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Die Geschichte der geheimnisvollsten Frau des frühen Christentums, Maria von Magdala, die hinter Jesus von Nazareth stand und ohne die es den Anstoß zur großen Weltreligion wahrscheinlich nicht gegeben hätte, wird anhand der historischen Ereignisse und Quellen als die Geschichte der Miriam von Magdala nacherzählt, auch von den Nöten, Schwächen und Sehnsüchten der Personen, die heute verehrt oder verschwiegen werden. Durfte diese Frau in der Kirchengeschichte überhaupt solch eine Stellung haben? Ein historischer Roman.
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Seitenzahl: 443
Veröffentlichungsjahr: 2022
Jörg Fallheier
Die Geschichte Miriam
Roman
Copyright: © 2021 Jörg Fallheier
Umschlag & Satz: Sabine Abels – www.e-book-
erstellung.de Titelbild: Johanna Magdalena Koch-Müller
Verlag und Druck:
tredition GmbH
Halenreie 40-44
22359 Hamburg
978-3-347-41027-5 (Paperback)
978-3-347-41028-2 (Hardcover)
978-3-347-41029-9 (e-Book)
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Vorwort
Wir befinden uns im Jahr 3761 nach jüdischer Zeitrechnung oder im Jahr 753 nach Beginn der römischen Zeitrechnung. Als Orientierung: Das Jahr 753 entspricht der Zahl 0 der späteren christlichen Zeitenwende.
Im Jahr 749 der römischen Zeitrechnung starb Herodes der Große. Ihm waren die Provinzen Galiläa, Judäa und Samaria, als Lehen vom römischen Reich überlassen worden. Also im Jahr vier vor der christlichen Zeitrechnung.
Er war in der jüdischen Bevölkerung nicht geachtet, obwohl er in Jerusalem dem Tempel durch Anbauten und Verschönerungen eine bis dahin nicht gekannte Pracht verliehen hatte. Ebenso hatte er durch weitere Prachtbauten, Jerusalem zu einer bedeutenden Stadt im römischen Imperium erhoben.
Man nannte ihn aber auch den Knabenmörder, da er mehrere seiner Söhne, besessen vom Wahn, dass sie ihm nach dem Thron trachteten, hat hinrichten lassen. Der römische Kaiser Augustus tat deswegen den Ausspruch: »Ich wäre lieber Herodes´ Schwein als sein Sohn.«
Da Schweine im jüdischen Glauben nicht koscher waren und deshalb nicht gegessen wurden, hatte ein Schwein die Möglichkeit, das hohe Alter von zehn Jahren zu erreichen. Was manchem Sohn von Herodes verwehrt blieb.
Daraus resultierte die Legende, dass er in Bethlehem, ein kleiner unbedeutender Ort in Judäa, in seinem Todesjahr alle Knaben hat umbringen lassen.
Aber, und das war für die gläubigen Juden vor allem unerträglich, er war nicht das religiöse Oberhaupt der Juden. Er hatte nicht das geringste Interesse, in der Reihe der großen jüdischen Könige, wie David und Salomon, zu stehen.
Sein Lebenswandel entsprach nicht der Heiligen Schrift, der für das Volk der Maßstab war.
Die jüdische Gesellschaft war zerrissen. Auf der einen Seite die Sadduzäer, ein reicher, adliger Priesterstand, die für religiöse Veränderungen offen waren und auf der anderen die Pharisäer, die die Schrift gegen jegliche Auslegung verteidigten.
Diese beiden Gruppen hatten die religiöse Macht in den Händen und nutzten diese weidlich aus.
Herodes hinterließ schließlich sein Reich seinen Söhnen Herodes Archelaos, Herodes Antipas und Herodes Philippos. Deren Machtansprüche mussten durch den römischen Kaiser Augustus bestätigt werden.
Augustus entschied nach Anhörung der Kontrahenten in Rom, dass Archelaos zum Ethnarchen, also zum Volksfürsten, von Judäa, Samaria und Idumäa ernannt wurde.
Antipas zum rangniederen Tetrarchen von Peräa und Galiläa. Und ihr Halbbruder Philippos zum Tetrarchen von den nordöstlichen Gebieten seines Vaters.
Gleichzeitig versuchte die Priesteraristokratie die Forderung, dass anstelle eines Herrschers, die hohepriesterliche Theokratie wiederhergestellt werden sollte, durchzusetzen.
Diese hatte Augustus entschieden abgelehnt.
Das Reich, das trotz des ungeliebten Königs eine Periode des Wohlstands und Friedens durchleben durfte und durch weitsichtige Investitionen auch landwirtschaftlich eine Blütezeit erlebte, war plötzlich zerrissen.
Die darauffolgenden Unruhen veranlassten die Römer immer wieder zum Eingreifen. Lokale Auseinandersetzungen waren an der Tagesordnung.
Gerade im Todesjahr Herodes´, also im Jahr vier vor Beginn der christlichen Zeitrechnung, erblickte ein Knabe in Nazareth das Licht der Welt, der den Ablauf der Geschichte, gewollt oder ungewollt, maßgeblich beeinflussen sollte.
Archelaos, der kurz nach dem Tod seines Vaters in Jerusalem einen Aufstand der Pharisäer brutal niederschlagen ließ, bei dem mehr als 3000 Juden ums Leben kamen, war ein tyrannischer und übellaunischer Regent.
Sein Jahreseinkommen betrug 600 Talente, eine unglaubliche Summe, mit der er für sich in Jericho den Königspalast wieder herstellen ließ. Und er entzog den Bauern für seine eigenen Plantagen die Hälfte des Wassers, was in dieser Region für die Landwirtschaft katastrophale Folgen hatte.
Herodes Antipas, nicht weniger despotisch, hatte sich alle Sympathien der Bevölkerung verscherzt, als er die Frau seines lebenden Bruders zur Frau nahm. Er wurde auch berühmt durch die Hinrichtung von Johannes dem Täufer.
Philippos musste wohl weniger radikal mit seinem Volk umgegangen sein, denn die Geschichtsschreibung hat nicht viel von ihm festgehalten.
Durch diese Aufteilung der Region war die politische Situation im Jahre sechs der christlichen Zeitrechnung so instabil, dass Augustus die Region Judäa einem römischen Präfekten unterstellte.
Archelaos wurde nach Gallien verbannt, einen Ort im römischen Reich, der für die Römer der Vorhof zur Hölle war.
Aber die Region im Heiligen Land beruhigte sich nicht.
Die Gesellschaft spaltete sich immer mehr. Der Handel mit Indien, China und Ägypten bescherte wenigen Händlern einen ungeheuren Reichtum, während die ländliche Bevölkerung immer mehr verelendete.
Dadurch konnten immer mehr radikale Gruppen entstehen, deren Anführer als Messias das jüdische Volk erlösen wollten. Denn je elender die Lebenssituation, desto stärker wurde die Hoffnung auf die Erlösung durch den Herren, dem unaussprechlichen Gott, der den Messias zur Rettung des auserwählten Volkes schicken wird. Dem Volk der Heiligen Schrift.
Aber Rom schlug jeden auch noch so kleinen Aufstand rücksichtslos nieder.
Magdala war ein kleiner Ort in Galiläa, am nordöstlichen Teil des Sees Genezareth. An der Via Maris, eine der wichtigsten Handelsrouten, die Indien, Persien und China sowohl auf dem Landweg als auch auf dem Seeweg mit Rom verbunden hat. Die Seidenstraße und die Weihrauchstraße!
Gewürze, Seide, Gold, Elfenbein und alles, was das vom Reichtum überquellende Rom verlangte, wurde durch diese unruhige Region transportiert.
Miriam lebte in diesem Magdala.
Eigentlich ein größeres Dorf, aber mit sehr vielen Wirtshäusern, Badehäuser und Herbergen, mit all den Annehmlichkeiten, die Begleiter der Karawanen nach dem langen Weg und den Strapazen erwarteten.
Eine römische Garnison war hier stationiert, die das Treiben beaufsichtigen sollte. Obwohl die römischen Söldner den Dienst in dieser Region hassten, die Garnison Magdala war durchaus beliebt. Denn wenn in der Umgebung Ruhe herrschte, war Zeit sich in das Treiben zu stürzen.
Miriams Vater, Joses ben Israel, hatte hier ein Handelshaus geerbt, dass er über die Jahre mit Hilfe der Mutter Rebecca zum größten Handelshaus in Magdala ausbauen konnte. Allein das Haupthaus, in dem sie mit ihrer Mutter Rebecca wohnte, hätte für eine große Schar Menschen gereicht. Hier lebten mit ihr ihre Brüder Ismael, Jakob und Johannes, die alles erben sollten, und ihr jüngerer Bruder Salomon.
