Die Gesellschaft für magische Objekte - Gareth Brown - E-Book
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Die Gesellschaft für magische Objekte E-Book

Gareth Brown

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Beschreibung

Der neue Roman vom Autor des Buchhändlerlieblings und internationalen Bestsellers »Das Buch der tausend Türen«

Sie treffen sich jeden Monat heimlich im Keller eines Londoner Antiquariats: die Mitglieder der »Gesellschaft für magische Objekte«. Stets sind sie auf der Suche nach mysteriösen Gegenständen, die magische Kräfte haben. Als so ein Objekt in Hongkong auftaucht, wird Magda Sparks, Schriftstellerin und das neueste Mitglied der Geheimgesellschaft, dorthin geschickt, um es zu bergen. Kaum in der Stadt angekommen, gerät Magda ins Visier eines Auftragsmörders, und ehe sie sich’s versieht, befindet sie sich auf einer abenteuerlichen Reise, die sie von Hongkong in die USA und schließlich zur Wahrheit selbst führt. Einer Wahrheit, die alles, was Magda zu wissen glaubte, infrage stellt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 608

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Das Buch

Unter Bell Street Books befand sich, geschickt vor der Welt verborgen, ein Kellergeschoss. Und genau dieser Keller war der Grund, warum die Bell Street 114 Magda Sparks’ Lieblingsort geworden war. Denn in seinen Wänden barg er ein unfassbares Geheimnis, das ihn zu einer Stätte voller Rätsel und Magie machte. Hier traf sich Die Gesellschaft für magische Objekte.

Nach dem Tod ihrer Mutter hat die junge Schriftstellerin Magda Sparks nicht nur deren Haus, sondern auch ihren Platz in der Gesellschaft für magische Objekte geerbt. Monat für Monat treffen sich die vier Mitglieder unter dem Vorsitz des liebenswert schrulligen Buchhändlers Frank Simplon in dem Keller eines Londoner Antiquariats, um mithilfe des Atlas der Verlorenen Dinge überall auf der Welt magische Objekte zu lokalisieren und zu bergen. Denn in den falschen Händen können diese Artefakte schrecklichen Schaden anrichten.

Als in Hongkong eine geheimnisvolle Schachfigur auftaucht, wird Magda dorthin geschickt, um sie zu holen. Kaum in der Stadt angekommen, wird ein Attentat auf sie verübt. Sie entkommt in letzter Sekunde, und schon bald wird ihr klar, dass auch sie selbst nur eine Schachfigur im Spiel um die magischen Objekte ist. Einem Spiel, in dem sie niemandem mehr trauen kann und das sie auf eine abenteuerliche Jagd von Hongkong über die ganze Welt führt – bis Magda schließlich mit einer so unerwarteten wie alles verändernden Wahrheit konfrontiert wird …

»Eine wunderbare Reise voller Magie, Geheimnisse und Abenteuer!«

NIKKIERLICK, Autorin von Die Vorhersage

Der Autor

Gareth Brown wurde in Falkirk, Schottland, geboren und träumte schon als kleiner Junge davon, Romane zu schreiben. Nach dem Studium arbeitete er im öffentlichen Dienst, gab jedoch seinen Traum von der Schriftstellerei nie auf. Wenn er nicht gerade schreibt, liebt es Gareth Brown, neue Länder und Städte zu erkunden. Sein Debütroman Das Buch der tausend Türen wurde in Großbritannien zu einem Bestseller und in zwanzig Sprachen übersetzt. Der Autor lebt mit seiner Frau in der Nähe von Edinburgh.

Roman

Aus dem Englischen vonCharlotte Lungstrass-Kapfer

Die Originalausgabe ist unter dem Titel

THESOCIETYOFUNKNOWABLEOBJECTS

bei Bantam erschienen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Deutsche Erstausgabe: 10/2025

Copyright © 2025 by Gareth Brown

Published by Bantam, an imprint of Transworld Publishersin the Penguin Random House Publishing Group UK, London

Copyright © 2025 der deutschsprachigen Ausgabeund der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)

Alle Rechte vorbehalten.

Redaktion: Michelle Stöger

Umschlaggestaltung: DASILLUSTRAT GbR, München,nach einer Vorlage von Transworld / Beci Kellyunter Verwendung von Bildmaterial von iStock / dem10, duncan1890,Mimomy, Lidiia Moor, Siriwan_B, Tori Art, THEPALMER, klyaksun,Albert_Karimov, Aeya und Shutterstock / wabeno, Tori Art, Anneka

Satz: Schaber Datentechnik, Austria

ISBN 978-3-641-33472-7V002

www.heyne.de

Für May, weil sie Bücher so sehr liebt.

Und für die Buchhändler dieser Welt, aus demselben Grund.

Prolog

Der Atlas der Verlorenen Dinge (2015)

Imelda Sparks stand allein und vollkommen erschöpft irgendwo in der Wildnis von Nevada. Und sie war nie in ihrem Leben glücklicher gewesen.

Sie ließ sich am Rand des Wanderweges auf einem Felsen nieder, stellte ihre Schultertasche ab und holte ihre Wasserflasche heraus. So spät am Tag war die Sonne nur noch ein orange glühender Schmierfleck am Horizont, der das Great Basin in die zarten Farben von Zuckerwatte und Pfirsichsaft tauchte. In der Ferne türmten sich Gewitterwolken über der braunen Ebene auf wie Rauchsäulen mächtiger Lagerfeuer. Einen beeindruckenderen Ausblick hatte Imelda noch nie genossen.

Direkt vor ihren Füßen fiel der Hügel steil ab; dort unten war schon alles in Schatten getaucht, die ihr langsam entgegenwuchsen. Bald schon würde es zu dunkel sein, um ihre Suche erfolgreich abzuschließen, vielleicht sogar so dunkel, dass der Rückweg zu ihrem Auto gefährlich wurde.

»Blödsinn«, murmelte sie vor sich hin. Als sie die Wasserflasche zurück in die Tasche schob, glitten ihre Finger über die bunte Blume, die Magda vor so vielen Jahren auf den Stoff gestickt hatte. Wie Magda in London wohl diesen Tag verbracht hatte? Vermutlich mit Arbeit, um dann abends zu schreiben. Sie wollte Romanautorin werden, was all ihre Aufmerksamkeit zu fordern schien. Manchmal trieb Imelda die Sorge um, dass ihr dadurch nicht genug Zeit für Freunde oder die Liebe blieb, aber ihre Tochter hatte schon immer ihren eigenen Kopf gehabt, selbst als Kind. Lächelnd erinnerte sich Imelda daran, wie die kleine Magda durch das Haus gestapft war und Dinosaurier gespielt hatte, wenn sie eigentlich längst schlafen sollte. Diese glücklichen Erinnerungen verblassten allerdings, als sie bemerkte, wie schmal der Sonnenstreifen am Horizont geworden war.

»Nun halt dich aber mal ran«, ermahnte sie sich leise.

Sie zog ein Blatt Papier aus ihrer Gesäßtasche, faltete es auseinander und studierte es im goldenen Abendlicht. Es handelte sich um eine handgezeichnete Karte, auf der mit schwarzen Linien die direkte Umgebung festgehalten war, und in der Mitte der Karte markierte ein Stern den genauen Ort, an dem sich das gesuchte Ding befand – wie das bekannte X auf Schatzkarten im Film. Seit Imelda sich die Karte vor einer Viertelstunde das letzte Mal angesehen hatte, war mit der Zeichnung eine Veränderung vorgegangen. Tatsächlich änderten sich die Linien auf dem Papier ständig, denn es handelte sich hier nicht um eine gewöhnliche Karte. Dies war der Atlas der Verlorenen Dinge, und er führte den Suchenden zu verloren geglaubten magischen Artefakten.

Der Atlas hatte Imelda bereits quer durch Europa gelotst. So war sie in einem kleinen Museum in Bayern auf die alte Goldmünze gestoßen und in einem überfüllten Antiquitätenladen im römischen Viertel Trastevere auf das Kruzifix. Vor wenigen Tagen dann hatte sie auf den Tulpenfeldern östlich von Amsterdam am Revers eines alten Bauern die Blaue Nelke entdeckt. Nachdem sie dem alten Mann durch sanfte Überzeugungsarbeit und eine großzügige finanzielle Zuwendung die Blume abgeluchst hatte, hatte der Atlas ihr enthüllt, dass in den Vereinigten Staaten ein weiteres verlorenes Artefakt auf sie wartete, genauer gesagt in der Wüste von Nevada. Also hatte sie sich in Schiphol in das nächste Flugzeug gesetzt, war am Morgen in Las Vegas gelandet, hatte sich am Flughafen ein Auto geliehen und war dann vier Stunden lang den Highway 93 Richtung Norden gefahren, um schließlich mitten in der Wildnis Richtung Westen auf diesen Wanderweg abzubiegen.

Während Imelda nun im schwächer werdenden Licht auf die Karte starrte, verschwammen die Linien vor ihren Augen; sie war erschöpft. Nach den vielen Stunden hinter dem Steuer hatte sie einen steifen Nacken, und das dumpfe Pochen in Knien und Rücken erschwerte ihr mit seinem ständigen Genörgel die Wanderung noch zusätzlich.

Entschlossen versuchte sie, sich wieder auf den Atlas zu konzentrieren. Das gesuchte Ding war ganz in der Nähe, vermutlich kaum mehr als einen Meter von ihrem Standort entfernt. Wenn sie es schnell genug aufspürte, konnte sie vielleicht schon im Auto sitzen, bevor es endgültig dunkel wurde. Sie schloss für einen Moment die Augen und stellte sich vor, wie sie sich ein paar Nächte in einem der Luxushotels von Las Vegas gönnte, mit einem opulenten Schaumbad und Essen vom Zimmerservice.

