Die Geschichte meiner Sexualität - Tobi Lakmaker - E-Book

Die Geschichte meiner Sexualität E-Book

Tobi Lakmaker

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Beschreibung

»Das neue literarische Talent 2021« Vogue Mit siebzehn wollte Sofie alles richtig machen: Sie plante ihre Solide Entjungferung mit Walter, die immerhin keine Enttäuschung war, aber doch irgendwie Wahnsinn. So Wahnsinn wie ein Flugzeugabsturz, überwältigend und nicht so richtig gut. Mit vierundzwanzig hat Sofie es schließlich aufgegeben, die Frau zu werden, die andere in ihr sehen. Sie trägt die Haare raspelkurz, schwärmt für Jennifer, Muriel und Roos. Eine endgültige Antwort auf die Frage nach ihrer sexuellen Identität hat sie nicht. Gerade deswegen aber die wildeste und witzigste Geschichte dazu! Als »Die Geschichte meiner Sexualität« Tobi Lakmaker in den Niederlanden zum literarischen Shootingstar machte, hieß der Autor noch Sofie Lakmaker. Frisch und entwaffnend schreibt er von den Räumen zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit, von lesbischer, fluider und Trans-Identität – und davon, dass wahre Intimität dort beginnt, wo wir alle Kategorien vergessen. »Dieser Debütroman hat das Zeug dazu, ein Hit zu werden.« NRC Handelsblad »Wenn Sie mich fragen, stößt Lakmaker Sally Rooney vom Thron.« Jozedien van Beek, De Standaard »Ein Debüt, wie man es selten erlebt. Die Entdeckung einer ganz eigenen Stimme, voller Bravour und Mumm!« Ruth Joos, VPRO »Beißend, witzig und manchmal traurig, mit einem Touch Salinger.« De Morgen

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Aus dem Niederländischen von Christina Brunnenkamp

 

Die niederländische Originalausgabe erschien 2021 unter dem Titel De geschiedenis van mijn seksualiteit bei Das Mag Uitgevers, Amsterdam.

 

Die Übersetzung dieses Buches wurde vom Nederlands Letterenfonds gefördert.

 

 

© 2021 Tobi Lakmaker and Das Mag Uitgevers

Published by arrangement with Uitgeverij Cossee

© Piper Verlag GmbH, München 2022

Covergestaltung: FAVORITBUERO, München

Coverabbildung: Shutterstock.com

 

Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben.

Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.

 

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

Prolog

Meine Mutter ist eine Vaterjüdin

I.Die Geschichte meiner Sexualität

Walter, der Recruitment Consultant

Nenn es Liebe

Jennifer

Glaubst du, das hier ist Blau ist eine warme Farbe?

Fick mich, Lakkie

II.Wie ich immer unrecht behielt

Alle depressiv

Mein schönes Sofiechen

Manic Pixie Dream Girl

Hier steckt kein Roman drin

Gelber Dienstag

III.Elias Welverloren

Elias Welverloren

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

 

Für M. M. – Ich schaff das schon.

Prolog

Meine Mutter ist eine Vaterjüdin

Meine Mutter hat immer gesagt: »Unsere Freunde sind nicht reich, sie haben bloß im richtigen Moment ein Haus gekauft.« Meine Eltern haben in ganz genau dem richtigen Moment gekauft: in der Jacob Obrechtstraat 7 – im Herzen von Oud-Zuid. Jemand hat mir mal erklärt, in Amsterdam Oud-Zuid wohnten zwei Sorten von Menschen: ordinär Reiche und intellektuelle Juden. Ordinär reich waren wir nicht, wenn ich meinen Eltern glauben darf, Juden waren wir auch keine – meine Mutter war nur eine Vaterjüdin –, und als ich meinen Vater mal gefragt habe, was ein Intellektueller sei, antwortete er: »Ich kenne nur einen: Wilfred Oranje.«

Mit zwanzig habe ich eine Weile im alten Zimmer von Wilfred Oranje gewohnt, denn der war inzwischen tot, und immer, wenn ich dort wach wurde, sah ich Hunderte von Büchern von Sigmund Freud um mich herum. Lange habe ich es dort nicht ausgehalten. Ich wollte zwar auch eine Intellektuelle werden, aber jedes Mal, wenn ich ein Buch las, fielen mir die Augen zu. Ich kann es nicht ändern: Wenn ich zu lange auf Werke von Männern starre, die aussehen wie Sigmund Freud, fallen mir einfach die Augen zu.

