Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Eine als Schachtelmärchen geschriebene Geschichte von einer Mütze die schlecht behandelt wurde und mit einem Stiefel in die Welt hinauszieht. Auf der Wanderschaft treffen die beiden eine hochpolitische Maus, die in einem Fellsmoking durch die Gegend läuft um politische Weisheiten zu verbreitet und eine Stubenspinne namens Esmaraldus Ottolegs, die sich in einer Dampfnudelbäckerei Rheuma in allen acht Beinen zugezogen hat. Diese vier bilden auf anraten der hochpolitischen Maus Thimotheus Politikus kurz Tom genannt eine Koalition. Sie meistern bei der Wanderung gen Süden, wo alles besser sein soll, haarsträubende Abenteuer. In den Pausen zwischen den Abenteuern erzählt Tom von seinem politischen Werdegang, Esmaraldus Ottolegs wie er fast in einem Bach ertunken wäre und die gestiefelte Mütze von der Stadt der goldenen Dächer. Nebenbei erfährt man, wie es einer Maus ergeht, die bei einem Schuster versucht Schuhwichse zu klauen. Warum solche Merkwürdigkeiten geschenen kann man auf 305 amüsant geschriebenen Seiten nachlesen. Viel Spaß beim Lesen. Gerd Grimm
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 393
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Gerd Grimm
Die gestiefelte Mütze
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Die gestiefelte Mütze
Vorwort
Die gestiefelte Mütze
Der Weg zum Fluss
Thimotheus Politikus
Von einer Maus, die auszog, Politiker zu werden
Koalition
Esmaraldus Ottolegs
Große Koalition
Von einer Maus, die einzog in das hohe Haus
Ahoi
Esmaraldus’ Fall
Auf der Suche nach politischer Weisheit
Das letzte Stück
Die Stadt der goldenen Dächer
Ortswechsel
Die Stadt der goldenen Dächer - Die große Veränderung -
Tom’s Albtraum
Der große Schuhwichsenklau
Des Schuster’s Geist
Die Stadt der goldenen Dächer - Der Sänger -
Ein geregelter Arbeitsvertrag
Die Stadt der goldenen Dächer -Als ob ein Sänger mich bremsen könnte-
Es geht um Faden und Leder
Der Weisheit letzter Schluss
Das Ende einer großen Koalition
Impressum neobooks
Eine phantastische Geschichte für
Nach langer Verweildauer in diversen Schubladen habe ich mich im Jahre 2004 entschlossen, die Geschichte der gestiefelten Mütze zu veröffentlichen.
Die Entstehung dieses spannenden, in verschiedene Geschichtsebenen verschachtelten Buches liegt schon einige Jahre zurück.
Bereits 1988 entstand die erste Episode der gestiefelten Mütze und wurde in dem Band: ‚Das Wasser wird blau, wenn der Himmel es will’, veröffentlicht. Im Laufe der Jahre entstanden mehr und mehr Abenteuer, welche zunächst in einer losen Blattsammlung zusammengetragen wurden. Die Entscheidung, ob und wie eine Geschichte endgültigen Einzug in das Buch halten sollte, war außerordentlich schwierig.
Eine Geschichte zu schreiben ist einfach, aber sie dann in mühevoller Kleinarbeit zur Druckreife zu bringen ist ein langer und mühevoller Prozess.
Diese Arbeit hat zum allergrößten Teil meine geliebte Frau Simone übernommen, ohne deren tatkräftige Unterstützung die Geschichten der gestiefelten Mütze vermutlich nie zur Veröffentlichung gelangt wären. Auch ihr Bruder Stefan Budig, seinerseits Deutschlehrer von Beruf, hat uns oft mit Rat und Tat zur Seite gestanden.
Diesen beiden gilt mein ganz besonderer Dank und auch all Jenen, die meine schlechte Laune ertragen mussten, wenn es mal wieder nicht so lief wie ich es mir vorstellte.
Ich wünsche all meinen Lesern viel Spaß und eine vergnügliche Zeit mit der gestiefelten Mütze.
Es war vor vielen, vielen Jahren, da lebte einst eine junge Mütze bei einem Schneider. Der Schneider war kein sonderlich guter Schneider, sondern eher so ein Änderungsschneider von der billigen Sorte, wie man sie in fast allen Städten findet. Wenn die Leute ihre Kleidungsstücke gebraucht gekauft oder als Super-Sonder-Billigangebot bei Hyronnimus und Co. mitgenommen hatten, und das Zeug dann nicht so recht passen wollte, kamen sie zu ihm und gaben ihm den Auftrag, die Sachen abzuändern. Da aber die Leute, die solche Sachen kauften, meist nicht viel Geld hatten und demzufolge für das Flicken oder Ändern nicht viel bezahlen konnten, verdiente der Schneider auch nicht viel. Dadurch aber, dass der Schneider immer billig arbeiten musste und schlecht verdiente, wurde er griesgrämig und immer schlecht gelaunt. Immer griesgrämige Leute aber finden keine Frau, denn Frauen mögen im allgemeinen keine Griesgrame, es sei denn, sie sind selber griesgrämig, und die wiederum mochte der Schneider nicht. So kam es, dass der Schneider alleine leben musste, und er wurde noch viel griesgrämiger.
Er wohnte in einer kleinen Wohnung, die meist ungeheizt und furchtbar dreckig war. Den Dreck machte nie jemand weg. Er selbst war viel zu faul dazu und eine Frau, die ihm den Dreck wegmachen konnte, hatte er ja nicht.
Wenn der Schneider des Morgens aufstand, warf er sich drei Schluck kaltes Wasser ins Gesicht, das nannte er waschen, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, das nannte er kämmen, und setzte sich an den Tisch, um zu frühstücken. Bevor er das Brot aufschnitt, nahm er die Mütze und wischte mit ihr den Dreck vom Vortag vom Tisch.
Nach dem Frühstück klopfte er die Mütze an der Tischkante aus, setzte sie auf, und verließ die Wohnung, um in seine Werkstatt zu gehen. Die Werkstatt lag am anderen Ende
der Straße. Dort angekommen, schmiss er die Mütze auf den Arbeitstisch, knäuelte sie fest zusammen und steckte etliche Näh und Abstecknadeln hinein.
Das tat der Mütze furchtbar weh. Am liebsten hätte sie vor Schmerz laut geschrien, aber noch war die Mütze stumm. Sie traute sich noch nicht zu reden, denn sie dachte:
„Wer weiß, was sonst noch alles passiert. Es ist gut so, wie es ist, und so soll es bleiben.“
Insgeheim wünschte die Mütze den Schneider jedoch zum Teufel.
Der Schneider zog seine Stiefel aus, stellte sie in eine Ecke und ging an die Arbeit. Spät am Abend zog er die Nadeln aus der Mütze, setzte sie auf, zog sich die Stiefel wieder an, von denen der Rechte immer etwas unwillig mit dem Leder knarrte, und ging nach Hause.
Er ging immer sehr spät nach Hause, denn er konnte seine dreckige, kalte Wohnung nicht leiden. Seine Werkstatt musste, der Kunden und des guten Eindrucks willen, immer aufgeräumt und sauber sein. Auch darüber war er griesgrämig, denn das Saubermachen lag ihm überhaupt nicht. Aber eben weil die Werkstatt immer sauber war, hielt er sich dort am liebsten auf. Außerdem kam spätabends manchmal noch ein Kunde, der eine besonders eilige Arbeit hatte, weil er vielleicht mit einer schönen Frau ausgehen wollte, und er sich die beste Hose zerrissen hatte. Solche Kunden hatten es meist eilig und waren froh, dass sie noch jemanden fanden, der ihnen aus der Klemme half. Sie bezahlten den Schneider für diese Arbeit gut. Der konnte das Geld gebrauchen, denn er war ständig pleite.
