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mehrbuch-Weltliteratur! eBooks, die nie in Vergessenheit geraten sollten. Dieser Titel gewährt mit lyrischen Gedichten seiner letzten Zeit einen erschütternden Einblick in die Seele eines Einsamen, dem in tiefster Not aus seiner Kunst ein Trost erwuchs.
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Seitenzahl: 236
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Die gläserne Wand
Georg Ruseler
Wer je den scharfgeprägten Kopf Georg Ruselers sah, vermutete hinter diesen ungemein charakteristischen Zügen einen ungewöhnlichen Geist. Und in der Tat war Georg Ruseler einer der schärfsten Denker und begabtesten Schriftsteller unserer Zeit.
Schon als Volksschüler waren Shakespeare und Schiller seine Lieblinge; der zwölfjährige Dorfjunge versuchte sich bereits an Gedichten und Theaterstücken. Kaum vom Lehrerseminar entlassen, schrieb er mit 22 Jahren das wuchtige Volksstück »Die Stedinger«, das im Oldenburger Hoftheater mit beispiellosem Erfolg aufgeführt wurde und seinen Namen durch ganz Deutschland trug. Der Weg zu Ruhm und Erfolg stand ihm offen, aber das Schicksal warf ihm Unglück, Not und Sorge in den Weg und sein Leben wurde eine erschütternde Tragödie.
Die »Stedinger«, in Berlin von einem sterbenden Theater schlecht herausgebracht, wurden vom Publikum bejubelt, aber die Kritik fiel über den jungen Dichter her, der es wagte, sich im kleinstädtischen Anzuge auf der Bühne zu zeigen. Da zuckte er zurück vom öffentlichen Leben, vergrub sich in seine Schreibstube und schuf in rascher Folge eine Reihe von historischen Dramen: »Dathans Zweifel«, »Michael Servet«, »König Konradin«, »Gudrun« und das Lustspiel »Tilli in Oldenburg«. Aber trotz der grüblerischen Durchdringung der geschichtlichen Stoffe vermochte sich keins dieser Werke auf der Bühne dauernd zu behaupten, zu weltfremd stand der Dichter dem wirklichen Leben gegenüber. Wohl errang er mit einem Band Gedichte den Augsburger Schillerpreis, aber jetzt klopfte die Sorge an seine Tür; schwere Krankheit überfiel seine junge, blühende Frau, und es hieß gebieterisch, mit dem Dichten Geld zu verdienen. So mußte er die Volljahre seines Lebens mit schwerer Fronarbeit verbringen, die sprudelnden Kräfte seines Geistes vergeuden in zeilenweis bezahlter Arbeit für Zeitungen, nur um drückende Schuldenlasten zu tilgen.
Aber das Genie verleugnete sich nicht – zwischen mühsam erpreßten Nichtigkeiten wuchsen Perlen funkelnder Satire, tiefsinnige Geschichten voll bitterer und lächelnder Wahrheiten, die ihm die Mitarbeit an den bedeutendsten Zeitschriften einbrachten und von denen er eine Anzahl unter dem Titel »Die gläserne Wand« als Buch herausgab. Nebenbei entstand »Der Wunderborn«, ein Buch niedersächsisch-friesischer Balladen, und eine Reihe von Erzählungen und Gedichten, die ihm manchen Erfolg eintrugen.
Aber die Sorge gab ihn nicht frei – die Krankheit seiner Frau artete aus in unheilbares Siechtum und ein jahrelanges, kostspieliges Krankenlager. Dennoch schuf er das gedankentiefe Märchenspiel »Die Schuhe der Prinzessin« und versuchte seine Kraft an Lustspielen. Aber auch hier waltete eine seltsame Tragik: kaum hatte er das Lustspiel »Der Eisbär«, dessen Handlung sich um die als unmöglich gedachte Entdeckung des Nordpols rankte, vollendet, da traf die Nachricht ein, daß der Nordpol wirklich entdeckt sei, und das Stück konnte in den Ofen wandern.
Dann kam der Krieg.
