Die Gleichheit der Blinden - Nora Beyer - E-Book

Die Gleichheit der Blinden E-Book

Nora Beyer

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Beschreibung

Zwei Mädchen, zwei Welten, eine Geschichte. In den Republiken Allelands ist der Frieden bedroht, weil die Fantasten rebellieren. Die Gleichheit, die von den Egalitaristen einst mühsam erkämpft wurde, ist in Gefahr. Deshalb brennen die Scheiterhaufen, und auch die Fantastin Anna ist zum Tode verurteilt. In einem anderen Raum und in einer anderen Zeit lebt die Waise Elsa nun bei der gestrengen Frau Heidelbrecht. Sie ist die Erste, die einigermaßen mit der sonderbaren Eigenbrötlerin zurechtkommt. Doch als plötzlich bedrohliche Dinge geschehen, ist es mit dem Verständnis für Elsas „Wolpertingerei“ vorbei. Auf unerklärliche Weise sind die Schicksale von Anna und Elsa miteinander verknüpft. Eine Diktatur ist zu stürzen und ein Rätsel zu lösen – koste es, was es wolle. Ein dystopischer Fantasy-Roman und eine Hommage an die Vielfalt und die Kraft der Gedanken.

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EPUB

Seitenzahl: 413

Veröffentlichungsjahr: 2018

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... die einzig wirklichen Menschen sind für mich die Verrückten,

die verrückt danach sind zu leben,

verrückt danach zu sprechen, verrückt danach, erlöst zu werden,

und nach allem gleichzeitig gieren -

jene, die niemals gähnen oder etwas Alltägliches sagen,

sondern brennen, brennen, brennen ...

Jack Kerouac, On the Road

periplaneta

NORA BEYER: „Die Gleichheit der Blinden“ 1. Auflage, März 2018, Periplaneta Berlin, Edition Drachenfliege

© 2018 Periplaneta - Verlag und Mediengruppe Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin www.periplaneta.com

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.

Lektorat: Marion A. Müller Cover: Nicole Altenhoff (www.nicoletta-illustration.de) Satz & Layout: Thomas Manegold

print ISBN: 978-3-95996-081-6 epub ISBN: 978-3-95996-082-3

Nora Beyer

Die Gleichheit der Blinden

periplaneta

Prolog

Zuerst ist nur der Rauch. Er legt graue Streifen vor die tiefstehende Sonne und nimmt dem Herbst alle Farben. Um Zeit zu sparen, ist der Reisig in Brand gesteckt worden, noch bevor der Rechter die Anklageschrift beendet hat.

Die brennenden Zweige knacken bald so laut, dass den Worten kaum mehr zu folgen ist: „… hat die hohe Ermittlung die folgenden Subjekte des Branderlasses für schuldig erachtet. Nach Recht und Gesetz der Republiken Allelands übergeben wir die Fantasten hiermit dem –“

Feuer!, denkt Anna. Sie hat ihr Bewusstsein wieder, nur um festzustellen, dass ihre Arme mit einem dünnen Seil schmerzhaft an einen gesplitterten Pfahl gebunden sind. Die grauen Streifen kriechen kratzend in ihren Hals und unterbrechen das keuchende „Hilfe!“, zu dem sie ansetzt.

Wo ist sie? Durch die dichter werdenden Rauchschwaden kann Anna unter sich eine Plattform aus Holzplanken ausmachen, durch die Spalten glimmt das brennende Reisig. Neben ihr sind mehrere Gestalten zu sehen – vier? Fünf. Ebenso wie sie an windschiefe Pfähle gebunden. Doch sie sind entweder nicht bei Bewusstsein oder – Anna lässt den Gedanken fliehen. Auf ihrer linken Wange brennt der Schmerz, als hätte ihr jemand die Haut geritzt.

Der Rechter beginnt, aus dem Vertrag der Republiken zu lesen, durch die Rauchwand hindurch ist undeutlich zu hören: „Paragraph 1: Die Gleichheit der Menschen ist unantastbar. Paragraph 2: Jeder Mensch ist ein Gleicher unter Gleichen, sei es in Bezug auf Glück, Wohlstand oder Erkenntnis. Paragraph 3: Wer diese Gleichheit der Menschen berührt –“

Auf diesem Platz hat alles angefangen! Anna erinnert sich. Es stand ein Mann dort. Der trug bunte Farben im Gesicht und sprach von dem, was vor nun beinahe vierundzwanzig Jahren gewesen war. Er sprach von der Zeit vor dem Riss. Von der Ungleichheit. Des schönen Immer-Anders. Und Anna war stehengeblieben. Hatte zugehört. Niemand sah die Wächter kommen.

Da ist etwas, dunkel am Rand ihrer Erinnerung. Ein überraschendes Stechen in den Schläfen. Und nun ist sie hier.

1

Elsa kann es nicht glauben. Sie steht vor dem schmiedeeisernen Zaun – wie fast jeden Tag, seit sie bei Frau Heidelbrecht wohnt – bereit, heimlich darüber zu klettern und sich in das verlassene Haus am Ende der Straße zu schleichen.

Elsa mag das verlassene Haus am Ende der Straße. Es ist aus Backstein, ein wenig windschief und riecht nach Abenteuer. Hier kann sie allein sein. Hier schreit niemand. Und sie kann diesen Blick vergessen, mit dem Frau Heidelbrecht sie manchmal ansieht. Wie ein Naserümpfen, nur eben in den Augen. Hier kann Elsa an die alte Decke starren, an der Spinnweben hängen und träumen. Wie sie es immer tut. Träumen von vergessenen Welten. Von Geschichten, die hinter ihren geschlossenen Augen leben.

Aber heute, an diesem neunten Oktober, ist das Haus verschwunden. Wie kann sich ein Haus in Luft auflösen? Sie blinzelt, hält die Hände vor die Augen, zieht sie wieder fort. Nichts passiert. Hinter dem Efeu, das den Zaun überwuchert, ist nichts zu sehen. Nur die Wiese und dahinter der dunkele Wald. Grübelnd macht sich Elsa auf den Heimweg, die Straße hinunter.

Zur selben Zeit verschwinden die beiden Katzen der alten Frau Pusch. Als Elsa im Mietshaus in der Valenberger Straße 66 ankommt, kann sie gerade noch hören, wie Frau Heidelbrecht im Treppenaufgang auf die Nachbarin, eine völlig aufgelöste Frau Pusch, einredet: „Katzen verschwinden nicht einfach so. Es tut mir sehr leid, aber ich fürchte, Sie müssen wohl damit rechnen, dass sie auf die Straße gelaufen sind. Und nun ja –“ Den Rest des Satzes lässt sie gnädigerweise unausgesprochen.

Frau Pusch tut Elsa leid. Außer den beiden Katzen hat die alte Frau niemanden mehr, und auch wenn es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit gewesen war, dass sie den Innenhof verlassen und auf die Straße laufen würden, mochte Elsa die beiden dicken grauen Katzen – auch wenn sie sich nie von ihr streicheln ließen.

Frau Heidelbrecht ist da anders. Katzen sind Katzen. Das Ganze ist sicherlich tragisch, aber so ist das eben. Man sieht ihr an, dass sie die schluchzende Alte in ihrer emotionalen Unbeherrschtheit (so würde es Frau Heidelbrecht ausdrücken) ganz und gar unverständlich findet.

Es ist ihr also ganz recht, dass Elsa in diesem Moment den Treppenaufgang hinaufkommt: „Da bist du ja! Abendessen ist schon seit einer halben Stunde fertig. Schnell jetzt!“ Und mit einem kaum bemühten Grunzen des Abschieds in Richtung der alten Pusch zieht sie Elsa in die Wohnung und die Tür hinter sich zu. Elsa kann gerade noch hören, wie die noch immer aufgelöste Alte hinter ihnen murmelt: „Es ist ein seltsamer Oktober. Irgendwas war mit ihnen. Irgendwas. So unruhig.“

Verschwindende Häuser und jetzt noch verschwindende Katzen? Irgendetwas geht an diesem seltsamen Donnerstag nicht mit rechten Dingen zu. Elsa hängt ihre Jacke an den Haken im Flur, zieht ihre geliebte weiße Strickjacke – die mit den roten Rosen darauf, zurecht – und folgt Frau Heidelbrecht in die Küche. Umgehend berichtet sie ihr von ihrer beunruhigenden Beobachtung.

