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Glück ist ein schlüpfriges, kleines Scheißerchen, das man festhalten muss, wenn es einem begegnet ... Sie hat alles, und doch nichts. Er hat alles verloren, außer seinem Leben und seinen Träumen, Als Tom Isabella eines Tages weinend in ihrem Auto antrifft, greift er eines seiner zwei Cent-Stücke, die er für seine Wünsche aufgehoben hat, und legt es in ihre Hand. Dabei zitiert er Albert Schweitzer: Glück ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt. Isabella nimmt ihn beim Wort. Es ist der Beginn eines turbulenten, neuen Lebens.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Die Geschichte der
zwei Cent-Stücke
Roman
Bea W. Landon
Inhalt:
1. Isabella
2. Tom
3. Isabella
4. Tom
5. Isabella
6. Tom
7. Isabella
8. Tom
9. Isabella
10. Tom
11. Isabella
12. Tom
13. Isabella
14. Tom
15. Isabella
16. Tom
17. Isabella
18. Tom
19. Isabella
20. Tom
21. Isabella
22. Tom
23. Isabella
24. Tom
25. Isabella
26. Tom
27. Isabella
28. Tom
29. Isabella
30. Tom
31. Isabella
32. Tom
Nachwort
Danksagung
Veröffentlichte Bücher der Autorin
Impressum
Über die Autorin
Für Volker
»Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.« (Antoine de Saint-Exupéry)
1. Isabella
Frühsommer 2005. Die Sonne enterte brutal mein Schlafzimmer, blendete meine verschlafenen, müden Augen. Am liebsten wäre ich liegengeblieben, hätte mir die Decke noch einmal weit über die Ohren gezogen und ein Weilchen geträumt. Doch gerade heute war das nicht möglich. Ich musste mich der Wahrheit stellen oder dem, was ihr am nächsten kam. Aber ganz ehrlich, manchmal sind Lügen leichter zu ertragen. Sie tun nicht so weh. Ich hingegen hatte mich für die Wahrheit entschieden und das, obwohl ich zurzeit genug um die Ohren hatte.
Mit hängenden Schultern und Augenlidern schlich ich ins Bad. Ein schönes Bad, im oberen Stock eines schönen Einfamilienhauses, am Rande einer schönen, großen Stadt. Das Haus verfügte über einen Rapunzelturm, unter dessen Kuppel ich jetzt stand und zum Rundumblick über das Grundstück ansetzte, um endlich munter zu werden. Der Garten mit einigen Bäumen und Sträuchern, Blumenrondellen, einem Gästehäuschen und einem kleinen Pavillon war mein Ruhepol. Ich liebte ihn, hatte jedoch nie genug Zeit und Kraft mich ausreichend darum zu kümmern. Schade. Aber mein Job und das Leben ließen mir wenig Zeit für andere Aktivitäten.
Meine Hand streichelte über die geschwungene Designerbadewanne, die mitten in dem achteckigen Raum stand. Kurzentschlossen griff ich nach der silbermatten Badewannenarmatur und ließ mir ein Bad ein. Duschen wäre vermutlich schneller gewesen, aber an einem Tag wie diesem brauchte ich die volle Wohlfühlprozedur.
Ich blickte auf die kleine Baduhr: neun Uhr morgens. In Miami war es jetzt drei Uhr nachts. Anna, meine Tochter, würde gewiss noch schlafen. Vor zwei Wochen war sie zu ihrem großen Auslandsabenteuer aufgebrochen: ein Jahr USA. Obwohl sie sich seit langem darauf gefreut hatte, war es ihr schwergefallen, in den Flieger zu steigen. Sie hatte mich in meiner jetzigen Situation nicht allein lassen wollen. Allein mit der Ungewissheit, der Angst vor dem, was kommen würde. Doch ich hatte darauf bestanden, dass sie ihren Traum verwirklicht. Man lebt schließlich nur einmal. Und was mich anging … Nun ja, Unkraut vergeht nicht.
Die Druckerfarbe, die ihr bestandenes Abitur besiegelte, war noch feucht, als sie die Koffer gepackt, ihr Ticket genommen und sich von mir zum Flughafen hatte fahren lassen. Mike hatte sich zuvor bereits von ihr verabschiedet. Seine Arbeit war ihm – wie stets – wichtiger als die Familie. Aber das kannte ich ja schon. Diskussionen inklusive. Sinnlose Zeitverschwendung.
Mmh, tat das gut. Ich betrachtete die volle Badewanne. Das Wasser duftete nach Pfirsich. Ich legte Slip und Schlafshirt ab, schwang mich in die Badewanne und glitt langsam in das orange-durchsichtige Nass hinein. Tief, tiefer, noch tiefer, ganz tief. Der Badeschaum kuschelte mit mir und ich mit ihm. Es tat so unendlich gut. Fühlte sich schwerelos, sorgenlos an. Das Wasser hüllte mich ein wie ein warmer Mantel in einer kalten Winternacht. Loslassen. Einfach fallenlassen. Den Kopf freibekommen – von den Gedanken, Sorgen, die mich vierundzwanzig Stunden am Tag peinigten. Ich hatte genug gedacht. Mich genug gesorgt. Genug getan. Genug von allem. Genug für ein ganzes Leben. Ich wollte nicht an morgen denken oder an das, was die Zukunft für mich bereithalten könnte. Sofern es überhaupt eine Zukunft für mich gab. Denn im Moment konnte mir dies niemand sagen.
Ich blickte von der Badewanne aus auf die zartgemusterte Zimmerdecke. Dann schloss ich kurz die Augen und ließ meinen dunklen Gedanken freien Lauf. Ja, ich war bereit loszulassen. Was hatte ich zu verlieren? Nichts! Alles war gesagt, alles getan. Und das, was kommen würde – war nicht wirklich erwünscht. Daher versuchte ich gar nicht erst, meine Augen unter Wasser zu öffnen. Das hatte ich schon als Kind nicht vermocht. Warum also sollte ich es jetzt tun? Und dann überkam mich dieses Gefühl, das mich mit seinen Krallen griff und zärtlich weiter in die Tiefe zog.
»Lass los«, wisperte es verführerisch. »Mach deinen Frieden. Lass dich fallen. Vertrau mir. Alles wird gut.«
Warum nicht? Alles was ich tun musste, war unter Wasser bleiben und aufhören zu atmen. Dann würde ich endlich frei sein. Und ich müsste mich nicht dieser dämlichen Wahrheit stellen, die mein Leben verändern und meine bisherige Welt ins Chaos stürzen würde, sofern überhaupt etwas davon übrigblieb. Alles wäre überstanden. Alles wäre gut. Alles wäre …
»Issy! Verdammt! Was tust du da?«
Zwei starke Arme zogen mich wieder an die kalte Wasseroberfläche und somit in die gnadenlose Realität zurück. Oh, Mann. Was wollte der denn hier? Der war doch vor dreißig Minuten in seine Firma gefahren. Ich starrte Mike genervt an, hustete hektisch, spürte, wie sich meine Lungen wieder mit Luft füllten, und wischte mir mit den Händen den Schaum aus dem Gesicht.
»Ich wollte testen, wie lange ich die Luft unter Wasser anhalten kann. Warum bist du zurückgekommen?«
Mike setzte sich auf den Beckenrand, fuhr mit der rechten, noch feuchten Hand durch seine mittlerweile dunkelgrauen Haare. Demnächst wollte er sie färben, da er sich, wie er mir gestanden hatte, sonst zu alt vorkam. Seine Augen verrieten mir nicht, was er gerade dachte. Das taten sie nie. Darin war er perfekt. Er war schon immer perfekt darin gewesen, seine Gedanken, Pläne und Taten zu verbergen. Niemand schaute hinter diese Kulisse. Niemand, außer mir. Er, der Typ, der jede haben konnte, hatte sich vor zwanzig Jahren ausgerechnet in mich verliebt. Nun ja, eigentlich hatte ich es provoziert. Ein ganz klein wenig … High Heels, weißes, figurbetontes Superminikleid, lange, wallende, blonde Haare und vom Urlaub auf Mallorca eine verführerisch seidig gebräunte Haut, die eine Figur bedeckte, an der kein Mann vorbeischauen konnte. Ja, ich war einmal recht ansehnlich gewesen. Genauso wie er. Oh, wie hatte mich sein schiefes Lächeln fasziniert, das er mir entgegenschickte, als wir auf dem Flughafen mit unseren Koffern zusammenstießen. Absicht? Vielleicht. Wer weiß? Seine jeansblauen Augen hatten mir keine Chance zur Flucht gelassen. Durchbohrten mich wie ein Laser. Und ich hatte es zugelassen. Meine Finger hatten gezuckt, wollten unbedingt durch seine dunkelbraunen lockigen Haare wuscheln. Mikes Ausstrahlung hatte mich in ihrem Bann gezogen. Seine Männlichkeit, sein durchtrainierter Körper – einfach alles an ihm.