Miriam stand oft vor dem Haupttor und konnte die Karawanen kaum erwarten. Besonders wenn Tiere mit dabei waren, die in den reichen Familien äußerst beliebt waren. Vögel von seltener Schönheit, einige konnten Worte nachahmen, und natürlich die Affen. Diese Wesen, die den Menschen so ähnlich waren.
Miriam konnte nicht widerstehen, die Blicke dieser Tiere zu suchen, die oft von einer solchen Trauer erfüllt waren, dass ihr das Herz brechen wollte. Am liebsten hätte sie einige von ihnen befreit, damit sie in die Umgebung fliehen konnten. Aber das war unter Strafe untersagt. Sie wurden dann, wenn sie aus ihren Käfigen ausgebrochen waren, sofort mit Pfeil und Bogen gejagt, da sie in den Weinbergen ihr Futter suchten.
Und auch das Obst war bei den Tieren beliebt. Was hätten ein paar Affen schon geschadet, dachte sie. Obst und Gemüse gab es im Überfluss, dafür hatte Herodes der Große mit der Landreform gesorgt. Über diesen König wurde immer noch gesprochen. Mutter erzählte ihr, dass das Volk ihn gehasst hat, da er ein gottloses Leben führte und die Priester unterdrückt hat. Aber jetzt, wo er gestorben war, jammerten alle, denn seine Söhne hielten sich an kein Gesetz.
Miriam träumte von einem großen Garten voller Affen und Vögel und mit all den Tieren, die mit den Karawanen eintrafen.
Hinter dem Haupthaus waren große Lagerhäuser und Stallungen mit den Kamelen, Pferden und Maultieren, die benötigt wurden, um kranke Tiere, die die lange Reise kaum überstanden hatten, zu ersetzen.
Rebecca, ihre Mutter, traf alle Entscheidungen über die Ware, die Stallungen und auch, ob ein Lasttier getötet werden muss, wenn es zu sehr an Erschöpfung litt.
Rebecca war die Herrin über Magdala.
Aber Rebecca besaß auch Besitzungen in Jerusalem und Sepphoris, der neuen Hauptstadt von Herodes Antipas.
Und dann war da noch Claudius, ein Grieche.
Er hatte eine Kriegsverletzung, die er sich im Krieg gegen die Parther zugezogen hatte. Danach war seine Zeit als Söldner zu Ende. Mit der Rente, die er bekommen hatte, hätte er nicht mehr arbeiten müssen. Aber er wollte noch weiter arbeiten, und so kam er in den Dienst in dem Handelshaus.
Miriam liebte ihn. Er nahm sie mit, wenn er Zeit für sie hatte. Und wer besonders geheimnisvoll für Miriam war, das war Hava. Sie beaufsichtigte, die Stallungen und alles was mit den Tieren zusammenhing.
Sie braute Medikamente aus Kräutern, die die Karawanen mitbrachten, auch für die Menschen. Sie sagte: »Was dem Kamel hilft, hilft auch dem Menschen. Natürlich muss man mit der Dosierung aufpassen. Sonst ist der Mensch tot und das Kamel lebt.«
Vater Joses überließ die ganze Arbeit der Mutter. Er lebte mit den Söhnen im Haus am See.
Miriam hatte wenig Kontakt zu ihren Brüdern und zu ihrem Vater. Ein Mädchen hatte bei ihnen keine Funktion. Sie kostete nur Geld.
Ihre Mutter Rebecca war eine hochgebildete Frau. Sie hatte alles aufgebaut. Sie war die Inhaberin von allem. Aber darüber durfte nicht gesprochen werden. Mutter war die Frau und Vater eben der Herr.
Oft saß sie mit ihrer Mutter zusammen und Mutter erzählte von ihrer Kindheit in Jerusalem und wie sie durch die Hochzeit mit Vater nach Magdala gekommen war.
Rebecca
Rebecca und Joses, das war keine Liebesheirat gewesen. Wie auch, eine Frau musste gehorchen und zum Wohl der Familie beitragen. Rebeccas Vater führte in Jerusalem ein großes Handelshaus. Er züchtete die Rinder und Schafe, die für alle Opferfeierlichkeiten, die im Tempel stattfanden, benötigt wurden. Rebecca hatte ihr Leben im väterlichen Haus gehasst. Ihr war es zuwider, wenn irgendein reicher Galiläer oder Judäer ein Tier kaufte, um es auf dem Tempelberg ausbluten zu lassen.
Sie fand das Schauspiel im Tempel unerträglich. Die Tiere spürten ihren nahen Tod und wurden in den Tempel notfalls hineingeprügelt, um sie für den großen Gott zu schlachten.
Unmengen von Blut floss neben dem Altar in eine Öffnung im Boden und wurden mit viel Wasser vom Tempelberg in die nahe gelegenen Gärten hinuntergespült. Wer die nötigen Mittel hatte, besaß dort einen Garten, denn die Ernte war enorm. Das Blut der Tiere war ein ausgezeichneter Dünger.
Die Eingeweide wurden auf dem Altar verbrannt, den Rest des Fleisches durften Priester und Pilger braten und verzehren.
Im Tempel hatte sich ein eigenes Gewerbe gebildet. Dort waren die Geldwechsler für das Tempelgeld zuständig, denn der Tempel hatte eine eigene Währung. Mit dem Tempelgeld wurden die Kosten für die Tiere beglichen und die Tempelsteuern und Spenden für die Priester, die sich dadurch ein fürstliches Leben leisten konnten.
Zu dem Passahfest erschienen mehrere zusätzliche Kohorten an Söldnern, die die vorhandenen römischen Truppen verstärkten. Denn nicht nur das Blut der Opfertiere floss in Strömen, auch der Wein. Und Gründe für Ausschreitungen gab es genug.
Die Juden hielten es für eine unerträgliche Provokation, das im Tempel ein Feuer für den Kaiser brennen musste. Ihre Opfer durften nur ihrem einzigen Gott gelten, der das auserwählte Volk der Israeliten aus Ägypten geführt hatte. Die Römer wollten ursprünglich sogar eine Statue des Kaisers aufstellen, der geopfert werden sollte.
Durch lange Verhandlungen und wohl auch einem reichlichen Tribut haben die Römer schließlich darauf verzichtet. Die dauernden Empörungen der Juden konnten Sie dadurch weitgehendst abmildern.
Hätte Gott die Juden doch in Ägypten gelassen, dachte sich Rebecca immer wieder, wenn der Geruch des verbrannten Fleisches über der Stadt waberte.
Im Hause der Eltern lebte auch ihre Tante Lea. Sie hatte keinen Mann. Lea kümmerte sich um Rebecca, da deren Mutter Sarah einzig das Wohlergehen ihres Sohnes im Sinn hatte.
Irgendwann zog Rebecca ganz in die Gemächer der Tante.
Dort herrschte eine tiefe Ruhe.
Und es gab noch eine Tante, Madita. Sie wohnte allein mit ihren Dienern in einem großen Haus nahe dem Tempelberg. Ihr Mann war gestorben. Gerüchten zufolge war er im Streit umgebracht worden. Doch darüber lag Schweigen, wie über so vieles.
Über so vieles durfte nicht geredet werden.
Einmal in der Woche nahm Lea Rebecca zu Madita mit. Es war der Höhepunkt der Woche für sie. Denn es gab eine große Menagerie mit Vögeln aus Indien, die Madita herbeiholen ließ. Diese Menagerie war so groß, dass Rebecca eintreten konnte und die Vögel sich auf ihre Schultern setzten.
Und Lea und Madita konnten lesen und schreiben. Welche Frau konnte das schon.
Rebecca ging bei ihnen in die Schule. Sie lernte von ihnen Lesen und Schreiben. Zuerst in der Umgangssprache Aramäisch, die sich während des babylonischen Exils bei den Juden durchsetzte, und dann auch in Griechisch und später in Latein.
Madita besaß eine Bibliothek mit einer großen Anzahl religiöser Schriften und Karten. Über diese Bibliothek musste Rebecca Stillschweigen bewahren. Wenn ihr Vater davon gewusst hätte, er hätte sie wohl alle totgeschlagen und die Bücher verbrannt.
Maditas verstorbener Mann hatte diese Bibliothek geerbt, aber kein Interesse daran gefunden.
