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Während Rebecca Merloh im November des Jahres 1999 einen Kurzurlaub in Andorra verbringt, trifft sie auf einen jungen Mann namens Raoul Le Grand. Dieses Zusammentreffen soll ihr Leben entscheidend verändern. Doch nicht nur das: Raoul versucht ihr begreiflich zu machen, dass auch sie für dieses Leben bestimmt sei. Obwohl sie zu Beginn große Zweifel an der Geschichte hegt, begreift sie doch recht schnell, dass es hier um wesentlich mehr geht, als nur darum, Menschen Blut auszusaugen und durch die Nacht zu wandeln. Diese Vampire haben eine Aufgabe. Sie beschützen die Schwachen und bemühen sich, Verbrecher, die durch die Maschen des Gesetzes geschlüpft sind, ihrer gerechten Strafe zuzuführen. Für Rebecca eröffnet sich eine völlig neue Welt. Und die Aufträge, die sie gemeinsam zu erfüllen versuchen, verlaufen nicht immer nach Plan. Doch das bittere Ende soll erst noch folgen.
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Seitenzahl: 380
Veröffentlichungsjahr: 2020
Nadine Tauchmann
Die Gerechtigkeit der Vampire
Roman
© 2004
Nadine Tauchmann
© 2020
Nadine Tauchmann
2. überarbeitete Auflage
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-05782-1
Hardcover:
978-3-347-05783-8
e-Book:
978-3-347-05784-5
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Diese Geschichte geht zurück auf einen Tag im November 1999. Damals wurde ich zu dem, was ich nun bin – ein Vampir. Mein Name ist Rebecca Merloh. Was das Vampirdasein anbelangt, so unterscheidet es sich wahrscheinlich etwas von dem, was Sie darüber zu wissen glauben – z.B. was den Knoblauch, das Kruzifix oder das nächtliche Blutsaugen anbelangt. Ganz davon abgesehen, dass Sie all das wohl eh nur für bloße Fiktionen von Schriftstellern und Hollywood-Regisseuren halten werden, Aber, dem ist nicht so. Wir existieren wirklich, allerdings nicht in der Weise, wie Ihnen der Vampir aus der Literatur bekannt ist. Auch wir unterliegen einer Entwicklung und auch die Evolution macht vor uns nicht Halt. Die Spezies der Unsterblichen hat sich im Lauf der letzten Jahrhunderte an gewisse Dinge angepasst und unsere Fähigkeiten haben sich in die ein oder andere Richtung weiterentwickelt. Es entspricht allerdings noch immer den Tatsachen, dass wir uns von Blut ernähren, jedoch ist es seltener notwendig als früher. Wir steigen schon lange nicht mehr Nacht für Nacht aus unseren Särgen und saugen unschuldigen Jungfrauen das Blut aus – wir schlafen ja nicht mal mehr in Särgen. Sonnenlicht ist nach wir vor tödlich für uns, und dass man uns durch Enthauptung oder einen Pflock durchs Herz vernichten kann, ist auch wahr. Natürlich altern wir nicht, allerdings haben wir die Fähigkeit der Metamorphose verloren. Wir können uns nicht mehr in Fledermäuse, Echsen oder Wölfe verwandeln, wohingegen unsere visuellen und auditiven Fähigkeiten wesentlich ausgeprägter sind, als dies bei Sterblichen der Fall ist. Aber an all das musste auch ich mich erst einmal gewöhnen.
Doch nun genug von der allgemeinen Vampirkunde. Im Folgenden möchte ich Sie mit meiner ganz persönlichen Geschichte vertraut machen.
Wie bereits erwähnt, begann alles im November 1999. Es war ein kalter und verschneiter Tag, der sich langsam dem Ende zuneigte. Die letzten Strahlen der Wintersonne verschwanden gerade hinter den hohen Bergen der Pyrenäen, als plötzlich eine dunkle Gestalt vor mir auftauchte. Seit Tagen, genau genommen seit dem ersten Tag unserer Ankunft hier in Andorra, hatte ich bereits das Gefühl, verfolgt und beobachtet zu werden. Nachdem ich gerade das Studium der Geisteswissenschaften abgeschlossen hatte, ging es jetzt um mein berufliches Weiterkommen. Ich wollte mir während dieser Kurzreise endlich ernsthafte Gedanken über meine Zukunft machen, doch dieses beunruhigende Gefühl hatte mich die ganze Woche über davon abgehalten, mich auf diese Frage zu konzentrieren. Und jetzt hatte ich offenbar das zweifelhafte Vergnügen, demjenigen gegenüberzustehen, dem ich diesen Mangel an Konzentration zu verdanken hatte.
In der aufkommenden Dunkelheit konnte ich gerade einmal die Silhouette meines Gegenübers erahnen und da er in einen langen Umhang gehüllt war, war selbst seine Statur nicht wirklich zu erkennen. Zuerst sagte er kein Wort, sondern musterte mich eingehend - zumindest kam es mir so vor. Mein erster Gedanke war, auf dem Absatz kehrtzumachen und wegzurennen, aber irgendetwas hielt mich davon ab.
„Ich habe auf dich gewartet Rebecca, und das schon seit mehr als zwei Jahrzehnten.“
Sprechen konnte er also. Trotz der langsam in mir aufkeimenden Angst fand ich diese Feststellung etwas übertrieben. Und woher kannte er überhaupt meinen Namen? Um mir meine Furcht nicht anmerken zu lassen, versuchte ich mit fester Stimme auf diese Äußerung zu antworten, doch konnte ich ein leichtes Zittern derselben nicht vermeiden.
„So, seit über zwanzig Jahren wartest du bereits, das nenne ich Ausdauer. Darf ich fragen, was es so Wichtiges gibt, das diese Zeitspanne rechtfertigt?“
Was um alles in der Welt war bloß in mich gefahren? Bringen Mütter ihren Kind nicht bei, unter keinen Umständen mit fremden Männern zu reden? Gut, ich konnte mich nicht mehr unbedingt als Kind bezeichnen und eigentlich gehöre ich auch nicht zu den ängstlichen Personen, aber dieser mütterliche Rat schien mir für die jetzige Situation doch recht angebracht. Also, warum sprach ich mit ihm und provozierte ihn auch noch - schließlich konnte es sich hier durchaus um einen entlaufenen Irren handeln.
„Crawena erzählte mir vor sehr langer Zeit, dass kurz vor Beginn des dritten Jahrtausends eine junge Frau hier in den Pyrenäen auftauchen würde, deren Wille stark genug sei, ein völlig neues Leben zu beginnen. Und sie war der Überzeugung, dass sie es mit all seinen Grausamkeiten, aber auch Freuden zu meistern wüsste, und dass sie dem individuell Bösen mutig und entschlossen entgegentreten würde. Seit deiner hiesigen Ankunft beobachte ich dich nun schon und ich weiß, dass du es bist, von der Crawena damals sprach.“
Ich stand wie versteinert da und starrte ihn einfach nur an. Seine Stimme hatte so etwas bestimmendes, das offenbar keinen Widerspruch duldete und dennoch klang sie in meinen Ohren so weich und gütig. Mein neues Leben? Grausamkeiten, Freuden, das individuell Böse? Bitte was???