Und so kam eines zum anderen. Im Flieger hatten wir als Singles nebeneinander gesessen, geflirtet, als gäbe es kein morgen mehr, bis das Flugzeug zur Landung ansetzte. Kaum eine Woche später waren wir bereits ein Paar. Er, der dreißigjährige Bauunternehmer, der eine marode Firma erworben hatte und Stück für Stück wieder aufpäppelte und ich, die junge Immobilienkauffrau. Tja, da hatte sich gefunden, was sich gesucht hatte. Kurz darauf war ich schwanger und wenig später waren wir verheiratet. Ein Leben auf der Überholspur begann. Nun ja, eine mittlere Überholspur … Nach Annas Geburt war ich fünf Jahre zu Hause geblieben. Kümmerte mich nur um sie. Wohl auch, weil es mir schwergefallen war, die Totgeburt ihres Brüderchens zu verarbeiten, der im achten Schwangerschaftsmonat starb, als Anna gerade drei Jahre alt war. Ich hatte lange mit Depressionen zu kämpfen. Mike besaß kein Verständnis dafür. Hatte gemeint, ich solle mich endlich zusammenreißen. Typisch Mann. Doch so einfach war das nicht. Ich hockte in einem Loch aus Finsternis, durch das meine Gedanken hindurchrasten wie eine Monsterachterbahn, die nie stillstand. Immer wieder hämmerten sie auf mich ein. Die Therapie, die ich heimlich über mich hatte ergehen lassen, brachte etwas Linderung, aber keinen tagtäglichen Sonnenschein, so wie mein Mann es von mir erwartete. Aber ich riss mich trotzdem stets zusammen. Hatte gelächelt, auch wenn ich innerlich weinte, weil ich wusste, dass er es nicht verstand.
Als Anna in die Schule kam, war ich wieder arbeiten gegangen. In einem kleinen Maklerbüro. Nur ein paar Stunden in der Woche. Aber das war okay. Es hatte ausgereicht, um auf andere Gedanken zu kommen. Denn Geld hatten wir mittlerweile genug. Die Arbeit tat mir gut. Es half mir, andere Menschen um mich zu haben, einer Aufgabe nachzugehen und nicht nur darauf zu warten, dass meine Familie nach Hause kam. Gleichzeitig hatte ich es für besser erachtet nicht in Mikes Firma zu arbeiten. Vielleicht war das ein Fehler, vielleicht auch nicht. Als Anna dann auf das Gymnasium gewechselt hatte, änderte auch ich meinen Tätigkeitsbereich und arbeitete halbtags in einer Wohnungsverwaltung. Mike hatte das als Egotrip bezeichnet, wollte, dass ich bei ihm arbeite. Doch ich ging meinen eigenen Weg.
Und heute leite ich die Vermietungsabteilung einer Wohnungsbaugenossenschaft. Vermutlich ärgerte ihn das umso mehr …
»Ich muss los«, erklärte er, während mein kuschliges Badewasser blubbernd im Abguss verschwand. »Hatte nur meine Sporttasche vergessen. Kann man dich jetzt alleinlassen oder willst du weitere Nahtoderfahrungen sammeln?«
Ich stand auf, griff mein Badehandtuch und begann mich abzutrocknen. »Schon gut. Alles in Ordnung. Wann sehen wir uns?«
»Weiß nicht. Ich rufe an.«
Na klar! Gewiss doch. Wie immer. Was für eine Antwort hatte ich auch erwartet? Er war nicht der familiäre Typ. Sein Leben gehörte der Firma und den damit verbundenen Verantwortlichkeiten. Anfangs hatte ich ihm den Rücken freigehalten. Doch irgendwann als ich spürte, dass die Last des Alltags allein an mir hängenblieb, wendete sich das Blatt. Anna war mein ein und alles. Und ich war ihre Mami. Ihr Fels in der Brandung des Lebens. Ich trocknete ihre Tränen, als die ersten Zähnchen kamen. Ich hielt sie schützend im Arm, wenn ihr das Asthma bronchiale die Luft zum Atmen raubte. Ich raste mit ihr – alle Verkehrsregeln missachtend – in der Nacht ins Krankenhaus, wenn der Pseudokrupp ihre Lippen blaugefärbt hatte, und ich saß an ihrer Seite, wenn sie die Narkose nach einer Operation wieder freigab.
Er nicht.
Vom Badezimmerfenster aus schaute ich ihm hinterher, als sich das Tor unserer Einfahrt hinter ihm schloss und suchte die Gefühle in mir, die einst für ihn vorhanden waren.
Ich fand sie nicht.
Eine Stunde später war ich fertig angezogen, sorgsam geschminkt und hatte ein Kürbiskernbrötchen nebst Kaffee vertilgt. Gedankenverloren fuhr ich mit der Hand über den Küchentisch, da wo sonst immer Anna gesessen hatte. Das Haus war schrecklich leer ohne sie. Sie fehlte mir. Ihr Lachen, ihre Lebendigkeit, ihr grenzenloser Humor. In letzter Zeit war sie für mich zum Fels in der Brandung geworden. Hatte mich gehalten, wenn mich die Verzweiflung mal wieder in den Abgrund treiben wollte.
Doch jetzt war ich auf mich allein gestellt.
Mich gruselte es stets, in die Stadt zu fahren. Nicht etwa wegen des starken Vormittagsverkehrs, eher weil ich es nicht leiden konnte nach einem Parkplatz zu suchen. Ich wollte ankommen, parken und aussteigen. Und all dies ohne stundenlang, mit Schweißperlen auf der Stirn, Straße für Straße abzugrasen, um dann eine viel zu kleine Parklücke zu erhaschen, in die ich mich auch noch hineinquälen musste, während hinter mir der nächste Parkplatzsucher hoffte, dass ich es nicht packen würde. Doch gerade da, wo ich jetzt hinfuhr, war ein Parkplatz mit einem Sechser im Lotto gleichzusetzen. Und das, obwohl die Gebühren für das bisschen Parkerei schon als Wucher zu bezeichnen waren. Diese Halsabschneider! Überall entstanden Parkverbote und mit ihnen tauchten über Nacht Parkraumbewirtschaftungszonen auf. Tolles Wort! Genauso unpraktisch wie die ganze Sache an sich. Vor allem, wenn man einen Termin hatte oder dringend aufs Klo musste. So wie ich jetzt. Der Kaffee war durchgelaufen und meine Blase fühlte sich wie eine übervolle Regentonne an, die jeder weitere Tropfen zum Überlaufen bringen würde.
Mittlerweile fuhr ich diese stark befahrene Straße zum dritten Mal entlang und kein einziger Dödel war bereit, sein Auto wegzufahren, damit ich an seiner statt parken konnte.
Verdammt!
Ich fluchte vor mich hin und versuchte nicht an Kaffee oder Wasser zu denken. Aber ständig hatte ich das Bild meines frühmorgendlichen Bades vor Augen und hörte in der Erinnerung das Badewasser plätschern. Zum Glück schien die Sonne. Hätte es jetzt noch geregnet, wäre ich verloren gewesen.
Toilette!!!
Oh, bitte! Ich brauche eine Toilette und einen Parkplatz. Okay, die Reihenfolge war falsch, kam aber auf dasselbe hinaus. Mir traten bereits ersten Tränen in die Augen, weil meine Blase so langsam die Kontrolle über mein Gehirn übernahm.
Klo!!!
Mann oh Mann. Die Macht war heute definitiv nicht mit mir. Und dann spürte ich auch schon, wie sich die überschüssige Körperflüssigkeit in Form von Schweiß unter meinen Achseln sammelte bzw. begann, den Rücken hinabzulaufen. Ich stand kurz vorm Pinkelkollaps.
Parkplatz!!!
Sofort!!!
Endlich! Zwei Männer stiegen in ein Auto ein und der heiß ersehnte Parkplatz rückte für mich in greifbare Nähe. Ich zögerte keine Sekunde. In einem Ritt parkte ich ein und atmete erleichtert auf. Ab jetzt war mir alles egal. Der überteuerte Preis für das Parkticket genauso wie der Rest der Welt. Ich wollte nur noch schnell raus aus meinem Auto, denn ich wusste, ein paar Häuser weiter, in der zweiten Etage wartete eine hoffentlich freie Toilette auf mich. Und wehe, die war gerade besetzt, dann würde ich zur Furie mutieren … Bis dahin: Nicht husten! Nicht lachen! Nicht springen! Haltung bewahren. Pokerface aufsetzen. Alle Öffnungen geschlossen halten und flinke Füße machen. Avanti!!!
2. Tom
Wo kam nur dieser muffige Geruch her? Ich schnupperte um mich herum und stellte fest, dass ich wohl dringend mal wieder so etwas wie Wasser, Seife und saubere Kleidung benötigte. Zum Glück hatte gestern Abend ein junges Mädchen vergessen, die Tür eines Mietshauses abzuschließen, an dem ich gerade vorbeilief. Und so war ich schnell mit meinen wenigen verbliebenen Habseligkeiten, die mein persönlicher Lebenscrash übriggelassen hatte, hinterhergeschlüpft und hatte für diese Nacht zumindest ein Dach über dem Kopf erbeutet. Kalt war es trotzdem gewesen und so hatte ich mich in meinen Schlafsack gekuschelt, der auch nicht besser roch als der Rest von mir. Aber wenigstens war es trocken und ruhig. Nun ja, ab einem gewissen Punkt wurde selbst jemand wie ich bescheiden.
Anfangs war es mir nicht leichtgefallen, mich an meine neue Lebenssituation zu gewöhnen. Immer wieder hatten mich Schamgefühle geplagt und ich hoffte stets, keinem meiner ehemaligen Freunde zu begegnen, denn das wäre wohl nicht gut geendet. Nun ja, viel war mir von meinem Höhenrausch nicht übriggeblieben. Tja, wie hieß es so schön: Wer hoch fliegt, kann auch tief fallen. So wie ich.