Frau Heidelbrecht ist nun leider aber eine Dame, die für solcherlei obskure Beobachtungen keinerlei Verständnis hat: „Elsa, Liebes, da hast du dich versehen. Häuser verschwinden nicht einfach so.“ Und ihre Stimme erklärt in der Resolutheit eines physikalischen Gesetzes: Häuser verschwinden nicht. Einfach so. Genauso wenig wie Katzen.

Elsas „Aber“ geht bereits in der wirschen Handbewegung unter, die zu Tisch befiehlt. Und das Abendbrot ist beileibe keine passende Gelegenheit, um über verschwindende Häuser zu sprechen (so zumindest Frau Heidelbrechts Überzeugung).

Nun ist es so, dass Frau Heidelbrecht keine übelmeinende Person ist. Sie kann durchaus akzeptieren, dass es „Individuen“ gibt, die an Kornkreise glauben, an die prophetischen Fähigkeiten grüner Teeblätter oder an unglücksbringende schwarze Katzen. Es ist ihr selbst allerdings ganz und gar unmöglich, an Kornkreise zu glauben, an die prophetischen Fähigkeiten grüner Teeblätter oder an unglücksbringende schwarze Katzen. „Das“, so pflegt Frau Heidelbrecht mit einem eindeutigen Rümpfen der Nase zu sagen, „ist Wolpertingerei.“ Trotzdem ist Frau Heidelbrecht durchaus ganz passabel, nur mangelt es ihr an Fantasie und Verträumtheit.

Ganz im Gegensatz zu Elsa, die es fertigbringt, sich regelmäßig in der Stadt zu verlaufen, einfach, weil sie diesen oder jenen Abzweig verpasst, so abwesend ist sie manchmal. Vergangene Woche war sie sogar – nicht zum ersten Mal – vom Bordstein gekippt (die Bordsteine in der Stadt sind an manchen Stellen so hoch, dass man Gefahr läuft, sich tatsächlich die Knochen zu brechen, sollte man von ihnen kippen). Für eine Person von beinahe siebzehn Jahren ist dieses Ungeschick natürlich keine Kleinigkeit.

Freunde hat Elsa keine. Die meisten in ihrem Alter reden über Jungs, die neueste Mode oder Musik. Elsa aber kann damit nichts anfangen. Sie verliert sich lieber in ihren Tagträumen. Ihr Desinteresse an den üblichen Mädchendingen ist aber natürlich nicht der einzige Grund, warum die meisten Leute einen großen Bogen um sie machen.

Elsa sieht etwas in den Dingen, das andere nicht sehen können – oder sehen wollen. Sie redet mit den Blättern im Herbst und toten Tauben im Rinnstein. Ihrer Meinung nach liegt dieses, von ihrer Umwelt als seltsam kategorisierte Verhalten nicht daran, dass sie in den letzten sechzehn Jahren ihres Lebens in verschiedenen Pflegefamilien an verschiedenen Orten gelebt hat und ohne ihre unbekannten, leiblichen Eltern aufgewachsen ist. Dem war entschieden nicht so. Denn Elsa hatte nicht das geringste Interesse daran, sie zu finden. Nach dem zu urteilen, was sie über die Jahre über sie herausgefunden hat, war es eine viel zu simple Geschichte: ein ungewolltes Kind, überforderte Eltern, zu wenig Geld und viel zu wenig Zukunft.

Es ist Elsa jedenfalls nicht schlecht ergangen. In den Pflegefamilien gab es Essen, Wärme und einen Tannenbaum mit Kerzen zu Weihnachten. Und Elsa bemühte sich sehr. Aber irgendetwas war falsch. Irgendetwas war immer falsch.

Es dauerte nie lange, bis sich die Gesichter beim Abendbrot von ihr abwandten, sich Blicke trafen, wenn sie sich unbeobachtet wähnten und dann war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Fräulein Elsbeth, Elsas staatliche Betreuerin, sie mit einem Schulterklopfen, das wohl zu gleichen Teilen mitleidig und hoffnungsvoll wirken sollte, beiseite nahm: „Liebe Elsa, man hat mir versichert, dass es wirklich nichts mit dir zu tun hat. Du bist ein wunderbarer junger Mensch, voller Möglichkeiten und deine Zukunft steht dir –“

Nach „Zukunft“ war Elsa meistens schon ganz woanders. Bei ihren Gesprächen mit den fallenden Blättern im Herbst oder mit den toten Tauben im Rinnstein. Oder bei dem seltsamen Vorkommnis damals auf dem Heimweg von der Schule, als ihr zwei Ameisen gefolgt waren. Ja, gefolgt. Sie weiß selbst recht gut, wie absurd sich diese Beobachtung ausnimmt.

Und zuerst hatte sie sich nichts dabei gedacht, als aus dem Rosenbusch im Vorgarten der Heinrichs zwei Ameisen hervorkrochen. Auch dann noch nichts, als die beiden Ameisen Elsa in gebührenden Abstand tippelnd hinterhereilten. Also blieb Elsa abrupt stehen, schloss die Augen und hielt den Atem an (manchmal half das gegen seltsame Ereignisse).

Als sie die Augen wieder öffnete und sich umdrehte, waren die zwei Ameisen noch immer da, und sie hätte schwören können, dass sie sie anstarrten. Auf dem schwarzen Rücken der Ameisen war jeweils ein roter Punkt, der aussah wie eine winzige Sonne.

Elsa beschloss, einfach weiterzugehen und sich nicht mehr umzusehen. Sie war da ungefähr neun. Zuhause angekommen berichtete sie die seltsame Begebenheit sofort ihren damaligen Pflegeeltern Herrn und Frau Enzelsberg. Zwei Wochen später klingelte Fräulein Elsbeth an der Tür.

Oder Elsa dachte an den Sommer der Ratten. Es war kurz vor ihrem dreizehnten Geburtstag gewesen, als ihr Fräulein Wollnase zulief.

Fräulein Wollnase war eine große, graue Ratte. Nur die Spitze ihrer Schnauze war weiß wie Baumwolle. Natürlich hat Fräulein Wollnase sich nicht selbst so genannt. Ihr eigentlicher Name war allerdings von solcher Länge und Komplexität, dass Elsa sie sofort umbenannte. Man muss nämlich wissen, dass Ratten höchst komplizierte Verwandtschaftsverhältnisse haben. Im ausgehenden 19. Jahrhundert – als durch die Industrialisierung die Zahl der Ratten in den Städten größer war als jemals zuvor – da beschloss das Außerordentliche Komitee der Rättischen Gemeinschaft, nur noch jene Rattennamen zu rattifizieren, in denen sich die Verwandtschaftsgrade zueinander widerspiegelten. Das war vor allem für die Heiratspolitik der Ratten von Vorteil.

Woher Elsa das alles wusste? Nun, Fräulein Wollnase hatte ihr davon erzählt. Und auch von den Kanälen und Tunneln unter der Stadt, von Schätzen in Mülltonnen und vergessenen Geheimnissen in Abfallbergen.

Während eines dieser Gespräche stürmte Frau Hebendanz, die Elsa gemeinsam mit ihrem Mann aufgenommen hatte, in das Zimmer, einen Besen in der Hand und Grauen in den Augen. Fräulein Wollnase ergriff die Flucht, Frau Hebendanz mit dem Besen hinterher und dahinter Elsa, schreiend.

Die Rättin erreichte glücklicherweise rechtzeitig das Loch in der Wohnzimmerwand. Elsa erklärte, dass Fräulein Wollnase ihr doch nur Gesellschaft geleistet hätte. Bei dem Namen „Fräulein Wollnase“ zitterte die Hand, in der Frau Hebendanz den Besen hielt. Im Sommer der Ratten brauchte es nur eine Woche, bis Fräulein Elsbeth klingelte.

