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1967 wird Ely geboren. Nur so hat man das Kind eigentlich nicht gewollt. Kann es nicht recht willkommen heißen und uneingeschränkt wollen. Das ist der Boden, auf dem das Kind im niederösterreichischen Nichts am Eisernen Vorhang heranwächst, größer, kränker, älter, heimatloser, müder und schwächer wird. Sein Körper ruft in den widrigsten Umständen auch noch zu Rachefeldzügen für die unbewältigten Traumata der Kindheit auf, beginnt zu rebellieren, zu schmerzen und teilweise zu versagen. Ein Lebensweg, der - unter zeitweiliger Begleitung - zum Leidensweg verkommt und die innere Zerrissenheit offenbart, in der Ely ihr Dasein fristet. Auf der einen Seite wäre so viel Leben, Liebe und Glück nachzuholen, auf der anderen Seite hat die Psyche, die das Kindsein nicht verkraften konnte, Sehnsucht nach der Erlösung, nach vertrauten Lieben, nach Wärme, also dem Tod.
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Seitenzahl: 403
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Ely Skoda
Die Gewalt des ersten Atemzugs
Die Gewalt des ersten Atemzugs
Eine Suada
mit
Ely Skoda
… einem wunderbaren Arzt gewidmet, weil Mensch, mir einfach mal so das Leben rettend.
Inhalt
Prämori what? 5
Die Schneemannfrauen 51
Breathing arrest 87
In schlechten wie in schlechten Zeiten 178
Ennstaler Schmerzkäse 270
Brudermord 337
Texte: © Copyright by Ely SkodaUmschlaggestaltung: © Copyright by Mirjam Schweigkofler
Für den Inhalt verantwortlich: Ely Skoda
1140 Wien, Austria
„Ich hatte nicht, wie der andere vor mir, aufhören wollen zu atmen, ich hatte weiteratmen und weiterleben wollen. Ich musste die sicher auf meinen Tod eingestellte Schwester zwingen, mich aus dem Badezimmer heraus- und in den Krankensaal zurückführen zu lassen, und also musste ich weiteratmen. Hätte ich nur einen Augenblick in diesem meinem Willen nachgelassen, ich hätte keine einzige Stunde länger gelebt. Es war an mir, ob ich weiteratmete oder nicht.“
Thomas Bernhard: Der Atem Eine Entscheidung S 18
NEIN… DASGLAUBICHJAJETZTNICHT.
Aaahhhh, war das herrlich …
WIE, BITTE?
Ich muss eingenickt sein …
EINGENICKT?
Hab aber seit langem wieder mal richtig gut geschlafen, darum am besten gar nicht erst gänzlich aufwachen. Augen zulassen. Nicht aufmachen. Noch nicht. Sonst ist es aus mit dieser wundervollen Träumerei…
WHAAATTTT?
… es kommt mir vor, als hätte ich heute deutlich länger geschlafen als sonst.
HEUTE?
Fühle mich endlich wieder mal ausgeruht. Und es ist so angenehm warm in meinem Bett … zwar etwas anders, aber ... Wie es mein bisheriges erschöpftes Leben lang mein Wunsch war: tiefer, fester, sich erhol- wie heilsam auf Gemüt, Geist und Körper legender und absolut beruhigender Schlaf. Downcoming pur. Und dieser schöne Traum….
SCHÖNER TRAUMSAGSTDU?
Kaum machst du aber die Augen auf, ist es vorbei, gelaufen, ein Wiedereintritt ausgeschlossen. Träume in der Kombination mit offenen Augen gehen bei mir einfach nicht zusammen.
TATSÄCHLICH, EINE TAGTRÄUMERINWARSIENIE, ABERWASWIRDDASJETZTEIGENTLICH?
Daher: Die Augen nicht öffnen, die Augen jetzt noch nicht öffnen…
RÄTSELHAFT, DIE ALTE.
Aber selbst mit diesem Mantra finde ich den Weg nicht zurück auf diese einfach fantastische Traumwiese, eine unglaubliche, nicht einfach nur Wiese. Vielmehr ein Meer aus gelben Blumen, Blüten, gelb wie Löwenzahn oder Raps gelb ist, sonnenblumengelb, alles erhellt. Da war nirgendwo auch nur der Tupfen einer anderen Couleur wahrnehmbar, oder etwas Grünes auszumachen, wie es der Normalzustand einer Wiese wäre. Nein, gelb leuchtete es, nur gelb, alles gelb, in hunderten von Schattierungen und Abstufungen, in Blüten und auf Blüten, alles blühte gelb. Sonst unterschied sie sich durch nichts von einer klassischen langläufig bekannten Wiese, die dazu einlud, Blumen zu pflücken (gelbe zwar nur) oder hindurchzuschlendern, steigen, wandern, -laufen, oder wozu immer man beim Anblick einer Wiese Spaß hatte, so es denn erlaubt war, und sie einen animierte. Ich lief vollkommen unbeschwert durch ein Blumenmeer - offensichtlich erlaubterweise - unbehelligt und von jeglichen Bedenken und Lasten befreit hin zu meiner Mutter …
PFFF, MIRIST’S, ALSWÜRDEDASJETZTEINELÄNGERE STORYWERDEN…
Nur, dass die so überhaupt nicht aussah wie meine Mutter. Sie sah aus wie die für einen Haarshampoo-TV-Spot von “L’Oreal“, „schauma“ oder „Palmolive“ der späten 1970er-Jahre aufgerüschte Hauptdarstellerin. Die Frisur ein einziges ballonartiges Gebilde - modelliert aus Haarspray oder schlicht österreichischem Taft - vielmehr ein balloon, im amerikanischsten Slang hingerotzt, als schriebe man‘s anstelle zweier o’s mit in Summe vier aneinandergereihten u’s. Die Schminke hingegen toll, das Kleid aus weißer Baumwollspitze – ja, das gleiche, das auch ich trug in einigen Nummern kleiner, klar. Nein, sie war nicht dick, trug vielleicht eine 38er, für eine Frau mit drei Kindern eigentlich top. Dennoch, das Gesamte, die Frau als Ganzes, irgendwie unecht, gekünstelt, ätzend. Aber so sah sie nun einmal aus in diesem „Film“. Zugegeben, ich entsprach in diesem gerade – ich fürchte - zu Ende gehenden Meisterwerk der Träumerei auch nicht meiner Wirklichkeit als in etwa Sieben- bis maximal Achtjährige. Ich trug lange blonde Löckchen am Kopf, diese umrandeten ein zierliches Gesicht …
BOAH, KRASS!
… in Wahrheit ein Gegenstück zu dem Mädchen, wie ich eines und im wahren Leben entsprechenden Alters herumgelaufen war: Schwarzes kurzes Haar, immer dieses schwarze kurze und von der Mutter in einem von ihr selbst kreierten Chic „Énorme Tristesse“ geschnittene Haar, es musste einfach immer dieses scheiß burschikos und stillos geschnittene gefranste kurze Haar sein, …
SCHNITTLOSTROTZ SCHNITT, MUSSTDUAUCHERSTMALHINBRINGEN.
… wie es im Grunde genommen alle Lausbuben meiner Kindheit in den frühen Neunzehnsiebzigern – wegen dem praktisch sein - trugen. Und mit dieser Friese hatte ich mich gefälligst, dabei aber so unauffällig wie möglich einfügen sollen, also in die Populationsgruppe der „Lausbuben“. Um nur noch so wenig wie möglich über mich selbst auszusagen, vielmehr über die Maße der Deutlichkeit hinaus das sagend, was ich nie, nie, nie und niemals aussagen, darstellen oder sein wollte. Diese üble Grundausstattung gipfelte in den abgetragenen Klamotten der Cousins, die allesamt jeweils mindestens fünf bis zehn Jahre älter waren als ich, also die Cousins.
DIE KLAMOTTENJATEILWEISENOCHÄLTER.
Wenn deren männlicher Reifungsgrad ein Stadium zu erreichen drohte, die Hosennähte vor allem zwischen den Beinen zu sprengen, …
JASPRICHESHALTEINFACHAUS – DAMUSSECHTNICHTDERARTGESCHWOLLENHERUMEIERN?
… also knapp davor, bekam ich sie. Und ich bekam sie auch deshalb (hätte im Glücksfall ja auch mal eine meiner beiden älteren Schwestern treffen können), …
DIE SCHICKSALSSCHLÄGEÜBERLIEß MANSCHONIMMERGERNEUNS.