Und so saß ich an diesem neuen Frühsommermorgen wieder auf der Stufe vor einer Haustür – wie fast jeden Tag in letzter Zeit – klapperte in meiner alten Lieblingstasse mit zwei Cent-Stücken herum und hoffte, dass sich irgendwer erbarmen würde, um mir ein Frühstück oder noch besser ein Bier zu spendieren. Seit gestern Vormittag hatte ich keinen Tropfen Bier mehr getrunken. Etwas zu Essen konnte man zur Not auch in der Bahnhofsmission erhalten. Nur eben nicht immer das, was man sich wünschte. Und Bier sowieso nicht. So langsam wurde es Zeit, dass etwas Leben in meine Tasse kam und sich meine Cent-Stücke vermehrten. Ein Mega-Centstück-Babyboom wäre cool gewesen! Doch die Menschen hasteten nur blind an mir vorüber. Würdigten mich keines Blickes. Und selbst das Knurren meines Magens schien niemanden zu stören. Diese ignoranten Wohlstandsarschlöcher!
Ich stand kurz auf und blinzelte zur Uhr auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Elf Uhr und mein Alkoholpegel war im unterirdischen Minusbereich. Gegen dreizehn Uhr würde Moppel, mein Lieblingsstreetworker, vorbeikommen. Das tat er immer um diese Zeit, an diesem Wochentag. Vielleicht konnte ich bei ihm etwas schnorren. Moppel war in Ordnung. Ein guter Kerl, auch wenn er mir schon gefühlte tausend Mal erklärt hatte, dass ich hier nichts verloren hätte, zu schade für die Straße sei, da ich anders sei als die restlichen Loser, die hier herumlungerten. Er meinte stets, ich solle mich aufraffen, um wieder Boden unter den Füßen zu finden. Doch das war leichter gesagt als getan. Wenn man erst einmal alles verloren hatte, verlor man auch irgendwann seine Hoffnung, seinen Mut, den Glauben an all die Dinge, die einem früher einmal wichtig waren und vor allem: den Glauben an sich selbst. Dabei war ich selbst schuld an meiner Misere. Doch mir fehlte die Kraft, um wieder auf die Beine zu kommen.
»Danke. Sehr gütig von Ihnen. Mögen Sie einen schönen Tag haben!«, rief ich einer Frau hinterher, die mir eine angefangene Packung staubtrockener Butterkekse auf die Beine geworfen hatte. Fehlte nur noch das Bier, um sie herunterspülen zu können. Was dachten sich diese Leute eigentlich? Dass ich ein Mülleimer auf zwei Beinen wäre? Wer sollte denn solch trockenes Zeug essen? Die Pulverisierung dieser Kekse im Mund führte unweigerlich zu einer Staublunge. Ein Schnitzel wäre jetzt nicht schlecht gewesen und dazu ein großes, kühles Pils. Mmh. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie beides vor mir stand, während ich an einem gemütlichen Tisch in einem Biergarten saß, in frischer Kleidung, gebadet und …
»Danke, Sie sind ein wahrlich guter, großzügiger Mensch.«
Ich schaute in die Tasse, die mich durch mein früheres Leben begleitet hatte. Dabei hatte ich es bereits am Klang erkannt: ein Zwanzig-Cent-Stück. Was soll ich mir denn davon kaufen? Genervt fuhr ich mit der Hand durch meine ungekämmten, fettigen Haare und meinen … keine Ahnung wie viele Wochen alten Bart. Wenn ich wenigstens fünfzehn Euro zusammenschnorren könnte! Dann würde ich für eine Nacht in meiner Lieblingshostelpension einchecken, könnte duschen, mich rasieren und mal wieder in einem anständigen Bett schlafen. Ohne Angst, dass mir auch noch die wenigen Habseligkeiten, die mein persönlicher Crash übriggelassen hatte, geklaut werden würden. Denn Notunterkünfte waren nicht mein Ding. Das hatte ich gleich am Anfang meiner Straßenkarriere lernen müssen. Sie waren der reinste Horror. Es stank, war laut und beklaut wurde man auch noch. Darauf konnte ich verzichten.
Leider waren die Menschen an diesem Morgen extrem geizig. Und wie sie alle an einem vorbeihasteten – als würde man nicht existieren. Niemand sah mir in die Augen. Niemand bemerkte mich und wenn doch, dann empfand man mich nur als störend oder lästig. Dabei hatte ich auch mal ein Leben fernab dieser Straße geführt. Hatte ein schickes Haus, ein gut gefülltes Konto, ein teures Auto und eine heiße sexy Freundin gehabt … Verdammt lang her.
Alles hatte damals so gut angefangen. Da ich von meinem Traum, dem Gitarrespielen, nicht leben konnte, hatte ich, nach meiner Lehre zum Kfz-Mechaniker als Autoverkäufer gearbeitet. Verdammt langweiliger Job. Da hatte man massenweise Langeweile. Daher schaute ich immer mal wieder Nachrichten und was die Börse so trieb. Richtig spannend wurde es, als Ende der Neunziger der Neue Markt durchstartete.
Und ich war von Anfang an dabei! Yeah!!!
Das war eine wahre Gelddruckmaschinerie. Mein bisschen Erspartes reichte mir nicht. Ich wollte mehr investieren. Erst borgte ich mir Geld von Freunden, begann auch sie für die Börse zu begeistern. Später nahm ich sogar Kredite auf, um mit noch mehr Geld noch höhere Gewinne zu erzielen, mit denen ich dann die Kredite tilgen wollte. Und die Aktien stiegen und stiegen, kannten nur ihren Höhenflug. So wie ich. Je mehr Geld ich hineinsteckte, umso mehr konnte ich herausholen. Ich hatte sogar meinen Freunden Tipps gegeben und mich wie der größte Börsenguru gefühlt. Hatte mir ein Haus gekauft – auf Kredit versteht sich –, feierte eine Party nach der nächsten, Kokain inklusive. Und Sally, diese heiße Nacktschnecke, die ich im Kasino kennengelernt hatte, versüßte mir die Zeit zwischen meinen Aktiengeschäften. Den Job im Autoladen hatte ich recht schnell aufgegeben, zockte nur noch. Ich war regelrecht besessen, blendete alle Risiken aus. Mein Leben glich einem euphorischen Feuerwerk.
Dann kam der 11.09.2001 … und die Märkte brachen ein. So richtig erholen, taten sie sich danach nicht mehr. Tja, man sollte niemals in ein fallendes Messer greifen – alte Börsenweisheit. Doch ich hatte das nicht wahrhaben wollen. Pumpte in der Hoffnung, dass bald alles wieder gut werde, noch mehr geliehenes Geld in die fallenden Kurse. Und so kam eines zum anderen. Innerhalb kürzester Zeit brach der Neue Markt um über neunzig Prozent ein und ich saß auf einem riesigen Schulden- statt Geldberg. Sally verschwand als Erstes. Dann mein schicker Porsche und mein Haus. Und eh ich mich versehen hatte, stand ich vor meinen persönlichen Ruinen.
Ich schlüpfte bei einem Freund unter. Dem einzigen, dem ich keine Aktientipps gegeben hatte. Denn die anderen waren sauer und gifteten mich an. Besonders die Frauen. Als ob ich daran schuld wäre, dass sie ihre Männer dazu angestachelt hatten an der Börse mitzumischen. Weiber! Am Ende war mein Bruder eingesprungen. Ja, der Typ mit dem Heiligenschein. Mamas Liebling. Der Junge, der nichts falschmachen konnte. Herr Doktor! Er »kaufte« mich unter der Bedingung frei, dass ich mir einen anständigen Job suche, einer geregelten Arbeit nachgehe und die Finger von der Börse lasse. Doch mein großes Brüderchen war weit weg. In der Schweiz, wo er zur Elite der Medizin zählte. Außerdem hatte er mir zum Schluss noch mit auf den Weg gegeben, dass er so lange nichts mehr von mir hören wolle, bis ich wieder ein vernünftiges, bürgerliches Leben führen würde. Herzlichen Glückwunsch!
»Danke! Sehr großzügig. Mögen Sie lang und glücklich leben!« Fünfzig Cent. Besser als nichts. Plötzlich bemerkte ich zwei Kerle, die auf das Auto zusteuerten, das geradezu vor mir am Straßenrand parkte. Der eine von ihnen hielt eine halbvolle Bierflasche in der Hand. Allein bei diesem Anblick begannen meine Zähne zu tropfen. Und dann stellte er die Flasche auch noch auf den Gehweg neben die Laterne, bevor er in das Auto einstieg und losfuhr. Super! Mein Frühstück war gerettet. Staubige Kekse und eine angefangene Flasche Bier. Das war schon fast Luxus! Besser konnte es nicht kommen …
»Junger Mann! Was lungern Sie hier schon wieder herum? Suchen Sie sich einen anständigen Job! Sie sollten sich was schämen, ständig vor meiner Haustür herumzugammeln und den Weg zu versperren …«
Eine alte, zeternde Frau versperrte mir mit ihrem unförmigen Körper den Weg zum Objekt meiner Begierde.
