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Ist sie bereit, für die Liebe alles aufzugeben? Der Zarenhof im 19. Jahrhundert: Voller Freude begleitet die badische Prinzessin Sophie Elisabeth ihre beste Freundin nach Sankt Petersburg, wo diese einen Fürsten heiraten soll. Bis zur Hochzeit sind die beiden jungen Frauen Gäste im wunderschönen Winterpalais. Doch der Glanz des Palastes enthüllt schon bald seine verborgenen Schatten, als Sophie Elisabeth einem Leibwächter des Zaren begegnet: Der junge Leutnant Nikolai Danilowitsch ist anders als alle Männer, die sie bisher kennengelernt hat. Was sie für ihn fühlt, ist ebenso überwältigend wie gefährlich, denn Nikolai ist einem hinterhältigen Komplott auf der Spur, das plötzlich den Zaren gegen ihn aufbringt. Nikolai muss fliehen, mitten hinein in die wilden Weiten Alaskas. Ihm zu folgen wäre wahnsinnig – doch Sophie Elisabeth spürt, dass ihr Herz längst ihm gehört … Der erste Roman der berauschenden historischen Romantik-Saga, die Fans von Anne Jacobs und Emilia Flynn begeistern wird!
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Seitenzahl: 484
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Der Zarenhof im 19. Jahrhundert: Voller Freude begleitet die badische Prinzessin Sophie Elisabeth ihre beste Freundin nach Sankt Petersburg, wo diese einen Fürsten heiraten soll. Bis zur Hochzeit sind die beiden jungen Frauen Gäste im wunderschönen Winterpalais. Doch der Glanz des Palastes enthüllt schon bald seine verborgenen Schatten, als Sophie Elisabeth einem Leibwächter des Zaren begegnet: Der junge Leutnant Nikolai Danilowitsch ist anders als alle Männer, die sie bisher kennengelernt hat. Was sie für ihn fühlt, ist ebenso überwältigend wie gefährlich, denn Nikolai ist einem hinterhältigen Komplott auf der Spur, das plötzlich den Zaren gegen ihn aufbringt. Nikolai muss fliehen, mitten hinein in die wilden Weiten Alaskas. Ihm zu folgen wäre wahnsinnig – doch Sophie Elisabeth spürt, dass ihr Herz längst ihm gehört …</
eBook-Neuausgabe Januar 2026
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Titelbildgestaltung: Wildes Blut – Atelier für Gestaltung Stephanie Weischer unter Verwendung mehrerer Motive von ideogram.ai/wildesblut sowie mehrerer Bildmotive von © shutterstock
eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (ah)
ISBN 978-3-69076-268-7
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Christopher Ross
Roman
»Die Russen sollen bloß nicht denken, dass ich mir einen Mann in Sankt Petersburg angeln will«, sagte Sophie Elisabeth. »Wenn es so wäre, hätte ich auch den Offizier heiraten können, der jeden Sommer im Maison Messmer in Baden-Baden absteigt. Der wäre eine ideale Partie gewesen, sagen meine Eltern. Seine Familie ist sehr vermögend, er sieht gut aus und hat gute Aussichten, zum Hauptmann der kaiserlichen Armee befördert zu werden.«
»An den kann ich mich erinnern«, erwiderte Dorothée. »Grigori Sergejewitsch, nicht wahr? Ein stattlicher Mann. Ich war damals schon Dimitri versprochen, sonst wäre ich sicher versucht gewesen, seine Einladung zu einer Kutschfahrt anzunehmen. Ich habe nie verstanden, warum du ihn abgewiesen hast. Einen attraktiven Mann wie ihn findest du selten. Was war mit ihm?«
»Nichts, Dorothée, absolut nichts, das war es ja, was mich so an ihm gestört hat. Er war ein Langweiler, der stundenlang von seinen Erlebnissen als Soldat erzählte, obwohl er während des Krimkrieges noch zu jung für einen Einsatz war, und mit seinen Reitkünsten geprahlt hat. Seine Eltern besitzen ein großes Gestüt außerhalb von Moskau. Was ich so tue, interessierte ihn nicht.«
»So sind sie eben, die Männer. Sie wollen alle stolze Krieger sein, oder was meinst du, warum sie sonst einen Krieg nach dem anderen anfangen?« Dorothée fand nichts Verwerfliches dabei. »So war es doch immer. Die Männer führen Krieg und häufen Besitz an, und wir Frauen verwöhnen sie mit unserem Lächeln und kostbaren Kleidern und schenken ihnen viele Kinder.«
Sophie Elisabeth blickte sie zweifelnd an. »Und wo bleibt die Liebe?«
»Wenn ich mit einem stattlichen Mann zusammenlebe, und da bin ich mir bei Dimitri ganz sicher, stellt sich die Liebe von selbst ein. Bei meinen Eltern war es genauso, sagt meine Mutter. Die angeblich wahre große Liebe wie in diesem Roman, aus dem du mir vor unserer Abfahrt in Karlsruhe vorgelesen hast ...«
»Ivanhoe von Sir Walter Scott.«
»... Eine solche Liebe gibt es doch nur in Romanen.« Dorothée lächelte geheimnisvoll. »Aber keine Angst, mir wird schon etwas einfallen, um die Leidenschaft meines Bräutigams zu wecken. Ich habe keine Angst vor der Hochzeitsnacht. So wie mir Dimitri beschrieben wurde, ist er ein außergewöhnlicher Mann, der es mir leicht machen wird, mich für ihn zu begeistern.«
»Ich lasse mir keinen Mann vorschreiben«, widersprach Sophie Elisabeth. »Und wenn mein Vater den Zaren gebeten hat, alle heiratswilligen Offiziere der Leibgarde auf mich zu hetzen, werde ich mir die Freiheit nehmen, mich selbst zu entscheiden. Ich glaube an die Liebe. Und eher bleibe ich unverheiratet, als mit einem Mann zusammenzuleben, für den ich nichts empfinde.«
Dorothée war nicht beleidigt, kicherte sogar ein wenig. »Du warst schon immer ein Dickkopf, liebe Sophie Elisabeth. Als ob es einer Adeligen möglich wäre, auf einen Mann zu verzichten und allein durchs Leben zu gehen.«
»Wir werden sehen, Dorothée.«
»Wenn du dabei bloß nicht stolperst.«
»Oder im Eis einbrichst«, spann Sophie Elisabeth den Gedanken weiter. Sie hatte den Samtvorhang zur Seite geschoben und blickte auf die verschneiten Felsen, die sich an der Küste türmten. Eine dichte Eisschicht bedeckte den Finnischen Meerbusen, der Horizont schien mit dem feuchten Nebel über Sankt Petersburg zu verschmelzen. »Hier ist immer noch Winter.«
»Und in Baden-Baden blühen bereits die Krokusse.«
Sophie Elisabeth, die umschwärmte Prinzessin aus dem Großherzogtum Baden, ließ den Vorhang zurückfallen und lehnte sich auf der samtbezogenen Sitzbank zurück. Auch in ihrer Reisekleidung vermochte sie die Männer zu verzaubern, wie auch bei ihrem letzten Halt in einem angesehenen Gasthaus zu spüren gewesen war, als die männlichen Bediensteten ihr jeden Wunsch von den Augen abgelesen hatten. Es war nicht nur ihre Schönheit, die sie so begehrenswert machte, sondern vor allem ihr Lächeln, das schelmisch, aber auch arrogant sein konnte und ihre Bewunderer ständig herauszufordern schien. Ihre Augen, kristallblau wie ein Bergsee in den Alpen, schienen ständig in Bewegung zu sein und sollten wohl auch ein wenig von ihrer kecken Stupsnase und den Sommersprossen ablenken, die sich nicht immer unter einer Puderschicht verstecken ließen. Ihre honigblonden Haare waren nachlässiger als sonst frisiert und verschwanden fast vollständig unter ihrer uschanka aus kostbarem Zobelpelz, dem Material, aus dem auch ihr Mantel geschneidert war. Beides waren Geschenke eines russischen Fürsten aus der Gegend von Moskau.
Dorothée von Hessen-Darmstadt, ihre beste Freundin aus dem benachbarten Großherzogtum, war nicht so auffallend hübsch wie sie, wusste sich aber besonders anmutig zu bewegen und war eine hervorragende Tänzerin. In ihrer Jugend hatte sie jahrelang Ballettunterricht genommen. Sie war dem russischen Fürsten Dimitri Iwanowitsch versprochen, dem Besitzer eines ausgedehnten Landgutes zwischen Moskau und Sankt Petersburg und Vertrauten der Zarenfamilie. Sie hatten sich noch nie gesehen, doch eine Verbindung zwischen den beiden Häusern erschien mehr als vernünftig, und alle, die den Fürsten kannten, beschrieben ihn als stattlichen und äußerst attraktiven jungen Mann.
Sophie Elisabeth, begierig darauf, fremde Städte und Länder zu sehen, hatte ihren Vater gebeten, die Freundin begleiten zu dürfen, und er hatte nach kurzem Überlegen zugestimmt, wohl in der Hoffnung, sie könnte auf den festlichen Bällen in der Zarenresidenz einen jungen Mann finden, der ihren hohen Ansprüchen genügte. Zar Alexander II. hatte sich bereit erklärt, die beiden Prinzessinnen den ganzen Sommer bei sich aufzunehmen. »Mit ihrer außerordentlichen Schönheit werden sie eine Bereicherung unseres Lebens sein«, schrieb er in seinem Antwortbrief, den ihr Vater lächelnd zitiert hatte.
