Die Glücksbringerin - Maia Franke - E-Book

Die Glücksbringerin E-Book

Maia Franke

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Beschreibung

Nichts ist für immer verloren! Vermisst wirklich niemand all die verlorenen Gegenstände, die sich im Fundbüro ansammeln? Emma kann es nicht glauben. Als ihr Chef sie damit beauftragt, den angeblich wertlosen Kram zu entsorgen, nimmt sie die liebgewonnenen Schätze heimlich mit nach Hause und macht sich auf die Suche nach den Menschen, denen sie einst gehörten. Schnell merkt sie, dass hinter jedem Gegenstand eine Geschichte steckt und dass sie nicht nur die Fundsachen, sondern immer auch all das zurückbringt, was die Besitzer einst verloren haben – Erinnerungen, Träume und manchmal sogar die Hoffnung auf Glück. »Die Glücksbringerin« ist ein warmherziges Wohlfühlbuch über liebgewonnene Fundsachen, die Kraft der kleinen guten Tat und darüber, dass es für das Wiederfinden des Glücks nie zu spät ist.

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für alle besten Freunde, die uns im Leben begleiten,

–- und jene, die mehr sind als das.

© Piper Verlag GmbH, München 2022

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: u1 berlin/Patrizia Di Stefano

Covermotiv: Patrizia Di Stefano unter Verwendung mehrerer Bildmotive von Shutterstock (Alenarbuz; AkvarellDesign; Val_Iva)

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

1

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Epilog

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Anmerkungen/Dank

Verwendete Songzitate:

Verwendete Textzeile/Gedichtzitat:

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

1

Emma blätterte die Seite um. Schade, nur noch ein Kapitel, dann war der Roman zu Ende. Seufzend ließ sie das Buch in den Schoß sinken, um den Abschied etwas hinauszuzögern.

Sie liebte spannende Geschichten mit starken Heldinnen, die jeder Gefahr trotzten. Aber nach dramatischen Verwicklungen wartete oft nur ein bittersüßer Schluss, kein romantisches Happy End. Der Roman, den Emma gerade las, schien da keine Ausnahme zu sein. Alles wies darauf hin, dass die tapfere Selkie der Liebe abschwor und ins Meer zurückkehrte.

Warum bloß? Konnte sie nicht einfach den Helden küssen, und alles wäre auf magische Weise perfekt?

Emmas Blick verharrte kurz auf dem Umschlag.

Das Cover zeigte einen felsigen Küstenabschnitt: windumtoste Klippen, graublauer Himmel, Schaumkronen auf den Wellen. Im Hintergrund thronte ein malerisches Cottage. Dazu ein paar Möwen und ein einsames irisches Schaf.

Fast glaubte Emma, die Salzluft auf den Lippen zu schmecken. Sie tupfte mit dem Zeigefinger daran und stellte fest, dass sie dringend frisches Lipgloss benötigte.

Ob es anderen Leserinnen ebenso erging? Dass ein Sturm, der lediglich aus Worten bestand, ihre Haut austrocknete und das Haar zerzauste? Oder Kälte ihre Zehen frieren ließ, während sie doch beim Lesen gemütlich im Warmen saßen?

Emma ahnte, dass das eine jener Fragen war, die sie lieber nicht stellen sollte. Für »zu viel Fantasie« war sie schon als Kind gerügt worden.

Aber es war ohnehin niemand da, der über ihre Gedanken den Kopf schütteln konnte. Im städtischen Fundbüro arbeitete sie allein, das Archiv im Rathauskeller war ihr eigenes kleines Reich, und Emma mochte die friedliche Stille, von der sie die meiste Zeit des Tages umgeben war. Während der Arbeitszeit ungestört lesen zu dürfen, fand sie genial.

Genau wie das Mobiliar – am besten gefiel Emma der massive Schrank aus dunklem Holz mit den zahlreichen Schubfächern, der genauso gut in einer Apotheke des 19. Jahrhunderts hätte stehen können. Der Schrank war ebenso wie die alte Vitrine und die Regalreihen vollgestopft mit Fundsachen, doch Emma wusste immer genau, wo alles war. Das lag nicht unbedingt an ihrem Ordnungssystem, sondern mehr an ihrem guten Gedächtnis. Sie hütete Schirme in allen Farben, Dutzende von einzelnen Handschuhen, wollene Schals, Mützen und Schnullerketten, Kuscheltiere und Fußbälle, Uhren und Ohrringe mit kaputten Verschlüssen sowie Schlüssel jeder Form und Größe, manche rostig, manche blitzblank.