»Verpiss dich!«, knurrte ich und schob sie zur Seite, was sie noch wütender machte. Dieser alte Keifbatzen gab einfach nicht auf. Aus dem Augenwinkel beobachtete ich, wie ein teurer Audi TT viel zu schnell in die soeben freigewordene Parklücke schlüpfte. Ich wollte zu meinem Bier! Doch der alte Drachen hielt mich mit spitzen Fingern am Arm fest und keifte mich derart an, dass bereits einige Passanten stehengeblieben waren und ebenfalls dämliche bzw. überflüssige Kommentare absonderten. Und dann hörte ich es: dieses klirrende, all meine Frühstücksträume zerstörende Geräusch.
Eine kostümchentragende Blondine, die eilig um den Audi herumgerannt war, hatte meine Bierflasche stolpernd zu Fall gebracht.
»He, du dämliche Schlampe! Du hast mein Bier verschüttet!«
Ich war es zwar mittlerweile gewohnt, dass mich die Menschen ignorierten, doch diese Tussi war der Gipfel. Selbst meine direkt an sie gerichteten Worte prallten derart an ihr ab, als wäre sie aus Teflon. Und was für ein Tempo die draufhatte! Ich kam kaum hinterher.
»He! Du blöde Kuh hast mein zukünftiges Frühstück zerstört. Du hast mein Bier verschüttet. Guck mich bloß nicht an! Renn ruhig weg! Mit einem armen Schlucker wie mir kann ein hochnäsiges, reiches Weib wie du das ja machen. Du hast dein tägliches Frühstück mit Körnerbrötchen und Käffchen, hast dein duftendes Schaumbad und ein weiches Bettchen. Aber ich habe nichts! Ich wollte nur diese halbe Flasche Bier!« Ich schrie mir den Frust von der Seele. »Ich hoffe, du wirst eines Tages ebenfalls darum betteln, dass dir jemand etwas Gutes tut. Bis dahin magst du an jeder bösen Seuche verrecken, die diese Welt kennt und …« Weiter kam ich nicht. Moppel griff meinen Arm und hielt mich energisch fest.
»Tom, beruhig dich! Was ist denn passiert?«
»Die Alte hat mein Bier mit dem Fuß umgestoßen. Und jetzt rennt sie einfach weg, ohne sich zu entschuldigen oder mir wenigstens ein neues zu kaufen! Dämliche Schlampe!«
Schwups, verschwand sie in einem Hauseingang, in den ich nicht hinterherkam, weil Moppel mich noch immer mit seinem Zangengriff festhielt. Weiber wie diese hasste ich! Dicke Kisten fahren, teure Designerklamotten tragen und in Schuhchen herumstöckeln, deren Preis mich einen ganzen Monat über Wasser gehalten hätte. Gewiss hatte sie ein großes Haus, von einem Designer eingerichtet, und einen perfekten Garten, dessen englischen Rasen ein Gärtner penibel pflegte. Typisch eine Frau von … wem auch immer. Keine Ahnung von harter Arbeit. Die bekam gewiss alles geschenkt, was sie wollte. Und was musste sie dafür tun? Nichts! Einfach nur die Beinchen spreizen und sich auf Satinlaken rekeln. Geldschlampe!
»Tom, komm mit! Ich gebe dir ein Bier aus.«
Bier? Hatte er gerade Bier gesagt? Ich schluckte meinen restlichen Frust hinunter, setzte ein schräges Lächeln auf und war bereit, ihm zu folgen. Doch als wir an meinen Sachen vorbeikamen, drehte ich erneut durch. Meine Tasse, die Tasse, die mich durch meine Was-kostet-die-Welt-Phase begleitet hatte, das Einzige, was mir immer treu zur Seite gestanden hatte und meine mickrige heutige Ausbeute beinhaltete … war weg.
»Die haben meine Tasse geklaut! Diese Schweine!« Ich spürte, wie sich imaginärer Schaum vor meinem Mund bildete. Meine Wut kannte keine Grenzen mehr. Das Wertvollste, was mein sinnloses, heruntergekommenes Ich noch besaß, war mir gestohlen worden. Was für ein Scheißtag! Es war der absolute Tiefpunkt meiner stetig abwärtslaufenden Karriere. Und wer war an allem schuld? Dieses arrogante, hochnäsige Weib! Als ich mich wütend im Kreis drehte, um Moppels Worten und vor allem seinen Händen zu entgehen, blieb mein Blick auf dem Audi TT haften …
»Tom! Thomas! Hör auf! Bist du jetzt komplett durchgeknallt?« Sekunden später hielt er mich erneut entsetzt fest, warf seine schulterlangen braunen Haare nach hinten, verwandelte die Stirn in ein Faltengebirge und zog die Augenbrauen zusammen. Und ich? Ich ließ den unteren Teil der frisch von mir zerschlagenen Bierflasche fallen, mit dem ich dem Audi der Blondine gerade einen fetten Kratzer verpasst hatte.
»Was hast du getan? Verdammt, komm zu dir! Das gibt jede Menge bösen Ärger.«
Mir doch egal. Ich hatte eh nichts zu verlieren. Und die Lackierung würde das Blondchen nur ein Lächeln und eine Beinspreizung vor ihrem Geldsack kosten.
Beim Imbiss, ein paar Meter weiter, spendierte mir Moppel ein Bier und ein Salami-Sandwich. Ich dankte ihm knurrend. Er war ein guter Kerl, der vermutlich mehr Geld für Loser wie mich ausgab als für sich selbst. Dafür hätte er den Nobelpreis und einen Heiligenschein verdient oder zumindest ein sicheres Plätzchen bei den Engeln, wenn es eines Tages so weit war. Die ganze Zeit über redete er auf mich ein, ich solle mich bei der Autobesitzerin entschuldigen. Er würde auch so lange bei mir bleiben. Doch warum sollte ich das tun? Die war doch selbst an allem schuld! Hätte sie mein Frühstücksbier in Ruhe gelassen, wäre nichts passiert. Meine Tasse nebst Inhalt wäre noch da und ich hätte mir erhobenen Hauptes eine Dose Bier kaufen können, statt den armen Moppel in eine Finanzkrise zu stürzen.
Tja, und so wartete ich ihm zuliebe vor dem Audi, den eine schnucklige tiefe Kratzernarbe an der Beifahrertür zierte. Ich beäugte mein Werk feixend. Gut getroffen! Jetzt hatte das Auto wenigstens Charakter – im Gegensatz zu seiner Besitzerin. Moppel plapperte auf mich ein, während ich stolz mein Kunstwerk betrachtete. Oh ja, Künstler sein, war mein großer Traum gewesen. Musiker. Malen konnte ich auch recht passabel. Aber meine eigentliche Liebe galt der Musik. Präteritum. Denn eines verschissenen Morgens vor drei Wochen, unter einer Brücke nahe einer Kleingartenkolonie, war auch meine Gitarre verschwunden. Ich hatte getobt, gewütet und am Ende mitten auf dem Weg gesessen und geheult. Es gab Tage, da überlegte ich, ob es nicht sinnvoller wäre, sich einfach vor einen Zug zu schmeißen. Aber letztendlich fehlte mir dazu der Mut, auch wenn ich schon zweimal an den Gleisen gestanden hatte.
Plötzlich rammte mir Moppel seinen Ellenbogen in die Rippen. Ich hob den Kopf und sah, wie die Blondine emotionslos den Kratzer an ihrem Auto betrachtete. Wann war die denn zurückgekommen? Ich war so tief in meinen Gedanken versunken, dass ich sie nicht hatte kommen sehen. Ihre gepflegten Finger fuhren fast zärtlich über mein Kunstwerk. Den Ehering, der gewiss teuer gewesen war, konnte man dabei nicht übersehen. Hatte ich es doch geahnt. Sie war eine von diesen Frauen, die die Frau von … irgendwem war. Dann hob sie kurz ihren Kopf, sah Moppel an, der beruhigend auf sie einredete. Und plötzlich traf mich ihr Blick.
Irgendetwas stimmte hier nicht. Warum schrie sie nicht? Warum brüllte sie mich nicht an oder beschimpfte mich? Ich wollte sie toben sehen, ihre schrille, zickige Stimme hören. Doch sie schwieg. Dann begann sie in ihrer Handtasche zu wühlen, zog ihren Autoschlüssel heraus und blickte mir noch einmal direkt in die Augen. Ich zuckte zusammen. In ihren graugrünen Augen lag eine Traurigkeit, die nicht normal war. Ihr Blick war so tief, so eindringlich, so … hilflos. Ich sah, wie sie Moppel zunickte und schweigend in das Auto einstieg, um davonzufahren als wäre nichts geschehen. Also entweder hatte ich einen Schuss oder sie. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Mit allem hatte ich gerechnet, nur nicht damit.
Selbst am späten Nachmittag, als ich mittlerweile drei Euro zusammengeschnorrt hatte, musste ich an ihren Blick denken, der mich so völlig anders getroffen hatte, als ich es erwartet hatte.
3. Isabella
Weg. Ich wollte nur weg. Ohne näher über das Geschehene nachzudenken, fuhr ich mit meinem geschundenen Wagen ein paar Straßen weiter und bog spontan auf einen Supermarktparkplatz ein. Als mein Auto zum Stehen kam, zitterten meine Hände. Meine Knie waren zu weich, um mit ihnen auch nur einen Meter weiterzufahren. Es war wieder geschehen. Es hatte mich erneut eingeholt. Und das gerade jetzt, wo ich am verwundbarsten war. Aber so war das Leben. Es ging seine eigenen Wege, fragte nicht danach, ob es einem gerade passte, wenn es brutal zuschlug und einen ausknockte. Es tat es einfach. Zog einem den Boden unter den Füßen weg. Schmiss einen in ein bodenloses, tiefes Loch. Und im Moment befand ich mich im freien Fall. Niemand konnte mir sagen, ob sich das Kämpfen lohnen würde oder ob ich in meine Badewanne zurückkrauchen sollte, um dort weiterzumachen, wo ich heute Morgen geendet hatte.