Sophie Elisabeth blickte erneut aus dem Fenster und bewunderte die Isaakskathedrale, die sich wie ein mächtiges Monument aus den Nebelschwaden erhob. Auch auf ihrer goldenen Kuppel lag noch Schnee, die Überreste eines langen Winters und der Grund dafür, dass die Zarenfamilie noch im Winterpalast am Ufer der Newa wohnte. Die blasse Sonne, im nebligen Dunst kaum zu sehen, spiegelte sich auf dem zugefrorenen Fluss und den weißen Dächern der Häuser. Ihre Kutsche holperte über das Kopfsteinpflaster, wo es nicht von Schnee und Eis bedeckt war, und zog die neugierigen Blicke zahlreicher Passanten auf sich, die an den fremden Wappen auf den Türen erkannten, dass Prinzessinnen aus einem fremden Land zum Winterpalast fuhren.
»Eine großartige Stadt!«, sagte Sophie Elisabeth. »Wusstest du, dass die Zarenfamilie ihr eigenes Theater hat? Und die Ballettaufführungen im neuen Bolschoi-Theater sollen Weltformat haben. Wir werden uns bestimmt nicht langweilen! Am Newski-Prospekt findest du Läden, wie es sie nicht einmal in Paris oder London geben soll. Ich werde dort einkaufen, selbst wenn es Frauen nicht gestattet ist, eigenes Geld auszugeben. Es gibt immer einen Weg, das wissen wir doch. Du wirst ein Brautkleid brauchen, nicht wahr?«
Dorothée lächelte bei der Vorstellung. »Ich weiß, aber die Hochzeit wird erst im Juni stattfinden. Während der weißen Nächte, wenn die Sonne kaum hinter dem Horizont verschwindet, soll Sankt Petersburg am schönsten sein. Dann werden auch meine Eltern kommen. Sie wollen, dass Dimitri und ich uns erst einmal kennenlernen. Aber der Hochzeitstermin steht bereits fest. Der vierzehnte Juni.«
»Dann kannst du nicht mehr abspringen? Selbst wenn du ihn nicht magst?«
»Wie kommst du denn darauf?« Dorothée schüttelte den Kopf, wie eine Mutter, die sich über eine alberne Bemerkung ihrer Tochter mokiert. Wenn ich plötzlich Nein sagen würde, gäbe es doch einen handfesten Skandal, der sogar politische Folgen haben könnte. Nein, ich weiß, was ich zu tun habe.«
»Und mich hältst du für ein ungezogenes Gör.«
»Wenn du meinst.« Dorothée grinste.
»Vielleicht hast du recht, aber so bin ich nun mal. Ich weiß, dass eine Prinzessin zu gehorchen hat, aber ich lasse mir ungern was vorschreiben. Manchmal würde ich am liebsten verschwinden, einen anderen Namen annehmen, mich wie eine Bürgerliche kleiden und untertauchen. Um die Welt ziehen und Abenteuer erleben. Eine verrückte Idee, nicht wahr? Und es kostet viel Geld.«
»Das du nicht hättest, wenn du deine Familie im Stich lassen würdest.«
»Hattest du denn nie solche Gefühle?«
»Ich?« Dorothée musste lachen. »Nein, ich finde es schon abenteuerlich, einen russischen Fürsten zu heiraten und auf einem Landgut zwischen Moskau und Sankt Petersburg zu wohnen. Ich werde meine Eltern vermissen ... und dich.« Sie schien sich einen Ruck zu geben. »Aber ich weiß, Dimitri wird alles tun, um mir das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Das hat er mir in einem Brief versichert. Er hat mir auch versprochen, jeden Sommer mit mir nach Baden-Baden zu fahren. Dort wird alles wie früher sein. Wenn Dimitri sich um seine Geschäfte kümmert, werden wir genug Zeit haben, im Park spazieren zu gehen und den neuesten Klatsch auszutauschen.«
Der Kutscher ließ die Pferde langsamer gehen. Sophie Elisabeth hob erneut den Vorhang und sah, dass sie sich dem Winterpalast näherten. Sie kannte das Gebäude von Gemälden und Stichen und wusste um die monumentale Größe des Palais, war aber dennoch überrascht vom Anblick des riesigen Komplexes. Wie sie während ihrer Vorbereitung auf die Reise erfahren hatte, waren dort die Kunstsammlungen der Zaren untergebracht. Katharina die Große hatte vor knapp hundert Jahren über zweihundert Gemälde von einem bekannten Berliner Kunsthändler erworben. Sophie Elisabeth war eher dem Schauspiel und dem Ballett als der bildenden Kunst zugetan, aber dennoch begierig darauf, die kostbaren Gemälde zu sehen. Anders als die meisten Prinzessinnen im Großherzogtum Baden, die sich mit nutzlosem Tand vergnügten und darauf verließen, einen Adeligen zu heiraten, war sie immer lernbegierig gewesen, auch weil sie so weit wie möglich ihre Unabhängigkeit behalten wollte. Ein Wunsch, den weder Dorothée noch andere Freundinnen verstanden.
Einige Soldaten der Leibgarde waren angetreten, als ihnen ein Bediensteter aus der Kutsche half. Die Gardisten waren hochgewachsene junge Männer in blau-weiß-roten Uniformen und blitzenden Grenadiermützen. Ihre Gewehre waren eingefettet und glänzten in dem fahlen Licht, das durch den Nebel drang. Sophie Elisabeth lächelte ihnen huldvoll zu, auch diesmal wieder erfreut über die Verlegenheit, die sie mit ihrer Geste unter den Burschen auslöste, und schritt an ihnen vorbei, ihr Kleid nur so weit gehoben, dass ihre Knöchel nicht zu sehen waren.
Eher zufällig blieb ihr Blick am Offizier der Leibgarde hängen. Einer von zu vielen Soldaten, denen sie schon begegnet war, glaubte sie, bis sie in seine Augen blickte und sich von ihnen auf sonderbare Weise verzaubert fühlte. Sie leuchteten wie kostbare Edelsteine und zogen sie in ihren Bann, umschmeichelten sie mit einem bewundernden Lächeln, das bei einem Offizier der Leibgarde nur angedeutet sein durfte, und wirkten dabei so entschlossen, als hätte er sich schon nach dem ersten Blickkontakt entschieden, sie nicht mehr loszulassen. »Leutnant Nikolai Danilowitsch zu Ihren Diensten, Eure Durchlaucht!«, sagte er. Er salutierte und begrüßte ihre Freundin, doch auch als er sich Dorothée zuwandte, schien seine Aufmerksamkeit noch ihr zu gelten.
Sie blieb stehen und betrachtete ihn ungeniert, war immer noch verzaubert von dem Leuchten in seinen dunklen Augen. Er hatte Gardemaße, war breit in den Schultern wie jemand, der nicht vor körperlicher Arbeit zurückschreckte, eine Eigenschaft, die sie selten bei Offizieren gesehen hatte. Sein Gesicht wies eine schmale Narbe an der linken Schläfe auf, wahrscheinlich von einem Säbel oder einem Bajonett, trug aber eher zu dem Eindruck von Männlichkeit bei, der von einem leicht nach vorn geschobenen Kinn verstärkt wurde, ein Zeichen seiner Entschlossenheit, für eine Sache einzutreten. Seine Haut war etwas dunkler als die seiner Soldaten, anscheinend hielt er sich viel im Freien auf. Mehrere Orden schmückten seine uniformierte Brust.
