheidungen mit einzubeziehen. Sie überraschte ihn immer wieder mit ihrem klaren Verstand. Sie war für ihn die beste Ehefrau, Geliebte und Partnerin. Er liebte sie über alles. Es durchzog ihn ein tiefer Schmerz, als er an das am Abend mit ihr bevorstehende Gespräch dachte. Er musste es ihr sagen, es wurde Zeit, der Wahrheit ins Auge zu blicken.
Es klopfte leise an der Tür, die aber auch im selben Moment geöffnet wurde. Baldwin, sein Sekretär, trat mit einem leichten Räuspern ein. „Die Post, Sir John“, wisperte er leise. „Ein Brief aus Amerika ist auch dabei“, machte er seinen Chef auf ein größeres Kuvert aufmerksam und verließ wieder leise das Büro. Baldwin wusste, dass es um die Firma nicht gut stand. Insgeheim rechnete er bereits damit, dass er im Laufe des nächsten Jahres sich einen neuen Arbeitsplatz suchen würde müssen. Das tat ihm im Herzen weh. Er arbeitete gerne für John Albert Hurst. Er hatte ihn bis heute kein einziges Mal abwertend behandelt, selbst wenn ihm hin und wieder ein Fehler unterlief. „Jeder kann einmal einen Fehler machen, wichtig ist, dass wir daraus lernen“, pflegte sein Chef ihm dann zu sagen.
John griff sofort zu diesem Brief. Er erwartete keine Post aus Übersee. Langsam ließ er sich damit in seinen schweren und bequemen Sessel hinter seinem Schreibtisch sinken. Der Absender, Sven Larsson aus Wilmington, sagte ihm nichts. Er kannte alle namhaften Uhrenmanufakturen und Silberhändler. In Amerika hatte er aber leider keine Geschäftspartner.
Er öffnete den Brief und begann langsam zu lesen. Sein Gesicht wurde immer länger. Er war überrascht von dessen Inhalt. In den nächsten Tagen würde Sven Larsson schon hier sein. Aber was ihm da in Aussicht gestellt wurde, das könnte seine wirtschaftliche Rettung sein. Er faltete sorgfältig diesen Brief und sprang von seinem Sessel hoch. „Baldwin“, rief er seinem Sekretär noch zu, als er mit einem Strahlen im Gesicht sein Büro eilenden Schrittes verließ, „ich nehme heute keinen Termin mehr an, ich bin für niemanden mehr zu sprechen!“ Er drehte sich nochmals kurz um und flüsterte leise zu Baldwin: „Es gibt auch keine geplanten Entlassungen, sagen sie das meinem Produktionsleiter.“
Als John zu Hause nur so reinstürmte, rief er seiner Frau zu, dass sie dem Personal sofort freigeben solle, und zwar für den Rest des Tages. Elisabeth war erstaunt darüber. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, kam jedoch dem Wunsch ihres Mannes sofort nach. Sie wusste, wenn er so aufgebracht war, durfte sie nicht nachfragen, sondern musste seiner Bitte sofort nachkommen. Sie würde Gelegenheit genug noch bekommen, sich zu äußern.
Nach einer guten halben Stunde war außer ihrem Mann und ihr keiner mehr im Haus. Mit gemischten Gefühlen machte sie sich auf in die Bibliothek, wo ihr geliebter John bei einem Glas Whiskey auf sie wartete. Ernst blickte er ihr entgegen. „Bethy, meine Liebe, bitte setz dich zu mir. Darf ich dir auch etwas einschenken, ich hätte noch von deinem so heiß geliebten Sherry hier.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, schenkte er ihr ein und reichte ihr das Glas. John blickte seiner Gattin lange in ihre bezaubernden Augen, die er so liebte. „Sie ist nach wie vor eine wunderschöne Frau“, dachte er sich, „so faszinierend.“
Dann begann er auf und ab zu gehen. „John“, flüsterte seine Frau. Er drehte sich langsam zu ihr um und begann leise zu sprechen. Er informierte seine geliebte Bethy von ihrer katastrophalen wirtschaftlichen Situation und den geplanten Verkäufen.