Dann weinte ich los wie ein kleines Kind, dem sein Lieblingslolli geklaut worden war. Doch ich war kein Kind mehr. Ich war eine gestandene, erwachsene Frau, die sich Minuten später im Rückspiegel ihres Autos in die verheulten Augen sah. Mein Mascara war verschmiert. Ich sah furchtbar aus und die roten Augen erst … Wenn ich Mike derart verjault gegenübertreten würde, hätte ich einen weiteren Kampf verloren. Obwohl, vielleicht hatte ich das ja längst. Jugend schlägt Alter. So war das doch immer im Leben. Und vor allem nicht zum ersten Mal. Also, warum hielt ich weiterhin an etwas fest, das längst Vergangenheit war? Aus Gewohnheit? Aus Faulheit? Aus verletztem Stolz? Nein, das konnte es nicht sein. Dafür war es mir mittlerweile nicht mehr wichtig genug. Oder doch? An einer Illusion festzuhalten, war wohl so ziemlich das Dämlichste, was einem passieren konnte.
Ich war dämlich!
Es war längst an der Zeit die Zelte abzubrechen, die der Sturm des Lebens durchlöchert und zerfetzt hatte.
Vorsichtig tupfte ich mir die verschmierte Farbe aus dem Gesicht. Dann betrachtete ich die Überweisung, die mir der Arzt mitgegeben und zuvor persönlich dafür gesorgt hatte, dass ich einen bevorzugten Termin erhielt. Immer wieder gut, wenn man Beziehungen hatte. Dr. Müller war ein netter Kerl. Seine Tochter war zwei Jahre älter als meine Anna und wenn die beiden Mädchen bei unseren Grillpartys aufeinandertrafen, hatten sie sich stets gut verstanden. Er und seine Frau waren glücklich. Man sah es ihnen bereits von weitem an. Sie strahlten diese Harmonie aus, die ich mir stets gewünscht hatte. Doch Mike war anders. Aber auch das hatte ich im Laufe unserer Ehe erst schmerzlich lernen müssen.
Ich startete erneut den Motor meines Wagens und rollte gemächlich vom Parkplatz. Für den heutigen Tag hatte ich genug erlebt. Ich wollte nur noch nach Hause. Nach Hause in eine Illusion, die mich noch tiefer in diesen Gulag zog, als gut für mich und meine schreiende Seele war.
Apropos Schreien. Dieser dämliche, stinkende Penner hatte meinem Lack einen weiteren Kratzer verpasst. Arme Beifahrertür! Eigentlich hätte ich ihn zusammenbrüllen müssen. Doch so viel Kraft brachte ich heute nicht auf. Außerdem wollte ich von diesem Gestank weg, der auf mein empfindliches Riechorgan getroffen war. Irgendwie umwabberte diese verkrachte Existenz eine Wolke aus Kloake, von der ich nichts abbekommen wollte. Typen wie der hatten eh nur Alkohol oder Drogen im Kopf. Da spielte die Körperhygiene meist eine stark untergeordnete Rolle. Ich verstand eh nicht, wie ein Mensch derart tief sinken konnte, dass er seine Würde vergaß und mehr mit einem tierischen Kadaver als mit einem zivilisierten Wesen gemein hatte. Selbst in jungen Jahren hatte ich einen weiten Bogen um solche Wesen gemacht. Meine Großmutter hatte mir bereits als Kind beigebracht, dass man derartige Menschen ignorieren und links liegen lassen sollte, da dies eh nur willensschwache, antriebslose und dahinsiechende Individuen waren, die es in unserer Welt nie zu etwas bringen würden. Säufer. Abhängige. Penner eben.
Doch leider war vorhin kein anderer Parkplatz frei gewesen. Und da meine Blase kurz vorm Explodieren war, hatte ich keine andere Wahl gehabt, als meinen Audi dort zu parken, wo dieses Wrack offensichtlich auf Grund gelaufen war bzw. seinen Hafen hatte. Bereits bei meinem letzten Arztbesuch hatte ich diese Kreatur dort herumlungern sehen. Allein bei dem Gedanken an ihn schüttelte es mich vor Ekel. Diese ungepflegten Haare und erst recht dieser verfilzte Bart oder was auch immer das war, was da in seinem Gesicht wucherte. Das war gewiss ein Paradies für diverse Kleinstlebewesen, die dort eine Dauerheimat gefunden und erfolgreich ganze Großfamilien angesiedelt hatten.
Bäh!!!
Allein bei dem Gedanken daran bekam ich Grieben und Ekelpickel. Und diese stinkenden Klamotten! Gewiss trug er die Tag und Nacht, pupste hinein, bis sich sein keimiger Schlafsack aufblähte und dann erquickte sich der Kerl anschließend an der selbst erschaffenen Wärme. Wahrscheinlich war er sogar noch stolz darauf. Und wenn er pinkelte, landeten gewiss genug Tropfen auf eben seiner stinkenden Kleidung. Händewaschen Fehlanzeige. Und dieser Vogel hatte auch noch mein Auto zerkratzt … Nun ja, eigentlich war es Mikes Auto. Egal. Der hatte eh genug Wagen zur Auswahl.
Als ich eine Stunde später heimkehrte, fand ich ein leeres Haus vor. Mir war zum Kotzen, was ich kurz darauf auch tat. Wo war der starke Arm, der mich hielt? Wo war die sanfte Stimme, die mir tröstende Worte zuflüsterte? Wo war die menschliche Wärme, die mich einhüllte und mir wieder Hoffnung gab?
Fehlanzeige.
Ich war allein und niemand nahm sich meiner an.
Ein vorsichtiger Blick in unser Ankleidezimmer verriet mir, dass Mike mehr als nur seine Sportsachen mitgenommen hatte. Ein untrügerisches Zeichen dafür, dass ich auch die nächsten Stunden, wenn nicht sogar Tage, allein verbringen würde. Ziellos schlenderte ich durch unser zweihundertfünfzig Quadratmeter großes, menschenleeres Haus und landete am Ende vor der kleinen Wohnzimmerbar.
Was soll’s?, dachte ich mir, griff eine Rumflasche und mixte mir einen Drink. Kurz darauf einen zweiten, einen dritten. Ich drehte die Musikanlage auf und hörte mir den satten Sound von Guns n’ Roses an. Und dann überkam es mich. Nach dem vierten Glas sprang ich über unsere Ledercouch, hüpfte durch das Wohnzimmer und übte mich im Headbanging. Seit meiner Sturm- und Drangphase hatte ich das nicht mehr getan. Es tat so unendlich gut … Bis mir schwindlig und übel wurde und ich meinen nicht allzu üppigen Mageninhalt neben dem Sessel verteilte. Egal. Weiter. Noch ein Glas …
»Issy! Komm zu dir!«
Wer sagte das gerade zu wem? Claras besorgtes Gesicht beugte sich über meines. Ihre braunen Haare fielen mir fast in die Augen, kitzelten meine Nase. Seit wann war sie denn hier? Ich hatte nichts mitbekommen, war wohl komplett weggetreten.
»Was tust du hier?«, fragte ich benommen und schmeckte güllehaften Sud in meinem Mund.
»Schon vergessen? Wir waren für heute Abend hier verabredet. Ich hatte auf deine Nachricht geantwortet und da du dem nichts entgegengesetzt hast, dachte ich, unser Date sei gebongt. Ich wollte doch wissen, was beim Arzt herausgekommen ist. Außerdem mache ich mir Sorgen um dich. Immerhin bist du meine beste Freundin und in einem verdammten Psychotief.« Sie schaute sich um und runzelte die Stirn. »Hast du dieses Chaos hier verursacht?«
Ich nickte schuldbewusst und blinzelte auf meine Uhr. Ups! Es war bereits zwanzig Uhr durch. Clara zog mich am rechten Arm zurück auf die Beine. Wow, für diese Karusselfahrt benötigte ich noch nicht einmal ein Ticket. Auch Clara merkte dies schnell und schob mich auf einen Stuhl.
»Bleib hier sitzen, Süße. Ich kümmere mich um alles!«
Was für ein Engel! Unsere letzten Geburtstage, die nur fünf Tage auseinander lagen, hatten wir gemeinsam auf Kreta verbracht. Eine Woche familienlos. Nur wir Mädels und unsere beginnende Midlifecrisis. Mit einundvierzig war man eben keine einundzwanzig mehr. Clara und ich hatten Spaß. So richtig viel Spaß. Wir tobten durch diverse Bars, flirteten, lungerten am Strand herum und philosophierten uns in jeden einzelnen Sonnenuntergang. Es tat so gut! Ich hatte mich wieder jung gefühlt und für sieben Tage all meine Probleme vergessen. Doch leider war dies nur eine Momentaufnahme, die schnell wieder verschwand bzw. der Realität wich.