Seine Tagebuchblätter aus den großen Kriegstagen reden mit unheimlicher Sehergabe von dem schweren und bitteren Ende, das er mit all seinen Folgen schon damals, trotz aller großen Waffensiege, mit unumstößlicher Sicherheit kommen sah. So stand er als Einsamer unter lauter Hoffenden und litt, wie kaum ein zweiter um sein Vaterland gelitten hat.
Gegen Ende des Krieges erlöste der Tod seine Frau, der er viele tiefempfundene Gedichte gewidmet hat. Er konnte wirtschaftlich aufatmen. Und im Sturm der Novemberrevolution wuchs er empor, spürte noch einmal seine gewaltige Schaffenskraft und wagte es, mitten im allgemeinen Zusammenbruch sein Haupt zu erheben und zu sagen: »Es ist eine Lust, zu leben.« Er machte sich frei von seinem Beruf; ungehindert wollte er schaffen. Und nun sprudelte der Quell in schier unerschöpflicher Fülle. Was er im Laufe eines einzigen Jahres vollendete, ist fast ein Lebenswerk.
Zunächst entstanden ein paar Streitschriften für die Freiheit der Schule, eine neue Fassung des Lustspiels »Seine frühere Frau«, (»Die gefährlichen Jahre« waren schon vorher entstanden) und weiter in rascher Folge der umfangreiche Roman »Das Haus im See«, die plattdeutsche Komödie »De dulle Deern« und ein ganzer Band plattdeutscher Gedichte neben Skizzen und Entwürfen zu zahlreichen weiteten großen Arbeiten. Unbegrenzt war seine Schaffenskraft – und seine Hoffnung.
Aber nur ein einziger kurzer Sommer war ihm beschieden.
Bittere Enttäuschung folgte.
Wirtschaftliche Schwierigkeiten zwangen ihn in das Joch des Berufes zurück; eine tückische Krankheit warf ihn nieder und zog ihn ins Grab, mitten aus kühnsten Plänen und Entwürfen heraus.
Erst auf seinem Sterbebett durfte er das Glück empfinden, einen verstehenden Verleger für seine Schriften gefunden zu haben.
Es war sein Herzenswunsch, einer seiner Freunde möchte nach seinem Tode das Beste aus seinen Schriften sammeln und herausgeben. Dieser Aufgabe habe ich mich, in Gemeinschaft mit seinem Sohne, um so lieber unterzogen, als Georg Ruseler ein Freund war, wie er selbstloser und aufopfernder nicht gedacht werden kann.
Die Verhältnisse im Buchgewerbe und das Bestreben, ein möglichst reines Bild des Dichters Ruseler zu geben, zwangen zu schärfster Auswahl. Der Roman »Das Haus im See« war noch in seinen letzten Wochen vom Friesenverlag angenommen und konnte als selbständiger Band dieser Sammlung eingefügt werden. Die lange Reihe seiner Jugenddramen und seine späteren Lustspiele mußten fallen; sein bestes Werk »Die gläserne Wand«, wurde neu zusammengestellt und um eine große Anzahl trefflicher Skizzen vermehrt.
Ein weiterer Band »Der rauschende Garten« gewährt mit den lyrischen Gedichten seiner letzten Zeit einen erschütternden Einblick in die Seele eines Einsamen, dem in tiefster Not aus seiner Kunst ein Trost erwuchs. Außerdem bringt dieser Band die besten seiner Balladen.
Ein weiterer Band enthält eine Auswahl seines plattdeutschen Schaffens: eine Fülle von Gedichten, urwüchsig und tief empfunden, humoristische Erzählungen und das derbkräftige »Buernspill in dree Törns: De dulle Deern«.
So hoffe ich, in diesen Bänden ein knappes und doch umfassendes Bild des Dichters Georg Ruseler zu geben, das diesem feinen und vornehmen Künstler, diesem oft verkannten, unermüdlich Kämpfenden seinen Zeitgenossen und der Nachwelt gegenüber den Platz sichert, der ihm gebührt.
August Hinrichs.
Dem Menschen will ich und der Zeit
Ins tiefste Herze sehn
Und im gewalt'gen Zukunftsstreit
Ein treuer Kämpe stehn.