„Ich verstehe nicht ganz, was du eigentlich von mir willst?“
Und das entsprach absolut der Wahrheit, dennoch erschien der Fremde mir aus einem undefinierbaren Grunde glaubwürdig. „Komm mit mir und ich werde es dir zu erklären versuchen.“
Als der Mond über dem Pic de Serrère aufging, konnte ich endlich sein Gesicht erkennen. Es war von unbeschreiblicher Gleichmäßigkeit und Schönheit und es schien das schwache
Mondlicht wesentlich stärker zu reflektieren, als man es normalerweise erwarten würde. Seine Haut war blass; fast wie weißer Marmor. An seiner linken Schläfe war ein kleines blaues Äderchen zu sehen. Die Welt um mich herum schien für einen kurzen Augenblick in ihrer Rotation innezuhalten. Ich versank in dem unendlichen Blau seiner Augen, als er langsam auf mich zukam. Ich bot keinen Widerstand, als er seinen Arm um mich legte und mich von diesem Ort fortbrachte.
Ich muss wohl ohnmächtig geworden sein, denn als ich die Augen wieder öffnete, befanden wir uns in einem alten Haus. Nachdem ich mich irritiert in dem Zimmer umgesehen hatte, stand ich von der Couch, auf der ich lag, auf und ging zu dem im Raum befindlichen Kamin.
„Du brauchst keine Angst zu haben.“
Erschrocken drehte ich mich um. Wie schaffte er es nur immer, wie aus dem Nichts aufzutauchen?
„Wer bist du und wo bin ich hier?“
Er konnte reden, so viel er wollte, ich hatte Angst. Bevor er auf meine Frage einging, brachte er mir eine heiße Tasse Tee und deutete Richtung Couch.
„Setz dich.“ Als wir beide nebeneinander Platz genommen hatten, durchströmte mich mit einem Mal ein Gefühl der Wärme und des Wohlbehagens. Warum auch immer, ich fühlte mich in der Nähe des Fremden unglaublich sicher.
„Mein Name ist Raoul Le Grand.“, begann er schließlich. „Das, was ich dir jetzt erzählen werde, wird dir wahrscheinlich mehr als unglaubwürdig erscheinen, aber du musst mir einfach vertrauen. Und wenn Crawena wirklich Recht hatte und du diejenige bist, von der sie sprach, dann wirst du das auch.“
Die Möglichkeit, einfach aufzustehen und zu gehen, kam mir gar nicht in den Sinn. Nicht, weil ich glaubte, er würde mich zurückhalten, sondern weil seine Ausstrahlung so faszinierend auf mich wirkte, und weil die weibliche Neugier wohl mal wieder gesiegt hatte. Ich glaubte nicht, dass er mir etwas antun würde, also wollte ich hören, was es mit dieser merkwürdigen Crawena auf sich hatte und wieso er in diesen Rätseln sprach. Vor allem aber wollte ich wissen, welche Rolle mir in diesem mysteriösen Spiel zugedacht worden war.
„Okay.“, stimmte ich zu. „Ich werde dir zuhören. Aber wenn deine Geschichte beginnt allzu abstrus zu werden, dann erwarte ich, dass du mich dorthin zurückbringst, wo wir uns getroffen haben. Und danach will ich nie wieder etwas von dir hören. Sind wir uns soweit einig?“
„Wie du wünschst. Aber ich denke nicht, dass es soweit kommen wird.“ Er machte einen so verdammt selbstsicheren Eindruck, von dem ich nicht sagen konnte, ob er mich störte oder ob ich ihn dafür beneiden sollte. „Also, es ist nicht so leicht den richtigen Einstieg zu finden. Vielleicht ist es am besten, wenn ich gleich mit der Wahrheit herausrücke, ohne lange drumherum zu reden. Ich bin ein Vampir und…“ Ich konnte mir ein schallendes Lachen nicht verkneifen.
„Ein Vampir, aha. So wie Dracula, Lestat oder Blade? Entschuldige bitte, aber ich glaube, schon haben wir den Punkt erreicht, an dem du mich zurückbringen kannst. Du glaubst das doch nicht etwa selbst, oder? Es gibt keine Vampire. Tut mir leid dich enttäuschen zu müssen, aber das sind alles bloß Phantasiegestalten…“
Ich wollte noch mehr in dieser Richtung sagen, doch plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck. Er sah wild und beängstigend aus und hinter seiner Oberlippe tauchten – unübersehbar – zwei spitze Eckzähne auf. Dieser Anblick brachte mich umgehen zum Schweigen.
„Ich weiß, dass es schwer, wenn nicht gar unmöglich ist, diese Tatsache so mir nichts, dir nichts zu akzeptieren. Ich bitte dich auch nur, dir die Geschichte bis zum Ende anzuhören.“
Während er redete nahm sein Gesicht wieder normale Züge an, nur seine Zähne blieben sichtbar. Noch immer starr vor Schreck nickte ich nur.