»Das wäre doch mal herrlich«, murmelte sie.

Ihr war klar, dass die Erschöpfung nicht nur ihrem einstündigen Marsch auf inzwischen sechzig Jahre alten Beinen entsprang, sondern ganzen drei Monaten, in denen sie nonstop auf Reisen gewesen war und eine Menge Abenteuer erlebt hatte. Imelda hatte es im Leben immer leicht gehabt: Als Kind reicher (wenn auch oft abwesender und nicht immer unproblematischer) Eltern hatte sie ihr Erwachsenenleben der Kunst widmen und sorgenfrei von ihrem Erbe leben können, während sie mit mäßigem Erfolg der Malerei frönte – hauptsächlich Landschaften und Porträts. Als sie dann recht unerwartet Magda bekam – da war Imelda bereits Mitte dreißig gewesen –, hatte sie ihre gesamte Energie darauf konzentriert, zu der Art von Mutter zu werden, die sie selbst nie gehabt hatte: präsent, aufmerksam und liebevoll. Doch nun war Magda erwachsen, und irgendwann hatte Imelda festgestellt, dass sie nicht mehr so recht wusste, was sie mit ihrer vielen Zeit anstellen sollte. Deshalb war ihr die Vorstellung, sich ganz allein auf ein großes Abenteuer zu begeben und nach verlorenen Dingen Ausschau zu halten, drei Monate zuvor äußerst reizvoll erschienen.

Und ein Abenteuer war es tatsächlich gewesen, noch dazu ein recht erfolgreiches. Immerhin würde sie Frank gleich mehrere neue Stücke für die Sammlung der Gesellschaft mitbringen. Darunter hoffentlich auch das, was sie nun hier auf diesem Wanderweg aufspüren würde.

»Wenn du dich endlich mal an die Arbeit machst«, murmelte sie. »Anstatt hier rumzusitzen und zu träumen.«

Wieder blickte sie auf den Atlas, der ihr zeigte, dass sie nun direkt auf dem gesuchten Ding hockte.

»Das ergibt doch keinen Sinn«, flüsterte sie verwirrt und drehte die Karte hin und her, falls sie die Zeichnung falsch gedeutet haben sollte. (Das konnte bei einer sich ständig verändernden Karte sehr leicht passieren.) Dann stand sie auf, drehte sich einmal um die eigene Achse und suchte dabei den Hügel mit seinen Felsbrocken und der ansonsten kahlen Erde ab. Inzwischen war alles in fahlgraues Licht getaucht. »Es war doch genau hier.«

Ganz bewusst versuchte Imelda die aufziehende Dunkelheit zu ignorieren, doch die Schatten lauerten wie gierige Raubtiere auf sie und warteten nur darauf, sie zu verschlingen, sobald die Sonne ganz untergegangen war. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit.

Mit einem frustrierten Seufzer wandte sie sich von der sinkenden Sonne ab und versuchte, aus den Angaben des Atlas schlau zu werden. Doch das gesuchte Ding hatte sich wieder bewegt und wurde nun hinter ihr angezeigt, leicht nach rechts versetzt. Befand es sich vielleicht in einem Fluss? Oder flog es, getragen von warmen Aufwinden? Wie konnte es sich überhaupt bewegen? Gereizt trat Imelda gegen einen kleinen Stein, der ein Stück in die Höhe flog und dann den Hügel hinab in den Abgrund kullerte.

»Ich habe keine Zeit für diesen Mist!«, rief sie zum Himmel hinauf.

Ratlos sah sie sich auf dem Hügel um, suchte nach Inspiration, entdeckte aber nur noch mehr Steine, Gestrüpp und Felsbrocken. Und …

Du wirst beobachtet!

Überrascht schnappte Imelda nach Luft und drückte sich eine Hand ans Herz, das einen hastigen Trommelwirbel improvisierte. Nur wenige Schritte oberhalb des Wanderweges war ein Mann auf dem Hügel erschienen. Und er starrte zu ihr herüber.

Was zum …?

Vollkommen reglos saß er dort, Imelda zugewandt, und hatte die Arme um die Knie geschlungen. Sie wusste einfach, dass er sie beobachtete.

Was er offenbar schon die ganze Zeit getan hatte, seit sie hier auf diesem Felsen hockte.

Ein ungutes Gefühl breitete sich in Imelda aus, ihre Kopfhaut begann zu kribbeln, und beunruhigende Gedanken schossen durch ihren Kopf.

Warum hat er sich nicht zu erkennen gegeben? Wer schleicht sich denn einfach so an?

Als klar wurde, dass Imelda ihn bemerkt hatte, stand der Mann auf. Er trug eine alte Jeans, ein T-Shirt und ein kariertes Flanellhemd, darüber einen offenen, braunen Wachsmantel. Auf seinem Kopf eine ausgebleichte, blaue Baseballkappe. Einen Moment lang blieb er reglos stehen, nur der Kragen seines Hemds bewegte sich im Wind. Seine Arme waren leicht abgespreizt, als wäre er noch unschlüssig, was er nun tun solle.

Sein Anblick löste ein beklemmendes Gefühl in Imelda aus, das sie aber nicht näher definieren konnte. Es lag nicht nur daran, dass der Mann sie beobachtet hatte, nein, da war noch etwas anderes. Etwas, das sie nicht benennen konnte, doch ihre Augen und ihr Gehirn reagierten merkwürdig auf seinen Anblick. Wenn überhaupt, ließ sich dieses Gefühl wohl am ehesten mit Seekrankheit vergleichen, auch wenn das überhaupt keinen Sinn ergab.

»Ich habe nichts gemacht«, sagte der Mann plötzlich beinahe weinerlich. »Ich habe dich nicht angestarrt.«

Doch, hast du. Eine Lüge. Deine ersten Worte sind direkt eine Lüge.

»Schon okay«, antwortete Imelda bewusst neutral.

Für den Bruchteil einer Sekunde senkte sie den Blick und musste plötzlich an eine Begegnung denken, die bereits viele Jahre zurücklag. Damals war sie noch eine junge Frau gewesen, allein in einer U-Bahn-Station in London, am Ende einer langen Nacht. Da war dieser Obdachlose gewesen, der anfangs wirklich nett gewesen war; ein fröhlicher Trunkenbold, der mit ihr gescherzt hatte. Doch dann, von einem Moment auf den anderen, hatte sich das geändert. Noch heute sah Imelda vor sich, wie aus seinem freundlichen Lächeln ein aggressives, gieriges Grinsen geworden war, bevor er sie vollkommen grundlos, ohne dass sie etwas getan hätte, angegriffen hatte, weil er davon ausging, dass er ihr Geld stehlen könne. Durch seine Freundlichkeit hatte er sie dazu gebracht, ihre Wachsamkeit abzulegen, und dann hatte er auf sie eingeschlagen, bis der starke Luftzug und das mechanische Quietschen der Bremsen die einfahrende Bahn angekündigt hatten. Imelda hatte nie vergessen, wie verletzlich und schwach sie sich in jener Nacht gefühlt hatte, als sie weinend dort auf dem Bahnsteig lag, während ihr Angreifer die Flucht ergriff. Und nun, hier auf diesem einsamen Wanderweg, mit diesem merkwürdigen Mann, der sie beobachtet hatte und dessen Anblick sie seekrank werden ließ, wurde sie wieder von dieser grauenvollen Verwundbarkeit heimgesucht.

Du bist allein, dein Auto ist eine Stunde entfernt, und es wird gleich dunkel. Mit diesem Kerl stimmt etwas nicht. Wo bist du da nur reingeraten, Imelda?

Wieder meldete sich der Mann zu Wort: »Ich war zuerst hier.«

Imelda versuchte sich an einem gelassenen, freundlichen Nicken, obwohl ihr das Adrenalin in die Adern schoss. »Natürlich«, antwortete sie ihm. »Ich weiß. Tut mir leid.«

Mit ungelenken Schritten kam der Mann den Hügel hinunter und blieb vor Imelda stehen. Diese wich vor ihm zurück und versuchte in seinem Gesicht zu lesen, während ihr Körper sie anflehte, einfach wegzulaufen.

Okay, wohl eher weghumpeln. In deinem Zustand wirst du sicher nicht mehr rennen. Du bist sowieso nicht schneller als er, oder?

Unter der Kappe war ein längliches, schmales Gesicht zu erkennen, stark gebräunt und wettergegerbt, als würde der Mann viel Zeit im Freien verbringen. Seine dunklen Augen waren ständig in Bewegung, huschten rastlos umher und wichen Imeldas Blick aus. Er wirkte jünger als sie, Anfang vierzig vielleicht, allerdings war das schwer zu sagen. Doch unter der Kappe war nur braunes Haar zu sehen, ohne eine Spur von Grau, und seine Wangen waren mit dunklen Bartstoppeln bedeckt. Eigentlich war mit ihm alles in Ordnung, man hätte ihn sogar als recht attraktiv bezeichnen können.

Und doch …

Der Gedanke, dass dieser Mann sie unbemerkt beobachtet hatte, jagte Imelda einen kalten Schauer über den Rücken. Was hätte er wohl getan, wenn sie ihn nicht wahrgenommen hätte? Und warum war er überhaupt ganz allein hier draußen unterwegs, kurz vor Einbruch der Dunkelheit?