Dann war da noch das mit der Einsamkeit. Der Schneider war furchtbar einsam. Niemand besuchte ihn zu Hause. Er hatte nicht einen einzigen Freund, seines Griesgrames wegen. So blieb er abends länger in der Werkstatt, um ab und zu mit einem Kunden ein paar Worte zu wechseln. Er brauchte das, denn jeder Mensch braucht ab und zu jemanden, mit dem er reden kann. Mit den Kunden sprach er meist freundlich über das Wetter oder andere belanglose Dinge. Freundlich sein musste er zu seinen Kunden, besonders zu den späten, gut zahlenden. Auch das verbitterte ihn, freundlich sein zu müssen, obwohl ihm überhaupt nicht danach war.
Wenn der Schneider dann endlich nach Hause kam, schmiss er voller Griesgram die Mütze auf den Tisch und machte sich etwas zu essen. Manchmal wischte er sich mit der Mütze den Mund ab, manchmal putzte er ein paar Fettspritzer mit ihr auf. Niemals jedoch wusch er die Mütze. Die Mütze wurde, je länger sie bei ihm war, immer unansehnlicher.
Dabei war sie eine ausgesprochen schöne Mütze, mit roten Kreisen auf blauem Grund und mit einem dicken Bommel oben dran. Nach und nach fühlte die Mütze sich immer dreckiger. Nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Es ging so weit, dass sie sich eines Tages selber nicht mehr leiden konnte.
Irgendwann dann, an einem Tag, an dem sie sich besonders elend fühlte und der Schneider wieder einmal allen Dreck mit ihr fortwischen wollte, fasste sie sich ein Herz und verließ ihre stumme Welt für immer. Sie sprach den Schneider an:
„He du, Schneider.“
Der Schneider glotzte ziemlich blöd, dass ihn jemand ansprach, wo er doch ganz allein in seiner Wohnung war.
„Schneider, ich rede mit dir! - Ich, deine Mütze!“
Der Schneider wurde ganz bleich. Er streckte die Hand nach der Mütze aus, nahm sie auf und hielt sie sich dicht vor das Gesicht. So etwas hatte er noch nie erlebt. Eine Mütze, die mit ihm redete.
„Mützen können nicht reden“, dachte er, „Mützen sind Kleidungsstücke“.
Und mit Kleidungsstücken kannte er sich aus, schließlich war er ja Schneider.
Die Mütze war aber eine ganz besondere Mütze. Sie hatte ein Innenleben und Gefühle, wie sie nur ganz besondere Mützen haben können, nämlich solche, die mit viel Liebe gestrickt worden sind.
„Hör mal zu, Schneider“, sprach die Mütze, „seit ich bei dir bin, behandelst du mich schlecht.
Du wäschst mich nicht.
Du steckst Nadeln in mich, bis mir vor Schmerz ganz schlecht wird.
Du wirfst mich in Ecken, und als Krönung putzt du allen Dreck mit mir weg, so als ob ich ein alter Putzlappen wäre.
Aber ich sage dir, ich bin eine Mütze, eine schöne Mütze, und ich bin stolz darauf, eine Mütze zu sein. Mützen haben den höchsten Stellenwert in der Kleiderrangordnung. Sie halten die Gedanken im Kopf warm, und so kommt es, dass diejenigen, die eine gute Mütze haben, immer freundliche und gute Gedanken haben. Für diese würdevolle und in höchstem Maße anspruchsvolle Aufgabe wollen wir Mützen auch anständig behandelt werden. Da das bei dir nicht der Fall ist, verlange ich ab sofort eine angemessene Entschädigung für meine Dienste. Außerdem fordere ich, dass du mich wenigstens einmal im Monat wäschst und auch sonst entsprechend behandelst. Das heißt: keine Nadeln mehr in meinen Eingeweiden, keine Verwendung mehr als Putzlappen und einen angemessenen Platz am Kleiderhaken neben der Tür.“
Der Schneider hatte sich wieder gefangen. Er konnte Revoluzzer und Gewerkschafter auf den Tod nicht leiden, und das, was die Mütze eben von sich gegeben hatte, hörte sich verdammt nach Gewerkschaft und Revolution an. Er sagte nur:
„Pah!“ und schmiss die Mütze in eine heiße Pfanne.
Die Mütze war stur wie ein Esel und wusste genau, was sie wollte. Sie rollte sich aus der Pfanne, vom Herd, quer durch die Stube, zum Tisch, das Tischbein herauf und blieb genau vor des Schneiders Augen liegen.
„So“, schrie sie voll Wut, „du wolltest mich anbrennen. Das wird dich teuer zu stehen kommen. Ich verlange von dir ein Tässchen Milch und ein Stückchen Brot pro Tag als Bezahlung.“
Sie hatte einmal gehört, dass Milch innerlich reinigen sollte, und, so dachte sie sich, wenn ich länger bei dem Schneider bleiben soll, muss ich was für meine innerliche Reinigung tun. Da die Mütze aber von purer Milch immer Sodbrennen bekam, forderte sie zusätzlich ein Stückchen Brot.
„Du bekommst gar nichts.“ , brummte der Schneider, „und wenn du nicht still bist, fliegst du ins Feuer.“
Das saß. Die Mütze schwieg. Sie dachte sich:
„Es ist wohl besser, wenn ich einen strategischen Rückzug mache. Aber warte, Schneider, meine Zeit kommt noch.“
Als am nächsten Morgen der Schneider den Tisch mit ihr abwischen wollte, legte sie los. Sie machte schmatzende Geräusche und zwar derart laut, dass die ganze Nachbarschaft es hören konnte. Er ließ sofort die Mütze fallen, denn er dachte:
„Wenn die Nachbarn das hören, denken die, dass ich so schmatze, und das ist schlecht fürs Geschäft.“
Schmatzen galt als unschicklich, und wenn der eine Schneider unschicklich war, gaben die Leute eben dem anderen Schneider in der Stadt den Auftrag.
Außerdem dachten die Leute, dass ein unschicklicher Mensch auch schlechte Manieren haben musste. Und Schneider mit schlechten Manieren galten im Volksmund als schlechte Schneider.
Er holte sich also einen Lappen, um den Tisch abzuwischen. Die Mütze fühlte sich unheimlich gut, denn sie hatte ihren ersten Kampf im Leben gewonnen.
Tief im Innern des Schneiders brodelte es. Er war nicht gewillt, sich von einer wild gewordenen Mütze sein Leben diktieren zu lassen. Er sagte nichts und ging ziemlich eilig in die Werkstatt. Dort angekommen, tat er, als sei nichts gewesen. Er benahm sich, wie er sich all die Jahre zuvor, Tag für Tag, benommen hatte.
In der Werkstatt fühlte die Mütze sich sicher, denn es gab keinen Ofen, in den sie hineingeworfen werden konnte. Die Werkstatt hatte Zentralheizung.