„Seit dem Jahr 1790 wandere ich nun als Untoter durch die Zeit. Mein Schöpfer war damals, neben Dracula, einer der mächtigsten Vampire überhaupt. Sein Name war Marehl. Als er mir das Blut aussaugte und mich anschließend von seinem trinken ließ, gab er mir auch ein Stück seiner Seele. Schon damals gab es viele von unserer Art, aber nur wenige von Marehls Wesen. Mit ihm entwickelte sich eine neue Generation von Vampiren, die nicht nur nach Blut dürsteten und das Böse über die Welt bringen wollten. Nein, seine Geschöpfe sollten das Gegenteil bewirken. Sie sollten dafür sorgen, dass das Böse seiner gerechten Strafe zugeführt würde - egal auf welche Weise. Auch wir schrecken natürlich nicht davor zurück, Menschen zu töten und uns an ihrem Blut zu laben. Aber diese Menschen haben es nicht anders verdient. Nun ist es selbstverständlich nicht so, dass jeder Sterbliche für diese Art von Dasein geschaffen ist …“ Mir schoss durch den Kopf, dass es nicht mal einer sei. „Du hast recht.“, unterbrach sich Raoul in diesem Moment selbst. „Niemand ist wirklich für ein solches Leben gemacht, dennoch existieren wir und wir haben mit der Zeit gelernt, unser Schicksal als etwas Positives anzunehmen.“ Verblüfft schaute ich zu ihm hinüber. „Du kannst meine Gedanken lesen?“
„Ja.“, antwortete er in ruhigem Ton, „das gehört mit zu unseren Fähigkeiten. So wie wir auch im Dunkeln besser sehen können oder Gerüche intensiver wahrnehmen als ihr Menschen. Aber zurück zu meiner Geschichte. Die Sterblichen, die durch einen Biss zu einem der Unsrigen werden, sollten auch vorher schon die Gerechtigkeit mehr als alles andere geschätzt haben. Es geht nicht darum, dass sie die Unschuld vor dem Herrn sind, ganz im Gegenteil, sie brauchen ein gewisses Maß an Aggressivität, denn ohne die kommt kein Vampir aus. Es ist nun einmal so, dass wir im Grunde unseres Wesens böse sind, jedoch projizieren wir unseren Zorn und unseren Hass nicht auf Unschuldige, sondern verfolgen nur jene, die ihrerseits den Menschen Unrecht antun. Ich mache dies nun schon seit über zweihundert Jahren und auch, wenn die Zeiten sich geändert haben, das Böse existiert in immer neuen Formen weiter. Die Menschen ruinieren sich gegenseitig, quälen und töten sich, und das zumeist aus den niedersten Gründen. Wir werden niemals in der Lage sein das Böse an sich auszurotten, aber wir können im Einzelfall dafür Sorge tragen, dass es gesühnt wird.“
In meinem Kopf drehte sich alles. „Du hast bisher mit keinem Wort diese Crawena erwähnt. Wer ist sie? Und wie passe ich in diesen ganzen Irrsinn hinein? Außerdem, deine Erläuterung eurer Aufgaben erscheint mir etwas oberflächlich. Ihr tötet Menschen, ob diese nun gut oder böse sind, was spielt das bitte für eine Rolle? Ihr bringt sie um.“
„Das ist richtig. Der Unterschied zwischen Rache und Gerechtigkeit ist in diesem Fall sehr gering. Dennoch musst du bedenken, dass viele der Verbrecher es immer wieder schaffen, durch die Maschen des Gesetzes zu schlüpfen und dann kommen eben wir ins Spiel. Wir kümmern uns im Normalfall nur um Schwerverbrecher, die unter Mordanklage standen oder vielleicht gar nicht erst von der Justiz belangt wurden. Ich bin nicht gläubig, aber schon in der Bibel steht geschrieben: >Auge um Auge und Zahn um Zahn<. Auch dir wird mit der Zeit bewusst werden, dass es manchmal eben nicht anders geht.“
„Was?“ Erst langsam drangen sein letzten Worte zu mir durch, aber dann trafen sie mich mit voller Wucht. „Sekunde, du willst, dass ich eine von euch werde? Niemals, hörst du! Ich werde doch nicht durch die Dunkelheit irren und nach Opfern suchen, denen ich das Blut aussaugen kann. Niemals!“
Ich war eindeutig hysterisch. Aber ich fand, ich hatte allen Grund dazu. Da taucht so mir nichts, dir nichts ein Kerl auf, erklärt dir seelenruhig, dass er ein Vampir ist und im gleichen Atemzug sagt er dir, dass dich in Kürze dasselbe Schicksal ereilen wird. Also ehrlich, wenn man in dieser Situation nicht hysterisch reagieren soll, wann dann? Raoul hielt mich an den Oberarmen fest und drückte mich vorsichtig in die Couchkissen.
„Beruhige dich. Ich weiß, wie schwer dir diese Vorstellung im Moment fällt, aber…“
„Kein >aber<. Ich will hier weg und zwar sofort. Und sag deiner Crawena, dass ich wohl nicht diejenige bin, von der sie damals gesprochen hat.“
Für einen kurzen Augenblick wurde es deutlich kühler im Raum. Ein Luftzug wehte durchs Zimmer, obwohl sich meiner Meinung nach weder eine Tür noch ein Fenster geöffnet hatte.
„Ich habe mich nicht getäuscht, Rebecca.“
Ich war so erschrocken, dass ich beim Aufspringen vom Sofa – Raoul hatte mich inzwischen wieder losgelassen – und dem anschließenden Herumwirbeln beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Erst im letzten Moment schaffte ich es, einen Sturz zu verhindern. Die Frau, die so plötzlich aufgetaucht war, verzog keine Miene.
„1975 habe ich dich das erste Mal in einer meiner Visionen gesehen. Ich wusste sofort, dass du eines Tages deinen Weg hierher finden würdest. Es ist deine Bestimmung, Rebecca. Dass du jetzt daran zweifelst und es momentan deine Vorstellungskraft übersteigt, ist nur verständlich. Aber über kurz oder lang wirst du unserem Ruf folgen.“
Obwohl sie sehr leise sprach, hörte ich jedes Wort so deutlich, als würde sie es mir direkt ins Ohr schreien. Das also war Crawena. Mit ihrer von Falten durchzogenen Haut und dem schlohweißen Haar, das ihr bis zum Steiß reichte, wirkte sie so erhaben und weise, dass man kaum wagte, sich gegen sie aufzulehnen. Bei einem genaueren Blick schien sie aber nicht so alt zu sein, wie es den Anschein hatte – wenn sich so etwas bei einem Vampir überhaupt sagen ließ. Mit anmutigen Schritten kam sie auf mich zu und sah mich mit ihren grauen Augen, die so hart und kalt wirkten, an. Ihre Hände, die sich im nächsten Moment um mein Gesicht schlossen, waren allerdings weich wie Samt.
„Schließe deine Augen.“
Ohne mich zu fragen, was hier eigentlich vor sich ging, kam ich ihrer Aufforderung nach. In der Dunkelheit, die mich umfing, strömten plötzlich Bilder auf mich ein, die ich zuerst in keinen vernünftigen Zusammenhang bringen konnte. Doch mit der Zeit erkannte ich, dass es sich um Geschehnisse aus der Vergangenheit handelte. Es waren furchtbare Bilder, die Verwüstung und Zerstörung zeigten. Vieles davon ließ sich auf Handlung eines Einzelnen oder einer fanatischen Gruppe zurückführen. Ich sah unter anderem Goebbels, wie er den >Totalen Krieg< ausrief, Lee Harvey Oswald, wie er von dem Nachtclub-Besitzer Jack Ruby erschossen wurde und dann war wieder alles schwarz. Langsam, ganz langsam, öffnete ich die Augen, denn in meinem Kopf drehte sich alles. Ich spürte noch immer Crawenas warme Hände auf meinen Wangen.
„Glaubst du nicht, dass solche Taten gesühnt werden müssen? Und spielt es da wirklich eine Rolle, wie?“ Ihr Blick ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. „Glaubst du, dass Hitler und Goebbels wirklich von sich aus den Tod gewählt haben? Oder, dass die Attentäter, die Alexander II. auf dem Gewissen hatten, ohne Strafe unsererseits davongekommen sind?“
Ich konnte einfach nicht glauben, was ich da hörte. Sollten wirklich Vampire dafür verantwortlich sein, dass es einigen der größten Verbrecher und Tyrannen an den Kragen gegangen war?
Ich musste mich setzen, denn ein immer stärker werdendes Schwindelgefühl überkam mich.
Crawena war genauso plötzlich verschwunden wie sie aufgetaucht war und Raoul stand mir mit einem mitfühlenden Blick in den Augen direkt gegenüber.
„Glaubst du mir jetzt?“
Selbst nach dem gerade Erlebten wollte mein Verstand das Ganze nicht wahrhaben.
