Die Geschichte Hessens - Heiner Boehncke - E-Book

Die Geschichte Hessens E-Book

Heiner Boehncke

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Beschreibung

Hessen ist lebendig wie seine bewegte Geschichte. Überall im Land zwischen Main und Weser, Werra und Lahn begegnen wir den Zeugnissen der Vergangenheit. In der Mitte Deutschlands gelegen, ist es besonders reich an bedeutenden Burgen, Schlössern, Kirchen, an stattlichen Bürgerhäusern und prosperierenden Städten. In keinem anderen Bundesland, nicht einmal in einer anderen Region Europas, ist die Häufung von Kur- und Badeorten mit Mineralquellen so groß wie in Hessen. Dieser Band macht die Vergangenheit lebendig. Die Autoren folgen der hessischen Geschichte von den Anfängen in der Steinzeit bis zur ersten schwarzgrünen Koalition auf Landesebene in Deutschland. Berühmte Persönlichkeiten wie Bonifatius, die Heilige Elisabeth, Goethe, Kaiser Friedrich, die Brüder Grimm u. a. werden vorgestellt. Zahlreiche Bilder, Zitate und zentrale Dokumente zur Landesgeschichte ergänzen den chronologischen Überblick. Erleben Sie eine Zeitreise von ganz besonderer Art und erfahren Sie mehr über vertraut klingende Städte und Landschaften. Unterhaltsam und kenntnisreich, lebendig und bunt. Herrlich hessisch!

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Seitenzahl: 528

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Diese Publikation erscheint mit freundlicher Unterstützungder Hessischen Landeszentrale für politische Bildung.

Heiner Boehncke | Hans Sarkowicz

Die GeschichteHessens

Von den Neandertalernbis Ende 2020

Inhalt

Geleitwort: Warum Hessen zu dem wurde, was es istProf. Dr. Walter Mühlhausen

Vorwort

Von der Steinzeit bis zur Herausbildung Hessens

Von der Gründung Hessens bis zum Ende des Alten Reichs

Von Kurfürstentümern, Großherzogtümern, Herzogtümern und Fürstentümern

Unter den Fittichen des preußischen Adlers Hessen 1866–1933

Hessen unterm Hakenkreuz

Der Neubeginn nach 1945

Kartenmaterial

Verwendete Literatur (in Auswahl)

Personenregister

Bildnachweis

Geleitwort

Warum Hessen zu dem wurde, was es ist

Es gehört zum Schulwissen nicht nur der Hessen, dass der Limes als nördliches Bollwerk der Römer gegen die widerspenstigen Germanen mitten durch das Gebiet des heutigen Hessen verlief, dass Bonifatius in seinem Missionsdrang bei Geismar/Fritzlar die dem germanischen Gott Donar gewidmete Eiche in einem symbolischen Akt fällte und damit die Christianisierung auch des späteren Raumes Hessen vorantrieb. Weniger bekannt dürfte es sein, dass König Jérôme Bonaparte, der Bruder von Napoleon I., in Rotwein oder Kalbsbouillon zu baden pflegte, sich mit einer Schar von Mätressen bis zur Erschöpfung vergnügte (und dann nicht fähig war, seinen Staatsgeschäften nachzukommen) und an die 26 000 Spitzel beschäftigte. Aber – was hat der Franzose eigentlich mit Hessen zu tun? Nur der Kundige und Interessierte weiß um die Bedeutung von »König Lustik« für die Geschichte des Landes als Herrscher des »Königreichs Westphalen« mit seiner Hauptstadt Kassel. Er herrschte ab 1807 am Beginn einer spannungsgeladenen Periode, in der grundlegende Weichenstellungen für das weitere Werden des Landes fielen. Die Jahre waren geprägt auch von Kämpfen zwischen den nach Freiheit und Befreiung von Steuerlasten strebenden Hessen und den französischen Besatzern. Kurhessen erwarb sich, so der große Landeshistoriker Karl E. Demandt in seiner fabelhaften Geschichte des Landes Hessen, den Ruf, »ein Zentrum des Widerstands gegen die Fremdherrschaft von europäischer Ausstrahlungskraft« zu sein. Dieses Rebellische galt mehr oder weniger für alle Hessen über die Jahrhunderte hinweg – auch wenn es um 1800 den Hessen oder die Hessin eben nicht gab.

Am Beispiel der Darstellung der siebenjährigen Franzosenherrschaft offenbart sich das Charakteristikum der hier vorliegenden Geschichte Hessens von der Steinzeit bis zur Globalisierung des 21. Jahrhunderts: Es ist ein Wechselspiel von Wegmarken und Aperçus der Zeitläufe. In einem weiten Bogen zwischen dem Grundlegenden und der Episode bewegt sich das Meisterpaar der hessischen Geschichtserzählung, Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz, die bereits mit zahlreichen Veröffentlichungen Licht in das Dunkel des Vergangenen im Land jener Fürsten gebracht haben, die ihre Landessöhne an fremde Herrscher als Soldaten verschacherten, um dem eigenen üppigen Lebensstil frönen zu können. Den Autoren gelingt es, die wechselvolle, an Ereignissen, Brüchen und bemerkenswerten Persönlichkeiten reiche Geschichte des Raumes über die Zeitenwenden hinweg zwischen zwei Buchdeckeln zu verpacken. Das ist umso mehr eine beachtliche Leistung, als »Hessen« über Jahrhunderte hinweg ein »verwirrendes Mosaik an Kleinterritorien« – »ein territoriales Puzzlespiel irgendwelcher Herren« war (Alfred Pletsch). Der historische Flickenteppich konsolidierte sich erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als es nach Franzosenherrschaft und Wiener Kongress 1814/15 erstmals größere Territorialstaaten im Gebiet des heutigen Hessen gab, und zwar sechs an der Zahl: das Kurfürstentum Hessen(-Kassel), das Großherzogtum Hessen(-Darmstadt), die Landgrafschaft Hessen-Homburg, das Herzogtum Nassau, das Fürstentum Waldeck-Pyrmont und die Freie Stadt Frankfurt.

Die weitere räumliche Gliederung der hessischen Territorien war ganz wesentlich Resultat des preußisch-österreichischen Krieges von 1866, als sich das Kurfürstentum Hessen und das Herzogtum Nassau auf die Seite des letztlich unterlegenen Österreichs geschlagen und die bis dahin Freie Stadt Frankfurt Österreich die Bundestreue gehalten hatte. Kurhessen, Nassau und Frankfurt verloren ihre Existenz als souveräne Staaten und gingen mit der Landgrafschaft Hessen-Homburg in Preußen auf. Demgegenüber behielt das unterlegene Großherzogtum seine Selbstständigkeit und zog schließlich als eigener Bundesstaat in das 1871 gebildete Deutsche Reich ein. Das alles kann man hier vorzüglich in gekonnter Prägnanz nachlesen, auch was mit dem kleinen Fürstentum Waldeck so alles geschah.

Erst die amerikanische Besatzungsmacht schuf im September 1945 das Hessen in den Grenzen, wie wir sie heute kennen. Es gab sie also nicht, die eine hessische Politik. So stellten sich die Historikerinnen und Historiker immer wieder die Frage: Wer oder was ist eigentlich hessisch? Wer oder was sind die Hessen? Um dieses zu beantworten, folgten sie in ihren Einzeldarstellungen zumeist den jeweiligen Territorien. Nicht so Boehncke und Sarkowicz, die »ihr« Hessen immer als Ganzes in den heutigen Grenzen in den Blick nehmen.

Geschichte kann faszinieren, Geschichtsschreibung kann fesseln, wenn sie wie hier, von akademischer Kleinkrämerei und kathederhafter Faktenhuberei befreit, für die historisch interessierte Leserschaft konzentriert und gekonnt erzählt wird, ohne sich einer Beliebigkeit auszusetzen. Lassen Sie sich über große Linien und kleine Besonderheiten durch die hessische Geschichte führen, die reich am bemerkenswerten Besonderen und am ungewöhnlichen Alltäglichen ist. Die Autoren haben in ihrer Darstellung eine ausgewogene Mischung zwischen dem typisch Hessischen und dem gefunden, was über Hessen hinaus Allgemeinbedeutung besaß. Ohne sich um das Urteil zu winden, ohne das eindeutige Wort zu vermeiden, beschreiben sie kurzweilig und doch tiefschürfend, wie Hessen zu dem wurde, was es heute ist, eine »Einheit in der Vielfalt« (Barbara Dölemeyer), entstanden aus der Vielfalt. Boehncke und Sarkowicz berichten von Mächtigen und Machtlosen, von Unterdrückern und Unterdrückten, von Verführern und Verführten; wir lesen von Prunk und Leid, von Kampf und Frieden, von Revolution und Restauration, von Neid und Intrige, von Wegen und Irrwegen in der Geschichte Hessens über die Jahrtausende hinweg.

Wir erfahren außerdem, warum »Texasverein« und »Freistaat Flaschenhals« einen Bezug zu Hessen haben. Das eine steht für eine gezielte Politik gegen den Pauperismus und zur Regelung eines Massenexodus, das andere für eine schildbürgerliche Randepisode als Resultat von mangelhafter Kenntnis in Geografie und Geometrie. War das hinreichend erklärt? Wenn nicht, dann gehen Sie doch selbst auf Entdeckungsreise durch die Geschichte Hessens. Sie ist hier meisterlich aufbereitet.

Prof. Dr. Walter Mühlhausen, Neckarsteinach

Vorwort

Gibt es eine hessische Identität? Etwas, das alle Hessen verbindet, ganz gleich, ob sie in Bad Karlshafen oder Neckarsteinach leben?

Mit dieser Frage beschäftigte sich Ende 2016 eine wissenschaftliche Tagung im Wiesbadener Landtag. Anlass war die Verabschiedung der Hessischen Verfassung durch eine Volksabstimmung vor 70 Jahren. Eine eindeutige Antwort konnten die Historiker nicht geben. Die Identifikation mit dem eigenen Bundesland, so hieß es, sei weniger stark als mit der Region, in der man lebe. Sprachliche Gemeinsamkeiten, die lange erheblich zur Identitätsbildung beigetragen hätten, verlören stark an Bedeutung. Einig war man sich aber, dass Georg August Zinns Ausspruch »Hesse ist, wer Hesse sein will« auch heute noch Gültigkeit besitze. Der Hessische Ministerpräsident hatte diesen programmatischen Satz 1961 beim ersten Hessentag in Alsfeld gesprochen und damit auf die (erfolgreiche) Integration der »Heimatvertriebenen« verwiesen.