Als der Schneider sie gerade zusammenknäueln und die erste Nadel in sie hineinstecken wollte, rief sie:
„Halt! Brot und Tässchen Milch, oder...“
„Was oder?“
„Das wirst du dann schon sehen.“
„Pah!“, sagte der Schneider wieder und stieß die erste Nadel in ihr zartes Gewebe.
Daraufhin brüllte die Mütze so schrecklich, dass die Leute auf der Straße stehen blieben und sich fragten, was da wohl Entsetzliches geschehen möge.
Den Schneider erzürnte das Geschrei der Mütze fürchterlich. Je lauter sie schrie, mit umso mehr Wut donnerte er die Nadeln in sie hinein. Das Geschrei ihrerseits und das Nadeln hineindonnern seinerseits dauerte so lange an, bis sich zwei mutige, wohlbeleibte Damen, die zufällig auf der Straße daherkamen, der Sache annahmen. Sie blickten sich beide tief in die Augen und sagten: „Was auch immer dort drinnen geschehen mag, wir wollen nachsehen und dem Jammer ein Ende bereiten. Koste es, was es wolle. Wo Hilfe gebraucht wird, soll man helfen.“
Dann gaben sie sich wild entschlossen fest die Hand und marschierten auf die Tür des Schneiders zu. Dreimal klopften sie an, doch das Schreien hörte nicht auf. Im Gegenteil, die Mütze hatte das Klopfen gehört und brüllte noch einige Töne lauter.
Die beiden wohlbeleibten Damen blickten sich noch einmal ganz, ganz tief in die Augen, gaben sich noch einmal ganz, ganz fest die Hand und traten ein.
Der Schneider sah aus den Augenwinkeln, dass sich die Tür öffnete und stoppte mitten in der Bewegung.
Die Mütze hörte auf zu schreien.
Die beiden wohlbeleibten Damen standen in der Tür und sagten - nichts.
Sie blickten den Schneider tief und missbilligend an. Einen Augenblick verharrten sie noch, dann verließen sie die Werkstatt.
Als sie die Tür hinter sich geschlossen hatten, sahen sie sich ein letztes Mal ganz, ganz tief in die Augen, gaben sich ein letztes Mal ganz, ganz fest die Hand und gingen auseinander, eine jede mit dem Gefühl, eine Heldentat vollbracht zu haben.
In der Werkstatt herrschte furchtbar dicke Luft. Der Schneider kochte vor Wut.
Die Mütze fühlte sich siegessicher, sie sagte:
„Zieh die Nadeln aus mir heraus oder...“
„Was oder?“
„Das wirst du dann schon sehen.“
„Pah!“, sagte der Schneider und ging an eine Arbeit, die er am Vortag begonnen, aber nicht zu Ende geführt hatte.
Die Mütze hatte sich unterdessen etwas Neues ausgedacht. Jedes Mal, wenn ein Kunde die Werkstatt betrat, fing sie gar jämmerlich zu wimmern an.
Dieses Wimmern ging den Kunden regelrecht durch Mark und Bein. Es liefen ihnen kalte Schauer den Rücken hinunter. Die Kunden gaben vor, eine sehr wichtige Besorgung machen zu müssen, und verschwanden wieder so schnell es ging. Die Arbeit aber, die gaben sie dem anderen Schneider in der Stadt.
So kam es, dass der Schneider an diesem und an den folgenden Tagen keinen einzigen Auftrag erhielt. Es ging sogar so weit, dass sich Gerüchte in der Stadt verbreiteten, und einige schlaue Herren Mutmaßungen über das andauernde Gewimmer anstellten. Einer der Herren, der resoluteste, wollte sogar die Polizei benachrichtigen, damit endlich in der Werkstatt nach dem Rechten gesehen werde.
Dies alles bekam natürlich auch der Schneider mit und vor allem, es ging an seine Kasse. Er hatte in den letzten Tagen keinen müden Kreuzer eingenommen.
„Na warte“, dachte der Schneider nach einigen Tagen, als er des Abends nach Hause kam und er wieder den ganzen Tag vergebens auf Kundschaft gewartet hatte, „dich werd' ich los.“
Nachdem er in die Küche gegangen war, schmiss er als erstes die Mütze neben den Herd auf die Spüle, die wie immer randvoll mit dreckigem Geschirr stand. Anschließend ging er in den Keller, holte einen großen Korb Holz herauf und zündete im Herd ein Feuer an.
Er heizte kräftig ein und stopfte den Herd so voll, dass kein Span mehr hinein passte. Danach zog er sich die Stiefel aus und setzte sich an den Tisch. Seelenruhig saß er eine gute halbe Stunde und spielte mit einer Wanze, die er kreuz und quer über die Tischplatte jagte. Als es in der Küche unerträglich heiß zu werden begann, zerquetschte er die Wanze mit dem Daumen und erhob sich. Er ging zur Spüle, nahm eine dreckige Pfanne und tat so, als wollte er mit der Mütze die Pfanne auswischen. Doch plötzlich sprang er zur Seite, riss die Herdtüre auf und warf die total verdutzte Mütze hinein.
Noch ehe die Mütze etwas sagen konnte, war die Herdtüre wieder zu. Sofort fing ihr äußerer, weicher Flaum Feuer. Es war barbarisch heiß. Schon brannte sie fast überall. In wilder Panik strengte sie all ihre Wollfäden an und stemmte sich mit übermützlicher Kraft gegen die Tür. Die Holzscheite knackten und krachten. Das Feuer verlosch fast von der Gewalt, mit der sie sich gegen die Herdtüre stemmte. Plötzlich, mit einem lauten Knall, flog die Tür auf und die Mütze rollte zu Boden. Aber sie brannte noch immer. So schnell sie konnte, rollte sie sich die Spüle hinauf, hinein in einen großen Topf mit Wasser. Es zischte gewaltig, als sie sich ins Wasser fallen ließ.
„Gerettet!“, dachte sie. Erschöpft blieb sie einen Augenblick im Wasser liegen, bis die Erinnerung an den Schneider zurückkam. Sie schwang sich aus dem Topf, rollte auf den Schneider zu und brüllte mit sich überschlagender Stimme:
„Ich verlasse dich. Du wirst schon sehen, was du davon hast, ruchloser Geselle, undankbarer!“
Dann versagte der Mütze die Stimme.
Der Schneider wurde bei ihrem Anblick kreidebleich. In Schlappen rannte er aus dem Haus, die Straße entlang, in die Werkstatt und kauerte sich zitternd in eine Ecke. Kurz darauf stand er noch einmal auf, verschloss die Werksatttür von innen und schob auch noch den Riegel vor. Er hatte Angst. Schließlich hätte er um ein Haar seine Mütze ermordet. Das war Grund genug für die Mütze, ihm in die Werkstatt hinterher zu rollen. Bei dem Gedanken daran wurde er noch einen Ton bleicher, denn er wusste ja nun, welche unbändige Kraft in der Mütze steckte.
Die Mütze unterdessen dachte nicht daran, dem Schneider nachzurollen. Sie bewegte sich zum Kühlschrank, trank einen halben Liter Milch, denn Sie fühlte sich innerlich entsetzlich dreckig, aß einen viertel Laib Brot und überlegte, wie sie am besten verschwinden könnte. Wegrollen ging nicht, das hätte ihre Wolle auf Dauer nicht ausgehalten. Sie gedachte weit wegzugehen. Steine und Stöcke hätten sie ziemlich schnell zerrissen.