„Wie sie bereits sagte, es ist nur natürlich, dass du Zweifel hast. Aber du kannst dich vor dem, was geschehen ist, nicht verschließen.“ An diesem Punkt musste ich ihm Recht geben … „Und was dich persönlich betrifft, du gehörst ganz einfach zu uns.“ … an diesem Punkt ganz bestimmt nicht. „Auch du hast tief in dir diesen Willen Gerechtigkeit walten zu lassen und zwar um jeden Preis. Es geht darum, die Schwachen zu schützen und denjenigen beizustehen, die sich selbst nicht helfen können. Was sollte daran schlecht oder verwerflich sein?“ Ein kurzer Moment der absoluten Stille trat ein. „Es ist wohl besser, wenn du jetzt gehst. Aber denke über heute Nacht nach. Und wenn du bereit bist, brauchst du nur an mich zu denken und ich werde da sein, um dich zu uns herüberzuholen.“
Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Erst schleppt er mich hierher, erzählt mir diese aberwitzige Geschichte und dann will er, dass ich einfach verschwinde. Dieser Raoul brachte mich binnen kürzester Zeit völlig aus dem Konzept.
„Worüber bitte soll ich nachdenken? Vielleicht, ob ich den Rest der Ewigkeit durch die Dunkelheit irren und Menschen töten will, die anderen ein Leid zugefügt haben? Wie stellst du dir das vor?“
Ich wurde schon wieder hysterisch und auch Raoul blieb das nicht lange verborgen. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, packte er mich recht unsanft an den Oberarmen und schaute mir erneut tief in die Augen. Zum zweiten Mal in dieser Nacht muss ich ohnmächtig geworden sein.
Es dämmerte bereits als ich erwachte. Ich lag in meinem Bett im Hotelzimmer in El Serrat. Was für ein Traum. Dabei schien er mir wesentlich realer und greifbarer als jeder andere, den ich zuvor hatte. Ich entschloss mich, erst einmal ordentlich zu duschen. Ich war der Ansicht, dass es mir danach bestimmt wieder besser gehen würde. Mein Kopf dröhnte und ich fühlte mich nicht besonders ausgeschlafen. Was soll’s, dachte ich, heute geht es ab nach Hause und in einigen Tagen habe ich die ganze Sache vergessen. Doch da sollte ich mich getäuscht haben…
Nach dem Frühstück, das in einem kleinen, gemütlichen Speisesaal eingenommen wurde, versammelte sich die aus insgesamt zwölf Personen bestehende Reisegruppe am Bus, um die Taschen und Koffer vom Fahrer fachmännisch verstauen zu lassen. Die meisten Fahrgäste, auch ich, rauchten noch eine Zigarette, bevor es endlich losging und wir diesen schönen Pyrenäenstaat wieder verließen. Carsten, der Reiseleiter, gesellte sich zu mir. Er war der einzige, mit dem ich während der letzten Tage mehr als nur die obligatorischen Small-Talk-Floskeln gewechselt hatte.
„Morgen! Sag mal, kann es sein, dass du heute Nacht nicht besonders gut geschlafen hast? Du siehst aus wie durch den Fleischwolf gedreht.“
Carsten konnte wirklich sehr charmant sein. Aber er hatte ja recht. Ich muss wohl ausgesehen haben wie ich mich fühlte.
„Stimmt. Du kannst dir gar nicht vorstellen, was ich für einen merkwürdigen Traum hatte. Ich weiß nur noch, dass ich gestern Abend ein wenig spazieren war und vor knapp zwei Stunden in meinem Bett wach geworden bin. Wie ich allerdings auf mein Zimmer gelangt bin, kann ich beim besten Willen nicht sagen.“ Was den Inhalt des Traums anbelangte, hatte ich nicht vor, ihm gegenüber näher darauf einzugehen und er fragte auch nicht weiter.
„Alles einsteigen, die Fahrt Richtung Heimat beginnt in wenigen Minuten.“
Mit der Aufforderung des Busfahrers war die kleine Unterhaltung auch schon wieder beendet und Carsten bewegte sich gemächlich zu seinem Platz vorne im Bus. Obwohl ich normalerweise kein Morgenmuffel bin, war ich an diesem Morgen nicht besonders gut drauf. Ständig streiften meine Gedanken vom eigentlichen Geschehen um mich herum ab. Egal, wir machten uns also daran, den kleinen, für sechzehn Personen ausgelegten Bus zu erklimmen und unsere Plätze von der Hinfahrt zu verteidigen. Der Platz neben mir blieb, wie nicht anders zu erwarten, wieder frei, so dass ich mich bequem für die Heimreise einrichten konnte. Draußen hörte man noch Stimmengemurmel und dann ging es los. Es war seit langer Zeit die erste Urlaubsreise die ich unternommen hatte. Ich hatte mich nach einigem Überlegen für dieses familiär geführte Reiseunternehmen entschieden, da es, soweit ich das nach vielem Katalog wälzen beurteilen konnte, das einzige war, das noch Mitte November Andorra anfuhr. Als wir vor gut einer Woche unserem Reiseziel näher kamen, wusste ich auch, warum. Es hatte hier oben in diesem Jahr früh und heftig zu schneien begonnen und wir hatten auf manchen Straßen erhebliche Probleme vorwärts zu kommen. Selbst die Winterreifen und Schneeketten nutzen da teilweise nicht viel. Aber jetzt lag das ja alles hinter uns.
Es dauerte bis zum ersten Stopp, da kam Carsten zu mir und hielt mir einen Umschlag unter die Nase.
„Sorry, Rebecca. Das hier habe ich vorhin bei der Abfahrt total vergessen. Du musst ja mächtig Eindruck auf jemanden gemacht haben. Heute in den frühen Morgenstunden tauchte ein Kerl beim Portier auf, der diesen Brief für dich abgegeben hat.“ Ich muss wohl mehr als überrascht geschaut haben, denn Carsten fing mit einem Mal herzhaft an zu lachen. „Nun gib es schon zu, du hast mir offensichtlich nicht alles erzählt. Na ja, bei deinen diversen Sparziergängen warst du anscheinend doch nicht so allein, wie ich angenommen hatte.“
„Ehrlich gesagt habe ich keinen blassen Schimmer von wem der Brief sein könnte.“
Natürlich ahnte ich etwas, aber das hätte bedeutet, dass die letzte Nacht kein Traum war. Ich versuchte den Gedanken so gut es ging zu verdrängen. Carsten hielt den Umschlag vor die tiefstehende Sonne, um eventuell etwas vom Inhalt entziffern zu können. Da ich das aber für absolut unnötig hielt, streckte ich energisch meine Hand nach dem Brief aus.
„Du zitterst ja. Bist du dir sicher, dass wirklich alles mit dir in Ordnung ist?“ Seine Stimme nahm einen besorgten Unterton an.
„Ja, ich bin okay. Sei so gut und gib mir jetzt bitte den Brief.“
Vorsichtig, als könnte ich ihn zerbrechen, nahm ich ihn entgegen und öffnete ihn.