Sophie Elisabeth war so plötzlich stehen geblieben, dass Dorothée gegen sie stieß und sich überrascht an ihr festhielt. Ein Fauxpas, den keiner der Anwesenden wahrzunehmen schien, auch der Leutnant nicht. Dorothée warf ihr einen neugierigen Blick zu, erkannte wohl, wie sehr sie von dem Leutnant angetan war, und lächelte beinahe schadenfroh. »Na, das ging ja schnell!«, flüsterte sie ihr zu. »Ich dachte, du wolltest dich von den Russen nicht blenden lassen, und was tust du? Du knickst schon vor einem Gardeoffizier ein.« Sie bedachte den Leutnant selbst mit einem verstohlenen Blick und senkte rasch den Kopf, als er es bemerkte. »Aber du hättest es wahrlich schlechter treffen können. Hoffen wir, dass der Bursche nicht verheiratet ist.«
Im Ostflügel des riesigen Palastes erwarteten sie zwei Kammerzofen, die Alexander für sie abgestellt hatte. »Ich bin Mascha«, stellte sich die eine Dame bei Sophie Elisabeth vor. »Die Bediensteten werden einige Zeit damit zu tun haben, Ihr Gepäck in Ihr Zimmer zu bringen. Ich habe bereits einen Diener angewiesen, die Wanne für ein heißes Bad zu füllen. Sobald wir Sie landfein gemacht haben, erwarten Sie der Zar und seine Gemahlin zu einem Imbiss, und anschließend wird man Ihnen das Palais zeigen. Einverstanden?«
Die Frage erübrigte sich, der Zar hatte anscheinend längst festgelegt, wie sie den Nachmittag verbringen sollten. »Ein enger Stundenplan. Ist der Zar immer so streng? Ich dachte, die Russen würden alles etwas lockerer nehmen.«
»Alexander ist ein sehr gewissenhafter Mann«, antwortete die Zofe. Obwohl Sophie Elisabeth fließend Russisch sprach, konnte sie die Frau nur schwer verstehen. Ein sibirischer Dialekt, wie sie später erfahren sollte. »Er wurde zum Offizier ausgebildet. Zu seinen Erziehern gehörte ein deutscher Offizier. Aber dass er so streng ist, hat er wohl von seinem Vater Nikolaus. Gott habe ihn selig.«
Mascha erwies sich als verständnisvolle und erstaunlicherweise sehr gebildete Frau. Sie hatte sich über viele Jahre hinweg nach oben gearbeitet und sich ihren verantwortungsvollen Posten redlich verdient. Wenn es um Körperpflege ging, ließ sie jedoch nicht mit sich spaßen. Sie seifte Sophie Elisabeth gründlich ein und bearbeitete sie mit einer großen Bürste, die auch den letzten Staub aus ihren Poren entfernte. Weitaus angenehmer war der samtweiche Schwamm, mit dem sie anschließend die Seife von ihrer Haut wusch. Für ihre Haare stellte die Zofe eine Schüssel mit einer Mischung aus Wasser und Kamillentee bereit, nach dem Abtrocknen massierte sie die Haare mit eingeölten Fingern. Das gründliche Waschen der Haare galt als unschicklich. »Der kaiserliche Haarmeister wird Ihnen bei der Frisur helfen.«
Der Haarmeister, ein schlanker, auffallend nervöser Mann, brauchte eine knappe Stunde für Sophie Elisabeths Frisur und sprach dabei kein Wort. Nach getaner Arbeit suchte er ihren Blick im Spiegel. »Die Frisur so genehm, Durchlaucht?«
»So wird es gehen«, erwiderte sie, eigentlich ein Affront gegenüber dem Haarmeister, der mühsam seinen Ärger verbarg und antwortete: »Ihre Majestät hat mir lediglich eine Stunde gegeben. Mehr ist in dieser kurzen Zeit nicht möglich. Vor dem Ball werde ich mehr Zeit haben und Ihnen die Frisur geben, die Sie verdienen, Durchlaucht.« Sein Ärger war bereits verraucht.
»Vor welchem Ball?«, fragte sie Mascha, als er gegangen war.
»Ein großes Fest, das der Zar jedes Jahr vor dem Umzug in den Sommerpalast gibt, Durchlaucht. Die Einladungen sind bereits verschickt, habe ich mir sagen lassen. Die wichtigsten Würdenträger aus Militär, Politik und Gesellschaft werden sich die Ehre geben.« Ein leises Kichern kam über Maschas Lippen. »Wer weiß, vielleicht treffen Sie dort den Mann Ihrer Träume. Man erzählt sich, dass Ihrem Vater sehr daran gelegen ist, Sie in Russland zu verheiraten.«
Sophie Elisabeth hielt beim Anlegen ihrer Unterwäsche inne und hob erstaunt den Kopf. »So, so, das erzählt man sich? Woher weißt du das alles, Mascha? Bisher dachte ich, nur die Kammerzofen meiner Heimat kennen alle Geheimnisse.«
»Ich komme viel rum im Palais«, erklärte Mascha, »da schnappt man manches auf. Ihr Willkommensessen besteht aus überbackenem Fisch und Boeuf Stroganoff mit Kartoffeln, und zum Nachtisch ...« Wieder dieses leise Kichern. »Das sage ich Ihnen besser nicht. Das soll eine Überraschung bleiben.«
Sophie Elisabeth lachte. »Mascha, du lebst gefährlich, weißt du das?«
Noch im Ankleidezimmer sprühte die Zofe sie mit einem kostbaren Duftwasser ein, ein Geschenk der Zarin, wie sie ausdrücklich betonte. Das Parfüm verbreitete einen angenehmen Duft, den sie nicht zu bestimmen wusste.
»Eine Sonderanfertigung mit Kräutern der Taiga«, verriet Mascha.
Die Bediensteten hatten inzwischen ihre Koffer von der Kutsche gewuchtet und in ihre Zimmer getragen. Ein Schlafzimmer, ein Ankleidezimmer, ein kleiner Salon und ein geräumiges Bad. Das Himmelbett war aus poliertem Mahagoni gefertigt und von ebenso kostbaren Schränken und Kommoden umgeben. Neben der Tür stand ein Sessel mit dunkelrotem Samtüberzug. An den Wänden hingen Gemälde und vergoldete Ikonen, die sicher sehr wertvoll waren.
»Dieser Leutnant Danilowitsch«, fragte Sophie Elisabeth so beiläufig wie möglich, »der Offizier, der uns bei der Ankunft begrüßt hat. Was ist das eigentlich für ein Mann?« Sie vermied es, die Zofe anzusehen, denn sie war sicher, dass ihr Blick sie sofort verraten würde. »Er wirkte so geheimnisvoll und irgendwie anders.«
»Anders?« Mascha unterdrückte ihr Kichern diesmal nicht. »Er ist der bestaussehende Mann des ganzen Regiments. Die Frauen stehen Schlange bei ihm. Ein Gardesoldat im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn er wollte, könnte er jede haben, aber er scheint sich nur für seine Karriere zu interessieren.«
»Er hat sich noch nicht gebunden?«
Sophie Elisabeth trug ein dunkelgrünes Musselinkleid mit weißer Schärpe, das ihre hochgesteckten blonden Haare noch besser zur Geltung brachte, und hatte sich in ein enges Korsett gequält, das ihr kaum noch Luft zum Atmen ließ. Sie hasste Korsetts und hätte am liebsten ganz darauf verzichtet, musste bei einem Blick in den Spiegel aber zugeben, dass die enge Wespentaille sie noch weiblicher und verführerischer aussehen ließ. Bei ihrer ersten Begegnung mit dem Zarenpaar wollte sie einen möglichst guten Eindruck hinterlassen.
Ein Höfling führte sie und Dorothée, die ebenfalls große Sorgfalt auf ihre Erscheinung gelegt hatte, in einen Salon neben den Privatquartieren des Zaren und verabschiedete sich mit einer Verbeugung. Sophie Elisabeth nahm ihn kaum wahr. Ihre Augen ruhten auf Zar Alexander II. und seiner Frau Marija Alexandrowna, dem Herrscherpaar eines Reiches, das bis nach Asien reichte, sodass man Monate brauchte, um von einem Ende ans andere zu gelangen.
Aus den Erzählungen und Gerüchten, die in Baden-Baden und auch in Karlsruhe über das Zarenpaar im Umlauf waren, glaubte sie, die beiden genau zu kennen, und doch kam ihr Alexander bei dieser ersten Begegnung eher fremd und unnahbar vor. An diesem Abend und auch sonst schien er ständig von Sorgen geplagt zu sein. In seiner maßgeschneiderten Uniform mit den vielen Orden und Ehrenzeichen bot er eine stattliche Erscheinung. Seine Augen wirkten ein wenig starr, als wäre sein Blick dauernd in die Ferne gerichtet, seine Haare waren sauber gescheitelt, der buschige Schnurrbart sorgfältig getrimmt. Ihr erfrischender Anblick entlockte ihm ein eher bemühtes Lächeln.
»Majestät«, begrüßte sie den Zar mit einem Hofknicks. »Ich überbringe Ihnen und Ihrer Gattin die besten Grüße meiner Eltern und bin Ihnen sehr dankbar, einige Zeit an Ihrem Hof zu verbringen und mich weiterbilden zu dürfen.« Dorothée tat es ihr nach, nur entsprach ihr Knicks noch eher den strengen Regeln, die am Zarenhof galten. »Es ist uns eine besondere Freude.«
Wie es auch in russischen Adelskreisen üblich war, hatten sie französisch gesprochen, und auch Alexander hieß sie in der höfischen Sprache willkommen, doch die Zarin durchbrach das Protokoll und antwortete auf Deutsch, das auch ihr Mann verstand: »Willkommen in unserem Winterpalast. Ich freue mich besonders, eine junge Adelige aus dem Großherzogtum Hessen begrüßen zu dürfen.« Die Zarin war als fünftes Kind des Großherzogs Ludwig II. als Marie von Hessen und bei Rhein aufgewachsen. Als Ehefrau von Alexander II. war sie unter dem Namen Marija Alexandrowna zur Zarin aufgestiegen. Sie wirkte sehr zerbrechlich und versuchte vergeblich, ihre auffallend blasse Haut unter Wangenrouge zu verbergen. Im Großherzogtum Hessen ging das Gerücht, dass sie die Untreue ihres Mannes in die Krankheit getrieben hatte.
Die beiden Männer, die Alexander nach der formellen Begrüßung zu sich rief, sah Sophie Elisabeth erst, als sie sich dem Zaren näherten. Sie konnte sich denken, wer der schmucke Soldat war, der Dorothée wie eine begehrte Trophäe musterte und dabei verhalten lächelte. »Fürst Dimitri Iwanowitsch«, stellte er sich mit fester Stimme vor. Mit einem verstohlenen Blick erkannte Sophie Elisabeth, dass sein selbstsicheres Auftreten großen Eindruck auf ihre Freundin machte. Dorothée war offenbar jetzt schon in den Offizier verliebt.