Nun war es Bethy, die aufstand. Sie nahm seine Hand und drehte ihn zu sich. „John, egal was du tun musst, ich stehe hinter jeder deiner Entscheidungen. Ich weiß, wie hart du arbeitest, um uns zu ernähren und uns glücklich zu machen. Es ist nicht die Frage, in welcher wirtschaftlicher Situation wir stehen, sondern dass wir gesund sind und es unseren Kindern gut geht. Ich würde auch in einer kleinen Wohnung mit dir glücklich sein.“ Dabei bekam sie feuchte Augen, als sie das sagte.
„Warte Bethy, ich bin noch nicht fertig. Warte noch ein bisschen. Alleine dafür, was du eben sagtest, liebe ich dich mehr denn je.“ John zog bei diesen Worten den Brief aus seinem Jackett. „Schau, ich habe heute diesen Brief eines Sven Larsson aus Amerika bekommen.“ „Und was schreibt er dir?“, fragte ihn nun seine Frau vorsichtig, als wollte sie keine weiteren negativen Fakten mehr hören.
„Sven Larsson will eine neue Uhrenmanufaktur bei ihm zu Hause in Wilmington in Amerika eröffnen. Dazu will er bei uns die Uhrengehäuse fertigen lassen, sofern wir uns einig werden. Weißt du, was das bedeutet, Bethy? Wir sprechen hier nicht von einigen hundert Stück, sondern von Tausenden! Bethy! Das könnte unsere Rettung sein!“ John nahm bei seinen letzten Worten zärtlich den Kopf von Elisabeth in seine Hände und küsste sie mit seiner ganzen Zärtlichkeit.
„Und jetzt, meine Liebe, möchte ich dich zum Essen ausführen. Ich möchte einen schönen Abend mit dir verbringen.“ Letztlich war es aber Elisabeth, die den Abend rettete. Sie war es, die ihren Mann beruhigen musste und nicht umgekehrt. Erst als sie wieder zu Hause waren, hatte John seine Aufregung im Griff.
***
Es war der 31. Oktober 1894, als Sven Larsson in Birmingham eintraf. John Albert Hurst war erstaunt, als er Sven die Hand reichte. Er hatte mit einem älteren Herrn gerechnet, aber nicht damit, dass er noch so jung war. John war sprachlos. Kurz kamen ihm Zweifel, ob dieser junge Mann ein ernsthafter Geschäftspartner werden könnte.
„Mr. Larsson, ich habe mir erlaubt, Sie als Gast in meinem Haus aufzunehmen, bis wir unsere Besprechungen beendet haben. Ich habe aus diesem Grund kein Zimmer in einem unserer Hotels hier reserviert. Ich hoffe, Sie sind damit einverstanden. Lassen Sie uns zu mir nach Hause fahren. Zu unseren Besprechungen werde ich auch vorübergehend meinen Produktionsleiter und meinen Sekretär beiziehen.“
Als sie beim Anwesen von John Albert Hurst eintrafen, bewunderte Sven dieses Anwesen. Es war ein kleines herrschaftliches Haus mit einem kleinen Park, das dahinter an ein Wäldchen grenzte. Auf einer Seite konnte er einen Wasserkanal sehen, auf der anderen einige kleine Wirtschaftsgebäude. Fast wie bei mir zu Hause, dachte er sich und fühlte sich auf der Stelle wohl, dieser Hurst wurde ihm immer sympathischer.
John nahm die anerkennenden Blicke von Sven mit einem zufriedenen Lächeln wahr. „Dieses Haus ist schon über hundertfünfzig Jahre in unserem Familienbesitz, Mr. Larsson. Ich bin hier geboren, und hier werde ich sterben. Mir kommt es manchmal vor, als würde hier die Zeit stehen bleiben, als könnte man sie hier anhalten. Vielleicht ist es das, was mich hier so glücklich macht. Doch kommen Sie, meine Frau Elisabeth erwartet uns schon.“
Sven war tief beeindruckt. Im Inneren des Hauses gefielen ihm vor allem das wertvolle Mobiliar, die wunderschönen Teppiche und überall hingen Gemälde an den Wänden. Natürlich fielen ihm auch die wunderschönen Uhren auf, vor allem diese neuen französischen Kaminuhren.