Frau Heidelbrecht aber ist anders als die Hebendanz‘, die Enzelsbergers und all die anderen Familien, in denen Elsa war. Frau Heidelbrechts Fantasielosigkeit ist makellos. Sie ist sich so sicher, was Wolpertingerei ist und was nicht, dass sie seltsame Geschehnisse mit einem Handwischen aus der Welt bannen kann. Frau Heidelbrechts Fantasielosigkeit ist absolut makellos.

Frau Heidelbrecht schiebt Elsa die Salatschüssel hin. Sie sieht es nicht einmal. Sie ist tief in ihre Gedanken versunken. Was ist nur mit dem Haus geschehen?

Schließlich schüttelt sie den Kopf. Mit dem alten Holzlöffel schaufelt sie sich Salat auf den Teller. Schluss damit. Frau Heidelbrecht hat natürlich recht. Häuser verschwinden nicht einfach so. Morgen würde sie wieder hingehen. Und das Haus wird da sein. Wie es immer da ist. Roter Backstein und ein wenig windschief.

Bestimmt.

2

Am nächsten Tag kriecht die Zeit nur langsam voran. Als die Glocke endlich die letzte Stunde (Fräulein Inga hat die Kreide noch nicht beiseitegelegt) beendet, ist Elsa bereits auf halber Strecke zwischen ihrem Schreibpult und der Tür. Fräulein Ingas gerümpfte Nase sieht sie schon nicht mehr. Auch ihre Mitschüler scheren sich nicht um sie. Jeder weiß, dass Elsa komisch im Kopf ist.

Die ganze Nacht und den ganzen Morgen hat sie in Gedanken bei dem verschwundenen Haus verbracht. Würde sie Spuren, Indizien finden für das mysteriöse Verschwinden des Hauses und das Rätsel lösen, das Geheimnis lüften, den Schatz bergen – an dieser Stelle sieht sie einen Triumphzug mit sich selbst an der Spitze, einen Lorbeerkranz auf ihrem Haupt, Frau Heidelbrecht kleinlaut ihre Schleppe tragend?

Vielleicht ist es in der Zwischenzeit ja wieder aufgetaucht? Oder, was wahrscheinlicher war, sie hat sich schlicht getäuscht.

Der Bus der Linie 46 hat Verspätung. Nach einigen Minuten ungeduldigen Wippens beschließt Elsa zu laufen. Immerhin: Der morgendliche Regen hat aufgehört und der Himmel ist nur noch grau, nicht mehr von diesem aschfahlen Gelb, das nichts Gutes verheißt.

Der Weg führt am Vorgarten der Heinrichs vorbei, von wo aus ihr damals die beiden Ameisen gefolgt waren. Dahinter macht er eine scharfe Kehre und zieht sich ein Stück dem Hügel hinauf, links und rechts an Birken vorbei, die irgendjemand weiß gestrichen hat und denen die Köpfe fehlen. Hier gibt es nur eine kleine Grünfläche und verstreut dahinter Häuser von Leuten, die Elsa nicht kennt. Noch ein wenig weiter, da ist die Straße enger bebaut mit niedrigen Einfamilienhäusern und breiten Garagen.

Elsa läuft weiter. Hinter der nächsten Kurve beginnt der schmiedeeiserne Gartenzaun, der Rost hat das Eisen rot gefärbt. Die Stangen tragen den scharfen Geruch von nassem Metall. Noch ein Stück.

Und da sieht sie es. Oder besser: Da sieht sie es nicht.

Das Haus bleibt verschwunden. Elsa steckt den Kopf zwischen die Gitterstäbe des Zaunes, um besser sehen zu können. Kein Fundament, keine Steinreste, keine Trümmer, kein Zeichen, dass dort jemals ein Haus gestanden hat. Vielleicht ist das Gras an dieser Stelle etwas brauner, aber auch das hätte sie nicht mit Sicherheit sagen können.

Wie konnte das Haus verschwinden? Und vor allem: wohin? Elsa zwirbelt grübelnd an einer Haarsträhne, als sie aus dem Augenwinkel etwas entlanghuschen sieht.

Da! Nur wenige Meter weiter blitzt es aus dem Busch hervor, zwei graue Schwänze schnurren im Unterholz – die Katzen der alten Pusch! Dann sind sie doch nicht überfahren worden! Aber was machen sie hier? Aus dem Gebüsch blinken ihr vier gelbe Augen entgegen. Zwinkern sie ihr zu? Wollen sie, dass Elsa –? Sollte sie –? Aber sie kann doch nicht einfach tagsüber und hier, an dieser Stelle über den Zaun klettern, das ist verboten. Wenn sie nun jemand sehen würde?

Elsa denkt an Fräulein Elsbeth und „ihre Zukunft“. Sie sieht die Blicke vor sich – Familie Hebendanz, Familie Enzelsberg und die der anderen Familien. Etwas war in ihren Augen gewesen. Dasselbe, das Elsa auch in den Gesichtern ihrer Mitschüler gesehen hatte, als sie mit der toten Kohlmeise gesprochen hatte, die an einem Morgen gegen die Klassenzimmerscheibe geflogen war. Und außerdem – wer kann schon sagen, ob das Ganze nicht tatsächlich Wolpertingerei war? Elsa zieht ihren Kopf zwischen dem Gitter hervor, dreht sich um und schickt sich an zu gehen.

Sie hat kaum zwei Schritte getan, als sich ihr von rechts zwei Ameisen in den Weg stellen. Es sind nicht irgendwelche Ameisen. Die roten Punkte auf beiden Rücken sind winzig, aber eindeutig. Elsa bleibt stocksteif stehen. Sie hört einen Laut, als fiele eine Feder auf einen alten Gitterrost. Sehr leise.

Elsa ahnt, woher das Geräusch kommt. Sie bückte sich und hält ihre flache Hand vor die beiden Ameisen. Anstatt wie erwartet wild die Flucht anzutreten, kriechen die Ameisen auf ihre Hand. Die roten Punkte wippen eifrig auf den Rückenpanzern. Elsa muss sich die Ameisen dicht ans Ohr halten, um verstehen zu können. Schließlich hört sie es, klar und deutlich. Die Ameisen schreien.

Wie schon erwähnt, ist Elsa eine überaus fantasievolle Person. Sie hat auch bereits mit einigen ungewöhnlichen Geschöpfen, wie Fräulein Wollnase, zu tun gehabt.

Die Tatsache also, dass zwei Ameisen auf ihrer Handfläche sitzen, die schreien und mit ihren winzigen Scheren klappern, scheint Elsa zwar ungewöhnlich, nicht aber besorgniserregend.

Als die Ameisen doch mit einem Mal haselnuss-, dann walnussgroß werden, kann Elsa nicht anders: Mit einem Aufschrei schüttelt sie die Ameisen – die jetzt schon die Größe eines Handballs erreicht haben – aus ihrer Hand. Mit einem schmatzenden Geräusch schlagen die – nun fußballgroßen – Ameisen auf dem Asphalt auf. Ihre Glieder glänzen wie rabenschwarze Butter, die Fühler über ihren dunklen Augen wackeln Elsa zitternd entgegen. Die Scherenmäuler klappern auf und zu. Die roten Punkte strahlen wie grausame Sonnen von den Rückenpanzern.

Elsa dreht sich um und rennt zurück. Mit drei Schritten hat sie den Zaun erreicht und prallt mit voller Wucht gegen das Eisengitter. Zum Glück ist es nicht allzu hoch. Elsa packt die schmiedeeisernen Spitzen, tritt mit den Füßen – blind auf Halt hoffend – in den alten Efeu, der sich um die Stäbe festgebissen hat, und hievt sich über den Zaun. Auf der anderen Seite fällt sie in Gras und Erde. Schnell rappelt sie sich auf. Hinter ihr (sie sieht sich nicht um, auf keinen Fall!) klappert und knackt es laut, die Fühler vibrieren aufgeregt. Elsa springt über das Gras in Richtung des dahinter liegenden Birkenwäldchens. Als sie ungefähr auf der Höhe ist, wo das Kaminzimmer des roten Backsteingebäudes gewesen ist, bevor es verschwand, rollen ihr zwei graue Steine in den Weg.