Clara, die seit gefühlten Ewigkeiten mit ihrem Schatz zusammenlebte, aber nie ans Heiraten gedacht hatte, hatte eine wilde Lolita als Tochter, die bereits seit ihrem vierzehnten Lebensjahr auf Männerfang ging. Leider sehr erfolgreich. Auch wenn unsere Töchter fast gleichalt waren, hatten sich beide nie wirklich verstanden. Während Anna für ihre Schule und das Lernen lebte, war Claras Tochter an fleischlichen Gelüsten interessiert. Diese kleine Schlampe! Bereits im Alter von sechzehn Jahren hatte sie ihre Sachen gepackt und war zu ihrem damals zehn Jahre älteren Freund gezogen. Clara und ihr Mario hatten längst die Kontrolle über sie verloren und dem nichts mehr entgegenzusetzen. Selbst Marios militärische Art kam dagegen nicht an. Denn dieses kleine Biest vernaschte alles, was ihr zwischen die Beine rutschte. Alles. Und damit meine ich auch wirklich alles!!!
»Issy, komm, geh jetzt duschen. Ich koche uns etwas Leckeres, Magenfreundliches. Und dann machen wir uns einen schönen Weiberabend. Schauen uns Harry und Sally an und du erzählst mir von deinem Tag, während ich dir die Tränen vom Gesicht tupfen werde.«
Oh, Clara, meine Clara! Wie liebte ich sie dafür, dass sie so war, wie sie war! Sie vertrieb die Dunkelheit aus meinen Gedanken und holte die Sonne herbei. Sie schaffte es immer wieder, mir ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Und auch wenn Mike es nicht guthieß, hatte ich ihr bereits vor Jahren einen Schlüssel für unser Haus in die Hand gedrückt. Sie war mein Seelenstreichler, die Hand, die mich hielt, wenn ich im Sturm des Lebens die Orientierung verlor. So wie jetzt. Sie war Krankenschwester aus Leidenschaft und wusste schon, was mit einem los war, bevor man es selbst auch nur erahnte. Ich liebte sie abgöttisch. Für sie hätte ich mich vor jede Kugel geworfen. Denn sie musste einfach weiterleben. Menschen wie sie waren der Grund, warum unsere Welt nicht unterging. Sie war nicht mit Gold aufwiegbar. Ganz im Gegensatz zu ihrer missratenen Göre.
In der folgenden Nacht hatte ich seit langem wieder einmal ausreichend geschlafen und nach einem aufbauenden Frühstück meldete ich mich pünktlich auf Arbeit, obwohl ich mich schlapp und wie durch die Mangel gedreht fühlte. Das Konzentrieren fiel mir schwer, aber ich wusste, ich würde mir nichts anmerken lassen. Ich bewahrte meinen Stolz und zeigte Haltung. Niemand sollte auch nur ansatzweise ahnen, was hinter meiner Fassade ablief. Das Grauen, das sich wieder in mir ausbreitete. Körperlich wie seelisch.
Clara hatte gestern die mir vom Arzt mitgegebenen Papiere studiert und die Stirn gerunzelt. Kein gutes Zeichen. Dann hatte sie mich energiespendend in den Arm genommen und geflüstert: »Wir kriegen das hin, meine Süße! Wir schaffen das. Hab Vertrauen!«
Klar doch. Ich war ein sechzig Kilogramm schwerer Wal und konnte fliegen. Okay, mittlerweile hatte ich unfreiwillig, aufgrund der Übelkeit, zwei Kilogramm abgenommen, aber dafür liebte mich die Schokolade und ich sie! Alles hatte seine Vorteile, man musste sie nur finden. Im Laufe des Tages informierte ich meinen Chef, dass ich mir am morgigen Tag aus familiären Gründen freinehmen müsse. Glücklich war er nicht darüber, aber er nickte es ab und so fuhr ich nach einem langen Arbeitstag nach Hause. Die Boxen meines Autos dröhnten und ich sang leidenschaftlich mit, bis mir mal wieder speiübel wurde. Es gelang mir gerade noch so, das Auto rechts ran zu fahren und herauszuspringen, bevor ich meinen Mageninhalt – hauptsächlich Schokolade – auf dem Grünstreifen vor einer Häuserzeile verteilte. Wie ich das hasste! Egal. Morgen würde diesbezüglich Klarheit geschaffen werden.
Aber ganz ehrlich, eigentlich wollte ich die Wahrheit gar nicht wissen. Zu viel Wahrheit kann tödlich sein. Diese Erfahrung hatte ich bereits vor Jahren machen müssen. Und so waren mir eben in gewissen Situationen Lügen lieber. Zu viel Wissen ließ einen nur grübeln. Und zu viel grübeln führte zu Depressionen. Und Depressionen führten in eine Dunkelheit, für die es keine Beleuchtung gab. Deshalb hatte ich – wider besseren Wissens – meinen Arztbesuch so extrem lange hinausgezögert und alle Befürchtungen verdrängt. Bis es nicht mehr ging. Außerdem, wer will schon eine heulende Ehefrau zuhause haben? Verquollene dicke Augen waren nicht wirklich repräsentativ und sexy.
Dann meldete sich plötzlich mein Handy. Anna. Meine süße, strahlende Anna.
»Mama, wie geht es dir? Alles okay?«
Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich ihre Stimme liebte. Sie hätte mir die Steuererklärung vorlesen können und ich hätte ihr fasziniert gelauscht, als wäre es der schönste Liebesroman.
»Ja, mein Kind. Alles bestens. Wie läuft es bei dir? Wie ist deiner Gastfamilie?«
Anna erzählte überschäumend, wie gut man sie aufgenommen hatte und wie glücklich sie war. Sie plapperte so schnell auf mich ein, dass ich ihr kaum folgen konnte. Eben typisch Anna. Ich verriet ihr nicht, wie mich die Sehnsucht nach ihr quälte oder wie beschissen es mir gerade ging. Sie sollte sich keine Sorgen machen und ihr Leben leben, ohne an verwelkende Blumen zu denken.
Kaum dass wir unser Telefonat beendet hatten, kreisten meine Gedanken wieder um meine gegenwärtige Situation. Und das zu Recht. Denn als ich gegen zweiundzwanzig Uhr auf unser Grundstück fuhr, brannte im Haus kein einziges Licht. Ich schloss kurz meine Augen und verzog das Gesicht. Alles klar. Der Wind war eisig geworden an diesem Frühsommertag. Und er wurde noch eisiger, als ich den Zettel auf dem Küchentisch vorfand.
»Bin noch unterwegs. Bis später.«
Den letzten Satz der Nachricht hätte er sich kneifen können. Wie sein ewiges Gesülze, das mich beruhigen und einlullen sollte. Doch ich war weder blind noch taub und erst recht nicht gefühlsabstinent. Für wie blöd hielt er mich eigentlich, Mister »ich bin hier der große Geschäftsmann und bekomme immer, was ich will«?
Kurz darauf stand ich vorm großen Badspiegel und beäugte müde diese lästigen Fältchen, die sich zunehmend in meinem Gesicht breitmachten. Wurde Zeit, aktiv zu werden. Aber lohnte sich das noch? Ich schwankte zwischen Himmel und Hölle und überlegte ernsthaft, ob ich mir Botox spritzen lassen sollte? Dabei hatte ich gerade andere Probleme und eines davon war Mike.
Gut zehn Tage später – am ersten Julitag – hatte ich wieder einen Termin bei meinem Arzt. Wie ich es hasste, in dieser dämlichen Straße nach einem Parkplatz zu suchen. Dabei fuhr ich schon immer dreißig Minuten früher los, um überhaupt eine Chance zu haben, meinen Termin pünktlich wahrnehmen zu können. Als endlich vor mir ein Kleintransporter eine Parklücke freigab, überkam mich ein Déjà-vu. Es war derselbe Parkplatz wie letztens. Direkt an der Laterne neben dem Parkscheinautomaten. Und auch dieser Penner saß abermals auf der Stufe vor dem Hauseingang und glotzte stumpfsinnig auf den Gehweg.
Bäh!
Sofort hatte ich wieder seinen verwesenden Gestank in der Nase. Aber mir blieb keine Wahl. Ich brauchte diesen Parkplatz. Und so stieg ich aus, streckte stolz meinen Rücken, stellte mich vor den Parkscheinautomaten, zückte mein Portemonnaie und fütterte das geldverschlingende Monstrum, während ich hörte, wie hinter mir diese zynische Stimme erklang: »Danke für Ihre wohltätige Gabe. Sie haben ein wirklich warmes Herz.« Idiot! Dachte der ernsthaft, dass man auf diese Art weiteres Geld aus den Menschen herausbetteln könnte? Was für eine armselige Kreatur.
Noch während ich innerlich über ihn zeterte, wurde mir plötzlich schwindlig. Ich krallte mich mit meiner linken Hand am Automaten fest und spürte, wie ein paar Münzen aus meinem Portemonnaie entwichen, das ich in der anderen Hand hielt. Als das Schwarz vor meinen Augen zurückwich, bückte ich mich, um das Geld mühsam wieder aufzulesen. Plötzlich stellte sich ein zerschlissener Sneaker auf die letzten zwei Cent-Stücke, die ich noch nicht eingesammelt hatte.
»He!«, schrie ich den Penner an. »Nimm deinen stinkenden Fuß da weg! Das ist mein Geld.«
»Und dies hier ist mein Revier. Was auf den Boden fällt, gehört mir!«, giftete er zurück.