Fast vierhundert Jahre lang, von 1567 bis 1945, war Hessen geteilt. Nach dem Tod Philipps des Großmütigen hatten sich die Landgrafschaften Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt gebildet, die lange Zeit die Entwicklung Hessens bestimmten. Aber sie waren nicht die Einzigen. Auch die Waldecker und Nassauer Fürsten, die zahlreichen kleineren Herrschaften, die geistlichen Würdenträger und die zeitweise sehr mächtigen Freien Reichsstädte hatten ein gewichtiges Wort mitzureden. Eine hessische Identität konnte sich unter diesen Voraussetzungen allerdings nicht entwickeln, höchstens eine Loyalität der Untertanen gegenüber ihren jeweiligen Herrschern oder politischen Institutionen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und mit der Herausbildung des Bundeslandes Hessen wurde die Frage nach gemeinsamen Werten neu gestellt. Das war und ist kein einfacher Prozess. Noch immer scheint es Trennendes zwischen dem Norden und dem Süden zu geben, noch immer scheinen Ressentiments nicht ganz abgebaut. Aber eins vereint (fast) alle Hessen und das seit Jahrhunderten: die Bereitschaft, Fremde und Flüchtlinge aufzunehmen und zu integrieren, ohne dass die Neubürger ihre Traditionen, Sitten und Gebräuche aufgeben müssen. Diese Weltoffenheit duldet keinen engen Identitätsbegriff und öffnet den Blick auf die eigene Geschichte, die nur selten gradlinig verlief.

Auf Schritt und Tritt begegnen wir den Zeugnissen der Vergangenheit; denn Hessen ist besonders reich an bedeutenden Burgen, Schlössern, Kirchen, Klöstern oder stattlichen Bürgerhäusern. In den zahlreichen Museen wird das präsentiert, was von früheren Zeiten übriggeblieben ist oder vor der Zerstörung gerettet wurde. Das können keltische Schmuckstücke sein oder Alltagsgegenstände aus dem Mittelalter, die Erinnerung an das einst blühende jüdische Leben in Hessen oder an eine Grenze, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei ungleiche Hälften teilte.

Diese historischen Zeugnisse sind aber von sich aus stumm. Keine Burg sagt uns, wer sie erbaut hat und warum. Und wenn wir einen Tontopf vor uns sehen, wissen wir noch nicht, wie die Menschen vor zweihundert oder mehr Jahren gelebt haben. Geschichte verlangt danach, erzählt zu werden, und ist mehr als Lehrbuchwissen. Sie ist Teil unserer Gegenwart. Nur kennen muss man sie. Das ist gerade bei der hessischen Geschichte nicht leicht; denn an ihr haben sehr unterschiedliche Kräfte mitgewirkt. Hessen lag immer in der Mitte Deutschlands, war Durchgangsland und ein in zahllosen Kriegen heiß umkämpftes Aufmarschgebiet.

Mit dem vorliegenden Buch wollen wir den Knoten entwirren helfen und eine leicht lesbare Einführung in die hessische Geschichte geben. Der Band soll der wissenschaftlichen Forschung keine Konkurrenz machen, aber er beruht auf ihren Ergebnissen. Dafür sei allen hessischen Historikern an dieser Stelle herzlich gedankt.

Von der Steinzeit bis zur Herausbildung Hessens

»Da die Urgeschichte keine schriftlichen Nachrichten hinterlassen hat«, schreibt der Archäologe Lutz Fiedler, »ist es unmöglich, irgendwelche Bedürfnisse, Motive oder Schicksale einzelner oder bestimmter Gruppen zu erfahren. Sie bleiben anonym, unsere Fragen richten sich daher nach dem Allgemeinen«1. In der Tat haben Archäologen keine leichte Aufgabe, wenn sie den Ursprüngen der Menschheit nachforschen und verlässliche Informationen gewinnen wollen. Sie sind auf kleinste Hinweise angewiesen, auf Funde im Geröll, auf dunkle Schatten im Erdboden, die auf organische Verfüllungen hindeuten, auf Grabbeigaben und natürlich immer wieder auf Tierknochen und Pflanzenreste, die Rückschlüsse auf die Lebensbedingungen der frühen Menschen zulassen. Die Archäologen und ihre Kollegen von der Vor- und Frühgeschichte versuchen uns aus dem Wenigen, das ihnen zur Verfügung steht, ein möglichst plastisches Bild von dem Lebenskampf zu zeichnen, den unsere Vorfahren in ihrer noch kurzen Lebensspanne zu bestehen hatten. Wer einmal einen in der Regel wenig spektakulären Ausgrabungsort besucht hat, wird später mit Hochachtung vermerken, welche Erkenntnisse die Forscher aus dem Wenigen gewinnen konnten.

Wir gehen heute davon aus, dass noch affenähnliche Lebewesen vor etwa 2,5 Millionen Jahren mit der Herstellung von Werkzeugen begonnen haben. Das war der erste wichtige Schritt auf dem langen Weg zum modernen Menschen. Der Ursprung des Menschen liegt aber noch viel weiter in der Vergangenheit. Funde in Afrika deuten auf eine Zeitspanne von mindestens fünf Millionen Jahre hin, wenn nicht sogar auf sieben Millionen Jahre oder noch mehr. In Hessen scheinen die ältesten Menschen, der Homo erectus, vor rund 500 000 Jahren gelebt zu haben. Einfache Steinwerkzeuge, die bei Münzenberg in der Wetterau gefunden wurden, werden entsprechend datiert. Danach waren die ersten Hessen Jäger und Sammler, die in einfachsten Behausungen lebten, sich, wie in den gängigen Vorstellungen von Steinzeitmenschen, in Felle kleideten und schon das Feuer kannten. Sie jagten mit Fallgruben und Holzlanzen. Damit wagten sie sich selbst an große Tiere heran, wie an Mammut, Bär und Wollnashorn, die dann mit primitiven Steinwerkzeugen zerlegt wurden. Für die Zeit vor 300 000 bis etwa 100 000 Jahren sind mehrere Siedlungsplätze in Hessen belegt, etwa im nördlichen Vogelsberg, in der Schwalm und in der Waberner Senke. Sie zeigen, dass sich die Jagdgruppen gern an Flussufern niederließen, schon in zeltartigen Hütten wohnten und selbst eiszeitliche Kaltphasen überstehen konnten.

Aus dem Homo erectus entwickelte sich der Neandertaler, der sich in Hessen erstmals vor 120 000 Jahren nachweisen lässt. Besonders gut untersucht ist eine Jagdstation bei Edertal-Buhlen, die auf einem kleinen Vorsprung an der Netze lag und offenbar über einen längeren Zeitraum als Rastplatz diente. Die Werkzeuge aus Kieselschiefer, Karneol und Quarzit wurden dabei im Lauf der Zeit immer weiter verfeinert. Aus Funden außerhalb Hessens wissen wir, dass die Neandertaler schon Bestattungsriten kannten. Ob dabei auch religiöse Vorstellungen eine Rolle spielten, ist allerdings nicht bekannt und wird wohl auch nie mit Sicherheit nachgewiesen werden können.

Vor etwa 40 000 Jahren tauchten in Europa die ersten modernen Menschen auf, die als Cro-Magnon bezeichnet werden. »Der Jetztmensch scheint plötzlich da zu sein«, so Lutz Fiedler. Er kam vermutlich wieder aus Afrika. Vor ca. 500 000 Jahren hatten sich die Entwicklungslinien von Mensch und Neandertaler getrennt. Trotzdem unterscheidet sich das Erbgut eines Neandertalers von dem eines modernen Menschen nur um 0,2 %. Trotz dieser so geringen Abweichung starb der Neandertaler vor ca. 30 000 Jahren aus. Die Ursachen dafür sind bis heute ungeklärt. Jüngste Forschungen haben allerdings nachgewiesen, dass es zu sexuellen Kontakten zwischen beiden Gattungen gekommen sein muss. Auch wenn das gemeinsame genetische Erbe nur einen Bruchteil heutiger europäischer und asiatischer Menschen ausmacht, so handelt es sich bei der Entdeckung doch um eine Sensation. Eine Vermischung war schließlich noch bis vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten worden.

Der moderne Mensch entwickelte neue Bearbeitungstechniken für Stein-, Knochen- und Geweihgeräte, er schuf neue Formen von Jagdwaffen, wie eine Speerschleuder, deren Reste in der Wildhaus-Höhle bei Steeden an der Lahn gefunden wurden, er nähte sich Kleidung und betätigte sich, wohl noch in einem sehr bescheidenen Maß, auch künstlerisch. So war er gut gerüstet für die tiefgreifenden klimatischen Änderungen am Ende der letzten Eiszeit vor ca. 10 000 Jahren.

»Lichte Birken-Kiefern-Wälder entstehen, und aus einer fast baumfreien Landschaft entwickelt sich eine Parktundra ähnlich der heutigen sibirischen Taiga. Die großen Eiszeitdickhäuter Mammut und Wollnashorn sterben aus, sicher nicht ganz ohne Zutun des Menschen, und Rentierherden, Wildpferdgruppen, aber auch Waldtiere wie Ur und Rothirsch sind die Bewohner dieser Landschaft. Der Mensch reagiert auf diese Umstellung mit Veränderungen von Verhaltensweisen und Techniken, […] Zugeschnittene und genähte Kleidung, Werkzeugkonstruktionen aus verschiedenen und aufeinander abgestimmten Materialien, verschiedene Wege der Nahrungskonservierung und Vorratshaltung, verschiedenartig perfektionierte Jagdmethoden und Wege des Fischfanges sind Teil der erworbenen Praktiken, deren Kenntnisse jetzt dem Menschen zur notwendigen Flexibilität verhalfen.«2

Neolithische Revolution – Der Mensch wird sesshaft

Zu Beginn der Jungsteinzeit, dem Neolithikum, kam es zu tiefgreifenden Veränderungen, die der Historiker Rolf Gensen als »den wohl bedeutendsten Fortschritt der Menschheitsgeschichte – vergleichbar allenfalls mit der Industrialisierung Mitteleuropas«3 bezeichnet. Aus Jägern und Sammlern wurden Ackerbauern und Viehzüchter. Was diese Entwicklung in Hessen vor 7000 Jahren auslöste (und damit wesentlich später als im Vorderen Orient), bleibt weitgehend Spekulationen überlassen. Die neue Kultur der Sesshaften scheint sich aber nicht langsam entwickelt zu haben, sie trat bereits in voller Blüte hervor. Das deutet darauf hin, dass sie sich nicht vor Ort ausgebildet hatte, sondern durch einen Transfer nach Hessen gelangte. Zu den Neuerungen gehörten neben dorfartigen Siedlungen mit großen Häusern der Getreideanbau, die Viehzucht und die Herstellung gebrannter Gefäße. Den Hund hatte es schon länger als Haustier gegeben, jetzt kamen Schafe, Ziegen, Rinder und Schweine hinzu, die wohl aus dem Vorderen Orient mitgebracht wurden. Einkreuzungen mit einheimischen Wildrindern und Wildschweinen waren aber keine Seltenheit. Nach dem bandartigen Muster auf ihrem Geschirr werden die ersten Bauern in Hessen »Bandkeramiker« genannt.