Es gab mitunter auch ganz wundersame Fundsachen – zu Emmas Lieblingsstücken gehörte das Kästchen aus Zedernholz, dessen Deckel klemmte und in dem es so geheimnisvoll klackerte, der signierte Gedichtband eines unbekannten Poeten, in dem sie hin und wieder heimlich blätterte, der Damenring mit dem kleinen rosa Schmetterlingsstein oder der Skizzenblock mit Porträtzeichnungen, fast alle unvollendet, die einen Mann mit nachdenklichem Blick zeigten. Sie hatte keine Ahnung, wer der Abgebildete war oder von wem die Skizzen stammten, aber sie fand die Porträts zauberhaft.

Warum vermisste solche Dinge niemand?

Konnten sie wirklich in Vergessenheit geraten sein?

Oder hatte jemand diese persönlichen Kostbarkeiten womöglich nicht mehr zu schätzen gewusst und sie dann absichtlich weggeworfen?

Das schien Emma unvorstellbar. Deshalb behandelte sie all diese außergewöhnlichen Fundstücke mit besonderer Ehrfurcht und gab die Hoffnung nicht auf, dass ihre Besitzer eines Tages erscheinen würden, um sie abzuholen.

Aber die wenigen Besucher, die tagsüber den Weg zu ihr fanden, erkundigten sich eher nach verlorenen Handys oder Autoschlüsseln. Manchmal kamen Kinder, um nach ihren im Bus vergessenen Turnbeuteln mit teuren Sportschuhen, Gameboys oder sonstigem Elektronikspielzeug zu fragen.

Emma freute sich immer, wenn sie das Gesuchte hatte und es aushändigen konnte. Aber viele Dinge zogen dauerhaft in ihre Regale ein, weil nie jemand danach fragte. Solange Emma noch Platz im Fundbüro hatte, kam es ihr nicht in den Sinn, etwas davon wegzuwerfen. Auch die Yuccapalme, die bei einem Umzug am Straßenrand stehen geblieben war, wuchs in der Ecke neben dem Tresen weiter und sorgte für frisches Grün im Raum. Dass Emma gelegentlich mit ihr redete, störte sie kein bisschen. Vielleicht gefiel es ihr sogar.

Menschen, die etwas abgeben wollten, brachten es oft auch nicht direkt zu Emma, sondern hinterließen es oben an der Pforte. Dort saß Emmas deutlich ältere Kollegin Rosemarie, die liebend gern mit jedem und jeder ein Schwätzchen hielt und die Fundsachen, die sie entgegennahm, anschließend mit allen wesentlichen – und noch mehr unwesentlichen – Details zum Fundort und den Personalien des Finders unten bei Emma ablieferte. An ihr war es dann, die Dinge zu archivieren und aufzubewahren.

Heute war der Tag jedoch auffallend ruhig gewesen. Nur einmal war Rosemarie gegen Mittag aufgetaucht – mit einer braunen Aktentasche in der Hand.

»Die wurde am Bahnhof gefunden, Gleis 2. Lehnte am Fahrkartenautomat.«

»Was ist drin?«

»Ein Kreuzworträtselheft und ein Kugelschreiber.«

Emma hatte den Inhalt kurz gesichtet, aber auf Rosemaries Gründlichkeit war Verlass. Kein Hinweis darauf, wem die unscheinbare Tasche gehörte. Es dauerte trotzdem nicht lange, bis Emmas Fantasie ansprang. Was wäre, wenn … ein Testament in der Tasche gewesen wäre, das den Besitzer so in Trauer und Wut versetzt hatte, dass er es noch am Bahnhof zerriss und wegwarf? Oder ein alter Liebesbrief, der für Enttäuschung gesorgt hatte?

Sie würde Zeit brauchen, um sich eine konkrete Geschichte dazu auszudenken, aber erste Ideen sprudelten bereits. Emma dachte sich liebend gern Geschichten aus und tippte ihre Entwürfe abends in den Laptop.

Schreiben faszinierte sie.