Sie selbst verbarg nur mühsam ihr Entsetzen, als der andere Mann ins Licht des Kerzenleuchters trat und sich als Grigori Sergejewitsch vorstellte. »Es ist mir eine große Ehre, Sie wiederzusehen, Durchlaucht. Ich erinnere mich gern an unsere erste Begegnung in Baden-Baden. Willkommen.«
»Durchlaucht«, benutzte auch sie die förmliche Anrede. Sie erinnerte sich nur ungern daran, dass er sie in Baden-Baden beinahe genötigt hatte, sich mit dem Vornamen anzureden. Entsprechend zurückhaltend fiel ihr Lächeln aus.
»Ich habe Leutnant Sergejewitsch die angenehme Pflicht übertragen, Ihnen morgen die Stadt zu zeigen und auch auf dem Ball am übernächsten Samstag an Ihrer Seite zu sein. Ich bin sicher, Sie befürworten meine Wahl. Am heimatlichen Hof in Baden hätte sicher niemand was dagegen, Ihnen zur Verlobung zu gratulieren. Ich denke, Grigori Sergejewitsch wäre eine gute Wahl.«
»Ich kann wählen?«, rutschte es ihr heraus.
»Entschuldigen Sie, aber es kommt alles ein bisschen plötzlich für Sophie Elisabeth«, half ihr Dorothée aus der Verlegenheit. »Sie war nicht darauf vorbereitet, hier in Russland die Bekanntschaft eines Mannes zu machen. Natürlich sind wir beide hocherfreut, mit so nobler Begleitung gesegnet zu sein.«
Hast du eine Ahnung, dachte Sophie Elisabeth, hütete sich aber, ihre Meinung kundzutun. Als Gast am Zarenhof hatte sie nicht das Recht, irgendwelche Forderungen zu stellen. »Dorothée hat recht«, zwang sie sich zu sagen. »Wir schätzen die Begleitung dieser tapferen Soldaten natürlich sehr.«
»Reiß dich gefälligst zusammen!«, raunte ihr Dorothée zu.
Während des Essens benahm sich Sophie Elisabeth der Etikette entsprechend. Sie lächelte viel und antwortete unverbindlich, wie man es von einer Prinzessin erwartete, und schaffte es sogar, zu erröten, als der Zar und Grigori Sergejewitsch ihre anmutige Aufmachung lobten. »Sie beide werden eine Bereicherung unseres höfischen Lebens sein«, lobte Alexander, fügte jedoch hinzu: »Aber ich erwarte auch, dass Sie die Monate in unserem Reich nutzen, um sich an den künstlerischen Darbietungen unserer Oper und unseres Balletts zu erfreuen und Ihren Horizont zu erweitern. Wir Russen sind für unsere starken Frauen bekannt. Auch unser Sommerpalast ist nach einer starken Frau benannt.« Er spielte auf Katharina die Große an, die den Katharinenpalast hatte bauen lassen und zu den bedeutendsten Herrscherinnen des Landes gehörte.
»Aus preußischem Geschlecht«, ergänzte Sophie Elisabeth.
»Wie ich sehe, haben Sie eine gute Ausbildung genossen.« Alexander nahm von dem gekühlten Kaviar und genoss den leicht salzigen Geschmack der edlen Fischeier. »Einer Prinzessin aus Baden, Württemberg oder Hessen stehen in Russland alle Wege offen.« Er wandte sich an seine Gattin, die von dem Kaviar genauso wenig begeistert war wie Sophie Elisabeth, die mit leichter Ungeduld auf die Hauptspeise wartete. »Hab ich nicht recht, Marija?«
»Natürlich, mein Liebster.« Man sah ihr nicht an, ob sie log.
Die erste Hauptspeise bestand aus überbackenem Fisch mit erlesenem Gemüse, danach wurden ein Champagner-Sorbet und anschließend ein würziges Boeuf Stroganoff serviert. Alexander mochte deftige Speisen. Sophie Elisabeth mundeten vor allem die leckeren Blinis mit Kirschmarmelade, dünne Pfannkuchen, in Russland so populär wie Badische Maultaschen oder Flädlesuppe.
Trotz ihres Fauxpas glaubte Sophie Elisabeth, einen guten Eindruck auf den Zar und seine Gattin zu machen. Dazu trug vor allem ihre Freundin bei, die sich mit der Etikette des höfischen Lebens noch besser auskannte und es verstand, alle Anwesenden mit geschickt verteilten Komplimenten auf ihre Seite zu bringen. Sophie Elisabeth verließ sich mehr auf ihre attraktive Erscheinung und ihr Lächeln. Sie hatte schon so manchen Mann beeindruckt, ohne ein einziges Wort zu sagen. Manchmal lächelte sie aus reiner Bosheit, nur um die Wirkung ihrer Schmeichelei zu überprüfen und gleich darauf mit arroganter Miene und vorwurfsvoll den Blick abzuwenden.
Nikolai Danilowitsch war der erste Mann, vor dem sie sich nicht verstellt hatte. Schon in dem Augenblick, als sie zum ersten Mal seinen dunklen Augen begegnet war, hatte sie gewusst, dass sie mit ihm ein besonderes Schicksal verband. Sie waren füreinander geschaffen. Ihre feste Absicht, sich im fernen Russland auf keine Liebschaft einzulassen, hatte er mit seinem glutvollen Lächeln zerstört und war ihr selbst bei ihrer flüchtigen Begegnung im Innenhof des Winterpalais so nahegekommen wie kein Mann vor ihm. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie beinahe seinen warmen Atem spüren. Sie war versucht, die Arme auszustrecken, um sich in seiner Umarmung zu verlieren.
Gab es sie denn wirklich, die Liebe auf den ersten Blick? In manchen Romanen hatte sie über solche Gefühle gelesen, aber nie daran geglaubt. Wie konnte man einen Mann lieben, den man gerade erst kennengelernt hatte? Wie konnte man den Wunsch haben, ein ganzes Leben mit ihm zu verbringen, wenn man noch nicht einmal mit ihm ausgegangen war? Und doch hatte sie dieses Gefühl bei ihrer Begegnung mit Nikolai erlebt. Oh, wie sehr wünschte sie sich, dass Alexander ihn statt Grigori Sergejewitsch an ihre Seite befohlen hätte!
Sophie Elisabeth war so in Gedanken versunken, dass sie gar nicht zuhörte, als Alexander von seinem deutschen Erzieher erzählte. Wieder sprang ihr Dorothée zur Seite: »Karl Merder, nicht wahr? Ich habe über ihn gelesen. Ein deutscher Linienoffizier, der Sie bei Ihrer Ausbildung zum Offizier unterstützt hat.« Sie tauschte einen raschen Blick mit ihrem Tischnachbarn. »Zwischen den russischen und unseren Fürstenhäusern bestand immer eine enge Verbindung. Die Grundlage für einen dauerhaften Frieden, sagen meine Eltern.«
»Sie haben sehr kluge Eltern«, lobte Alexander. Er blickte zwischen ihr und ihrem Begleiter hin und her. »Und Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Völkerverständigung. Das Russische Reich braucht kluge Frauen wie Sie.«
Sophie Elisabeth hätte gern etwas gesagt, hielt sich aber zurück. Nie im Leben würde sie sich mit Grigori Sergejewitsch verloben oder ihn gar heiraten. Hätte sie an diesem Morgen nicht Nikolai Danilowitsch getroffen, wäre sie sogar bereit gewesen, dem höfischen Leben abzuschwören und als Bürgerliche verkleidet irgendwo unterzutauchen. Wenn sie an ihn dachte, wünschte sie sich eher, den Zarenhof zu verlassen und mit ihm durchzubrennen, als mit ihren Kindern zu Hause zu sitzen und darauf zu warten, dass ihm ein Feind des Reiches sein Schwert in den Bauch rammte oder er in den Krieg geschickt wurde und während einer Schlacht in einem fernen Land getötet wurde. In ihrer Vorstellung war er ein Abenteurer, stets bereit, die eingefahrenen Wege zu verlassen und nach seinen Regeln zu leben. So wie sie es auch gern getan hätte. Ein frommer Wunsch, der wohl unerfüllt bleiben würde.
Beim Nachtisch redeten vor allem Dorothée und die Zarin.