Sie dachte noch nach, als sich plötzlich der rechte Stiefel, der schon immer etwas unwillig mit dem Leder geknarrt hatte, bemerkbar machte. Er winkte ihr kurz mit der dicken Zehe und forderte sie auf, aufzusitzen. Die Mütze verstand sofort. Sie rollte zum Stiefel und hüpfte obenauf. Der Stiefel knarrte behaglich mit dem Leder.
„Auf geht's, Stiefel. Hinaus in die Welt!“
Der Stiefel wippte noch einmal kurz mit der dicken Zehe, dann schritt er durch die Tür ins Freie.
„Endlich frei“, seufzte die Mütze erleichtert. Der Stiefel brummte zustimmend.
„Also los, Stiefel. Was kostet die Welt!“
Mit diesem Ausruf ritt die Mütze auf dem Stiefel der untergehenden Sonne entgegen.
Einige Wochen waren inzwischen ins Land gegangen, und die Mütze wanderte immer noch unermüdlich mit dem Stiefel durchs Land, auf der Suche nach einer friedlichen Unterkunft, Arbeit, einem Tässchen Milch und einem Stückchen Brot. Immer und immer wieder hatte sie die verrücktesten Abenteuer erlebt.
Sie war an einen Bäcker geraten, der sie über und über mit Mehl einstäubte.
Sie war an einen Strauchdieb geraten, der sie kurzerhand raubte.
Gottlob fand der Stiefel sie wieder.
Sie wurde in einer Kneipe vergessen und hatte unzählige Male das Pech, immer wieder an die falschen Menschen zu geraten, nämlich solche, die ihre wahre Größe nicht erkannten, und sie wie einen alten, schmutzigen Lappen behandelten.
Gerade hatte sie wieder einmal eines ihrer haarsträubenden Erlebnisse hinter sich gebracht, (jenes Arbeitsverhältnis bei dem Bäcker, der sie über und über mit Mehl einstäubte) und war mit dem rettenden Sprung auf den Stiefel geflohen, den sie mit den Worten anzufeuern pflegte: „Auf geht’s Stiefel, was kostet die Welt.“ Da fasste sie einen Entschluss.
„Stiefel“, sprach sie zu ihrem treuen Begleiter, als sie weit genug von dem Ort entfernt waren, in dem der Bäcker den Menschen seine schmutzigen Brötchen andrehte, „ich glaube, wir sollten nach Süden gehen.“
Der Stiefel brummte etwas atemlos, denn ihm saß die überstürzte Flucht noch im Leder.
„Schon hundertmal habe ich gehört: Im Süden ist es schön. Im Süden sind alle so freundlich. Im Süden sind alle so zuvorkommend. Weißt du es nicht?“
Der Stiefel nickt kurz mit dem Schaft.
„Bist du einverstanden?“
Wieder Nicken.
„Also gut. Beschlossene Sache. Wir gehen nach Süden. Wo waren wir hier nicht schon überall. Nirgends wurden wir geduldet. Und wenn wir glaubten, einmal eine vernünftige Bleibe gefunden zu haben, entpuppte sich die Geschichte als eine einzige große Lüge.“
Der Stiefel ließ die Mütze weiterplappern und lief geradeaus auf ein kleines Wäldchen zu. Dort angekommen blieb er stehen und bedeutete der Mütze abzusteigen, weil er müde war.
„Hast ja recht“, meinte sie. „Legen wir uns schlafen. Der Tag war aufregend genug.“
Der Stiefel schnarchte schon, als sie noch murmelte:
„Mal sehen, ob der Süden wirklich besser ist“
„Auf geht’s“, rief die Mütze, als sie den Stiefel endlich wach hatte und aufgesessen war.
„Was kostet die Welt? Richtung Süden!“
Der Stiefel drehte sich einmal ratlos im Kreise.
„Bist du ungebildet“, schüttelte die Mütze den Bommel.
„Im Osten geht die Sonne auf
im Süden steigt sie hoch hinauf,
im Westen will sie untergehn,
im Norden ist sie nie zu sehn.
Alles klar?
Na dann los.“
Der Stiefel drehte sich so, dass er die Sonne zur Linken hatte und stiefelte los.
„Halt stopp“, rief die Mütze und hoppelte auf ihm herum, „du läufst geradewegs nach Norden. Die Sonne muss rechts von dir stehen. Rechts ist dort, wo deine Spitze am kürzesten ist.“
Der Stiefel brummte unwillig über die Besserwisserei der Mütze und machte einen großen Bogen, bis schließlich die Sonne rechts von ihm stand. Er schritt kräftig aus und sie kamen schnell voran. Die Sonne stieg und brannte auf Leder und Wolle. Die Mütze fühlte sich unwohl, denn je wärmer es wurde, desto mehr juckte es sie in den Fäden. Mehl und Salzpartikel scheuerten in ihren zarten Fasern.
Ein Dorf, dessen Kirchturm verführerisch in der Sonne glitzerte, umwanderten sie noch am Vormittag. Die Mütze hatte den Bommel noch voll von Dörfern, die ihren Kirchturm verführerisch in die Sonne streckten, und auch der Stiefel hatte keine große Lust, schon wieder in die Hände eines habgierigen, unachtsamen Menschen zu geraten, der ihn misshandelte oder achtlos in einen dunklen Schuppen stellte. Das Dorf, in dem der Bäcker wohnte, hatte auch ganz friedlich und freundlich seinen Kirchturm in die Luft gereckt. Damals dachte die Mütze, der glänzende Turm blinzelte ihr zu. Sie hatte ein „Komm ins Dorf, hier ist es schön“ herausgelesen. Schön war das Dorf ja, aber nicht für eine alleinstehende Mütze mit einem Stiefel, die auf der Suche nach Arbeit und Wohnung sind.
Dabei hatte die Mütze gleich eine vierfache Last zu tragen. Zu der einfachen Last kam, dass sie zweitens eine freischaffende Mütze war, sich also nicht alles gefallen lassen durfte, sie drittens nicht kostenlos arbeiten konnte, denn auch eine Mütze muss leben, und sie viertens einen Angestellten - unterbringen musste, den Stiefel nämlich.
Sie konnte und wollte den Stiefel nicht einfach stehen lassen, das ließ ihr mützliches Gewissen nicht zu. Sie empfand dem Stiefel gegenüber eine Verpflichtung. Er war ihr zum liebsten Stiefel der Welt geworden. Sie hing an ihm, wenngleich er furchtbar unselbstständig war. Ohne sie hätte er sich keinen Millimeter von der Stelle bewegt. Wie sollte er auch. Er saß normalerweise an der niedersten Stelle des Menschen, dem Fuß, und wurde sein Leben lang getreten. Ihm wurde sozusagen mit der Geburt die Persönlichkeit gebrochen.
„Wie soll sich da ein Stiefel frei entwickeln können?“, dachte die Mütze und bedauerte ihn. Der eingeschlagene Weg erwies sich als äußerst schwierig. Sie mussten Zäune und Tümpel umwandern, Böschungen überklettern und sich durch dichtes, hohes Schilf arbeiten, welches ihr manchmal derbe an der Wolle riss. Gegen Mittag erreichten sie einen breiten Fluss, an dessen Ufer sich ein etwa zehn Meter breiter Grasstreifen hinzog. Er war durchsetzt mit matschigen, braunen Lachen und wurde von meterhohem im Winde rauschendem Schilf abgeschirmt. Hier und da lagen kopfgroße oder größere Findlinge herum, die in der Mittagshitze einen willkommenen Schatten spendeten.