Von meinem achtzehnten bis zweiundzwanzigsten Lebensjahr habe ich versucht, mir alle möglichen Sigmund Freuds einzuverleiben, doch was hatte ich am Ende davon? Nur das deutliche Gefühl, dass ich nicht Sigmund Freud war. Genauer gesagt: dass ich kein Mann war, sondern eine Frau. Damit tat ich mich sehr schwer – mit dem Frausein. Man wollte, dass ich meine Haare lang wachsen lasse. Natürlich sagt dir das nie jemand ins Gesicht, aber wenn Leute wollen, dass du etwas unbedingt schluckst, machen sie ja meist nicht den Mund auf. Sie lassen es dich wissen.

Inzwischen habe ich sehr kurze Haare und gehe in eine Selbsthilfegruppe für Transgender. Willst du mehr darüber wissen? Ruf mich gerne an. Ich bin überhaupt nicht transgender, sondern einfach nur jemand, der gerne Frauen penetriert und es leid ist, dafür ständig Geräte anschaffen zu müssen. Die Teile kosten ein Schweinegeld, und zu oft weiß man nicht, was man mit dem sauteuren Ding anfangen soll, weil es plötzlich schief in die Gegend ragt. Wisst ihr, womit ich echt durch bin? Mit Schieflagen jeglicher Art.

Natürlich hätte ich auch Bücher von Menschen lesen können, die nicht wie Sigmund Freud aussehen – von Frauen zum Beispiel oder schwarzen Männern. Oder noch besser: schwarzen Frauen. Aber Fakt ist doch, dass die nie zum Kanon gehören. Dieser beknackte Kanon. Und ich weiß, jetzt denkt ihr: »Woolf gehört doch auch zum Kanon, Baldwin gehört doch auch zum Kanon.« Wollt ihr eine ehrliche Antwort? Von Baldwin will ich mir schon lange ein Buch kaufen, und bei Virginia Woolf sind mir genauso die Augen zugefallen. Unmittelbar nachdem sie die Blumen kaufen wollte, fielen mir die Augen zu.

Als ich ungefähr siebzehn war, setzte ich mir in den Kopf, ein Genie zu werden. Das Ärgerliche an Genialität ist nur, dass es sich damit genauso verhält wie mit Homosexualität: Man wird es nicht, man ist es. Heißt es. Wenn ihr mich fragt, waren alle Genies einfach Menschen, die es schafften, nicht ans Telefon zu gehen, wenn die Welt mal wieder was von ihnen wollte, um sich derweil auf etwas zu konzentrieren, worauf die Welt dann rein zufällig gewartet hatte. Na egal, jedenfalls: Ich ging auch oft nicht ans Telefon, so oft, dass meine Freundinnen mir die Freundschaft kündigten. Stattdessen fingen sie an zu lästern. Sie sagten, dass mit mir was nicht stimme, dass ich ja wohl lesbisch sein müsste, so, wie ich Zahra ansehen würde. Recht hatten sie – in allen Punkten.

Weil mich meine Freundinnen fallen gelassen hatten, hing ich immer öfter mit Felix und Chiel ab. An unserem weißen und elitären Gymnasium waren sie am weißesten und elitärsten, und das gefiel mir. In den Pausen sagte Chiel meist nur einen Satz: »War’s das jetzt?«, und dann nickte Felix. Ich nickte ebenfalls, aber eigentlich wusste ich nicht so genau, was er damit sagen wollte. Ich wusste nur, dass er recht hatte, denn das hatten sie, die weißen, elitären Typen. Ich selbst hatte selten recht, und das ging mir mit der Zeit ziemlich auf den Geist.

Eigentlich lag ich immer daneben. Bei den Jungs und bei den Mädchen, bei der richtigen Antwort und noch wichtiger: bei der richtigen Frage. Man kann so viele Antworten haben, wie man will, wenn einem die richtige Frage fehlt, redet man bloß im luftleeren Raum. Das immerhin ist mir inzwischen klar geworden. Mir ist klar geworden, dass Antworten einer Frage vorangehen. Und solange die nicht stimmen, wirst du eins immer behalten: unrecht.