Elsa stolpert und fällt. Noch im Fallen erkennt sie, dass es die beiden Katzen der alten Frau Pusch sind. Der Sturz nimmt ihr den Atem. Elsa blinzelt, atmete einmal aus und ein, bevor sie aufstehen kann. Die Katzen streichen um ihre Beine.

Aus Richtung des Zauns hört sie das Splittern von morschen Efeuranken und das Kreischen von berstendem Metall. Das Klappern wird lauter.

Puschs Katzen streichen um Elsas Beine, immer im Kreis, immer schneller. Nur manchmal faucht eine mit gelbem Blick den öligen Gestalten entgegen, die sich rasch über das Gras nähern. Zwanzig Meter, noch neunzehn.

Elsa schließt noch einmal die Augen. Manchmal hilft das gegen seltsame Geschehnisse. Aber diesmal hat sie dieses ungute Gefühl, dass es nichts, rein gar nichts helfen wird. Das Klappern hat sie fast erreicht.

Wenn nur das Haus da wäre, dann könnte sie sich verstecken, denkt Elsa. Wenn nur das Haus da wäre!

Da tut es plötzlich einen Schlag. Der Boden unter ihr bebt und ein Geräusch wie aufeinanderprallende Baumstämme schluckt das Klappern. Elsa öffnet die Augen. Sie sieht alles um sich herum wie durch Milchglas. Dahinter kann sie noch die verwaschenen Umrisse der Ameisen erkennen, deren Fühler wütend in alle Richtungen ausschlagen. Die Katzen streichen noch immer um ihre Beine, das Beben scheint ihnen wenig auszumachen. Elsa dagegen bringt es aus dem Gleichgewicht. Schwankend sieht sie, wie unter ihr das Gras wegklappt. Parkettplanken wachsen aus der Erde, stoßen aneinander, fügen sich zu einem ebenen, gebohnerten Fußboden.

Elsa verliert das Gleichgewicht. Sie landet hart auf Holzparkett. Da – rechts neben ihr faltet sich eine Wand auf, links ebenso und auch hinter ihr. Wie aus Pappkarton klappen sich die Wände auf, schließen das Licht aus, den Tag und den Garten, die Birken und – die Ameisen! Fenster reißen sich dröhnend in die Wände, bringen das Licht zurück. Staub wirbelt in der Luft. Elsa liegt auf dem Parkett, ein Zittern durchfährt sie. Das kalte Halbdunkel des Hauses dringt ihr bis auf die Knochen.

Dann schießt ein Kamin hervor, platziert sich an der einen Wand. Holzscheite prasseln herab und fangen Feuer. Die Flammen stechen, die Hitze steigt. Elsa schreit.

Sie steht in Flammen.

3

Flammen lodern aus dem Reisig, der Rauch hat alles verschwinden lassen, den Rechter, die Gestalten neben Anna. Er beißt und sticht und zieht an ihren Lidern. Rote Punkte tanzen vor ihren Augen. Anna weiß: Die Zeit wird knapp. Es muss doch etwas hier sein, irgendetwas, das ihr helfen kann. Wenn sie nur etwas hätte, denkt sie. Etwas Scharfes. Etwas –

Sie reißt an den Stricken. Aber sie halten. Jede Bewegung ihrer Arme lässt sie nur tiefer in ihre Haut schneiden. Hinter den fahlen, beißenden Rauchschwaden hört man die Rezitation des Rechters: „… ein Gleicher unter Glei–“

In diesem Moment erreicht das Feuer die Gestalt rechts von ihr. Sie schreit. Der schauderhafte Geruch von brennendem Fleisch steigt scharf in ihre Nase.

Wenn sie nur etwas hätte – etwas Scharfes! Noch während sie schreit, sieht sie es. Vor ihr, zwischen Reisig und Rauch, liegt ein Messer, rostig und alt. Hat es jemand auf die Holzplanken dieses Scheiterhaufens geworfen? Einerlei, es ist da, die Flammen flackern auf der Schneide. Anna versucht, den Fuß zu strecken, es zu erreichen. Der Schmerz beißt sofort zu, aber ihr Bein ist um haaresbreite zu kurz.

Anna schreit einmal, als sie sich auf die Knie fallen lässt. Das Seil, das ihre Arme an den Pfahl gebunden hält, schrammt nur widerwillig am Holz entlang nach unten. Anna schreit ein zweites Mal. Sie stemmt sich nach vorne und reißt ihr rechtes Bein herum. Da fährt aus dem Reisig eine Stichflamme und trifft sie im Gesicht.

Anna spürt ihre Haut schmelzen wie Wachs.

Mühsam und unter Schmerzen bugsiert sie das Messer mit dem Fuß zu sich heran und um den Pfahl. Das Messer erreicht ihre gebundenen Hände. Beim ersten Versuch schneidet sie tief ins Handgelenk, beim zweiten trifft sie das Seil. Anna schneidet. Die Augen tränen, die Dunkelheit ist fast vollkommen, dann löst sich der Schmerz in ihren Armen plötzlich – ihre Hände sind frei! Sie steht torkelnd auf und springt ins Feuer.

Der Rauch des Scheiterhaufens hüllt den Platz in stinkende Dunkelheit. Tücher und Fetzen aus Stoff werden vor Gesichter gedrückt, Augen tränen und starren doch weiter in die Flammen. Da kommt ein Ruf aus der Menge: „Seht!“

Aus dem Grau fließt ein Umriss, dunkel vor dem Feuer dahinter, blass in der Nacht. Jemand kommt aus dem Feuer.

Ein Junge schreit. Die Köpfe wenden sich hin und her, ein Raunen läuft durch die Menschen.

„Ruhe!“ Der Rechter befiehlt die Wächter zu sich, zwischen sich und die vielen Augen. Die Menschen verstummen.

Da kommt ein Ruf aus der Menge: „Auferstanden! Auferstanden aus dem Feuer!“

Die Augen wandern wild hin und her, das Raunen schwillt an, so dass die Wächter den schützenden Kreis um den Rechter schließen. Noch einmal hört man den Rechter: „Ruhe!“

Aber die Rufe aus der Menge verstummen nicht. Bis man einen rufen hört: „Nicht schuldig!“ Eine plötzliche Stille senkt sich über den Platz. Dann schreit ein anderer, lauter als zuvor: „Auferstanden aus dem Feuer!“ Ihm folgen Stimmen um Stimmen um Stimmen. Schließlich gibt der Rechter einen Befehl. Die Wächter lösen sich aus dem Kreis und treten der Menge entgegen. Mit Knüppeln aus Holz, umwickelt mit altem Draht, schlagen sie in die vorderste Reihe, dann in die dahinter. Die Menschen schreien. Die vorderen können den Schlägen nicht schnell genug ausweichen, die Menge hinter ihnen ist zu dichtgedrängt. Es wird geschoben und getreten. Einer bleibt im Schlamm liegen, das Blut ist fast so schwarz wie die Erde. Endlich löst sich die Menge auf. Nach einigen Minuten ist der Platz verlassen.

Nur am Rande des Platzes ist einer geblieben. Die Kapuze tief im Gesicht.

Jeder weiß, es gibt keine Auferstehung – nicht aus dem Feuer – und die Gestalt ist eine Illusion gewesen, eine Täuschung des Rauchs und der Schatten. Und doch –

Der Rechter wendet sich an die Wächter: „Wenn irgendetwas aus diesem Feuer kam, dann muss es gefunden werden. Sucht es!“

Und die Wächter schwärmen aus.