Als sie dem Fluss näher kamen, konnte die Mütze das Ufer nicht schnell genug erreichen. Sie musste einem dringenden mützlichen Bedürfnis nachgehen.
Nachdem sie das letzte Schilfrohr hinter sich gelassen hatten sprang sie in hohem Bogen vom Stiefel und rollte mit einem lauten AAAHHHH ins Wasser.
Sie stöhnte erleichtert auf, als sich ihre Fäden voll Wasser sogen.
„Endlich waschen“, keuchte sie.
Mehl und Salz lösten sich und das Wasser spülte einen Teil davon fort.
„Komm Stiefel, walk mich“, rief sie.
Der Stiefel zögerte. Er hielt nichts von Wasser. Ihm war ein trockener Lappen und Schuhwichse wesentlich lieber. Aber das verstand die Mütze nicht, sie wusste nichts vom Wohlergehen des Leders, und dass es von Wasser spröde wurde. Sprödes Leder braucht Fett und Fett hatte der Stiefel, seit er die Schusterei verlassen hatte, nicht mehr gesehen. Deshalb war er alles andere als begeistert, als die Mütze nach ihm rief.
„Nun mach schon Stiefel, walk mich“, rief sie ungeduldig.
Langsam tapselte der Stiefel vor und stellte behutsam die Spitze ins Wasser
„Herrjemine“, meckerte die Mütze und rollte etwas näher ans Ufer.
Der Stiefel verstand Herrjemine. Herrjemine hatte ihn auch der Schneider geschimpft, wenn er sich gegen seinen stinkenden Fuß gewunden hatte. Leicht gekränkt, dass die Mütze den gleichen Ausdruck gebrauchte, tapselte er etwas weiter ins Wasser. Er hob die Stiefelspitze an und wartete, bis sie sich unter ihn geschlängelt hatte.
„Jetzt walken!“
So fest er konnte; trampelte er auf die Mütze und prompt bildete sich eine weißgraue, schmutzige Mehlwolke im Wasser.
„Aaahhh guuut“, blubberte die Mütze, „weiter.“
Der Stiefel war von der Begeisterung der Mütze keineswegs begeistert. Er trat kräftig zu, um das Mützenwaschen so schnell wie möglich hinter sich zu bringen und wieder aufs Trockene zu kommen. Besorgt dachte er an sein ohnehin schon sprödes Leder. Nach der Wäsche streckten sich beide im Gras aus und ließen sich von der Sonne trocknen.
Schon nach kurzer Zeit kullerte die Mütze vergnügt, wie frisch gewaschen, auf den Stiefel und rief:
„Auf geht’s Stiefel, was kostet die Welt. Steh auf, wir wollen nach Süden.“
Der Stiefel brummelte etwas ins Leder, drehte sich ungehalten um und begrub die Mütze unter sich.
„Herrjemine“, röchelte die Mütze, die von seiner heftigen Bewegung überrascht worden war.
„Was soll der Quatsch?“
Ziemlich missgelaunt, dass sie schon wieder herrjemine zu ihm gesagt hatte, hob er den Schaft und schwor sich:
„Wenn sie noch einmal herrjemine zu mir sagt, gehe ich keinen Schritt mehr.“
Zwei Minuten später schnarchte er, dass sich die Wellen auf dem Fluss kräuselten.
„Was soll’s“, dachte die Mütze, rollte ein Stück von dem Schnarchwunder fort und döste vor sich hin. Am Nachmittag, nachdem sie sich zum siebenundzwanzigsten Mal unruhig von einer Seite auf die andere gewälzt hatte, wurde es ihr zu dumm und sie weckte den Stiefel. Wie üblich brummte er, als sie ihn wachrüttelte. Welcher Stiefel würde nicht brummen, wenn er mitten aus einem Traum von einem wunderschönen, zartrosa Stiefelettchen gerissen würde?
„Wach auf, wir gehen nach Süden.“
„Hmm. Mein Leder ist noch nass, die Sohle lahm und in der prallen Sonne lässt’s sich schlecht laufen.“
„Du träumst. Dein Leder ist trocken, deine Sohle geschmeidig wie eine Katzenpfote und die Sonne hat den Zenit längst überschritten.“
Die Mütze rüttelte ihn kräftig und redete fleißig auf ihn ein, bis er sich schließlich aufstellte. Noch benommen vom Schlaf, streckte er das Leder, dass es in den Nähten knarrte. Nervös sprang die Mütze auf.
„Auf geht’s Stiefel, was kostet die Welt. Nach Süden“
Zögernd tapselte der Stiefel einige Schritte vor.
„Was ist los? Warum bleibst du stehen?“
Der Stiefel sagte nichts, brummte nicht, bewegte sich aber auch nicht. Genau vor seiner Sohle lag der Fluss und er weigerte sich, noch einmal sein Leder in das Wasser zu setzen.
„Na los, geh schon weiter, was soll der Quatsch?“
Der Stiefel schüttelte den Schaft.
„Herrjemine“, rief die Mütze ungeduldig.
„Schon wieder herrjemine. Wenn sie das noch einmal sagt, weiß ich nicht, was ich tue.“
Hopsend und wackelnd rief die Mütze noch einmal:
„Herrjemine, jetzt geh endl…“
Der Stiefel bockte und die Mütze flog in hohem Bogen ins Gras.
„Nein“, grollte der Stiefel mit bitterböser Stimme.
Verdutzt rappelte die Mütze sich auf, schüttelte ein paar Grashälmchen aus ihrem Gewebe und sagte, mehr zu sich als zu ihm:
„Der spinnt!“
Der Stiefel wollte sich tief gekränkt ins Gras fallen lassen um sein unterbrochenes Schläfchen fortzusetzen, als hinter ihnen ein lautes „Nein!“ erscholl.
Die beiden drehten sich um. Das Schilf raschelte und die Halme schlugen unruhig mit den Köpfen zusammen. Dann teilte sich das Schilf und zum Vorschein kam - eine Maus. Eine ganz gewöhnliche graue Maus.
Oder doch nicht?
Die Maus richtete sich auf und schritt hinterpfötig, höchst würdevoll, auf die beiden zu.
„Hallo Freunde“, rief sie und hob die rechte Vorderpfote zum Gruß. „Gibt’s Probleme?“
Mütze und Stiefel starrten ihr fassungslos entgegen und fragten sich, was das wohl für ein seltsames Mäuschen war, das würdevoll hinterpfötig durch die Gegend lief und sie mit einer Frage begrüßte, statt sich erst einmal vorzustellen.
Während die Maus näher kam, fielen ihnen noch mehr Merkwürdigkeiten auf. Ihr Fell war von verschiedenartig grauer Färbung und sie hatte es zu einer Art Frack wachsen lassen. Selbst die langen Halshaare waren ordentlich zu einer Fliege gekämmt.
Überhaupt machte die Maus einen außerordentlich wichtigen Eindruck mit ihrem Frack, der Fliege und dem würdevollen Gang. Irgendwie schien sie ganz und gar nicht in diese Gegend zu passen, so weit abseits von aller Kultur. Die Mütze tippte, dass sie eine Art Großstadt- oder Theatermaus war, die sich hierher verlaufen hatte.
„Tagchen Leute“, sprach die Maus weiter, als sie nahe genug herangekommen war.