Marija Alexandrowna war begierig darauf, Neuigkeiten aus ihrer hessischen Heimat zu erfahren. Sie war seit vielen Jahren nicht mehr zu Hause gewesen und lächelte schon, wenn Dorothée in ihren Dialekt verfiel. Politische Themen wie die wachsende Bedeutung von Preußen im Deutschen Bund und der mögliche Krieg gegen Österreich blieben unberührt. Politik war Männersache, und Alexander hütete sich, seine Frau und seine weiblichen Gäste damit zu belästigen. Woher sollte er auch wissen, dass sich Sophie Elisabeth sehr wohl für Politik interessierte und viel darüber gelesen hatte, ohne allerdings die großen Zusammenhänge zu verstehen. »Warum müssen die Männer eigentlich ständig Krieg führen?«, hatte sie ihre Mutter einmal gefragt. Die hatte nur den Kopf geschüttelt. »Weil sie nicht anders können.«
Vor allem, um nicht länger die Gegenwart von Grigori Sergejewitsch ertragen zu müssen, verabschiedete sich Sophie Elisabeth nur zu gern vom Zaren und seiner Frau. Sie bedankte sich mit einem Knicks, diesmal so tief, wie er vorgeschrieben war, und ließ sich von ihrem Begleiter bis zu ihrem Zimmer bringen. Vor der Tür konnte sie endlich wieder ihr wahres Gesicht zeigen. »Hör zu, Grigori Sergejewitsch«, sagte sie leise, aber vorwurfsvoll, »das hast du geschickt eingefädelt, aber glaub ja nicht, dass ich dir irgendwelche Sympathien entgegenbringe, nur weil du mir die Stadt zeigst und mich auf einen Ball begleitest. Ich habe dich nicht eingeladen, an meiner Seite zu sein, und schulde dir nichts. Wenn du ein wenig Mumm hättest, würdest du freiwillig als mein Begleiter zurücktreten und den Zar bitten, die Aufgabe einem anderen zu übertragen. Ich werde mich nicht mit dir verloben, und heiraten werde ich dich schon gar nicht.«
Grigori ließ sich durch die heftige Abfuhr nicht aus der Ruhe bringen. Er schürzte seine Lippen, wie er es immer tat, wenn er nervös war, und antwortete: »Tut mir leid, dass du so schlecht auf mich zu sprechen bist, Sophie.« Er nannte sie nur bei einem Vornamen, als wäre er zu faul, den zweiten auszusprechen. »Vielleicht war ich in Baden-Baden etwas zu draufgängerisch. Aber ich werde mich bessern, das verspreche ich dir, und vielleicht entwickelt sich ja doch noch Zuneigung zwischen uns. Die Liebe geht oft seltsame Wege.«
»Den Weg geht sie bestimmt nicht«, sagte sie.
Mascha wartete bereits im Ankleidezimmer, als Sophie Elisabeth die Tür öffnete. Sie beobachtete mit einem schnellen Blick, wie sich Grigori Sergejewitsch im spärlich erhellten Flur davonmachte, und verbarg nur mühsam ein Grinsen. »Ich hab schon gehört, dass Ihnen der Zar einen Verehrer geschickt hat. Verzeihen Sie meine Neugier, aber war das nicht Grigori Sergejewitsch?«
»Das war er«, erwiderte Sophie Elisabeth beinahe schnippisch, »aber ich würde ihn nicht meinen Verehrer nennen. Ich kenne ihn von seinen Besuchen in Baden und konnte mich schon damals nicht für ihn begeistern. Ehrlich gesagt, würde ich jeden anderen nehmen, bevor ich mich mit ihm einlasse.«
»Das glaube ich gern, Durchlaucht.«
»Sag Sophie Elisabeth zu mir.«
»Aber die Zarin hat uns aufgetragen, alle Gäste mit ihrem Rang anzusprechen. Nur die kleine Maria und den kleinen Sergei darf ich bei ihrem Vornamen nennen. Wenn das Kindermädchen unpässlich ist, darf ich manchmal auf die beiden Kinder aufpassen. Das werden mal zwei lebhafte Thronfolger.«
»Sophie Elisabeth, auf einen anderen Namen reagiere ich nicht.«
»Na, schön, Sophie Elisabeth.« Sie sprach den Namen nur zögernd aus, als hätte sie Angst, der Zar oder die Zarin könnten sie hören. Mascha half ihr beim Ausziehen und ließ sie in das lange Schlafgewand schlüpfen. Wieder huschte dieses vieldeutige Grinsen über ihr Gesicht. »Sie hätten wohl lieber diesen Nikolai Danilowitsch an Ihrer Seite? Ein wirklich beeindruckender Mann.«
Sophie Elisabeth errötete gegen ihren Willen. »Ach, wirklich?«
»Nun tun Sie doch nicht so«, erwiderte Mascha lachend, »das haben Sie doch längst selbst festgestellt. Glauben Sie mir, jede Prinzessin, die wir im Zarenpalast zu Gast hatten, schwärmte für diesen Mann, aber Sie sind die Einzige, die stark genug sein könnte, um ihn einzufangen.« Die Kammerzofe war bereits dabei, Sophie Elisabeths lange Haare für die Nacht durchzubürsten, und hielt für einen Augenblick inne. »Ich würde dennoch die Finger von ihm lassen. Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich Ihnen sage, dass er sich äußerst unbeliebt beim Zaren gemacht hat und froh sein kann, wenn ihn Alexander nicht zu einer anderen Kompanie oder in ein Arbeitslager nach Sibirien schickt.«
»Was hat er denn verbrochen?«
»Ich interessiere mich nicht für Politik.«
»Aber du weißt, warum ihn der Zar nicht leiden kann.«
Mascha unterbrach erneut ihre Arbeit und hielt den halben Zopf mit den gekämmten Haaren unschlüssig in einer Hand. »Dafür gibt es mehrere Gründe, aber ich kann Ihnen nur den nennen, den sowieso jeder weiß: Leutnant Danilowitsch hat vorgeschlagen, den Bauern mehr Rechte einzuräumen. Sie wären das Rückgrat des Russischen Reiches und hätten es verdient, so bald wie möglich aus der Leibeigenschaft entlassen zu werden. Alexander zögert noch.«
»Und ich dachte, du interessierst dich nicht für Politik.« Sophie Elisabeth lächelte spöttisch. »Du weißt wahrscheinlich mehr als manche Männer, die jahrelang an einer Universität studiert haben. Warst du immer Kammerzofe?«
Mascha machte weiter, flocht die übrigen Haare zu einem Zopf und betrachtete zufrieden ihr Werk. »Ein paar Jahre habe ich für einen Gutsherrn gekocht. Bei solchen Herrschaften bekommst du viel mit. Du brauchst nur deine Ohren aufzusperren, dann wachst du jeden Morgen etwas klüger auf.«
»Und warum erzählst du mir das alles? Nur um mich vor Nikolai zu warnen? Woher weißt du, dass ich nicht zum Zaren laufe und ihm sage, was seine Kammerzofe alles weiß? Du kennst mich doch erst seit ein paar Stunden.«
»Lange genug, um Sie richtig einzuschätzen. Außerdem habe ich nichts Verfängliches gesagt. Ich habe nur wiederholt, was der ganze Palast zu wissen scheint. Wer weiß? Vielleicht könnte ich Ihnen sogar zu einem heimlichen Treffen mit Nikolai verhelfen. Ich kenne mich in diesem Palast aus.«
Sophie Elisabeth blickte sie ungläubig an. »Aber ich weiß doch nicht mal, ob er mich treffen will! Und ich habe auch keine Lust, vom Zaren entdeckt und mit Schimpf und Schande aus dem Russischen Reich gejagt zu werden.«
»Ich habe nicht gesagt, dass ich es tun werde. Ich sage Ihnen nur, was in diesem Palast alles möglich ist, wenn man sich an die richtigen Leute wendet. Glauben Sie mir, Sophie Elisabeth. Wie in jedem Kaiserpalast regieren auch hier Verrat und Intrige, das würden Ihnen selbst angesehene Höflinge bestätigen. Ohne diese Spielchen funktioniert die Politik nicht. Ich arbeite schon seit vielen Jahren für die Zarenfamilie und weiß, wovon ich rede. Mag sein, dass ich nur eine unbedeutende Kammerzofe bin, aber ich weiß, worum es geht.«
»Du bist eine erstaunliche Frau, Mascha. Du hast keine Angst.«
Mascha führte sie ins Schlafgemach und half ihr, ins Bett zu klettern. »Ich habe schon zu viel mitgemacht, um noch Angst zu haben. Mein Mann und meine beiden Kinder kamen bei einem Brand ums Leben, nur wenige Jahre nach unserer Hochzeit, und ich war die meiste Zeit auf mich allein gestellt.«
»Das tut mir leid, Mascha.«
»Braucht es nicht. Ich weiß, wie man sich durchschlägt, und habe es nicht ohne Grund bis in den Zarenpalast geschafft.« Sie zog Sophie Elisabeth die Decke hoch. »So, jetzt schlafen Sie sich erst mal aus. Nach dem anstrengenden Tag sind Sie sicher müde. Ich bin morgen früh rechtzeitig hier, um Sie für Ihre Kutschfahrt mit Grigori Sergejewitsch zurechtzumachen. Einverstanden?«
»Nein«, erwiderte sie, »aber mir bleibt wohl nichts anderes übrig.«
»Gute Nacht, Sophie Elisabeth.«
Selbst in ihrem einfachen Tageskleid, das aus einem Rock, einer Bluse und einer dunklen Samtweste bestand, sah Sophie Elisabeth bezaubernd aus. Dorothée und sie frühstückten allein, nur begleitet von zwei Bediensteten, die ihnen jeden Wunsch von den Augen ablasen und sie mit einer Vielzahl von Speisen überraschten. Aus Neugier kostete Sophie Elisabeth einen mit Kaviar bestrichenen Blini, doch Brot und Käse und eine saure Milchspeise schmeckten ihr wesentlich besser. Dazu gab es Tee mit Zucker.