Oh nein! Diesmal wollte ich nicht ruhig bleiben und mir alles gefallen lassen. Ich holte tief Luft und brüllte ihn derart laut an, dass nicht nur mein Blutdruck wieder zu steigen begann, sondern auch erste Passanten stehenblieben, um sich unseren ungleichen Streit anzuschauen … »Du bekommst von mir nicht einen einzigen Cent! Du hast mein Auto zerkratzt, mich beschimpft und beleidigt. Du versiffte Kreatur. Du stinkendes Etwas. Du penetranter Penner. Krauch in die Kloake zurück, aus der du gekommen bist!«
Doch er hob seinen Fuß nicht. Im Gegenteil. Gut sichtbar verlagerte er sein gesamtes Gewicht auf den Fuß, der die kleinen Münzen fast zerquetschte. Meine zwei Cent-Stücke waren verloren. Was sollte ich tun? Ihn wegschubsen? Igitt. So etwas fasse ich doch nicht an! Außerdem war der Kerl gewiss stärker als ich …
»Du hast ein kaltes Herz!«, antwortete er ungerührt. »Wie wäre es mit etwas Mitgefühl? Ich bin auch nur ein Mensch, selbst wenn du dies nicht erkennen kannst. Du lebst in deinem schicken Häuschen, hast mehr Geld, als du verbraten kannst, und ich will nur ein Bier und ein Sandwich, damit ich in den Tag starten kann. Egoistische, blöde Ziege!«
Autsch! Und das vor allen Leuten. Peinlich! Ich hob meinen Kopf, legte eine Haarsträhne hinter mein Ohr und drehte mich um. Wenn Blicke töten könnten, wäre dieser Drecksack umgefallen und nie wieder aufgestanden. Doch zwei Cent-Stücke waren den ganzen Stress nicht wert. Also steckte ich mein Parkticket von innen hinter die Autoscheibe, schloss mein Auto ab und giftete den Stinker an: »Wage es nie wieder meinem Auto zu nahe zu kommen, sonst zeige ich dich an!«
»Gib mir den Job es zu bewachen und bezahle mich anständig dafür, dann werde ich selbst die Tauben daran hintern, auf dein schickes Auto zu scheißen. Aber dafür bist du gewiss zu geizig.«
Was für ein Loser! Ich verdrehte die Augen, ließ ihn stehen und eilte zu meinem Termin. Ich hatte andere Probleme, als mich mit diesem asozialen Subjekt herumzuschlagen!
4. Tom
Zicke! Genau das war sie. Eine reiche, verwöhnte, arrogante Zicke, die einem armen Straßenschläfling wie mir noch nicht einmal zwei Cent gönnte. Dabei hätte ich sogar ihr Auto bewacht und gegen Tauben verteidigt – aber nur gegen Bezahlung. Die Tussi hatte gewiss genug Geld. Und ein goldenes Klo. Silberne Trinkbecherlein und mit Brillis besetztes Essbesteck. Dekadente, blöde Kuh!
Ich setzte mich zurück auf meinen Stammplatz vor die Haustür jenes Wohnhauses und blickte in die Richtung, in die sie verschwunden war. Dann nahm ich eines der erbeuteten Cent-Stücke und überlegte, ob ich es dreimal anspucke, genauso wie meine Großmutter es mir gezeigt hatte, als ich noch ein kleiner Junge war. Genau in dem Moment, wenn man die Münze anspuckte, sollte man sich etwas wünschen, hatte sie mir erklärt. Etwas, das von Herzen kam. Oh Mann, ich hatte genug Herzenswünsche. Weit mehr als ich Cent-Stücke besaß. Als dann ein fast erwachsener Bengel mit seiner Fußhupe an der Leine und dem Handy vor der Nase an dem Audi stehenblieb und der kleine Köter zum Beinheben ansetzte, grölte ich ihn an: »He, du Loser! Nimm deine Nacktkatze und lass sie zu Hause pinkeln. Wenn ich sehe, dass sie hier irgendetwas in meiner Nähe mit ihrer Pisse verseucht, koche ich mir das Vieh zum Mittag!«
Erschrocken glotzte mich der Junge an und eilte, seinen Hund hinter sich herzerrend, davon. Besser so! Der Gestank hätte nur meine Nase beleidigt … Apropos Gestank. Ich musste unbedingt mal wieder in einen Springbrunnen oder unter eine Dusche hüpfen. Meine Ausdünstungen waren erbrechenswürdig! Ich konnte gar nicht so schnell vor mir selbst wegrennen, wie ich wollte.
Irgendwie war heute auf der Straße nichts los. Und so stand ich auf, legte meine Sachen zur Seite, streckte mich, blaffte ein paar Passanten an und schlenderte anschließend um den Audi herum. Nettes Teil. Bis auf den tiefen Kratzer. Wer den nur dort platziert hatte? Ich grinste schuldbewusst. War noch gar nicht so lange her, da hatte ich selbst schicke, teure Autos gefahren. Ich blinzelte zum Himmel, zog die zwei Cent-Stücke aus meiner Hosentasche, schloss sie in meiner Hand ein und holte tief Luft. »Nur ein Wunsch vom tiefsten Grund deines Herzens wird es sein, der hier Erfüllung findet«, hörte ich im Inneren die Stimme meiner längst verstorbenen Großmutter. Wenn ich mich doch nur für einen entscheiden könnte! Oder besser gesagt, für zwei. Denn schließlich hatte ich ja zwei Cent-Stücke. Gerade als ich meinen Rundgang um das Auto beendet hatte, bemerkte ich, wie die Blondine zurückkam. Sie wirkte seltsam verändert. Irgendetwas war geschehen. Irgendetwas war anders. Wieder einmal.
»He, eure Hoheit!«, nölte ich sie voll. »Ich habe eure Kutsche bewacht und vor furchterregenden, Wasserfälle pinkelnden Kreaturen beschützt. Wo bleibt meine Entlohnung?«
Sie hob kurz ihren Kopf, schaute mich verwirrt an und lief schweigend um ihr Auto herum, ohne weiter auf meine Worte einzugehen. Also wenigsten einen Euro sollte sie schon lockermachen. Schließlich kannten wir uns bereits sooooo lange …
»Hast du wirklich einen solchen Stock im Arsch, dass du es nicht fertigbringst, einem armen Kerl wie mir eine Spende zu überlassen?« Nein, ich dachte nicht daran, aufzugeben bevor ich hatte, was ich wollte. Der heutige Tag war bisher alles andere als ertragreich. Ich musste irgendwo einen Sponsor finden und dieses Weib stank regelrecht nach Geld. Leider schien sie auf beiden Ohren taub zu sein. Also zog ich einen Flunsch und trabte zu meinem Platz zurück. Immerhin würde gleich Moppel vorbeikommen und der hatte eindeutig mehr für mich übrig als diese knausrige Luxus-Barbie. Ich drehte mich weg und blaffte nach hinten: »Weißt du was? Behalte dein Scheißgeld und verrecke daran …«
Bum.
Autsch!
Irgendetwas hatte mich am Kopf getroffen. Als ich mich umdrehte, parkte sie aus und raste mit ihrem Auto davon, als wäre der Teufel hinter ihr her. Verwundert schaute ich an mir hinab: Neben meinen Füßen lag ein schwarz-goldenes Portemonnaie. Ich hob es auf und setzte mich auf die Stufe vor dem Hauseingang, wo ich immer saß.
Wow.
Sie hatte mir allen Ernstes ihre Geldbörse an den Kopf geworfen. Ich drehte das erbeutete Teil durch meine Hände und betrachtete es. Echtes Leder mit verspielter goldener Stickerei. Leicht orientalisch. Bestimmt nicht vom Discounter. Ich weiß nicht warum, aber statt nachzuschauen, was sich darin befand, hielt ich das Portemonnaie an meine Nase und roch daran. Mmh, ein leichter Parfümgeruch kroch in mein Riechorgan. Wann hatte ich Derartiges zuletzt gerochen? Das musste Ewigkeiten her sein. Dann ertappte ich mich dabei, wie meine Finger über die goldene Stickerei streichelten. Verdammt! Was tat ich da? Der Inhalt war wichtig nicht das Äußere!
»Holy Shit!«, entfuhr es mir kurz darauf. Ich schaute mich vorsichtig um. Zum Glück nahm niemand von mir Notiz. Wie üblich. Aber da man sich ja nie wirklich sicher sein konnte, neigte ich mich unauffällig über meine Beute und starrte abermals hinein. Oh, ja! Die nächsten Nächte würde ich nicht auf der Straße verbringen. Ich würde in einem weichen Bettchen schlafen und von einer niemals leer werdenden, schwarzgoldenen Geldbörse träumen. Doch im Moment reichte mir das Wissen, dass sich darin drei Fünfziger, zwei Zwanziger, vier Fünfer-Euroscheine und jede Menge Münzen befanden. Das hieß: zehn Tage Lieblingshostel. Yeah! Was für ein Tag! Hoffentlich war Zizzi da. Wenn sie Dienst in der alten heruntergekommenen Pension hatte, sorgte sie stets dafür, dass ich das kleine Einbettzimmer zum Supersonderpreis bekam. Ein Raum, gegen den jede Besenkammer wie ein Ballsaal wirkte. Das Bad teilte man sich mit den anderen »Gästen«. War mir auch egal. Hauptsache ein Bett und ein Schlüssel, der keinen anderen rein ließ. Zizzi, war eine ehemalige Streetworkerin. Sie wusste, mit welchem Klientel sie es hin und wieder zu tun hatte. Vorausgesetzt man konnte es sich leisten. Meist sammelte sie von anderen Gästen zurückgelassene Sachen ein und verteilte sie dann an arme Schlucker wie mich.