… weil ich groß war, und dabei sogar um einiges die damals wesentlich älteren Cousins überragte. Dieses Kind war einfach zu groß und passte darum auch schon im Alter von acht oder neun hervorragend in die Firmungsschuhe der 14-15jährigen männlichen Verwandten … es war einer der sehr frühen Momente des bewusst Versinken-, Verschwinden- und/oder Sterbenwollens. In diesen Schuhen konnte man als Mädchen auch nur sterben wollen, obwohl keines damit auch nur beerdigt hätte werden wollen. Ich schwöre es, nicht mal beerdigt wollte man darin als heranwachsendes Mädchen werden … die Not der Situation klammerte jedoch gedanklich die Wünsche einer toten und begrabenen Person aus und so wollte man darin eigentlich doch nichts anderes als sterben. Ein nicht in Worte fassbares inneres Zerwürfnis, ein Unerträgnis an und unter meinen Füßen, welches mich so früh begann durchs Leben zu begleiten …. Wie nur würde, wie könnte, wie werde ich mit diesem Schuhwerk an den Beinen je aufrecht durchs Leben gehen können? Mein Selbstbewusstsein war damit in die Tonne getreten und mein Leben erfasste - in diesem Schuhwerk – erstmals den Bodensatz einer tiefen Depression.
UNDDAROLLTERSCHONWIEDERDAHINDERVON SELBSTHASSUND -ZWEIFELNANGETRIEBENE SUIZIDAL-EXPRESSUNDSCHAFFTESNICHTWIEDERAUSDEN SCHIENEN, ODERSOLLTEICHSAGEN SCHUHENZUSPRINGEN… ELY, MENSCH ELY, ELEGIEWÄREEIGENTLICHAUCHEINPASSENDER NAMEFÜRDICHGEWESEN.
Wie sollte darin auch eine gesunde Seele (man muss an dieser Stelle akzeptiert haben, dass die Seele irgendwo im Bereich der Fußsohlen vor sich hinvegetiert) heranwachsen können? Ein Blick in den Spiegel und ich sehe es heute wie damals, was es hätte werden sollen und partout nicht wurde….
DIE FRISURJETZTODERDU? BEIDES?
Und damit Unheil und die Unglückseligkeit über die Familie hereinbrechen ließ.
ISTJAGUTJETZT, BITTE. STANDNICHTURSPRÜNGLICHEINEANDERE STORYAM PROGRAMM?
Und sprechen wir es doch aus, auch weil Mutter nur so Haare schneiden konnte. Jedem. So und nicht anders. Auch ihren zwischen 75 und 90 Jahre alten männlichen wie weiblichen Kunden zwang sie diese eine, von ihr machbare „Frisur“ auf. Wäre ich nicht ein paar Jahre später ausgezogen, ich würde sie hier, jetzt, gerade aufwachend, noch immer so tragen, obwohl...
DER TRIP, GEHTDERDANNIRGENDWANN MALAUCHWIEDERZU ENDE?
… gerade eben es noch diese freundlichen, liebevoll geflochtenen blonden Zöpfe waren, eines fröhlichen Mädchens obendrein, das ich hätte werden können …. Irgendwie lustig … nein, seltsam … eigentlich ist das gar nicht lustig….
JA, TATSÄCHLICHSCHONMALMEHRGELACHT.
An meinem schwülfeuchten Kopfpolster, dem Kitzeln im Nacken am Haaransatz entlang, dem beginnenden Brennen in den Augen spüre ich es deutlicher als mir lieb ist, nein, es war wirklich nicht lustig, es wurde auch nicht lustiger und ist es niemals geworden.
SOHEUL‘ DOCHBITTENICHT. BITTENICHT.
Aber auf alle Fälle hockte, saß oder auch kniete meine Mutter irgendwo auf diesem einladend weitläufig gelben Areal. Ich hingegen - dabei einen Strauß Blumen pflückend – lief herum, bewegte mich – auf mich allein gestellt - dabei mit einer in Echt einfach nicht umsetzbaren Leichtigkeit durch mannshohes (mannshoch, wie eine zu große circa Achtjährige mannshoch sein kann) Johanniskraut und riesigen Frauenschuh (Größe 46 oder größer, eine 10 ½ in UK und in den USA eine 11 ½), enorme Primeln oder Dotterblumen mit Blüten so groß wie Basketbälle, wie sie in solch Traumwelten aus Surrealitäten auf üppigen bewachsenen Äckern, überwucherten Flächen schon mal herumstehen können. Die Leuchtkraft der Blüten erzeugte ein Licht, ein unfassbares Licht, wie ich es nie davor erlebt, gesehen oder gefühlt habe. Ich muss von fühlen sprechen, denn dieses Licht gab eine Wärme ab, eine so unfassbar wohlig warme Wärme, wie es meine gefrostete Kinderwelt so essenziell gebrauchte und daher aufsaugte, sich darin einwickeln und nie mehr auswickeln wollte.
SUSPENSEGEHTABERAUCHANDERS.
Während ich also so selbständig pflückend herumstapfe, ragt hin und wieder irgendwo auf diesem Blumenfeld ein Stück Kopf meiner Mutter, getoppt mit ihrem Helm aus Haar in die Höhe - sie lächelt sanft und Schmetterlinge – natürlich Zitronenfalter – schwirren um ihr dunkles Haar.
AH, WIRSINDALSOWIEDERZURÜCKINDER SHAMPOO-WERBUNG.
Sie wartete voller Geduld, …
DAMITWARNUNABERENDGÜLTIGAUSGESCHLOSSEN, DASSESSICHUMIHRE MUTTERHANDELTE.
… bis ich den Strauß beisammenhatte, den ich gleich zu Opa bringen wollte. Das gelb in meinen Händen besaß Strahlkraft, fühlte sich heiß an. Ob von der Sonne, die wie verrückt auf uns runterknallte oder der inneren Aufgeregtheit, die zur Grellig- und Helligkeit der Gesamtsituation beitrug, war irrelevant. Über unseren Köpfen lag ein gänzlich ungetrübter Himmel – nicht himmelblau, er breitete sich einfach nur hell aus, so hell, dass er fast weiß schien, eine milchig grelle Decke, die ein Licht aussandte, wie …
ALSOKOMMSCHON, SPÄTESTENSJETZTMACHTESDOCHBEIM DÜMMSTEN KLICK!
Moment, das muss es bedeuten: Diese Reise war eine die den Zweck hatte, Opa zu besuchen – darum waren wir aufgebrezelt wie die Kühe beim Almauf- oder Abtrieb - und dieses Himmelslicht wies mir nun den Weg hin zu seinem Wohnort.
JETZTMACHABERMALEINEN PUNKT, DASISTDOCHNURNOCHKITSCHIG!
Dort muss die neue Adresse sein, an die er nach seinem Tod 1973 übersiedelte und dorthin führte uns nun unser Weg mit diesem gigantisch gelben Strauß in meinen dafür viel zu winzigen Händen. …scheiße, war ich vielleicht aufgeregt und so voll der Vorfreude …
DARFDAS PUBLIKUMAUCHNOCHMITEINEM SCHLUSSGAGRECHNEN?
Und deshalb jetzt bitte bitte nur nicht aufwachen, ich will einfach weiterlaufen, ich bin so nah dran an Opa’s Tür….
UND RICHTUNGWÄREJETZTWELCHE?
Mit Sicherheit lebte er jetzt auf Sirius. Das war unser beider Stern, zwar der von Schärdinger (einer seit dem Jahr 1900 bestehenden österreichischen Molkerei) aus der Kühltheke in der örtlichen Greisslerei gegenüber seinem Friseurladen, und daher hätte er niemals einen anderen Stern für sich und mich gewählt. Wie die wenigen Tage mit ihm doch nach wie vor in meiner Erinnerung festhängen, wie ich die wenige Zeit mit ihm liebte, wenn ich etwa bei ihm im Salon sein durfte, mich ganz Kind fühlend stundenlang auf den vielen Drehstühlen im Kreis drehte, Türme aus Lockenwicklern baute, Haare zusammenfegte und dafür auch schon mal 1 Schilling Trinkgeld von den Kunden bekam, die ich in unser gemeinsames Standardmenü zu Mittag investierte und vom Lebensmittelgeschäft vis a vis 2 Semmeln, 2 Ecken Sirius-Camembert-Käse und 2 Riegel Bensdorp-Schokolade für uns holte. Das verschlangen wir dann gemeinsam in seiner Mittagspause …. Opa sagte niemals böse Dinge zu mir, über mich, ich kann mich an nichts dergleichen erinnern. Ich vermisse ihn so sehr. Weil er mich mochte.
DAS, WASSIEFLASHTIST, DASSERSIEWIRKLICHMOCHTE - EIN NOVUM.