Einige Fuß hinter dem Scheiterhaufen liegt ein Karren mit gebrochener Achse, halb begraben unter morschen Kisten, gesplitterten Fässern und Unrat. Durch die Wand aus Rauch sind seine Umrisse nur vage in der Dunkelheit zu erkennen. Anna kriecht auf ihn zu. Sie wagt es nicht aufzustehen. Sie hätte es auch nicht gekonnt. Ihre Glieder pochen, ihr Gesicht stinkt. Dort, zwischen Karren und Fässern, ist ein Fleck tiefer Finsternis. Anna passt gerade so hinein. An ihr Gesicht drückt kühl ein Eisenring von einem der Fässer, der Geruch von verbranntem Fleisch mischt sich mit dem von feuchtem Holz in alten Kellern. Anna schließt die Augen.

Irgendwo weit entfernt schreit jemand: „Auferstanden!“

4

Die Sonne des darauffolgenden Morgens bleibt durch die noch schwelenden Scheite im Rauch verborgen. Er mischt sich mit dem aufziehenden Nebel, der sich wie eine Decke über alles legt. Ebenso wie am Tag danach.

Am zweiten Tag sieht Anna durch den Spalt ihres Verstecks Schatten und Licht außerhalb. Stimmen und Schritte im Staub sind zu hören, zuerst gedämpft durch die wogenden Nebelschwaden, dann zunehmend klarer. Der Platz findet zurück zum Leben nach dem Branderlass.

Während des Marktschreiens des Tags und des Katermaunzens der Nacht liegt Anna in der engen Dunkelheit unter dem alten Karren und den rostenden Kisten. In den Nischen und Ecken sammelt sich Regenwasser, schal, aber Wasser. Dort liegt sie fiebrig und wartet, dass das Feuer in ihrem Gesicht auch den Rest von ihr fressen würde. Und wartet. Aber das tut es nicht.

Am dritten Tag erwacht sie von einem leisen Schaben auf ihrer Hand. Durch das Gerümpel und die Kisten hindurch haben sich zwei dicke, alte Katzen verlaufen, graues Fell und gelbe Augen. Die rauen Zungen streichen über Annas Haut. Der Brand in ihrem Gesicht pocht noch immer, aber entfernter, und es scheint, als liegt eine feuchte Kruste auf ihrer Haut, die kratzt und reißt, sobald sie ihre Züge bewegt. Als Anna dem Dämmerlicht entgegenkriecht, merkt sie, wie hungrig sie ist.

Die Nebelschwaden sind zwar fort, doch hat der Herbst die eine Dunkelheit durch eine andere ersetzt. Obwohl es noch früh am Abend ist, scheint der Platz verlassen.

Vielleicht liegt es auch daran, dass der Boden durch den Regen so schlammig geworden ist, dass sich nicht einmal die Katzen hindurch wagen – geschweige denn Karren. Der Asphalt ist hier erst vor kaum einem Jahr zerrissen worden und nur unter dem Scheiterhaufen hat man eine Scholle belassen, der Stabilität wegen. Eine ganze Welt zu zerreißen dauert länger, als man denkt. Und vierundzwanzig Jahre sind nicht ansatzweise genug Zeit dafür.

Durch den Spalt sieht sie die umliegenden Häuser. Bis auf einige wenige aus verputztem Beton sind alle anderen Häuser neu: Ernhäuser oder Steinwerke. Hier und da flackert matter Kerzenschein durch Fenster. Nach dem Dekret des kältesten Winters ist Elektrizität unter Strafe verboten – sie ist dem Staat vorbehalten. Der Himmel ist nun ebenso schwarz wie die Erde. Sie muss es jetzt wagen!

Anna schiebt sich durch den Spalt nach draußen – und versinkt im Schlamm. Meter um Meter kriecht sie durch schmatzendes Schwarz, bis sie die Häuser am Rand des Platzes erreicht. Im Schutz eines Holzstapels sieht sie sich um. Niemand zu sehen.

Aus der gegenüberliegenden Bar dringen gedämpfte Stimmen. In der Dunkelheit kann sie die Überreste des Scheiterhaufens ausmachen. Die verkohlten Pfähle stecken schief in den Verankerungen. Sie erinnert sich wieder an den Geruch von sengendem Fleisch. Anna schließt die Augen und kämpft gegen die Übelkeit an.

Malheim war nie eine Metropole, Malheim lebt von seiner Legende. Es sei die Stadt gewesen, in der die Gleichheit begann. In der Tal Vladem zu dem wurde, was er nun seit beinahe vierundzwanzig Jahren ist: der Großrechter der Republiken Allelands. Der erste und oberste Egalitarist. Das zumindest erzählt man sich.

Es gibt ein großes Gebäude, oben auf dem Namenlosen Berg, das vor dem Riss noch einem Mann gehörte, der viel Geld hatte und fast die ganze Stadt besaß. Aber als die Republiken Allelands ausgerufen wurden, wurde es beschlagnahmt, Fahnen wurden gehisst und nun hat dort die Hohe Ermittlung ihren Sitz.

Seit dem Riss ist die Erde gierig. Ohne Asphalt und Beton saugt sie alles auf. Übrig bleibt der Schlamm. Und eine alte Geschichte ruhmreicherer Tage. Oder, denkt Anna, zumindest Tage mit weniger Schlamm und Dunkelheit. Annas versengtes Kleid hängt schwer an ihr.

Plötzlich ein Scharren. Ein paar Meter weiter öffnet sich eine Tür. Heraus kommt eine wankende Gestalt. Sie bleibt stehen, scheint sich umzusehen. Und fällt dann in den Morast.

Anna bemerkt erst, dass sie den Atem anhält, als ihre Lunge zu drücken beginnt. Sie ist nicht sicher hier. Sie kann jeden Augenblick entdeckt werden. Sie muss fort – und zwar schnell! Aber die umliegenden Wälder sind finster, der Herbst kalt. Und Malheim ist die letzte Stadt im Norden. Wohin soll sie nur gehen?

Östlich von Malheim liegt ein altes Flugfeld. Zwischen ausgebrannten Maschinen lauern nicht nur wilde Hunde. Denn in den letzten vierundzwanzig Jahren ist die Gleichheit an ihren Enden ausgefranst. Der Riss hat zwar offiziell alle gleich werden lassen. Aber manche versanken tiefer als andere in der Dunkelheit, die kam, als die Egalitaristen die Straßenlaternen zerschlugen. Die Vergessenen hocken am Rande der Gesellschaft und ihnen faulen die Zähne.

Das alte Flugfeld ist so ein Ort, an dem sie sich zusammenrotten. Unter anderen Umständen wäre es klug, ihn zu meiden. Selbst für die Rechter ist das Gebiet eine Sperrzone. Unter den gegebenen Umständen vielleicht Annas beste Chance.

Der Marsch durch die Nacht ist mühsam. Im Matsch der zerrissenen Straßen ertrinken selbst die ausgelegten Bretter. Anna hält sich in den Schatten – das zumindest ist keine schwere Aufgabe in einer Stadt aus Dunkelheit. Nur die Kerzen und Öllampen in den Fenstern werfen schummriges Licht in die Gassen.

Sie lässt die letzten Häuserreihen hinter sich und erreicht das Stadttor von Malheim. Es ist ein Stück der alten Autobahnüberführung, das vom Zerreisen verschont geblieben und nun komplett mit Netzen – Schleppnetze vom Fischfang vor dem Riss – verhangen ist. Ausgespart ist nur ein Tor aus Holz in der Mitte.

Hier ist das Licht gleißend. Die Stadtbefestigung ist Sache des Staates und Elektrizität also erlaubt. Links und rechts des Tores starren Scheinwerfer in die Dunkelheit. In ihrem Schein wiegt sich ein langes Banner mit dem Symbol der Hohen Ermittlung, der Republiken Allelands. Die rote Sonne hinter der schwarzen Abstraktion einer Waage – das Symbol der Gleichheit.

Die Ruine der Autobahnbrücke ragt abgehackt in die Nacht. Auf ihr und unten patrouillieren Wächter. Seit dem Riss sind die Städte nachts abgeriegelt. Anna hat gehört, dass es früher anders gewesen war. Sie selbst hat die Zeit davor nie erlebt, damals war sie noch nicht geboren.