Und nebenbei war sie Moppels Angebetete.
Verblüfft strahlte sie mich an, als ich eine Stunde später vor ihr stand.
»Hallo, meine Hübsche. Heute ist dein Glückstag. Ich werde für zehn Tage einchecken und der beste Gast sein, den du je erlebt hast!« Die geklaute Rose, die ich ihr hinhielt, brachte sie zum Lachen.
»Hast du jemanden überfallen, eine Bank ausgeraubt oder eine überraschende Erbschaft erhalten?«, fragte sie glucksend und spielte mit ihren braunen Dreadlocks.
»Weder noch. Eine reiche Tussi hatte Schulden bei mir …« Ich reichte ihr die Scheinchen passend über den Tresen und grinste. »Ich hoffe, ihr habt eure Preise nicht erhöht?«
»Nein. Und wenn doch, würde ich für dich eine Ausnahme machen. Kennst mich doch! Hast du mittlerweile einen neuen Ausweis?«
»Sorry.« Ich kratzte mich verlegen hinter dem Ohr. »Ich weiß, meiner ist längst abgelaufen. Aber ich habe kein Geld für einen neuen. Nimmst du mich auch so?«
Sie nickte und reichte mir den ersehnten Schlüssel über den Tresen. Ich küsste ihn, als wäre er meine Geliebte. »Grüß Moppel von mir. In den nächsten zehn Tagen braucht er sich keine Gedanken um mich zu machen.«
Zizzi nickte abermals und griff unter den Tresen. Das tat sie immer, wenn ich kam. Nun ja, oft war das nicht, aber sie mochte mich einfach und so bekam ich eine kleine Tüte in die Hand gedrückt.
»Ich denke«, begann sie nachdenklich, »du brauchst es verdammt dringend!« Dabei hielt sie sich ihre Nase zu und runzelte die Stirn.
»Gib mir zwei Stunden und du wirst mich nicht wiedererkennen. Dann wird Moppel alle Hände voll zu tun haben, um gegen mich zu punkten …« Ich lachte übermütig und eilte davon.
Das winzige Kabüffchen war mit einem einfachen Bett, einem winzigen Nachtschränkchen und einem wackelnden Hocker ausgestattet. Aber mir reichte das aus. Ich lugte neugierig in meine Wundertüte und juchzte vor Freude. Zizzi hatte mitgedacht. Duschgel, Shampoo, Rasierschaum, ein kleines Handtuch, zwei Einwegrasierer und ein Sweatshirt – fast neu! Ich flitzte noch einmal zur Rezeption und pumpte mir eine große Schere von ihr. Dann zog ich mich ins Gemeinschaftsbad zurück.
Kaum vorstellbar, wie lebensspendend sich warmes Duschwasser auf der Haut anfühlen kann – vor allem, wenn man sich in letzter Zeit etwas hatte gehenlassen. Von dem was es wegspülte ganz zu schweigen. Erst stand ich wie benommen unter der Dusche, ließ dieses Gefühl von Luxus meinen Körper durchströmen. Spürte, wie das warme Nass über meinen geschundenen Körper perlte und meine Sinne belebte. Fast wie ein Orgasmus. Nur eben anders. Dann schrubbte ich mich gründlich, wusch meine Haare, schnitt sie nach dem Abtrocknen vor dem Spiegel, bis ich mit mir zufrieden war, und rasierte mir letztendlich diesen juckenden Bart ab. Und da stand ich: ein neuer Mensch. Gut riechend, mit welligen, dunkelblonden Haaren und vor Lebensfreude strahlenden, blauen Augen.
»Ja!« Mehr konnte ich nicht sagen, während ich mein blitzsauberes Spiegelbild bewunderte. Hübscher Kerl!, dachte ich und zwinkerte mir zu. Plötzlich packte mich ungeahnter Aktionismus. Ich hatte noch eine einzige Jeans, die nicht ganz verdreckt und zerschlissen war, wie die, die ich bis gerade eben getragen hatte. Das musste sich ändern! Unverzüglich! Immerhin war ich jetzt so sauber, dass ich mich nicht mehr mit schmutziger Kleidung zufriedengab. Daher warf ich in meinem Zimmer das gesponserte rote Sweatshirt über, wischte meine Schuhe mit Klopapier etwas sauber, schloss die Tür ab und strahlte Zizzi an der Rezeption wie eine frisch polierte Aladin-Lampe an. »Tata! Na, habe ich zu viel versprochen?«
Sie legte den Kopf schräg und zwinkerte mir zu, während ihr Nasenpiercing wackelte. »Tausend Mal besser als vorhin. Du siehst echt scharf aus …«
In diesem Moment betrat Moppel das Hostel und lachte begeistert. »Wow, wen haben wir denn da? Sieht aus, als wäre heute dein Glückstag. Lass mich raten. Als Nächstes willst du in die Kleiderkammer und dich mit vernünftigen Klamotten eindecken.«
»Exakt!«
»Dann solltest du dich beeilen. Die schließen in einer halben Stunde. Ich bin mit meiner alten Kiste hier. Steig ein, dann fahre ich dich rüber und du erzählst mir dabei, wie du so reich geworden bist, dass du gleich für zehn Tage hier einchecken konntest.«
Ich starrte Zizzi an, die ertappt mit den Schultern zuckte, sich umdrehte und mich ihre Dreadlocks schnuppern ließ. Schon klar. Sie hatte ihm brühwarm von mir berichtet. Egal. Ich hatte nichts Verwerfliches getan, dessen ich mich hätte schämen müssen.
Als ich am Abend sauber in meinem Bett lag und stolz auf meine neu erworbenen Kleidungsstücke, Schuhe und den neuen Schlafsack blickte, stellte sich tiefe Zufriedenheit bei mir ein. Ich war der Millionär unter den Obdachlosen. Die Wiener, das Weißbrot und die Äpfel, die ich im Supermarkt recht günstig in der Kiste mit demnächst verfallenden Lebensmitteln herausgekramt hatte, ließ ich mir genüsslich schmecken. Genauso wie mein Bierchen. Denn das hatte ich mir heute redlich verdient!
In den nächsten Tagen ging ich Zizzi im Hotel zur Hand, half, wo ich nur konnte. Ein großer Handwerker war ich nicht, aber ein oder zwei Handgriffe vermochte ich schon richtig zu setzen. In meinen bisherigen fast dreieinhalb Lebensjahrzehnten war ich schließlich nicht die ganze Zeit mit dem Reparieren und Verkaufen von Autos oder Aktien beschäftigt gewesen. Zizzi freute sich über meine Hilfe und ich war glücklich, wenn sie mich für diesen spontanen Einsatz lobte. Früh morgens jedoch wanderte ich stets als erstes durch mein altes Revier und fragte bei den Ladenbesitzern nach, ob sie Hilfe brauchen könnten. Es war, als hätte mir jemand Dynamit in den Hintern geschoben, das mich ständig vorantrieb. Leider zündete es nicht immer. Und so ergatterte ich lediglich bei einem türkischen und einem polnischen Ladenbesitzer kleine Eintagsjobs, die zum einen das Entladen und Stapeln frischer Ware und zum anderen das Aufräumen des Lagers beinhalteten. Aber trotzdem nahm ich dafür insgesamt weitere sechzig Euro ein, die ich dazu verwandte, Moppel und Zizzi zu einem Döner einzuladen. Moppel freute sich, als hätte er seit Jahren nichts mehr gegessen und Zizzi streichelte mir ständig liebevoll den Arm. Das tat gut. Für eine kurze Zeit fühlte ich mich wieder wie ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft. Es glich dem Erwachen meines Kampfgeistes.
Doch mein Gutelaunepegel sank am neunten Tag drastisch ab. Ich brauchte dringend eine Lösung, einen Job oder irgendetwas, damit ich nicht wieder auf der Straße landen würde. Ich wollte meine neu erworbenen Sachen nicht mit Straßendreck und Hundescheiße besudeln oder mich von irgendwelchen Fußhupen oder Schlimmerem anpinkeln lassen, während ich schlief.
Gedankenverloren lief ich die Straße entlang, die ich als mein Revier bezeichnete. Drei Hausaufgänge neben meinem alten Stammplatz blieb ich stehen und sah mir die Schilder an, die darauf hinwiesen, dass hier mehrere Ärzte ihre Praxen hatten. Irgendwo hier musste jemand dem Blondchen die Laune verhagelt haben, was zu meinem absoluten Glückstag geführt hatte. Ich grinste diabolisch und lief weiter. Doch leider fand sich an diesem Tag kein einziger Job für mich.
Als ich die Straße wieder zurück schlenderte, sah ich den Audi TT mit meiner Screeching-Verziehrung am Straßenrand parken. Neugierig äugte ich hinein. Da saß sie, heulte. Man konnte ihr Weinen bis nach draußen hören. Klang echt erbärmlich. Ihr Portemonnaie trug ich seit neun Tagen in der Jackentasche mit mir herum. Denn irgendwie hatte ich gehofft, sie eines Tages hier wiederzusehen und es ihr inhaltslos zurückgeben zu können. Ganz ehrlich, eigentlich wollte ich es ihr auf den Kühler packen oder an die Frontscheibe ihres Audis drücken. Doch jetzt, da ich sie so erbärmlich weinen sah, war mir der Spaß daran vergangen. Und so überlegte ich nicht lange und klopfte spontan an ihre Beifahrertür.