>Guten Morgen, Rebecca! Ich wollte dich nur noch einmal wissen lassen, dass es ganz allein bei dir liegt, ob du die Herausforderung, die dir bereits vor so langer Zeit gestellt wurde, annehmen willst oder nicht. Wir werden dich zu nichts zwingen. Aber überdenke deine Entscheidung gut. Ich weiß, du wirst das Richtige tun und an meiner Seite das Böse bekämpfen, denn es gehört zu deinem ureigensten Wesen. Denk einfach an mich wenn du soweit bist. Und noch etwas, du brauchst keine Angst vor dem Übergang in unsere Welt zu haben, ich werde immer an deiner Seite sein. Raoul<
„Mein Gott, Rebecca. Du bist ja weißer als der Schnee der auf den Berggipfeln liegt. Was ist denn bloß mit dir los??“
Wie aus weiter Ferne drang Carstens Stimme zu mir durch. Dieser Brief war ein Schock für mich. Ich hatte wirklich angenommen, dass dies alles nichts weiter als Einbildung gewesen wäre, doch jetzt…
„Es ist nichts. Ich bin einfach nur ein bisschen überrascht von diesem Schreiben. Am besten, ich versuche jetzt ein wenig zu schlafen, danach geht es mir bestimmt wieder besser.“
Tatsächlich übermannte mich der Schlaf binnen kürzester Zeit. Ich glaube, ich bekam nicht mal mehr mit, dass sich der Bus wieder in Bewegung setzte. Soweit ich mich hinterher erinnern konnte, verlief diese Schlafphase traumlos. Als ich etwa zwei Stunden später wieder wach wurde, hatte der Fahrer gerade die nächste Pause eingelegt. Und da ich der Meinung war, dass auch mir ein wenig frische Luft gut tun würde, verließ ich meinen Platz und ging raus, um eine Zigarette zu rauchen.
Nicht weit von uns entfernt parkte ein Kombi, aus dem gerade ein Pärchen ausstieg. Sie sah traurig aus und schien geweint zu haben. Er nahm sich davon nichts an, sondern redete, heftig gestikulierend, immer weiter auf sie ein. Völlig unerwartet und offensichtlich grundlos, denn sie hatte nicht einmal gewagt, den Mund aufzumachen, versetzte er ihr eine schallende Ohrfeige. Von der Wucht wurde sie rückwärts gegen den Wagen geschleudert und fiel dann auf den Boden, wo sie schluchzend sitzen blieb. Obwohl nicht gerade wenige Personen dieses Szenario hautnah miterlebten, drehten sich alle nur weg. Typisch, was gehen mich die Probleme anderer Leute an. So oder so ähnlich ging es den meisten wahrscheinlich gerade durch den Kopf. In mir stieg Wut auf. Natürlich war es nicht angebracht sich in jede Kleinigkeit einzumischen, aber das hier ging eindeutig zu weit. Als er zum zweiten mal ausholen wollte, obwohl sie immer noch auf dem Boden saß, platzte mir der
Kragen. Er hatte scheinbar nicht damit gerechnet, dass jemand an seinem Verhalten Anstoß nehmen könnte, geschweige denn, sich einmischen würde. Daher war er auch sehr erstaunt, als er einen mächtigen Fausthieb in die linke Niere und gleich darauf einen Tritt in seine Weichteile bekam. Jetzt war er es, der sich vor Schmerzen krümmte und sich auf dem Boden wiederfand, während ich der jungen Frau auf die Beine half. Sie machte einen völlig verschüchterten Eindruck.
„Vielen Dank, aber ich glaube nicht, dass er das so einfach mit sich machen lässt. Vor allem, da sie eine Frau sind.“
Sie hatte noch nicht ganz zu Ende gesprochen, da schubste er sie fort und versuchte mir nun seinerseits einen Schlag zu verpassen. Doch mit einer schnellen Drehung konnte ich ihm gerade noch ausweichen. Ich ließ mich von ihm nicht einschüchtern, und das irritierte ihn.
„Es wäre gesünder für Sie, wenn Sie ihre Begleiterin mit etwas mehr Respekt behandeln würden.“
Er stand noch immer, die Hände in den Schritt gepresst, an sein Auto gelehnt und versuchte krampfhaft, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken.
„So, was weißt du denn schon? Wer bist du überhaupt, dass du dich in unsere Angelegenheiten einmischt? Verschwinde!“
Aber das tat ich nicht. Ich blieb wie angewurzelt vor diesem massigen Kerl stehen.
„Wenn jemand, der sich nicht wehren kann, von einem Typen wie Ihnen verprügelt wird, dann stehe ich bestimmt nicht untätig daneben und schaue zu. Worum auch immer Ihr Streit sich gedreht haben mag, es rechtfertigt mit Sicherheit keine Schläge.“
Ich merkte, dass sie ihn in Schutz nehmen wollte, trotz allem, was er ihr angetan hatte. Und das waren sicher nicht die ersten Schläge. In der Zwischenzeit hatte jemand die Polizei gerufen. Er sah die Männer eher als ich und ein kurzer Blick zu seiner Frau schien auszureichen um ihr klar zu machen, wie sie sich jetzt zu verhalten hatte.
„Tag. Alles in Ordnung? Wir haben einen Anruf erhalten, dass es hier zu handgreiflichen Auseinandersetzungen gekommen ist.“
„Nein nein, das war nur eine kleine Meinungsverschiedenheit. Nichts, wofür die Polizei ihre wertvolle Zeit opfern müsste. Da können sie gerne meine Frau fragen.“
Und wie nicht anders zu erwarten, stimmte sie ihm mit einem schüchternen Kopfnicken zu. Ich hätte ihn erschlagen können. Solange sie die Aussage verweigerte und ihn nicht anzeigte, solange konnte die Polizei absolut nichts ausrichten. Nachdem die Polizisten sich noch einmal bei der Frau erkundigt hatten, ob wirklich alles in Ordnung sei, ließ man die beiden wieder ins Auto steigen und davonfahren. Ich kochte vor Wut. Warum nahm sie nicht all ihren verbliebenen Mut zusammen und wehrte sich gegen diesen Mistkerl. Und wenn sie es nicht allein schaffen würde, dann gab es doch bestimmt Menschen in ihrem Umfeld, die ihr helfen würden. So etwas konnte man doch nicht einfach so hinnehmen.
>Auch du hast tief in dir diesen Willen, Gerechtigkeit walten zu lassen und zwar um jeden Preis. Es geht drum, die Schwachen zu schützen und denjenigen beizustehen, die sich selbst nicht helfen können.< Waren das nicht genau Raouls Worte gewesen? Vielleicht hatte er ja tatsächlich recht. Vielleicht war ich wirklich diejenige, von der Crawena vor so langer Zeit wusste, welches Los sie einst ereilen würde. Natürlich, es hat mich schon immer in Rage versetzt, machtlos zusehen zu müssen, wenn anderen Menschen Unrecht zugefügt wurde. Und ich habe mich auch immer eingemischt, wenn es die Situation erforderte, hab den Mund aufgemacht, wenn es mir angebracht erschien – aber deswegen gleich zum Vampir mutieren? Nein, mir schien diese Möglichkeit immer noch zu abwegig. Trotzdem ließen mich die Gedanken daran nicht mehr los. Als ich in den Bus stieg, klopfte man mir von allen Seiten auf die Schulter und gratulierte mir zu meinem mutigen Einschreiten. Wie aufmerksam, dachte ich, dasselbe hättet ihr auch tun können. Aber gebracht hat es im Endeffekt gar nichts.
