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Adam Black hatte alles, was sich ein Mann wünschen konnte. Eine kluge Frau, zwei reizende Kinder und ein perfektes Leben an der englischen Küste in einem kleinen Fischerdorf. Mit seinem Freund Joseph fuhr er oft zum Fischen auf das Meer und lernte dort viel über die Seefahrt. Eines Nachts, als die beiden vom Fischen zurück kehrten, veränderte sich Adams Leben schlagartig. Er musste sich entscheiden: Sterben oder Kämpfen!
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Seitenzahl: 350
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Kapitel- Das Dorffest
Kapitel- Der Angriff
Kapitel- Aufbruch in ein Neues Leben
Kapitel- In Gefangenschaft
Kapitel- Die Flucht
Kapitel- Auf eigene Faust
Kapitel- Greyhound
Kapitel- Der Neue Käpt‘n
Kapitel- Die Insel
Kapitel- Die Mannschaft wächst
Kapitel- Das erste Schiff geht ins Netz
Kapitel- Die Jagd beginnt
Kapitel- Ein großer Verlust
Kapitel- Neuer Mut keimt auf
Kapitel- Die Englische Armada
Kapitel- Auge um Auge, Zahn um Zahn
Kapitel- Nach Hause
Wir schreiben das Jahr 1707. Das Leben war hart und unfair. Jeder Tag war eine Herausforderung. Man musste sich schon abplagen um über die Runden zu kommen. Aber es war nicht alles so trist und ausweglos. Die Möglichkeit auf See sein Geld zu verdienen wuchs täglich. Dies war genauso hart und noch viel gefährlicher, als die Arbeit an Land, aber das wurde den armen Hunden beim Anheuern nicht erzählt. Man nahm gerne die unwissenden Männer um sie dann auf dem Schiff zu verheizen. Immer mehr Händler, die wie Pilze aus der Erde schossen, schickten ihre zum Teil kostbare Fracht über den Seeweg in fremde Häfen, um dort ihre Ware in bare Münze zu tauschen. Die mutigsten und geschicktesten Händler stiegen schnell zu wohlhabenden Leuten auf, die in den Städten großen Einfluss genossen. Die Städte an der Küste wuchsen über Nacht zu Großstädten. Es gäbe aber nicht die glänzende Seite der Medaille, wenn es nicht die dreckige, unschöne Seite gäbe. Denn diese Geschäfte brachten skrupellose Piratenkapitäne mit sich, die mit ihren schwer bewaffneten Schiffen und ihrem rohen Gefolge, aus entflohenen Sklaven und Gesetzesbrechern, die Schiffe kaperten und beraubten. Sie fielen über die Meere her, so zahlreich wie Heuschrecken über eine Plantage. Die See befand sich in ihrem eisernen Griff. Wer bei einem Überfall mit dem Leben davon kam, konnte sich glücklich schätzen, denn die Anführer lebten nach dem Gesetz, keine Zeugen zu hinterlassen. Es kam nicht selten vor, das sie alle Seeleute, Schiffseigner, Kapitäne, Passagiere und wer sich sonst noch alles auf dem Schiff befand, niedermetzelten. Sie folgten dem Ruf der Freiheit und der Unabhängigkeit. Ihr Leben setzten sie auf eine Karte. Auf der einen Seite stand der Tod durch den Strick oder Kampf und auf der anderen Seite lockte ein Leben in Hülle und Fülle. Sie waren so zahlreich und brutal, dass der Anblick ihrer schwarzen Totenkopfflagge schon reichte um Handelsschiffe zur Flucht zu zwingen. Sie plünderten und mordeten mit solch einer Grausamkeit, dass die einfachen Seeleute bei einem Angriff vor Angst erstarrten und sich ihrem Schicksal ergaben. Es war eine wilde, brutale Zeit. In den Geschichtsbüchern wird später stehen „Das Goldene Zeitalter der Piraterie“.
Genau in diesem wilden Treiben, spielt die Geschichte von Adam Black. Ein Mann von ehrlicher Natur, aufrichtig und stolz. Einer, der seine Familie über alles liebte und sein Leben in vollen Zügen genoss. Er arbeitete hart, half seinen Freunden in der Not und verlangte nie etwas zurück. Ein Mann, den man gerne als Freund hatte. Aber es passierten so viele unvorhersehbare Dinge, die er sich in den wildesten Albträumen nicht hätte ausdenken können. Lest selbst, dies ist seine Geschichte.