Früher gab es nichts, was aufregender war, als ihn zu treffen, mit ihm spazieren zu gehen, Hand in Hand. Immerzu glühten meine Hände als ich klein war. Selbst im Winter. In seinen Händen konnte mir nichts geschehen, denn er liebte mich, so einfach funktionierte das Regulativ. Und das tat er auf eine wirklich simple und unkomplizierte Art und Weise, denn er stellte keine Ansprüche, Bedingungen, er mochte seine Enkelin so wie sie war. Und was ich war. Sah ich in seine Augen, sah ich offene Arme für sein kleines Mädchen. Hielt er mich umarmt, bekam ich eine selbstverständliche direkte Nähe, Geborgenheit und Wärme, die mir der Rest der Welt nie geben konnte, oder simpler, es einfach nicht mochte. Und Geborgenheit macht warm. Auch deshalb brauchte ich bei unseren gemeinsamen Spaziergängen niemals Handschuhe zu tragen. Sie wurden erst wieder kalt, als Opa 1973 starb. Meine Zudecke Mensch, plötzlich runtergerissen, mitten im Winter, zurückgeblieben ohne Halt und Nähe, ohne Schutz, Hand und -schuhe. Mit nur einem, seinem letzten Atemzug, verging die Glut meines Lebens, mein freudiges Lachen, weil mit Leichtigkeit, die Hitze der Vorfreude, die Wärme im Herzen, die Empathie für die Verbliebenen, die Liebe zu den Menschen … mit ihm in mir gestorben. Und ebenso mit ihm verreckt ist meine Lebensrechnung, die sich nun nicht mehr ausgeht. Verglüht, vergangen und versiegt die überlebenswichtige Nahrungsquelle, die einem Selbstwert, die Achtung für sich selbst und die Selbstliebe fütterte. Weil die eben genau nicht, entgegen jeder beschissenen These in jedem einzelnen dieser beschissenen Selbsthilferatgeber oder auch der Theorie lebensfremder, im Zuckerbad aufgewachsener Mitmenschen folgend, aus einem selbst kommen muss, ja eigentlich nur in einem selbst reifen kann und von einem selbst gepflegt werden muss, wie ein heikles Pflänzchen. Das ist absoluter Bullshit. Das Ding mit der Selbstachtung, mit dem Selbstwert, das braucht eine Basis, eine Quelle und die liegt in der Wertschätzung, Achtung und Liebe, die man von seinem vertrauten Umfeld, seiner Familie und den Mitmenschen erfährt. Wie kann ich (auf) mich achten, wenn keiner (auf) mich achtet? Eine Rechnung, die, wenn es sich für ein Kind nicht ausgeht, sich für den Erwachsenen schon gar nicht rechnen kann.
BORING!
Und darum lodert er ständig hoch, der seit seinem Begräbnis nie mehr erloschene großflächige Brand in meiner Brust, ein brennender Mix aus beengt sein, Bedrücktheit, erdrückt sein, vom Hals über den Nacken bis zurück unterhalb der Brust. Verstärkt durch die Ungewissheit, die, wenn sie zu lange anhält, in Hoffnungslosigkeit kippt. Was wird nun und aus mir? Wer hat mich jetzt noch lieb? Das macht die Lebenssituation eisig und ganz langsam, aber beständig mischt sich alles zusammen zu einem kalten Brennen …. Brennen kann sehr kalt sein….
JA, JA, JAUNDNOCHMALSJA, KLINGTALLESNACHDIRUNDDEMNACHPLAUSIBEL, ABERKÖNNENWIRJETZTENDLICHIM TEXTWEITERMACHEN, AUFWACHENODERWIEDEREINSCHLAFEN, LACHENODERHEULEN, WEITERTRÄUMEN? UNDSOLLTEICHEVENTUELLAUCHMALZU WORTKOMMENDÜRFEN? ICHHABENÄMLICHEINIGESLOSZUWERDEN. DUHASTJASCHEINBARSOWASVONÜBERHAUPTKEINE AHNUNG, WASHIERINDENLETZTEN WOCHENABGING.
Bahhh, raus aus dieser mehr und mehr schlechter werdenden Traumrevue.
DEM HIMMELSEI DANK!
Außerdem werde ich das Gefühl nicht los, dass mich jemand beobachtet, irgendwer grätscht mir dabei verbal in meine Gedankenwelt und quatscht irgendwie mit. Irgendwas macht sich wichtig und stört. Shit, ich muss wirklich in die Gänge kommen und ans Aufstehen denken, oder zumindest als Starter mal die Augen aufmachen, mich langsam und qualvoll aus der bequemen Umgebung reißen, abrupt, besser jetzt beenden und dieses Märchen von Traum, den Traum ein Märchen unwiederbringlich aufgeben. Dabei war es nicht mal wie träumen, es war wie … leben. Aber diese mir wenig vertraute, eine unbekannte Art von Leben, eines das schön ist, leicht, angenehm, unbeschwert und wert ist, gelebt zu werden. Was für eine Fiktion, ein schönes Leben zu leben und keines im seelischen Darkroom, für den ich seit Opas Tod vor 18 Jahren Dauermieterin bin. Nein, nur nicht heulen, schnell die Augen auf, Kaffee machen und … aber … was … wo… das ist nicht … crazy shit, wo bin ich?
ALLESKLAR, ABJETZTMUSSWAHRSCHEINLICHICHÜBERNEHMENODERSOLLTEZUMINDESTWIEDERMITSPIELENDÜRFEN, JA? UNDBLÖDE FRAGENBEANTWORTENUNDDARFDEN TESCHEKGEBENUNDIHRBEIBRINGEN – WOMÖGLICHSCHONEND (JAABERNATÜRLICH, SELBSTVERSTÄNDLICHGERNESEHRBEHUTSAM) - INWELCHEINER, ANDIESERUNDJENER STELLEIM VERFALLBEGRIFFENEN, ALTERTÜMLICHENUNDGRUSELIGEN BETTENKASERNEDES LEIDENSSIESICHSEITMITTLERWEILEDREI WOCHENAUFHÄLTUNDNOCHIMMERDENKT, DIESES 9-BETT-ZIMMER (IHRESINKLUSIVE) SEIEIN ORTDESHERRLICHEN, JASELIGEN, REGENERIERENDEN SCHLAFESUNDDESVERTRÄUMTEN TRÄUMENSAUFWUNDERSAMGELBEN WIESENUNDDER PLATZSCHLECHTHIN, DENMANSICHFÜREINGEMÜTLICHEN AUFWACHENERTRÄUMT. UMDIE DOSIERUNGIHRES MORPHIUMSMUSSTEICHMIRDEMNACHKEINE SORGENMACHEN.
Scheiße, nochmal, das gibt’s doch nicht, wo bin ich?
UM HIMMELS WILLEN, ICHBITTEDICH, KOMMENDLICHINDIE GÄNGEUNDBEWEG‘ DICHVERDAMMT!
Aauuuuu…
OH, OH, OHO SCHEIßE NEIN, GEDANKLICHNUR, MEINTEICH. SORRY, DOCHBESSERNICHT! BITTE, BEWEGDICHNICHT, BLEIBSOWIEUNDWODUBIST…. ABERWACHDOCHENDLICHAUFAUSDIESEMMEDIZINISCHWISSENSCHAFTLICHBETRACHTETPRÄMORIBUNDEN ZUSTAND (ERKLÄRICHDIRABEREVENTUELLSPÄTER), ODERKOMMEINFACHZURÜCKAUSDIESERHALB TRAUM-, HALB NICHTTRAUMWELT, DAMITDUDEN KAMPFMITDEINENZIG SCHLÄUCHENENDLICHSELBSTKÄMPFENKANNSTUNDICHNICHTSTÄNDIGDARÜBERWACHENMUSS, DASSDUSIEDIRNICHTALLEAUFEINMALODERAUCHEINZELNNACHEINANDER – INDEINENACHSOWUNDERVOLLEN TRÄUMENBEIM BLUMENPFLÜCKENFÜR OPA - AUSDIRHERAUSREIßTODERDICHALTERNATIVDAMITSOGARSTRANGULIERST! HÖRSTDU?
Irgendein Schmerz lässt mich zwar nicht in Bewegung kommen, aber ich kann zumindest die Augen schmerzfrei öffnen und was ich sehe, oberhalb von mir, sieht irgendwie nach Schloss aus. Ich kann sehr weit nach oben blicken, dieser Raumhöhe nach zu urteilen, muss das also ein sehr alter Bau sein, Jahrhundertwende? Ein Palais? Ein Pavillon? Doch ein Schloss? Auf keinen Fall bin ich bei mir zuhause: 6. Stock, Neubauwohnung aus der Gegenwartsepoche „Geschmackloser Wiener Brutalitätsbau der 1970er Jahre“, mit geschätzt gerade Mal zwei Meter zwanzig Raumhöhe. Beantwortet aber alles noch nicht, wo ich bin? Und wieso liege ich am Rücken?