»Ich habe dich nicht angestarrt«, wiederholte er nun und sah Imelda für den Bruchteil einer Sekunde an, bevor er den Blick wieder abwandte.

Verschlagen sieht er aus. Ja, genau das ist es. Verschlagen.

»Ich glaube dir«, log sie schnell.

Nun blieb der Blick des Mannes an Imeldas Tasche hängen, die wie ein schlaffer Fußball auf der Erde lag. Anschließend musterte er sie von Kopf bis Fuß, jedoch völlig emotionslos, wie ein Schneider, der die Maße seines Modells abschätzt. Imelda schauderte. Gleichzeitig versuchte ihr Verstand verzweifelt, gegen das immer stärker werdende Unwohlsein anzukämpfen und herauszufinden, was ihre Sinne so durcheinanderbrachte.

Er hat das verlorene Artefakt!

Die Erkenntnis kam wie aus dem Nichts, und plötzlich ergab alles einen Sinn. Der Atlas hatte sie zu dem gesuchten Gegenstand geführt, und der Mann war die ganze Zeit in der Nähe gewesen. Er musste das Ding haben, vermutlich in einer seiner Taschen. Bestimmt löste das Artefakt dieses Unwohlsein in ihr aus.

Doch diese eine Antwort führte zu noch mehr Fragen und beängstigenden Überlegungen.

Um was für einen Gegenstand handelt es sich? Was hat er damit vor? Was könnte er dir antun, Imelda?

Wieder wich sie einen Schritt zurück, nun aus Furcht vor dem unbekannten Artefakt, das sich im Besitz dieses merkwürdigen Mannes befand. Sie würde jetzt einfach ihre Tasche nehmen, sich entschuldigen und gehen. Allerdings kniff der Mann schon bei der ersten Bewegung die Augen zusammen, und dieser Hauch von Mimik, der über sein Gesicht zog wie eine Wolke vor die Sonne, verstärkte ihr ungutes Gefühl um ein Vielfaches. Zu groß war die Ähnlichkeit zu dem Stimmungsumschwung im Gesicht des Obdachlosen vor all den Jahren, kurz bevor sie angegriffen worden war.

Es passiert wieder!

Auf einen Schlag befreite sich ihre Angst von den Fesseln, die Imelda ihr bis jetzt mühsam aufgezwungen hatte, und jeder vernünftige Gedanke verflüchtigte sich. Nun traf ihr Körper die Entscheidungen, und er ließ sie hastig zwei Schritte rückwärts machen, hin zu ihrer Tasche. Allerdings traf ihr Fuß beim zweiten Schritt auf Leere, wo eigentlich fester Boden hätte sein sollen.

Scheiße!

Sofort erkannte sie ihren Fehler und keuchte auf. Sie geriet aus dem Gleichgewicht, drohte nach hinten zu kippen. Automatisch begann sie mit den Armen zu rudern, um irgendwo Halt zu finden, sodass ihr der Atlas der Verlorenen Dinge entglitt und wie ein eifrig Flugübungen betreibender Babyvogel im Wind flatterte. Der Mann riss überrascht Mund und Augen auf. In dem Moment, als Imelda unaufhaltsam kippte, sprang er vor und streckte seine dicken, schmutzigen Finger nach ihr aus, als wollte er sie packen. Imelda empfand Ekel bei dem Gedanken, dass er sie berühren könnte, selbst wenn sie so vor dem Sturz bewahrt würde. Seine Fingerspitzen glitten über ihre Kleidung und erwischten die Kette des Kruzifixes, das um ihren Hals hing – eben jenes Kreuzes, das sie Wochen zuvor in Rom gefunden hatte. Imelda spürte, wie sich die Kette in ihren Nacken grub, als sie ihr Gewicht abfing. Eine Mischung aus Ungläubigkeit und Erleichterung durchströmte sie. Dann hörte sie ein leises Klink, die Kette riss, und Imelda schwebte für einen Moment haltlos in der Luft, bevor sie in die Schatten des mit Felsen übersäten Abgrundes stürzte.

Eine Erinnerung zog vor ihren Augen vorbei: der Moment, als sie das letzte Mal geflogen war, vor vielen Jahren, mit der lächelnden Magda an ihrer Seite. Dann schlug Imeldas Schädel nach einem sechs Meter tiefen Sturz auf einem Felsen auf. Sie war sofort tot.

Was sie auch fast zwei Jahre lang bleiben sollte.

Erster Teil

Abenteuer einer elektrisierenden Nacht

Magda Sparks’ Lieblingsort (2025)

Magda Sparks’ Lieblingsort befand sich in der Bell Street 114 in Marylebone, London, einem unspektakulären Stadthaus der Georgianischen Ära, das sich in keiner Weise von vielen anderen in dieser Straße unterschied.

Das Erdgeschoss und die beiden darauffolgenden Etagen dieses Hauses beherbergten ein Antiquariat mit dem Namen Bell Street Books. In den Räumlichkeiten des Ladens zierten die deckenhohen Regale nicht nur sämtliche Wände, sondern hatten sich auch, wo nur irgend möglich, auf den alten Holzdielen breitgemacht. Jede verfügbare Ecke war mit Büchern vollgestopft, von Hardcoverausgaben und Alben über vergilbte, brüchige Taschenbücher bis hin zu Comic-Klassikern, deren Farben bereits ziemlich unter ihrem Alter gelitten hatten. Eigentlich bestand der Laden mehr aus Büchern denn aus Ziegeln, was in Magdas Augen umso besser war. Unzählige Stunden hatte sie hier in selbst gewählter Einsamkeit verbracht und dabei manch einen verloren geglaubten Roman wiederentdeckt, manchmal sogar mit handgeschriebenen Notizen an den Rändern oder auf dem Titelblatt, verblasste Tinten- und Bleistiftspuren von längst verstorbenen Menschen. Doch so sehr sie den Laden auch liebte, es war nicht das Antiquariat, das die Bell Street 114 für sie so besonders machte.

Das oberste Stockwerk war zu einer Wohnung umgebaut worden, in der Frank Simpson lebte, der Eigentümer des Buchladens, und zwar schon seit Magda ihn kannte. Für sie war Frank das, was einem Vater am nächsten kam. Wie ihre Mutter es einmal formuliert hatte, war Magda das wunderbare Ergebnis einer recht durchschnittlichen und alkoholisierten, anonymen Begegnung und deshalb allein (und ihrer Meinung nach äußerst erfolgreich) von ihrer Mutter Imelda großgezogen worden. Doch Imelda hatte Bücher immer geliebt und während Magdas Kindheit regelmäßig das Antiquariat aufgesucht, wodurch auch in Magda bereits in jungen Jahren die Liebe zum geschriebenen Wort geweckt wurde. Oft hatte Imelda ihre Tochter an den Wochenenden auf einen Milchshake und ein Stück Kuchen in ein nahe gelegenes Café ausgeführt, oder auf ein Eis von einer der gut besuchten Buden in Covent Garden, wo sie die Touristen beobachteten. Anschließend hatten sie dann stets in der Bell Street vorbeigeschaut und sich neue Bücher besorgt. Und immer war Frank da, sortierte Bücher ein oder saß lesend hinter dem alten Schreibtisch, den er als Ladentheke nutzte. Betraten Magda und ihre Mutter den Laden, begann er zu strahlen. Er ließ Magda auf seinen Knien reiten und nannte sie wegen ihrer feuerroten Haare nur Sparks, oder er sah ihr voller Freude dabei zu, wie sie in seinem Laden umherstreifte und nach Büchern und Comics suchte.

»In einem Buchladen darf es nicht still und ernst zugehen!«, verkündete er voller Überzeugung, wenn sich Kunden über Magdas Ausgelassenheit beschwerten. »Das hier ist doch keine Bibliothek! Dies ist ein Ort voller Geschichten und Abenteuer, hier dürfen Kinder so laut sein, wie sie wollen!«

Manchmal besuchten Magda und ihre Mutter Frank auch in seiner Wohnung, dann bekam sie Kuchen oder Schokolade aus einem Schrank, den er mit einem verschmitzten Zwinkern in ihre Richtung als Magdas magische Vorratskammer bezeichnete. Später dann, als Magda ihr Jurastudium aufgenommen hatte und in einem Studentenwohnheim lebte, besuchte sie ihn einmal pro Woche, und sie unterhielten sich, aßen zusammen oder spielten Brettspiele, während im Hintergrund sein altes Radio lief. Frank lebte allein, trotzdem strahlte seine Wohnung nie Einsamkeit aus – im Gegenteil, sie war gemütlich und einladend. Tischlampen schufen honiggelbe Lichtkreise in den Ecken, die weichen Sessel fühlten sich an wie die Umarmung eines alten Freundes. Die Mansardenfenster boten einen herrlichen Ausblick über die Dächer von Marylebone, und als junges Mädchen hatte Magda oft dort gesessen und die erdbeerroten Doppeldeckerbusse beobachtet, die weit unter ihr durch die Straßen fuhren. Sowohl als Kind als auch als Erwachsene hatte sie viele glückliche Momente in Franks Wohnung erlebt. Aber nicht einmal das machte die Bell Street 114 zu ihrem liebsten Ort auf Erden.

Denn unter Bell Street Books befand sich, geschickt vor der Welt verborgen, ein Kellergeschoss. Zu Zeiten von König George oder Königin Victoria hatten dort unten die Dienstboten gelebt, die so hart für die reichen Londoner schufteten, die in den oberen Stockwerken residierten. Anfang des 20. Jahrhunderts war das Erdgeschoss dann zu einer Schneiderei geworden, und der Keller diente als Lagerraum für Stoffe, Wolle und Materialreste. Im Laufe des Jahrhunderts wurde aus der Schneiderei ein Buchladen, und irgendwann hatte der Keller einen ganz neuen Daseinszweck bekommen. Und genau dieser Keller war der Grund, warum die Bell Street 114 Magda Sparks’ Lieblingsort geworden war.