Und alles begann in einem kleinen Dorf mit dem Namen Bearn, nahe der englischen Küste. Die Leute die dort lebten, waren überwiegend Fischer. Einige wenige hatten andere Berufe erlernt: Da waren noch ein Schneider, ein Schmied, ein Bäcker, ein Metzger und ein Weber ansässig. Das Dorf gab alles her, was der einfache Mensch zum Leben brauchte. Nichts im Überfluss, jedoch genug für alle, um ein beschauliches Leben führen zu können. Es kannte jeder jeden im Dorf, alle lebten im Einklang mit der Natur und der rauen See. Benötigte jemand Hilfe, am Haus oder an den Booten am Anleger, dann wurde mit angepackt und die Arbeit war schnell erledigt. Adam Black gehörte die Weberei, er hatte sie von seinem Vater nach dessen Tod geerbt und schon als Kind half er mit, gute und feste Stoffe zu weben. Er besaß auch das Geschick, Fischernetze zu knüpfen, auch das hatte er von seinem Vater erlernt. Die Netze, die Adam anfertigte, waren gut und dadurch sehr beliebt unter den Fischern, so machte er sich auch damit einen bekannten Namen. Viele seiner Netze verkaufte er auch an die Fischer in anderen Dörfern, die hier zahlreich an der Küste lebten. Durch diesen Nebenerwerb ging es seiner Familie sehr gut, es fehlte ihnen an nichts. Das Haus in dem sie lebten, war sehr schön und in einem guten Zustand. Direkt neben dem Wohnhaus war die Weberei angebaut. Sie war doppelt so breit wie das Wohnhaus, aber nur halb so hoch. Beides zusammen bildete ein richtiges Schmuckstück. Der Eingangsbereich zum Wohnhaus war mit einem kleinen Spitzdach verschönert, in dem an einer Kette ein Holzschild baumelte, auf dem in dicken, eingebrannten Buchstaben „Weberei Adam Black“ stand. An diesen Vorbau schmiegte sich ein mit viel Liebe angelegter Blumengarten, für den war Adams Frau Christin verantwortlich. Ihre große Leidenschaft waren die Blumen, und sie hatte so ein geschicktes Händchen dafür, dass die Leute stehen blieben, wenn sie an dem einfachen weißen Zaun entlang gingen, der den Garten umschloss. Die Blumen, Gräser und Sträucher wurden bewundert und schenkten den Betrachtern ein kleines Lächeln ins Gesicht. Durch die Beete schlängelten sich schmale Wege, sie waren von weißen Steinen und Muscheln eingefasst, so wirkte alles noch viel verträumter. Hinter der Weberei war eine große Wiese, auf der oft Adams Kinder, Josephine und Philipp spielten. Dieses war ihr Reich, welches sie sich mit allen Dorfkindern teilten. Denn hinter den Häusern gab es keine Zäune, hier durfte jeder spielen, wie und wo er wollte. Eigentlich sahen alle Wiesen gleich aus, nur hinter dem Haus von Josephine und Philipp gab es etwas Besonderes. Dort hatte ein Vorfahre der Familie vor langer Zeit eine Eiche gepflanzt. Die war gewaltig in Höhe und Stamm, es war vielleicht die mächtigste Eiche an der ganzen Küste. Der Baum hatte unzählige dicke knorrige Äste und an einem der stärksten hatte Adam eine Schaukel angebracht. Die Seile waren mindestens vier Meter lang und wenn man richtig Anschwung gab, war die Schaukel nur etwas für sehr Mutige. Josephine und Philipp schaukelten natürlich immer so hoch, dass sie mit den Füssen die Blätter der Eiche berührten. Mutter Christin sah das als liebende Mutter nicht so gerne, sie hatte Angst um ihre beiden kleinen. Aber Adam besaß das Talent, sie immer wieder zu beruhigen und ihr zu erklären, „dass die Seile stark genug sind; und festhalten würden sie sich schon von ganz alleine“. Besonders Philipp liebte es ganz hoch zu Schaukeln, für ihn gab es nichts schöneres, als beim Auf und Ab der Schaukel den kräftigen Wind zu spüren. Vielleicht hatte er das von seinem Vater geerbt, denn der liebte auch den Wind. Besonders wenn er an der steilen Küste mit Christin spazieren ging und der Wind kräftig durch seine Haare blies, dann fühlte er sich frei und glücklich. Adam war sehr stolz auf seine Frau, die ihm zwei prächtige Kinder geschenkt hatte. Er liebte alle drei von tiefem Herzen.
In dem kleinen Dorf hatte er auch einen guten Freund, ein Fischer namens Joseph. Er lebte in einer nahen Bucht, ganz allein. Seine Frau war vor langer Zeit gestorben und Kinder hatten die beiden nicht. So war er nach dem Tod seiner Frau allein in der Bucht geblieben. „Einen alten Baum versetzt man nicht mehr“, sagte Joseph mal zu Adam. Oft half Adam, dem alten Joseph beim Fischen, er wollte dafür nie eine Entlohnung, nur ab und zu nahm er ein paar gefangene Fische mit nach Hause, die Christin jedes Mal herrlich zubereitete. Für Adam war es genug von Joseph die Fischerei zu erlernen, mit allem was dazu gehört. Das waren Dinge wie Netze stellen, die Gewohnheiten der Fische zu erfahren, aber auch auf offenem Meer den Kurs zu halten und, wenn es die Situation erforderte, auch neu zu berechnen. Oft fand Joseph lobende Worte, denn Adam hörte sehr gut zu und meistens brauchte der alte Mann es nicht zweimal erklären. Wie ein Schwamm saugte Adam alles auf. Nicht einmal ein Jahr war vergangen und er hätte alleine hinaus fahren können. Aber das wollte keiner von beiden, viel schöner war es zu zweit zu segeln. Lange und gute Gespräche führten sie auf hoher See. Joseph war sehr lebenserfahren und sein Wissen war unerschöpflich. Dieses Wissen war von seinen langen Reisen auf See, als Steuermann auf einem Handelsschiff. An Seemeilen gemessen, hatte er mehrmals die Welt umsegelt. In dieser Zeit lernte er so viele verschiedene Menschen, Völker und Kulturen kennen, dass heute sein Wissen von unbezahlbarem Wert war. Adam nahm die Ratschläge gerne an, es war für ihn ein großes Glück, Joseph als Lehrer zu haben. Es kam auch schon mal vor, das es nach Mitternacht wurde, wenn sie vom Netze stellen zurück in die kleine Bucht kamen. Und nur nach den Sternen orientiert, fanden sie immer wieder zurück, da machte den beiden keiner etwas vor. So war es auch in dieser herrlich milden Sommernacht, als die beiden geradewegs auf die Bucht zu segelten und Adam Joseph fragte, „gehst du auch am Wochenende zum großen Dorffest“? Die Antwort von Joseph kam zögernd: „Was soll ich da alleine? Daran liegt mir nichts mehr, seit meine Frau tot ist.