I.Die Geschichte meiner Sexualität

Walter, der Recruitment Consultant

Die Geschichte meiner Sexualität geht so: Seit jeher bin ich auf der Suche gewesen nach jemandem, der die Türen und Fenster schließt und sagt: Jetzt ist alles gut. Konkreter stand ich erst auf Männer und dann auf Frauen, natürlich schon immer auf Frauen, auf Muriel, die rothaarige Nachhilfelehrerin mit den langen Beinen, auf welche Frau stand ich denn bitte nicht, und doch waren meine Augen oder irgendwas anderes Essenzielles verschlossen. Das spielt aber eigentlich keine Rolle.

Ich wurde von Walter, dem Recruitment Consultant, entjungfert, aber damit will ich mich nicht allzu lange aufhalten. Er wählte die Liberalen, und wenn es mir echt nicht gelang, irgendeine Erregung zu spüren, versuchte ich, daran zu denken, wegen dieses schrägen Zusammenhangs zwischen dem Geilen und dem Verhassten.

Ich wurde in der Sarphatistraat entjungfert, in einem Haus am Weesperplein, aus dem ein Fahnenmast ragt. Daran erkenne ich es noch heute, denn der Mast erinnert mich an Walters dicke und aufdringliche Erektion. Walter war sehr lieb. An dem Abend sagte er: »Ich glaube, ich bin nervöser als du.« Er war tatsächlich nervöser als ich. Mir ging das alles, um ehrlich zu sein, am Arsch vorbei.

Warum ich unbedingt entjungfert werden wollte? Ich wollte meine S. E. hinter mir haben. Meine S. E. – das war meine Solide Entjungferung. Ich schwänzte den Unterricht oft mit Milan in der Coffee Company, und unser Gespräch kreiste immer nur um unsere zukünftige S. E. Vor allem kreiste es um die sorglose und wilde Zeit danach. Die S. E. sollte vor unseren Kindern als Alibi fungieren, denn zweifellos würden die irgendwann mit der Frage kommen: »Mit wem war eigentlich dein erstes Mal?« Und dann könnten wir darauf eine grundsolide Antwort geben.

Milan wurde letztendlich in der Toilette der Amsterdamer Uniklinik entjungfert – er hatte angefangen, Medizin zu studieren. Und ich wie gesagt von Walter, in der Nacht vom 1. auf den 2. September 2011. Wir trafen uns danach noch ein Weilchen, nicht weil mir an dem Kontakt so viel gelegen hätte, sondern weil die Solidität es erforderte.

Walter und ich hatten uns im Mazzeltof kennengelernt, kurz nachdem ich Matthijs van Nieuwkerk gesimst hatte. Eigentlich wäre ich viel lieber mit Van Nieuwkerk ins Bett gegangen, aber er hat mir nie auf meine SMS geantwortet. Mein Bruder hatte mir seine Nummer gegeben, denn der hatte jede Menge Connections. Danach sehnte ich mich mit siebzehn: Sex und jede Menge Connections.

Um mich auf meine SMS an van Nieuwkerk konzentrieren zu können, hatte ich mich in eine Snackbar um die Ecke verzogen. Als ich ins Mazzeltof zurückkam, sah ich Walter da stehen und küsste ihn direkt auf die Wange. Hinten in der Kneipe saß Betsie. Ich ging zu ihr und sagte: »Der wird’s.« Seit ich Betsie kannte, war sie immer minimal hübscher gewesen als ich, weshalb es die Hölle war, mit ihr auszugehen. Ich war ständig zweite Wahl. Darum musste ich Männer davon überzeugen, dass es nur eine Option gab: mich, Sofie Lakmaker.

Um Walter von Betsie fernzuhalten, bot ich an, die nächste Runde zu holen. An der Bar versuchte ich, Blickkontakt herzustellen. Walter sah mich furchtbar ängstlich an, und um ihn zu beruhigen, gab ich ihm das Bier, das für Betsie bestimmt gewesen war. Ich sagte: »Wir könnten jetzt rumknutschen.«

»Ich mag keine selbstbewussten Frauen«, antwortete er. Ich nickte, und dann knutschten wir rum.