Ihre bevorzugten Siedlungsgebiete waren die fruchtbaren Ebenen, auf denen sich Emmer, Einkorn und Gerste anbauen ließen, Futterpflanzen für die Nutztiere wuchsen und Nüsse oder Früchte gesammelt werden konnten. Zum Süßen verwendeten die Bandkeramiker wohl schon Honig. Auch das Salz und Wildkräuter zum Würzen waren ihnen vertraut. So nutzten sie zum Beispiel den Vogelknöterich wie wir heute den Pfeffer.

Da Düngung noch unbekannt war, verließen die Familien- oder Stammesgruppen wohl nach einiger Zeit ihre Plätze, um eventuell nach Jahren wiederzukommen. Das Leben muss in dieser Zeit extrem beschwerlich gewesen sein. Die Kindersterblichkeit war hoch, und so betrug die durchschnittliche Lebenserwartung nur 25 Jahre. Erwachsene konnten allerdings auch 40 Jahre oder mehr werden, wenn sie nicht vorher eine der zahlreichen Krankheiten, gegen die man nur selten Mittel kannte, hinweggerafft hatte. Denn die Ernährung war trotz Fleisch, Getreideprodukten und Früchten sehr einseitig. Aus Knochenuntersuchungen wissen wir, dass es einen deutlich erkennbaren Vitaminmangel gab, aus dem typische Krankheiten resultierten.

Bei der Kleidung waren die Bandkeramiker nicht nur auf Leder und Felle angewiesen. Wie Jens Lüning in dem Katalog zu der Ausstellung Die Bandkeramiker auf dem Hessentag 2004 in Heppenheim berichtet, besaßen die frühen Bauern »zwei neue Materialien, die Leinenfasern (Flachs) und Wolle. Lein wurde in vielen Siedlungen angebaut, und auf einem verbrannten Lehmstück aus Nordhessen sind Abdrücke eines leinwandbindigen Gewebes aus Lein festgestellt worden. Ob die bandkeramischen Schafe schon genügend Wolle in ihrem Haarkleid hatten, ist umstritten, doch auch Haare lassen sich gut verspinnen, und Unterwolle besaßen die Tiere in jedem Fall. Funde von Spinnwirteln zeigen, dass Flachs und Wolle versponnen werden konnten, und Webgewichte, dass daraus auf einem Gewichtswebstuhl Gewebe hergestellt wurden«4.

Das tägliche Leben der frühen Bauern dürfte in jeder Hinsicht beschwerlich gewesen sein. Und es kam noch etwas Weiteres hinzu. In den Gräbern häufen sich Waffen und Werkzeuge zur Herstellung von Waffen als Beigaben. Das deutet darauf hin, dass sich die kleinen Gemeinschaften gegen äußere Feinde verteidigen mussten. Denn im Gegensatz zu den Jägern und Sammlern, die ein Nomadendasein mit leichtem Gepäck führten, hatten die Bauern und Viehzüchter wertvollen Besitz, den sie verteidigen mussten. Vielleicht haben sich deshalb die auf die Bandkeramiker folgende Menschen der Rössener Kultur und noch stärker danach der Michelsberger Kultur Wohnplätze gesucht, die sich leichter verteidigen ließen. Erstmals wurden neben Flussauen auch hessische Höhen besiedelt. Die Häuser der Rössener Kultur waren teilweise bis zu 85 Meter lang und bis zu sieben Meter breit. Die Bauern der Michelsberger Kultur, die durch sogenannte Tulpenbecher charakterisiert wird, begannen damit, gewaltige Erdwerke zu errichten, über deren Funktion noch heftig spekuliert wird. Die Vermutungen reichen von befestigen Dörfern bis zu Kultplätzen. Markante Beispiele fanden sich vor allem im nördlichen Hessen. Dort wurde die Michelsberger Kultur vor etwa 4500 Jahren von der Wartberg-Gruppe abgelöst, die nach einem Fundort bei Kirchberg in Nordhessen benannt ist.

Steinkammergrab von Züschen mit »Seelenloch«

Die Menschen dieser Periode errichteten große Steinkammergräber, die über viele Jahre als Beerdigungsort dienten. Der Verstorbene wurde durch ein »Seelenloch« in die steinerne Grabkiste bugsiert. Die bekannteste Anlage dieser Art ist die Steinkiste von Züschen-Lohne, die in der Länge 20 Meter misst und in der Breite 3,5 Meter. Sie ist mit Zeichnungen geschmückt, die Rinder im Joch darstellen sollen und damit wieder auf die bäuerliche Herkunft der Künstler verweisen. Möglicherweise in einem direkten Zusammenhang mit diesen Steinkammern stehen die großen Menhire (»Hinkelsteine«), die bis in die Bronzezeit hinein an verschiedenen Orten in Hessen aufgerichtet wurden und Höhen von über fünf Metern erreichen konnten. Ihre Funktion ist bis heute ungeklärt. In früheren Zeiten lieferten die mysteriösen Steine reichlich Material für sagenhafte Erzählungen, die sich oft um Riesen rankten. Denn, so glaubte man, normale Menschen hätten die Quarzit- oder Sandsteinbrocken nie so aufstellen können. Ganz so ungewöhnlich war die Leistung allerdings nicht, wenn man bedenkt, dass zur selben Zeit die Pyramiden von Gizeh entstanden und sich in Mesopotamien schon lange eine faszinierende Schriftkultur entwickelt hatte.

Einen markanten technologischen Fortschritt brachte die Erkenntnis, dass sich aus den bereits bekannten Kupfer und Zinn im Verhältnis 9:1 Bronze herstellen ließ. Zinn wurde in Hessen allerdings nicht abgebaut.

»Das bedeutet, dass auch Hessen in das interregionale Netz einer metallenen Rohstoffversorgung einbezogen war. Dies förderte eine überregionale Kommunikation und technologische Innovation und wirkte sich letztlich in den Bereichen Wirtschaft und Gesellschaft sowie Ideologie aus. Nicht nur deshalb gilt die Bronzezeit als Zeit des Handels, des kunstvollen ›Berufs‹-Handwerkers, des prachtvoll gerüsteten Kriegers und prächtig geschmückter Frauen. Ohne dass wir wissen, welcher materielle oder ideelle Gegenwert für die Rohstoffe Kupfer, Zinn, Blei, Bernstein usw. ›gezahlt‹ wurde, ist davon auszugehen, dass die wirtschaftliche Grundlage der Bronzezeit Hessens traditionell Ackerbau und Viehzucht blieben. Die bronzezeitliche Gesellschaft wird durch eine zunehmend wirtschaftliche Arbeitsteilung und gesellschaftliche Schichtung gekennzeichnet. Eine graduell absetzbare Oberschicht, besonders gekennzeichnet durch die Betonung militärischer Aspekte – gerne als ›Adelskrieger‹ bezeichnet –, ist besonders in der Jung- und Spätbronzezeit fassbar, in einer Zeit, in der auch größere und kleinere befestigte Dauersiedlungen mit vielfältigen wirtschaftlichen Funktionen angelegt wurden.«5

Grob unterscheidet man für die Bronzezeit die ältere Adlerbergkultur mit Flachgräbern und Hockerbestattungen, die mittlere Hügelgräberkultur und die jüngere Urnenfelderkultur. Wie schon der Name nahelegt, zeichnet sich die Adlerbergkultur in der mittleren Bronzezeit durch große Grabhügel aus, die in ganz Hessen verbreitet waren und sich als markante Geländemerkmale teilweise bis heute erhalten haben. In einzelnen Hügeln haben Archäologen bis zu 24 Gräber nachgewiesen. Eine völlig neue Form der Bestattung entwickelte sich schließlich in der späten Bronzezeit. Die Toten wurden nicht mehr gestreckt oder in Hockstellung begraben, sondern verbrannt und in Urnen beigesetzt. Dass die Beerdigungsformen so wichtig wurden für die Unterscheidung einzelner Kulturen, hängt damit zusammen, dass wir den Gräbern mit ihren mehr oder weniger reichen Beigaben wesentliche Erkenntnisse über die damaligen Menschen und ihre Sitten verdanken. Doch ist dabei auch Vorsicht geboten, denn die Gräber von in der Regel hochgestellten Persönlichkeiten vermitteln das Bild einer wohlhabenden Gesellschaft. Wir können aber davon ausgehen, dass der bronzezeitliche Bauer mit seiner Familie zwar dazu beitrug, dass es eine vermögende Oberschicht gab, dieser aber selbst ein eher karges Leben führte. Lediglich aus der späten Bronzezeit haben sich Gräberfelder erhalten, die Urnen ohne oder nur mit spärlichen Beigaben enthalten, die somit auf einfache Bestattungen hindeuten.

Etwa um 800 v. Chr. begann die Verwendung von Eisen, das in kleinen, aber wirkungsvollen Öfen aus Erzen gewonnen wurde. Eisen diente fortan zur Herstellung von Waffen und anderen Gegenständen, die besonderen Belastungen ausgesetzt waren. Die frühe Phase der Eisenzeit trägt den Namen des Ortes Hallstatt im Salzkammergut. Sie zeichnet sich u. a. dadurch aus, dass es zu prunkvollen Bestattungen von Angehörigen der Oberschicht kam. Ein Beispiel dafür ist das Wagengrab von Offenbach-Rumpenheim, in dem ein etwa fünfzigjähriger Mann zusammen mit einem hölzernen Wagen und weiteren Beigaben bestattet wurde. Der rekonstruierte Prunkwagen ist im Offenbacher Stadtmuseum zu sehen. Wahrscheinlich wurden in der Hallstattzeit in Hessen schon Höhenkuppen mit Ringwällen als Siedlungs- oder Rückzugplätze befestigt.