Ein indischer Gelehrter, der auch im Haus lebte und Karten der Region bis hin zum Meer zeichnete, nahm sich der Bibliothek an. So wuchs dieser Wissensschatz über die Jahre. Das war Maditas eigentlicher Reichtum.
Sie hatte noch ein weiteres Geheimnis. Einmal in der Woche kam eine Gruppe von Frauen zu ihr. Zum Weibertratsch, wie sie selbst sagte.
Das Personal musste orientalischen Kuchen auftragen und dazu erlesene Weine. Wenn alles vorbereitet war, gab sie den Dienern bis auf die Hofwache frei.
Als Rebecca die Schriften lesen konnte und das Griechische fließend beherrschte, durfte sie zum ersten Mal an diesem Treffen teilnehmen.
Ihr Puls schlug bis zum Hals, als sie die vielen Frauen sah, die Maditas Einladung gefolgt waren. An ihrer Kleidung konnte sie sehen, dass sie alle aus reichem Hause stammten.
Rebecca wurde ein Platz angeboten. Und dann stellte Madita sie den Damen vor.
Sie erzählte alles über Rebeccas Liebe zur Wissenschaft, ihr Sprachtalent und natürlich ihren Fleiß und im Besonderen ihre Verschwiegenheit.
Rebecca platzte vor Stolz.
Madita stellte drei Kerzen auf den Tisch, die Damen fassten sich an der Hand und gelobten einander ewige Treue und Verschwiegenheit.
Dann sprach Madita zu Rebecca: »Ich hoffe, ja ich weiß, dass dir bewusst ist, was der heutige Tag für dich bedeutet. Wir nehmen dich in unseren Zirkel auf. Und hoffen auf deine Treue und deine Jugend. Wir wünschen, dass du das Wissen, dass wir erworben haben, weitergeben wirst, wenn wir nicht mehr auf dieser Erde wandeln. Schon einige von unseren Schwestern sind von uns gegangen und haben uns ihr Wissen und ihre Schriften überlassen. Komm jetzt zu mir. Gib mir deine Hand und versprich uns ewige Treue, damit wir dich in unseren Bund aufnehmen können.«
»Ja, liebe Madita, ich verspreche es«, antwortete Rebecca mit zitternder Stimme.
Auch ihre Hände zitterten, und ihr Blick ging in den Kreis der Frauen, die sie anlächelten.
Lea erzählte ihr später, dass abgestimmt worden war, ob Rebecca aufgenommen werden sollte. Ihre Jugend hatte Zweifel geweckt und auch die Tatsache, dass sie wahrscheinlich heiraten würde. Würde sie dann noch die Geheimnisse wahren können? Aber gerade ihre Jugend war zugleich eine große Faszination. Sie könnte all die Geheimnisse weitertragen.
Im Laufe der nächsten Sitzungen stellte Rebecca fest, dass die Damen die Heilige Schrift anzweifelten.
Das ist doch die schwerste Sünde, dachte sie. Aber sie spürte auch, dass die Gruppe versuchte, einen Weg zu finden, um die grausamsten Stellen der Schrift zu mildern. Madita vertrat die Ansicht, dass die schweren Strafen, die bei Sünde angedroht wurden, nachträglich in die Schrift eingesetzt worden waren.
Sie fragte: »Wie kann ein Gott behaupten, dass er der Einzige ist? Wie kann er behaupten, dass die, die nicht an ihn glauben, der ewigen Verdammnis preisgegeben sind, dass sie im ewigen Feuer brennen ohne Hoffnung auf Erlösung?«
Für Madita war die Voraussetzung, dass die Menschen für sich allein prüfen, was sie annehmen können.
»Es ist nicht meine Absicht zu bestimmen. Wir sammeln Gedanken und geben Hinweise«, wiederholte sie immer wieder.
»Hört aus der Heiligen Schrift und fällt ein Urteil.«
Madita hielt ein Blatt in der Hand und begann zu lesen: »… ich werde euch heimsuchen mit Bestürzung, mit Schwindsucht und Entzündung, durch welche die Augen vergehen und die Seele verschmachtet, und ihr werdet umsonst euren Samen säen; denn eure Feinde werden ihn essen. Und ich werde meinen Zornblick richten auf euch, dass ihr geschlagen werdet vor euren Feinden, und eure Hasser werden schalten über euch, und ihr werdet fliehen, da keiner euch verfolgt. Und wenn ihr bei dem mir nicht gehorcht, so werde ich euch siebenmal mehr züchtigen ob eurer Sünden. Und ich werde brechen den Stolz eurer Macht, und werde den Himmel über euch sein lassen wie Eisen und euren Boden wie Erz. Und ihr verschwendet umsonst eure Kraft, denn euer Land wird seinen Ertrag nicht geben, und der Baum des Landes wird nicht geben seine Frucht. Und wenn ihr mir gegenwärtig wandelt und euch weigert mir zu gehorchen, so werde ich euch siebenmal mehr schlagen euren Sünden gemäß. Und ich werde über euch loslassen das Getier des Feldes, dass es euch kinderlos mache und euer Vieh verzehre und euch aufreibe; und dass verödet werden eure Wege…«
Wie immer, wenn sie eine aus ihrer Sicht zweifelhafte Stelle vorlas, machte sie eine lange Pause. Dann fragte sie: »Wie kann ein Gott das behaupten?« Und nach einer weiteren Pause: »Wie kann man an solch einen Gott glauben? Oder nehmt die Stelle aus dem 4. Buch Moses: »Und nun tötet alles Männliche unter den Kindern und jede Frau, die einen Mann erkannt durch Beischlaf, tötet. Und alle Kinder unter den Frauen, die nicht erkannt den Beischlaf eines Mannes, lasst leben für euch.«
Sie sprach es wie ein Menetekel aus. Als würde die Schrift an der Wand brennen. Wie das Menetekel bei Belsazar, dem König von Babylon.
Jedes Mal, wenn Madita ihre Rede beendete, entwickelte sich ein angeregtes Gespräch, dem aber Rebecca nicht mehr folgen konnte.
Erst als das Gespräch sich um andere Völker drehte, hörte Rebecca wieder konzentriert zu.
»Wie kann es sein, dass die griechischen Völker trotz ihrer vielen Götter uns Juden so sehr überlegen sind? Dass die Römer ein riesiges Weltreich beherrschen? Dass Ägypten, das Land, das der jüdische Gott heimgesucht hatte, dieses Reich der Pyramiden, mit all den Palästen, den Bibliotheken und den Heilkräften, die sie in alle Welt schicken, diese hohe Kultur hat.«
Madita predigte eine andere neue Welt und Gedanken, in denen es nur das Göttliche gab.
Weder Mann noch Frau, nur der Geist und das Licht, das eine himmlische Wesen. Mit der Zeit wurde Rebecca immer klarer, warum diese Treffen so geheim sein mussten. Wer solche Gedanken hegte und aussprach, dem drohte die Steinigung als Strafe.
Rebecca konnte manche Nächte nicht schlafen. Dann weckte sie Lea. Sie musste reden, sie musste nach den Philosophen fragen, über die gesprochen worden. Und nach den Religionen in Indien, in China, bei den Griechen und Ägyptern.
Mit der Zeit führte Madita Rebecca immer mehr in die Bibliothek ein. Machte sie mit all den Handschriften vertraut, den Kopien, die sie hatte anfertigen lassen. Und den Landkarten, die die ganze Welt zeigten. Bis zu den Säulen des Herakles, der Grenze zwischen dem Mittelmeer und dem atlantischen Ozean.
Madita sagte, sie wolle mit ihr gemeinsam das Werk Platons lesen. Über die Insel Atlantis, die an einem furchtbaren Tag und in einer furchtbaren Nacht untergegangen war. Aber Rebecca müsse noch so viel lernen.
Ja, lernen, nichts als lernen, das war Rebeccas Ziel.
Und mit der Zeit vergaß sie ihre Familie und das Handelshaus.
Bald sollte es so weit sein, dass sie die Tora auf Hebräisch lesen konnte, im Kreise der gelehrten Frauen.
Doch eines Tages geschah ein Unglück, das alles verändern sollte. Madita war gestürzt. Sie hatte einen Schwächeanfall und ein kurz darauf einsetzendes hohes Fieber. Die wöchentlichen Besuche waren vorerst nicht mehr möglich.
Es war der Verdacht einer Seuche, und ihr Haus durfte nicht mehr betreten werden. Die Lebensmittel wurden am Hoftor übergeben. Die Köchin holte alles am Tor ab. Es sollte kein Kontakt zur Außenwelt bestehen.
Helena, ein Griechin aus dem Kreis, der Heilkunde mächtig, war bei ihr eingezogen, um sie zu pflegen.