LIEGEN? ISTSCHONFASTLIEB! DUSITZTVORMIR, AUFGEBOCKT – SCHLÄFSTINDER POSITION, PISSTUNDRÜHRSTDICHSEIT WOCHENNICHTEINMALDABEI… WIEDENNAUCHMITDREI PÖLSTERNVONDEN SCHWESTERNSTÜNDLICHKONTROLLIERT – ALSGÄBEESMICHNICHTODERWÄREICH LUFT - INDEN RÜCKENGEPRESST, UNDHASTALLEN ERNSTESDAS GEFÜHL, DUWÜRDESTLIEGEN?
Ich liege doch normalerweise nie am Rücken …
ACH, TATSÄCHLICH? SINDJAWIRKLICHE BREAKING-NEWS.
… und ich schlafe schon gar niemals am Rücken liegend, und träumen, träumen hätte ich in der Position erst recht nicht hingekriegt. Ich bekomme davon oder dabei immer Magenschmerzen, die mich in quälender Weise vom Einschlafen immerzu abhalten wollen. Ich kann es nicht erklären, aber es ist schon seit ich denken kann so. Gleiches Gefühl nach dem Trinken von Leitungswasser: Magenschmerzen. Ein Schluck Leitungswasser und mir geht es, als würde ich am Rücken liegen. Am Rücken liegend geht es mir als hätte ich gerade einen Schluck Leitungswasser hinuntergespült und…
OHNE MESSAGE-CONTROLGEHT’SSCHEINBARNICHT…. HÖRZU, DASISTALLESABSOLUTUNSPANNEND, BEREITEDICHLIEBERAUFDEINE RÜCKKEHRZUM PLANET ERDEVORUNDWACHSCHÖNLANGSAMMALZUR GÄNZEAUF.
…niemals habe ich davon irgendwem erzählt,
UNDGUTWARES.
weil ich denke, dass dies zu den Dingen gehört, die man für sich selbst regeln muss. Was soll der andere denn auch darauf sagen oder dagegen tun?
RICHTIG.
Aber es nervt seit Jahren, weil es sich verkrampft anfühlt und jetzt, jetzt plötzlich wache ich hier relativ entspannt am Rücken liegend in Räumlichkeiten auf, die mir völlig fremd sind und denke über einen wunderbaren, einfach himmlischen – unecht schönen - Traum nach und über mir Raum, Raum, Raum. Also viel Raum, ein Mega-Luftraum oberhalb meines sich schwächelnd anfühlenden Körpers.
DASSCHAFFSTAUCHNURDU, EINE UNTER- UNDEINE ÜBERTREIBUNGINEINEM SATZUNTERZUBRINGEN. DEIN KÖRPERSCHWÄCHELTNICHT, ERISTEIN TOTALSCHADENUNDDER MEGALUFTRAUMISTEINMEHRODERWENIGERSTINKNORMALER ALTBAU – UM 1900.
Alles weiß gekalkt und wie gesagt, hoch, sehr hoch. Blicke ich nach rechts, Fenster. Große Fenster, hohe Fenster, viele Fenster, sehr schöne Fenster. Eine Villa? Vielleicht Otto Wagner?
OTTO WAGNER, JETZTKRIEGICHABEREINEN LACHKRAMPF… WASISTMITDIRLOS? KÖNNENNATÜRLICHAUCHDIE MEDIKAMENTESEINODERSIEFIEBERTIMMERNOCHVORSICHHIN, ABERDEFINITIVWARTEICHHIERNICHTINEINEM OTTO WAGNER-BAUAUFDEINE RÜCKKEHRAUSDEM LICHTINDIE DUNKELHEITDER REALITÄT – UNDGLAUBEMIR, ESWIRDBALDSCHONWIEDERDUNKEL, VIELDUNKLER, UNDESWIRDHART, BABY, NOCHSEHRHARTWERDEN, FANGENWIRAMBESTENGLEICHANMITDEM WIEDEREINSTIEGINS MEERDER BITTERKEIT. HÖRMIRGUTZU: WIRSINDIM KRANKENHAUS LAINZUNDDASHATEINGEWISSER STADTBAUARCHITEKT SCHEIRINGERUM 1910 ERRICHTET, DAMALSAUFHÖCHSTWISSENSCHAFTLICHEM STANDUNDALSMODERNGELTEND. DAMALS. UNDDULIEGSTHIER – EINKNAPPES JAHRHUNDERTSPÄTER (DER BAUHATTEALSOMEHRALSACHTZIG JAHRE ZEITAUSDER MODEZUKOMMEN) - IM PAVILLON 8 UNDWICHTIG: LINKS, DULIEGSTLINKS, BEKANNTALSDERFÜRDIE HEILUNGVON LUNGENKRANKHEITEN, RECHTSISTDIE STATIONFÜR HERZERKRANKUNGENUNTERGEBRACHT.
Keinesfalls bin ich zuhause und auch nicht dort, woran meine letzten Erinnerungen hängen … Mitte, Ende Februar - Freitag nach der Arbeit mit Cryso im Sperl - Altwiener Kaffeehaus, Gumpendorfer Straße. Und weil, wie meine Wohnung auch, im 6. Bezirk, nach dem Treffen zu Fuß nach Hause, kalt, na ja Winter, aber sehr kalt, komisch kalt, seltsam komisch kalt war es mir, zähneklappernd kalt, weil – zu Hause dann gecheckt – Fieber. Hohes, atypisch für mich, sehr hohes Fieber, gelbe Kotze tags darauf und noch höheres Fieber: erst Notarzt (was sonst am Wochenende?), dann Montag die Ärztin für einen Hausbesuch und die hat ja dann die Rettung gerufen, oder war das dann erst am Dienstag? Welchen Wochentag haben wir heute überhaupt?
LUSTIG, WELCHER WOCHENTAG? MITDER KALENDERWOCHEODERGARDEM MONATKANNICHSIEJETZTFAIRERWEISENOCHNICHTKONFRONTIEREN.
Zeit und Raum, Raum und Zeit … alles völlig dahin. Himmel, wo bin ich, verdammt? Und Scheiße, was ist heute überhaupt für ein Tag? Was ist denn passiert? Kann mir das vielleicht irgendjemand hier erklären? Ich werde das einfach mal erfragen gehen.
HALT, LANGSAM! NICHTDOCH, STOPP …
Au Weh, nein. Ok, bewegen geht gar nicht, auf keinen Fall bewegen. Ist überhaupt nicht gut, aua, was ist denn nur passiert mit mir? Und kann ich tatsächlich nur am Rücken liegen? Aber dabei liege ich nicht mal, bemerke ich eben erst, wieso sitze ich eigentlich mehr oder weniger und was ist mit meinem Handrücken? Da steckt ja ein Venenkatheter – mit einer Kappe drauf und in der Armbeuge ein zweiter, von dem führt aber ein Schlauch zu einer rechts neben meinem Bett auf einem Rollständer hängenden, in Super Slow Motion tropfenden Infusion … man räumt mir also noch Zeit ein. Neben diesem „aktiven“ Sack hängen aber noch zwei weitere pralle Beutel und ebenso baumelnd wartet eine Glasflasche mit einer undefinierbaren Lösung offensichtlich nur darauf, meine Venen mit diesem Saft zu betanken – wie eine Tankstelle mit Überlebensflüssigkeiten - Diesel, Normal, Super und SUPERplus, hoffentlich alles bleifrei, ungezuckert und alkoholfrei. Nur all das tut ja noch nicht weh …? Könnte ich mich doch nur irgendwie besser bewegen, scheiße aber auch, was ist nur los? Vom Bettrand baumelt auch noch was runter – ah ok, na bravo, hätte ich mir auch denken können, es sind wieder mal die Nieren. Was aber zieht mich links so runter? Grundgütiger, woraus kommt denn der Schlauch bitte? Iiiii, grauslich, was rinnt denn da durch? Ist ja schlimm, pfui, geh bitte, kommt das tatsächlich aus mir?