»Was für ein herrliches Zimmer!«, schwärmte Dorothée von ihrem Schlafgemach. »Und dieses prunkvolle Himmelbett! Ich habe selten so gut geschlafen. Meine Eltern wussten schon, warum sie mich nach Russland schicken.«
»Doch nicht wegen der schönen Zimmer.«
Dorothée leckte Marmelade von ihrem Brot. »Sie wussten genau, welcher Mann mir gefallen würde. Ich selbst hätte ihn mir nicht besser aussuchen können!« Sie strahlte übers ganze Gesicht. »Wir sind Seelenverwandte, Sophie Elisabeth. Wir haben dieselbe Vorstellung vom Leben. Dimitri wird alles daransetzen, in der Gunst des Zaren noch höher zu steigen und einen wichtigen Posten in der Verwaltung zu übernehmen, und ich werde unseren Gutshof in ein gemütliches Heim verwandeln und mich, zusammen mit einigen Bediensteten, um die Erziehung unserer Kinder kümmern. Dimitri soll sich wohlfühlen, wenn er nach Hause kommt.« Sie biss in ihr Marmeladenbrot und kaute eine Weile. »Und du? Hast du dich mit Grigori Sergejewitsch arrangiert, oder weinst du immer noch deinem Gardeoffizier nach?«
»Ich finde mein Zimmer auch schön«, wich Sophie aus, »und ich bete zu Gott, dass ich es nie mit einem Mann wie Grigori Sergejewitsch teilen muss. Wie dreist muss ein Mann sein, der von mir abgewiesen wurde und es einige Monate später gleich noch mal versucht? Selbst wenn ich mit einem Holzhammer auf ihn einschlagen würde, könnte er nicht akzeptieren, dass ihm nicht alle Frauen zu Füßen liegen. Er ist ein selbstverliebter Trottel, der glaubt, ein hübsches Gesicht reiche aus, um eine Frau anzulocken. Hätte der Zar ihm nicht befohlen, mich zu begleiten, würde ich ihn noch heute zum Teufel schicken.«
Dorothée tupfte sich den Mund mit ihrer Serviette ab. Sie gehörte zu den beneidenswerten Menschen, die alles essen dürfen, ohne Gewicht anzusetzen. »Ein Glück, dass du deinen Ärger bezähmst. Ich wage nicht einmal, mir vorzustellen, was so eine Reaktion für einen Skandal auslösen würde.« Sie hob abwehrend die Hand, als einer der Bediensteten mit dem Brotkorb kam, und legte ihre Serviette auf den Tisch. »Ist er denn wirklich so schlimm?«
»Grigori? Er ist langweilig. Gibt es was Schlimmeres?«
»Du wirst es überleben, Sophie Elisabeth. Kein Mensch, weder der Zar noch deine Eltern, zwingen dich, ihn zu heiraten. Wer weiß, vielleicht findet ihr ja doch noch zusammen, du und dein Gardeoffizier. Bis du nach Baden zurückfährst, bleibt genug Zeit, um ihn auf dich aufmerksam zu machen.« Ihre Augen blitzten. »Vielleicht duellieren sich die beiden Männer deinetwegen. Solche Duelle sollen hier fast an der Tagesordnung sein. Wäre doch aufregend, einen Mann zu heiraten, der einen Nebenbuhler im Duell besiegt hat.«
»Das meinst du nicht im Ernst!«
»Natürlich nicht. Aber es wäre irgendwie ... romantisch.«
Nach dem Frühstück warteten Dimitri und Grigori schon auf sie. Beide trugen schnittige Ausgehuniformen und freuten sich offensichtlich über den kaiserlichen Befehl, den Tag mit zwei hübschen Prinzessinnen zu verbringen. Dimitris Lächeln war herzlicher, und man spürte schon jetzt eine gewisse Vertrautheit in der Art, wie er Dorothée in die offene Kutsche half und ihr liebevoll in die Augen blickte, als er selbst einstieg. Grigori hatte wohl noch Sophie Elisabeths despektierliche Abfuhr im Kopf und trug eine trotzige Miene zur Schau, offensichtlich nicht bereit, seine Bemühungen um sie einzustellen.
»Und ich dachte, du wärst ein ganzer Mann und würdest dich freiwillig zurückziehen. Warum bist du so erpicht darauf, deine Zeit mit einer Frau zu verbringen, die dich nicht leiden kann? Hast du denn keinen Stolz, Grigori?«
Grigori errötete leicht, vor allem deshalb, weil der Kutscher ihre Worte mitbekam und sich vergeblich bemühte, sein Grinsen zu unterdrücken. »Du bist sicher noch etwas durcheinander von der langen Reise, Sophie. Wenn du mich erst ein wenig näher kennst, wirst du anders reden.«
»Ich kenne dich gut genug, Grigori, und ich weiß ganz sicher, dass sich meine Meinung über dich nicht ändern wird. Schon in Baden-Baden hast du jegliche Noblesse vermissen lassen, als du mir weismachen wolltest, es wäre das höchste Glück auf Erden, von dir beachtet zu werden. Du hast ein hübsches Gesicht, das muss dir der Neid lassen, aber du benimmst dich wie ein eingebildeter Pfau, der nicht vertragen kann, dass nicht alle Frauen auf ihn fliegen. Von deinen anderen Qualitäten ...« Sie betonte das Wort so abfällig, dass sich der Kutscher noch einmal umdrehte, » ... will ich gar nicht reden.«
Die Worte verschafften ihr eine gewisse Genugtuung und ließen sie beinahe beschwingt in die Kutsche steigen. Doch ihre gute Laune verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Sie hätte es lieber gesehen, wenn nur eine Kutsche für alle vier Passagiere im Innenhof des Winterpalais gewartet hätte und eine Anstandsdame mitgefahren wäre. Beides hatte der Zar abgelehnt, ob aus eigenem Antrieb oder dem Wunsch ihrer Eltern entsprechend, würde sie wohl niemals herausfinden. Sie verdächtigte ihre Eltern jedoch inzwischen, den Zar in ihrem Brief nachdrücklich darauf gebeten zu haben, sich nach einem geeigneten Ehemann für sie umzusehen. »Ohne mich!«, flüsterte sie.
Der Kutscher ließ die Peitsche knallen und lenkte das Gefährt zum Haupttor. Zum Schutz gegen die erstaunlich starke Frühlingssonne, die den letzten Schnee von den Dächern schmelzen ließ, hatte sie einen Sonnenschirm aus roséfarbener Seide aufgespannt und hielt ihn so, dass sie Grigori, der glücklicherweise ihr gegenüber Platz genommen hatte, nicht ständig in die Augen sehen musste. Ihr Blick erfasste vielmehr den uniformierten Soldaten der Leibgarde, der in diesem Augenblick den Hof durchquerte und sehnsuchtsvoll in ihre Richtung blickte. »Nikolai!«, flüsterte sie. Sie erkannte ihn sofort, griff in einem Reflex nach ihrem spitzenbesetzten Taschentuch und ließ es aus der Kutsche fallen. Grigori bemerkte nichts davon.
Wieder konnte sie sich dank des Schirms nach Nikolai umdrehen, ohne Aufsehen zu erregen, und zusehen, wie er ihr Taschentuch aufhob und in seiner Hosentasche verschwinden ließ. Selbst aus der Ferne sah sie ihm an, wie gerne er seinen Platz mit Grigori getauscht oder zumindest eine Hand zum Gruß erhoben hätte. Ein Augenblick, der viel zu schnell verging und bereits Geschichte war, als die Kutsche zum Ufer der Newa rollte.
Immerhin war Grigori gut vorbereitet, als er ihr die Sehenswürdigkeiten der Stadt ohne jegliche Leidenschaft und Begeisterung schilderte und einige Male sogar von einem Zettel in seinem Uniformärmel ablas. »Der erste Winterpalast wurde bereits siebzehnhundertelf errichtet und wenige Jahre später durch einen neuen ersetzt. Katharina war er immer noch zu gewöhnlich. Siebzehnhundertvierundfünfzig ließ sie das Winterpalais, so wie du es hier siehst, wieder aufbauen, ein eindrucksvolles Symbol unserer Größe und Macht. Achtzehnhundertsiebenunddreißig zerstörte ein riesiges Feuer den Palast, doch Nikolaus I. ließ ihn nach den alten Plänen neu errichten. Lediglich der Anstrich wurde unter den Zaren gelegentlich verändert. Alexander mag Rot.«
Der Kutscher hatte angehalten, und Sophie Elisabeth ließ den Anblick des prächtigen Palastes auf sich wirken. Ein monumentales, aber majestätisches Gebäude mit architektonischen Raffinessen wie kleinen Säulen, die man erst bei näherem Hinsehen erkannte, gewaltig und unnahbar wie Russland, wenn man sich gegen dieses Land wandte, aber auch stellenweise verspielt und einladend, wenn man willkommen war und sich der Innenhof für einen öffnete. Die Front spiegelte sich auf dem Eis der Newa, die an dem Palast vorbeifloss.
Noch lagen die Teile der Isaaksbrücke kistenweise in ihrem Winterlager, und die Menschen überquerten das feste Eis zu Fuß, vergnügten sich beim Schlittschuhlaufen oder rutschten auf Schuhen über das Eis. Noch regierte der Winter in Sankt Petersburg, und auch wenn er vielerorts schon auf dem Rückzug war, prägte er immer noch die Stimmung in der russischen Hauptstadt. Beinahe so geruhsam wie im heimatlichen Karlsruhe gestaltete sich der Alltag, und der Schnee, der zumindest auf den schattigen Nebenstraßen noch den hölzernen Belag bedeckte, verschluckte sogar das Rattern der Kutschenräder. Wie in einer Märchenlandschaft bauten sich herrschaftliche Paläste, Brücken und Kanalmauern vor ihr auf, versperrten aber auch den Blick auf die Armenviertel der Stadt, von denen Sophie Elisabeth erst sehr viel später erfuhr.