“ Leise sprach er weiter, „Früher, da konnte ich es kaum abwarten, dass es endlich los ging. Den Duft von dem gegrillten Fleisch habe ich schon Tage vorher gerochen. Das waren rauschende Feste, mit Bier und Wein und gutem Essen. Ich habe mit meiner Frau getanzt und wir haben viel Spaß gehabt, erst früh morgens sind wir nach Hause gegangen, sehr schöne Erinnerungen habe ich daran“. Adam hörte zu, er konnte gut verstehen was sein Freund meinte. Alt werden muss sehr schwer sein und wenn man dann noch alleine ist, dann ist es doppelt so schwer. Einen Moment sagte keiner mehr etwas, dann kam Adam eine Idee, „Ich weiß, mit wem du zum Fest gehst, mit mir und meiner Familie, was hältst du davon?“ „Gar nichts halte ich davon, amüsier dich mit deiner Familie, da störe ich doch nur“, antwortete Joseph stur. Aber Adam gab so schnell nicht auf. „Du störst uns doch nicht, ganz im Gegenteil, wir würden uns alle sehr freuen wenn du dich uns anschließt“. Joseph zweifelte immer noch an der Idee. „Denk doch mal an das gegrillte Schwein, das kühle Bier, den reifen Wein“. Der alte Fischer musste darüber schmunzeln, „Das sind alles gute Argumente, die du da aufzählst“, und nach kurzem Zögern, willigte er ein. Adam freute sich über die Entscheidung, „Das wird bestimmt ein unvergesslicher Abend, das glaube ich ganz fest“, sagte er zum Abschluss zu dem alten Fischer. Während des Gespräches waren sie gut voran gekommen und die Umrisse des Anlegers konnte man im fahlen Mondlicht erkennen. Wie ein eingespieltes Team war das Fischerboot im Nu festgelegt und vertäut. Auf dem Weg zur Fischerhütte sagte Joseph zu Adam, „Vielen Dank für deine Hilfe und dass ich mit deiner Familie zum Fest gehen darf. “ Im Stillen hatte der alte Fischer doch gehofft, dass Adam ihn fragen würde. „Joseph“ sagte Adam, „ich habe zu danken, für deine Erzählungen und, dass du mir die Seefahrerei lernst. Komm am Samstag gegen Mittag zur Weberei, dann werden wir unsere Freundschaft feiern“, und Adam reichte ihm die Hand. Joseph schlug ein, „das hört sich gut an, bis Samstag“. Adam lief nach Hause, die Uhr zeigte schon 01.30 Uhr an, als er die Tür zur Stube öffnete. Im Kerzenschein konnte er Christin im Sessel schlummern sehen, mit einem Buch auf dem Schoss. Sie wartete immer auf Adam, wenn er noch unterwegs war. Aber meistens schlief sie beim Lesen oder bei der Handarbeit ein, so wie diese Nacht. Adam küsste sie auf die Stirn und langsam öffnete sie ihre Augen. „Da bist du ja endlich“, seufzte sie. Mit einem gekonnten Griff lag sie auch schon in seinen Armen und ganz behutsam trug er sie ins Bett, wo sie beruhigt wieder einschlief. Diese Momente liebte Adam, er konnte die große Liebe spüren, die sie verband. Aber bevor Adam sich neben Christin legte, wollte er noch nach den beiden Kindern sehen. Leise öffnete er die Zimmertür, das Atmen der beiden konnte er hören, das reichte ihm und ganz behutsam verschloss er wieder die Tür. Jetzt war er mit allem zufrieden und legte sich neben Christin schlafen.
Als Adam am nächsten Morgen wach wurde, lag er alleine im Bett, er erschrak richtig, wie hell es schon im Zimmer war. Sofort sprang er aus den Federn, zog seine Hose über und lief nach draußen an den Wassertrog. Mit beiden Armen tauchte er tief ein und übergoss seinen muskulösen Oberkörper mit eiskaltem Wasser. „Jetzt bin ich wach“, jauchzte er und im selben Atemzug rief er auch schon nach Christin. „Ich bin in der Weberei“, hörte er ihre Stimme. Immer noch barfuß, lief er dorthin, und umarmte seine schöne Frau. „Trockne dich erst einmal ab, du bist ganz kalt und nass“, wehrte sie sich lachend. „Ach, stell dich nicht so an wegen dem bisschen Wasser“, und gab ihr einen Kuss. „Warum bist du heute Morgen so aufgedreht“? fragte sie ihn. „Da fragst du noch Weib, ich freue mich auf das Fest am Samstag! Und weißt du schon das Neueste? Joseph kommt mit, mein Freund, der Joseph“. Christin wusste, wie wichtig ihm der alte Fischer war und sie freute sich mit ihm. So schnell wie Adam in die Weberei gelaufen war, so schnell war er auch schon wieder draußen, im Nu flog ein weißes Hemd über seinen Kopf, welches er gerade im Vorbeilaufen von der Wäscheleine mitnehmen konnte. Es war ein schneeweißes Hemd mit langen Ärmeln, diese schlug er sich bis zum Ellenbogen um, es war Adams Lieblingshemd, was ihn besonders gut stand. Strümpfe und Schuhe zog er noch an und schon stand er komplett angezogen in der Stube. „Ein guter Tag fängt mit einem guten Frühstück an“, dachte er gerade und genau in diesem Moment kam seine Frau herein. „Hast du heute Morgen gar keinen Hunger“? fragte sie ihn. „Ich habe einen Riesenhunger, ich dachte nur, ich bekomme nichts mehr, weil ich so lange geschlafen habe“, gab Adam ein wenig geniert zu. „Quatsch“, winkte Christin ab, ich mache dir noch frische Eier mit Speck und einen starken Kaffee, wer viel arbeitet, muss mit einem kräftigen Frühstück anfangen“. Adam saß ganz verträumt auf einem Stuhl am Kamin und beobachtete seine Frau, wie sie sich bewegte, wie sie sprach, er beobachtete ihre ganze Art. Als sie gerade an ihm vorbei huschte, hielt er sie fest. Liebevoll sagte er zu ihr, „Ich weiß dass du immer für mich da bist und dafür liebe ich dich“! Ihre Blicke trafen sich, sie küssten sich innig voller Hingabe.