Rebecca hoffte so sehr, Madita werde bald gesund werden. Deshalb betete sie zu all den Göttern, von denen sie in Maditas Haus gehört hatte.
Oft hatte sie Lea gebeten, mit ihr zu Maditas Haus zu gehen. Dann saßen die beiden Frauen davor und hofften auf die erlösende Nachricht.
Aber kein Gott und keine Göttin wollte sie erhören.
Viel schlimmer. Der Verwalter ihres Vaters David erschien bei Lea und fragte nach Rebecca. Sie werde im Haus erwartet.
Rebecca hatte ihren Vater fast ein halbes Jahr nicht gesehen und sie hatte gehofft, sie wäre vergessen.
»Muss ich mitgehen?«, fragte sie Lea.
»Ich fürchte, ja!«
Lea brach in Tränen aus. Ihr war klar, dass sie Rebecca holten, damit sie heiratete.
Sie hatte doch das Mädchen erzogen, sie hatte Rebecca geformt.
»Ich verlasse dich nicht, niemals!«, rief sie hinter Rebecca her. Aber Rebecca war schon am Eingang des Haupthauses.
Als sie im Haupthaus ankam, sah sie, dass ein Fest vorbereitet wurde. Sie wusste gleich, dass es um sie geht. Um ihre Hochzeit.
Warum?, dachte sie. Ich habe doch einen Bruder. Soll der heiraten. Sie wollte schreien. Aber ihre Stimme versagte.
Im großen Saal wurde sie von Ihrem Vater erwartet, David ben Israel, ihre Mutter Rachel und einem Herrn und einer Dame, die sie nicht kannte.
Ihr Vater sagte kühl, als würde er mit Widerstand rechnen:
»Das ist Jakob ben Israel. Er kommt aus Magdala. Er ist mein Cousin, und unsere Familien treiben seit Jahrzehnten Handel. Vieles, was du an Annehmlichkeiten genießen durftest, hast du
ihm zu verdanken.«
Auch das noch, ich soll dankbar sein, dachte sich Rebecca. Ich habe dieses Leben nicht gebraucht.
»Ich erwarte, dass du unsere Entscheidung respektierst. Morgen lernst du deinen Bräutigam kennen. Er ist auch eingetroffen. Morgen wirst du vermählt und dann mit Joses, deinem Ehemann, nach Magdala abreisen.«
Rebecca war wie von einer Axt getroffen. Sie dachte nur, stehen bleiben, denn es drehte sich alles um sie herum. Aber die Ohnmacht übermannte sie und sie stürzte zu Boden.
»Kannst du nicht aufpassen«, schrie Rachel die Dienerin Hava an, die neben Rebecca stand.
»Falls sie sich verletzt hat, werden wir das überschminken. So schnell stirbt sich nicht«, schimpfte ihr Vater.
»Bring sie auf ihr Zimmer und bereitet sie für morgen vor«, sagte ihre Mutter mit falscher Höflichkeit.
Hava, eine der vielen aus der Dienerschaft des Hauses, die eben noch wegen ihrer Unaufmerksamkeit angeschrien wurde, hob Rebecca auf, die langsam wieder zu Bewusstsein kam.
Die Eltern hatten sich ein Leben lang kaum um sie gekümmert, aber diese Rohheit ließ Rebecca erschaudern.
»Herrin, ich bringe euch in eure Gemächer.«
»Rufe bitte Lea. Sie soll sofort zu mir kommen«, flüsterte Rebecca.
»Ja, Herrin. Ich werde sie gleich holen.«
Hava führte Rebecca langsam über den Hof und legte sie auf ihr Bett. Unverzüglich ging sie zu Lea. Sie traf Lea in ihren Gemächern völlig aufgelöst an.
»Hast du das gewusst?«, fauchte Lea die Dienerin an.
Hava nickte.
»Du hast gewusst, dass ich Rebecca erzogen habe. Sie ist mein Kind. Warum hast du mich nicht informiert?«
»Der Herr und die Herrin haben es mir unter Strafe untersagt.«
Lea schlug Hava, als wollte sie die Wahrheit aus ihr herausprügeln.
»Wie lange weißt du es schon?«
»Am Sabbat vor zwei Wochen hat der Herr mich angesprochen. Ich musste für die Gäste Zimmer vorbereiten. Ich habe auch in den Herbergen Unterkünfte für die weitere Verwandtschaft aus Magdala besorgt. Die Eltern des Bräutigams sind gestern eingetroffen. Joses, der Bräutigam, wollte in der Stadt wohnen. Er hat um eine Unterkunft in der Nähe nachgesucht. Der Vater wollte es verbieten, aber seine Mutter hatte es trotzdem erlaubt.«
Lea war außer sich. Rachel hatte sich nie um das Mädchen gekümmert.
Lea war immer für Rebecca da. Aber Rachel war die Ältere. Ein Jahr jünger als Madita und noch einmal sechs Jahre älter als sie selbst. Rachel hatte das Recht, diese Entscheidung zu treffen.
Lea öffnete langsam die Tür zu Rebeccas Zimmer. Sie lag auf ihrem Bett und regte sich nicht.
»Mein Kind, wie geht es dir?«
Rebecca antwortete nicht. Als Lea ihr in die Augen blickte, sah sie das blanke Entsetzen.
»Warum?«, fragte Rebecca nur.
»Das ist das Schicksal von uns Frauen. Deshalb wollte ich dich hier herausholen. Aber es ist zu spät.«
»Ich will nicht. Ich will nicht heiraten. Ich wollte nie heiraten. Ich will bei dir bleiben. Hilf mir«, sagte sie mir erstickter Stimme.
»Ich kann dir nicht mehr helfen. Dein Vater würde mich umbringen.«
Lea wollte langsam das Zimmer verlassen. Sie schämte sich, dass sie so hilflos war.
»Was wird jetzt?«, wollte sie von Lea wissen.
»Es ist schon alles vorbereitet. Morgen findet die Trauung statt. Nach dem Sabbat wirst du abreisen.«
»Hast du es gewusst?«
»Nein, ich schwöre es dir. Wenn du es willst, werde ich dir nach Magdala nachfolgen.«
»Ja, bitte.«
»Ruh dich aus. Ich lasse das Bad für dich vorbereiten. Das Bad gehört zum Ritual. Deinen Bräutigam darfst du erst morgen sehen.«
»Hast du ihn gesehen?«
»Nein, ich weiß nicht einmal, wie er heißt. Wenn Madita das hört, das wird sie nicht überleben. Es war alles umsonst.«
»Warum kann Abraham nicht heiraten? Er ist mein älterer Bruder. Ihm steht das Recht zu. Er ist der Erbe.«
»Ja, mein Kind. Aber wir haben die Welt vergessen. Dein Bruder ist erkrankt. Er ist nicht mehr im Haus. Er ist bei den Priestern im Tempel.«
Lea setzte sich noch zu ihr. Sie wollte es nie wahrhaben, aber Rebecca war erwachsen geworden. Ihr Blick streifte über ihren Körper. Was für eine wunderschöne Frau aus ihr geworden ist, dachte sie.
Wenn er sie schlecht behandelt, bringe ich ihn um, hat sie sich in diesem Moment geschworen.
»Ich lass dich rufen, wenn das Bad soweit ist.«
Magdala. Wo ist das? Was soll ich da? Wie wird er mich behandeln?. Muss ich ihn lieben? Er wird Kinder wollen.
»Ich will nicht!« schrie sie. Dass das ganze Haus sollte sie hören.
Kurze Zeit später kam Hava zurück.
»Herrin, die Schneiderin.«
Eine junge Frau kam mit einem weißen Kleid und einer Kopfbedeckung.
»Ich soll das Kleid für die Trauung mit euch anprobieren. Bitte verzeiht die Unannehmlichkeiten. Aber ich denke, dass Sie eine schöne Braut sein wollen. Ihre Frau Mutter hat angeordnet, dass Sie Ihre Haare behalten können. Es tut mir immer weh, wenn ich einer Braut die Haare scheren muss. Aber Sie dürfen die Haare behalten.«
»Ich hätte dich umgebracht, wenn du meine Haare angefasst hättest.«
»Es gibt bei vielen Familien diesen Brauch« erwiderte die Schneiderin, »die Frauen müssen dann Perücken tragen. Ich finde das auch furchtbar. Aber es gibt nun mal diese Tradition.«
Rebecca ließ sich ohne Widerstand ausziehen. Die Schneiderin legte ihr das Brautkleid an. Und es passte wie angegossen.