BÜLAUDRAINAGENENNTSICHDAS TEIL, DER SCHLAUCHKOMMTAUSDEINER LUNGE. DENHABENSIEDIR – IM ÜBRIGEN, WÄHRENDDUSOHIMMLISCHGUTGESCHLAFENUNDACHSOGELBGETRÄUMTHAST - ZWISCHENDEN RIPPENDURCHODERVIELMEHRANIHNENVORBEIINDIE LUNGEGERAMMT, WEILDUDA WASSERDRINNENHAST, VIEL WASSER – VERTRÄGTSICHSCHLECHTMITDEM HERZEN (DASBRÄCHTEDICHDANNINDIE STATIONNACHNEBENAN, RECHTSVONUNS – WENNSIEDANNAUCHSCHNELLGENUGSIND) UNDSOWEITERUNDGEHÖRTDAJAGRUNDSÄTZLICHNICHTHIN. UNDWEILDUDICHINDENLETZTEN WOCHENNICHTBEWEGTHAST – IM NORMALFALLWÜRDEICHJETZT „DUFAULES STÜCK SCHEISSE“ DRANHÄNGEN, DRÜCKABERMALKULANTEIN AUGEZU, DENNDUSOLLTESTDICHAUFKEINEN FALLBEWEGEN – KANNDAS WASSERVONALLEINENICHTSOABLAUFEN, WIEESSOLL. DESHALBDER KÜBELAM ENDEDES SCHLAUCHESUNDJAMMEREBITTENICHTRUM, DASSDUINDENNICHTHINEINSEHENKANNST – GLAUBMIR, DUWILLSTESNICHTSEHEN. UNDJETZTHALTMALDIESENDEINENKAPUTTEN LEIBWIEDERAUFRECHT, SITZGERADE, MÄDCHENUNDATMEMALWIEDERGANZRUHIGDURCH …
Und noch zwei weitere Schläuche aus der oder in die Nase – die kommen woher oder führen wohin? Bitte, sag mir mal einer, was hier überhaupt alles los ist… Hallo!
SCHREIDOCHNICHTSOHERUM. NOCHNICHT, HEBDIRDASFÜRGLEICHNOCHAUF.
Hänge ich tatsächlich an einer Sauerstoffflasche? Ich glaub‘ es ja nicht!!!! Aber wieso? Bei den letzten Nierenbeckenentzündungen habe ich nie nach Luft gerungen. Warum steht denn da eine Sauerstoffflasche wie ein Patron der Atemlosen neben meinem Polsterturm, erinnert dabei aber eher an eine im 2. Weltkrieg abgeworfene und hier bei Renovierungsarbeiten zufällig freigelegte Fliegerbombe und verspricht mehr Bedrohung denn Hilfe. Kategorie schlechteste Krankenhauswitze: „Arzt zur Schwester, hängen Sie den Neuzugang von Zimmer 5 doch mal an die Fliegerbombe, will die Welt vielleicht von oben sehen.“
NEIN, WIEPEINLICH, BITTELASSES, JETZTNICHTAUCHNOCHVERSUCHENAUSLAUTER VERZWEIFLUNGWITZIGZUSEIN.
Fuck! Den Kopf hin und her, ist das Einzige was geht … rechts zu diesen schönen Fenstern, links … Jesus! Das sind eins, zwei, drei, vier … acht Betten, mit meinem neun. Meine Augen beginnen zu brennen, ich spür‘s, es geht gleich los … heißt aber im Umkehrschluss, ich kann weinen und das bedeutet dann, dass ich wahrscheinlich noch lebe und der Traum von eben tatsächlich ein Traum war. Das hingegen ist dann aber alles real. Ein realer Albtraum… ist das hier tatsächlich echt und alles real? Weshalb denn bitte? Und vor allem wo nur? Nochmal ‘nen Blick nach links riskieren? Aber wo gibt’s sowas denn überhaupt, 9-Bett-Zimmer? Enttäuscht wieder zu den Fenstern drehen, aber sehen kann ich nun kaum mehr etwas, die Tränen laufen und laufen und rinnen in Richtung Ohren und auch dahinter und von dort weiter entlang des Haaransatzes auf die Pölster hinunter, um dort irgendwo für eine Sekunde lang eine Lache zu bilden, dann gleich aber unter meinem fiebernd glühend heißen Nacken erst dampfen, dann letztendlich vertrocknend verrecken, versiegen, versterben…. Ich habe Durst, richtig großen Durst. Warum bin ich denn nur aufgewacht? Ich mag das hier nicht. Einfach die Augen wieder schließen? Die Hände kann ich zu nichts nutzen. Schläuche, Kanülen und Tröpfe aus allen natürlichen und den zahllosen scheinbar künstlich geschaffenen Körperöffnungen hängen beidseits an mir runter, verhindern jede, auch nur im Ansatz freie oder schmerzlose Bewegung. Ohne dabei zu leiden, krieg ich nicht mal den Kopf hoch, aber den Blick mit starkem Willen konzentriert durch die Tränen hindurch nach rechts gerichtet, erkenne ich hinter diesen riesengroßen Fenstern – eins davon könnte sogar eine Tür sein – zumindest nicht noch mehr Betten, dafür aber Menschen (der eine Typ da draußen sieht aus wie mein Vater). Und sie standen angezogen herum, sahen nicht krank oder saßen auf Stühlen. Es sind aber vor dieser gemauerten Einfassung oder sagt man Balustrade, wie für einen Balkon oder eine Terrasse typisch nirgendwo weitere Menschen in noch mehr Betten auszumachen, einen Augenblick lang stimmt mich das – warum auch immer – froh. Und mehr erschließt sich mir auch nicht. Sieht zumindest schön aus und holt mich wieder etwas runter. Ich wünsche mir, ich könnte da jetzt raus, es sieht mir nach bereits wärmender Frühlingssonne und einem fantastischen blauen Himmel aus.
FREIHEITSDRANG, FLUCHTGEDANKEN – HURRA, ESGEHTBERGAUFMITIHR.
Moment, Frühlingssonne? Ich war mit Cryso Anfang / Mitte Februar im Café, es war Winter und sowas von scheißkalt.
UNDSCHONZEIGTDER SMILEWIEDERNACHUNTEN. BEGREIFEN, KANNECHTAUCH RÜCKSCHLAGUND SCHMERZBEDEUTEN, NICHTDASSSIEMIRLEIDTUST, ABERIRGENDWIE, IST’SSCHON...
Das Licht von draußen erinnert an eine Lichtstimmung, als wäre es mindestens kurz vor Ostern oder Ende März, sowas um den Dreh, und das Gezwitscher der Vögel, das durch die teilweise in geschätzt vier Metern Höhe gekippten Fenster zu hören ist, klingt mir auf keinen Fall nach Winter, Kälte, Schnee oder Anfang/Mitte Februar. Und die Leute, die draußen stehen (die Frau da, ist aber nicht meine Mutter, oder?), sie scheinen überhaupt nicht zu frieren, vielmehr die Wärme und Sonne zu genießen. Also scheiße noch mal, wie lange bin ich schon hier und wieder, abermals und nochmals: WO ist das überhaupt? Was trag ich denn außerdem für ein seltsames Hemd? Und ist hier überhaupt irgendjemand, den ich fragen kann? Waaaaah, ich dreh in der Minute noch durch und außerdem, ist da nicht auch andauernd eine Stimme zu hören? Doch, ich höre eine Stimme, oder? Irgendwas, irgendwer sagt mir, ich bin nicht allein. Es quatscht mir doch ständig etwas in meine Gedanken hinein. Ich bin doch wach, oder? Bin ich wach? Hallo? Redet wer mit mir? Oder was höre ich? Bin ich, werde ich gerade verrückt? Da ist doch jemand, ist da wer? Hallo? Ich bitte…
JA, HIER, UNDSCHREIBITTENICHTGLEICHLOS. KLINGTLÄCHERLICH, ICHGEBEESJAZU, WEILDU’SNICHTKANNST.
Was, wer?
HIER! HIERBINICH.
Wo denn? Wo ist hier? Ich sehe doch so gut wie nix und niemanden. Also wo? Hab den Horizont eines Fladens in einer viel zu hohen Pfanne und kann den Kopf im äußersten Fall nach rechts drehen, dann sehe ich diesen Außenbereich, darauf stehen zwar Menschen, aber die schauen weg von mir (sehen tatsächlich wie meine Eltern aus ... Blödsinn), also können es die schon mal nicht sein, die mit mir reden. Und dann kann ich den Kopf noch nach links drehen und da … oh du guter Gott, Hilfe! Wer ist das denn? Entsetzt blickt mich, nein, ich bin hier die eigentlich Entsetzte und blicke in das kreisrunde Gesicht einer dicken alten Frau mit eingedrehtem Haar auf türkisen, pinken und violetten Lockenwicklern. Sie trägt einen borstigen Oberlippenbart, der ist dunkelgrau/weiß gesprenkelt, auf den Leib geschraubt ziert sie ein Schweinchen rosafarbener, rautenförmig abgesteppter Schlafrock, ein Modell aus diesem knisternden Material, das keinesfalls in die Nähe einer offenen Flamme kommen durfte, weil durch die Hitze Blausäure entstehen konnte. Ganze Kolumnen von Konsumentenschutzmagazinen befassen sich mit Warnungen und Produktrückrufen dieser Billigteile aus Polyester oder Dralon und gelten als die Killer jeglicher Kaminromantik: „Frau suchte Wärme und löst sich in Rauch auf.“ „Nach heißem Kamin-Date, Frau steht nach wie vor in Flammen.“ Dieser unsympathische Weiberkopf hängt nun also plötzlich von links über mein Bett gebeugt und stellt krächzend, trocken, schnörkellos und für alle hörbar in den Raum: „Jetzt hat sie sich bewegt“.