Eine Woche später verabredeten wir uns im Lempicka. Er erzählte mir, er komme aus Heerlen und sein Opa habe eines Tages entdeckt, dass man altes Frittierfett in Biodiesel umwandeln könne, weshalb seine Eltern jetzt einen Pool im Garten hätten. Ich erzählte ihm, dass ich Philosophie studieren wolle. Woraufhin er mir vorwarf, ich sei links. Ich erwiderte, er sei rechts, und schlug vor, zu ihm zu gehen.

Wir haben dann auf seinem Bett noch ein bisschen weiter rumgeknutscht, und nach einer Viertelstunde sagte ich: »Lass es uns einfach machen.« Walter litt Höllenqualen, das merkte ich wohl, aber ich hatte keine Zeit zu verlieren. Zumindest dachte ich das. Er war sechsundzwanzig und ich wie gesagt siebzehn, und das ist ja das Verrückte: Je mehr Zeit einem bleibt, desto eiliger hat man es. Ich weiß noch, dass er etwas zu knappe Boxershorts trug, die immer knapper wurden durch seinen halb steifen Schwanz. Später stellte sich heraus, dass Walter durchgängig einen Halbsteifen hatte, weswegen er sich ständig einen runterholen musste. Eine Zeit lang wollte er, dass ich das tue, aber ich war offenbar zu grob.

Freundinnen von mir hatten auf ihre Entjungferung schwer enttäuscht reagiert. Alle sagten: »Das soll es gewesen sein?« Ich dagegen fand es Wahnsinn. Vielleicht nicht im rein positiven Sinn, eher so, wie ein Flugzeugabsturz Wahnsinn ist: überwältigend und so, dass man es womöglich nie in Worte fassen kann. Walters Schwanz war überall. Nach einer Weile sagte er: »Ich hätte gerne, dass du ihm ein Küsschen gibst.« Ich fand das eigentlich albern, habe es dann aber doch getan. Wenn man nie etwas tut, was man albern findet, geht auch nichts voran.

Nachdem Walter gekommen war, sagte er: »Versprichst du mir, dass wir es nie wieder so machen?« Damit meinte er, ohne Kondom. Ich erinnere mich nicht mehr, wie es dazu kam – man kann nicht behaupten, dass es dem Zauber des Augenblicks geschuldet gewesen wäre. Das Ganze dauerte Stunden. Ich habe zwar mal erwähnt, ich sei zu »Everywhere« von Fleetwood Mac entjungfert worden, und das Lied lief tatsächlich irgendwann, aber wenn man’s genau nimmt, bedurfte es der kompletten Geschichte der westlichen Popmusik.

Als ich aufwachte, stand Patrick im Türrahmen. Patrick war Walters Mitbewohner, und wenn ich ehrlich bin, fand ich ihn um einiges attraktiver als Walter. Sein Haar war streng nach hinten gekämmt. Wie Walter kam er aus Limburg, nur dass er das G weniger weich aussprach. Eigentlich sah Patrick aus wie ein Arschloch, aber genau das gefiel mir. Er sah zumindest nach irgendwas aus. Walter sah aus wie jemand, der in der Metro neben einem steht und den man dann fragt, ob man mal vorbeidarf. So einer war Walter.

Patrick war auf der Suche nach seiner Krawatte, und als ich mich umdrehte, um Walter zu fragen, sah ich, dass das Bett ansonsten leer war. Er war schon zur Arbeit gefahren, wo er Leute recruiten musste. Fragt mich nicht, worum es da ging, aber er verdiente eine Menge Geld. Walter war in Utrecht beschäftigt, und ich fand das ziemlich deprimierend. Vielleicht war das sogar meine größte Angst: irgendwann mal irgendwo beschäftigt zu sein. Erst recht in Utrecht.

Patrick arbeitete bei einem Start-up in Amsterdam, und als ihm auffiel, dass Walter nicht da war, hörte er gar nicht mehr auf zu grinsen. Er fragte, ob wir es denn nett gehabt hätten. Ich antwortete, dass wir es furchtbar nett gehabt hätten, doch darüber erschrak er ziemlich. Die Leute mögen es nicht besonders, wenn man das Wort »furchtbar« zu oft benutzt. Vielleicht, weil das zu selbstbewusst klingt.