In der Stube stand ein schwerer, massiver Tisch, Adam saß schon voller freudiger Erwartung an ihm, als seine Frau das Essen brachte. Den Duft von den gebratenen Eiern mit dem Speck sog Adam ein, „Wie das duftet, einfach himmlisch! Du bist die beste Köchin an der ganzen englischen Küste und noch weiter“, lobte Adam Christin. Beim Essen erzählte er wieder wie ein Wasserfall, wie er Joseph überredete, mit zum Fest zu gehen und wie schön es wieder auf dem Meer war. Christin hörte geduldig zu, das tat sie immer, wenn er so lebhaft erzählte und erklärte. „Das schönste Kleid ziehst du am Samstag auf dem Fest an, alle sollen sehen, welches Glück ich habe, dich meine Frau zu nennen“, sprudelte es aus Adams Mund. Christin lachte glücklich und etwas verlegen über so viele Komplimente, aber so war Adam, immer direkt heraus. Nach dem Essen ging Adam durch das Dorf, er wollte schon mal nachschauen, ob schon irgendetwas aufgebaut wurde, vielleicht konnte er seine Hilfe anbieten. Und tatsächlich, gerade als er am Marktplatz ankam, sah er wie einige Leute das große Festzelt errichteten. Sofort packte er mit an. Zusammen stand das Zelt in kurzer Zeit, die Stimmung untereinander war großartig, es wurde viel gelacht und gescherzt. Als alles erledigt war, machte Adam sich wieder auf den Weg zur Weberei, ein paar kleinere Aufträge hatte er noch bis zum Wochenende zu erledigen. Christin rührte gerade mit einem langen Holzstiel in einem Steinbottich herum. Sie färbte Stoffe, als Adam herein kam. Ohne zu zögern packte er kräftig mit an. Gegen Abend kamen Philipp und Josephine von der Schule nach Hause, ihr Tag war sehr lang, denn sie mussten in ein anderes Dorf zur Schule gehen. Es war eine einfache Schule mit nur einer Klasse, alle Kinder aus der näheren Umgebung, egal welchen Alters, saß dort zusammen. „Wie war euer Tag“? fragte Christin die beiden, als sie zur Tür herein kamen. „Geht so“, bekam sie als knappe Antwort. Viel lieber wollten die beiden jetzt spielen gehen, als nervende Fragen zu beantworten. Ihr Ziel war die alte Eiche mit der Schaukel, dort wollten sie bis zum Abendbrot die Zeit verbringen. Bald wurde es dämmrig in der Weberei, Christin war schon ins Haus gegangen, nur Adam war noch bei der Arbeit, er wollte unbedingt seinen gerade gewebten Stoff prüfen. Seit Wochen tüftelte er an einer neuen Webtechnik. Beim Aufspannen des Stoffes merkte er schon, dass er auf einem guten Weg war. Der neue Stoff war weich, aber trotzdem viel fester als die gewöhnlichen Stoffe, die er herstellte, mit seiner Arbeit war er sehr zufrieden. „So, jetzt haben wir uns den Feierabend aber verdient, für heute ist Schluss“, sprach er mit sich selbst, und blies die Petroleumlampe aus. Die Weberei hatte auch eine Tür, die in den Garten führte, durch die ging Adam, um nach den Kindern zu sehen.
Philipp war natürlich wieder bei seiner Lieblingsbeschäftigung, er schaukelte so hoch, dass er mit den Füßen an die Blätter der alten Eiche kam. Josephine spielte mit einer Katze im Gras. Glücklich und zufrieden setzte er sich dazu, sofort wurde er von der verspielten Katze begrüßt. Einen Moment saßen sie da, dann rief Christin, „Alle reinkommen, Abendbrot ist fertig. Adam lief los und rief dabei, „Wer als erster mit gewaschenen Händen am Tisch sitzt, hat gewonnen“. Am Wassertrog gab es natürlich ein Gedränge, jeder wollte zuerst am Tisch sitzen. Philipp schaffte es als erster und ließ sich am Tisch von den anderen feiern. Beim Abendbrot war es üblich von dem erlebten Tag zu berichten. Adam erzählte nur von dem großen Fest, und, das sein Freund Joseph mitkommen würde. Darüber freuten sich die Kinder genauso wie der Vater, auch sie hatten den alten Fischer liebgewonnen. Sie löcherten ihre Eltern mit vielen Fragen, „Wie lange dürfen wir auf dem Fest bleiben? Gibt es dort eine Wurfbude? Süße Bonbons“? Meistens antwortete Adam, „lasst euch doch überraschen, ihr werdet alles sehen, wenn wir dort sind“. Nach dem Essen brachten Adam und Christin die Kinder ins Bett, jetzt kehrte Ruhe in das alte Weberhaus. Zusammen setzten sich noch auf die Bank, die etwas abseits neben dem Haus stand. Es war eine herrliche Sommernacht, mild und windstill. Viel redeten die beiden nicht, sie waren froh, dass sie sich so nahe waren. Am nächsten Morgen stand Adam früh auf, nicht schon wieder wollte er den halben Tag verschlafen. Obwohl es noch nicht einmal 7.00 Uhr war, traf er schon einige Leute auf den Straßen, die irgendeiner Beschäftigung nachgingen. Adams Weg führte aus dem Dorf hinaus zu den steilen Klippen, dort wo die unbändigen Wellen gegen die Felsen donnerten. Das Fernrohr unter dem Arm war sein stetiger Begleiter, er nahm es gerne mit, um die Küste und das Meer zu beobachten. Mitten in den schroffen Felsen fand er einen tollen Ausguck und machte es sich auf einem Büschel Gras bequem. Tief atmete er die frische Seeluft ein, das Meer lag spiegelglatt vor ihm, als könnte man darüber gehen. Mit dem Fernrohr streifte er die Küste entlang, als er ein Ruderboot entdeckte, das auf die Küste zuhielt. In dem Boot saßen neun Männer, acht davon ruderten, einer stand aufrecht im Boot und Steuerte Richtung Küste. Adam schaute nach, wo sie denn hergekommen sein könnten. Tatsächlich fand er durch das Fernrohr, ungefähr eine Meile vom Ufer entfernt, einen stolzen Dreimaster vor Anker liegen. Einen Augenblick beobachtete er das Geschehen, dann schenkte er dem Boot keine weitere Beachtung. Es kam nicht selten vor, dass ein Schiff an der Küste vor Anker lag.
Er konnte nicht wissen, dass dieses Schiff sein ganzes Leben verändern würde.