ISTDOCHNICHTZUFASSEN, DIEFETTE SYLVESTERAUS BETT 2 VERSAUTMIRDOCHTATSÄCHLICHMEINE VORSTELLUNGSZEREMONIE, ODERWIEJETZT?
Ich ringe nach Luft, mir fehlen die Worte und die Luft, je nachdem, was zuerst weg war…, ich kann es nicht einordnen und je nachdem was insgesamt mit mir überhaupt abgeht …. Aber ihre Stimme war es nicht, die die ganze Zeit schon stört oder auf sehr subtile Art und Weise (mit mir?) versucht zu kommunizieren, mir dazwischenredet. Phantasiere ich etwa, höre nur ich das? Aber sie war eindeutig männlicher, viel tiefer. Ich werde noch verrückt hier…
GANZRUHIG, KLEINES. ALSONOCHMALVONVORNE, ICHBINHIERUNDDAFÜRDICH, ICHBINBEIDIR, HIER.
Hääää? Wo, was, wer ist da? Habe ich nicht eben zum Ausdruck gebracht, dass ich mich nicht bewegen kann, verdammt nochmal, wo, wo, wo? Versteht mich eigentlich niemand mehr? Hört mich hier denn keiner? Ich muss tot sein. Wieder läuft ein Strom der Tränen in Richtung Nacken und ich bin unfähig, mich darum auch nur ansatzweise zu kümmern, denn ich fühle mich gefesselt, gefangen und einsam… Scheiße, Scheiße, Scheiße…
ACH, NICHTDOCH. KOMMSCHON, ICHBINDOCHBEIDIR.
Herrgott nochmal, wo denn, verdammt noch eins. Was und/oder wer sind sie außerdem?
ICHBINICH, ODEREIGENTLICHDU. JA, SOKÖNNTEMANESSAGEN, ICHBINDU.
Also was ist das denn für eine Fuckstory? Gequirlte Scheiße ist das. Schlafe ich schon wieder? Oder noch? Träume ich? Haben sie keinen Namen?
MUSSTDUDOCHWISSEN. ICHWEIß NICHTSDAVON.
Wieso ich denn bitte? Soll jetzt was bedeuten?
REIZEND, UNDAUCH BEGRÜßUNG. NENNMICHBITTEEINFACHWIEDUWILLST, ISTMIRIM GRUNDEGENOMMENVOLLKOMMENEGAL, WARNOCHNIE THEMA.
Reizend also? Interessant.
WAS? NEIN, WIEKOMMSTDUAUFREIZENDBITTE?
Sagten sie doch gerade und es passt ja auch ganz gut. Sie reizen mich schon während des komplizierten Intros bis zum…
DANNNENNMICHHALTANDERS, DOOFES DING, IT’SUPTOYOU, SAGTEICHDOCH, MIRISTDASWURSCHT.
Hat auch was, Wurscht! Herr Wurscht, sie würden mir dann nicht mehr nur unheimlich auf den Nerv gehen, sondern ich würde mich auch noch ekeln vor ihnen, so von Vegetarierin zu Wurscht gesprochen…. Nahezu grauslich die Vorstellung. Hej, ich könnte sie Grauslich nennen.
DARFDASJETZTWAHRSEIN? JESUS, DANNNIMMEBEN JUSTUSODER…
Schnauze! Passt schon, gefällt mir Justus. Dann also Justus, der mir endlich die Gerechtigkeit ins Leben bringt, ja?
BAHEH, WIESCHWIERIGBISTDUDENN?
Na, hören sie mal, vielleicht darf ich von jemandem, der mir ständig ins Wort fällt, erwarten, sich mir zumindest vernünftig vorzustellen? Und warum machen sie das überhaupt, mir ins Wort fallen? Was machen sie hier? Wie kommen sie an mich so nah ran? Wo kommen sie überhaupt her? Sind sie illegal über die March herübergeschwommen und verstecken sich jetzt deshalb unter meiner Decke oder hinter meinem Rücken? Vielleicht darf ich ja erfahren, oder habe sogar ein Recht darauf zu wissen, mit wem ich es hier zu tun habe?
WERZUHÖRT, ISTKLARIM VORTEIL, UNDICHWIEDERHOLEMICHNURUNGERN. ICHMEINEVERNOMMENZUHABEN, DUHÄTTESTDICHEBENDARAUFVERSTÄNDIGT, DASSVONNUNAN JUSTUSMEIN NAMESEI, EINFACHUNDSIMPEL JUSTUS, KEINVORUNDZU, KEINHINTERHERUNDVORSTELLENDARFICHMICHALSDEIN BEGLEITER.
What? Mein Begleiter? Seit wann? Hab‘ ich nix bemerkt, hatte ich nie, gibt’s nicht, wüsste ich doch von, einen Begleiter zu haben. Hätte doch niemals so einsam sein können mit einem Begleiter.
ICHBINABERSCHONSEHRLANGEDEIN BEGLEITER, UMNICHTZUSAGEN, DEIN LEBENLANG. ICHPASSEAUFDICHAUF, BESCHÜTZEDICHUNDTHEORETISCHKENNSTDUMICHEBENSOLANGE, WIEICHDICH.
Bullshit.
UNDUMDEN PUNKTNOCHABZUSCHLIEßEN: WENNESDIRPLÖTZLICH – WARUMAUCHIMMER - SOWICHTIGIST, NENNMICHJETZTVERDAMMTNOCHMAL JUSTUS … ESSPIELTDOCHFÜRMICHÜBERHAUPTKEINE ROLLE, ISTFÜRMICHIRRELEVANT, ALSOABGEHAKT.
Nix abgehakt. Am besten hören sie verdammt schnell damit auf, die ganze Zeit von uns, unser und wir zu reden! Und wenn wir schon mal dabei sind - nochmal zum Mitschreiben: Ich kenne sie nicht. Und noch sehe ich sie nicht einmal. Also wann nochmal, sagten sie, waren sie genau für mich da, Herr Justus?
IMMER, WENNDUMICHBRAUCHTEST …
Wenn ich dich brauchte? Bah, wie lächerlich ist das denn bitte? Und wir sind und waren wahrscheinlich schon immer beim du, ja? Oder wann wurde es schließlich so cosy zwischen uns, dass wir mit der Duzerei begonnen haben?
WENNDUMICHBRAUCHTEST, GINGESDIRMEISTSEHRSCHLECHT, SOSCHLECHT, DASSDUDEIN RUNDHERUMNICHTMEHRWAHRNEHMENKONNTEST. ABERICHWARDA. IMMER. UND AUSREDENSOLLTESTDUMICHLASSEN – AUCHWIEIMMER – DIE DISKUSSIONUMDEIN REINGEQUATSCHEHATTENWIRWIRKLICHSCHONZUOFT.
Mein Reingequatsche? Ich und drein quatschen? Das ist doch lächerlich und wirklich die reinste Täter-/Opferumkehr.
ICHDUZEDICH, WEILICH, DICHNOCHKEINEN TAGDEINES LEBENSGESIEZTHABE, NÄMLICHWEILICH, WIEEBENAUSGEFÜHRT, SCHONIMMERBEIDIRWAR. SELBSTWENNESDIRMALBESSERGING, SELBSTDAWARICHANDEINER SEITE. DER PUNKTDABEIIST: GINGESDIRGUT, STANDDEINWEITLÄUFIGERES RUNDHERUMINDEINEM FOKUS, IM MITTELPUNKT, MICH (VIELMEHRDICHSELBST) HASTDUDANIEWAHRGENOMMEN, SCHERTESTDICHEINEN DRECKUMMICH, WANNIMMERDUGERADEMALNICHTKURZVORM VERRECKENSTANDST. JA, SOTICKSTDUNÄMLICH. UNDJETZTMALBEIALLEM RESPEKT: SOEINESOLLTEICHSIEZEN?
Wie bitte? Was soll denn das jetzt heißen, das ist doch eine Frechheit.