Patrick blieb dann noch eine Viertelstunde im Türrahmen stehen, und dadurch verspannte ich mich ein bisschen. Ich hatte nämlich absolut gar nichts an, und ich glaube, das wusste er auch. Sich nackt mit jemandem zu unterhalten, dem nur die Krawatte fehlt, sorgt für ein gewisses Gefälle. Schließlich sagte ich: »Und jetzt lese ich das Quote 500.« Dieses Ranking der reichsten Niederländer lag neben Walters Bett, zusammen mit ein paar Büchern voller Ratschläge, wie man mit minimalem Aufwand einen Haufen Geld machen kann. Einfach altes Frittierfett in Biodiesel umwandeln, würde ich sagen, aber das ist wohl doch nicht alles.

Kurz nach meiner Entjungferung zogen Patrick und Walter in ein Haus in Zeeburg. Das hatten sie vom frisch gewählten Bürgermeister Van der Laan gekauft, denn der zog natürlich in seine Amtswohnung. Er hinterließ eine ganz ordentliche Hütte. Sie wurde allerdings von Patricks Flamme Lianne eingerichtet, und die hatte einen fürchterlichen Geschmack. Lianne war Zahnarzthelferin, ein Beruf, der sich in der Wahl des Mobiliars niederschlug. Eigentlich hatte man in diesem Haus an der Ertskade ständig das Gefühl, man wäre zum Zähneziehen da.

Und wer glaubt, Liannes Anschlag auf die Einrichtung sei nicht zu toppen, kennt Patrick schlecht. Der verteilte nämlich im ganzen Haus Bücher von Kluun. Ich schwör’s euch: Wohin man guckte, überall lag so ein widerliches Buch. »Super Typ«, sagte Patrick jedes Mal über ihn. Das ging mir wahnsinnig auf die Nerven. Trotzdem war er immer noch ein unterhaltsamerer Gesprächspartner als Walter – mit dem sprach ich damals kaum noch. Der wollte mich die ganze Zeit dazu bringen, Bücher zu lesen, die einem helfen, den eigenen Körper kennenzulernen, aber dazu hatte ich überhaupt keine Lust. Deshalb hielt ich mich beim Frühstück und in anderen müßigen Momenten einfach an Patrick und Lianne. Bei denen war wenigstens was los, wisst ihr? Lianne war streng gläubig, und um sie zu ärgern, sagte Patrick ständig »Gott verdammt«. Dann sah er mich feixend an, woraufhin wir beide losprusteten. Super Typ, dieser Patrick.

Am 22. November 2011 postete Walter auf Facebook, dass er Single und auf der Suche sei. Wütend rief ich ihn daraufhin an, und obwohl er im Auto saß, ging er direkt dran. Er hatte so eine Freisprechanlage. »Schätzchen«, sagte er, »du bist siebzehn.« »Aha«, sagte ich. Kurz hörte ich nur das Rauschen der A 2, und dann flüsterte er: »Wenn du dreiundzwanzig wärst, hätte ich dir sofort einen Heiratsantrag gemacht.« Das war natürlich genauso albern, und es gibt Tage, an denen ich mich frage, was wohl aus uns geworden wäre, wenn wir das einfach durchgezogen hätten. Wahrscheinlich wäre ich jetzt auch irgendwo beschäftigt, und vielleicht wäre das gar nicht mal so schlimm.

Nenn es Liebe

2018 wurde ein sehr schlechtes Buch über mich geschrieben: Liebe. Selbst hätte ich es vielleicht Nenn es Liebe oder so ähnlich betitelt, denn das, was zwischen mir und dem Autor war, hatte mit Liebe nur sehr entfernt zu tun. In dem Buch heiße ich »das Mädchen A.«, aber das ist halt Unsinn. Ich heiße ganz einfach Sofie Lakmaker. Ich habe nur Rezensionen gelesen, nicht das Buch selbst, und die waren vernichtend. Das reicht mir. Manche Leute behaupten, Rezensenten seien auch nur Menschen, aber ich glaube das nicht. Meiner Meinung nach haben sie immer recht und befriedigen damit ein fast seit meiner Geburt bestehendes Bedürfnis: recht zu haben und Menschen nahe zu sein, die dieses Recht für sich in Anspruch nehmen.