Gut gelaunt über den schönen Morgen, stand er von seinem Ausguck auf und machte sich auf den Rückweg. „Christin hat bestimmt das Frühstück schon fertig, da möchte ich sie nicht warten lassen“, dachte er sich. Jetzt waren die Straßen voller Menschen, Pferdekutschen und Karren, alles war in Bewegung, jeder hatte etwas zu tun, um Stände, Buden und Bühnen aufzubauen. Nur noch einen Tag, dann war der große Festtag für das Fischerdorf. Am Gartenzaun angekommen, konnte Adam schon Christins Stimme hören, ganz zart, aber hell und klar wie ein Vogel, hörte er ihre Stimme. Adam liebte ihren Gesang und besonders den frischen Kaffeeduft und das frisch gebackene Brot. Leise öffnete er die Tür, Christin bemerkte nicht, dass Adam schon hinter ihr stand und beide Arme um ihre Hüfte schloss. Erst erschrak sie, aber als sie die Stimme von ihrem Liebsten hörte, ließ sie sich in seine Arme fallen. „Guten Morgen, mein Schatz“, flüsterte Adam ihr ins Ohr. Was sie sofort erwiderte. Eine ganze Zeit standen sie da und hielten sich fest, bis Adam fragte „Sind die Kinder schon zur Schule“? „Ja, sie sind gerade raus, der Nachbar hat sie mit dem Pferdewagen mitgenommen, er musste noch ins Nachbardorf Sachen besorgen“, erklärte Christin. „Da haben die beiden aber Glück gehabt“, freute sich Adam. Die Stube roch herrlich nach Brot und Kaffee und zusammen setzten sie sich an den gedeckten Tisch. „Das ganze Dorf ist auf den Beinen, ich werde nach dem Frühstück wieder meine Hilfe anbieten“, erzählte Adam. „Du musst unseren Stand auch noch aufbauen, denk bitte daran“, erinnerte ihn Christin. „Ja, ja, das schaffe ich schon, der ist ja nicht so groß und eigentlich wollte ich das mit den Kindern erledigen“. Dem konnte Christin nicht widersprechen, die beiden halfen beim Aufbau zu gerne mit. Auf dem Fest war es so, dass alle, die etwas anzubieten hatten, auch einen Stand aufbauten, um den Gästen und Einheimischen die Ware anzubieten und vielleicht ein gutes Geschäft abzuschließen. Und gerade Adam brannte es unter den Nägeln, er wollte unbedingt seinen neuen Stoff vorstellen, von dem noch nicht einmal seine Frau etwas wusste. Nach dem Frühstück machte er sich auf den Weg um bei irgendjemandem anzupacken. Gegen späten Nachmittag kam er wieder nach Hause, seine Kinder waren aus der Schule auch schon zurück. Sie hatten zum zweiten Mal Glück gehabt, der Nachbar fuhr genau um die Zeit wieder zurück, als die Schule aus war und so ging es auf der Pferdekarre viel schneller nach Hause, als zu Fuß. Als sie ihren Vater sahen liefen sie ihm entgegen, „Vater, wann bauen wir unseren Stand auf?“, fragten sie einstimmig. „Na jetzt natürlich, ich habe doch nur auf euch fleißige Helfer gewartet!“ Mit einem flinken Griff schnappte er sich die beiden und klemmte sie sich unter die Arme, als gäbe es nichts Einfacheres. Laut lachten die Kinder über den ganzen Hof und zappelten wie zwei Fische auf dem Trockenen. Die Holzbalken für das Grundgerüst lagen auf Trägern an der Hauswand, durch den Dachüberstand waren sie gut geschützt gegen die Witterung. Philipp und Josephine nahmen sich einen Balken und trugen ihn zusammen nach vorne, Adam nahm gleich zwei. Ein paarmal mussten sie hin und her laufen, bis alles an der Straße lag, dann fingen sie an aufzubauen. Es dauerte nicht lange und der Stand war gerichtet. Nur noch das große weiße Tuch über das Dach gelegt und mit ein paar Nägeln fixiert, im Nu war der Stand fertig. Als letztes sollte noch das Werkstattschild aufgehängt werden, das durfte Josephine erledigen. Auf den Schultern vom Vater hängte sie es in die vorgesehenen Ösen. Zusammen stellten sie sich auf die andere Seite des Weges und begutachteten ihre Arbeit. Die beiden Kleinen waren sehr stolz, dass sie mithelfen durften und auf das, was sie geschaffen hatten. Adam war auch zufrieden und auf dem Weg zum Haus sagte er zu den Kindern, „Morgen stelle ich noch einen Tisch hinein, auf dem können wir dann unsere Waren auslegen, für heute reicht das erst einmal, wenn ihr wollt könnt ihr noch spielen gehen “. Mit einem lauten „Juchuu“, rannten beide hinter das Haus, Adam ging zu Christin in die Stube, er wollte sie mitnehmen in die Weberei, um ihr als erste den neuen Stoff zu zeigen. In der Weberei sagte Adam, „Schließ deine Augen, ich möchte wissen, ob du einen Unterschied bemerkst“. Christin schloss die Augen, Adam hielt ihr einen gewöhnlichen und den neuen Stoff hin. Sofort bemerkte sie den Unterschied und öffnete die Augen. „Adam, das hast du großartig gemacht, den werden die Leute uns aus den Händen reißen, davon bin ich überzeugt“. Adam strahlte über das ganze Gesicht, denn mit so viel Lob hatte er nicht gerechnet, jetzt konnte das Dorffest beginnen.
Mit dem ersten Hahnenschrei standen die beiden am nächsten Morgen auf, die Kinder sollten noch schlafen, um Kraft zu tanken, weil so ein Festtag sehr anstrengend ist. Das klappte natürlich nicht, die beiden Racker sprangen eine halbe Stunde später auch durch die Stube. Gegen 9.00 Uhr wurden die Straßen voller, alles lief so wie Adam es sich vorgestellt hatte, die Kunden waren sehr interessiert an dem neuen Stoff. Einige bestellten sofort, in den verschiedensten Farben und Größen. Gegen Mittag ließ der Andrang nach, die Leute fanden sich jetzt auf dem großen Marktplatz ein. Hier war von nachmittags bis spät in die Nacht das pralle Leben, es wurde gegessen, getrunken, gesungen und getanzt. Adam wurde ganz unruhig, er wollte jetzt auch dorthin, um mit seiner Familie zu feiern und fragte sich, wo Joseph denn bleiben würde? er kam: Und wie er kam, richtig heraus geputzt, fein gestriegelt vom Scheitel bis zur Sohle. So hatten sie ihn noch nie gesehen. Sie kannten ihn nur in der alten, dreckigen Fischerkleidung. Adam konnte sich das Lachen schwer verkneifen und Christin ging es nicht anders. „Wir räumen schnell alles ab, dann können wir los“, sprach Adam, um sich selber abzulenken. Dabei packte Joseph sofort mit an, schnell war der Stand leergeräumt und alles wieder an seinem Platz. Christin hatte sich in der Zwischenzeit umgezogen und das schönste Kleid was sie besaß angezogen. Es zierte ihren makellosen Körper, sie sah umwerfend aus. Ihre langen Haare trug sie offen über der Schulter, ihre dunklen Augen glänzten vor Liebe und Sehnsucht. Genau vor Adam stellte sie sich hin und drehte sich vor ihm wie ein frischer Wind. Adam platzte fast vor Stolz. Auch Joseph und die Kinder klatschten vor Freude in die Hände. „Und, mein lieber Mann, nimmst du mich so mit?“ fragte sie ihn. Er drückte sie fest an sich und flüsterte ihr ins Ohr, „ich bin froh dass es dich gibt, ich liebe dich, Christin“! Bei diesen Worten bebte ihr Herz vor Freude. Sichtlich gerührt legte sie den Kopf an seine Schulter.