Der Keltenfürst vom Glauberg

Etwa um 500 vor der Zeitenwende trat in Hessen eine Bevölkerungsgruppe auf, die nicht mehr nach ihren Bestattungssitten oder den Formen ihrer Keramik benannt wird, sondern bei griechischen und römischen Geschichtsschreibern »Kelten« bzw. »Gallier« heißt. Mit ihnen beginnt die späte Eisenzeit oder Latène-Zeit (nach einem Fundort am Neuenburger See). Als Kernland der Kelten gilt das südliche Mitteleuropa, aber auf ihren Wanderungen und Kriegszügen kamen sie bis nach Spanien, in die Türkei, nach Italien, Frankreich und den britischen Inseln. Die Kelten hatten keine eigene Schrift. Ihre Überlieferung, vor allem von religiösen Bräuchen und Mythen, erfolgte mündlich. Schon deshalb haben sich von den Kelten in Hessen keine Stammesnamen erhalten. Aus zahlreichen Funden im mittleren und südlichen Hessen wissen wir, dass besonders zum Mittelmeerraum intensive Handelsbeziehungen unterhalten wurden. Von dort kamen u. a. Schmuck und edle Gefäße. Der wichtigste Fundort in Hessen und wohl auch darüber hinaus ist der Glauberg bei Büdingen, der vom 5. Jahrtausend v. Chr. bis ins hohe Mittelalter besiedelt war. In frühkeltischer Zeit umgab ihn eine Mauer aus Holz, Steinen und Erde. Das deutet darauf hin, dass der Glauberg in dieser Zeit schon ein Fürstensitz war. Am Fuß und im Vorfeld des Berges wurden ein großer Grabenring um einen (unterdessen verflachten) Hügel und eine zehn Meter breite »Straße« entdeckt, die über 350 Meter Länge zum Hügel führt. Die beteiligten Wissenschaftler deuten die Anlage als frühkeltisches Zentralheiligtum mit Prozessionsstraße aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert. Im Inneren des ursprünglich sechs bis sieben Meter hohen Hügels wurden zwei mit Schmuck und Waffen üppig ausgestattete Gräber aufgedeckt, die zu den reichsten in ganz Mitteleuropa zählen. Aber die eigentliche Sensation fand sich nicht in den Grabhügeln, sondern nordwestlich davon in einem Graben. Es war die lebensgroße, aus Sandstein gearbeitete Statue eines keltischen Kriegers mit einer so genannten Blattkrone. Nur die Füße fehlten. Außerdem fanden sich Bruchstücke von drei weiteren Statuen. Kleidung, Schmuck und Bewaffnung, die auf der Statue dargestellt werden, ähneln der Ausstattung der Toten in den beiden Gräbern.

»Es könnte sich«, vermutet Fritz-Rudolf Herrmann, der die Ausgrabungen leitete, »um vergöttlichte Ahnherren, Heroen, handeln, oder es waren Götterbilder dargestellt«. In ihrem zeitlichen Umfeld seien sie »als vollplastische, freistehende Bildwerke einzigartig. Etwa zeitgleiche Darstellungen, von denen es sowieso nur fünf Beispiele gibt, sind blockhafte Sitzstatuen oder Pfeilerdenkmäler mit menschlichen Attributen«6. Als Grundlage für den Reichtum der Keltenfürsten vom Glauberg vermutet Herrmann die Salzgewinnung in dem nur 20 Kilometer entfernten Bad Nauheim. Das aus Sole gewonnene Salz war eine begehrte Handelsware. Das Herrschaftsgebiet der Keltenfürsten könnte sich »von Fulda/Werra im Norden bis zum Neckar im Süden, vom Rhein im Westen bis zum Thüringer Wald im Osten«7 erstreckt haben. Das jedenfalls legen Honigreste nahe, die aus einer im ersten Grab gefundenen Schnabelkanne stammen.

Die Statue des Keltenfürsten aus der Keltenwelt am Glauberg

Am Glauberg ist die Gesamtanlage unterdessen rekonstruiert worden. Das 2011 eröffnete Museum präsentiert die Funde in einer eindrucksvollen Ausstellung. In dem archäologischen Park, der ebenfalls zur »Keltenwelt« gehört, befinden sich u. a. ein rekonstruierter Grabhügel, »mysteriöse« Wall-Grabensysteme und Wehranlagen aus frühkeltischer Zeit. In den Museumskomplex integriert ist ein eigenes Forschungszentrum, denn noch sind viele Fragen zu der monumentalen frühkeltischen Anlage und zum Keltenfürsten selbst nicht beantwortet.

In der späten Latènezeit kam es zu einem weiteren kulturellen Höhepunkt. Nach dem Vorbild der großen Städte im Mittelmeerraum entstanden die keltischen »Oppida«. Das waren befestigte Stadtanlagen auf Bergen, die wahrscheinlich bis zu 30 000 Menschen beherbergen konnten. Die bedeutendsten Keltenstädte in Hessen waren das Heidetränk-Oppidum bei Oberursel, wiederum der Glauberg, die Dornburg bei Frickhofen, der Dünsberg bei Gießen, die Milseburg in der Rhön, die Altenburg bei Niedenstein und die bisher kaum erforschte Amöneburg. In den mit Mauern und Wällen gesicherten Anlagen entwickelte sich eine städtische Zivilisation mit Handel, Handwerk, Gerichtsbarkeit und Münzwesen. Außerdem dienten die Oppida der Landbevölkerung als eine Art Fluchtburg in Kriegszeiten. Das erklärt auch die gewaltigen Dimensionen der keltischen Städte. So umschloss das Heidetränk-Oppidum eine größere Fläche als das frühneuzeitliche Frankfurt.

Diese spätkeltischen Städte wurden spätestens im ersten vorchristlichen Jahrhundert verlassen. Den von der Elbe und Oder einwandernden Germanen scheinen sie wenig entgegen gesetzt zu haben. Der Umschwung zur germanischen Prägung müsse, so Albrecht Jockenhövel, »sehr kurzfristig, innerhalb einer Generation, erfolgt sein, sodass er mit archäologischen Zeitmitteln kaum erfasst werden kann«8. Da weder Kelten noch Germanen über eine Schriftkultur verfügten, wird es für immer im Dunklen bleiben, wie sich die germanische Landnahme wirklich abspielte. Wahrscheinlich sind Überlagerungen. Aus »Restkelten« und Germanen dürften neue Stammesverbände entstanden sein. Eine deutliche Trennung zwischen Kelten und Germanen, wie sie die römischen Geschichtsschreiber nahelegen, dürfte es nicht gegeben haben, dafür aber kelto-germanische Verbände, in denen die germanischen Kultureinflüsse immer stärker wurden.

Chatten und Römer

Im ersten nachchristlichen Jahrhundert wurde das nördliche Hessen durch weitere Wanderungsbewegungen Teil des rhein-wesergermanischen Kulturkreises. Jetzt tauchten in dem Gebiet zwischen Eder, Schwalm und Fulda auch erstmals die Chatten auf, von denen Hessen seinen Namen erhalten haben könnte. Für den römischen Geschichtsschreiber P. Cornelius Tacitus waren sie als edle Wilde das positive Gegenbild zu der von ihm als dekadent empfundenen römischen Gesellschaft. Entsprechend vorsichtig muss man seinen Bericht beurteilen.

»Die Menschen des Stammes haben kräftigere Körper, straffe Glieder, drohenden Blick und größere geistige Kraft. Für Germanen zeigen sie viel Berechnung und Geschick: Sie setzen ausgesuchte Leute an die Spitze und hören auf diese Vorgesetzten, sie kennen geordnete Verbände, bemerken günstige Umstände, schieben Angriffe auch einmal auf, regeln den Tagesablauf, verschanzen sich für die Nacht, sie sehen das Glück als unbeständig und nur die Tapferkeit als sicher an, und was höchst selten ist und eigentlich nur römischer Kriegszucht eingeräumt wird, sie legen mehr Gewicht auf die Führung als auf das Heer.[…] In allen Kämpfen liegt bei ihnen die Eröffnung, sie bilden immer die vorderste Reihe, unheimlich anzusehen; denn auch im Frieden nehmen sie kein sanfteres Aussehen an. Keiner hat ein Haus oder einen Acker oder etwas, wofür er sorgt; wie sie gerade zu einem jeden kommen, werden sie verpflegt, Verschwender fremder Habe, Verächter eigenen Besitzes, bis das kraftlose Alter sie zu solch hartem Kriegertum untauglich macht.«9

Zumindest im letzten Punkt hatte Tacitus, der Germanien nicht aus eigener Anschauung kannte, Unrecht. Wir wissen zwar nur wenig über die sozialen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Chatten, aber immerhin so viel: »Der überwiegende Teil der Chatten lebte in Weilern und Gehöften«, wie etwa die großflächigen Ausgrabungen bei Geismar in der Nähe von Fritzlar zeigten. Aber »regelrechte Dörfer mit mehreren hundert Einwohnern gehörten zu den Ausnahmen«10. Große Stadtanlagen wie noch bei den Kelten waren ihnen allerdings unbekannt.

Die Chatten hatte Tacitus nicht nur deshalb so genau beschrieben, weil er sie als positives Beispiel herausstellen wollte, er sah in ihnen auch ernsthafte Gegner der römischen Militärmacht. Mit der Eroberung Galliens durch Caesar im Jahr 51 v. Chr. wurde der Rhein die nordöstliche Grenze des römischen Reichs. Der Einfall von Germanenstämmen in das römische Gallien im Jahr 16 v. Chr. veranlasste Kaiser Augustus, gegen die rechtsrheinischen Germanen vorzugehen. Er ließ mehrere große Militärbasen am Rhein errichten, darunter auch Mogontiacum (Mainz). Von dort überschritt 9 v. Chr. der kaiserliche Stiefsohn Drusus mit seinen Soldaten den Rhein und erreichte trotz heftiger Gegenwehr der Germanen, auch der Chatten, noch im selben Jahr die Elbe. Allerdings starb er bald an den Folgen eines Unfalls. Sein Bruder Tiberius setzte den Feldzug fort, ohne aber zu anhaltenden Erfolgen zu gelangen. Trotzdem ließ sich Tiberius in Rom als Triumphator feiern. Er glaubte, die Germanen in Verträge einbinden zu können, aber das sollte sich als folgenschwerer Irrtum erweisen. Denn 9 n. Chr. vernichtete ein germanisches Heer, dem sich auch Chatten angeschlossen hatten, die 17., 18. und 19. römische Legion unter Quintilius Varus, höchstwahrscheinlich bei Kalkriese. Damit war auch der römische Traum einer rechtsrheinischen Provinz zunächst geplatzt.In Waldgirmes, heute ein Stadtteil von Lahnau, hatten die Römer schon vor der Zeitenwende damit begonnen, mitten in germanischem Gebiet eine Stadt zu errichten, die auch zivile Verwaltungsaufgaben wahrnehmen sollte. Bei Ausgrabungen in Waldgirmes wurden in einem Brunnen Teile einer monumentalen Reiterstatue gefunden, die höchstwahrscheinlich Kaiser Augustus zeigte. »Keramikscherben, Fibeln und auch einige Gebäudegrundrisse«, so Gabriele Rasbach, »sprechen für eine Bevölkerung aus gallo-römischen und einheimischen Siedlern. Doch der Versuch, römische Strukturen einzuführen, scheiterte. Die Niederlage der römischen Truppen in der Varus-Schlacht führte in Waldgirmes offenbar zu einem ›Bildersturm‹, bei dem mindestens zwei der auf dem Forumsplatz aufgestellten Reiterstatuen zerstört wurden. Die Deponierung eines der lebensgroßen bronzenen Pferdeköpfe in einem Brunnen zusammen mit mehreren Mühlsteinen scheint hingegen kultisch motiviert«11.