UMABERZUEINEM ENDEINDIESERNULLWERTIGEN DISKUSSIONZUKOMMEN, WÜRDEICHESMIRANMAßENODERNENNENWIRESTREFFENDERAUFBÜRDEN, SEITNUNSCHONMEHREREN WOCHEN TAGUND NACHTANDEINEM BETTZUSITZEN, DABEIJEDENDEINERKÜNSTLICHERZEUGTEN ATEMZÜGEZUVERFOLGEN, WÄHRENDDUDIEGANZE ZEITPRÄMORIBUNDDAGELEGENHAST, KEINEN FINGERRÜHRTEST, UNFÄHIGWARST, DICHSELBSTÄNDIGATMENDDURCHS LEBENZURINGEN, WENNICHDICHNICHTVORHERSCHONMALRECHTINTENSIVKENNENGELERNTHÄTTE? UNDWASDENKSTDU: WÜRDEICHALLDASALSIRGENDEINDAHERGELAUFENERZUFÄLLIGER UNBEKANNTER, FREMDER, GÄNZLICH UNVERTRAUTER, DANNAUCHNOCHINSIEZENDER WEISETUN? HA? ABERICHSTEHEÜBERALLDEM, UNDVORALLEMSTEHEICHGANZKLARÜBERDIRUNDSOKANNICHDICHBESCHÜTZEN, ALSDEIN SCHUTZENGELUND…
Moment, Moment, ganz falsches Thema. Komm mir nicht mit Schutz und Engel, schon gar nicht mit Schutzengel oder ähnlich schrägem Zeug. Zieht bei mir überhaupt nicht und wenn du mich so gut kennst, wie du behauptest, bist du dir dessen auch vollkommen bewusst. Oder zählt es zu den besonderen Vorzügen eines Schutzengels, einen mit Antithemen in schlechten Zeiten auch noch zu quälen, ja? Ich habe da keinen Vergleich, kenne ja sonst keine oder vielmehr, kannte bis eben keine, verstehst du? Daher kann ich nichts wirklich einordnen und zweifle daher an allem was mir gerade widerfährt…. Träum ich denn noch? Oder was ist das für ein unbegreiflicher Zustand, und wenn du da bist, wo bist du überhaupt? Warum sehe ich dich nicht? Gehört wahrscheinlich zu dem Schutzengeldingens - Schutzengel sind natürlich unsichtbar. Interessiert mich auch gar nicht, wie du aussiehst, aber schnallst du‘s dann auch irgendwann, dass ich nahezu unbeweglich bin? So viel nämlich zum Thema, mich vor irgendwas beschützen … lachhaft die Nummer, die du da abziehst. Schau mir zumindest ins Gesicht, wenn du mit mir redest. Und vor allem, was faselst du da überhaupt für Fremdworte raus, prämori was?
ACH SCHÄTZELEIN, ICHSCHREIB’SJAWIRKLICHDEINEM - FREUNDLICHAUSGEDRÜCKT - SCHLECHTEN ALLGEMEINZUSTANDZU, TATSÄCHLICHÜBERN BERGBISTDUJAALLEM ANSCHEINNACHNOCHNICHT. DIESEGANZE FRAGEREI, ALSWÄRENWIREINANDERVORHERNOCHNIEBEGEGNET… SPÜRSTDUMICHNICHT, DUMMERCHEN, GENÜGTDIRDASNICHT? ICHSITZDIRSEITJEHERIM NACKEN, NORMALERWEISE, SITZICHIRGENDWOAUFEINERDEINER SCHULTERN, VORZUGSWEISERECHTS. WENNDU ANFÄLLEHAST, WECHSLEICHAUFDIELINKE…
Anfälle? Jesus, was redest du, was denn um Himmels Willen für Anfälle? Bist du verrückt? Und könntest du, by the way, normal mit mir reden, wenn ich bitten darf, Justus. Bin weder dein Schätzelein noch Dummerchen, und schon gar nicht dein Schätzchen oder Fräulein oder sonst eine Gestalt aus deiner scheinbar krankhaften fantastischen Märchenwelt. Platzt in eine völlig orientierungslose und mit Riesenlücken gespickte Aufwachphase meines Lebens – die Gründe warum ich überhaupt so lange geschlafen habe, haben sich mir noch immer nicht erschlossen – und blaffst mich an, wirfst dabei mit Weisheiten um dich, die außer Verwirrung nichts in mir auslösen. Verwirrung nicht zuletzt darüber, warum ich überhaupt hier liege und noch dazu in welchem - freundlich formuliert - schlechten Gesundheitszustand. Nicht genug, zu all dem Schmerz und der Verzweiflung kristallisiert sich eine einzige Ansprechperson heraus, die aber ausgerechnet ein imaginäres oder wie von sich behauptet, auch existentes freches Etwas ist, das mir „wie immer“ im Nacken sitzt und so tut, als wären wir seit jeher wie eins, wie Bruder und Schwester, Schwester und Bruder, Zwillinge vielleicht sogar, ja? Womöglich eineiig, natürlich, bestimmt sogar. Aber Moment, was hast du da eigentlich gerade so nebenbei eingeflochten? Jetzt dämmert es mir.
IHRE LEITUNGISTTATSÄCHLICHNICHTKÜRZERGEWORDEN….
Du Arsch, bist du etwa verantwortlich für meine fast schon ein Leben lang andauernden Schulterschmerzen, Nackenprobleme, Höllentrips an verhärteter verknoteter blau brennender Muskulatur, die bis in die Fingerspitzen brennt und meine Arme taub macht? Ha? Und immerzu, 365 Tage im Jahr sind sie eiskalt. Du bist der beschissene Painmaker? Wegen eines Penners wie dir habe ich diesen tagtäglichen Zoff mit diesem Körper? Sag schon, du feiger Arsch, trau dich, spuck’s aus.
FÜRS SPUCKENINDIESEN GEMÄUERNSEIDIHR SIECHENUNDNICHTDIE BEGLEITPERSONENZUSTÄNDIG! ICHSPUCKHIERSICHERGARNIXAUS. UNDVONMIRKÖNNENDEINE SCHMERZENNICHTSEIN, ICHWIEGESOGUTWIENICHTS. ICHLUNGERENORMALERWEISEABWARTENDAUFDIRHERUM, VONIRGENDWOAUSMUSSICHANSPRINGEN, WENNESDENNWIEDERMALSOWEITISTUNDDAZWISCHENMUSSICHAUFDICHACHTEN, UNDÜBERDICHWACHENUNDWOSONST, SOLLTEDASBEIDIRBESSERGEHEN, ALSAUFDEINENABGERACKERTEN HÄNGESCHULTERN (HURRA, TANZFLÄCHE) AUFDIE ALLEALLESABLADENUNDDRAUFHAUENUNDBALD, JABALD, HABICHNOCHMEHR PLATZ, DANNRENNSTDUMITEINEMBRONCHIALEN ASTHMARÜCKENHERUM – DERJEÄLTERDUWIRST, UMSOBREITERWIRD - UNDICHHABDANNENDLICHRICHTIGVIEL PLATZ, AAAH, ICHSTELL‘SMIRSCHONRICHTIGGEMÜTLICHVOR …
Du musst irgendein Irrer sein, oder? Ich ruf jetzt die Schwester. Es muss mir doch jemand helfen können, mir erklären können, wo ich bin, was hier abgeht, was mit mir geschieht, wie es mir geht? Mit dir auf mir das wird nichts, das muss ganz schnell aufhören, man muss dich mir wegmachen, ich dreh sonst noch durch hier.
JA, SCHONGUT, BLÖDE KUH, SITZESOWIESONURNOCHAUFDER BETTKANTEZUDEINEN FÜSSEN, WEILESDAAKTUELLBEQUEMERUNDRUHIGERIST, VIELWENIGERLOSISTALSDAOBEN. DIE PERFORMANCE, DIEDUIN BEZUGAUFDEINE ATMUNGABLIEFERST, LÄDTNICHTGERADEZUM VERWEILENIM BEREICH OBERKÖRPER, RUMPFODER SCHULTERGÜRTELEINUNDESISTDADERZEITAUCHSOGUTWIEKEIN PLATZFÜRMICH. DEINEN OBERKÖRPERSCHMÜCKTEINEWABERNDE STOLAAUS KABELN, SCHLÄUCHENUND KANÜLEN, INDENENSICHUNTERSCHIEDLICHSTE FLÜSSIGKEITENHINUNDHERUNDWIEDERZURÜCKBEWEGEN, WOBITTE, SOLLTEICHDAGEMÜTLICHDEN ÜBERBLICKÜBERDICHBEHALTEN?