Manchmal kam es ihr vor, als hielte sie dabei anfangs ein dickes, verknotetes Knäuel Strickwolle in der Hand, bei dem es den Faden zu finden galt. Hatte sie den Faden geschnappt, konnte sie das Wollknäuel in aller Ruhe entwirren und dann neu aufwickeln. Bei manchen Gegenständen im Fundbüro sah Emma sofort den Faden, bei anderen dauerte es länger, bis ihr eine Geschichte einfiel. Aber sobald sie tippte, versank sie in ihrer eigenen Welt, und seit sie im Fundbüro arbeitete, fiel ihr das Schreiben wunderbar leicht.

Mit dem Zedernholzkästchen hatte es angefangen. Allein, es zu betrachten oder über den Deckel zu streichen, inspirierte Emma. Auch heute noch. Wem hatte es gehört? Was mochte darin verborgen sein? In Emmas Fantasie war es ein Medaillon. Ein Medaillon mit einer vergilbten Fotografie darin – Beweis einer Liebe, die nur im Verborgenen geblüht hatte.

Wann? Wo? Wer waren die Liebenden?

So fing es immer an, und dann tanzten ihre Finger bald über die Tastatur.

Allerdings hielt sie ihre Schreibleidenschaft strikt geheim. Dass sie gern las, wusste jeder. Es war nicht zu übersehen, da sie ständig mit der Nase in einem Buch steckte. Auch am Lesekreis der Bibliothek nahm sie mit Begeisterung teil. Über Bücher konnte sie stundenlang reden.

Darüber, dass sie schrieb, redete Emma nie – seit sie nach dem Schulabschluss mit ihrem Wunsch zu schreiben, kläglich gescheitert war.

»Warum bewirbst du dich nicht einfach beim Bickstädter Tagblatt?«, war der gut gemeinte Vorschlag ihrer Oma gewesen, die das Tagblatt seit Jahren allmorgendlich austrug und den meist noch schlafenden Bickstädtern in die Briefkästen steckte. »Was meinst du? Soll ich mich für dich nach einer Stelle erkundigen?«

Der Chefredakteur der Zeitung hatte Emma tatsächlich ein Volontariat vermittelt, aber der hektische Tagesablauf in der Lokalredaktion hatte sie überfordert. Mit den Themen, über die sie berichten sollte, tat sie sich schwer. Zum Lesenachmittag im Kindergarten fiel ihr ja noch etwas ein, aber zu Autounfällen? Fußballergebnissen? Dem Jahrestreffen der Kaninchenzüchter? Was bitte gab es da zu erzählen?

Noch vor dem vereinbarten Ende des Volontariats hatte sie aufgegeben und die Ausbildung im Rathaus begonnen – zuerst in der allgemeinen Verwaltung, dann im Archivbereich. Hier im Fundbüro, umgeben von verlorenen Dingen und vergessenen Schätzen, fühlte sie sich am wohlsten.

Frei, die zu sein, die sie war.

Ihre Oma, die vor einiger Zeit verstorben war, hatte Emmas Entscheidung nie verstanden.

Rosemarie verstand es bis heute nicht. »Du bist noch so jung und hockst die ganze Zeit im Keller. Warum? Da unten rauscht doch das ganze Leben an dir vorbei! Pass bloß auf, dass du keine Spinnweben ansetzt.«

Emma lächelte nur, wenn sie wieder damit anfing.

An ihr rauschte gar nichts vorbei. Im Gegenteil.

Sie bekam alles viel intensiver mit, wenn sie sich mit den Details der Dinge beschäftigte. Die Fundsachen spiegelten das Leben in all seinen Facetten wider – Glück und Schmerz, Liebe und Verlust. Aber dafür hatte eine Quasselstrippe wie Rosemarie natürlich keinen Blick, sie war im Alltag viel zu abgelenkt.

Apropos abgelenkt. Als Emma in die Kekspackung auf dem Schreibtisch griff, stutzte sie. Leer? Da hatte sie neben ihrer fesselnden Lektüre wohl mehr gegessen als gedacht. Seltsam, dass sie trotzdem Hunger verspürte.