»Wie geht das? Wieso passt es auf Anhieb?«, fragte Rebecca verwundert.
»Hava hat mir ein Kleid von ihnen überlassen, da konnte ich Maß nehmen. Ich muss jetzt nur noch die Kopfbedeckung anpassen.«
Rebecca blickte Hava strafend an. Havas Gesicht lief vor Scham rot an.
»Ich musste es tun. Heimlich musste ich ein Kleid aus dem Schrank nehmen. Ihre Frau Mutter hat befürchtet, dass Sie davonlaufen. Ich muss auch heute Nacht vor Ihrer Tür schlafen. Bitte verzeiht mir«, stammelte Hava.
Rebecca würde sie töten, wenn sie könnte. Das konnte Hava in ihrem Gesicht ablesen.
»Ich habe eure Mutter gebeten, dass ich euch nach Magdala begleiten darf. Ich mache alles wieder gut. Bitte!«
In der Zwischenzeit wurde Rebecca die Kopfbedeckung angepasst.
»Wenn ihr aus dem Bad kommt, ist alles fertig«, sagte die Schneiderin und verließ das Zimmer.
Hava nahm Rebeccas Hand und küsste beide Hände mehrmals.
»Verzeiht. Bitte.« Und nach einer kurzen Pause sagte Hava verschämt: » Ich habe den Bräutigam gesehen. Er wird euch bestimmt gefallen. Ein sehr schöner Mann.«
»Mir ist es egal, wie er aussieht. Ich will ihn nicht. Du kannst es ihm sagen.«
Rebecca ging an das Fenster und schaute auf den Hof und all das Gesinde, das die Kamele versorgte. Das sind bestimmt die Tiere aus Magdala, die mich für immer wegbringen werden, dachte sie tieftraurig.
In der Zwischenzeit war Lea zurückgekommen.
»Kommst du bitte.«
Rebecca folgte ihr ins Badehaus. Der Badebottich war fast bis an den Rand gefüllt. Es roch nach Rosmarin und Rosenöl. Auf dem Wasser schwammen Rosenblätter. Rebecca konnte kaum die Oberfläche des Wassers sehen. Die roten Rosenblätter verliehen dem Wasser eine leichte Färbung. Langsam konnte sie sich entspannen. Aber diesen Verrat werde ich nie vergessen, schwor sie sich. Sie war zutiefst beleidigt. Sie begann, die Mutter zu hassen. Sie wollte die ganze Welt hassen.
»Ihr wusstet doch, dass eine Frau heiraten muss. Warum habt ihr mich nicht in der Verblödung belassen.«
»Zieh dich aus«, sagte Lea, » Das Wasser wird dich reinigen. Das Ritual verlangt es.«
Sie verriegelte die Tür und als sie sich zu Rebecca umdrehte, sah sie Rebecca zum ersten Mal nackt, denn Hava hatte ihr sonst das Bad bereitet.
Das Blut schoss Lea ins Gesicht. Sie durfte das Gefühl, dass sie überkam, nicht zulassen. Lea schaute auf den Boden vor Scham. Das darf nicht sein. Sie ist meine Nichte.
»Bitte steige ins Wasser. Ich werde dich mit dem Schwamm waschen.«
Lea zitterte, als sie mit dem Schwamm Rebeccas Körper berührte. Es darf nicht sein, dachte sie immer wieder.
Die Zeit verging. Und für Lea, die in Gedanken war, lief die Zeit, in der sie mit Rebecca zusammen war, als Freundin, Erzieherin und Lehrerin, vor ihrem inneren Auge ab.
»Lea, das Wasser wird kalt«, sagte plötzlich Rebecca und riss Lea aus den Träumen.
»Verzeih mir. Ich trockne dich ab.«
Rebecca stieg aus dem Wasser und Lea trocknete ihre Haut und entfernte vorsichtig die Reste der Gewürze, die auf Rebeccas Haut verblieben waren.
»Ich möchte keine Beschwerde vom Bräutigam hören«, sagte sie albern. Irgendwie musste Lea die Spannung abbauen.
»Geh zurück in dein Zimmer.«
Rebecca öffnete die Tür. Hava hatte die ganze Zeit gewartet, um eine mögliche Flucht zu verhindern. Sie führte Rebecca in ihr Zimmer.
»Herrin, Ihr müsst Euch jetzt hinlegen.«
»Sag Lea, sie soll zu mir kommen.«
»Herrin, das ist nicht üblich.«
Das muss ich unbedingt verhindern, dachte sich Hava.
»Wenn du mitkommen willst nach Magdala, dann beeil dich.« Hava ging langsam aus dem Zimmer. Sie musste gehorchen und Lea holen. Ihr Zimmer war auf der gleichen Etage. Sie klopfte vorsichtig an Leas Tür.
»Rebecca will dich sehen.«
»Sag ihr, dass ich zu ihr komme. Warte nicht auf mich. Ich brauche noch etwas Zeit. Du kannst ruhig gehen. Du musst nicht warten«, sagte Lea drohend.
»Ich weiß, was du vorhast. Überlege es dir gut. Du bist die Tante.«
Lea schaute Hava prüfend nach. Sie konnte hören, dass sie die Treppe hinunter gegangen war. Sie hörte die Tür zum Hof. Hava muss gegangen sein, war sich Lea sicher.
Sie hatte schon ihr Nachtgewand an, aber sie lief so schnell sie konnte in den Baderaum. Das Wasser war noch im Bottich, in dem Rebecca gebadet hatte.
Es war in der Zwischenzeit kalt geworden. Aber Lea stieg hinein und wusch sich, so schnell sie konnte. Es war auch noch das Tuch da, mit dem sie Rebecca abgetrocknet hatte. Alles musste schnell gehen. Das Gesetz sagt, dass die Braut in der Nacht vor der Hochzeit allein sein muss.
Sie lief in ihr Zimmer und holte noch ein Etui aus ihrem Schrank. Dann ging sie vorsichtig zu Rebecca.
Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie klopfte an die Tür.
»Komm rein«, sagte Rebecca.
»Ja, meine Liebe.«
»Das klingt schön. So hast du mich noch nie genannt.«
»Morgen bist du eine Frau. Eigentlich ich darf nicht mehr bei dir sein.« Lea musste das noch betonen, als wollte sie sich im Voraus freisprechen.
»Es ist noch nicht dunkel. Die Sonne geht doch erst unter.«
Lea legte vorsichtig das Etui auf das Nachtschränkchen, das neben dem Bett stand. Rebecca sollte es nicht bemerken.
»Leg dich zu mir. Ich habe Angst vor morgen. Aber du zitterst ja«, sagte Rebecca.
»Ich habe auch Angst. Ich weiß ja nicht, was aus dir wird.«
»Was passiert morgen in der Nacht, wenn ich verheiratet bin. Was wird dieser Mann mit mir machen, wenn er die Ehe vollzieht? Was bedeutet das? Ich habe so viele Fragen.«
Lea legt sich widerstrebend zu Rebecca, obwohl sie diesen Moment immer gewünscht hatte.
»Hast du schon bei einem Mann gelegen?«
Lea nickte mit dem Kopf. Ihre Stimme schien zu versagen.
Das ist doch mein Mädchen, auch wenn es nicht aus meinem Leib ist, schoss ihr durch den Kopf.
»Was hat er gemacht?«
»Ich war nackt und er hat mich geküsst.«
»Wer?«, fragte Rebecca ganz aufgeregt.
»Commodus, er war Decurio, ein hoher römischer Offizier. Er wollte mich heiraten und nach Rom mitnehmen. Aber er musste dann doch gegen die Parther ins Feld ziehen. Sie hatten die Handelswege angegriffen. Vierzig Reiter hatte er befehligt. Aber er geriet in einen Hinterhalt und er kam nicht zurück. Er hat mir seinen Helm bringen lassen. Ich habe den Helm mit seinem Blut noch.«
Lea schluchzte. Rebecca wartete einen Moment.
»Wie hat er dich geküsst?«
»Ich zeige es dir.«
Langsam näherte sie sich Rebeccas Lippen. Sie versuchte mit ihrer Zunge Rebeccas Lippen zu berühren. Die Gedanken wühlten sie auf. Aber sie spürte, dass Rebecca aufstöhnte. Ja, sie erwiderte ihren Kuss und Lea konnte sich nicht mehr beherrschen und küsste sie mit immer größerer Leidenschaft. Alle Zweifel waren verflogen.
Sie wollte Rebecca lieben, ihren Körper besitzen. Das war immer ihr Wunsch.