Also ich fasse das alles nicht, ich brauche Hilfe. Hilfe! Wo ist denn diese rosa gespickte Hackfresse mit den Lockenwicklern am Kopf von vorhin? Ich komm nicht zu der verfickten Glocke, die ober mir baumelt. Die müsste doch Hilfe bringen, wozu hinge sie denn sonst da?
MOMENT, ICHBINJADA, ICHHELFEDIRUND…
Ja genau, fühlte ich mich nicht schon tot, würde ich mich jetzt auf der Stelle totlachen. Du unsichtbarer blöder Wichser hilfst mir und klingelst nach Verstärkung, oder was?
HEJ, SCHALTEMALWIEDEREINEN GANGRUNTERUNDREDENORMALMITMIR! UNDBITTE, RUDERENICHTSTÄNDIGHERUM, BLEIBRUHIGSITZEN, BEWEGDICHEINFACHNICHT, MACHNICHT SACHEN, DIEDUNICHTKANNSTUNDHALTENDLICHDIE FRESSEUNDEINFACHSTILLODERHALTSTILLUNDDIE FRESSE – SUCHESDIRAUS.
Genau, so stellst du es dir vor? Ich soll die Fresse halten oder normal reden? Ich rede die ganze Zeit normal oder eigentlich denke ich, ja das denke ich schon, die ganze Zeit normal, ich hoffe, ich rede nicht. Ich rede doch nicht, oder, denn ich würde ja sonst Selbstgespräche führen und wenn die jemand hört, hätte doch schon wer dastehen müssen und mir aus dieser misslichen schmerzhaften unerklärlich beschissenen Lage helfen oder nach irgendeiner verfluchten Schwester - im Sinne von medizinischer Fachkraft - rufen können…. Wieder werden die Polstertürme hinter mir feucht, dann kalt, dann dampft und juckt es … oh mein Gott, wie ich es hasse.
BITTEBERUHIGEDICHDOCHWIEDER. ISTALLESETWASVIEL, ICHMERKEDASSCHON. WIRHABENDASBISHERABERIMMERHINGEKRIEGT, VERTRAUMIREINFACH, ABERDUMUSSTDICHJETZTBITTEWIEDERBERUHIGEN. DUBISTNICHTALLEIN, ALSOVERZWEIFLENICHT, DANNWILLICHDIRDOCHALLESERKLÄREN, HÖRSTDU? OBWOHLICHDAS GEFÜHLNICHTLOSWERDE, DASSICHGANZWEITVORNEANFANGENMUSS.
Oh ja, ich bitte dich, fang von ganz weit vorne an, damit ich endlich versteh, was hier abläuft und damit ich dich rätselhaftes Ding verstehe, denn scheinbar bist du ein wichtiger Bestandteil dieses Spiels, Theaters, dieser ungewollten Wahlverwandtschaft oder was weiß ich, wer hier was rund um mich inszeniert hat oder ob ich jetzt erst träume und bisher wach war. Aber dann müsste die Szenerie zuvor auf der Wiese ja real gewesen sein und das verstört mich nun eigentlich fast noch mehr. Und vor allem, sag mir bitte zuallererst, wer du wirklich bist und vor allem, was du von mir willst und warum du mich so quälst und mir zusätzlich zu all den aus Nase, Mund, Harnröhre, Ellenbogen, Handrücken und irgendwo seitlich aus der Bauchmitte ragenden Schläuchen auch noch blöd im Nacken oder zu meinen Füssen herumsitzen und depperte Sprüche klopfen musst? Ich fasse das alles nicht, verstehst du, ich möchte jetzt sofort tot sein, Arschlochbruder…. Und was für eine Kack Dampferei schon wieder im Nacken… ganz tief Luftholen…, ja, schön wäre das. Tief wie der letzte Atemzug, … das wär’s jetzt wirklich.
HALT, STOPP, STOPP, STOPP …
Nein, nicht stopp, Mister Rückzieher. Erklär mir die absurde Szenerie und die Sache mit uns Zweien. Du hast angeblich die Ahnung, überschütte ich mit ihr, bevor ich es mir noch anders überlege. Leg los, warst ja eigenen Behauptungen zufolge immer schon bei allem dabei.
NAJA, UMSGENAUZUSAGEN, SINDESJANUR 254 MONATEUND 12 TAGEGEWESEN.
Bist du verrückt, irgendwo dagegen gelaufen oder öfter mal aus meiner Schulterhöhe auf den Asphalt gedonnert? Soll ich mir jetzt ernsthaft ausrechnen, wie viel 237 Monate, 4 Wochen und 8 Tage umgerechnet sind? Ernsthaft? Soll ich tatsächlich mit Nachrechnen beginnen, um zu erfahren, wann du in mein Leben getreten bist? Und sehe ich aus, als wäre ich dazu jetzt in der Lage? Ich kann’s dir auch nicht sagen - habe mich noch nicht gesehen, aber fühlen tu ich mich nicht danach. Scheinbar hast du jedoch das Gefühl, es wäre genau jetzt der richtige Zeitpunkt für ein paar Rechenaufgaben, ja? Ist das dein Therapievorschlag, deine Art von Rückholaktion ins Leben?
254 MONATE, ESSIND 254 MONATEUND 12 TAGE, WENNICHDICHNURKORRI…
Scheißkerl, verrecke, und behalt es für dich, es interessiert mich Null, Nüsse. Du kannst von nun an labern, was du willst, mir erzählen, wie du mir beigestanden hast oder auch seit wann, ich höre dir gar nicht mehr zu…. Du bist ab jetzt einfach Luft für mich.
DIEHÄTTESTDUWOHLGERNE, DIE LUFT, HASTDUABERNICHTMEHR. EBENHASTDUESABERSELBSTSCHONANGESPROCHENODERVERMUTET: ICHBINWIRKLICHSOETWASWIEDEIN BRUDER, EINÄLTERER, REIFERER, DERERFAHRENEGROßE BRUDERSOZUSAGEN, DERAUFDICHACHTGIBTUNDBESCHÜTZTUND…
Fantastischer Job, kann ich da nur sagen, ich fühle mich blendender und zufriedener als je zuvor, beachtet, behütet, so richtig fit dabei und außerdem kerngesund … ja, irgendwie auch so gut aufgehoben und – wie nanntest du es gerade nochmal? Beschützt.
SCHUTZENGEL, INEINEMWORT.
Kannst es wohl nicht lassen, was? Lass diesen Kitsch, das Engelsgequatsche oder auch Glaubensfragen einfach raus, denn das ist mir jetzt wirklich zu schräg, mach da am besten gleich einen ganz fetten Punkt oder besser noch, streich es aus deinem Text. Der Glaube lebt nur einen Fliegenschiss entfernt von der Scheinheiligkeit, mit Sicherheit kennst du meine Meinung dazu, also von daher musst du ein Vollhirni sein, in meiner Gegenwart mit diesen Themen ein weiteres Mal punkten zu wollen. Und sprich den Rest der Dinge, die du unbedingt zu sagen hast, an, wie sie sind oder lass es, kein Geschnörksel, steh ich echt nicht drauf. Sprache ist dazu da, Inhalt zu vermitteln, klar auszudrücken und hinzustellen, was zu sagen ist, nicht verbal Rüschen zu malen, wo es Glätte, Klarheit und Strukturen braucht. Weißt du, wie sehr ich das hasse?
WEIßTDUWAS? JETZTGEBEICHESAUF, FÜRHEUTEODERJETZTZUMINDEST. DEINEN ZORNUND ZYNISMUSSCHREIBEICHDEMWIEDERERSTARKENDEN LEBENSGEISTZUUNDANDIESER STELLEKANNSTDUMICHJETZTEINFACHMALGEPFLEGTAM ARSCHLECKEN. UNDWEIßTDUWASNOCH? DUWARSTDIEJENIGE, DIEMICHGERUFENHAT, NICHTICHHABEMICHAUFGEDRÄNGT. DUWARSTDIE, DIE SCHUTZBRAUCHTE, SCHUTZBEDÜRFTIGSCHIEN. NURJETZTKREPIEREODERKÄMPFDICHALLEINZURÜCK, ESINTERESSIERTMICHNICHTMEHR. ICHKENNEDICHZUGUT, ALSDASSICHNICHTWEIß, DASSDUIRGENDWANNMALWIEDERWIEDERLETZTE HAUFEN ELENDAUSDEINEMEINSAMENVERSCHISSENEN DRECKSLEBENAUFTAUCHSTUNDNACH HILFERUFENWIRST. UNDKEINERAUßERMIRWIRDDEINE RUFEVERSTEHEN, SICHDAVONANGESPROCHENFÜHLEN. SOLIEFESDOCHBISHERIMMERUNDNURSOKENNEICHUNSER LEBEN, SEITNUNMEHRÜBER 22 JAHREN.