Es ist irgendwo auf Erden – oder ist es auf einem erdenfernen anderen Gestirn? Dort erhebt sich ein gläserner Berg, aber wenn wir genauer hinsehen, so ist es eine meilenweit gedehnte, himmelhohe Gebirgswand, die steil abfällt, nicht so steil wie eine Mauer, aber doch auch nicht so schräg, daß man bequem hinaufkriechen könnte, wenn man Hände und Füße gebraucht.
Und diese Wand ist wirklich aus Glas oder doch aus einem Stoff, den wir mit irdischen Augen für Glas halten müssen. Vom hellblauen Himmel strahlt die Sonne dagegen, und so geht von dem gläsernen Berge ein Blitzen und Leuchten aus, daß wir geblendet unsern Blick zur Seite wenden.
Und nun das, was so aufreizend ist, so geheimnisvoll. Der gläserne Berg ist durchsichtig, ist wiederum aber so dick, daß nur ein leiser Schimmer von jenseits hindurchdringt, so seltsam und verworren, daß er sich unmöglich zu einem deutlichen Bilde gestalten kann, und doch ist in diesem unbestimmten Schimmer eine geheimnisvolle Kraft, die sich sichtbar-unsichtbar in der Lust verbreitet, alle Körper durchdringt und in allen Seelen unnennbare Sehnsucht weckt. Und horch! zauberhafte Klänge durchzittern die Luft. Ist es ein verborgener Chor weißbärtiger Priester, oder kommen jene Töne aus allerweitester Ferne, kommen sie gar von der andern Seite des Berges?
Und so lautet das seltsame Lied:
Schreiten und wallen Und aufwärts steigen, Gleiten und fallen Und doch nicht sich beugen! Augen erhoben! Seid ihr erst droben, Wird es sich zeigen, Was keinen betrügt, Was jenseits der Dinge Verborgen liegt.
So sind die Worte des Liedes, aber noch seltsamer ist seine Weise, eine Melodie von sirenenhaftem Klange, und alle, die sie hören, eilen herbei. Ungezählte Scharen kommen aus der fruchtbaren Ebene, wo das Korn wogt und die Blumen blühen, wo es sich so gut leben, so gut arbeiten und spielen läßt. Alle streben hinan zum Berge, und nun beginnt ein mühsames Steigen und Klimmen.
Sie wollen zur Höhe.
Aber die Höhe ist fern, und der Berg ist steil. Dennoch arbeiten sie sich empor, jeden Vorsprung erspähend, jede Spalte benutzend. Da strömt der Schweiß, da fließt das Blut. Immer höher steigen sie, aber wehe! da verläßt diesen der Atem – sein Herz krampft sich zusammen, er stürzt. Jener wendet den Blick von der Höhe zurück nach unten – ihm schwindelt, und er stürzt. Einem andern blendet der Glanz des gläsernen Berges die Augen – er schließt sie, nur für einen Augenblick, und ein kurzer, süßer Traum huscht über seine Seele: da werden seine Hände lahm – er stürzt. Und alle, die da stürzen, reißen in ihrem Sturz Hunderte, ja, Tausende mit sich hinunter in die Tiefe, und am Fuße des gläsernen Berges häuft sich ein Hügel von Leichen an, und siehe! der Engel der Verwesung schreitet darüber hinweg, und es wandelt sich alles zu blendend weißen Gerippen.
Schweigen heischt die Stätte des Todes, aber immer wieder ertönt das seltsame Lied:
Schreiten und wallen Und aufwärts steigen, Gleiten und fallen Und doch sich nicht beugen! Augen erhoben! Seid ihr erst droben, Wird es sich zeigen, Was keinen betrügt, Was jenseits der Dinge Verborgen liegt.
Und immer neue Scharen kommen herbei mit neuer Kraft, neuer Tatenlust. Unter ihnen gibt es verwegene Helden, die sagen: »Auf jenen Hügel von Gebeinen laßt uns treten! Unsere Väter haben ihn erbaut, auf daß wir dem Ziele näher seien. Den Vätern sei Dank! Auf zur Höhe!«
Wieder beginnt ein Steigen und Klettern und Klimmen, und jetzt kommen sie höher als jene, deren Knochen dort unten liegen; denn ihr Weg ist kürzer. Doch dann dasselbe Spiel: der hat zu kurzen Atem, jener keinen festen Blick, und wieder stürzen die ersten und reißen die letzten mit sich in Verderben und Untergang. Höher und höher wird der Hügel von Gerippen und Leichen, und immer wieder erklingt das lockende Lied.