Die ganze Fahrt über ging ich alle Einzelheiten der letzten Nacht noch einmal durch und je mehr ich über die Gesamtsituation nachdachte, desto weniger Zweifel blieben zurück. Vielleicht war das wirklich der einzige Weg etwas zu bewirken.
Als wir nach einer Zwischenübernachtung und einem kleinen Stadtrundgang durch Orléans am ersten Dezember schließlich am Ausgangspunkt angelangt waren, schnappte ich mir meinen Koffer, ging noch einmal zu Carsten und verabschiedete mich von ihm. Ich wollte nur noch nach Hause, in meine eigenen vier Wände.
So eine Busfahrt konnte wirklich ganz schön anstrengend sein aber jetzt war ich endlich wieder daheim. Die nächsten Tage versuchte ich mich mit allem Möglichem abzulenken. Ich räumte die Wohnung auf und vor allem um, so dass nach zwei Tagen nichts mehr an seinem angestammten Platz stand. Dabei vielen mir auch einige Bücher in die Hände, die noch aus meiner Studienzeit stammten. Selbst solch theoretische Bücher wie >Zwischen Autor und Text< von Umberto Eco oder >Die Geschichte des Surrealismus< wurden regelrecht von mit verschlungen, nur um meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Trotzdem kehrten sie immer wieder zu der Nacht in den Pyrenäen zurück, die mein Leben scheinbar von Grund auf verändern sollte. Sollte es wirklich meine Bestimmung sein, als Vampir durch die Ewigkeit zu wandeln? Ich hatte noch keine konkreten Pläne für meine Zukunft und eine Familie hatte ich auch nicht. Eine solche Verwandlung würde kaum jemandem auffallen. Wahrscheinlich wäre ich auch nicht sehr oft zu Hause, so dass selbst die
Nachbarn nichts mitbekommen würden. Und was meine Freunde betraf, so würde ich für sie bestimmt eine gute Geschichte parat haben. Einfallsreich und phantasievoll war ich schon immer.
Je mehr ich darüber nachdachte, desto weniger abwegig erschien es mir. Aber war ich überhaupt in der Lage auch nur annähernd abzuwägen, was im Fall der Fälle überhaupt auf mich zukommen würde? Was wusste ich denn wirklich über Vampire? Was konnte man da überhaupt wissen? Bis vor wenigen Tagen existierten sie für mich nur in Büchern und Filmen. Ich nahm noch einmal Raouls Brief und las ihn. Vielleicht war es ja wirklich keine schlechte Lösung auf diese Art anderen Menschen zu helfen. Auch wenn ich noch immer der Ansicht war, dass Raouls Gerechtigkeitsbegriff nicht ganz dem meinen entsprach. Aber wie er schon sagte, es ging nicht darum Unschuldige zu töten, sondern diejenigen, die anderen Menschen Unrecht und Schmerzen zufügten.
Am nächsten Morgen entschloss ich mich endlich Melissa, eine meiner besten Freundinnen anzurufen. Ich hatte mich schon viel zu lange nicht bei ihr und den anderen gemeldet. Vielleicht könnte ich ja mit ihr über den ganzen Wahnsinn sprechen – natürlich nur rein hypothetisch. Also griff ich unverzüglich zum Telefon und rief sie an. Ich schlug ihr vor, noch am selben Abend bei mir vorbeizuschauen. Ich hatte vor uns etwas Leckeres zu kochen. Und bei einem guten Glas Wein würde ich ihr dann von meinen Erlebnissen in Andorra berichten.
Punkt sieben Uhr schellte es bei mir und Melissa stand vor der Tür. Ich hatte gerade einen Nudelauflauf in den Ofen geschoben und es dauerte nicht lange, bis ein angenehmer Duft die Küche erfüllte. Nachdem Melissa mich herzlich in die Arme geschlossen hatte, setzten wir uns an den bereits gedeckten
Tisch. Ich schenkte uns Wein ein und sofort begann sie, mich mit Fragen zu löchern.
„Erzähl, war es schön in Andorra? Konntest du dich ein bisschen erholen? Hast du jemanden kennengelernt? Nun sag schon.“ „Langsam, langsam.“, unterbrach ich sie. Wenn Melissa einmal zu reden anfing, war es extrem schwierig, auch mal zu Wort zu kommen. „Ja, es war wirklich wunderbar dort oben. Ich glaube, dir und deinem Göttergatten würde es dort auch sehr gut gefallen. Ihr liebt doch die Berge und bei ausgedehnten Spaziergängen an der frischen Luft erholt man sich ausgezeichnet.“
Sie grinste wie ein Honigkuchenpferd. „Und, wie lautet die Antwort auf meine letzte Frage?“
Ich schaute zuerst etwas verdutzt, doch dann fiel sie mir wieder ein. „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber meinem Traummann bin ich nicht über den Weg gelaufen.“
Oder vielleicht doch? Gedankenversunken blickte ich im Zimmer umher, bis Melissas Räuspern mich in die Gegenwart zurückholte.
„Oh, entschuldige. Ich war gerade mit meinen Gedanken woanders. Warte, ich hole nur eben die Fotos.“
Ich hatte die Filme in ein Express Studio gebracht, damit ich die Bilder so schnell wie möglich in die Alben einsortieren und wir sie nun ganz in Ruhe durchsehen konnten. Da ich die Angewohnheit hatte, zu jeden Foto etwas dazuzuschreiben, dauerte es ein wenig länger, bis Melissa alle Bilder gesehen hatte.
„Das ist wirklich beeindruckend.“, seufzte sie. „Ich sollte mir wirklich mal Roland schnappen und einfach mit ihm einen Kurzurlaub einplanen. Wie waren schon so lange nicht mehr gemeinsam unterwegs, aber arbeitstechnisch ist es derzeit einfach nicht drin.“ Sie sah von den Bildern zu mir herüber.
„Warte mal ab, bis es bei dir soweit ist. Hast du dir eigentlich überlegt, wie es bei dir jetzt beruflich weitergehen soll?“
„Nicht direkt.“, ich zögerte kurz, „aber vielleicht werde ich Reiseleiterin.“
„Was?“
Das klang sehr überrascht, was auch kein Wunder war, denn in diese Richtung hatte ich noch nie Überlegungen angestellt. Aber es schien mir ein guter Ausgangspunkt, wenn ich mich tatsächlich für Raoul und das Vampirdasein entscheiden würde. Vermutlich würden meine Freunde mich dann recht selten zu Gesicht bekommen und das wäre sehr untypisch für mich, da wir uns eigentlich immer regelmäßig trafen.