Anna ist nicht immer in Malheim gewesen. Sie erinnert sich vage an ein Dorf in den Bergen. In der Dorfmitte gab es einen Brunnen mit einem Delphin. Niemand im Dorf war sich ganz sicher, wie der Delphin an einen für einen Delphin so unpassenden Ort gekommen war. Aber es muss vor dem Riss gewesen sein.

Die Älteren erinnerten sich aber daran, dass es vor langer Zeit eine Bürgerversammlung gegeben hatte. Bei der hatte man gesehen, dass in der Kasse einiges an Geld über war. Durch das Dorf kamen nämlich viele Leute mit bunten Sonnenhüten und Apparaten, die Bilder machen konnten (Kameras, das weiß Anna noch). Das Dorf war sehr hübsch gelegen, da in den Bergen, und über der Hauptstraße (Kopfsteinpflaster) waren lange Seile gespannt mit Wimpeln daran, die im Wind flatterten. Und da hatte man kurzerhand beschlossen, das Dorf noch ein wenig hübscher zu gestalten. Und irgendjemand kam auf die Idee, ein Brunnen mit einem Delphin täte genau das.

Doch Anna hat ihn niemals Wasser speien gesehen. Mit der Zeit verfiel er immer mehr, Moos setzte sich um die Schwanzflosse und die Metallröhre in seiner Schnauze rostete und brach schließlich ab. Auch die Leute mit den bunten Hüten und den Fotoapparaten blieben aus. Der Riss hatte irgendwann das Dorf erreicht. Bald darauf verließen die Leute die Dörfer und gingen in die Städte. Und Anna nach Malheim – wann sie ihre Eltern auf dieser Reise verloren hat, weiß sie nicht zu sagen.

Sie stiehlt, sie bettelt und schläft unter den Plastikplanen der alten Garagen am Stadtrand von Malheim. Ein wasserspeiender Delphin in einem Brunnen hat in dieser Welt keinen Platz mehr. Es gibt nur noch die Plakate des Großrechters, sein nachsichtiges Lächeln, die Fahne der Gleichheit an den Trümmern der zerrissenen Stadt. Und die Dunkelheit der Nächte.

Anna hat gehört, dass die Städte vor dem Riss mit Elektrizität beleuchtet wurden – jedes Haus, die Straßen, die Plätze. In manchen Städten sei so viel Licht gewesen, dass es niemals ganz dunkel wurde. Es gab nachts keine Nacht. Das scheint ihr vollkommen verrückt. Heute gibt es nur diese absolute Finsternis, wenn die Sonne untergegangen und der Mond nicht zu sehen ist. Die Welt ist dann genauso dunkel wie hinter ihren geschlossenen Lidern.

Anna stolpert durch die Nacht, auf der Suche nach einer besseren Möglichkeit, die Umzäunung zu überwinden.

Etwa zwei Kilometer östlich vom Stadttor gehen die Netze in Maschendraht über. Malheim hat zwar im vergangenen Jahr begonnen, den Stadtkern mit einer neuen Steinmauer zu schützen, ohne die Hilfe alter Technik ist der Bau bislang aber kaum vorangeschritten.

Das östliche Tor ist eine alte Pergola aus Eisen, verstärkt mit Steinen und einer Schranke aus Holz. Hier sind die Scheinwerfer schwächer und die Wächter unaufmerksamer. Noch ein Stück weiter ist die Erde locker und der Zaun unmerklich krumm. Niemand ist zu sehen.

Anna scharrt so viel Erde beiseite, dass sie sich unter den Maschendraht schieben kann. Aber sie ist zu hastig. Als sie halb hindurchgekrochen ist, verhakt sich ein Draht in ihrem zerfetzten Kleid und reißt sie zurück. Der Brand in ihrem Gesicht schrammt gegen Erde und Stein und der Schrei, der kommt, ist ihrer.

Im nächsten Augenblick springt der Scheinwerfer durch die Nacht – sucht. Sucht.

Wie ein garstiges Tier mit Hörnern und Klauen, denkt sie noch. Dann reißt etwas an ihrem Bein.

5

„Hierher! Hierher!“ Der Mann ist klein und alt. Aber sehr, sehr laut. Er hängt mit all seiner Kraft an ihrem strampelnden Bein und müht sich, sie unter dem Zaun hervorzuziehen, schafft es aber nicht. Anna fürchtet nicht seine Stärke, sondern seine Stimme. Das östliche Tor ist keine fünfzig Meter entfernt. Dann ist der Scheinwerfer auf ihr.

Wie lange brauchen die Wächter bis hierher? Der Fetzen, den sie trägt, ist vor lauter Dreck zwar kaum noch zu erkennen, aber doch eindeutig die Branderlasstracht der Fantasten. Der Mann schreit weiter. Anna tritt und zerrt, aber ihr Kleid hat sich im Maschendraht verhakt.

Sie hört die herannahenden Rufe der Wächter. Anna reißt an dem Stoff. Nichts. Ihre Hand trifft schmerzhaft auf etwas Scharfes in der Tasche ihres Kleids. Das Messer! Sie hat es völlig vergessen gehabt.

Die Stimmen kommen. Sie zieht das Messer, windet sich und sticht einmal, zweimal, dreimal nach hinten. Sieh nicht hin, denkt sie.

Der kleine Mann schreit. Diesmal aber ist es ein anderes Schreien. Der Triumph ist ganz und gar aus seiner Stimme. Annas Bein ist plötzlich frei. Sie packt den Stoff zwischen dem Maschendraht und schneidet und schiebt sich auf die andere Seite.

Die Stimmen sind nun direkt hinter ihr.

Als sie hochschnellt, springt Wut hinter ihr in den Zaun. Arme mühen sich, den Zaun vom Boden her aufzustemmen, ihr nachzufolgen, aber er hält und die gegrabene Kuhle ist viel zu schmal. Anna zittert, aber sie dreht sich um.

Die Wächter (vier) verstummen für einen Augenblick. Der kleine Mann hat aufgehört zu schreien. Noch immer vermeidet Anna es, ihn anzusehen. Aber aus den Augenwinkeln sieht sie ihn zucken. Wie ein hässlicher, alter Nachtfalter, dem man die Flügel ausgerissen hat, denkt sie.

Es geht ein Flüstern zwischen den Wächtern, laut genug, dass Anna es verstehen kann: „… vom Branderlass!“– „Das Gesicht!“– „Wie?“– „Die aus dem Feuer!“

Einen Moment scheint es, als ob die Wächter sich abwenden und zurück in die Nacht verschwinden würden, weil ihr Gesicht so abstoßend, ihr (Über)Leben so unmöglich ist. Dann deutet einer von ihnen auf sie und in seinen Augen ist zu viel Weiß: „Die Gleichheit kriegt dich.“

Anna rennt Richtung Osten in die Nacht.

Hinter ihr folgt ein Schatten, den niemand sieht.

6

Die ausgebrannten Fliegerwracks stechen tief in die Nacht. Durch die Löcher, eingeschlagenen Bullaugen und Stahlrippen scheinen Kerzen um Kerzen in die Dunkelheit. Von dem Hügel aus sieht das alte Flugfeld aus wie ein zerschossenes Nachtlicht gegen Geister.

Der Regen prasselt herab und Annas Kleid klebt an ihrem Körper. Sie wischt sich die Strähnen aus dem Gesicht, einige haben sich schmerzhaft in ihre Bandwunde gelegt. Sie sucht nach einer Handvoll kantiger, großer Steine gegen die wilden Hunde, bevor sie den Hügel hinabrutscht.

Unten verläuft ein schmaler Pfad zwischen Birken, die ihre Äste und Wipfel verloren haben und nun wie Pfähle den Weg markieren. Anna orientiert sich ein wenig abseits an dem Pfad. Geduckt im Schutz der toten Birken folgt sie den Lichtern.

Bald erreicht sie den äußeren Ring des alten Flugfelds. Asphaltbrocken sind nach dem Riss übriggeblieben und ragen wie Eisschollen aus einem unsteten Meer. Der kalte Teer ist feucht und eben unter Annas nackten Füssen.