Sie goss den Rest Früchtetee aus der Thermosflasche in den Becher und klappte das Buch auf ihrem Schoß wieder auf. Die kleine Mosaiklampe auf dem Tresen genügte zum Lesen, deshalb verzichtete sie meist darauf, die Leuchtröhre an der Decke einzuschalten. Deren Flackern und Brummen fand sie auf Dauer nervtötend. Da das Fundbüro nur über einen vergitterten Lichtschacht vor dem Fenster verfügte, wurde es höchstens im Sommer einigermaßen hell. An diesem nebligtrüben Märztag brannte die Lampe schon seit Emmas Dienstbeginn, am Morgen waren die Schatten außerhalb des Lichtkreises jedoch nicht so abgrundtief gewesen.

Ein mulmiges Gefühl beschlich Emma. Sie konnte die Ecken des Raums kaum noch erahnen. Wie spät war es eigentlich?

Der blinkende Timer an der Telefonanlage wusste die Antwort: 18:22 Uhr.

»Was?« Mit einem erstickten Laut fuhr sie in die Höhe.

Freitag. Heute war Freitag! Sie hatte seit über drei Stunden Dienstschluss. Alle anderen Rathausmitarbeiter waren sicher längst ins Wochenende gegangen.

Wie hatte sie nur so die Zeit vertrödeln können?

Der Roman war schuld, keine Frage. Die Selkie-Geschichte hatte sie total in den Bann gezogen.

Emma stürzte aus dem Fundbüro – und fand ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Der Archivbereich lag in völliger Dunkelheit. Die massive Stahltür am Ende des Kellerflurs, die sonst tagsüber offen stand, war jetzt geschlossen.

Man hatte sie eingesperrt.

Obwohl sie ahnte, dass es sinnlos war, rannte Emma zur Tür und rüttelte mit aller Kraft an dem Metallknauf.

Vergeblich.

»Hallo?« Sie hämmerte heftig gegen die Tür, die das nicht im Geringsten beeindruckte. »Hallooo?«

Natürlich reagierte niemand auf den Lärm. Wer außer ihr war so verrückt, an einem Freitagabend um diese Zeit noch im Büro zu sitzen?

Sie hämmerte trotzdem weiter, in der Hoffnung, irgendjemand würde durch die lauten, dumpfen Schläge aufmerksam. Erst als ihr die Fäuste wehtaten, gab sie auf. Pech, dass sie nicht im Aufzug, sondern hinter einer Tür festsaß. Keine Aussicht auf Hilfe per Knopfdruck.

Sie musste sich etwas Besseres einfallen lassen.

Natürlich, sie konnte jemanden anrufen! Emma hastete zurück ins Zimmer und wühlte das Handy aus ihrer Handtasche. Hier unten im Keller war der Empfang schlecht, aber mindestens einen Balken bekam sie in der Regel angezeigt.

Heute jedoch leuchtete nicht einmal das Display.

»O nein.« Sie sank auf den Stuhl. »Bitte nicht.«

Doch. Der Akku war leer. Wie viele Male zuvor. Emma vergaß ständig, ihn zu laden. Weil sie keinen Menschen kannte, den sie unbedingt von unterwegs anrufen wollte oder für den sie dringend erreichbar sein musste. Ihre Nachlässigkeit war sonst kein großes Problem. Heute schon.

Emma kippte den Inhalt ihrer Handtasche auf dem Schreibtisch aus. Vielleicht, vielleicht … hatte sie ausnahmsweise das Ladekabel eingesteckt? Nach kurzem vergeblichem Kramen stand fest, dass sie das nicht getan hatte.

In der Schublade mit Fundkabeln fand sich auch keines mit passendem Stecker für ihr Handy.

Blieb noch die Telefonanlage. Die funktionierte nicht nur intern im Rathaus. Aber wen sollte Emma anrufen? Im Handy hatte sie einige Nummern gespeichert, zum Beispiel die von Rosemarie. Auswendig wusste sie keine.

Ob ihr die Auskunft einen Schlüsseldienst vermitteln konnte?

Emma zögerte. Nahm den Hörer ab und legte ihn sofort wieder auf. Das würde teuer werden und ihr neben Ärger sicher auch Spott einbringen. Sie war nicht gerade erpicht darauf, für allgemeine Belustigung zu sorgen. Also was tun?

Die Feuerwehr befreite Menschen. Oder die Polizei. Aber wenn sie die zu Hilfe rief, war das Ergebnis dasselbe. Sie würde Kosten verursachen, Aufsehen erregen, und die Kollegen würden sie mit ihrer Schusseligkeit aufziehen.

Unschlüssig nagte Emma an der Unterlippe.