Auf dem Weg zum Fest roch es köstlich nach allen möglichen Dingen und überall konnte man ausgelassene Menschen feiern sehen. Auf dem Marktplatz angekommen, konnte Joseph einen schönen Tisch ausfindig machen, an dem alle Platz fanden. Er bestellte eine große Fleischplatte mit Weißkraut und frisch gebackenem Brot, dazu kam noch ein Krug Wein und für die Kinder Himbeersirup. Genüsslich langten alle zu, „eine wahre Gaumenfreude“, war Josephs eindeutige Meinung. Plötzlich wie aus heiterem Himmel, wurde es wenige Meter neben ihnen laut. Ein betrunkener Mann stänkerte mit dem Wirt, weil er keinen Wein mehr bekam. Joseph sagte leise, so dass es der Störenfried nicht mitbekam, „der ist doch voll bis obenhin, gut das er nichts mehr bekommt“. Ein genau so Betrunkener zog den Störenfried an die Seite und wies diesen scharf zurecht. Von ihm ließ er sich etwas sagen, das konnte man erkennen. Zusammen stolperten sie Richtung Strand ohne noch ein Wort zu verlieren. So schnell der Streit kam, so schnell war der Spuk auch wieder vorbei. Adam fragte Joseph, „kanntest du die beiden?“ „nein“, antwortete er, „die habe ich noch nie im Dorf gesehen, sehr vertrauenswürdig sahen sie aber nicht aus“. Christin mischte sich ein „Adam, tanzt du mit mir“? „natürlich Christin, sehr gerne“, freute er sich und zusammen gingen sie auf die Tanzfläche. Damit waren die beiden Fremden kein Thema mehr, kein Wort wurde an diesem Abend mehr über sie gesprochen. Es wurde nur noch getanzt und fröhlich gefeiert.
Hätten Adam, Joseph und die Dorfbewohner gewusst, zu wem diese beiden Trunkenbolde gehörten und was sie im Schilde führten, dann hätten sie die beiden am nächsten Baum aufgeknüpft. Und das wäre wahrhaftig noch eine milde Strafe gewesen.
Unvergessliche Stunden verbrachte die kleine Gesellschaft an diesem schönen Abend, auch Joseph wurde noch von Christin zum Tanzen aufgefordert, gerne kam er dem nach. Die Kinder waren begeistert von den vielen Spielbuden und Süßigkeiten. Und Adam, der war an diesem Abend in Hochform, jeden Stand musste er sich ansehen, jedes Spiel wollte er mitspielen und oft brachte er alle zum Lachen, die in seiner Nähe standen. Besonders Josephine und Philipp hatten ihren Spaß an ihrem lustigen Vater. Es war schon weit nach Mitternacht
als sie sich wieder auf den Heimweg machten.
Am nächsten Morgen lief Adam zu Joseph, er wollte wissen wie es ihm gefallen hatte und wann sie wieder zum Fischen fahren würden. Joseph freute sich sehr über den Besuch, auch darüber, dass Adam Lust hatte, mit ihm zum Fischen zu fahren. Sie verabredeten sich für 19.00 Uhr am Boot. Bis dahin wollte Adam noch die Reste vom Stand abbauen und alles sicher verstauen, bis er ihn zum nächsten Mal gebrauchen würde. Er musste auch in der Weberei vorankommen, es war jetzt viel zu tun, einige Meter des neuen Stoffes waren in Vorbestellung. Fleißig wie die die Bienen, arbeitete er mit Christin, ohne eine Pause, es war schon 18.00 Uhr ehe Adam rief „Feierabend, genug für heute“. Hätte er gewusst, dass das sein letzter Tag mit Christin in der Weberei sein sollte, hätte er niemals aufgehört zu arbeiten! Beim Abendbrot wurde wie jeden Abend, viel erzählt und gealbert, anschließend brachte Adam die Kinder ins Bett. Nach dem Abendgebet drückte er die beiden fest an sich und sagte ihnen wie lieb er sie habe, küsste sie auf die Stirn und wünschte schöne Träume, dann verließ er das Zimmer. Die Uhr zeigte schon 18.50 Uhr, er drückte Christin fest an sich und sagte, „Warte nicht auf mich, geh schlafen wenn du müde bist“. Christin lächelte ihn an, legte den Kopf an seine Schulter und sagte „du weißt doch, dass ich das nicht kann, ich werde auf dich warten“. Sie küssten sich liebevoll, danach verließ Adam das Haus Richtung Strand.