Nach der Niederlage des Varus blieben einzelne rechtsrheinische Militärstützpunkte als Brückenköpfe erhalten, darunter Kastel, Friedberg und Rödgen bei Bad Nauheim. Sie waren zum Teil mit einheimischen Milizionären besetzt und bildeten ab 14 n. Chr. die Basis für die »Rache«-Feldzüge des Germanicus. Der Neffe des Tiberius, der unterdessen die Nachfolge von Kaiser Augustus angetreten hatte, soll dabei den chattischen Hauptort Mattium zerstört haben. Die Suche nach den archäologischen Überresten von Mattium ist aber bis heute erfolglos geblieben. Bereits zwei Jahre später ließ Tiberius die verlustreichen Kämpfe abbrechen. Nur kurz danach starb Gemanicus, der gleich mit drei Ehrenbögen gefeiert wurde. Einer davon wurde in (Mainz-)Kastel errichtet. Sein Fundament hat sich bis heute erhalten.

Nach mehreren Kriegen gegen die Germanen waren die Römer nur wenig weitergekommen. Zwar verfügten sie über einen respektablen Brückenkopf und damit auch über die heißen Quellen der Mattiaker, eines germanischen Stammes direkt gegenüber von Mainz, aber die Gefahr von germanischen Einfällen war nicht gebannt und eine neue rechtsrheinische Provinz schien in weite Ferne gerückt. Welche Gefahren an der Rheingrenze lauerten, mussten die Römer im Jahr 69 n. Chr. erfahren, als der niederrheinische Statthalter Vitellius gegen Kaiser Nero rebellierte. Mehrere germanische Stämme erhoben sich, darunter die Chatten, und belagerten Mainz. Zwar konnte der neue Kaiser Vespasian sein Legionslager retten, aber es wurde immer deutlicher, dass die Rheingrenze ohne starke Truppen nicht zu halten war. Um weiteren Angriffen zuvor zu kommen, entschloss sich Kaiser Domitian im Jahr 83 n. Chr. zum Angriff auf die Chatten, bei dem er die Wetterau in seinen Besitz bringen konnte.

Die Chatten waren keine bis an die Zähne bewaffneten Krieger, wie es Tacitus nahelegte, sondern eher schlecht ausgerüstete Bauern, die in offener Feldschlacht gegen die Römer keine Chance hatten. Sie versuchten es deshalb mit einer Art Guerillataktik. Sie griffen plötzlich aus dem Hinterhalt an, um genauso plötzlich wieder zu verschwinden. Den römischen Soldaten und ihren Hilfstruppen mangelte es dagegen an einer wirksamen Strategie. Hinzu kam, dass zu jener Zeit starke Truppenverbände in die südosteuropäische Provinz Moesia (heute Bulgarien) verlegt wurden, um die dort eingefallenen Daker abzuwehren. »An ein Weiterführen des Krieges gegen die Chatten war nicht mehr zu denken«, schreibt der frühere Leiter des Saalburgmuseums, Dietwulf Baatz: »Es trat ein historischer Wendepunkt ein: War bisher die Rheingrenze von größter militärischer Bedeutung für das Reich gewesen, so wurde von nun an die Donaugrenze zum neuen Schwerpunkt. Am Rhein musste sich der Kaiser mit einem enttäuschend geringen Gebietszuwachs begnügen.«12

Der Limes und die Saalburg

Vielleicht schon im Jahr 85 n. Chr., spätestens um 90 n. Chr. gründete Domitian die Provinz Germania Superior (Obergermanien) mit Mainz als Hauptstadt. Zum Schutz der neuen Provinz, die rechtsrheinisch den Taunuskamm, große Teile der Wetterau und das Gebiet zwischen Main und Neckar umfasste, ließ der Kaiser die Grenze mit Sichtschneisen und hölzernen Wachtürmen sichern. Erst in den folgenden Jahrzehnten wurde der Limes mit Palisaden aus Holzpfählen verstärkt, später kamen noch Wall und Graben hinzu. Trotzdem war der Limes, der sich vom Rhein an den Main zog und dann weiter in das Donaugebiet, nie eine Befestigung, die germanische Einfälle hätte abhalten können. Der Limes schützte die provinz-römische Bevölkerung vor räuberischen Übergriffen und regelte den Austausch mit den germanischen Gebieten. Eine militärisch strategische Funktion besaß der Limes somit nicht, obwohl in regelmäßigen Abständen kleine und größere Kastelle errichtet wurden, die eine militärische Besatzung aufwiesen. Das bekannteste Kastell in Hessen ist die Saalburg, die einer Kohorte, also bis zu 1000 Soldaten, Platz bot. Wie viele römische Überreste wurde auch die Saalburg später von der örtlichen Bevölkerung als Steinbruch genutzt. Der hessen-homburgische Regierungsrat Elias Neuhof schrieb 1777:

Der Haupteingang der Saalburg

»Eine andere Römische Schanze verdienet vorzüglich hier angemerkt zu werden. Sie hat den Namen Saalburg, und ist nicht weit von dem Weg, der von Homburg über das Gebürg nach Usingen gehet. Es ist ein großer viereckigter Platz, der mit einem tiefen Graben und Aufwurf umgeben, an dem Paß aber mit dergleichen doppelt verwahret und noch deutlich zu sehen ist. In den ältern Zeiten ist auch solcher mit einer Mauer eingeschlossen gewesen, da man aber in den neuern die Steine nach und nach aufgebrochen, und zu dem Herrschaftlichem Schloß- und reformirten Kirchenbau etc. beyfahren lassen.«13

Erst 1818 wurde die Steingewinnung verboten. Und 1870 begannen die Grabungen. Um die Jahrhundertwende engagierte sich dann Kaiser Wilhelm II. für die Idee, das Grenzkastell auf dem alten Grundriss neu zu errichten. 1907 wurde die Saalburg eingeweiht. Sie beherbergt heute eines der faszinierendsten (Freilicht-)Museen Deutschlands.

Der Obergermanisch-Raetische Limes, den die UNESCO 2005 zum Weltkulturerbe erklärt hat, schützte auf seinen 180 Kilometern über hessisches Gebiet drei römische Verwaltungseinheiten: die Civitas Mattiacorum mit Wiesbaden als Hauptort, die Civitas Auderiensium mit Dieburg als Mittelpunkt und die Civitas Taunensium um (Frankfurt-)Nida, wo jüngst ein 3000 Quadratmeter großer Tempelbezirk mit mindestens fünf Heiligtümern ausgegraben wurde. Offenbar verehrte man in Nida den Gott Jupiter Dolichenus. Darauf verweist zumindest eine kleine Adlerfigur mit Blitzbündel, die bei den Ausgrabungen in der Frankfurter Römerstadt gefunden wurde.

In dem weitgehend friedlichen 2. Jahrhundert wurde der rechtsrheinische Teil der Provinz Obergermanien zu einer kleinen multikulturellen Gesellschaft, in der römische Soldaten, Angehörige ihrer Hilfstruppen, aus Gallien eingewanderte Kelten und Germanen zusammenlebten. »Gleichzeitig florierten unter römischer Kontrolle Wirtschaft und Handel in beachtlichem Maß«, schreibt Margot Klee in ihrem Buch über den römischen Limes in Hessen. »Im Hinterland der Städte entstanden besonders in der Wetterau zahlreiche villae rusticae (Gutshöfe), deren Besitzer ihre Überschüsse an das Heer oder auf den Märkten der benachbarten Städte verkauften. Den zunehmenden Reichtum belegen immer luxuriöser ausgestattete Gebäude sowie die seit dem 2. Jahrhundert häufigeren Weihungen.«14

Die Römer ließen Straßen und Brücken bauen, legten Wasserleitungen an, führten zahlreiche Verbesserungen in der Landwirtschaft ein und verteilten großzügig ihr Bürgerrecht. Aber der Frieden war trügerisch. Denn das römische Weltreich war von allen Seiten bedroht und lähmte sich immer wieder selbst durch interne Machtkämpfe. Als im Jahr 233 n. Chr. Truppen aus Obergermanien abgezogen wurden, um sie an der östlichen Grenze gegen das erstarkende Sassanidenreich einzusetzen, nutzte der germanische Stammesverband der Alamannen die Gunst der Stunde, durchbrach den Obergermanisch-Raetischen Limes und überfiel römische Gebiete. Zu Beginn kam es offenbar zu mehreren solcher Überfälle (auch durch andere germanische Stammesgruppierungen wie den Franken). Die Entwicklung gipfelte schließlich in einem Vorstoß der Alamannen 259 n. Chr. nach Italien, wo sie 260 n. Chr. bei Mailand von Kaiser Gallienus geschlagen wurden. Ein weiterer Sieg bei Augsburg konnte jedoch nicht verhindern, dass der Obergermanisch-Raetische Limes in den folgenden Jahren aufgegeben werden musste und es zu einem allmählichen Rückzug der römischen Truppen auf die linksrheinischen Gebiete kam. Die Römer waren somit gezwungen, ihre Grenze an den Rhein zurück zu verlegen. Trotzdem blieben einzelne Brückenköpfe und vor allem Handelskontakte erhalten. So ließ Kaiser Konstantin zwischen 328 und 337 n. Chr. Granit aus dem Felsenmeer im Odenwald zum Bau seiner Basilika in Trier verwenden. Erst zu Beginn des 5. Jahrhunderts brach die römische Rheingrenze unter dem Ansturm verschiedener germanischer Stammesverbände zusammen, wobei der Übergang auf römisches Territorium am 31. Dezember 406 n. Chr. bei Mainz erfolgt sein soll. Der beginnenden germanischen Völkerwanderung war das wankende Weltreich nicht mehr gewachsen.