Das Gelände hat keine Tore, keine Mauern. Alles kann heraus, wann immer es will. Alles kann aber auch hinein.

Vor ihr ragt das Skelett einer alten Boeing windschief in den Himmel. Zwischen den Stahlrippen sind Holzbretter vernagelt und Plastikplanen gehängt. In diesem Teil des Flugfelds flackern nur wenige Kerzen.

Die Plastikplane vor ihr raschelt. Anna duckt sich hinter den rostigen Überrest einer Turbine. Unter der Plane hervor schießt ein Schatten, genau in ihre Richtung. Dahinter folgen, laut fluchend die Plastikplane beiseite reißend, zwei Männer: „Hat er dich erw–?“

Noch bevor der eine die Frage zu Ende stellen kann, schnaubt der andere: „Klar hat er mich erwischt, Idiot! Ich habe dir gesagt: erst eine auf den Schädel, dann die Kehle!“

Anna duckt sich tiefer. Das schwarze Etwas ist fast bei ihr. Die beiden Gestalten haben es auch bemerkt: „Da ist er!“

„Lauf!“

Das schwarze Ding bleibt plötzlich abrupt vor ihr stehen (hat sie entdeckt) und knurrt. Knurrt? Knochenweiße, lange Fänge und zwei gelbe, gelbe Augen blitzen ihr entgegen. Einer der wilden Hunde! Anna reißt die Hände vor ihr Gesicht. Plötzlich packen sie vier Hände und zerren sie rückwärts über den Teer.

„Was ist das denn?“, der eine Mann zieht verblüfft an Annas Haaren.

„Das ist er nicht!“, meint der andere.

„Ach“, gibt der Erste zurück, „sag.“

Der andere Mann zupft an Annas Kleid. „Das stinkt nach Rechter.“

Anna spuckt ihm zwischen die Augen. Er schlägt ihr mit der flachen Hand ins Gesicht. Die Brandwunde reißt. Für einen Augenblick wird es schwarz um Anna. Sie merkt kaum, wie sie an einem Arm beiseite, in den Schein einer Kerze gezerrt wird. „Das muss sie sein!“, hört sie den einen Mann noch sagen. „Schau dir ihr Gesicht an.“

Dann kommt das Knurren.

Zwischen dem Knurren und den Schreien der beiden Gestalten vergeht nur ein Augenblick. Ein Augenblick, in dem Anna sich genug zurück ins Bewusstsein zwingt, die Steine aus ihrem Kleid zu ziehen und sorgfältig zu zielen – was sich als äußerst schwierig herausstellt, da in dem Chaos aus Nacht, Fleisch und Keuchen nichts vom anderen zu unterscheiden ist.

Der zweite Stein trifft. Einer der Männer geht gurgelnd zu Boden, der andere wirft instinktiv die Arme zum Schutz in die Höhe und stolpert in die Dunkelheit. Anna lässt sich zurück auf den Asphalt sinken.

Die Wunde in ihrem Gesicht pocht. Blut rinnt über Hals und Kinn. Sie muss hier fort, fort von dem Mann, der früher oder später wieder zu Bewusstsein kommen würde, fort aus dem Regen und der Kälte, die in ihre Knochen fährt. Aber das Kleid. Die Männer haben erkannt, wer sie ist. Das Kleid verrät sie sofort als Branderlass-Verurteilte. So kann sie nicht – ihr Blick fällt auf die reglose Gestalt. Natürlich!

Die Hose – eine alte Jeans, nach vierundzwanzig Jahren vollkommen zerrieben und zahllose Male geflickt – ist ihr zwar viel zu groß, aber Hemd und Weste lassen sich mit dem breiten Gürtel zu einem passabel passenden Kleid binden. Unter die alte Trucker-Käppi mit der Indianerfeder darauf (Distressed Indian) schiebt sie ihre Haare. Die Stiefel sind einige Nummern zu groß. Sie lässt sie liegen. In den Hosentaschen findet sie außerdem noch einige Knöpfe (unnütz), ein Klappmesser (sehr nützlich), Zündholzer (sehr, sehr nützlich) und eine interessante, aber wertlose (und außerdem verbotene) Sammlung von Münzen der alten Länder. Das Klappmesser steckt sie in den Gürtel neben das Messer aus dem Scheiterhaufen. Barfuß folgt sie dem Flackern der Kerzen in den inneren Ring des Flugfelds. Der wilde Hund ist nirgendwo zu sehen. Die Nacht erscheint ihr stiller als zuvor.

7

Der innere Ring des Flugfelds ist laut und hell. Anna stößt auf einen breiten Gang, links und rechts gesäumt mit stockwerkhohen Gerüsten, Brücken aus alten Tragflächen und rostende Flugzeugwracks. Hinter den Bullaugen halten Kerzen die Nacht fern.

Der Regen wird zu einem sanften Nieseln. Die asphaltierten Flächen sind hier zahlreicher als jene aus Schlamm. Die Feuchtigkeit steht grau in der Dunkelheit. Auf Treppen und Terrassen erkennt sie im Schein unzähliger Fackeln Gestalten, bunt und zahnlos die meisten.

Anna hält ihren Kopf gesenkt und wählt ihren Weg im Schatten, aber zwischen den trinkenden, rufenden, fluchenden und lachenden Leuten scheint sie unsichtbar. Auf dem Boden ducken sich streunende Hunde zwischen Müll und Schrott. Auf den Terrassen drehen sich grell geschminkte Frauen im Fackellicht. Männer bleiben stehen und fragen und gehen – einige allein, einige mit einer der lächelnden Frauen am Arm.

Als Anna sich an einer der Terrassen entlang schiebt, raunt ihr eine der Frauen zu: „Egal, was du suchst, ich weiß ganz bestimmt, wo du es finden kannst.“ Ihr unbewegliches Lächeln macht den Satz seltsam unverständlich. Anna hebt unwillkürlich den Blick.

Sofort fällt das Lächeln vom Gesicht der grellfarbigen Frau. Anna beginnt zu rennen. Hinter sich hört sie nur noch ein würgendes Keuchen: „Hast du das gesehen?“

Sie rennt in die nächste Gasse, fort, aus dem bösen Blick des Lichts. Kurz vor ihr steht ein windschiefes Haus. Die Grundsub­stanz ein alter Plattenbau, der mit Tragflächen und Flugzeugteilen – auf einem die Darstellung eines vergilbten Kranich, auf einem anderen steht АэрофлoT – und mit Holzplanken befestigt worden war. Aus der Fassade flackern ihr Bullaugen entgegen.

Anna tritt näher. Über der Eingangstür – Eiche mit Eisenscharnieren – schwingt ein hölzernes Schild im Nachtwind. Auf dem Dreieck prangt eine Art Medusenkopf, aus dem anstatt sich windender Schlangen Flugzeugtrümmer und Schrott ragen. Darunter steht in schwarzer Schrift:

Zum Bermudadreieck

Aus der Türspalte dringen laute Musik, Stimmen und Rauch. Anna zieht die Distressed- Indian-Käppi tief in ihr Gesicht und tritt ein.

Einen Augenblick lang fürchtet Anna, in plötzliche Stille zu treten, alle Augen auf ihrem brennenden Gesicht, ihren durchnässten Kleidern, ihren nackten Füßen. Aber nichts geschieht. Die Tür schwingt (oder eher: knarrt schwerfällig) nach innen auf in einen Raum, brechend voll mit Gästen und angefüllt mit Schweißgeruch. Der Raum öffnet sich nach oben zu einer Galerie – mit noch mehr Menschen. In der Mitte glühen Kohlen in einer dreieckigen, massiven Wanne. Die Hitze ist – trotz der beißenden, feuchten Herbstkälte draußen – beinahe unerträglich.