Vielleicht sollte sie einfach abwarten und das Beste daraus machen? Ihr Buch zu Ende lesen und dann … bestimmt fiel ihr dann etwas Sinnvolles ein.

Eine Nacht im Fundbüro würde sie schon überstehen. Es gab einen Schlafsack hier, neu, mit Etikett, der nach dem Kauf von einem Autodach geweht worden war. Die weiche Babydecke oben im Schrank konnte sie als Kissen benutzen.

Falls am Samstagmorgen eine Trauung im Standesamt stattfand, würde die Tür geöffnet werden, weil die Besuchertoilette im Keller lag. Dann konnte sie hinausschleichen, ohne dass es auffiel. Im Mai fanden jedes Wochenende Hochzeiten statt. Dass erst März war, verringerte ihre Chancen leider ein bisschen.

Oder …? Emma beäugte das Telefon. Sie könnte die Auskunft anrufen und nach Rosemaries Nummer fragen.

Oben an der Pforte hingen Ersatzschlüssel für sämtliche Räume des Rathauses. Auch einer für die verflixte Tür. Vielleicht konnte sie Rosemarie überreden herzukommen, ohne die Sache überall herumzuposaunen. Zwar behielt Rosemarie eigentlich nie etwas für sich, aber einen Versuch war es wert. Die Aussicht, im schlimmsten Fall bis Montagmorgen im Fundbüro festzusitzen, fand Emma doch sehr unerfreulich.

Entschlossen nahm sie den Hörer ab und wartete auf das vertraute Tuten des Freizeichens. Außer Stille und ihrem eigenen Atem hörte sie … nichts.

Sie legte auf und probierte es erneut. Wieder nichts. Emma blinzelte. Auch der dritte Versuch war erfolglos. Sie hatte sich nicht getäuscht, das Telefon gab keinen Mucks von sich. Hatte man die Anlage übers Wochenende abgestellt? Gab es irgendein neu eingeführtes Programm, um Strom zu sparen? Falls ja, warum wusste sie davon nichts?

Draußen vor dem Fenster war es stockdunkel – das Fundbüro lag auf der Rückseite des Rathauses und ging auf den Fluss hinaus. Dort gab es keine Laternen. Mit Spaziergängern war um diese Jahreszeit auf dem abschüssigen Uferpfad nicht zu rechnen. Selbst wenn, wer sollte bemerken, dass im Fundbüro nicht nur versehentlich das Licht brannte?

Nicht einmal das Fenster ließ sich richtig öffnen; sämtliche Riegel im Untergeschoss waren fest montiert. Es gab nur eine schmale, handbreite Klappe zum Lüften. Ebenso einbruchsicher wie ausbruchsicher. Kein Ausweg – und wenn nicht noch ein Wunder geschah, saß sie hier fest.

Unglücklich starrte Emma ins Leere.

Nach einer Weile fing sie langsam an, das ausgebreitete Chaos auf ihrem Schreibtisch zurück in die Handtasche zu stopfen.

Großartig. Ganz großartig.

Sah so aus, als müsste sie sich auf ein langes und einsames Wochenende im Fundbüro einstellen. Die Kekse waren alle und nur noch ein Kapitel zu lesen übrig.

Immerhin hatte sie genug Taschentücher im Vorrat.

2

»What I’ve felt, what I’ve known, turn the pages, turn the stone …«

Gitarrenakkorde brachen in Emmas Traumwelt. Ruckartig fuhr sie hoch. »Autsch!« Ihr Nacken schmerzte von der unbequemen Position, in der sie auf dem Schreibtischstuhl eingenickt war. Aber das war jetzt nicht wichtig.

Wo kam die Musik her?

Hinter dem Rathaus gab es zwei Stellplätze, die kaum jemand nutzte. Vorne war schließlich ein großer Parkplatz.

»Behind the door, should I open it for you?«

Das war ein Witz, oder?

Nein. Da draußen musste jemand sein. Emmas Herzschlag dröhnte im Rhythmus der Gitarren.

»Hallo?« Sie rannte zum Fenster, trommelte wild gegen die Scheibe. »Hilfe! Ich bin hier!«

Angestrengt spähte sie durch den Schacht nach oben. War da nicht gerade noch ein Lichtschein gewesen? Der Scheinwerfer eines Autos? Nun sah sie nichts als spiegelnde Schwärze.