Wie auch von John Albert Hurst wurde er von seiner Gattin überaus herzlich empfangen. Nach dem wunderbaren Essen ersuchte ihn John, ihm in die Bibliothek zu folgen, wo sie in den schweren Ledersesseln Platz nahmen, nachdem ihnen John seinen besten Single Malt Whiskey eingeschenkt hatte.
„Nun, Mr. Larsson, ich würde mich freuen, wenn Sie sich erklären würden. Wo kann ich Ihnen helfen?“ Sven hatte darauf gewartet, dass er zu sprechen beginnen durfte. Sein Vater hatte ihn eindringlich gebeten, seine besten Umgangsformen an den Tag zu legen. Er erklärte ihm zum wiederholten Male vor seiner Abfahrt, dass das den Engländern sehr wichtig sei.
„Mr. Hurst“, begann Sven betont langsam, „ich möchte Ihnen zuerst von mir und meinem Vater erzählen. Mein Vater betreibt sein Leben lang schon ein Juwelier- und Uhrengeschäft und hat es damit zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht. Ich habe bereits, als ich neun oder zehn Jahre alt war, Uhren zerlegt und bald darauf begonnen, sie auch zu reparieren, ohne dass mein Vater mir allzu viel erklären musste. Ich hatte begonnen, Uhren zu verstehen, wenn Sie wissen, was ich meine.“
John lächelte in sich hinein. Er erinnerte sich zurück an seine Kinder- und Jugendzeit. War er nicht auch aus demselben Holz geschnitzt? Die Silberschmiede seines Vaters war damals noch eine kleine Werkstatt. Er hatte sich so gerne dort als Kind schon aufgehalten und bald begonnen, von den alten Meistern sich die Arbeit abzuschauen. Er hatte immer wieder selbst die einzelnen Arbeitsschritte ausprobiert. Es hatte ihm damals schon als Junge Spaß gemacht, mit akribischer Geduld eine kleine Silberdose oder etwas anderes herzustellen.
„Der unrühmliche Bürgerkrieg“, fuhr Sven fort, „liegt noch nicht lange zurück bei uns, der technische Fortschritt ist seitdem nicht aufzuhalten. Die Eisenbahngesellschaften erschließen immer stärker unser Land. Die Wirtschaft wächst und wächst. Und damit bekommt der Begriff Zeit eine immer stärkere Bedeutung, nämlich deren Messung. Was soll ich Ihnen sagen, Mr. Hurst, ich habe eine neue Uhr entwickelt, ein neues Uhrwerk. Und zu diesem Uhrwerk, einer exklusiven Taschenuhr, möchte ich hochwertige Uhrengehäuse haben. Ich möchte sie nicht selbst herstellen müssen, deshalb suche ich einen Partner.“
Sven holte nun Luft und schaute John Albert Hurst erwartungsvoll an. Dieser schluckte leicht, bevor er vorsichtig fragte: „Von welcher Stückzahl sprechen wir da pro Jahr, Mr. Larsson?“
„Na ja, zumindest von 1.000 bis 10.000, zumindest am Anfang. Konkret kann ich Ihnen das nicht sagen“, antwortete ihm Sven. „Tatsächlich können wir das erst nach ein bis zwei Jahren beantworten. Die ersten 5.000 Stück würde ich Ihnen aber garantieren, wenn Sie mir bei den Zahlungsmodalitäten etwas entgegenkommen würden. Allerdings könnte ich Ihnen die ersten 5.000 Stück schon jetzt bezahlen. Letztlich hoffe ich doch, irgendwann auf eine Jahresproduktion von mindestens 20.000 bis 25.000 Uhren zu kommen, vielleicht auch mehr. Aber Sie wissen, dass der Start eines Unternehmens finanziell doch sehr herausfordernd ist, bis der erste Gewinn erzielt wird.“