Sie begann Rebecca zu entkleiden. Ihre Lippen und ihre Zunge glitten an Rebeccas Hals hinab und küssten ihren Busen. Rebecca spürte, dass ihr Busen fest wurde. Leas Streicheln und Küsse wühlten ihren Leib auf. Sie verspürte ein Ziehen in ihrem Bauch. Ein Gefühl, so schön und intensiv, wie sie es manchmal in einem Traum gespürt hatte.
Was passiert mit mir, fragte sie sich. Aber sie konnte nicht mehr denken.
Und als Leas Zunge ihren Schoß küsste, dachte Rebecca, sie müsste sterben. Sterben vor Glück und Lust.
Lea legte sich wieder hoch zu ihr.
»Hör nicht auf«, flüsterte Rebecca.
»Natürlich nicht, meine Geliebte. Ich wünschte, ich könnte die Zeit anhalten.«
Lea streichelte Rebeccas Klitoris mit ihrem Finger, den sie vorher mit dem Liebessaft ihres eigenen Schosses benetzte.
»Sei leise, es darf uns niemand hören.«
Rebecca dachte, sie müsste vor Lust schreien, aber Lea hielt ihr den Mund zu. Rebecca konnte nicht anders, sie biss in Leas Hand. Aber jetzt stöhnte auch Lea. Nicht vor Schmerz.
Und plötzlich überkam sie ein Zucken in ihrem Bauch und ihr Körper beruhigte sich für einen Moment. Sie war nass geschwitzt. Sie bemerkte jetzt erst, wie warm die Luft draußen noch war.
Lea nahm jetzt Rebeccas Hand und führte die Hand zu ihrem Schoss.
»Bitte mach das jetzt für mich. Ich möchte auch Ruhe finden.
Nimm deine Finger, nimm zwei Finger und führe die Finger in mich ein und bitte bewege deine Hand rein und raus.«
Rebecca tat es und Lea stöhnte mit jeder ihrer Bewegung.
»Bitte, schneller. Und mehr Finger. Mehr, mehr Finger.«
Bis auf den Daumen waren ihre Finger in Leas Schoss.
»Schneller. Bitte.«
Aber es ging nicht, ihr Arm wurde müde.
»Warte.« Lea griff neben das Bett und holte das Etui und nahm ein Stück Elfenbein heraus. Es sah aus wie ein männlicher Penis.
»Nimm das und mach es damit. So schnell du kannst.«
Rebecca führte dieses Teil, sie hatte so etwas bis dahin noch nie gesehen, in sie ein.
»Ich tu dir weh«, flüsterte Rebecca.
»Nein. So schnell du kannst. Bitte.«
Rebecca spürte, dass sie erneut diese Lust überkam. Sie machte, was die Tante wollte.
»Ja«, und nach einem langen Moment, der nicht aufhören wollte, »danke, hör auf. Es ist gut. Ich kann nicht mehr.«
Lea griff Rebeccas Kopf und küsste sie mit einer für sie noch nie gefühlten Leidenschaft.
Dann drehte sie sich abrupt um und brach in Tränen aus.
»Ich hätte das nicht gedurft. Wir hätten das nicht gedurft. Ich muss in mein Zimmer. Es tut mir leid. Das ist eine schwere Sünde.«
Rebecca konnte ihre Gedanken nicht mehr ordnen. Was war passiert? Das war doch schön, dachte sie.
»Bleib bitte bei mir!«
Lea hatte Rebeccas Gefühle geweckt. Sie fühlte sich, wie ein Vulkan, der ausbrechen muss.
»Nein, wir dürfen das nicht«, sagte Lea und mit einer plötzlichen Eiseskälte.
»Wenn Du Glück hast, dann macht dein Mann das morgen mit dir.«
Leas Leidenschaft wechselte abrupt in Verachtung und Verzweiflung.
»Und fass nicht in dich hinein. So wie du es bei mir gemacht hast. Sonst verlierst du deine Ehre bis an dein Lebensende.«
»Aber du hast es doch bei dir gewollt.«
»Mach, was ich dir sage. Du bist noch eine Jungfrau. Ich warne dich.«
Lea ging, als wollte sie so schnell wie möglich den Tatort verlassen. Aber sie hatte in ihrer lüsternen Aufregung nicht bemerkt, das Hava einen Stofffetzen in die Tür gesteckt hatte. Hava hatte nicht das Haus verlassen. Hava hatte zugesehen. Sie hatte ja den Befehl , vor der Tür zu wachen.
Als Lea die Tür öffnete, sah sie Hava in Tränen aufgelöst.
»Du lüsterne, eifersüchtige Schlange, was suchst du hier? Verschwinde oder ich bringe dich um.«
Lea schob Hava beiseite und verschwand.
Hava schaute zu Rebecca, die wie erstarrt in ihrem aufgewühlten Bett saß. Rebecca starrte sie an. Hatte sie alles gesehen?
Havas Nachthemd war nass von ihren Tränen. Aber auch der Bereich zwischen ihren Beinen hatte feuchte Stellen.
»Was hast du hier gewollt?«
»Ich musste doch aufpassen«. Und nach einer langen Pause:
»Ich kann es nicht ertragen, was sie gemacht hat. Das macht sie sonst mit mir.«
Rebecca schaute unter sich vor Scham.
»Ich bringe dir morgen Wasser, damit du deinen Körper reinigst,
von ihrem Speichel und was sonst noch aus ihr herausgequollen ist. Du heiratest morgen. Ich mache dir dann auch das Bett neu, damit der Bräutigam nichts davon mitbekommt.«
Dann rannte sie weg. Über den Hof und zu den Stallungen.
Rebecca überlegte, ob sie ihr folgen sollte. Aber, was sollte sie als Braut nachts im Stall. Meist schleicht sich dort um diese Zeit das Gesinde herum. Da durfte sie niemand sehen. Und warum diese Wut bei Hava?
Sie hat mich wie eine Magd angesprochen. Wieso nimmt sie sich das heraus, dachte sie. Wut, Scham und Angst überkamen sie. Nach langer Zeit kam sie endlich zur Ruhe. Aber an Schlaf war nicht mehr zu denken. Jetzt hatte sie noch mehr Angst vor dem morgigen Tag. Was würde Hava machen, was Lea? Ihre Tränen flossen in Strömen.
Madita hatte ihr immer gesagt, es gebe keinen strafenden Gott.
Doch es gibt ihn und morgen, wird das ganze Ausmaß seiner Strafe über mich hereinbrechen, über die falsche, sündige, beschmutzte Braut. Mit diesen Gedanken fiel sie in einen fast ohnmächtigen Schlaf.
Im Haupthaus saßen Rebeccas und Joses Eltern zusammen. Zur selben Zeit, in der Lea sie missbrauchte. David und Rachel und Jakob und Sarah.
Jakob war viel älter als Sarah. Sie könnte seine Tochter sein. Jakob war von einer Krankheit gezeichnet. Sein Hals war geschwollen und er konnte kaum noch sprechen. Und Sarah schien nur Essen im Sinn gehabt zu haben. Sie konnte mit ihrem Gewicht kaum noch laufen.
Die Massen an Fett hatten ihre Fußgelenke beschädigt. Ohne Sänfte war für sie eine Fortbewegung kaum mehr möglich. Wie die beiden den Weg von Magdala nach Jerusalem geschafft haben, war ein reines Wunder.
»Hast du die Verträge vorbereitet?«, krächzte Jakob.
»Ja«, sagte David, »es hat mich viel Geld gekostet. Besonders die Spende an die Synagoge. Hier ist die Bestätigung, dass beide verlobt sind.«
Zwischen Verlobung und Hochzeit liegt ein von der Tora vorgeschriebenes ganzes Jahr. Aber die Zeit drängte. Jakob wusste, dass sein Lebensweg bald enden würde. Er wollte auch nicht mehr zurück nach Magdala. Er wollte die wenigen Wochen seines Lebens in Jerusalem im Tempel verbringen.
Deshalb hatte auch der Rabbiner zugestimmt, dass auf das vorgeschriebene Jahr verzichtet wurde, zumal noch eine weitere große Spende von Jakob, der streng seinen Glauben lebte, in Aussicht stand.
»Und das Torastudium, das dem Bräutigam in dem Jahr vor der Hochzeit vorgeschrieben ist, hat bei Joses sowieso keinen Sinn«, feixte Sarah.
»Sei still, du Gotteslästerin, der Herr hat dich mit deinem Fett genug gestraft. Ich kann den Tag nicht erwarten, an dem du mit diesem Ehepaar nach Magdala verschwindest. Ich kann dich und Joses nicht mehr ertragen«, keuchte Jakob.