Sie könnten wohnen in der Ebene, und doch treibt es sie hinauf, um hinabzuschauen in das verborgene Tal, wo die Götter wohnen und der Urgrund aller Dinge sich verbirgt. Werden sie das Ziel erreichen? Seht die Auserlesenen, die Helden, wie sie steigen bis zu schwindelnden Höhen, wo unser Auge nichts mehr von ihnen sieht als einen schwachen Punkt. Horch, sie jauchzen! Dringt ihr Blick durch den reinen Kristall, durch die dünnere Wand? Enthüllt sich ihnen schon jetzt das Unnennbare, das Gewaltige? Aber ihr Jubel macht sie blind, und sie stürzen, und unten erhöht ihr Gebein die Halde, die Schicht auf Schicht gewinnt, die bald zum Berge wird und sich dem funkelnden Gipfel entgegenbaut. Heil dem Werk der Väter! Das Steigen wird leichter, und der Weg wird kürzer und kurz. Aber wenn er nun auch noch steiler würde?
Noch immer erhebt sich der unbezwungene Berg, unwiderstehlich lockend, leuchtend und rein. Kein Mensch hat bis jetzt seine Höhe erreicht, keiner warf den Blick in das Jenseits der Dinge, wo die Götter schlafen und die Wahrheit wacht. Geschlecht folgt auf Geschlecht, sie hoffen und steigen, sie werden müde und fallen.
Und immer noch ertönt das Lied, das seltsame Lied:
Schreiten und wallen Und aufwärts steigen, Gleiten und fallen
Und doch sich nicht beugen! Augen erhoben! Seid ihr erst droben, Wird es sich zeigen, Was keinen betrügt, Was jenseits der Dinge Verborgen liegt.
*
Sechs Tage waren vergangen. In diesen sechs Tagen hatte der Herr Himmel und Erde erschaffen und alles, was darinnen ist.
Der Morgen des siebenten Tages brach an. Luzifer trat zum Schöpfer. Er war der Erste der Engel, der ernsteste aller Engel.
»Was schaffen wir heute, o Herr?« fragte er.
»Nichts,« erwiderte der Herr. »Die Erde ist vollendet in ihrem Bau, sie ist verkettet in all ihrem Tun. Nun will ich sitzen auf dem Thron, den ich mir aus Wolken erbaut habe, aus purpurfarbenen Wolken; heute will ich ruhen von allen meinen Werken. Mein ernster Engel, reiche mir den Morgentrunk.«
»Sage mir, Herr, womit ich den Trunk würzen soll?«
»Würze, womit du magst.«
Luzifer ging. Nach einer Weile kam er zurück und hielt in seinen Händen einen Pokal; ein Meteor erglänzte in seinem Fuße, Sterne leuchteten in seinem Rande. Der Herr saß auf dem Thron, aus purpurnen Wolken erbaut; sein Blick nahm ruhevoll die weite Welt in sich auf, ein Lächeln ging über sein Antlitz, und er sprach: »Siehe, das alles ist sehr gut.«
Da antwortete der Chor der Engel: »Preis und Lob dir, o Herr! Ja, es ist alles sehr gut!
Die Blume nährt sich vom Tau des Himmels; das durstige Reh trinkt den Quell, der aus dem Felsen kommt.
Lieblich lächelt die Erde, wenn der Tag darüber geht, und des Nachts ruht sie aus von den Strahlen der Sonne.
Du hast dem Menschen die Hand bereitet; seiner Zunge gabst du das deutende Wort.
Bis zu den Wolken hebt sich der Fittich der Lerche, und weit über die Sterne geht der Gedanke Adams zu dir, o Herr.