Denn in seinen Wänden barg er ein unfassbares Geheimnis, das ihn zu einer Stätte voller Rätsel und Magie machte.

Hier traf sich DieGesellschaft für magische Objekte.

Eine außerordentliche Sitzung

Seit Magda Mitglied geworden war, hatte sich die Gesellschaft für magische Objekte stets zweimal im Jahr getroffen, jeweils Ende April und Ende Oktober. Als dienstältestes Mitglied und Vorsitzender konnte Frank Simpson jederzeit Sitzungen einberufen, was er jedoch nie getan hatte – bis zu jenem sonnigen Morgen im Herbst, zehn Jahre, nachdem Magda der Gesellschaft beigetreten war.

»Ich muss eine Sitzung einberufen.« Franks Anruf hatte Magda beim Frühstück erwischt. »Heute Abend.«

»Heute?«, fragte sie überrascht, den Teebecher in der einen Hand und das Telefon in der anderen. Adrenalin schoss durch ihren Körper. »Eine Sitzung?«

»Ja«, bestätigte Frank. »Kannst du kommen? Oder hast du zu tun?«

Magda war Romanautorin, und da sie gerade erst die letzte Durchsicht ihres siebten Buches abgeschlossen hatte, waren für den heutigen Tag eigentlich nur ausgedehnte Lesestunden mit Tee in ihrem gemütlichen Wohnzimmer geplant gewesen; wenn möglich, größtenteils im Pyjama. Nein, sie hatte nicht viel zu tun. »Natürlich komme ich«, sagte sie deshalb zu. »Aber warum treffen wir uns denn?«

»Das sage ich euch, wenn ihr hier seid. Ein paar Stunden kann es noch warten.«

Keine sonderlich hilfreiche Antwort, aber auch keine unerwartete.

Magda wohnte in der Norfolk Road im Stadtteil St John’s Wood in einer frei stehenden Tudor-Gothic-Revival-Villa, die irgendwann in den 1830ern erbaut worden war. Ein Haus dieser Preisklasse hätte sie sich von ihren Autoreneinkünften niemals leisten können, doch zum Glück hatte sie es – zusammen mit einem ziemlich üppigen Vermögen – von ihrer Mutter geerbt. Neben vielen anderen Dingen wie dem Platz, den großen Fenstern, dem Garten mit den alten Bäumen und der Tatsache, dass jeder einzelne Raum glückliche Kindheitserinnerungen barg, liebte Magda vor allem die Lage ihres Heims, denn es war nur eine kurze U-Bahn-Fahrt vom Bell Street Books entfernt. Deshalb stattete sie Frank regelmäßig Besuche ab, etwa zum Abendessen oder einfach auf ein Schwätzchen, aber auch, um im Laden zu stöbern. Heute beschloss Magda, sich zu Fuß auf den Weg zu machen, da sie seit dem Anruf beim Frühstück von nervöser Energie getrieben wurde, die sich so vielleicht etwas eindämmen ließ.

Deshalb verließ sie frühzeitig das Haus und schlenderte gemütlich durch die in warmes Herbstlicht getauchte Stadt. Lange Schatten ergossen sich wie verschüttete Tinte über die Bürgersteige, und in den Baumkronen zeigten sich erste goldene Blätter, was sie zusammen mit dem in den unteren Regionen verbliebenen grünen Laub wie in Karamell getauchte Äpfel aussehen ließ. Schon als Magda sich dem Buchladen näherte, entdeckte sie Frank hinter der Scheibe. Wie eine alte Eule hockte er hinter seinem Tisch, die Nase in einem leicht ramponierten Buch vergraben. Er hatte seinen schmalen Körper merkwürdig in den Sessel gefaltet, die Beine ragten in schrägen Winkeln in die Höhe. Auf dem Regalbrett hinter ihm standen nicht nur seine Erstausgaben und andere kostbare Exemplare, sondern auch eine vollständige Sammlung von Magdas Romanen, alle sechs mit dem Cover zum Laden ausgerichtet. Diese Präsentation wärmte Magda das Herz, war sie doch der sichtbare Beweis dafür, wie stolz der alte Buchhändler auf ihren Erfolg als Schriftstellerin war. Als sie sich der Ladentür näherte, blickte Frank auf und winkte sie herein. Im Laden war es nach dem sonnigen Tag etwas stickig, doch vor allem war er von dem tröstlichen Geruch alter Bücher erfüllt.

»Sparks!«, rief Frank erfreut und stemmte sich aus seinem Sessel hoch. Wie immer war er gekleidet wie ein altmodischer Lehrer: burgunderroter Pullover mit V-Ausschnitt über Anzughemd und Krawatte, dazu eine braune Cordhose und ebenfalls braune, praktische Schuhe. Sein kurz geschnittenes graues Haar war ordentlich gekämmt, und die Augen hinter seiner Brille funkelten fröhlich, als er sich nun zwischen dem Tisch und einem bedenklich hohen Bücherstapel an der Wand hindurchquetschte. Frank war groß und Magda klein, weshalb ihre Wange an seinen Pulli gedrückt wurde, als er sie umarmte. Der Duft seines Weichspülers weckte Erinnerungen an unzählige gemeinsam verbrachte Stunden. Gleichzeitig spürte Magda aber auch durch seine Kleidung, wie dünn er war.

Nur Ecken und Kanten, kein Gramm Fett an ihm. Es fühlt sich an, als würde man ein Bügelbrett umarmen. War er schon immer so gewesen?

»Du hast es geschafft!«, stellte Frank erfreut fest, als er sich von ihr löste.

»Klar doch«, raunte sie verstohlen, um dann lauter fortzufahren: »Was soll ich denn bitte schön sonst tun, wenn du eine außerordentliche Sitzung einberufst? Worum geht es denn nun eigentlich?«

Frank winkte ab und schob sich wieder hinter seinen Tisch. »Du wirst dich noch gedulden müssen«, mahnte er und wich ihrem fragenden Blick aus. »Geh schon mal nach unten, ich komme gleich nach.« Damit setzte er sich, überschlug die Beine und griff nach seinem Buch – was nun wirklich nicht den Eindruck machte, als würde er sich so bald wieder von seinem Platz wegbewegen. »Ich muss erst noch den Laden abschließen.«

»Das sieht nicht so aus, als wolltest du abschließen«, widersprach Magda, versuchte aber, sich ihre Irritation nicht anmerken zu lassen. »Du hast es dir ja gerade erst wieder gemütlich gemacht.«

Achselzuckend erwiderte er: »Ich will das Kapitel noch fertig lesen.«

Da sie hier offenbar keine Antworten bekam und die Sache endlich angehen wollte, öffnete Magda die Tür hinten in der Ecke und trat hindurch. Von einem engen Kabuff aus führte hier eine alte, ausgetretene Treppe zu einer hölzernen Tür hinunter. Auch sie wirkte alt, doch Magda wusste, dass sie mit Stahl verstärkt war. An der Wand daneben hing ein auffällig modernes Tastenfeld; man brauchte einen Code, um die Tür zu öffnen. Am Fuß der Treppe angekommen, tippte Magda die sechs Zahlen ein und wartete, bis sich das magnetische Sicherheitsschloss öffnete. Wie immer stieg dabei kribbelnde Vorfreude in ihr auf wie das Summen einer vibrierenden Gitarrensaite. Genauso hatte sie sich auch zehn Jahre zuvor gefühlt, als sie diesen Raum zum ersten Mal betreten hatte.

Als sich die Tür öffnete, sah Magda, dass Will Pinn bereits da war; er saß an dem großen, runden Tisch in der Mitte des Raumes und starrte auf seine verschränkten Hände. Als sie eintrat, blickte er kurz hoch. »Magda.« Ein verhaltenes Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Hallo, Will«, entgegnete sie. Er stand auf, und sie umarmten sich kurz. Will war kein großer Freund von so viel Nähe, schien für Magda aber immer eine Ausnahme zu machen.

»Wie läuft es so bei dir?«, fragte sie ihn, da sie davon ausging, dass er ebenso wenig über den Grund dieses Treffens informiert war wie sie.

Will nickte. »Sehr gut, vielen Dank. Und selbst?«

»Ach ja.« Lächelnd stellte sie fest: »Alles bestens, wie immer.«

Will war Uhrmacher und hatte einen kleinen Laden in einer ruhigen Seitenstraße zwischen Marylebone und Mayfair. Ein Beruf, der Magdas Ansicht nach perfekt zu Wills Charakter passte. Er war sehr introvertiert und schien sich lieber mit einer kniffligen Aufgabe irgendwo einzusperren, als sich mit der unberechenbaren Spezies Mensch zu beschäftigen. Klein und schlank war er, mit blauen Augen, Metallrahmenbrille und dünnem, blondem Haar. Dazu kam der bleiche Teint eines Menschen, der zu viel Zeit in künstlichem Licht verbringt. Magda wusste, dass er eine Vorliebe für die feineren Dinge des Lebens hegte: So trank er ausschließlich teuren, selbst gemahlenen Kaffee und bevorzugte Speisen aus Londons besten Delikatessenläden. Obwohl er nur selten das Haus verließ, trug er stets maßgeschneiderte Anzüge, die für ihn eine Art Schutzschild bildeten gegen die irrationale und deshalb ungewisse Welt dort draußen. Will gehörte der Gesellschaft schon etwas länger an als Magda, er trat ihr nach dem Tod seines Vaters bei, einige Jahre vor dem Tod von Magdas Mutter Imelda. »Was macht das Autorendasein?«, erkundigte er sich nun, während Magda sich einen Platz suchte.