Anna duckt sich zwischen den Menschen in die dunkelste Ecke des Schankraums. Der Überrest einer ehemaligen Trennwand bildet hier eine Art Alkoven, in den kaum Kerzenlicht dringt. Anna drückt sich auf eine der Bänke an der Wand und macht sich möglichst klein. Nach einem Zimmer fragen kann sie kaum, nicht ohne Geld und schon gar nicht mit der Wunde in ihrem Gesicht.

Also bleibt sie hier. Zumindest, bis sie der Wirt hinauswirft, ist sie geschützt vor Regen und Kälte. Die Musik schwingt im Rauch und Anna schläft ein.

Es ist seltsamerweise die Stille, die Anna weckt. Die Kerzen sind fast alle erloschen und die Kohlen sind zu Asche niedergebrannt. Ihre Glieder schmerzen auf der harten Bank und sie bemerkt erst, als sie aufstehen will, dass sie nicht allein in der Nische ist. Die Kälte an ihrem Hals ist ganz bestimmt Stahl.

„Seltsame Geschichte. Drüben in Malheim heißt es, eine der Fantasten sei aus dem Scheiterhaufen gesprungen. Auferstanden, heißt es bei den einen; nie gestorben, bei den anderen.“ Die Kälte schabt über die Brandwunde in Annas Gesicht. Anna beißt den Schrei zurück. „Und da schläft im Dreieck eine mit Fratze in der Dunkelheit …“ Die Kälte hält inne: „Was soll man daraus machen?“

Anna blinzelt in das Zwielicht. Die Gestalt vor ihr ist kaum zu erkennen. Ein Auge ist merklich tiefer als das andere, was seine Gesichtszüge seltsam verzerrt. Der Mann hat lange blonde Locken, er ist noch recht jung.

Annas Stimme ist leise: „Ein Unfall. Ich bin nicht –“

Der Kopf des Mannes wiegt sich langsam im Zwielicht: „Das werden die Rechter entscheiden.“

Annas Stimme ist lauter jetzt. Zu schrill: „Nein! Ich bin nicht –!“

Der blonde Mann holt aus, Anna schließt die Augen und hebt abwehrend die Arme vor ihren Kopf. Aber der Schlag kommt nicht. Stattdessen fällt ihr ein Gewicht auf die Brust, das ihr den Atem aus der Lunge presst. Anna würgt und hustet, als im nächsten Moment eine Hand sie am Arm packt und unter dem Gewicht hervorzieht.

Der blonde Mann zuckt noch, als Anna unter ihm hervorkommt. Dann bleibt er auf der Bank liegen. Zwischen den blonden Locken ragt ein Messer aus dem Rücken hervor.

Die Hand, die sie unter dem Mann hervorgezogen hat, stellt sie aufrecht hin und lässt los. Eine Stimme aus der Dunkelheit: „Verschwinde von hier. Malheim ist zu nahe, auch das Dreieck hat Ohren.“

Anna nickt. Dann sackt sie in sich zusammen und nimmt kaum noch wahr, wie ihr Kopf auf den Dielen aufschlägt.

Wie lange ist sie ohnmächtig gewesen? Sie liegt in Kerzenlicht und heller Wärme. Dahinter aber kann sie die Feuchte der Nacht spüren. Irgendwo außerhalb (ist sie innen?) ist ein Knurren zu hören. Ist es ein Knurren?

Sie öffnet die Augen und sieht den Mann. Anna springt auf. Zumindest versucht sie es. Bei der ersten Bewegung reißt die Brandwunde in ihrem Gesicht. Anna übergibt sich. Danach kann sie sich nicht mehr rühren. Sie fühlt sich elendig schwach. Der Mann greift ihr unter die Arme und zieht sie zurück vor das Feuer. Es erhellt das halbeingefallene, alte Haus aus der Zeit vor dem Riss, mit Betonelementen und einem Parkettfußboden (oder was davon noch übrig ist). Die Decke ist halbwegs intakt und wirft die Wärme des Feuers zurück in den kleinen Raum. Draußen hört man den Regen tropfen. Anna verliert wieder das Bewusstsein.

Der Tag (welcher?) ist blass und dämmrig, das Feuer heruntergebrannt, als Anna das nächste Mal erwacht. Zwischen den Trümmern ist ein Kratzen zu hören, ein leises Schaben von Horn auf Beton. Anna greift nach ihren Messern. Es ist fort. Ebenso ihr Gürtel und die Weste. Sie zieht ein noch glimmendes Holzscheit aus dem Feuer. Das Kratzen erreicht die eingestürzte Seitenwand.

Hinter dem Beton erscheinen eine lange Schnauze und zwei gelbe, gelbe Augen. Der wilde Hund vom Flugfeld!

Anna hebt das schwelende Scheit. „Verschwinde.“ Ihre Stimme ist überraschend klar. Das Tier legt den Kopf schief und starrt sie an. Anna schwingt das Scheit einmal, zweimal: „Hau ab!“ Der schwarze Hund hebt seine Schnauze in den Wind, als würde er ihren Geruch fangen, knurrt einmal – und ist fort.

Noch eine ganze Weile hält sie das Holzscheit fest, lauscht in die Dämmerung.

„Du bist wach.“ Vor Schreck lässt Anna das Scheit auf ihre Beine fallen. Rasch fegt sie die Glut beiseite. Hinter ihr steht der Mann aus dem Dreieck, der den Dolch in den Rücken ihres Angreifers gestoßen hat.

Er ist groß und seine Kleider sind abgetragen: eine Cargohose aus den Jahren vor dem Riss, Hemd und Weste, wie sie sie selbst anhat. Eine Kapuze aus dunklem Stoff ist tief in sein Gesicht gezogen. Er trägt zahlreiche, unterschiedliche Waffen am Körper. Anna zählt bestimmt vier Messer (davon sind zwei ganz sicher ihre!), drei Dolche und ein langes Schwert, das aussieht, als wäre es aus einer alten Schneidemaschine (wie heißt das? Kettensäge?) gefertigt. Auf dem Rücken trägt er außerdem ein Gewehr mit einem Lauf, der fast so lang ist wie eines ihre Beine. Seit dem Riss sind Feuerwaffen verboten und Anna kennt diese nur aus heimlichen Erzählungen.

Sie wendet ihren Blick ab. Das Holzscheit hat eine rote Spur auf ihrem rechten Bein hinterlassen. Sie zieht die Beine an und sieht den Mann an, der auf sie hinab starrt. Auf die Brandwunde in ihrem Gesicht? „Gib mir die Messer wieder“, sagt sie trotzig und senkt den Kopf, so dass die Haare in ihr Gesicht fallen. Der Mann starrt weiter.

Anna beißt den Schmerz zurück. Es gelingt ihr schließlich aufzustehen. Sie sieht ihn weiter an, zwischen ihren Haaren hindurch. Er scheint sich an etwas zu erinnern und zieht die beiden Messer aus seinem Gürtel. Anna hält ihm ihre ausgestreckte Hand hin.

Er zögert: „Der Blonde aus dem Dreieck hat die Wahrheit gesagt. Malheim sucht eine der Fantasten. Entflohen vom Branderlass, heißt es. Alle suchen. Das Dekret vom 13. September hat die Leute verrückt gemacht. Gierig.“

Anna lässt die Hand sinken. Welches Dekret? Wovon redet er? Gibt es eine Belohnung für ihre Ergreifung? Natürlich, denkt sie. Niemand ist jemals aus den Feuern gekommen. Niemand darf aus den Feuern kommen. Dafür würde die Hohe Ermittlung schon sorgen. Und da wird ihr klar, warum der Mann ihr im Dreieck geholfen hat. Nicht, um ihr zu helfen, sondern, um die Belohnung für sich zu haben.

„Auferstanden aus dem Feuer, heißt es in den Straßen“, sagt er.

Sie bleibt stumm. Vielleicht hat sie eine Chance. Wenn sie nur schnell genug ist. Das Holzscheit liegt in greifbarer Nähe. Es glimmt noch. Ein Schlag über sein Gesicht – am besten in seine Augen und sie könnte fliehen.

„Es ist unmöglich. Aus dem Feuer. Dein Gesicht –“