»Hilfe! Hört mich jemand?«

Solange die Musik lief, vermutlich nicht. Der Krach, den die Gitarren machten, war lauter als ihr Klopfen. Wenn sie doch nur das Fenster öffnen könnte!

Verzweifelt sah Emma sich um. Dann hatte sie eine Idee. Sie rannte zum Lichtschalter. Drückte darauf. Wieder und wieder.

An. Aus. An. Aus. An.

Ihr war klar, dass das kein verständlicher Morsecode war. Wie ein simpler Wackelkontakt sah es aber hoffentlich auch nicht aus. Ein Einbrecher würde keine Lichtsignale senden; wer auch immer sich dort draußen befand, musste das doch begreifen, oder?

»Hilfe!«, schrie sie wieder.

Warum reagierte niemand? Vor der hinteren Rathausfassade befand sich lediglich ein schmaler, mit ein paar Büschen bewachsener Grünstreifen. Die waren zu dieser Jahreszeit größtenteils kahl. Wieso gelang es ihr nicht, auf sich aufmerksam zu machen?

»Bitte, bitte, bitte«, murmelte Emma und drückte weiter auf den Lichtschalter. An. Aus. An. Aus … aus?

Die Deckenröhre knackste protestierend. Dann gab sie den Geist auf. Nun brannte nur noch die kleine Mosaiklampe auf dem Tresen.

»O nein.« Emma stürmte zurück ans Fenster.

Schlug da draußen eine Autotür zu? Die Musik war verstummt, aber sie hatte kein Motorengeräusch gehört. Das Auto konnte also nicht davongefahren sein.

Falls da überhaupt ein Auto war. Vielleicht hatte sie sich getäuscht. Vielleicht waren es nur ein paar Jugendliche auf Fahrrädern gewesen, die mit einem Bluetooth-Lautsprecher auf dem Uferweg vorbeigezogen und längst weg waren.

Aber noch war sie nicht bereit, die Hoffnung aufzugeben.

»Hilfe!« Erneut trommelte sie gegen die Scheibe. »Hallo? Ist da jemand?«

»Ja«, antwortete eine Männerstimme.

Emma zuckte zusammen. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie nicht das Geringste erkennen konnte von demjenigen, der sich gerade über den Lichtschacht beugte. Wer auch immer da oben war, sah sie jedoch ganz deutlich. Ihr wurde ein bisschen mulmig.

»Was ist los, gibt’s ein Problem?«, fragte der Unbekannte. Ehe sie antworten konnte, lachte er. Ein raues, aber sympathisches Lachen klang durch die Lüftungsklappe. »Sorry, blöde Frage. Natürlich gibt’s ein Problem, sonst hätten Sie ja nicht um Hilfe gerufen.«

»Ich bin eingesperrt.«

Er rüttelte testweise am Gitter über dem Schacht. Es war nicht nur verrostet, sondern auch fest verschraubt. Das bekam niemand ohne Werkzeug aufgestemmt. Selbst wenn er zu den Männern gehörte, die ständig Werkzeug im Kofferraum herumkutschierten, würde das Emma wenig helfen.

Er begriff es im selben Moment, als sie ihn darauf hinweisen wollte. »Das Fenster lässt sich nicht öffnen, richtig?«

»Nein«, erwiderte sie kläglich.

Somit konnte er sich die Mühe mit dem Gitter sparen. Dass sie die Scheibe einschlug, um sich anschließend durch die Scherben und den engen Schacht von ihm nach oben zerren zu lassen, war keine Lösung. Womöglich wurde dabei nur jemand verletzt. Höchstwahrscheinlich sie.

»Tja, dann … rufe ich am besten die Polizei.«

Emma presste die Lippen zusammen und schwieg.

»Nein?«

»Nein«, murmelte sie. »Besser nicht.«

Er schien zu zögern. Vermutlich wurde ihm gerade klar, dass sie dazu auch allein in der Lage gewesen wäre. Verstanden hatte er ihre leise Antwort durch die Scheibe sicher nicht.

»Was machen Sie überhaupt da drin?«, fragte er.