„Ich bin Tom die Maus,
zog einst in die Welt hinaus
um zu sehn das Reichstagshaus
wo man lebt in Saus und Braus
und will jetzt wieder geh’n nach Haus.
Aus!“
Nachdem die Maus ihr Sprüchlein aufgesagt hatte, stellte sie sich vor die Mütze und streckte ihr zur Begrüßung die Pfote entgegen. Die Pfote war fein manikürt, die Krällchen blank gewienert und exakt in der Farbe der Fliege gehalten.
„Tag“, erwiderte die Mütze kühl. Der Stiefel brummte gar nichts.
Von der abweisenden Stimme ungerührt, ergriff die Maus einen Mützenfaden und schüttelte ihn ausgiebig.
„Freut mich außerordentlich, Sie kennen gelernt zu haben. Thimotheus mein Name. Thimotheus Politikus. Freunde nennen mich kurz Tom. Mit wem habe ich meinerseits das Vergnügen?"
„Das ist Stiefel und ich bin die Mütze“, stellte die Mütze sich und den Stiefel vor, indem sie mit dem Bommel auf den Stiefel und sich selbst deutete.
„Ich wäre dir allerdings dankbar, wenn du meinen Faden wieder losließest.“
Thimotheus Politikus oder kurz Tom ließ den Faden los.
„Warum so ruppig? In dieser Einöde freut man sich über jedes friedliche Wesen, das man trifft, sei es Hase, Igel oder Mütze. Wo soll es denn hingehen, wenn man fragen darf?“
„Nach Süden.“
„Hmm. Der Süden ist weit und groß. Irgend ein bestimmtes Ziel?“
Die Mütze ging nicht auf Tom’s Frage ein, sondern fragte zurück:
„Warum so neugierig? Du siehst uns, stürzt auf uns los, redest wie ein Wasserfall und jetzt quetschst du uns über unser Ziel aus. Du scheinst mir ein recht merkwürdiger Geselle zu sein.“
„Merkwürdig? Was bitte schön ist an mir merkwürdig?“
Die Mütze musterte Tom bedächtig von oben bis unten.
„Na ja“, meinte sie schließlich, „bis vor einiger Zeit wohnte ich bei einem Schneider. Täglich gingen hunderte von Mäusen dort ein und aus. Aber nie habe ich unter all den Mäusen eine mit Frack gesehen.“
„Also erstens ist das ein Smoking, ein wohlgezüchteter Fellsmoking, ein absolutes Einzelstück und zweitens gibt es für alles immer ein erstes Mal“, konterte Tom sofort.
„Smoking oder Frack, wo liegt da der Unterschied!“
„Also der Unterschied ist folgender... „ setzte Tom an, aber die Mütze fiel ihm ins Wort.
„Unwichtig. Auf das Wesentliche kommt es an.“
„Was zum Beispiel ist wesentlich?“
„Wesentlich wäre zum Beispiel, wieso du reden kannst? Auch habe ich unter den aberhunderten Mäusen des Schneiders keine einzige ein Wort sagen hören. Das Äußerste, was sie herausbrachten, war ein spitzes Quietschen, wenn man ihnen auf den Schwanz trat.“
„Die Frage sei zurückgegeben“, konterte Tom, „wieso redest du?“
„Bei Mützen ist das normal“, erwiderte die Mütze, schließlich leben wir für den Kopf der Menschen.“
„Siehst du“, sprach Tom, „und bei mir ist das auch normal. Ich lebte lange Zeit Wange an Wange mit einem Politiker.“
Die Mütze nickte verständnisvoll.
„Ihr wollt also nach Süden“, sprach Tom weiter.
„Unfreiwillig wurde ich vorhin Zeuge einer kleinen Meinungsverschiedenheit zwischen dir und dem Stiefel.“
„Der Stiefel bockt“ murmelte die Mütze und warf ihm einen bohrenden Seitenblick zu. „Keine Ahnung was er hat.“
Tom schritt zum Stiefel und betrachtete ihn eingehend von oben bis unten. Besonders sorgfältig untersuchte er die Beuge, wo der Vorderfuß in den Schaft überging. Er tastete das Leder ab, zupfte da und dort und steckte schließlich eines seiner manikürten Krällchen in eine tiefe Falte. Der Stiefel machte einen Satz zurück, als er so empfindlich in die Falte gebohrt wurde.
„Er wollte nicht ins Wasser?“, fragte Tom über die Schulter.
Die Mütze nickte mit dem Bommel.
„Hat er etwas gesagt?“
Bommelschütteln.
„Ganz klar, er schämt sich!“
Fädenrunzeln.
Neugierig hoppelte die Mütze näher. Noch einmal steckte Tom eines seiner manikürten Krällchen in eine tiefe Falte, und wieder machte der Stiefel einen Satz.
„Klarer Fall“, meinte er, „Sonnenklar!“
„Was ist, was fehlt ihm, ist er krank?“, fragte die Mütze besorgt.
Jetzt war Tom an der Reihe den Kopf zu schütteln.
„Nein, krank ist er nicht“, meinte er nachdenklich. „Er hat, sagen wir, Entzugserscheinungen.“
„Entzugserscheinungen, das klingt fachmännisch. Bist du Arzt?“
„Ich? Nein, Politiker, wie mein Name schon sagt.“
„Woher weißt du dann so sicher, was ihm fehlt?“, fragte die Mütze skeptisch.
„Um das zu sehen muss man kein Arzt sein“, meinte Tom leicht gekränkt. „Jedes Kind weiß, dass Leder Pflege braucht.“
Die Mütze äugte Tom schief an. Sie fühlte sich angegriffen von Tom’s spitzem Tonfall.
„Dass jedes Kind das weiß, heißt noch lange nicht, dass du auch mit deiner Diagnose richtig liegst“, gab sie spitz zurück.
„Ich habe noch keine Diagnose erstellt.“
„Verflixt, was fehlt ihm?“
„Fett“, sagte Tom trocken.
„Fett?“
„Ja Fett, oder Schuhwichse, oder Schuhcreme. Ganz wie du es nennen willst. Noch nie etwas von Schuhwichse gehört?“
„Natürlich - aber.“
„Was aber?“
Die Mütze zögerte. Fast wagte sie nicht mehr Tom noch weiter auszufragen. Sie ahnte, dass Tom’s Diagnose voll ins Schwarze traf.
„Woher bist du so sicher, dass ihm ausgerechnet Fett fehlt?“, fragte sie dann aber doch.