»Ganz prima.« Sie zuckte kurz mit den Schultern. »Ich habe gerade mein nächstes Buch fertiggestellt, es soll Ende nächsten Jahres erscheinen.«

Will nickte bedächtig, als hätte er damit eine äußerst wertvolle Information erhalten. Allerdings bezweifelte Magda, dass er jemals eines ihrer Bücher gelesen hatte. Sie schrieb Thriller und Abenteuergeschichten – unter dem Pseudonym Miranda Hepworth –, und Will hatte einmal erwähnt, dass er eigentlich nur Sachbücher las, bevorzugt über wissenschaftliche oder technische Themen. Ohne es zu wollen, war er ihr ordentlich auf die Füße getreten, als er ihr erklärt hatte: »Ich mag keine ausgedachten Geschichten.«

»Weißt du denn, wobei es bei diesem Treffen gehen soll?«, erkundigte er sich nun bei ihr.

Magda schüttelte den Kopf. »Frank hat nichts verraten.« Sie hängte ihren Mantel über die Stuhllehne. »Offenbar keinem von uns. Aber es kann sich ja eigentlich nur um Henrietta drehen, oder?«

Irritiert runzelte Will die Stirn. »Henry«, murmelte er beinahe überrascht; anscheinend hatte er schon lange nicht mehr an sie gedacht.

Henrietta Wiseman – kurz Henry genannt – war das vierte Mitglied der Gesellschaft, hatte aber seit drei Jahren nicht mehr an den Sitzungen teilgenommen. Niemand hatte etwas von ihr gehört, niemand wusste, wo sie sich aufhielt, doch Frank lehnte es ab, sie zu ersetzen, auch wenn sie sich niemals blicken ließ.

»Als Henry nicht mehr gekommen ist, hat er doch auch kein Treffen einberufen«, gab Will zu bedenken. »Warum also jetzt? Es hat noch nie eine außerordentliche Sitzung gegeben, Magda. Noch nie. Nicht einmal wegen Henry.«

Die leise Besorgnis in seiner Stimme drohte auf sie überzuspringen. »Es muss aber um Henry gehen«, beharrte sie, wohl auch, um sich selbst zu überzeugen.

Ihr Blick wanderte zu dem leeren Platz hinüber, auf dem Henrietta immer gesessen hatte. Plötzlich wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihr fehlte. Obwohl Henrietta bestimmt zwanzig Jahre älter war als Magda, war sie stets von einer Energie erfüllt gewesen, wie man sie sonst nur bei wesentlich jüngeren Menschen fand: eine charismatische Persönlichkeit, frech und so respektlos, aber stets mit einem entwaffnenden Lächeln auf den Lippen und einem Funkeln in den Augen, das ihr die Nachsicht ihrer Mitmenschen sicherte. Seit Henrietta nicht mehr an den Sitzungen der Gesellschaft teilnahm, machten sie deutlich weniger Spaß.

»Ich wüsste einfach nicht, was es sonst sein könnte«, fuhr Magda fort. »Vielleicht hat Frank ja etwas von ihr gehört?«

Will nickte, doch er schien nicht ganz bei der Sache zu sein. Rastlos klopfte er mit den Fingerspitzen der einen Hand auf den Knöcheln der anderen herum. Mit einem enttäuschten Seufzer fügte sich Magda der Tatsache, dass auch Will zu der Frage, warum sie hierherbestellt worden waren, nichts Erhellendes beitragen konnte. Sie ließ ihren Blick durch den Raum schweifen und vergewisserte sich, dass hier alles in Ordnung war. Der große, rechteckige Kellerraum wurde von summenden Neonröhren an der Decke beleuchtet. Wie auch im Laden über ihnen ragten deckenhohe Regale an den Wänden auf, die hier allerdings nicht nur mit Büchern gefüllt waren. Auf den Regalbrettern fanden sich Schachteln und Dosen, allerlei Krimskrams und mehrere Papierstapel, insgesamt eine wilde Mischung aus halb vergessenen, kaputten oder verlegten Alltagsgegenständen.

An einer Wand war zwischen den Regalen ein kleiner Tisch untergebracht, auf dem ein Wasserkocher, eine Kaffeemaschine und eine Dose mit Keksen bereitstanden. Unter dem Tisch summte ein kleiner Kühlschrank vor sich hin, an der Wand darüber hingen diverse Fotografien, alles Bilder ehemaliger oder aktueller Mitglieder der Gesellschaft. Ein besonders großes zeigte Magda und ihre Mutter; es war nur ein Jahr vor Imeldas Tod aufgenommen worden. Am gegenüberliegenden Ende des Raumes war ein Teppich ausgelegt, auf dem mehrere alte Sessel und ein Couchtisch eine kleine Sitzgruppe bildeten. Hier hing eines von Imeldas Landschaftsbildern. Alles in allem war dieser Keller durchaus gemütlich, da der funktionale Raum durch den Krimskrams, die Möbel und natürlich die vielen Erinnerungen ein eigenes Flair bekam. Doch wie schon bei der stahlverstärkten Tür gab es auch hier ein Geheimnis, das nicht so leicht entdeckt werden konnte. Das wichtigste Element des Kellers blieb im Verborgenen: Drückte man auf einen versteckten Schalter, schwang eines der Bücherregale zur Seite und gab eine Nische frei. Selbst Magda hatte diese Nische erst wenige Male zu Gesicht bekommen, und niemals wieder so ausgiebig wie an jenem Tag vor zehn Jahren, als sie in die Gesellschaft aufgenommen worden war.

Aber wenn nun eine außerordentliche Sitzung stattfand … Vielleicht …

Und wenn es nicht um Henry geht, sondern um etwas ganz anderes? Etwas richtig Aufregendes?

Wie Feuerwerk schossen die unterschiedlichsten Möglichkeiten durch ihren Kopf, bis sie entschlossen den Kopf schüttelte, um diesen kindischen Träumereien Einhalt zu gebieten. Um sich abzulenken, ging sie zu dem Tischchen hinüber und machte ihnen etwas zu trinken.

»Bitte schön«, sagte sie wenig später, als sie Will ungefragt einen Kaffee servierte. Während er das Getränk misstrauisch beäugte, legte Magda ihm noch zwei Kekse hin. »Trink das.«

Brav nippte Will an seinem Becher und rang sich ein freundliches Lächeln ab, während Magda ihren Becher nahm und auf ihren Platz zurückkehrte. »Herrlich«, beteuerte er mit einer Miene, die genau das Gegenteil besagte.

Die Tür zur Treppe öffnete sich, und Frank erschien. Sofort beschleunigte sich Magdas Herzschlag; nun würde das Treffen endlich beginnen. Dabei wusste sie gar nicht, ob sie sich nun freuen oder besorgt sein sollte. Diese Unsicherheit erinnerte stark an die grauenvolle Nervosität vor Prüfungen: Habe ich genug gelernt? Werde ich durchfallen? Bin ich bereit?

»Gut«, begann Frank, während er die Tür mit einem entschlossenen Ruck hinter sich zuzog und zu seinem Platz ging. »Der Laden ist geschlossen, ich habe das Kapitel beendet, und wir sind alle hier.« Er musterte sie abwechselnd und schob sich dabei die Brille höher auf die Nase. »Kommen wir gleich zum Wesentlichen.«

Frank war nicht mehr der Jüngste, und bei jedem ihrer Besuche schien er Magda stärker gealtert zu sein. Schon immer hatte er gerne lange, ausschweifende Geschichten erzählt, in letzter Zeit verlor er dabei aber immer öfter den Faden. Mehr als einmal hatte Magda miterlebt, wie er sich selbst in eine Sackgasse geredet hatte, ohne hinterher zu wissen, wie er dort hingekommen war. Bei den letzten Treffen der Gesellschaft schien er oft gedanklich abzudriften, fast so, als würde er kurz einnicken. Sie hatte es registriert, ohne etwas zu sagen, war aber jedes Mal erleichtert gewesen, wenn er plötzlich wieder ganz da war und zu dem Mann wurde, den sie schon so lange kannte: warmherzig, einnehmend, voller Geschichten, Geheimnisse und Erkenntnisse, eben einfach der Vorsitzende der Gesellschaft. Die Vorstellung, dass Frank irgendwann nicht mehr dazu in der Lage sein könnte, die Gesellschaft zu leiten, dass er irgendwann überhaupt nicht mehr da sein würde, war für Magda unerträglich. Diese finsteren Gedanken schob sie jedes Mal weit von sich. Doch genau solch dunkle Gedanken stahlen sich nun in ihren Kopf, während sie an ihrem Tee nippte und sich erneut fragte, warum Frank sie so überraschend hier versammelt hatte.

»Was ist los, Frank?«, wollte Will beinahe flehend wissen. »Eigentlich sollte die nächste Sitzung doch erst in einem Monat stattfinden.«

»Geht es um Henrietta?«, fragte Magda, noch bevor Frank antworten konnte.