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Christin erledigt noch ein paar Kleinigkeiten, anschließend wollte sie es sich vor dem Kamin gemütlich machen und dabei ihre angefangene Tischdecke weiter besticken. Sie war schon gut voran gekommen, als sie draußen laute Schreie hörte. Aufgeschreckt lief sie zur Tür und öffnete sie. Gerade noch konnte sie sehen, wie die Nachbarin laut schreiend in ihr Haus lief und die Tür hinter sich verschloss. Wie angewurzelt stand Christin da, sie verstand nicht, was hier vor sich ging. Wenige Augenblicke später konnte sie einen anderen Nachbarn erkennen, der die Straße hinauf kam. Er schrie laut und lief so schnell er nur konnte. „Bringt euch alle in Sicherheit, wir werden überfallen, lauft um euer Leben!“ waren seine warnenden Worte. Gerade in seinem Haus verschwunden, kamen mehrere schwer bewaffnete Fremde die Straße rauf und brachen die soeben verschlossene Tür mit kräftigen Tritten wieder auf. Christin konnte hören, wie die Eindringlinge immer wieder mit lautem Fluchen auf die Leute einschlugen. Erst jetzt erwachte sie aus ihrem Schock, sie ging zurück ins Haus und verschloss so leise es ging die Tür. Panisch lief sie zu den Kindern, die schon wach im Bett saßen und nach der Mama jammerten. Christin versuchte die Kinder zu trösten, bis sie auch an ihrer Tür kräftige Schläge hörte. Die Kinder schrien und hielten sich an der Mama fest. Christin wurde panisch, sie hielt den Kindern die Münder zu und flehte sie an, „Seid leise, bitte seid leise, ihr dürft nicht schreien“. Wie versteinert saßen sie da, von draußen drangen entsetzliche Schreie hinein, die Dorfbewohner wurden gejagt wie Tiere. Christin überlegte krampfhaft nach einem Versteck. Ihr fiel der Dachboden ein, aber nur Josephine und Philipp sollten hinauf. Denn wer sollte sonst die Tür verriegelt haben, wenn keiner im Haus war? Das würde die Halunken nur stutzig machen, wenn die Tür nachgibt. Auch wenn sie entdeckt wurde, so glaubte sie, dass die Kinder wenigstens in Sicherheit waren. Nachdem sie die Kinder nach oben gebracht hatte, versteckte sie die Leiter und hockte sich in eine kleine Nische neben den Kamin. Sie betete um ein Weiterziehen der Fremden. Aber das Schlagen an der Tür wurde immer heftiger, bis das ganze Haus erzitterte. Plötzlich, ein lautes Krachen, das Schloss gab nach und sprang auf. Die Fremden stürmten wie Wilde hinein. Sie warfen alles um, was ihnen in die Quere kam. Nach wenigen Sekunden war die halbe Einrichtung zerschlagen. Schnell fanden sie Christin in ihrem Versteck; zusammengekauert hockte sie auf dem Boden, ihr ganzer Körper zitterte vor Angst. Die drei Halunken schauten sich einander an, jeder wusste was der andere dachte und sie verschlossen hinter sich die offen stehende Tür. Christin verstand augenblicklich, sie konnte erahnen was diese drei finsteren Gesellen mit ihr vorhatten. Noch gab sie sich nicht geschlagen, mit einem beherzten Sprung aus dem Fenster versuchte sie zu fliehen. Die Scheibe und der Holzrahmen zerbrachen in unzählige Stücke. Aber es brachte ihr nichts, einer der Drei, ein besonders fieser, erahnte ihren Plan, er packte sie am Bein und zog sie zurück. „Na, mein Täubchen, wolltest du uns schon verlassen, jetzt wo der Spaß erst anfängt“ dabei leckte er Christins Hals ab. Der Kerl stank fürchterlich aus seinem dreckigen Maul. Mit ganzer Kraft versuchte sie sich zu wehren, aber gegen diesen kräftigen Mann hatte sie keine Chance. Er warf sie aufs Bett, riss ihre Kleider vom Leib, bis sie ganz nackt vor ihm lag. Mit ihren Händen versuchte sie, sich vor den Blicken zu schützen, aber das ließ der Peiniger nicht zu. Immer wieder schlug er sie weg, „Zeig was du hast, du Schlampe, jetzt wirst du einen richtigen Mann in dir spüren“ schrie er sie an, dabei lachte er vor lauter gieriger Vorfreude. Die anderen beiden feuerten ihn eifrig an und jubelten über die Späße, die er mit ihr trieb. „Ich bin der erste“, brüllte er, „ich habe das Täubchen gefangen, sie gehört mir“, dabei glich er einem Löwen, über seiner gerade gerissenen Beute. Er schaute die anderen wütend, zu allem entschlossen an. Die beiden Halunken verstanden das sofort und setzten sich eingeschüchtert an den großen Esstisch in der Stube. Von dort beobachteten sie das schreckliche, perverse Treiben. Mit aller Kraft wehrte sich Christin, heftige Schläge musste sie immer wieder dafür einstecken. Bis sie in eine andere Welt versank, ihr Wille gebrochen war. Halb tot flogen ihre Gedanken zu den Kindern und an den geliebten Mann. Plötzlich stieß ein entsetzlicher Schrei aus ihrer Kehle, er war in sie eingedrungen, alles Wehren hatte nichts genützt gegen so brutale Gewalt. Ihr Schrei wurde begleitet vom Johlen und Lachen der anderen beiden. Damit stachelten sie den Schurken noch mehr an. Christin durchlebte die Hölle! Das Martyrium nahm kein Ende, wenn einer fertig war kam schon der nächste, einer nach dem anderen schändete sie auf brutalste Weise, immer und immer wieder. Von Christin lag nur noch die Hülle auf dem Bett, Ohnmacht überkam sie, nur noch von den Schlägen wachgetrieben lag sie da. Aus Mund und Nase strömte Blut, der ganze Kopf war angeschwollen von den Faustschlägen, die sie immer wieder einstecken musste. Als keiner mehr von den Dreien Lust auf sie verspürte, zogen sie sie an den Haaren, wie ein Stück Vieh, nach draußen und warfen sie in den Dreck.
Das Dorf brannte lichterloh, von überall durchdrangen schrille, entsetzliche Schreie die Nacht. Es spielten sich die schlimmsten Tragödien ab. Viele fanden in dieser Nacht den Tod.