Siehe da, es ist alles sehr gut!«
Da unterbrach der Herr den Lobgesang und sagte: »Luzifer, du schweigst? Warum stimmst du nicht ein in den Chor der andern?«
»Ich mag nicht singen, Herr, auch ist es des Lobes genug.«
»Ward dir zu wenig erschaffen, mein ernster Engel?«
»Zuviel, Herr. Du hast auch den Menschen geschaffen. Ich weiß, wie diese Brut sich mehren wird, und darunter werden viele sein, die können dir nie verzeihen, daß du gleich am ersten Tage sprachst: » Es werde Licht!«
Der Herr hatte schon den Pokal an die Lippen gesetzt, aber jäh sprang er auf.
»Dein Trunk ist bitter,« rief er, »schlecht ward er gewürzt! Was hast du hineingetan?«
» Den Zweifel,« sagte Luzifer.
Da gingen Blitze aus den Augen des Herrn, aber jener senkte nicht die Lider. Im Kreise der Engel ward es still, und der Wolkenthron zerfloß wie fliehender Nebel. Noch immer hielt der Herr den Becher in der Hand; aber er achtete nicht auf ihn, und sein Rand senkte sich ein wenig. Ganz leise traten ein paar Tropfen über und flossen und fielen. So ward die Erde benetzt von dem Trunk, den die Hand Luzifers würzte für den Herrn.
*
Das Werk der Schlange war gelungen; Adam und Eva hatten von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gegessen. Der Herr sprach seinen Fluch aus über das Tier und die beiden Menschen. Wie Donnergewölk umschattete es seine Stirn, und die Engel in seinem Gefolge zitterten alle – fast alle.«
»Luzifer, mein ernster Engel!« rief der Herr.
»Was befiehlst du, Herr?« sprach Luzifer und trat vor; er allein war ruhig, er zitterte nicht.
Der Herr erwiderte: »Du sollst das Tor des Paradieses bewachen, daß sie nicht kommen und von dem Baum des Lebens essen. Nimm ein flammendes Schwert und treibe diese beiden hinaus.«
»Ich kann nicht, Herr.«
»Kannst nicht? Fühlst du Mitleid mit ihnen?«
»Ich weiß nicht, was es ist. Das weiß ich aber, daß ich deinen Willen nicht erfüllen kann, solang' es noch einen gibt, der ohne Strafe blieb.«
»Sind sie nicht alle bestraft? Wurden sie nicht mit jenem Fluche belastet, der Ewigkeiten dauert? Wer blieb also unbestraft?«
»Der Versucher, Herr.«
»Du hast gehört, er soll Erde essen und auf seinem Bauche kriechen sein lebenlang. Zum letzten Male: wer blieb ungestraft?«
»Der Versucher, Herr!«
»Wer ist der Versucher?«
»Der ist es, der den Baum der Erkenntnis gepflanzt und ihn mit lockenden Früchten behängt hat; der ist es, der das Wort sprach: Ihr sollt essen von allen Bäumen im Garten, nur von diesem einen eßt nicht!«
Da loderte der Herr auf in göttlichem Zorn: »Ich werde den vernichten, der solches zu sagen wagt!«
»Du kannst mich nicht vernichten, Herr!«
»Wer bist du denn, daß ich dich nicht vernichten könnte?«
»Ich bin der Geist der unbarmherzigen Wahrheit, und es gibt keine Macht, weder in den Höhen noch in den Tiefen, die diese Wahrheit aus der Welt schaffen oder sie vernichten könnte.«
Da ging es wie Gewitter aus von dem Auge des Herrn, und er sprach: »Der Cherub nehme das flammende Schwert und erfülle meinen Willen. Du aber, hinweg von mir! Ich kenne dich nicht mehr!«
Luzifer reckte stolz das Haupt empor und rief: »Ich gehe, Herr, aber ich gehe nicht allein. Her zu mir, wer mir gehört!«
Als die andern Engel solche vermessene Rede hörten, sahen sie ihn mit bangen Augen an, aber keiner folgte ihm. Da lachte Luzifer laut auf in Spott und Hohn, und alle Schrecken des Gerichts klangen wider aus diesem abgrundtiefen Lachen. Dann wandte er sich und ging. Aber horch! es raschelte im Grase. Es wagte doch jemand, dem Verbannten zu folgen – es war die Schlange des Paradieses. –
Das ist die Geschichte, die in keinem der heiligen Bücher verzeichnet steht, das ist die Mär von Luzifers Sturz. Und seitdem waltet unwandelbar das Geschick: Wo der Geist der unbarmherzigen Wahrheit seine Stimme erhebt, er wird vertrieben, überall, bis auf diesen Tag.