»Gib die Verträge. Ich will das hinter mich bringen«, griff David ein.
Die Handelshäuser, die schon seit Jahrzehnten verbunden waren, sollten jetzt unter einem Dach zusammengelegt werden.
Jakob nahm die Feder, setzte seine Unterschrift unter den Vertrag und verließ den Raum.
»Jetzt geht es mir besser«, sagte Sarah, »das feiern wir.«
»Sarah, wir müssen schlafen. Der morgige Tag wird gerade für dich sehr anstrengend«, sagte Rachel besorgt.
»Was meinst du?«
»Ich meine, du bist doch die Mutter des Bräutigams.«
»Das wird ein schöner Spaß. Bring mir jetzt eine Karaffe Wein. Oder willst du Streit mit mir« schimpfte Sarah.
»Ich schicke dir einen Diener mit dem Wein. Willst du auch noch etwas essen?«, fragte Rachel angewidert.
»Dumme Frage. Und schick mir einen jungen Diener. Ich will noch was erleben.«
Ihr Lachen musste im ganzen Haus zu hören sein.
»Ich lasse dich jetzt allein. Denke bitte an den guten Ruf des Hauses. Ich möchte nicht zum Gespött der Diener werden.« Damit verließ Rachel den Raum.
Auch David verließ mit einem unguten Gefühl den Raum. Was wird aus dem morgigen Festtag werden. Er hatte nie eine Beziehung zu Rebecca gehabt. Aber jetzt fühlte er sich schuldig. Er hatte Rebecca verkauft.
Rebecca erwachte nach einer langen, schweren Nacht. Sie hielt die Augen geschlossen, vielleicht war alles ja nicht wahr. Vielleicht lässt sich alles ungeschehen machen, dachte sie.
Als sie ihre Augen öffnete, bemerkte sie, dass der Himmel dunkel war. Schwere Gewitterwolken verdeckten die Sonne.
Vielleicht hat Gott mir verziehen und schickt eine Sintflut, die alles wegschwemmt und alles reinigt. Sie hörte Donner in der Ferne. Und wirklich ein Gewitterschauer ergoss sich auf die heiße, ausgetrocknete Erde.
Vielleicht bleibt ihr doch noch alles erspart.
Aber so schnell der Regen kam, so schnell hatten sich die Wolken entleert. Heißer Dampf waberte über dem Boden. Die Luft war noch stickiger als zuvor.
Erst jetzt sah Rebecca den Waschtrog. Hava musste das Waschwasser hereingebracht haben. Sie hatte es nicht bemerkt. Dann hörte sie ein leises Klopfen. Rebecca reagierte nicht. Der Puls klopfte ihr bis in die Stirn. Wer würde jetzt kommen? Hava, Lea oder die ganze Hochzeitsgesellschaft?
Langsam öffnete sich die Tür. Hava blickte durch den Türspalt.
»Herrin, darf ich reinkommen. Ich habe frische Bettwäsche. Ich möchte das Bett machen, bevor die Schneiderin kommt.«
Rebecca brach erneut in Tränen aus.
»Warum lässt du mich nicht in Ruhe?«
»Wenn die Schneiderin kommt, muss alle sauber sein. Ich kann keine andere Magd holen. Das würde auffallen. Bitte wascht euch jetzt. Ich mache in der Zwischenzeit das Bett mit einem frischen Laken.«
Rebecca regierte nicht. Soll sie doch machen, was sie will, dachte sie.
»Herrin, bitte.«
Keine Reaktion von Rebecca. Sie muss fertig sein, angezogen, ihre Haare gekämmt und ihr Gesicht geschminkt. Und das in der kurzen Zeit bis zur vierten Stunde.
Hava legte die Bettwäsche ab und ging zu Rebecca. Sie nahm den Schwamm und wusch ihre Arme und ihre Füße. Havas Hände zitterten so sehr, dass Rebecca das spüren müsste.
»Herrin, ich ziehe euch jetzt das Nachtgewand aus. Ich werde es selbst waschen. Ich gebe es nicht der Wäscherin.«
Langsam zog sie Rebecca aus, und sie wusch ihren Körper. Immer wenn sie Rebecca nackt sah, dachte sie sich, welch eine makellose Schönheit. Ihr Bräutigam müsste jubeln. Die Engel müssten eine Hymne anstimmen, wenn sie den Ring erhält. Hava wusch ihr die Brüste, und langsam mit frischem Wasser Rebeccas Scham.
Wahrscheinlich wird sie mich schlagen, dachte Hava. Aber Rebecca reagierte nicht.
»Was denkst du?» fragte Rebecca.
»Ihr seid so schön. Wunderschön.«
»Du auch? Willst du mich auch beschämen?«
Nach diesem Erlebnis empfand Rebecca Leas Handlung abscheulich. Es überkam sie eine fürchterliche Wut. Lea hat mich beschmutzt, dachte sie. Wie wird sie mir heute gegenübertreten?
Als Hava sie abgetrocknet hatte, wechselte sie noch hastig die Bettwäsche. Der Vorgang der letzten Nacht war nicht zu übersehen. Plötzlich sah sie einen kleinen Blutfleck.
»Ist das Blut von euch?«, fragte sie mit erstickter Stimme.
»Nein, von Lea. Ich muss ihr wehgetan haben.«
Rebecca musste sich setzen, ihre Beine wollten ihr den Dienst versagen.
»Wenn das Blut von euch gewesen wäre, hätte mich euer Vater umgebracht.«
Rebecca verstand nichts mehr. Sie wollte von der Tante nur Aufklärung für die Hochzeitsnacht und jetzt war sie mitten im Chaos.
Hava ging zur Tür.
»Du kannst jetzt reinkommen.«
Die Schneiderin erschien. Das Brautkleid war prachtvoll. Sie musste es noch überarbeitet haben.
»Das habe ich nicht verdient«, sagte Rebecca schroff, als sie das Brautkleid sah.
Die Schneiderin schaute Hava ratlos an.
»Das Kleid ist noch schöner geworden, als die Herrin es erwartet hat. Das ist ein großes Lob. Freu dich. Du wirst bestimmt einen schönen Lohn erhalten«, versuchte Hava die Stimmung aufzuheitern.
Rebecca wurde das Kleid angezogen, um zu sehen, ob die Maße perfekt waren.
»Mit euch, Herrin, ist das Kleid ein Kunstwerk«, sagte Hava.
Die Schneiderin errötete vor Stolz.
»Ihr müsst das Kleid noch einmal ausziehen«, sagte Hava, »ich muss euch noch schminken.«
Die Schneiderin hatte eine kleine Tasche mitgebracht. Hava holte kleine Dosen mit Farben aus dieser Tasche, und einen kleinen Holzstift und eine Quaste. Das erste Mal in ihrem Leben wurde Rebecca geschminkt.
»Setzt euch bitte. Und bitte bewegt euch nicht.«
»Sie werden schön sein, schön wie eine Pharaonin«, sagte Hava euphorisch.
Die Schneiderin kicherte vor Begeisterung. Auch Rebecca konnte sich entspannen.
Wenn beide sich so viel Mühe geben, wird Hava schweigen und mich schützen, dachte sie.
»Mehr von dem Rot auf die Wangen, mehr Farbe auf die Wimpern und der Lidstrich muss stärker sein«. So ging es hin und her. Und die Begeisterung über das entstehende Kunstwerk entlud sich, als Hava wie ein kleines Mädchen aufsprang, in die Hände klatschte und jubelte: »Fertig. Hol den Spiegel.«
Die Schneiderin lief auf den Gang hinaus und holte einen großen Spiegel.
»Erst das Kleid wieder anziehen«, rief die Schneiderin.
»Augen zu«, und nachdem das Kleid angezogen war, »und jetzt Augen auf. Hätte ich doch die Posaunen von Jericho«, jubilierte Hava.
Drei erwachsene Frauen wurden zu kleinen Mädchen.
»Hava, wo hast du das gelernt?« fragte Rebecca.
»Ich schminke oft eure Mutter, und ihr wisst…«
Hava sprach den Namen Lea nicht aus. Jetzt keine Erinnerungen an die vorige Nacht.
»Die Schneiderin bindet euch jetzt noch vorsichtig die Haare für die Haube und den Schleier. Ich laufe ins Haupthaus und sage Bescheid.«
Mia, das war der Name der Schneiderin.