Auf dem Cover ist ein sehr hübsches Mädchen drauf, viel hübscher, als ich es bin – oder zu der Zeit war, in der ich mit Lusche D. – so nenne ich ihn jetzt mal – zusammen war. Wahrscheinlich merkte Lusche D. das auch nach einer Weile, konnte es aber nicht mehr korrigieren, denn dank der schlechten Kritiken gab es natürlich keine zweite Auflage.

Meine Mutter sagte, Rache sei ein Gericht, das man am besten kalt serviert, doch ich weiß eigentlich gar nicht so genau, ob ich darauf aus bin. Vielleicht haben die Rezensenten schon für mich Rache genommen, oder vielleicht ist Rache einfach nicht so wichtig. Rache ist etwas für nachtragende Menschen – ich bin vor allem traurig.

Ich lernte Lusche D. kennen, als ich vier war, und das war natürlich nicht der Moment, in dem wir zusammenkamen, denn er war damals zwölf. Er war der beste Freund meines Bruders Daniel und wollte nie bei uns zu Hause spielen, sondern immer bei sich. Meine Eltern misstrauten ihm deshalb sofort, aber ich habe mich mit so was wie Misstrauen eigentlich nie lange aufgehalten. Erst recht nicht mit vier.

Wir sahen uns zum ersten Mal seit langer Zeit auf Daniels Geburtstag wieder. Ich war gerade von Walter, dem Recruitment Consultant, entjungfert worden, und davon erzählte ich ihm in allen Einzelheiten. Während ich redete, sah ich ein glühendes Interesse in seinen Augen, und ich glaube, diesen Blick konnte man wie folgt interpretieren: »Eine Frau, die spricht.«

Später radelten wir zusammen nach Hause, und ich musste ganz dringend. Ich pinkelte auf die Straße, und wieder sah ich diesen Blick: »Eine Frau, die pinkelt.« Lusche D. hat mir unglaublich viele Erkenntnisse zu verdanken. Ein paar Monate später schickte er mir eine SMS: Ob ich mit der Schule fertig sei. Ich antwortete, dass ich einen Schnitt von 7,8 hätte, und dass der eigentlich bei 8,3 läge, wenn man nur die schriftlichen Prüfungen betrachtete.

Zur Feier des Tages gingen wir im De Wetering was trinken, wo ich ihn fragte, ob er mit seinem Geschlecht zufrieden sei. Er antwortete, dass er bisher niemanden habe klagen hören. Dann fragte er mich natürlich, was ich mit meinem Leben anfangen wolle, denn es gibt wirklich niemanden, der dir diese Frage nicht stellt, wenn du achtzehn bist, und ich weiß eigentlich nicht mehr, was ich darauf antwortete. Ich meine, ich sagte nichts, und dann, dass meine Mutter Krebs habe. »Das ist ja Scheiße«, sagte er.

Als das De Wetering schloss, zogen wir um ins De Spuyt. Das war echt eine geschmacklose Kneipe, und ein paar Stunden später zogen wir weiter in eine noch geschmacklosere: das Mazzeltof. Es war mir wirklich scheißegal, ob ich Walter da traf. Eigentlich hoffte ich, Lianne und Patrick zu begegnen. Ich wollte ihn fragen, ob er Kluun immer noch für einen super Typen hielt. Aber er war nicht da, und auch Lianne war nirgends zu entdecken.

Das Angenehme an Walter war gewesen, dass ich mit ihm zusammen sein konnte, ohne mich auf ihn konzentrieren zu müssen. Lusche D. dagegen stellte mir ständig Fragen. Schließlich stellte ich ihm eine Frage, nämlich: »Meinst du, Daniel findet das hier schlimm?« Er sah mich an und schwafelte dann bedächtig was von Mädchen, die eines Tages Frauen werden. Das fand ich ein bisschen ermüdend: all die Erkenntnisse von Lusche D. über Mädchen und Frauen und den Moment, in dem sich die einen in die anderen verwandeln.