Eines der Wahrzeichen, das sie besonders beeindruckte, war die Isaakskirche mit ihrer riesigen goldenen Kuppel. Über hundert Meter ragte sie nach oben, lernte sie von Grigori, und erst seit zwei Jahren gehörte sie zum Stadtbild von Sankt Petersburg. Einen grimmigen Eindruck machte die Peter-und-Paul-Festung auf sie, eine sechskantige Anlage mit zwölf Meter hohen Mauern, die auch als Gefängnis diente. Als Grigori berichtete, dass vor allem politische Gefangene in den Zellen inhaftiert wurden, bevor man sie in die Verbannung nach Sibirien schickte, musste sie unwillkürlich an Nikolai denken. Wenn er sich tatsächlich gegen den Zaren gewandt hatte und Alexander ihn aus dem Weg haben wollte, konnte es passieren, dass er ihn degradieren und in eine der angeblich vollkommen dunklen Zellen sperren ließ. Eine Vorstellung, die Sophie Elisabeth einen verzweifelten Seufzer entrang.
Erst am folgenden Morgen begegnete sie Nikolai in einem der langen Flure. Mascha war bei ihr, blickte aber bewusst zur Seite, als der Gardesoldat auftauchte und Sophie Elisabeth mit einer verstohlenen Geste ihr Taschentuch zurückgab. »Ich hoffe, Sie haben einen angenehmen Aufenthalt«, sagte er wie der Besitzer einer anspruchsvollen Herberge, der einen Gast begrüßt. Nur in seinen Augen war zu erkennen, dass er lieber etwas ganz anderes gesagt hätte. »Vielleicht sehen wir uns auf dem Ball am kommenden Samstag.« Das klang eher so, als würde er nicht daran glauben, sie dort treffen zu können.
»Ganz sicher sogar«, erwiderte sie. Seine Nähe machte sie verlegen, und als plötzlich der Zar aus einem der Salons auftauchte und sie misstrauisch musterte, verlor sie endgültig den Mut und sagte nur noch: »Bis Samstag.«
Alexander kam näher und ließ Nikolai erkennen, wie wenig er von ihm hielt. »Bringen Sie die Dame nicht in Verlegenheit«, sagte er streng. »Ich habe Leutnant Sergejewitsch eingeteilt, sich um Prinzessin Sophie Elisabeth zu kümmern, und möchte nicht, dass andere Männer ihr den Hof machen.«
»Kann ich das nicht selbst entscheiden?«, rutschte es ihr mal wieder heraus. »Ich würde mich bei Nikolai ... Leutnant Danilowitsch sehr viel wohler fühlen. Leutnant Sergejewitsch habe ich schon in Baden-Baden ...« Sie merkte gerade noch rechtzeitig, wie sie im Begriff war, Grigori zu beschimpfen, und sagte stattdessen: »Wir beide kommen leider nicht besonders gut miteinander zurecht.«
Alexander musterte sie streng, schien aber entschlossen, sie mit Nachsicht zu behandeln. »Sie haben Glück, dass mich Ihr Vater gebeten hat, ein wenig Rücksicht auf Ihre Eskapaden zu nehmen. Aber in diesem Palast habe ich das Sagen, Prinzessin, und ich hatte nur Ihr Wohl und die wachsenden Beziehungen unserer Staaten im Sinn, als ich mich entschloss, Leutnant Sergejewitsch zu Ihnen zu schicken. Das heißt noch lange nicht, dass Sie ihn heiraten müssen.«
»Verzeihen Sie, Kaiserliche Hoheit. Das sieht er aber anders.«
»Geben Sie Ihren Gefühlen Zeit, sich zu entwickeln, Prinzessin. Warum zeigt sich die Jugend immer so ungeduldig? Sie haben doch das ganze Leben noch vor sich. Geben Sie Leutnant Sergejewitsch und sich eine Chance.«
»Natürlich, Kaiserliche Hoheit«, kapitulierte sie.
Doch zwei Tage später kam es bereits zu einem neuen Eklat. Zusammen mit Dorothée und Dimitri, die bereits ein Herz und eine Seele waren und sich beinahe schon wie zwei Liebende benahmen, besuchten Sophie Elisabeth und Grigori Sergejewitsch das Bolschoi- Theater. Es war ein Ballettabend mit bekannten Tänzerinnen und Tänzern, die den hervorragenden Ruf des Theaters begründeten. Als sie das riesige Auditorium betraten, richteten sich neugierige Blicke auf die adeligen Gäste aus Baden und Hessen, und einige männliche Besucher, die sich von ihren Begleiterinnen unbeobachtet glaubten, blickten die hübschen Prinzessinnen mit unverhohlener Bewunderung an.
Während die Musiker des Orchesters ihre Instrumente stimmten, wandten sich ihre Blicke jedoch zur Bühne, und auch Sophie Elisabeth beobachtete staunend, wie sich der Vorhang hob und eine Tänzerin im weißen Kleidchen durch eine Kulisse von wild rankenden Blumen tanzte. Sie wurde mit donnerndem Applaus empfangen, die beste Primaballerina des Theaters, und tanzte mit einer solchen Anmut und Hingabe, dass die Zuschauer nach dem ersten Akt begeistert aufsprangen und ihr stehende Ovationen entgegenbrachten.
Der Zwischenfall, der noch Jahre später verlegene Röte in Sophie Elisabeths Gesicht zaubern würde, ereignete sich noch vor Beginn des zweiten Aktes, just in dem Moment, als sich das allgemeine Getuschel legte und sich Stille über den Saal senkte. Grigori legte eine Hand auf ihren Oberschenkel und zuckte erst zurück, als sie vor Schreck aufschrie und damit den ganzen Saal veranlasste, sich nach ihr umzudrehen. Sie fegte seine Hand mit einer heftigen Bewegung beiseite und sprang auf, als wäre ihr eine Kröte in den Schoß gefallen.
Wieder war es Dorothée, die sie vor ernsthafteren Folgen bewahrte. Sie drückte sie mit einem beherzten Griff auf ihren samtbezogenen Stuhl zurück und zischte ihr ins Ohr: »Reiß dich zusammen, Sophie Elisabeth! Wenn du so weitermachst, kommt es noch zu einer internationalen Krise! Bleib ruhig!«
Sophie Elisabeth setzte sich und vermied es, in den Zuschauerraum hinabzublicken. Zu peinlich waren ihr die tadelnden Blicke. Wieder einigermaßen ruhig atmen konnte sie erst, als die Musik einsetzte und der zweite Akt begann. »Was fällt dir ein?«, raunte sie Grigori zu. »Bist du nicht bei Trost? Wenn ich dem Zaren verrate, was du dir herausgenommen hast, schickt er dich noch am selben Tag nach Sibirien!«
»Ich hab’s doch nur gut gemeint. Eine liebevolle Geste.«
»Eine schamlose Geste!«
»Ich dachte, wir würden uns inzwischen besser verstehen«, sagte er. »Ich hatte gehofft, du hättest deine Abneigung mir gegenüber überwunden und würdest mir erlauben, um dich zu werben. Ich mag dich, Sophie!«
»Und ich verabscheue dich. So wirbt man nicht um eine Frau.«
»Tut mir leid, Sophie. Tut mir sehr leid.«
»Lass mich in Ruhe, Grigori. Hörst du?«
Den Abend ließ sie sich durch ihren aufdringlichen Begleiter aber nicht verderben. Dazu waren die Darbietungen der Tänzerinnen und Tänzer zu genial. Das Publikum hatte den peinlichen Zwischenfall ohnehin bald wieder vergessen. Alle waren begeistert von dem Ballettabend, und nach dem letzten Akt klatschten die Zuschauer so frenetisch, dass die Primaballerina noch einmal auf die Bühne kam und ein paar Figuren ohne Musik tanzte. Sie verband künstlerisches Einfühlvermögen mit technischer Brillanz, wie es Sophie Elisabeth in ihrer badischen Heimat nie gesehen hatte.
Mascha wusste bereits von dem Zwischenfall, als sie ihr Zimmer betrat. Wie die meisten Kammerzofen verfügte sie über ausgezeichnete Verbindungen und schnappte jedes Gerücht auf. »Ich glaube fast, Sie können Leutnant Sergejewitsch tatsächlich nicht leiden«, sagte sie mit einem hinterlistigen Grinsen, als sie ihr die Schuhe auszog. »Aber ich fürchte, die Sache wird noch ein Nachspiel haben. So was lässt Alexander sicher nicht durchgehen.«
»Du meinst, ich lande in einem Arbeitslager?«
»Wie wär’s mit Hausarrest?«
Tatsächlich rief sie der Zar noch vor dem Frühstück in sein Arbeitszimmer, einen schlicht eingerichteten Raum mit einem massiven Schreibtisch aus polierter Eiche. An den getäfelten Wänden hingen Landkarten und Lagepläne. Sie wartete nervös, bis sich Alexander erhob. Auch ohne seine Uniform machte er den Eindruck eines Mannes, der es gewohnt war zu befehlen.