Alamannen und Franken

Trotz des Rückzugs der Römer wurde das Gebiet zwischen Obergermanisch-Raetischem Limes, Rhein und Donau erst nach und nach von den Alamannen besiedelt. Die alamannischen Stämme kannten keine einheitliche Führung. Vielmehr wurden sie von Königen regiert, die in Hessen zum Beispiel auf dem Dünsberg und auf dem Glauberg ihren Sitz hatten. Durch den Zusammenbruch der römischen Administration in der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts gelang es diesen Fürsten, ihren Herrschaftsbereich bis in das Elsass und in die Nordschweiz ausdehnen, ehe sie selbst von einem mächtigeren Gegner verdrängt wurden.

Vom Niedergang Westroms hatten schließlich nicht nur die Alamannen profitiert, sondern auch andere germanische Stämme, die von den Römern als »franci« bezeichnet worden waren. Diese hatten zunächst zwischen dem Niederrhein und der Weser gesiedelt. Ebenso wie die Alamannen errichteten die Franken kleine, unabhängige Königreiche. Eines dieser Königreiche, das der Merowinger, konnte 486 n. Chr. unter ihrem König Chlodwig das Land zwischen Somme und Loire erobern und somit die letzten Reste römischer Herrschaft in Gallien beseitigen. Danach wandte sich Choldwig nach Osten und besiegte 496 n. Chr. die Alamannen in der Schlacht von Zülpich. In weiteren Schlachten eroberten die Franken in der Folge bis 506 n. Chr. die rechtsrheinischen Gebiete der ehemals römischen Provinz Obergermanien. Nur wenige Jahre nach der Schlacht von Zülpich ließ sich Chlodwig in Reims taufen und trat damit zum christlichen Glauben über. Auch damit wurde eine entscheidende Weiche für die spätere Entwicklung Hessens gestellt.

531 n. Chr. unterwarf Chlodwigs Sohn Theuderich I. die Thüringer, die den Nordosten Hessens bis dahin beherrscht hatten. Damit dürften auch die Chatten, sofern diese als Stammesverband noch existierten – seit dem 3. Jahrhundert gibt es keine namentliche Erwähnung mehr –, fränkische Untertanen geworden sein. Um die Mitte des 6. Jahrhunderts stand somit das ganze Gebiet des heutigen Hessens unter fränkischer Herrschaft.

Aber auch das Merowingerreich wurde von internen Machtkämpfen um die Herrschaft erschüttert. Immer wieder kam es zu Teilungen des Reichs unter den Nachkommen Chlodwigs und damit verbunden zu rivalisierenden Herrschaftsansprüchen, die häufig militärisch ausgetragen wurden. Eines dieser Herrschaftsgebiete war das östlich gelegene Teilkönigreich Austrien, zu dem auch die Gebiete Hessens zählten und aus dem später das ostfränkische Reich und in letzter Folge Deutschland hervorgehen sollte. Die ständigen internen Machtkämpfe schwächten die Dynastie der Merowinger zunehmend, wodurch seit dem späten 6. und frühen 7. Jahrhundert das Amt des Majordomus oder »Hausmeiers«, der die königlichen Güter verwaltete, immer mehr an Bedeutung gewann. Auf lange Sicht kam dies einer schleichenden Entmachtung der herrschenden Dynastie gleich, wohingegen die Hausmeier in den einzelnen Reichsteilen faktisch die Regierungsgeschäfte führten. Schließlich konnte sich der Hausmeier Austriens, Pippin der Mittlere, im Kampf um die Macht zum Ende des 7. Jahrhunderts durchsetzen, indem er das Amt des Hausmeiers von Austrien (seit 679 n. Chr.), Neustrien (688/689 n. Chr.) und Burgund (688 n. Chr.) in seiner Person vereinigte. Damit hatte er die Vormachtstellung seines Geschlechts, der späteren Karolinger, gesichert. Es sollte allerdings noch Jahrzehnte dauern, bis die Nachkommen Pippins die Königswürde erlangten. Erst 751 n. Chr. ließ Pippin der Jüngere mit Rückendeckung von Papst Zacharias den letzten merowingischen König Chilperich III. auf einer Reichsversammlung der Großen des Frankenreichs absetzen, schickte ihn und dessen Sohn ins Kloster und wurde selbst zum König des Frankenreichs ausgerufen.

Bonifatius – der Apostel der Deutschen

Gegen Ende des 7. Jahrhunderts war dem fränkischen Hessen eine neue Bedrohung erwachsen. Um 690 hatten die benachbarten Sachsen das Diemelgebiet unter ihre Kontrolle gebracht und unternahmen immer wieder Vorstöße in das östliche Grenzland des Frankenreichs. Der schmalen fränkischen Oberschicht fiel es zu, die Angriffe abzuwehren und die Herrschaftsstrukturen zu festigen. Dazu bot sich u. a. der christliche Glaube als einigendes Band an. Zwar missionierten die Bischöfe von Worms, Mainz und Trier schon länger in den Gebieten östlich des Rheins, dennoch hing die Bevölkerung in weiten Teilen ihren überkommenen nicht-christlichen Bräuchen weiterhin an.

Die entscheidende Wende brachte ein angelsächsischer Missionar, der zwischen 672 und 675 im englischen Wessex geboren worden war. Ursprünglich hieß er Winfried oder Winfryth. 719 erhielt er von Papst Gregor II. jedoch den Namen Bonifatius und den Auftrag, unter den Franken zu missionieren. Bonifatius erkannte schnell, dass es mit der fränkischen Kirchenorganisation nicht zum Besten stand. Hier setzten seine Reformbemühungen an. Und er hatte noch ein weiteres, sehr viel größeres Ziel. Er wollte zum erfolgreichen Mittler zwischen dem Papst und dem fränkischen Königtum werden. Das ist ihm zwar gelungen, aber doch auf andere Weise, als er es sich erhofft hatte. So verfolgte er mit Argwohn am Ende seines Lebens, wie der Papst den Staatsstreich von Pippin dem Jüngeren seinen kirchlichen Segen erteilte.

Bonifatius beim Fällen der Donareiche

721 war Bonifatius nach Hessen gekommen und hatte seine Missionstätigkeit in der fränkischen Festung Amöneburg begonnen. 723 fällte er die dem Gott Donar geweihte Eiche bei Geismar. Ob er das selbst getan hat oder ob er fällen ließ, spielt dabei keine Rolle. Wichtiger ist, dass eine fränkische Garnison bereitstand, um ihn notfalls zu schützen. Aus dem Holz der Eiche ließ er im nahen Fritzlar eine kleine Kirche bauen. 725 dehnte er seine Missionstätigkeit auch auf das benachbarte Thüringen aus. 732 wurde er zum Erzbischof ernannt und durfte nun selbst Bischöfe weihen und Bistümer einrichten. Als Sitz seines ersten Bistums in Hessen wählte er 741 die fränkische Festung Büraburg, ganz in der Nähe des Ortes, an dem er die Donareiche gefällt hatte.Sein Versuch, die östlichen Bistümer in einer Kirchenprovinz unter seiner Leitung zusammenzufassen, scheiterte allerdings. Bonifatius wurde mit dem Titel eines »päpstlichen Legaten für das deutsche Missionsgebiet« und dem Bistum Mainz abgefunden, in das er Büraburg eingliederte. Im hohen Alter von etwa 80 Jahren brach er noch einmal auf eine Missionsreise zu den Friesen auf. In Dokkum wurde er am 5. Juni 754 gemeinsam mit seinen Gefährten von Friesen überfallen und erschlagen, die gemäß neueren Untersuchungen wohl den alten nicht-christlichen Kulten anhingen. Die Angreifer wussten demnach, mit wem sie es zu tun hatten. Ein gezieltes Attentat erscheint somit wahrscheinlich. Der besondere Wunsch von Bonifatius war es gewesen, in seinem Lieblingskloster Fulda begraben zu werden. So geschah es auch. Sein Schüler Sturmius hatte das Kloster 744 in einer »Einöde von ungeheurer Weltverlassenheit« gegründet, wie Bonifatius 751 an Papst Zacharias schrieb. So weltverlassen war der Ort allerdings nicht gewesen, denn er lag an einer wichtigen Wegkreuzung. Archäologische Untersuchungen zeigten, dass dort vorher eine stattliche merowingische Hofanlage gestanden hatte. Nachfolger von Bonifatius auf dem Mainzer Bischofsstuhl wurde sein Schüler und Landsmann Lull, der um 770 in Hersfeld ein weiteres Kloster gründete, weil ihm der Zugriff auf Fulda versagt blieb.

Das Grab des Bonifatius im Fuldaer Dom

Die Klöster Fulda und Lorsch

Die rasch einsetzende Bonifatius-Verehrung machte Fulda zu einem besonders attraktiven Kloster, das bald 600 Mönche zählte. Bereits vier Jahre nach der Gründung, 748, war eine Klosterschule eingerichtet worden, an der unter anderen der spätere Biograf Karls des Großen, Einhard, seine Erziehung erhielt. Der 780 in Mainz geborene Universalgelehrte Rabanus Maurus machte sie Anfang des 9. Jahrhunderts zum kulturellen Zentrum des fränkischen Reichs. Vor allem in seiner Zeit als Fuldaer Abt (822 bis 842) zog das Kloster bedeutende Schüler an.

»So ist Fulda die geistige Heimat zweier der bedeutendsten Männer der Jahrhundertmitte, des besten Lateiners seiner Zeit, Walahfrid Strabo von der Reichenau, und des bedeutsamsten deutschen Dichters, Otfried von Weißenburg. So knüpfen die drei großen Werke der mittleren Karolingerzeit: Tatian, Heliand, Otfrieds Evangeliengedicht an Fulda an. Sie bezeugen die Mittelstellung Fuldas im geistigen Getriebe des 9. Jahrhunderts. In neuer Weise war so das Kloster seiner alten Pflicht treu geblieben, Kreuzungspunkt zu sein für die Wege von Westen nach Nordosten und Südosten.«15

Von herausragender Bedeutung war das Kloster auch deshalb, weil in seinem Skriptorium wichtige Werke von der Antike bis zur damaligen Gegenwart kopiert wurden. Auf diese Weise ist auch die Germania des Tacitus und ein Fragment des ältesten germanischen Heldenliedes, des Hildebrandslieds, überliefert worden. Die Fuldaer Klosterschule konnte lange ihre Bedeutung wahren. Noch Ulrich von Hutten wurde dort unterrichtet.