»In drei Wochen«, korrigierte Frank an Will gewandt. »Wir hätten uns in drei Wochen getroffen, nicht erst in einem Monat.«

Irritiert sah Will ihren Vorsitzenden an. »Okay, dann eben in drei Wochen. Was kann denn bitte schön passiert sein, das ein sofortiges Treffen erforderlich macht? Es passiert schließlich nie irgendetwas, Frank.«

Skeptisch wiegte Frank den Kopf. »Manchmal passiert sehr wohl etwas.«

»Nein«, beharrte Will. »Es passiert nie etwas. Und es gibt auch nie etwas zu besprechen. Wir kommen her, trinken Kaffee und essen billige Kekse.« Wie zum Beweis hielt er das Gebäck in die Höhe, das Magda ihm gegeben hatte. »Anschließend verkünden wir einstimmig, dass alles in Ordnung ist, und gehen wieder nach Hause.«

In Magda regte sich Widerstand gegen Wills trotzigen Tonfall. Er sollte Frank besser erst einmal ausreden lassen.

»Ich mag diese Kekse«, merkte Frank an.

»Und ein halbes Jahr später wiederholt sich das Ganze«, fuhr Will fort. »Was in Ordnung ist. Mit dieser Routine komme ich klar, sie ist vorhersehbar. Aber so kurzfristig eine Sitzung einzuberufen – das ist noch nie passiert. Das finde ich beunruhigend.«

»Lass ihn doch erst einmal reden.« Magda konnte sich einen Kommentar nicht länger verkneifen.

Will warf ihr einen bösen Blick zu, dann starrte er wieder vor sich auf die Tischplatte.

»Ich wollte dich nicht beunruhigen, Will«, versicherte Frank und drückte beschwichtigend seinen Arm. Sofort hatte Magda ein schlechtes Gewissen, weil sie Will so angefahren hatte. »Das tut mir leid.«

»Na ja … ist schon okay«, murmelte Will.

»Leider hatte ich keine andere Wahl«, sagte Frank daraufhin mit ernster Miene. »Und es geht hierbei nicht um Henrietta, ihr momentaner Aufenthaltsort ist noch immer ein Rätsel.« Wieder huschte Magdas Blick zu dem leeren Platz auf der anderen Seite des Tisches. Natürlich war es enttäuschend, nichts Neues über ihre Freundin zu erfahren, doch … Wenn es bei diesem Treffen nicht um Henrietta ging, worum dann?

»Heute geht es um ein vollkommen anderes Thema«, begann Frank erneut.

Magda nahm sich einen Keks und biss hinein, einfach um etwas zu tun zu haben. Ihr ganzer Körper kribbelte vor Nervosität. Einen Moment lang stand Frank schweigend da, sein Blick wurde leer. Am liebsten hätte Magda ihn geschüttelt, damit er weitersprach.

Endlich fuhr er fort: »Es ist nun fast vierzig Jahre her, seit ein Artefakt in unserem Mechanischen Schrank hinterlegt wurde. Ihr beide habt damals der Gesellschaft noch nicht angehört, und ich war noch jung.« Scheinbar verblüfft über die Erkenntnis, wie schnell die Zeit verging, schüttelte Frank den Kopf. »Vierzig Jahre lang haben wir gewartet, haben das Archiv beschützt und dafür gesorgt, dass alles in Sicherheit ist. Und haben dabei stets Ausschau gehalten nach Dingen, die wir der Sammlung hinzufügen könnten.«

»Was willst du uns sagen?« Fordernd sah Will ihren Vorsitzenden an.

Magda hingegen ahnte bereits, worauf Frank hinauswollte, und starrte ihn ungläubig an.

»Wir haben ein Objekt gefunden«, verkündete Frank lächelnd. Für Magda klang das so, als könnte er es selbst noch nicht ganz fassen. »Nach vierzig Jahren hat sich zum ersten Mal wieder ein Objekt gezeigt.« Er neigte kurz den Kopf. »Wahrscheinlich.«

Magda wusste nicht, was sie sagen sollte. Einen Moment lang war nur das Summen des Kühlschranks zu hören, während Will wortlos zu Frank hinübersah. Seine Augenbrauen hatten beinahe seinen Haaransatz erreicht.

»Du machst Witze«, erwiderte Magda schließlich, auch wenn sie wusste, dass dem nicht so war. Frank scherzte nicht, wenn es um die Aufgabe der Gesellschaft ging.

»Keineswegs.« Frank beugte sich vor. »Wir müssen handeln. Dass wir es vierzig Jahre lang nicht tun mussten, bedeutet nicht, dass wir nun unsere Pflichten vernachlässigen dürfen. Deshalb habe ich euch herbestellt.« Er sah Will an. »Deshalb haben wir all die sinnlosen Treffen der vergangenen Jahre abgehalten. Weil wir wussten, dass wir eines Tages wieder gebraucht werden würden.«

Seine Worte lösten etwas in Magda aus, und sie nickte.

Die Gesellschaft für magische Objekte war achtzig Jahre zuvor mit einem einzigen, klaren Ziel gegründet worden: um die geheimen magischen Objekte dieser Welt zu sammeln, zu beschützen und weiterhin im Verborgenen zu halten. Vierzig Jahre lang war kein neues Artefakt aufgetaucht, und in der Welt der magischen Dinge hatte Frieden geherrscht. Die Sammlung der Gesellschaft hatte ungestört in ihrer verborgenen Nische hinter dem Bücherregal geruht.

»Anscheinend befindet sich das magische Artefakt in Hongkong«, erklärte Frank mit einem entschlossenen Nicken. »Und wir müssen etwas unternehmen, bevor es in die falschen Hände gerät.«

Der Mechanische Schrank

»Es handelt sich um eine Schachfigur aus Elfenbein«, fuhr Frank fort. »Um einen Turm.«

»Und was bewirkt sie?« Gespannt beugte Magda sich vor. Sie musste es einfach wissen. Wie immer, wenn ihm eine Frage nicht gefiel, runzelte Frank unwillig die Stirn.

Alle magischen Objekte bewirkten irgendetwas. Sie waren Alltagsgegenstände, die ihrem Besitzer ungewöhnliche oder außerordentliche Dinge ermöglichten. Im Laufe der Geschichte ihrer Gesellschaft waren mehrere solcher Gegenstände entdeckt und identifiziert worden, teils durch gemeinschaftliche Anstrengungen, teils durch Zufall, wenn jemand unter unerwarteten Umständen oder an ungewöhnlichen Orten quasi über sie stolperte. Und diese Sammlung, das sogenannte Archiv der Gesellschaft, lagerte gut versteckt im Keller unter dem Buchladen, sicher verborgen vor dem Rest der Welt.

»Ich weiß es nicht«, gab Frank zu. »Doch es ist auch nicht wichtig, was sie bewirkt.«

Für einen Menschen, dessen Aufgabe es war, magische Artefakte zu bewachen, war Frank erstaunlich wenig an ihren Kräften interessiert. Magda war das ein Rätsel. Wie konnte man denn nicht neugierig sein auf Magie? Schon oft hatte sie sich gedacht: Wäre sie im Besitz einer ganzen Sammlung magischer Gegenstände, würde sie ihre gesamte Zeit darauf verwenden, sie zu studieren und mit ihnen zu experimentieren. Ganz sicher würde sie diese Sachen nicht einfach bloß wegsperren.

»Wie haben wir überhaupt davon erfahren?«, fragte Will skeptisch.

Frank lehnte sich zurück und seufzte schwer; für Magda klang das, als würde sein alter Körper so seine Erschöpfung kundtun. »Das ist auch ein Grund, warum wir heute hier sind. Jemand hat gegen die Geheimhaltungsregel der Gesellschaft verstoßen.«

»Wie bitte?« Magda schnappte nach Luft.

Die Gesellschaft für magische Objekte war in den 1940ern von Arthur Simpson – Franks Großvater – und drei seiner Freunde gegründet worden, und das unter strengster Geheimhaltung. Seitdem war das Geheimnis nur innerhalb der vier Familien weitergegeben worden. Also sollten nicht mehr als vier Menschen von der Existenz der Gesellschaft wissen. Arthur Simpson hatte den Gegenständen die Bezeichnung »magische Objekte« gegeben, außerdem hatten seine Freunde und er vier Grundregeln für die Arbeit der Gesellschaft aufgestellt. Vier Regeln, die Frank ihnen auch heute noch regelmäßig ins Gedächtnis rief:

ERSTENS: Die magischen Objekte der Sammlung müssen von der Gesellschaft vor all jenen bewahrt werden, die sie benutzen wollen.

ZWEITENS: Die magischen Objekte der Sammlung müssen von der Gesellschaft vor den Augen der Welt verborgen werden.

DRITTENS: Die magischen Objekte der Sammlung dürfen nicht benutzt werden, außer durch Mitglieder der Gesellschaft, wenn es dem Erhalt anderer magischer Objekte dient.

VIERTENS: Sämtliche die magischen Objekte der Sammlung betreffenden Entscheidungen können nur von der Gesellschaft als Ganzes getroffen werden.

Während Magda diese Neuigkeit noch verdaute, nahm Frank seine Brille ab, holte ein Taschentuch hervor und putzte sie. »Keine Sorge, es war niemand von euch.«

»Wer dann?«, wollte Magda wissen.

Frank deutete mit seiner Brille auf Will. »Sein Vater, Ellery Pinn.«

Magda war Doktor Ellery Pinn nur wenige Male begegnet, und auch dann nur flüchtig. Außerdem war das vor ihrer Zeit in der Gesellschaft gewesen. In ihrer Erinnerung war er ein Mann, der viel mit Will gemeinsam hatte: klein, schlank, dünnes blondes Haar und so zurückhaltend, dass es beinahe unsozial wirkte.