»Prinzessin Sophie Elisabeth«, begann er mit seiner sonoren Stimme, »Sie wissen sicher, warum ich Sie habe rufen lassen. Von verschiedenen Seiten ist mir zu Ohren gekommen, dass Sie während der Vorstellung im Bolschoi-Theater für einen peinlichen Eklat gesorgt haben. Mit Leutnant Sergejewitsch habe ich bereits gesprochen. Er behauptet, Sie aus Versehen ...«, er hustete verlegen. » ... am Knie berührt zu haben. Sie hätten daraufhin einen spitzen Schrei ausgestoßen und ihn vor dem gesamten Publikum bloßgestellt.«
»Aus Versehen?« Sie war kurz davor, sich aufzuplustern und den Zar mit der Wahrheit zu konfrontieren. »Leutnant Sergejewitsch hat ... Er ist ein ...« Ihr kam zu Bewusstsein, welche Folgen eine Bestrafung für Grigori haben konnte, und sie beschloss, Milde walten zu lassen. Als Angehöriger der kaiserlichen Armee musste Grigori im schlimmsten Fall sogar mit einer Degradierung oder einer Versetzung nach Osten rechnen. Eine solche Strafe hatte selbst dieser Tölpel nicht verdient. »Vielleicht habe ich tatsächlich überreagiert, Kaiserliche Hoheit. Die Berührung kam so plötzlich, dass ich erschrak und ... Es tut mir leid. Wenn ich könnte, würde ich den Zwischenfall ungeschehen machen. Es wird nicht wieder vorkommen, Kaiserliche Hoheit. Ich werde mir größte Mühe geben, mich wie eine Prinzessin zu benehmen.«
»Das will ich hoffen«, antwortete Alexander. »Ein drittes Mal werde ich Sie nämlich nicht so glimpflich davonkommen lassen. Verstehen wir uns?«
»Natürlich, Kaiserliche Hoheit.«
Sophie Elisabeth bedankte sich mit einem tiefen Knicks und war froh, als sich die Tür des Arbeitszimmers hinter ihr schloss. Auf dem Weg zu ihren Gemächern begegnete sie Grigori und würdigte ihn kaum eines Blickes.
»Sie haben ihm doch nicht die Wahrheit gesagt?«, fragte er vorsichtig.
»Ich hätte es gern getan, aber so gemein bin ich nicht. Obwohl ich Sie liebend gern in einer Zelle gesehen hätte.« Sie blieb stehen und blickte Grigori geringschätzig an. »Stattdessen hab ich Ihren Hintern gerettet. Aber noch etwas in der Art, und ich lasse Sie in der hintersten Ecke von Sibirien verrotten!«
Zufrieden, den ängstlichen Leutnant allein mit ihrer derben Wortwahl erschreckt zu haben, schritt sie davon und verschwand in ihren Gemächern.
Während der folgenden Tage bereute Sophie Elisabeth schon fast, ihre Freundin nach Sankt Petersburg begleitet zu haben. Ihr Besuch verlief anders als geplant, wurde immer dann zur Tortur, wenn Grigori in ihrer Nähe war und sie mit seinen Avancen bedrängte. Nach dem Zwischenfall im Bolschoi-Theater wurde er etwas vorsichtiger, schien aber noch lange nicht aufgegeben zu haben und sich vor allem auch der Rückendeckung des Zaren zu erfreuen. Sein Lächeln wirkte manchmal so überheblich, dass sie sich fragte, woher er seine Zuversicht nahm. Jeder andere Herrscher, selbst ein Vorgesetzter in seiner Einheit, hätte ihn nach der Verfehlung im Theater ins hinterste Glied verbannt. Auch wenn sie ihn beim Zaren nicht beschuldigt hatte, ahnte jeder, dass die Vorwürfe berechtigt waren und er sie sehr wohl unsittlich berührt hatte.
Wie konnte er sich so sicher sein, dafür nicht belangt zu werden? Gab es denn keine anderen Offiziere, die es wert waren, ihr den Hof zu machen? Inzwischen war ihr klar, dass ihr Vater den Zar gebeten hatte, einen Bräutigam für sie auszuwählen, und sicher gab es zahlreiche Offiziere in der kaiserlichen russischen Armee, die ihr respektvoll und mit der nötigen Ehrerbietung begegnet wären. Warum bestand er ausgerechnet auf Grigori Sergejewitsch? Seine Leute mussten ihm doch zugetragen haben, dass sie ihm schon in Baden-Baden begegnet war und sie nicht gerade als gute Freunde geschieden waren. Warum setzte er alles daran, sie mit ihm zusammenzubringen?
Die Antwort erhielt sie ausgerechnet von Mascha. Nachdem sie an einem der folgenden Tage von einer Kutschfahrt mit Grigori zurückgekehrt war und sich missmutig auf einen Schemel in ihrem Ankleidezimmer setzte, zog ihr Mascha grinsend die Schuhe aus. »Ist Grigori denn wirklich so schlimm?«, erkundigte sie sich. Sie stellte die Schuhe beiseite und massierte ihre Füße. »Immerhin dient er als Leutnant in der kaiserlichen Armee, und die nimmt nur Männer auf, die ihre Fähigkeiten unter Beweis gestellt haben.«
»Dann hast du ihm nicht besonders gründlich auf die Finger gesehen. Er bildet sich etwas auf sein gutes Aussehen ein und hält sich für den Zarewitsch höchstpersönlich. In Baden-Baden hat er nicht nur versucht, mir den Kopf zu verdrehen. Er ist ein Frauenheld ohne Manieren.« Sie zog ihre Füße zurück. »Ich möchte wissen, warum Alexander ausgerechnet ihn auf mich losgelassen hat. Er muss doch wissen, welcher Ruf seinem Paradesoldaten vorauseilt.«
Die Kammerzofe befreite sie von ihrem Tageskleid, strich mit einer Hand darüber und hängte es in den Schrank. Sie nahm ihr das Korsett ab, das bei einer so schlanken Frau wie Sophie Elisabeth ohnehin kaum eine Rolle spielte, und wählte ein dunkelrotes Kleid für das Abendessen aus, das die Prinzessinnen mit einem stadtbekannten Historiker einnehmen würden, der ihnen einiges über die Geschichte des russischen Reiches erzählen wollte. Zumindest würde Grigori nicht dabei sein, ihn würde sie erst am nächsten Morgen wiedersehen, wenn sie der Kurator durch die Galerien im Kunstmuseum führte.
»Ich glaube, ich weiß, warum Alexander so erpicht darauf ist, Sie ausgerechnet mit Leutnant Sergejewitsch zusammenzubringen«, sagte Mascha, als sie ihr das Meid überstreifte. »Es ist natürlich nur eine Vermutung, aber ...«
Sophie Elisabeth zog das Kleid nach unten und strich den Stoff an ihrem Körper glatt. Sie blickte ihre Kammerzofe erwartungsvoll an. »Du weißt es? Und warum hast du es mir nicht längst gesagt? Hat Grigori dafür bezahlt?«
»Natürlich nicht. Alexander lässt sich nicht bestechen, schon gar nicht von einem Leutnant.« Mascha inspizierte den Sitz des Kleides, zupfte am Kragen und am Ärmel, bis es nichts mehr auszusetzen gab, und lächelte geheimnisvoll. Sie genoss ihre Fähigkeit, den meisten Gerüchten im Schloss auf die Spur zu kommen und mehr zu wissen als die meisten anderen Höflinge. »Soweit ich weiß, kann Alexander den Leutnant so wenig leiden, dass er ihn am liebsten ins ferne Sibirien versetzt hätte. Er mag keine Emporkömmlinge und ist lange genug selbst Soldat, um zu wissen, dass Leutnant Sergejewitsch niemals eine große Rolle in seiner Armee spielen wird. Es ist eher eine politische Entscheidung. Es würde ihm gut in den Kram passen, wenn Sie den Leutnant heiraten. Deshalb macht er gute Miene zum bösen Spiel. Ich verstehe zu wenig von Politik, um die genauen Hintergründe zu kennen, aber man erzählt sich, dass der badische Großherzog daran interessiert sei, Leutnant Sergejewitsch als Verbindungsoffizier in Karlsruhe begrüßen zu dürfen, und was gäbe es da Besseres, als ihn mit einer badischen Prinzessin vermählt zu wissen?«
Sophie Elisabeth wollte die Nachricht nicht glauben. »Ich soll diesen ekelhaften Burschen heiraten, nur um die Bande zwischen der badischen und der russischen Regierung zu verstärken?« So entsetzt ihre Stimme klang, war ihr doch klar, dass eine Ehe nicht zum ersten Mal aus politischen Gründen geschlossen würde. Sie hielt diese Arrangements nicht einmal für schlecht. Sie festigten die Bindungen zwischen zwei Nationen und minderten die Kriegsgefahr. Nur war es etwas ganz anderes, sich selbst für das Staatswohl opfern zu müssen. Wie kamen ihre Eltern auf die Idee, sie gegen ihren Willen zu verheiraten? Hatte sie nicht mehrfach beteuert, niemals einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebte? Warum hatten sie ihr keinen reinen Wein eingeschenkt?
»Man wird Sie nicht zwingen, Sergejewitsch zu heiraten«, fuhr die Kammerzofe fort, »aber der Zar wird natürlich alles versuchen, um Sie zur Einsicht zu bringen. Wahrscheinlich hat er Ihrem Verehrer längst ins Gewissen geredet. Alles kann er sich auch nicht erlauben. Wenn noch mal so etwas wie im Bolschoi-Theater passiert, wählt Alexander sicher einen anderen Offizier aus und überredet die badische Regierung, ihn als Abgesandten zu akzeptieren.«
»Aber bestimmt nicht Nikolai Danilowitsch.«
»Ganz sicher nicht.«