„Sieh ihn dir an. Sieh dir genau sein Leder an, und du wirst feststellen, dass er vollkommen ausgetrocknet ist. Er ist so trocken wie ein Bündel altes Stroh.“
Die Mütze rollte ganz nah an den Stiefel. Tatsächlich, überall hatte er Narben und Risse. Am schlimmsten sah es in der Beuge aus. Sie tastete ihn sanft mit den Bommelspitzen ab und war entsetzt über den Befund. In einen Riss konnte sie ihre haarfeinen Bommelfasern bis ins Innere vorschieben. Der Schweißgestank des Schneiders schlug ihr entgegen und es wurde ihr augenblicklich übel. Schnell zog sie den Bommel zurück. Einsichtig nickte sie Tom zu, jedoch nicht, ohne zuvor den Stiefel mit ihrem weichsten Flaum liebevoll gestreichelt zu haben. Das sollte so viel bedeuten wie:
„Verzeih mir, dass es so schlecht um dich steht, habe ich nicht gewusst. Ich werde in Zukunft immer aufpassen, dass du genug Fett bekommst.“
Tatsächlich hatte die Mütze bis zu diesem Augenblick nicht die leiseste Ahnung vom Wohlbefinden des Stiefels gehabt. Der Stiefel war ein stiller Geselle. Er lief munter durch die Welt und sprach nur im äußersten Notfall. Die Mütze hatte sich nie um ihn gesorgt, doch nun war das anders. Nun, da sie wusste, wie schlecht es um ihn stand, machte sie sich heftigste Vorwürfe. Ohne Umschweife wandte sie sich an Tom und fragte:
„Was meinst du, können wir tun? Dem Stiefel muss schnell geholfen werden!“
Tom ließ sich nicht von den mützlichen Gefühls-aufwallungen mitreißen. Sachlich antwortete er:
„Im Moment können wir überhaupt nichts für ihn tun. Ich wüsste nicht, wo man hier Fett auftreiben könnte. Drüben, auf der anderen Seite, ja, da kenne ich eine Schusterei. Aber hier?“,
er schüttelte langsam den Kopf.
„Ich könnte euch allerdings einen Vorschlag machen“, fügte er leiser hinzu.
Die Mütze spitzte den Bommel. Irgendetwas gefiel ihr an Tom’s Stimme nicht. Irgendein Misston klang da mit, der sie hellhörig werden ließ.
„Darf man erfahren, was das für ein Vorschlag ist?“
Sie wollte genau hinhören, wenn er seinen Vorschlag unterbreitete. Der Mäuserich, der im Smoking durch die Wildnis lief, würdevoll auf Hinterpfoten schritt, der merkwürdig viel über Stiefel wusste und just in dem Moment auftauchte, als der Stiefel bockte, war ihr alles andere als geheuer. Zwar waren Mäuse im Allgemeinen freundliche Wesen, aber die Erfahrung hatte die Mütze gelehrt, dass man Fremden gegenüber immer etwas misstrauisch sein musste. Viel zu oft schon war sie aus purer Gutmütigkeit in die verzwicktesten Situationen geraten.
„Ihr wollt also nach Süden?“, sprach Tom.
Die Mütze nickte.
„Dann haben wir den gleichen Weg. Auch ich muss nach Süden. Auch ich muss über den Fluss. Gehen wir doch einfach gemeinsam. Überqueren wir zusammen den Fluss. Bilden wir eine Koalition. Eine Flussüberquerungskoalition.“
„Was ist eine Kolatiton?“
„Koalition“, verbesserte Tom.
„Na gut. Kaolition. Was ist das?“
„Koalition“, verbesserte Tom wieder.
„Ja -“, sprach die Mütze genervt, „was ist eine Koalition?“
Tom fuhr sich mit der flachen Pfote über den Kopf, richtete die Augen wissend gen Himmel und erklärte:
„Ach so, ich vergaß. Ihr müsst wissen, ich komme aus der Politik. Die dort üblichen Redewendungen sind mir sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen. Ich benutze sie bei jeder Gelegenheit, ohne lange darüber nachzudenken, ob sie auch angebracht sind. Entschuldigt bitte“, er räusperte sich.
Die Mütze tapselte ungeduldig mit dem Mützenrand auf den Boden.
„Eine Koalition ist eine Zweckgemeinschaft, die gegründet wird, um ein ganz bestimmtes Ziel zu erreichen.“
„Und was für ein Ziel willst du erreichen?“, fragte die Mütze.
„Na den Fluss zu überqueren. Lasst uns eine Koalition gründen mit Vertrag und allem Drum und Dran. Denkt an das alte Sprichwort: Gemeinsam sind wir stark. Gemeinsam sollte es ein Klacks für uns sein, über den Fluss zu kommen.“
„Hm“, machte die Mütze.
„Hm“
Sie kräuselte die Bommelfäden und dachte angestrengt nach.
„Hm.“
„Was hm?“, fragte Tom, der mit hm nicht viel anfangen konnte.
„Hm -- eine Koalition, schön, sehr, sehr schön. Aber ich frage mich wie?“
„Was wie?“
„Wie stellst du dir das vor?“
Jetzt kräuselte Tom die Schwanzhaare. Bei gestandenen Mäuserichen immer ein Zeichen großer Verlegenheit.
„Nun ja“, sprach er, „ich denke, dass jeder von uns eine ganz spezielle Aufgabe übernimmt. Jeder nimmt in der Koalition den Platz ein, für den er sich am besten eignet. Im Klartext heißt das, jeder tut das, was er am besten kann, oder was ihm am ehesten liegt. Selbstverständlich müssen sich alle anderen Mitkoalitionäre voll auf die Integrität des Einzelnen verlassen können. Jeder muss jedem blind vertrauen können. Nur so kann eine Koalition zu einem befriedigenden Ergebnis führen.“
Offensichtlich hatte Tom die Mütze missverstanden. Sie wollte eigentlich wissen, wie er sich die Flussüberquerung vorgestellt hatte. Aber das kleine Missverständnis kam ihr recht. So konnte sie etwas tiefer bohren, ohne ihr Misstrauen allzu offen zu zeigen.
„Vertrauen sagst du? Blindes Vertrauen? Wie kann ich jemandem blind vertrauen, den ich gerade fünf Minuten kenne? Du sagst, du bist Politiker. Ich verstehe nicht viel von Politik, eher gar nichts, aber alles, was ich von Politik gehört habe, war nicht sonderlich vertrauenserweckend.“
Tom warf sich in die Brust.
„Mag sein, dass du Schlechtes über die Politik gehört hast. Das sagt aber nichts über die Personen, die Politiker aus. Ich behaupte von mir, ein guter und vollkommen vertrauenswürdiger Politiker zu sein.“
„Sag mir bitte eines“, sprach die Mütze, „wie wird eine kleine, graue Maus Politiker?“
Das war sein Stichwort. Tom überhörte die kleine graue Maus und erzählte. Er erzählte gerne, denn wie alle Politiker hatte er den immerwährenden Drang, sich selbst darzustellen, sobald sich eine Gelegenheit bot. Die Mütze hörte schweigend zu. Sie dachte:
„Wenn ich schon eine Koalition mit ihm mache, dann will ich wenigstens wissen, mit wem ich es zu tun habe.“
Der Stiefel schwieg zu der ganzen Angelegenheit. Ihm schwante nichts Gutes. Er ahnte, dass er in der zukünftigen Koalition wohl die Hauptlast zu tragen hatte. Er war kein Redner und im Allgemeinen ist es so, dass man, wenn man nicht redegewandt wie ein bigamistischer Karnickelmann ist, bei der Planung einer Koalition, stillschweigend die Hauptlast zugeschoben bekommt.
„Was soll’s“, dachte er, ließ sich ins Gras fallen und tat das, was außer Gehen seine Lieblingsbeschäftigung war. Liegen.
Die Mütze streckte sich ebenfalls behaglich aus und lauschte Tom’s Erzählung.
Nicht weit von hier, am anderen Ufer, liegt unsere Mäusekolonie. Früher einmal zählte sie an die siebentausend Mäuseschwänze. Wir führten ein glückliches, sorgenfreies Leben, heirateten, zogen unsere Kinder groß, wurden Groß und Urgroßväter, kurz, es ging uns gut. Eines Tages, ich erinnere mich noch genau, an einem regnerischen Frühlingstag, war es mit dem Frieden vorbei.