Ein ebenso bedeutendes geistiges Zentrum wie Fulda war das Kloster Lorsch, von dem heute noch die so genannte Königshalle oder Torhalle zeugt. Auch das ehemalige Klosterarreal gehört heute, wie der Obergermanisch-Raetische Limes, zum Weltkulturerbe. Gestiftet wurde das Kloster um 764 von Cancor, einem Grafen im Oberrheingau aus dem Adelsgeschlecht der Robertiner. 772 übertrug die Familie das Kloster an Karl den Großen und damit an den Sohn und Nachfolger Pippins. Der Frankenherrscher revanchierte sich und erhob Lorsch, wie wenig später auch Fulda, zur Reichsabtei. Mit den Klöstern, die unter seinem Schutz standen, schuf sich Karl der Große an wichtigen Orten seines Reiches neben den Pfalzen weitere Zentren weltlicher und geistlicher Macht. Karl der Große hielt sich gern in Lorsch auf, ebenso wie in seiner Pfalz in Ingelheim oder in Frankfurt.

Zu den Aufgaben des Klosters zählten: »der Gebetsdienst für den Herrscher, die Dynastie und das Reich, jährliche Abgaben und – was uns Heutigen zu Recht fremd anmutet – die Gewährleistung militärischer Dienste. Zwei weitere Aufgaben treten hinzu: Erschließung und Kultivierung neuer Siedlungsräume im nahegelegenen Odenwald […] und schließlich eine Aufgabe, die uns erst durch die jüngere Forschung immer deutlicher vor Augen tritt: die Rolle Lorschs als eines Zentrums der Verdichtung und der Vermittlung von Wissen«16. Dazu diente auch, wie in Fulda, das Skriptorium, in dem Handschriften von antiken Autoren kopiert wurden.

Von besonderer Bedeutung für Lorsch waren die reichen Schenkungen, die das Kloster zu einem der größten rechtsrheinischen Grundbesitzer machte. So übereignete Einhard, der als Laienabt sieben Klöstern vorstand, 819 die Mark Michelstadt der Reichsabtei.

Einhard war um 770 in Mainfranken geboren worden. Für die Jahre 788 bis 791 ist belegt, dass er im Kloster Fulda Urkunden kopierte. Dabei fiel er als so begabt auf, dass ihn der Abt Baugulf nach Aachen an den Kaiserhof schickte. Damit begann sein steiler Aufstieg bis zum engsten Berater Karls des Großen. 815 schenkte ihm der Kaiser die Güter Michelstadt und Mühlheim, das spätere Seligenstadt. An beiden Orten erbaute Einhard eindrucksvolle Kirchen, für die er auf abenteuerliche Weise Reliquien aus Rom beschaffen ließ. 830 zog er sich vom Hof zurück und starb am 14. März 840 als Abt des von ihm gegründeten Klosters Seligenstadt. Einhard verdanken wir vor allem eine Lebensbeschreibung Karls des Großen, die Vita Karoli Magni, ein Werk, so der Einhard-Kenner Josef Fleckenstein »das nach Form und Gehalt vom antiken Erbe zehrt, ein Zeugnis der Bildungsbemühungen des Karlshofes, das die Geschichtsschreibung der Zeit auf eine neue, höhere Stufe hebt. Wir sehen noch heute Karl den Großen, den schon seine Zeitgenossen ›Vater Europas‹ nannten, mit den Augen Einhards«17.

Robertiner und Konradiner

Die Robertiner sind uns bereits begegnet als Gründer des Klosters Lorsch. Sie waren ein mächtiges Adelsgeschlecht, das aus dem westlichen Franken stammte, aber in Südhessen, in der Wetterau und an der Lahn Ländereien besaß. In den Machtkämpfen nach dem Tod Kaiser Ludwigs des Frommen, des Sohns Karls des Großen, im Jahr 840 hatten sie wenig Glück. Nach den langwierigen Auseinandersetzungen unter den Söhnen des verstorbenen Herrschers wurde 843 im Vertrag von Verdun das fränkische Reich geteilt. Ludwig der Deutsche, der Enkel Karls des Großen, erhielt dabei das Ostreich mit Frankfurt als zentralem Ort. Die Robertiner, die sich während der Auseinandersetzungen gegen Ludwig gestellt hatten, verloren darauf ihren Besitz in Hessen. In die Nachfolge der Robertiner traten die Konradiner, deren Kernland um Limburg, Weilburg und Wetzlar lag. Als im Kampf mit den sächsischen Liudolfingern 892 der ostfränkische König Arnulf von Kärnten, ein Enkel Ludwigs des Deutschen, die Oberhand behielt, mussten die Sachsen das Herzogtum Thüringen an die Konradiner abtreten, die nun zu den führenden Geschlechtern des Ostreichs zählten. Welchen Rang sie unterdessen einnahmen, wurde 911 nach dem Tod des gerade achtzehnjährigen Königs Ludwig deutlich, des letzten Karolingers auf dem ostfränkischen Thron. Mit Unterstützung des ihm wohl gesonnenen Mainzer Erzbischofs Hatto wurde der Konradiner Konrad I. zum König gewählt. Dennoch gelang es dem neuen Herrscher nicht, sich im Reich durchzusetzen. Besonders die Sachsen machten ihm das Leben schwer. Schon nach sieben Jahren starb er. Zuvor aber hatte er einen bemerkenswerten Schritt unternommen – wenn man dem sächsischen Geschichtsschreiber Widukind von Corvey glaubt. Auf dem Sterbebett nämlich soll er nicht seinem Bruder die Nachfolge angeboten haben, sondern seinem ärgsten Feind, dem Sachsen Heinrich:

»Wir können Bruder, Truppen und Heere aufbieten und anführen, wir haben Burgen und Waffen nebst den königlichen Insignien und alles, was die königliche Würde erheischt; nur kein Glück und keine Eignung. Das Glück, mein Bruder, samt der herrlichsten Befähigung ist Heinrich zuteilgeworden, die Entscheidung über das Gemeinwesen liegt in der Sachsen Hand. Nimm darum diese Abzeichen, die heilige Lanze, die goldenen Spangen, nebst dem Mantel, das Schwert und die Krone des alten Königs, gehe hin zu Heinrich und mache Friede mit ihm, damit du an ihm für immer einen Verbündeten hast. Denn warum soll das Frankenvolk samt dir vor Heinrich hinsinken? Er wird in Wahrheit König sein und Befehlshaber zahlreicher Heeresaufgebote.«18

Es gibt berechtigte Zweifel, dass sich der Machtwechsel von den Konradinern zu den Sachsen so vollzogen hat. Möglicherweise war es bereits drei Jahre vor dem Tod des Königs zu einer Vereinbarung über die Nachfolge im Reich zwischen Konrad I. und Heinrich, dem Herzog von Sachsen, gekommen. König Konrad I. ist 918 wahrscheinlich in Fulda beigesetzt worden. Dafür spricht ein Eintrag in der Weltchronik des Mönchs Marianus Scotus, der von 1058 bis 1069 im Fuldaer Kloster lebte. König Konrad sei »im Kloster Fulda, beim Kreuzaltar bestattet«19.

Tatsächlich wurde der Sachse Heinrich 919 in Fritzlar als Heinrich I. zum deutschen König erhoben. Die Pfalz in Fritzlar war zu dieser Zeit einer der wichtigsten Aufenthaltsorte deutscher Könige und Kaiser in Nordhessen. Bis weit in das 11. Jahrhundert hinein fanden dort bedeutende Reichs- und Fürstentage, Kirchenversammlungen und Synoden statt.

Wie sein Bruder es gewünscht hatte, standen Heinrich I. und Eberhard, Konrads Bruder und dessen Nachfolger als Herzog der Franken, loyal zueinander. Der Zusammenhalt zeigte sich auch darin, dass 926 der König den Konradiner Hermann zum Herzog von Schwaben erhob.

Die Heilige Elisabeth

Das ostfränkische und später Heilige Römische Reich (Deutscher Nation) war in viele kleine Grafschaften aufgeteilt, die von einer adligen Oberschicht beherrscht wurden. Diese führenden Familien wiederum heirateten untereinander, sodass sich vielfältige verwandtschaftliche Beziehungen ergaben. Durch Erbfälle konnten sich so bei einzelnen Adelssippen erheblicher Grundbesitz ansammeln. Ein Beispiel dafür sind die Thüringer Grafen, die im 12. Jahrhundert durch geschickte Heiratspolitik und glückliche Erbschaften nicht nur über ihr Stammland, sondern auch fast über das gesamte nördliche Hessen regierten. Seit 1130 durften sie den Titel »Landgraf« tragen.

Ihre härtesten Konkurrenten waren die Mainzer Erzbischöfe, die als Erzkanzler eine ganz besondere Stellung im Reich einnahmen. Der Konflikt zwischen Mainz und Thüringen (später Hessen) bestimmte die Geschichte (Nord-)Hessens über Jahrhunderte.

Die Thüringer Landgrafen, zu deren Besitz auch Kassel und Marburg gehörten, regierten von der Wartburg aus. Dort hatte Hermann I. einen Musenhof mit weiter Ausstrahlung begründet. Die Bedeutung der Thüringer war so gewachsen, dass der Landgraf erfolgreich für seinen Sohn um die ungarische Königstochter Elisabeth werben konnte. Bereits mit vier Jahren wurde Elisabeth zunächst seinem ältesten Sohn versprochen und nach dessen Tod dem designierten Thronfolger Ludwig. 1221 und damit im Alter von 14 Jahren heiratete Elisabeth den seit 1217 regierenden Landgrafen Ludwig IV., der nur sieben Jahre älter war als sie. In kurzen Abständen gebar sie drei Kinder, ehe Ludwig im September 1227, während der Vorbereitungen zum Kreuzzug Kaiser Friedrichs II., im Feldlager in Otranto einer Fiebererkrankung erlag.