»Seid Ihr aufgeregt, Herrin?«
»Ich bin zu müde, um aufgeregt zu sein.«
»Ich binde euch jetzt die Haare. Es darf kein Haar unter der Haube herausschauen. Es gab Trauungen, da wurden der Braut die Haare abgeschnitten. Völlig abgeschnitten. Aber das habe euch ja schon erzählt.«
»Ich glaube, heute wäre es mir egal.«
»Sagt, das nicht. Es ist ein schlimmer Vorgang. Man kann danach die jungen Frauen kaum wiedererkennen. Seid froh, dass in eurem Haus dieser Brauch nicht angewendet wird.«
Mia nahm eine Bandage und wickelte darunter Rebeccas Haare ein. Sie sah aus, als hätte sie eine schlimme Kopfverletzung.
Hava kam atemlos zurück.
»Der Rabbi ist schon da, aber es kann noch nicht losgehen. Sarah hat die ganze Nacht mit ihren Dienern gesoffen. Sie muss umgezogen und gewaschen werden. Da muss einiges los gewesen sein. Die Diener sind jetzt endlich wach. Denn die sind die einzigen, die Sarah heben können.«
»Was meinst du damit?« Rebecca vermutete eine Anspielung auf die letzte Nacht.
»Nichts Herrin, ich freue mich für euch. Hinter dem Haupthaus, im Garten, wird ein Ochse für uns alle, auch für die Dienerschaft, gegrillt. Mia, du sollst auch bleiben. Sarah hat das verlangt. Sie sagt, heute müssen alle feiern. Hoffentlich wird sie wach. Und Mia, hier ist ein weißes Seidentuch. Beim Festmahl soll Rebecca das Tuch benutzen. Es darf nichts auf das Kleid kommen, kein Fleck. Das hat deine Mutter bestimmt. Ich darf nichts vergessen. Ich muss mich noch umziehen. Mia hilf mir, ich bin so aufgeregt.«
Endlich war Ruhe. Rebecca wusste nicht, wie sie mit allem umgehen soll.
Kann ich Hava vertrauen? Oder wird sie vor dem Rabbi einen Skandal veranstalten? Vor all den Gästen und der Familie. Und Joses. Ich kenne ihn nicht mal. Und wo ist Lea? Wann reisen wir ab? Ich darf nicht weinen, sonst geht die Schminke kaputt.
Die Gedanken marterten ihr Hirn.
Aber es war Leas Schuld. Lea hätte das nicht gedurft. Der Herr, unser Gott, verbietet es doch. Was hatte Madita immer geredet. Wir sind Juden und haben nun mal diese Weisung, auch wenn wir es nicht wollen.
Hava und Mia kamen zurück, und nun saßen alle da und warteten.
Plötzlich hörten sie eine Buccina, dann noch zwei weitere römische Flöten. Und eine Cimbel, auf der der Takt geschlagen wurde.
»Sie haben Musiker, herrlich. Ach ja, das habe ich vergessen, die Zeremonie ist im großen Saal. Es könnte noch mal regnen. Gerade heute. Wie dumm.«
Solch ein Geplapper hatte Rebecca von Hava noch nicht gehört.
»Willst du nicht heiraten? Ich könnte den Bräutigam fragen.«
Hava lachte verlegen, schaute aus dem Fenster und sah das Zeichen.
»Wir müssen los«, sagte Hava.
Langsam begleiteten beide die Braut aus dem Haus.
Vor dem Haupthaus standen ihre Eltern und die Schwiegereltern. Jakob hatte sie ja schon gesehen. Er saß auf einem Stuhl. Alle anderen standen in einem Halbkreis.
»Das muss Sarah sein. Sie war gestern auch da.«, flüsterte Rebecca.
»Ja«, sagten die beiden fast gleichzeitig.
»Wie kann man so viel essen?« fragte Rebecca.
Und plötzlich setzte sich Sarah in Bewegung. Alle anderen erstarrten. Ihre beiden Diener hinterher. Das war wohl nicht verabredet.
»Ich hole meine Tochter ab«, donnerte Sarah in die Runde.
So eine dicke Frau hatte Rebecca noch nie gesehen. Sarah hatte ein prachtvolles Kleid an. Und sie sah blendend aus. Makellos geschminkt. Trotz ihrer Figur war Sarah eine schöne, interessante Frau.
»Wie hat sie das geschafft. Vor einer Stunde musste sie noch gewaschen werden?«, flüsterte Hava.
»Na, da staunst du«, raunzte Sarah Hava an. Sarah hatte Hava verstanden. »Ja, werde nur rot, meine Kleine.«
Welche meinte sie? Alle drei wurden knallrot. Mia, Hava und Rebecca standen wie versteinert mitten auf dem großen Hof. Vor ihnen die Hofgesellschaft, und an den Seiten das Personal, die Diener und die Arbeiter.
Sarah hatte Rebecca endlich erreicht.
Sie hob Rebeccas Schleier hoch. Ein Raunen ging durch die Schar der Gäste. Das war der nächste Fettnapf.
»Sie hat keine Manieren«, stöhnte Jakob. Aber er wollte sowieso nicht mit Sarah zurück nach Magdala.
Sarah hatte ihn gehört.
»Keine Sorge, das hat der Rabbi nicht gehört. Joses wartet mit dem Rabbi im Haus«.
»Mein Gott, Rebecca, bist du schön. Warum dürfen Frauen nicht Frauen heiraten.« Und zu Jakob: »Da stimmt was nicht in deiner Tora. Vielleicht hat sich Moses verhört.«
Jetzt war ein Kichern bei den Gästen zu hören.
»Das ist Gotteslästerung«, rief Jakob, so laut er trotz seiner Krankheit noch konnte.
»Junge«, sie meinte Jakob, ihren alten kränklichen Ehemann, »die Welt würde besser aussehen, wenn wir Gott als Freund begreifen würden und nicht als einen, der, wenn wir etwas Falsches sagen, die Erde aufreißt und uns in die ewige Verdammnis stürzt.«
Man konnte eine Nadel fallen hören. Aber ein Pferd, das in der Stallung stand, wieherte langezogen.
»Hörst du es. Das Pferd hat es begriffen.«
Und plötzlich brach die Hochzeitsgesellschaft in ein herzhaftes Lachen aus. Bis auf Jakob, der wollte nur noch sterben und gleich jetzt in der Erde versinken.
Auch David, Rebeccas Vater, hätte sich einen würdevolleren Ablauf gewünscht.
Sarah führte nun Rebecca zu David, damit er seine Tochter zur Trauung führte.
»David, da hast du dir aber Mühe gegeben. Gut gemacht Rachel. Eure Tochter gefällt mir.«
Sarah gab ein Zeichen, damit man sie stützte. Sie war am Ende ihrer Kräfte. Sie hatte ihren Auftritt gehabt.
Langsam bewegten sich die Gäste in den großen Saal. Sarah setzte sich auf ihre Sänfte und wurde in das Haus getragen.
»Eine furchtbare Frau. Rebecca, ich wusste das nicht«, flüsterte Rachel ihr zu.
Rebecca dachte, mit der komme ich zurecht.
»Vater, ich werde dir eine folgsame Tochter sein«, sagte Rebecca, um irgendwie die Peinlichkeit zu mildern.
Die Musik begann von neuem und David führte seine Tochter zu ihrem Bräutigam, der sich schon beim Rabbi aufgestellt hatte.
Das Spektakel von Sarah hatte Rebecca so entspannt, dass sie ganz vergessen hatte, dass sie ihren Bräutigam noch nie gesehen hatte.
Da stand er. Rebeccas Puls schoss in die Höhe. Noch zehn Schritte. Er stand mit dem Blick zum Rabbi.
Ein großer wohlgewachsener Mann, und jetzt drehte er sich zu ihr.
Was für ein Mann! Rebeccas Augen wurden feucht vor Freude. Wenn er jetzt noch gebildet ist. Was für Gespräche!
Die Musik endete. Das Echo verflog. Und der Rabbi begann sein Amt.
Ich nehme ihn. Du brauchst nicht so viel zu reden. Es ist alles gut, dachte Rebecca übermütig.
Rebecca drehte sich zu Sarah und nickte mit dem Kopf. Ihr Gesicht war noch bedeckt, so konnte Sarah ihre strahlenden Augen nicht sehen.
Sarah blickte jetzt doch sehr nachdenklich. Rebecca erwachte aus ihren Gedanken, als sie spürte, dass Joses ihre Hand nahm und ihr den Ring um den Finger legte. Er nahm nun langsam den Schleier hoch und küsste sie leise vor den Gästen auf die Wange. Und die Musik setzte mit einem triumphalen Marsch ein.
Rebecca war glücklich.