Ab und zu war es schon immer einmal vorgekommen, dass eine Maus, die frühmorgens zum Essenholen in die Stadt ging, am Abend nicht wieder nach Hause kam. Das war normal, wenngleich es für die Angehörigen, und ganz besonders für die Kinder, sehr, sehr traurig war. Aber niemand machte sich deswegen für das Wohlergehen der Kolonie große Sorgen.
An jenem Tag aber, ich glaube, es war der siebzehnte des internationalen Mäusekalenders, kehrten abends einundachtzig unserer Mitmäuse nicht in ihre Höhlen zurück. So etwas hatte es seit Generationen, genauer seit den großen Regenfällen im Jahre einundsiebzig, nicht mehr gegeben.
Was war geschehen? Wo waren sie geblieben? Kinder riefen nach ihren Eltern, Großväter nach ihren Enkeln, Gatten nach ihren Gattinnen und die verliebten jungen Mäuseriche warteten vergebens auf ihre Mäuslein. Die Verwandten der Vermissten nahmen die Kinder in ihre Höhlen und gaben ihnen zu essen.
Fragen auf Fragen wurden gestellt, doch niemand war in der Lage Antworten zu geben. Am folgenden Tag und in der darauf folgenden Woche verschwanden hunderte von treu sorgenden Eltern. Es war erschreckend. Kaum eine Maus, die sich morgens in die Stadt aufgemacht hatte, kehrte Abends wohlbehalten wieder zurück. Und wenn sie zurückkehrten, stand die nackte Angst in ihren Gesichtern.
Mäuse gehören zu den arglosesten Geschöpfen unter der Sonne, doch die Angst, spurlos zu verschwinden, verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Kolonie. Nach einer Woche des Schreckens wagte sich keine Maus mehr, alleine auf Futtersuche zu gehen. Doch auch Gruppen zu zehnt kehrten oft nur vereinzelt oder überhaupt nicht mehr zurück.
Allmählich wurde die Lage kritisch. Verängstigt saßen ganze Sippen, oder das, was von ihnen übrig war, in ihren Höhlen und wagten sich nicht mehr vor den Eingang. Zwar lagen in den meisten Höhlen Vorräte für mehrere Tage, so dass man anfangs keinen direkten Hunger zu leiden brauchte, doch niemand hatte um diese Jahreszeit große Vorräte angelegt. Schließlich war der Winter gerade vorbei. Die Vorräte schwanden schnell, und schon hörte man aus einigen Höhlen das klagende Betteln der Kinder nach einem Krümel Käse. Bald kam der Tag, an dem die Säuglinge an den trockenen Brüsten der Mütter saugten. Kein Tropfen kam mehr hervor. Hunger und Angst hatten die Milch versiegen lassen.
Die Stimmung in der Kolonie verschlechterte sich stündlich. Eltern schrieen ihre bettelnden Kinder an, Gattinnen warfen ihren Gatten vor zu feige zu sein, um Nahrung zu beschaffen, und unter den Nachbarn neidete einer dem anderen das letzte Krümelchen verschimmelten Brotes.
Drei Wochen waren inzwischen ins Land gegangen, ohne dass es einen Tag ohne Katastrophen gegeben hätte, und noch immer konnte niemand mit Sicherheit sagen, was eigentlich die Ursache für das Mäuseverschwinden war. Das Einzige, was als sicher galt, war die Tatsache, dass die Mäuse in der Stadt verschwanden. Immer häufiger tauchten immer grausamere Geschichten von Verschwundenen auf. Mal waren Mäuse von riesigen schwarzen Untieren gefressen worden, mal waren sie in unendlich tiefe Gruben gefallen, mal waren sie, eingehüllt in eine grüne Gaswolke, elend verreckt. All diese Geschichten hatten nur einen Nutzen, nämlich den, dass die Angst vor der Stadt noch wilder um sich griff. Schließlich, als die Lage auf dem Versorgungssektor die Kolonie in einen Abgrund zu stürzen drohte, trat der Rat der Weisen zu einer Sondersitzung zusammen.
Der Rat der Weisen besteht aus zwölf mit allen Auszeichnungen versehenen Mäusinnen und Mäusen, die sich in ihrem Leben durch besondere Umsicht und Beschlagenheit im Umgang mit Menschen hervorgetan haben. Das Alter einer Maus spielt im Übrigen keine Rolle, um in den Rat aufgenommen zu werden.
Volle achtundsechzig Stunden lang tagte der Rat in Dauersitzung. Er lud hunderte von Augenzeugen vor, die angeblich eine Katastrophe mit angesehen hatten und hörte sich ebenso viele Geschichten an. Ratsschreiber notierten die wichtigsten Details der Geschichten und schließlich, nachdem der letzte Augenzeuge gehört worden war, versuchten die Ratsmitglieder, Erdichtetes von Wahrem zu trennen, um so zu einem einigermaßen wahrheitsgetreuen Bild von der Katastrophe zu gelangen. Am Anfang der neunundsechzigsten Stunde trat der Ratssprecher vor die große Ratshöhle und verkündete dort den wartenden Mäusen:
„Heute Abend, wenn die Sonne das Gras berührt, wird der Rat seine Beschlüsse verkünden. Jede Maus unserer Kolonie, die laufen und hören kann, wird aufgefordert, im eigenen Interesse bei der Beschlussverkündung zu erscheinen. Ort der Verkündung wird das große Weidengebüsch sein. Der Rat ist der Ansicht, dass dies im Augenblick der einzige Ort ist, der die Sicherheit einer solchen Versammlung garantiert.“
Der Abend nahte, die Sonne senkte sich und alle Mäuse, selbst diejenigen, die nur noch schlecht zu Pfote waren, machten sich auf zum großen Weidengebüsch. Pünktlich zur angegebenen Zeit teilte sich der dichte Weidenvorhang hinter dem erhabenen Verkündigungsplatz und der Rat trat auf.
Totenstille.
Selbst die Vögel schwiegen. Fallende Blätter konnte man durch die Luft segeln hören. Der Ratsälteste, eine in Ehren ergraute Maus, trat vor. Er stellte sich auf die Hinterpfoten und hielt ein goldgelbes Kastanienblatt in die Höhe. Mit lauter Stimme las er von dem Blatt:
„Freunde, Mitmäusinnen und Mitmäuse. Aus uns allen bekannten Gründen wollen wir es kurz machen. In den vergangenen Stunden haben wir alles an Informationen zusammengetragen, uns jede einzelne Geschichte angehört und auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft.
Die Bilanz ist erschreckend.
- Mitmäusinnen und Mitmäuse -
Es ist uns gelungen, herauszufinden, was sich die letzten Wochen ereignet hat!“
Es folgte eine lange, andächtige Pause. Man sah ihm an, dass es ihm schwer fiel, weiter zu reden. Mit belegter Stimme sprach er dann:
„Die Menschen haben eine, wie sie es nennen, Offensive gegen uns gestartet. Hunderte unserer Schwestern und Brüder, Väter und Mütter, Kinder und Kindeskinder, haben sie schamlos dahingemeuchelt. Elend sind sie zugrunde gegangen. Und woran? An Gift!“
Wieder legte er eine lange Pause ein. Ein Raunen ging durch die Menge. Der alte Weise hob die Pfote und gebot Ruhe.
„Wir können mit Sicherheit sagen, dass vergiftete Lebensmittel ausgestreut wurden“, sprach er weiter.
„