»Mein Vater?«, wunderte sich Will. Das letzte bisschen Farbe wich aus seinen Wangen. In diesem Moment erinnerte er Magda an einen Musterschüler, der vom Lehrer bei einem Vergehen erwischt worden war.

»Dein Vater war oft in Hongkong, nicht wahr?«, hakte Frank nach. »Hatte er nicht über mehrere Jahre Verbindungen zu einem Lehrkrankenhaus dort?«

Will dachte über die Frage nach; auf Magda wirkte es so, als wollte er eigentlich gar nicht antworten. »Ja, ich glaube schon.«

»Und hat er dort auch Freundschaften geschlossen?«, bohrte Frank weiter. »Hat er mal jemanden erwähnt?«

Angestrengt starrte Will auf die Tischplatte und spitzte die Lippen. Noch leiser als zuvor antwortete er: »Mein Vater hat generell nicht viel erzählt. Zumindest mir nicht.«

Drückende Stille senkte sich nach diesem Geständnis über den Tisch. Nur selten gab Will etwas Persönliches preis, weshalb dieser Moment Magda nun verlegen machte. Unsicher sah sie zu Frank hinüber, doch der alte Mann putzte ungerührt weiter seine Brille.

»Was soll das alles, Frank?«, drängte sie schließlich, damit er endlich zum Punkt kam.

»Ich wurde von einem jungen Mann kontaktiert.« Frank setzte seine Brille wieder auf. »Von einem Mr. James Wei aus Hongkong. Er behauptet, der Sohn eines Freundes von Ellery Pinn zu sein. Offenbar weiß er, dass Ellery vor ein paar Jahren gestorben ist, und hat sich deshalb an mich gewandt. Irgendwie hat er von der Gesellschaft und unserer Arbeit hier erfahren. Und er glaubt, ein magisches Artefakt entdeckt zu haben.«

Mit einem knappen Schulterzucken beendete Frank seine Ausführungen und blickte dann zwischen Magda und Will hin und her, als erwarte er eine Erwiderung von ihnen. Betroffen lehnte sich Magda in ihrem Stuhl zurück, den Kaffeebecher in beiden Händen haltend. Dass Frank wenig glücklich über die Enthüllung ihrer Geheimnisse war, wurde mehr als deutlich, und seine Missstimmung war dabei, die gesamte Atmosphäre zu vergiften.

»Aber das ist doch nicht Wills Schuld, oder?«, stellte sie schließlich fest. »Er hat das Geheimnis ja nicht verraten.«

»Doktor Dennis Wei.« Frank sah Will prüfend an. »Das ist der Name seines Vaters. Sagt dir das irgendetwas, Will?«

Bedächtig schüttelte Will den Kopf. »Ich kenne die Freunde meines Vaters nicht.«

Ohne den Blick von Will zu wenden, räusperte sich Frank – beinahe vorwurfsvoll klang das. Magda wartete ab und behielt beide Männer im Auge. Für sie fühlte es sich an, als sprächen die beiden über etwas, das ihr verborgen blieb. Als würden sie sie aus dem Dialog ausschließen, obwohl sie hier mit ihnen am Tisch saß. Was frustrierend war.

»Ich weiß nicht, was du von mir willst, Frank«, beschwerte sich Will nach kurzem Schweigen. »Ich habe diesem Mann nichts von uns erzählt. Das war mein Vater. Grab seine Knochen aus und strafe die mit bösen Blicken ab, wenn es dir dann besser geht.«

Frank rieb sich über das Gesicht und rückte seine Brille zurecht. Dann stand er auf und ging zu dem kleinen Kühlschrank hinüber. Will hingegen sackte in sich zusammen. Als er zum Tisch zurückkehrte, knabberte Frank an einem Keks herum, sodass einige Krümel auf seinem Pullover landeten. In seiner anderen Hand entdeckte Magda eine Limonadenflasche. Schon immer hatte Frank eine Schwäche für süße Getränke gehabt. Bestimmt hatte sie die Besuche bei ihm als Kind auch deshalb so geliebt, da in seinem Kühlschrank stets eine fruchtige Limo oder Cola bereitgestanden hatte. »Diese Kekse sind übrigens nicht billig«, betonte er an Will gerichtet. »Ich kaufe sie bei Waitrose, extra für die Gesellschaftssitzungen.« Es knackte und zischte, dann nahm er einen Schluck aus seiner geöffneten Flasche.

»Ist das denn glaubhaft?«, klinkte sich Magda nun ein, während er weiter seine Limonade trank. »Was dieser James Wei behauptet?«

Frank nickte. »Soweit ich das beurteilen kann, schon. Ich habe ein wenig recherchiert. Er meinte, Ellery und sein Vater seien früher befreundet gewesen. Er hat mir sogar ein Foto von den beiden geschickt.« Zur Bestätigung holte er sein Handy aus der Tasche, tippte ein wenig darauf herum und reichte es dann an Will weiter. »Siehst du?«

Konzentriert starrte Will auf das Display. »Ja, das ist mein Vater.«

Als Frank das Gerät an sie weitergab, sah Magda zwei Männer in Anzügen, die dicht beieinanderstanden und in die Kamera lächelten – Wills Vater und einen etwas größeren, kultiviert aussehenden Chinesen. Auf sie wirkten beide sehr glücklich, wie alte Freunde, die einander nach langer Trennung wiedersahen.

Frank rülpste laut, und Magda nahm Zitronengeruch wahr. Will verzog angewidert das Gesicht. »Anscheinend hat Ellery seinem Freund alles über uns erzählt«, fuhr Frank fort. »Womit er gegen Regel zwei der Gesellschaft verstoßen hat. Außerdem hat Ellery diesen Mann gebeten, ihm Bescheid zu sagen, falls er je auf einen ungewöhnlichen Gegenstand stoßen sollte. Und Doktor Dennis Wei hat es vor seinem Tod dann seinem Sohn erzählt. Keine besonders aufregende Geschichte. Es könnte so passiert sein.«

»Aber warum sollte mein Dad es diesem Mann erzählt haben?«, fragte Will an niemand Bestimmten gerichtet. Dann drehte er sich zu Frank um. »Du hast meinen Vater vermutlich besser gekannt als ich. Weißt du es nicht?«

»Ich habe nicht die leiseste Ahnung«, murmelte Frank, den Blick starr auf die Wand gerichtet.

Irritiert runzelte Will die Stirn und tippte angespannt mit den Fingerspitzen gegen seine Lippen.

»Aber das liegt ja nun in der Vergangenheit«, resümierte Frank. »Egal was Ellery getan oder nicht getan hat, wir müssen uns jetzt um dieses Artefakt kümmern.«

»Was schlägst du vor?«, fragte Magda.

»Einer von uns muss nach Hongkong fliegen«, beschloss Frank. »Möglicherweise ist es falscher Alarm, aber möglicherweise ist auch etwas dran.«

Magda sah zu Will hinüber, aber der wich ihrem Blick aus.

»Falls es tatsächlich ein Artefakt ist«, fuhr Frank fort, »könnten wir der Sammlung nach fast einem halben Jahrhundert wieder etwas hinzufügen.«

Da sich das Gespräch nun von den unangenehmen Themen wieder der konkreten Planung zuwandte, kehrte Magdas Aufregung mit einem Schlag zurück. In Franks Blick fand sie allerdings keine Vorfreude; vielmehr wirkte er angespannt, als würde ihn die ganze Sache ziemlich beunruhigen.

»Dann werden wir ihn öffnen müssen«, stellte er abschließend fest und deutete zum Bücherregal an der gegenüberliegenden Wand zu. »Zum ersten Mal seit Jahren.«

Magda wusste genau, was er meinte. Hinter diesem Regal verbarg sich das Archiv der Gesellschaft, sicher verschlossen in ihrem Mechanischen Schrank.

Magda dachte erstaunlich oft an jenen Tag vor zehn Jahren zurück, als sie den Mechanischen Schrank das erste Mal gesehen hatte. Das war ein bedeutender Moment in ihrem Leben gewesen. Erst kurz nach dem Tod ihrer Mutter hatte sie herausgefunden, dass Magie tatsächlich existierte und dass im Keller unter Franks Buchladen eine ganze Sammlung solcher Objekte verborgen war.

»Du weißt ja bereits, dass es magische Dinge gibt«, hatte Frank ihr schließlich im Beisein von Will und Henrietta erklärt. »Aber als unser neues Mitglied ist es wichtig, dass du tatsächlich daran glaubst, dass du Magie in der Realität erlebst. Wie solltest du sonst die Bedeutsamkeit unserer Arbeit begreifen können?«

Frank hatte den Raum durchquert und den geheimen Knopf gedrückt, woraufhin der Hebel erschien, mit dem sich das Regal öffnen ließ. In der dunklen Nische dahinter erschien der Mechanische Schrank. Mit wild pochendem Herzen war Magda zu Frank getreten; schwer lasteten die abschätzenden Blicke der anderen auf ihr.

Der große Schrank war aus goldbraunem Holz gefertigt, dessen Maserung sich in hellen und dunklen Wirbeln unter dem glänzenden Lack abzeichnete. In seine Vorderseite waren zwanzig Schubladen unterschiedlicher Größe eingelassen, jede mit einer goldenen Nummer gekennzeichnet. An der rechten Seite entdeckte Magda diverse Rädchen, auf der linken hölzerne Knöpfe und Schalter. Frank hatte ihr erklärt, dass der Schrank in den 1960ern von einem Spezialisten angefertigt worden war. Um eine Schublade zu öffnen, musste man die Rädchen, Knöpfe und Schalter jeweils in einer bestimmten Reihenfolge betätigen. Dabei hatte jede Lade ihre eigene Kombination, wie bei einem Schloss. In dem Mechanischen Schrank verwahrte die Gesellschaft ihr Archiv, und wenn Magda es richtig verstanden hatte, waren fast alle Schubladen mit magischen Dingen gefüllt.