„Wieso um alles in der Welt plötzlich Reiseleiterin? Du wolltest doch immer Journalistin werden. Was hat dich denn jetzt zu diesem Umschwung bewogen?“
„Na ja, die Fahrt nach Andorra hat mir riesig Spaß gemacht und ich könnte mir gut vorstellen, dass es noch andere Fleckchen auf dieser Erde gibt, die mir ebenso gut gefallen würden. Da spräche doch nichts dagegen, wenn ich mich über einige Städte intensiver informieren und dann mein neues Wissen an Touristen weitergeben würde. Ich werde mir das natürlich noch einmal genau durch den Kopf gehen lassen.“
Ich konnte Lügen ohne rot zu werden und das kam mir jetzt durchaus zugute. Wie sollte ich aber nun einen Übergang zu meiner kleinen Geschichte finden, ohne dass Melissa mich für total verrückt erklären würde? In diesem Moment hörten wir das Knattern der Küchenuhr, die uns darauf aufmerksam machte, dass der Auflauf nun endlich fertig war. Also, erst einmal essen und danach würde sich schon ein Weg finden.
„Der Auflauf schmeckt hervorragend. Das Rezept musst du mir unbedingt geben. Ich denke, dass wäre genau das Richtige für Roland.“
Da ich wusste, dass beide große Nudelfans waren, hatte ich natürlich einen richtig herzhaften Makkaroni-Auflauf gezaubert und sie hatte recht, er war wirklich sehr gelungen. Als wir nach etwa einer Stunde mit dem Essen fertig waren, bot Melissa mir an, beim Abwasch zu helfen, was ich dankend annahm. Danach setzten wir uns wieder an den Küchentisch und öffneten die zweite Flasche Wein.
„Was hältst du davon, wenn wir uns noch einen Film ansehen?“ „Klar, was hast du denn anzubieten?“
„Ich dachte an >Dracula< von Bram Stoker.“
„Okay, ich bin dabei.“
Wir schnappten uns also die Rotweinflasche und setzten uns vor den Fernseher.
„Sag mal.“, begann ich nach einiger Zeit so ganz nebenbei, „könntest du dir eigentlich vorstellen als Vampir durch die Nacht zu wandern?“
Sie sah mich leicht irritiert von der Seite an. „Ich glaube nicht. Anderen Menschen das Blut aussaugen und nur nachts auf die Straße zu können, wäre nicht so ganz mein Ding.“
„Und wenn du in diesem Zustand die Möglichkeit hättest anderen Menschen zu helfen? Vielleicht, indem du dich beim Aussaugen nur auf solche Personen beschränken würdest, die anderen ein Unrecht zugefügt haben und es geschafft haben, dem langen Arm des Gesetzes zu entkommen. Wie sähe es dann aus?“
„Na ja, das hätte schon was für sich. Aber ich glaube nicht, dass Dracula so nett wäre und sich genau nur diese Bösewichte aussuchen würde, selbst wenn man ihn ganz nett darum bitten würde.“ Sie lächelte in Richtung des Bildschirms, auf dem gerade Gary Oldman zu sehen war. „Obwohl, von dem Dracula würde ich mich auch beißen lassen. Du kannst sagen was du willst, kein andere Vampir hat eine solch erotische Ausstrahlung wie der von Bram Stoker. Und Oldman spielt ihn grandios.“ Sie stockte kurz und sah zu mir herüber. „Aber wie kommst du überhaupt darauf?“
Sie nahm die Sache natürlich nicht ernst genug, um sich in dieses Thema zu vertiefen - aber wie sollte sie auch?
„Keine Ahnung. Ist mir einfach nur so eingefallen. Aber was Gary Oldman und seine Verkörperung des Untoten betrifft, gebe ich dir uneingeschränkt Recht. Wobei Brad Pitt auch nicht schlecht ist…“
Als auch die zweite Flasche Wein geleert war und der Abspann des Films lief, war es bereits recht spät. Ich rief Melissa ein Taxi und wir verabschiedeten uns voneinander. Ich ging zurück in die Küche und goss mir noch ein Schluck Wasser ein.
Was hatte ich mir bloß davon versprochen, mit meiner Freundin über Vampire zu reden? Kein Mensch glaubt an solche Geschöpfe, obwohl es sie eindeutig gibt. So brachte das alles nichts. Ich nahm wieder Raouls Brief, drückte ihn fest gegen meine Brust und dachte angestrengt an ihn.
Ich hatte gar nicht gemerkt, wie müde ich war. Ich muss sehr schnell eingeschlafen sein. Ich hatte mich nicht einmal mehr ausgezogen oder abgeschminkt und auch Raouls Brief hielt ich immer noch in den Händen.
Ich schlief sehr unruhig. In meinem Traum sah ich mich bereits schon als Vampir. Den Ausdruck, den ich in meinen eigenen Augen sah, werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Wie von einer Wahnsinnigen suchten meine blutunterlaufenen Augen nach einem potentiellen Opfer, an welchem ich meinen Blutdurst hätte stillen können. Da sich aber in meiner unmittelbaren Nähe niemand aufhielt, den ich, ohne großes Aufsehen zu erregen, hätte angreifen können, stahl ich mich in eine dunkle Seitengasse, wo ich schließlich eine fette Ratte fand. Ich fing sie ohne Schwierigkeiten ein, packte sie mit beiden Händen und führte sie zu meinem Mund. Sie quiekte und versuchte ihren kleinen behaarten Körper aus meinem Todesgriff zu winden. Ihr langer, nackter Schwanz schlug in alle Richtungen, doch ich ließ ihr keine Chance. Ich hörte, wie das zierliche Genick knackte und dann biss ich zu. Noch bevor der letzte Atemzug aus ihrem Körper gewichen war, hatte ich sie ausgesaugt. Ich warf sie achtlos in einen Hauseingang und ging weiter, als wäre nichts geschehen.
Als ich von meinem eigenen Schrei aufwachte, war ich schweißgebadet. Es war stockfinster draußen. Kein einziges Licht schien in mein Zimmer. Ich knipste die Lampe neben meinem Bett an und ging ins Bad um mich frisch zu machen. Als ich in mein Schlafzimmer zurückkam, erschrak ich zu Tode. Da saß Raoul auf meiner Bettkante und sah mich mit einem besorgten Lächeln an.
„Ich glaube, wir sollten noch einmal darüber reden was mit dir geschieht, wenn du dich wirklich auf dieses Wagnis einlässt. Du machst dir scheinbar unnötig Sorgen. Der Traum, der dich gerade hat hochschrecken lassen, hat dir ein völlig falsches Bild suggeriert. Also, setzt dich und lass uns reden.“
Ich tat, was er mir sagte. Wie in Trance setzte ich mich ganz dicht neben ihn und schaute ihm in seine wunderschönen, tiefblauen Augen. Ich merkte, wie ich sofort ruhiger wurde.