*
Adam und Eva waren aus dem Paradiese vertrieben worden. In harter Arbeit sollten sie nun ihr Leben fristen; denn hinter ihnen stand der Hunger und schwang mit dürren Armen seine Stachelpeitsche. Adam suchte Beeren und grub mit blutenden Fingern nach Wurzeln.
Da senkte sich die Sonne zum Untergange und strömte eine Flut von Gold aus über die fernen, baumbesetzten Hügel des Paradieses. Die beiden ersten Menschen sahen hin; ihr Herz war schwer, aber noch sprachen sie kein Wort. Nun ward es Abend. Bleiche Strahlen zuckten auf, wie drohendes Wetterleuchten.
»Siehst du das Schwert des Engels blitzen, den der Herr vor das Tor des Gartens gestellt hat?« flüsterte Adam.
»Ich fürchte mich; ich fürchte mich vor dem Tode,« sagte Eva. »Was ist der Tod?«
Das wußten sie beide nicht; aber sie fühlten es: etwas Unbekanntes, Unfaßbares war ihnen nahe, ob es nun herabschwebte aus den Lüften, oder ob es wie Nebel aus den Wiesen stieg; es war bereit, sie zu bedecken und zu umfassen.
»Wir werden nie wieder in den Garten hineinkommen,« sagte Adam, »unser Ohr wird sich nicht mehr erfreuen am Murmeln der Quelle, die beim Baum des Lebens entspringt; wir werden nie mehr die leuchtenden Früchte pflücken, die uns Kraft und Erquickung verliehen.«
Als er das sagte, füllte sich sein Herz mit unendlicher Sehnsucht, und er breitete seine Arme aus, weit, weit den bleichen, zuckenden Strahlen entgegen; Eva aber barg ihr Angesicht in den Händen und weinte; denn sie wußte, daß durch ihre Schuld das Tor des Paradieses verschlossen war.
»Wir werden niemals all das Herrliche sehen, was im Garten des Herrn ist,« wiederholte Adam noch einmal.
Aber ganz allmählich wurden ihre Glieder von einer weichen Müdigkeit umstrickt, die sie dort im Paradiese nie gekannt hatten, weil es keinen Kummer und kein Herzeleid gab und auch keine Arbeit.
Eva sagte: »Wie werden mir die Lider so schwer, siehe, er ist da, der Tod!«
Es war aber der Engel des Schlafes, der ihnen das Auge schloß, und mit dem Schlafe kam der Traum, und auch der war nicht im Paradiese gewesen. Als sie morgens erwachten, fühlten sie sich erquickt und gestärkt, und Adam rief aus: »Wie wunderbar! Nun hab' ich doch wieder im Paradiese geweilt. Ein Engel des Herrn mit dunkelrotem Blütenkranz im Haar nahm mich an der Hand und führte mich schweigend die alten Pfade.«
Auch mich hat er geleitet,« sprach Eva, »vorüber an dem Baum des Lebens, und mein Herz war leicht und frei und wußte nichts mehr vom Zorn des Herrn.«
Sie gingen gestärkt an ihre Arbeit; die Menschheit begann ihren Eroberungszug, und umdräut von Hunger und Tod lernte sie in Tausenden von Jahren die Welt besiegen und den Fluch Gottes in Segen verkehren; aber eines blieb unter Not und Plage lebendig, die Sehnsucht nach der uralten Heimat des ganzen Geschlechts, die Sehnsucht nach dem Paradiese.
*
Die Wasser der Sündflut gießen herab, vierzig Tage, vierzig Nächte lang. Das Meer schwillt und schwillt und umbreitet die Berge, es überwindet die Berge, und zuletzt ragt nur noch ein einziger Gipfel hervor aus der Flut des Verderbens. Und zu diesem letzten Gipfel drängt sich der letzte Rest des Erdenlebens: Tiere heulen, Menschen beten! Es ist zu spät.