Elisabeth war tief geprägt von den Armuts- und Barmherzigkeitsgedanken des gerade heiliggesprochenen Franz von Assisi. Schon nach der Geburt ihres ersten Kindes wandte sie sich von den höfischen Idealen ab und suchte Erfüllung in Buße, Bedürfnislosigkeit und Dienst am Nächsten. Unterstützt wurde sie dabei von einem der einflussreichsten Kleriker ihrer Zeit, dem Kreuzzugs- und Ketzerprediger Konrad von Marburg. Er vermittelte ihr seine sozialrevolutionären Ideen, die sich gegen die Verschwendungssucht des höfischen Lebens wandten und die Ausbeutung der Landbevölkerung anprangerten. Unter seinen wachsamen und strengen Augen wurde Elisabeth zu religiöser Inbrunst angehalten, der sie sich ganz hingab.

Noch zu Lebzeiten ihres Mannes widmete sie sich daher den Armen, pflegte Kranke und ließ in der großen Hungersnot 1226 Brot verteilen.

»Die Entscheidung der jungen Landgräfin, sich den Zielen des Franziskus anzuschließen, ist vor dem Hintergrund (des) allgemeinen religiösen Aufbruchs zu sehen. Sie fügt sich voll in vergleichbare Lebensentscheidungen zahlreicher anderer Frauen und Männer zu Beginn des 13. Jahrhunderts, die aus ihren adeligen oder bürgerlichen Lebensformen ausbrachen und ein religiöses Leben in Buße, Armut und Selbsterniedrigung anstrebten.

Dennoch stellt der Schritt Elisabeths einen Sonderfall dar. Keine andere Persönlichkeit vergleichbar hohen Ranges hatte sich bisher so rückhaltlos wie Elisabeth den Impulsen der religiösen Armutsbewegung geöffnet und sich damit einem so extremen Kontrast zwischen höchstem sozialen Stand und wörtlich begriffener Nachfolge Christi ausgesetzt.«20

Die älteste Darstellung der Heiligen Elisabeth auf einem Fenster der Marburger Elisabethkirche aus dem Jahr 1240

Nach dem Tod ihres Mannes setzte der Papst Konrad von Marburg als weltlichen und geistlichen Vormund für Elisabeth ein. Sie ging nach Marburg und gründete dort ein Hospital, in dem sie mit eigener Hand die Elendsten und Ärmsten versorgte. Für keinen noch so niedrigen Dienst war sie sich zu schade. Als sie am 17. November 1231 im Alter von nur 24 Jahren starb, wurde sie bereits wie eine Heilige verehrt. Drei Tage lang soll ihr Körper allen preisgegeben worden sein, die sich Reliquien davon abtrennen wollten. Die Elisabeth-Verehrung war so groß, dass der Deutsche Orden die Gunst der Stunde nutzte und als Grabstätte die Elisabethkirche errichten ließ, wo ihre Reliquien in einem goldenen Schrein aufbewahrt wurden. Schon 1235, also nur vier Jahre nach ihrem Tod, wurde Elisabeth von Papst Gregor IX. heiliggesprochen. Neben dem Deutschen Orden und der Kirche nutzte auch ihre Tochter Sophie von Brabant die Popularität Elisabeths. Als 1247 das thüringische Landgrafenhaus erloschen war, setzte sie ihren Sohn Heinrich, den Enkel Elisabeths, als Erben durch.

1Lutz Fiedler: Die Alt- und Mittelsteinzeit. In: Fritz-Rudolf Herrmann/Albrecht Jockenhövel (Hrsg.): Die Vorgeschichte Hessens. Stuttgart 1990, S. 70.

2Ebenda S. 110.

3Rolf Gensen: Von den eiszeitlichen Mammutjägern zu den ersten Hessen. In: Uwe Schultz (Hrsg.): Die Geschichte Hessens. Stuttgart 1983, S. 12 f.

4Jens Lüning: Eine Weltpremiere: Kleider machen Leute – Kopfputz, Hüte und Schmuck ebenfalls. Einleitung: Wie kann man das heute noch wissen? In: Ders. (Hrsg.): Die Bandkeramiker. Erste Steinzeitbauern in Deutschland. Rahden 22012, S. 216-218.

5Albrecht Jockenhövel: Die Bronzezeit. In: Herrmann/Jockenhövel (Hrsg.), a. a. O., S. 195 f.

6Fritz-Rudolf Herrmann: Der Glauberg und die Kelten. In: Bernd Heidenreich/Klaus Böhme (Hrsg.): Hessen. Geschichte und Politik. Stuttgart 2000, S. 17.

7Fritz-Rudolf Herrmann: Der Glauberg. Fürstensitz, Fürstengräber und Heiligtum. In: Das Rätsel der Kelten vom Glauberg. (Ausstellungskatalog) Stuttgart 2002, S. 107.

8Albrecht Jockenhövel: Frühe Germanen in Hessen. In: Herrmann/Jockenhövel (Hrsg.), a. a. O., S. 296.

9P. Cornelius Tacitus: Germania. Bericht über Germanien. Übersetzt von Josef Lindauer. München 1977, S. 47-49.

10Jürgen Kneipp/Matthias Seidel: Die Chatten. Ein germanischer Stamm im Spiegel der archäologischen Funde. In: Dorothea Rohde/Helmuth Schneider (Hrsg.): Hessen in der Antike. Die Chatten im Zeitalter der Römer bis zur Alltagskultur der Gegenwart. Kassel 2006, S. 67.

11Gabriele Rasbach: Hassia est divida in partes tres. In: Archäologie in Deutschland 1/2016, S. 31.

12Dietwulf Baatz: Die Römer, Eroberer und Lehrmeister. In: Uwe Schultz (Hrsg.), a. a. O., S. 29.

13Elias Neuhof: Nachricht von den Alterthümern in der Gegend und auf dem Gebürge bey Homburg vor der Höhe. Hanau 1777, S. 8 f.

14Margot Klee: Der römische Limes in Hessen. Regensburg 2009, S. 28.

15Helmut de Boor: Die deutsche Literatur von Karl dem Großen bis zum Beginn der höfischen Dichtung. München, 8. Auflage o. J., S. 44 f.

16Hermann Schefers; Lorsch und die Karolinger. In: Heidenreich/Böhme (Hrsg.), a. a. O., S. 52.

17Josef Fleckenstein: Einhard. In: Hans Sarkowicz/Ulrich Sonnenschein (Hrsg.): Die großen Hessen. Frankfurt am Main/Leipzig 1996, S. 20.

18Widukind von Corvey, zit. n. Gerd Althoff: Die Wetterau und die Konradiner. In: Heidenreich/Böhme (Hrsg.), a. a. O., S. 72.

19Zit. n. Gregor K. Stasch: Einleitung. In: Ders./Frank Verse: König Konrad I. Herrschaft und Alltag. Fulda 2011, S. 9.

20Matthias Werner: Hinwendung zur religiösen Armutsbewegung. in: Dieter Blume/Matthias Werner (Hrsg.): Elisabeth von Thüringen – Eine europäische Heilige. (Katalog) Petersberg 2007, S. 102.

Von der Gründung Hessens bis zum Ende des Alten Reichs

Die Stauferherrschaft im Reich neigte sich mit Kaiser Friedrich II., der von 1215 bis zu seinem Tod im Jahre 1250 regierte, dem Ende zu. 1227 war der thüringische Landgraf Ludwig IV., der Friedrich auf seinem Kreuzzug ins Heilige Land begleitete und von diesem 1226 zum Marschall ernannt worden war, im Feldlager in Otranto, noch vor der Verschiffung des Kreuzzugheeres nach Palästina umgekommen.Friedrich hatte daraufhin wahrscheinlich im Jahre 1231 Ludwigs beiden jüngeren Brüdern das so genannte Reichslehen zu gesamter Hand verliehen, obwohl es eigentlich dem älteren zugestanden hätte. Bereits damit war abzusehen, dass Thüringen und die hessischen Gebiete künftig getrennt regiert würden, denn der ältere der beiden, der Ludowinger Heinrich Raspe IV., richtete sein Augenmerk vorwiegend auf Thüringen, während Konrad, der jüngere, in den hessischen Regionen die Herrschaft ausübte. Die Spannungen zwischen den beiden Teilen sollten lange anhalten.

Konrad widmete sich einer schwierigen und schon lange bestehenden Aufgabe, dem Kampf mit dem Erzstift Mainz um die Landeshoheit in Hessen. 1232 eroberte und zerstörte er das zum Erzstift gehörende Fritzlar. Zwei Jahre später trat er in den Deutschen Orden ein, und Hermann II., ein Sohn der heiligen Elisabeth, übernahm die Regierung der im hessischen Raum gelegenen ludowingischen Besitzungen. Er blieb dabei allerdings, wie sein Onkel Heinrich Raspe IV., Landgraf von Thüringen und Pfalzgraf von Sachsen und nannte sich jetzt »jüngerer Landgraf von Thüringen, Graf von Hessen, Herr des Landes an der Leine«.

Sein Onkel Konrad machte inzwischen in Marburg beim traditionsreichen Deutschen Orden Karriere. Von 1234 bis zu seinem Tod im Jahre 1240 war er dort Ordenshochmeister. Dieser Umstand ist deshalb von Bedeutung, weil der Orden im Marburg der Heiligen Elisabeth hohes Prestige erworben hatte und später, bei der Regelung der Herrschaft über das hessische Gebiet, eine große Rolle spielen sollte. In diesen Zeiten waren Macht und Herrschaft keine unumstößlichen Konstanten. Sie gingen in den Kämpfen und Kriegen ständig von einem Herrscher zum anderen über, und kaum hatten sich die Untertanen an einen Landgrafen, einen Fürsten, an ein Herrscherhaus gewöhnt, war auch schon wieder ein anderer an der Macht. Unter solchen Umständen kam einer vergleichsweise festen Größe wie dem Deutschen Orden große Bedeutung zu. Das Mainzer Erzstift war seinerseits ständig bemüht, die versprengten Besitztümer in Hessen zu einem geschlossenen Gebiet zusammenzufassen und setzte dabei auf Heinrich Raspe IV. Nachdem Hermann II. gestorben war, rief der kriegerische Mainzer Erzbischof Siegfried III. von Eppstein zusammen mit den Erzbischöfen von Trier und Köln sowie den Grafen aus der Wetterau 1246 den thüringischen Herrscher zum Gegenkönig aus. An dieser Stelle zeigte sich, wie wenig es bedeuten konnte, wenn zwei Herrscher ein und derselben Familie entstammten. Hatte Heinrichs Bruder Konrad noch aktiv Partei gegen den Mainzer Bischof ergriffen, nutzte nun Heinrich seinerseits die sich bietende Gelegenheit.