Der Anführer, der Christin als erster vergewaltigt hatte, schrie wie ein Irrer herum. „Durchsucht das Haus, nehmt alles mit, was wir zu Geld machen können. Dann, dann brennt den Stall nieder“. Die Schurken durchsuchten alles. Wenn sie etwas fanden, brachten sie es nach vorne, dort prüfte der Anführer die Sachen noch einmal, ob sie tatsächlich wertvoll waren. Vieles warf er einfach in den Dreck, dabei schimpfte er mit wilden Flüchen und trat nach den Seinigen. Im Haus fand einer die Leiter, die Christin versteckt hatte, sofort legte er sie an, um auf den Dachboden zu klettern. Josephine und Philipp lagen unter einem alten Laken in der äußersten Ecke, sie trauten sich kaum zu Atmen, als sie die schweren Schritte auf sich zukommen hörten. Plötzlich war es still, die Schritte verstummten. Dann flog heftig das Laken von ihren Köpfen, sie waren entdeckt! „Schaut mal was ich gefunden habe, von der Schlampe die Kinder“. Mit dem linken und rechten Arm stemmte er die beiden hoch. „Kinder, Kinder sind nichts wert“, meinte der Anführer gelangweilt, „aber bring sie trotzdem runter“. Als alles durchsucht war steckten sie das Haus an. Der Anführer schaute die beiden Mitstreiter an, „ihr wisst was zu tun ist, der Kapitän will keine Augenzeugen, also tötet sie“. Josephine und Philipp weinten die ganze Zeit, aber als sie das hörten, schrien sie aus Leibeskräften um Hilfe, sie bettelten um ihr junges Leben. Dabei hielten sie sich gegenseitig fest, um in dieser aussichtslosen Situation füreinander da zu sein. Ohne irgendwelche Skrupel ging der der am nächsten stand, auf die Kinder zu. Keine Miene verzog er, als er das Schwert hob und mit kräftigen Schlägen auf die Kinder einschlug, solange, bis das Flehen verstummte. Dann ging er zu Christin, sie lag auf dem Boden neben der kleinen Bank, auf der sie so gerne mit Adam gesessen hat, sie war immer noch ohne Bewusstsein. „Zu schade, du hast mir gut gefallen, bist ein echtes Prachtweib, im Bett warst du richtig gut“, spottete er. Mit lautem Lachen erschlug er auch sie, mit dem Schwert, das vom Blut der Kinder glänzte.
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Ein stetiger Wind blies in das kleine Segel, sie kamen gut voran. Während der Fahrt zu den Fangplätzen schwelgten sie natürlich noch in Erinnerung von dem schönen Fest. Joseph war sehr glücklich dabei gewesen zu sein, das konnte man aus seinen Erzählungen hören. Die Netze legten sie an den üblichen Plätzen aus. Die Uhr zeigte 12.30 Uhr ehe sie sich auf den Rückweg machten. Auch die Rückfahrt verlief ohne Zwischenfälle. Adam saß vorne in der Spitze des Bootes, Joseph hinten am Steuer. Sie umsegelten gerade die kleine Felsspitze, am Einlauf der Bucht. Mit direktem Kurs in sie hinein. Da sprang Adam plötzlich auf. „Joseph- Joseph- Joseph- das Dorf brennt“! schrie er aus Leibeskräften, Joseph schaute am Segel vorbei, das ihm die Sicht verdeckte, dann sah er es auch; die ganze Bucht stand lichterloh in Flammen. Adam war außer sich, am liebsten wäre er vom Boot gesprungen und zum Ufer geschwommen. Aber das hätte nichts gebracht, mit dem Boot waren sie schneller, das sah er ein. So laut er konnte, schrie er die Namen der Kinder und den seiner Frau. Aber sie waren noch viel zu weit entfernt, als das ihn jemand hören konnte. Durch den günstigen Wind kamen sie schnell näher, sie hörten wie die Bewohner vor Todesangst schrien. Adam und Joseph fühlten sich so hilflos, die Herzen zerrissen in ihrer Brust. Dann bekam Adam Gewissheit, er konnte genau sehen wie eine Gestalt hinter einem Flüchtenden herlief und ihn mit einem Schwert erschlug. „Joseph, unser Dorf wird überfallen, die töten alle, ich habe es genau gesehen“, schrie Adam. „Warum können wir nicht schneller fahren, fahr schneller du verfluchtes Boot! Ihr Schweine, ihr verfluchten Schweine, hört auf damit“, flehte Adam, völlig außer sich, bis seine Stimme versagte. Die Hilferufe und Todesschreie aus dem Dorf wurden immer leiser, was Adam ganz rasend machte, er befürchtete das allerschlimmste. Jetzt hielt er es auf dem Boot nicht mehr aus, die Strömung war hier nicht ganz so stark. Jetzt oder nie! Mit einem kräftigen Sprung tauchte er ins Wasser und schwamm so schnell er konnte Richtung Ufer. Josephs Rufe halten ihm nach, „Adam sei vorsichtig, pass auf dich auf“. Aber ihm war alles egal, er schwamm für alles, was er liebte, seine Familie war in höchster Gefahr, das fühlte er ganz tief in seinem Herzen und das trieb ihn voran. Als er aus den Fluten stolperte, lief er so schnell er konnte das Ufer rauf, oben angekommen bemerkte er eine erschreckende Stille, nur die Urgewalt der Flammen war zu hören sonst nichts. Die Straßen waren übersät mit Menschen, überall lagen Tote, viele waren von hinten erschlagen worden, als sie um ihr Leben liefen.
Adam rannte weiter, bis zur Straße, die zur Weberei führte, die Tränen schossen in seine Augen. Alles brannte, die Weberei, das Haus, alles. Er lief weiter bis an den kleinen weißen Zaun vor seinem Haus. Da fuhr ein entsetzlicher Schrei aus seiner Kehle, im Garten vor dem Haus lagen Josephine und Philipp. Außer sich, stürzte er zu ihnen, „Josephine, Philipp sagt doch was“, er schüttelte sie, küsste sie, aber alles half nicht, kein Wort, kein Stöhnen kam über ihre Lippen. Sie waren tot, feige ermordet. Adam sprang auf und lief in das brennende Haus, Flammen schlugen ihm ins Gesicht. Verzweifelt suchte er nach Christin. Die Hitze und der Qualm gaben ihm keine Chance, er musste das Haus verlassen sonst wäre er darin umgekommen. Er stürzte ins Freie, der Qualm brannte in seiner Lunge. Adam stolperte durch den Vorgarten, er irrte umher. Plötzlich stand er vor Christin. Völlig nackt und grässlich entstellt, lag sie da. Die Oberschenkel waren von Blutergüssen übersät, die Brüste und der Bauch waren von Schweiß,