Siehe, da schiebt es sich langsam über dem Wasser daher, ein finsteres Ungetüm, die Arche, und darin die Lieblinge Gottes. Nahe am letzten verlornen Gipfel kriecht das plumpe Schiff vorbei, und hastig lösen sich Menschen und Tiere vom Lande und schwimmen der Rettung entgegen.
Noah sieht nicht, was da kämpft, ringt; sein Blick geht darüber hinweg und bohrt sich starr in die Ferne. Aber neben ihm steht Japhet, sein jüngster Sohn, und sein Herz bebt vor Mitleid.
»Vater,« flehte er leise.
»Mein Sohn?«
»Vater, es sind die Letzten! Darf ich die Brücke –?«
»Laß das, mein Sohn, sie sind dem Tode geweiht.«
Verzweiflungsvolle Rufe ertönen; Hände krallen sich mit letzter Kraft in das Plankenwerk des Schiffes ein – vergebens! Ächzen, Stöhnen, gurgelnde Laute – vorbei!
Mitleidlos zieht die Arche weiter. Aber viel länger als die Menschen ringt ein Hund, ein mächtiges, stolzes Tier, löwengleich, und im Maule hält er an seinem Kleidchen ein Kind, ein kleines blondes Mädchen.
»Vater!« fleht Japhet zum zweiten Male.
»Mein Sohn?«
»Vater, soll auch dies schuldlose Kind dem Verderben geweiht sein?«
»Brut der Sünde, mein Sohn!«
»Ich soll leben, wenn diese untergehen? Nimmermehr!«
Da will der Vater den Sohn hindern, Taten unüberlegten Mitleids zu beginnen – sie kämpfen und ringen. Aber der Sohn überwindet den Vater und stürzt zur Brücke – zu spät! Das ermattete Tier versinkt vor seinen Augen.
»Vater!« ruft Japhet zum dritten Male, und zornig stampft er mit dem Fuße auf.
»Ratschluß des Herrn, mein Sohn!« ruft Noah, und er keucht noch von dem heftigen Kampfe.
»Ratschluß Gottes, Vater? Warum? Warum? Die Fische dort im Wasser freuen sich ihres Lebens. Warum Sind sie besser als jenes treue Tier, das da Barmherzigkeit üben wollte?«
»Weil sie stumm sind, mein Sohn.« – –
Auch Japhet ist verstummt; lange blickt er seinen Vater an, und dann geht er schweigend hinab in das Schiff.
*
Die Todesflut hatte sich verlaufen, und über die entvölkerte Erde wölbte sich der Bogen des Friedens. Aus der Arche strömte hastig ein buntes Gewimmel, verbreitete sich über die Abhänge des Ararat und freute sich der ersehnten Freiheit.
»Alle Tiere sollt ihr entlassen,« sprach der Herr zu Noah. »Behaltet nur die Taube, die das Ölblatt brachte um die Vesperzeit. Ich hab' ihr unsterbliches Leben verliehen, und solange sie bei den Menschen bleibt, soll Friede sein auf Erden.«
Und Noah hütete die Taube. Als aber seine Hand schwach und sein Auge dunkel wurde, rief er seine drei Söhne und sprach: »Japhet, mein Jüngster, du bist kraftvoll und klug; hüte du fortan die Taube, damit kein Krieg die Geschlechter der Menschen verwirre.«
Da neigten sich die Brüder vor dem Willen des Vaters; sie gingen hinaus, und Japhet trug die Taube. Kaum aber waren sie draußen, so sprach Sem: »Ist Japhet mehr als Sem und Ham, daß er soll hüten allein die Taube des Friedens?«
Als Japhet die hämischen Worte hörte, schwoll ihm das Herz. »Bewahre sie einen Augenblick,« rief er und reichte Ham die Taube.
Drohend erhob sich ein Bruder gegen den andern; aber noch wirkte der Segen des Herrn, und schon streckte Japhet die Hand aus zur Versöhnung. Das sah Ham, und weil der Friede seiner schadenfrohen Seele nicht behagte, ließ er plötzlich die Taube fliegen und lachte.