„Du wolltest doch, dass ich komme.“, sagte er, „und jetzt bin ich hier.“
Hatte ich das wirklich gewollt? Zwar hatte ich, bevor ich eingeschlafen war, an ihn gedacht, aber war ich wirklich der Ansicht, dass er deshalb gleich hier auftauchen würde? Wie dem auch sei, jetzt saß er eindeutig hier in meinem Schlafzimmer.
„Der Traum hat dich wieder in deiner Entscheidung schwanken lassen, nicht wahr? Deine Entscheidung stand vorher doch schon so gut wie fest.“
„Ich weiß es nicht, Raoul. Mein Leben würde nie wieder so sein, wie es einmal war. Es gäbe kein Zurück mehr. So ist es doch, oder?“
„Das stimmt. Wenn du erst einmal auf unserer Seite bist, dann wirst du es auf ewig sein. Aber du solltest noch einiges über das Vampirdasein erfahren. Ich denke, das wird es für dich leichter machen. Also, was das Blut anbelangt, von dem wir uns ernähren, so trinken wir nur von den Menschen, die den Tod verdient haben, das habe ich ja schon mehrfach betont. Ansonsten greifen mittlerweile die meisten von uns auf Blutkonserven zurück, die wir uns, leider auf illegalem Wege, aus Krankenhäusern oder Blutbanken beschaffen müssen. Du brauchst aber auch nicht jede Nacht etwas. Man kann sogar tagelang ohne einen Tropfen auskommen, das ist alles reine Gewöhnungssache.“
„Allein die Vorstellung, mich überhaupt von Blut zu ernähren, finde ich ehrlich gesagt ziemlich abstoßend. Aber gut, was ändert sich sonst noch? Mal davon abgesehen, dass ich mich nur noch nachts auf die Straße trauen kann.“
Auch das war etwas, was ich nicht wirklich toll fand. Nicht, dass ich gegen die Nacht etwas einzuwenden hätte, ganz im Gegenteil, aber ich war mir dennoch sicher, dass ich die Sonne irgendwann vermissen würde.
„Du brauchst keine Angst vor Kruzifixen oder Knoblauch zu haben. Es ist schon lang her, dass die Menschen uns damit in die Flucht schlagen konnten. Du selbst wirst lernen, die Gedanken anderer Personen zu lesen, so wie ich es auch bei dir getan habe; allerdings wird sich diese Art der Kontaktaufnahme zwischen uns nicht mehr praktizieren lassen, wenn ich dich zu einer der Unsrigen gemacht habe. Der Schöpfer kann nämlich niemals die Gedanken seines Geschöpfes lesen und umgekehrt. Deine gesamten Sinne werden sich schärfen. Du wirst besser sehen, hören und riechen können, als du es dir jemals zu träumen gewagt hättest. Am Anfang kann das sehr verwirrend und anstrengend sein, aber dafür stehe ich dir ja als dein Lehrmeister zur Seite.“
„Du lässt mich also nicht allein, wenn die Verwandlung vollzogen ist?“ Dass er da sein würde, wenn ich ihn brauchte, war wohl mit ausschlaggebend für die letztendliche Entscheidungsfindung. „Das würde ich niemals tun. Allein würdest du die ersten Tage gar nicht überstehen. Und außerdem haben wir in einer kleinen Gruppe bessere Chancen unsere Aufgaben zu erfüllen, als wenn wir allein auf die Jagd gehen würden. Du würdest, wenn es dir recht ist, bei uns in den Pyrenäen leben.“ Ich hatte mein Gesicht von ihm abgewandt und versuchte mir selbst über meine nächsten Worte klar zu werden. „Meinst du, du bist jetzt bereit? Deine Gedanken sind sehr wirr.“
Offensichtlich hatte er selbst mit seinen telepathischen Fähigkeiten Probleme, aus diesem konfusen Wirrwarr schlau zu werden.
„Ich glaube schon.“, sagte ich mit zitternder Stimmer. „Schließlich hat Crawena doch schon vor Jahren gewusst, dass ich eines Tages dazugehören würde und wir wollen sie doch unter keinen Umständen enttäuschen.“
„Du sollst uns keinen Gefallen tun, sondern dir selbst. Es ist zwar deine Bestimmung, trotzdem musst du selbst davon überzeugt sein.“ Raouls Stimme klang leicht gereizt.
Ich kam mir in dem Moment wie ein kleines Kind vor, das beim Lügen ertappt wurde. „Entschuldige bitte. Ich sollte wirklich nicht so zynisch sein. Darf ich dich etwas fragen, Raoul?“
„Selbstverständlich.“ Sofort klang er wieder freundlicher.
„In den Pyrenäen hast du gesagt, dass du seit über zwanzig Jahren auf mich gewartet hast.“
„Stimmt. Als du geboren wurdest, hatte Crawena ihre erste Vision. Sie fing deine außergewöhnliche Aura auf. Sie hat dich in all den Jahren nicht aus den Augen verloren und jetzt hat sich ihre Prophezeiung offenbar erfüllt.“
„Ich frage nur, weil mir eingefallen ist, dass ich in den vergangenen Jahren immer wieder von ein und demselben Traum heimgesucht wurde. Bis zu unserer Begegnung am Pic de Serrère hatte ich ihn völlig vergessen, aber seitdem taucht er wieder jede Nacht auf. Es sind nicht viele Bilder und scheinbar ergeben sie auch keinen Zusammenhang – zumindest gab es den für mich bis vor ein paar Tagen nicht.“ Raoul sah mich erwartungsvoll an. „Also.“, begann ich etwas unschlüssig, „zuerst ist es stockdunkel und dann schwebt plötzlich Justitia aus der Finsternis auf eine Frau zu, die mit dem Rücken zu mir steht, so dass ich ihr Gesicht nicht erkennen kann. Als die Göttin der Gerechtigkeit dann direkt vor ihr steht, dreht sich diese Frau um und ich sehe mir selbst in die Augen. In meinem Mundwinkel ist ein kleines rotes Rinnsal zu erkennen und ich lächle. Das ist auch schon alles.“
Jetzt lächelte Raoul. „Siehst du, auch dir war deine Bestimmung bereits seit Jahren klar. Sie musste nur erst an deine Bewusstseinsoberfläche gelangen.“
Ich ließ alles noch einmal Revue passieren. „Lass mir noch die nächsten achtundvierzig Stunden Zeit damit ich hier alles regeln kann, danach komm ich mit dir.“
Jetzt war es also offiziell, in zwei Tagen würde nichts mehr so sein wie zuvor.
„In Ordnung. Montagnacht komme ich wieder. Mach dir keine Sorgen, ich verspreche dir, ich werde behutsam sein.“ So schnell wie er aufgetaucht war, so schnell verschwand er auch wieder und ich blieb allein zurück.
Da es bereits zu dämmern begann, kochte ich mir einen Kaffee und überlegte intensiv, um was ich mich an diesem Tag alles kümmern musste. Genaugenommen war es gar nicht soviel. Ich würde ja nicht vom Erdboden verschwinden. Ich würde nur mein Leben in die Nachtstunden verlegen, mehr nicht.