Das hörte sich für John sehr gut an. Er würde damit wieder liquid werden, er könnte seine Firma damit retten. Plötzlich packte ihn der alte Unternehmergeist und er fragte Sven mit einem Lächeln: „Wären Sie auch an meinen Silberwaren interessiert, Mr. Larsson? Lassen Sie uns doch die ebenfalls exklusiven Waren gemeinsam in Ihren Geschäften verkaufen. Was halten Sie davon?“
„Bis jetzt hatte ich noch nicht daran gedacht“, überlegte Sven, „doch, warum nicht, wenn wir sie mit dem Namen ,Stockholm‘ versehen! Lassen Sie uns zuerst die Uhrengehäuse unter Dach und Fach bringen, die brennen mir unter den Fingernägeln. Ich möchte mit Ihnen einen Exklusivvertrag eingehen.“
John war aufrichtig begeistert von diesem jungen Amerikaner, der so voller Energie steckte. Am nächsten Tag wurden in Anwesenheit seines Produktionsleiters und seines Sekretärs die ersten Einzelheiten besprochen. Sven hatte seine technischen Detailzeichnungen mitgebracht. Nach zwei Tagen harter Arbeit war alles geklärt und der Vertrag fertig.
Als Sven und John am Abend schließlich alleine waren, konnte Sven sich nicht zurückhalten. Ihm war am Vorabend vor dem Einschlafen eine Idee gekommen: „Mr. Hurst, ich hätte noch ein Anliegen“, begann Sven. „Wo kann ich Ihnen helfen?“, frage John, der sich über diesen Geschäftsabschluss freute.
„Könnten Sie mir helfen, in London in guter Lage ein kleines Geschäftslokal für meine Firma zu suchen? Ich möchte in New York und in London mit dem Einzelverkauf meiner Uhren beginnen. Diese Geschäfte sollten gleichzeitig eröffnet werden.“
John blickte tief in die Augen dieses ungewöhnlichen Sven Larsson und sagte dann aus tiefster Überzeugung: „Ja, Mr. Larsson, das würde ich sehr gerne für Sie machen, denn Ihr Erfolg wird auch meiner sein.“
USA, Wilmington, November 1894
Auf der Überfahrt in die Heimat hatte Sven einen netten älteren Herrn kennengelernt. Bill Bishop und Sven hatten sich rasch angefreundet. Sven musste immer lächeln, wenn Bill, der von kleinerer Statur war, ihn mit seinen freundlichen Augen von unten her so warmherzig ansah. Er erinnerte ihn irgendwie an seinen Großvater Ingmar. Bill hatte einen gepflegten, kurz geschorenen weißen Vollbart, ein rundliches Gesicht und war immer elegant gekleidet.
„Was arbeiten Sie eigentlich, Bill?“, wollte Sven, als er ihn kennenlernte, wissen. „Ich bin Schuster, mein Junge“, lächelte ihn Bill an. Als ihn Sven nun erstaunt ansah, musste Bill von Herzen lachen. „Ja, das sieht man mir nicht an, das hättest du dir nicht gedacht. Ich bin aber richtig stolz darauf, mein Junge.“ Bill löste rasch das Geheimnis.
„Weißt du, Sven, ich war auch einmal so wie du. Ich hatte als kleiner Junge meinem Großvater in seiner kleinen Werkstatt schon bei seinem Schuhhandwerk geholfen. Ich war voller Energie und Tatendrang. Als mein Großvater starb, war ich erst siebzehn Jahre alt. Mein Vater wollte unbedingt, dass ich weiter zur Schule ging. Nur widerwillig ließ er mich die Werkstatt seines Vaters übernehmen. Ich konnte plötzlich all meine Ideen, Schuhe, Handtaschen und andere Waren aus Leder zu fertigen, endlich in die Tat umsetzen. Na ja, heute erzeuge ich Schuhe und so Zeugs im großen Stil. Ich habe nicht nur in New York mehrere Geschäfte. Es macht mir immer noch Spaß, zu arbeiten.“