Einen Augenblick standen die beiden andern erstarrt. Dann warfen sie sich vereint auf den Übeltäter, stürzten ihn zu Boden und brachten seinen Rücken unter ihren Fuß.
Und von jenem Augenblick an bis auf den heutigen Tag ist nicht wieder Friede geworden auf Erden.
*
Kein Weib war draußen. Die Jünglinge schichteten einen Erdhügel im Schatten der großen Eiche, die da stand vor dem Tore der Stadt, das nach Damaskus führt. An den Baum gelehnt harrten vier Knaben, Jechonja, Abihu, Joel und Benaja; sie harrten, und jeder von ihnen hielt im Arm eine eherne Urne. Aber die Männer von Jabes umstanden die vier Scheiterhaufen und schauten schweigend in die Glut. Nichts war zu hören als das Knistern der Flammen.
Als nun die Scheiterhaufen herabgebrannt waren, winkten die Männer den Knaben, daß sie kämen, und sie nahmen die Deckel von den ehernen Krügen und sammelten die Asche der Helden. Dann schritten sie alle nach dem Baum, und die Knaben stellten die Urnen in die offene Kammer, die der Hügel umschloß. Danach schlichen sie leise auf den Zehen hinter den Kreis der Männer und Jünglinge.
Nun trat ein Mann an die Gruft; er erhob seine Stimme, und also sprach er, Jared der Streiter: »Ihr Männer von Jabes, zu uns kam das Wort Jerias des Sehers: ›Auf den Höhen von Gilboa liegt Saul erschlagen und sein Sohn Jonathan mit ihm und zwei seiner Brüder. Ihr Männer von Jabes, Philister schreiten über das Feld und bringen Schande über Israel. Sie hängen die Leichen der Helden an die Mauern von Bethsan, Spott ist auf den Lippen ihrer Weiber, ihre Hunde heulen, und ihre Raben flattern.‹ Und als wir das hörten, gingen wir aus in der Nacht, da der Mond nicht schien; wir hielten das Schwert in den Händen, und unsere Jünglinge trugen Leitern. So holten wir die Leichname Sauls und seiner Söhne, so erfüllten wir den Willen Jerias des Sehers.«
Jared schwieg und trat zurück. Da erhob Jeria der Seher seine Stimme und sprach: »Ihr Männer von Jabes, gedenkt an den Tag des Leids, da er ein Tag der Freude ward. Die Kinder Ammons kamen und sprachen: ›Ihr Männer von Jabes seid Staub unter unserm Fuß, wir werden euch allen das rechte Auge ausstechen.‹ Da sprang Saul von den Höhen von Juda wie ein starker Löwe, da riß er Israel mit sich und sein ganzes Heer. Er zerblies die Söhne Ammons, wie der Wind die Spreu zerweht, der vom Libanon kommt. Und als Nahas erschlagen unter seinem Fuße lag, da knieten wir nieder und stammelten Dank. Er aber sprach: ›Steht auf, ich will keinen Dank! Was wollt ihr den erheben, der auf der Höhe steht!‹ Nun aber muß er's dulden. Nun singe du den Preis der Helden, Jehasja der Sänger!«
Und Jehasja der Sänger trat an die Gruft, und sein greiser Bart wallte über die Brust. Seine Harfe hielt er in Händen und rührte die Saiten, aber seine Finger zitterten, als er sang: »Ihr toten Helden, arm ist unsere Gabe, wir haben nichts euch zu geben als das Grab –« und da zitterte auch seine Stimme, und er konnte nicht weiter singen. Er trat näher an die Gruft, beugte sich hinab, und leise legte er seine Harfe auf die ehernen Urnen. Da schaufelten die Jünglinge Erde darüber; dann gingen sie alle schweigend nach Haus, und fürderhin kam kein Lied mehr über die Lippen Jehasjas des Sängers.
*
Es war in der heiligen Nacht. Die Menge der himmlischen Heerscharen hatte das schönste der Lieder gesungen, das jemals das Ohr eines Menschen entzückt hat, den Lobgesang: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!