»Such dir eine Nummer aus.« Einladend zeigte Frank auf den Schrank. »Wähle eine der Schubladen, und ich zeige dir, was sie enthält. Ich werde dir einen magischen Gegenstand zeigen.«

Nach kurzem Zögern entschied sich Magda für die Schublade mit der Nummer Zwölf. Daraufhin trat Frank an den Schrank, drückte mehrere Knöpfe – die Reihenfolge konnte Magda nicht genau sehen – und drehte anschließend die Rädchen auf der rechten Seite. Wenig später zog er eine Schublade auf, mit einem festen Ruck, als würde sie klemmen. Er schob die Hand hinein und holte etwas heraus.

»Bitte schön.« Vorsichtig legte er einen kleinen Holzwürfel in Magdas geöffnete Hand. Anstelle der üblichen Zahlen oder Punkte zeigte er nur die Buchstaben J und N.

»Was ist das?« Prüfend ließ sie den Würfel auf ihrer Handfläche herumrollen. Er war unerwartet schwer.

»Das ist der Ja-Nein-Würfel«, erklärte Frank. In seinem Blick flackerte etwas auf, das Magda nie zuvor an ihm bemerkt hatte, eine Härte, die ihr an dem sonst so sanften und warmherzigen Mann fremd vorkam. Er deutete Richtung Tisch, und sie setzten sich wieder. »Stelle ihm eine beliebige Frage, die mit Ja oder Nein beantwortet werden kann, und er wird dir die Wahrheit sagen. Das ist seine magische Kraft.«

»Ganz egal welche Frage?« Es fiel Magda schwer, das zu glauben. Wie sollte ein einfacher Holzwürfel Fragen beantworten können? Das war absurd.

Achselzuckend schlug Frank vor: »Probier es ruhig aus. Stelle ihm eine Frage, deren Antwort nur du kennen kannst.«

Verunsichert sah Magda die beiden anderen an.

»Na los.« Henry schenkte ihr ein ermutigendes Lächeln.

Also hatte Magda es getestet. Sie stellte Fragen zu ihrer eigenen Vergangenheit, die niemand außer ihr hätte beantworten können, und jedes Mal zeigte ihr der Würfel die korrekte Antwort. Dann fragte sie: »Existiert Magie wirklich?«, und der Würfel antwortete mit »Ja«. Schließlich ließ sie eine Frage folgen, an die sie sich in den kommenden Jahren noch oft erinnern sollte: »Ist Magie gefährlich?«

Frank nickte zustimmend, während Magda den Würfel warf. Der kleine Holzwürfel rollte über den Tisch und blieb schließlich liegen. Er zeigte eindeutig ein J an.

»Ja«, sprach Frank laut aus, was der Würfel vorgegeben hatte.

»Ist das nicht unglaublich spannend?«, fragte Henrietta mit funkelnden Augen. »Man kann ihn zur Vergangenheit befragen, nach verborgenen Wahrheiten, nach den Wünschen und Sehnsüchten der Menschen. Mit so etwas könnte man viel Gutes in der Welt bewirken.«

»Oder auch viel Böses«, konterte Will. Es waren seine ersten Worte seit Beginn der Sitzung.

»Das reicht«, ermahnte Frank die beiden, woraufhin Henrietta nur die Augen verdrehte, aber weiterhin fröhlich grinste.

»So ein schlichtes kleines Ding.« Erstaunt hielt Magda den Würfel gegen das Licht.

»Ja«, gab Frank ihr recht und nahm ihn wieder an sich. »Und er ist lediglich eines von vielen Artefakten in diesem Schrank.« Er stand auf und legte den Würfel zurück in die Schublade mit der Nummer Zwölf. Magda sah zu, wie er den Schrank verschloss und das Bücherregal zurück an seinen Platz schob, sodass es den wundervollen Mechanischen Schrank komplett verdeckte.

»Die Artefakte in diesem Schrank sind sehr mächtig.« Frank warf ihr einen warnenden Blick zu. So ernst hatte sie ihn noch nie erlebt, nicht einmal beim Tod ihrer Mutter. »Und sie könnten alle furchtbaren Schaden anrichten, wenn sie von den falschen Menschen benutzt würden. Deshalb bewahren wir sie hier auf. Deshalb sorgen wir dafür, dass sie verborgen bleiben. Verborgen und sicher. Das ist die Aufgabe dieser Gesellschaft.«

»Ich werde es machen«, verkündete Magda nun zehn Jahre später. Will und Frank sahen sie verblüfft an. »Ich werde nach Hongkong fliegen.«

Voller Skepsis runzelte Frank die Stirn.

»Was soll dieser Blick?«, fragte Magda ihn gereizt.

»Ich finde, Will sollte gehen«, erklärte der alte Mann, woraufhin sich Will sofort mit einem ablehnenden Kopfschütteln zurücklehnte.

»Ich fliege ganz sicher nicht nach Hongkong«, protestierte er. »Bist du verrückt geworden?«

»Sein Vater war mit deinem befreundet«, beharrte Frank. »Es gibt eine Verbindung zwischen euch.«

»Aber ich bin nicht mit ihm befreundet«, hielt Will dagegen. Seine Wangen röteten sich vor Wut. »Ich kenne diesen Mann überhaupt nicht. Und ich war noch nie in Hongkong. Außerdem habe ich ein Geschäft zu führen, Frank. Lass doch Magda hinfliegen, wenn sie es unbedingt will. Sie ist Autorin, sie kann sich ihre Zeit frei einteilen. Ich bin zu beschäftigt, um einfach so in der Weltgeschichte herumzugondeln.«

»Ich sagte doch schon, dass ich es machen werde«, fauchte Magda. Ihre Gereiztheit suchte sich nun ein konkretes Ziel: Frank. »Aber vielleicht bist du ja der Meinung, ich schaffe das nicht. Ist das der Grund, Frank?«

Ohne sie anzusehen, rutschte der alte Mann verlegen auf seinem Stuhl herum. »Nein, das ist es nicht …«

»Dann wäre das ja geklärt.« Magda schlug mit der Hand auf den Tisch wie ein Auktionator mit seinem Hammer. »Ich werde nach Hongkong fliegen, gleich morgen, mit der erstmöglichen Maschine. Du kannst ein Treffen mit James Wei vereinbaren, schick mir dann die Details.«

Während Will seine Zustimmung mit einem enthusiastischen Nicken zum Ausdruck brachte, blieb Franks Miene unverändert skeptisch.

»Oder willst du vielleicht selbst hinreisen, Frank?«, stichelte Magda. »Möchtest du nach Hongkong fliegen? Du magst doch warmes Wetter, nicht wahr? Aber du hast in all den Jahren, die wir uns schon kennen, kein einziges Mal unser Land verlassen. Du kannst Will nicht dazu zwingen, also wirst entweder du fliegen, oder ich tue es.«

Frank verzog die Lippen und blickte starr geradeaus; ein Mann, der unerwartet in einer Sackgasse gelandet war und nicht wusste, wie er nun wieder herausfinden sollte.

»Jetzt mal ehrlich, Frank«, bohrte Magda weiter. »Wozu bin ich denn ein Mitglied dieser Gesellschaft, wenn du mich dann nichts tun lässt?«

»Na schön«, brummte Frank schließlich. »Du machst das.«

Magda nickte zufrieden. Die Vorstellung, nach Hongkong zu reisen und dort möglicherweise ein neues, magisches Artefakt zu finden, löste kribbelnde Vorfreude in ihr aus. Und dann würden sie auch endlich wieder den Mechanischen Schrank öffnen.

»Ich kann es kaum erwarten!«, verkündete sie strahlend.

Der Uhrmacher aus der Blandford Street

Während Magda Sparks am folgenden Nachmittag in Heathrow die Maschine nach Hongkong bestieg, saß Will Pinn an seinem Arbeitstisch im Hinterzimmer seines kleinen Ladens und arbeitete an einer alten, silbernen Taschenuhr, die heute mit der Post gekommen war. Solche Aufgaben waren ihm die liebsten. Natürlich schickte er niemanden weg, der seinen Laden betrat, doch im Grunde zog er es vor, möglichst wenig mit seinen Kunden in Kontakt zu kommen. Menschen waren unberechenbar und oft schwer zu durchschauen. Ein Brief hingegen war unmissverständlich und klar. So mochte Will das – Schwarz und Weiß, eindeutige Tatsachen.

Eine Zeit lang hatte er sogar eine Verkäuferin für die Arbeit vorne im Laden eingestellt, was sich aber am Ende als zu hoher Kostenfaktor entpuppt hatte. Das Ladengeschäft im Erdgeschoss des roten Ziegelbaus am südlichen Rand von Marylebone (beinahe schon in Mayfair) gehörte ihm zwar, aber der Verkauf und die Reparatur von Uhren brachten nicht genug ein, um sich Angestellte leisten zu können, und so hatte er die Frau schließlich wieder entlassen. Inzwischen kam Will mit den wenigen Kunden auch allein zurecht. Freude machte es ihm allerdings nicht. Und obwohl ihm bewusst war, dass er sich selbst schadete, wenn er sich möglichst wenig Publikumsverkehr in seinem Laden wünschte, empfand er nun einmal so.