»Ich … arbeite hier.«

»Im Ernst?«

»Ja.«

»Haben Sie keinen Schlüssel?«

»Doch, aber nicht für die Brandschutztür.«

Sie wünschte, sie könnte ihn sehen. Es würde es leichter machen, mit ihm zu reden. Ihr kurzes Angstgefühl war zwar verflogen, der Mann da draußen wirkte in keiner Weise bedrohlich auf sie. Und trotzdem …

»Warten Sie, ich bin gleich wieder da.«

»Was?«, rief sie entsetzt. Wo wollte er denn hin?

»Ich hole Hilfe!«

Eine rasche Bewegung, so als hätte sein verschwommener Schatten ihr von oben zugewinkt. Dann hörte sie, wie sich seine Schritte entfernten. Sie lauschte, ob er ein Auto anließ, aber alles blieb still. Kein Motorengeräusch, keine Musik.

Emma wartete ein paar Minuten, aber als nichts weiter passierte, ging sie zurück zum Schreibtisch und sank auf ihren Stuhl. Vergrub das Gesicht in den Händen.

Was hatte er vor?

Die Zeit verrann. Der Timer zeigte 23:10 Uhr.

Vielleicht würde er gar nicht wieder auftauchen, sondern sie hier einfach ihrem Schicksal überlassen. Es war Freitagnacht, und der Mann kannte sie überhaupt nicht. Wer wollte es ihm verdenken?

»Bitte«, wisperte Emma. »Bitte komm zurück.«

Eine halbe Ewigkeit war vergangen, als sie das metallische Klicken hörte. Jemand schloss die schwere Stahltür auf und trat in den Flur.

»Emma?«, ertönte die Stimme des Hausmeisters.

»Fred, Gott sei Dank!«

Sie stürmte ihm entgegen und wäre ihm im Überschwang beinahe um den Hals gefallen. Nur seine grimmige Miene hielt sie davon ab. Mit brennenden Wangen ließ sie die Arme sinken. »Vielen Dank, dass du mich gerettet hast.«

»Verdient hast du’s nicht«, grollte er.

»Es tut mir wirklich leid.«

»Lass es dir eine Lehre sei … umpf! He, was soll das?«

»Sorry.« Der Mann, der an Freds Seite aufgetaucht war, hatte ihn reflexartig in die Rippen geboxt. »Benimm dich nicht wie ein Arsch, Freddy. Sie hat es doch nicht mit Absicht getan.«

Emma traute ihren Ohren nicht. Ungläubig blinzelte sie den Unbekannten an. Er war schlanker und deutlich größer als Fred. Die eng anliegende schwarze Lederjacke, die er trug, betonte seine Schultern. Das dunkle Haar fiel ihm tief in die Stirn, an der linken Augenbraue blitzte eine kleine sichelförmige Narbe darunter hervor.

»Hi«, sagte er.

»Hallo.« Er musste etliche Jahre jünger sein als Fred, sie schätzte ihn auf etwa dreißig. Im dämmrigen Grün der Notbeleuchtung ließ sich das nicht genauer bestimmen. Obwohl er lächelte, wirkte der Ausdruck auf seinem blassen Gesicht seltsam verhalten. So, als wäre er lieber woanders. Ganz weit weg.

»Was für ein Zufall, dass ihr euch kennt«, platzte sie heraus.

»Ja, leider«, knurrte Fred. Jetzt erst fiel Emma auf, dass er unter der offenen Lammfelljacke nur ein Unterhemd trug. Außerdem roch er nach Bier. »Wegen deiner Schusseligkeit verpasse ich das Elfmeterschießen. Du schuldest mir also was. Und du auch, Dominik!«

So hieß ihr Retter also.

»Hol endlich deine Sachen!«

Emma stürzte zurück ins Fundbüro, um ihren Mantel und die Umhängetasche zu holen. Fred neigte auch an normalen Tagen zu Unfreundlichkeit, es brachte nur Scherereien, ihn gegen sich aufzubringen. Nervös fuhr sie sich durchs Haar, ehe sie die Mosaiklampe ausschaltete. Dass sie die Leuchtröhre an der Decke kaputt gemacht hatte, erzählte sie dem Hausmeister besser erst nächste Woche.

»Hast du alles? Auch deinen Hausschlüssel?« Fred konnte es nicht lassen.

Unter seinem bohrenden Blick begann Emma hektisch zu kramen. Sie liebte ihre Tasche, die so bunt wie ein Regenbogen war. Das Buch steckte darin, die Thermosflasche und tausenderlei Krimskrams.

»Hab ihn!« Erleichtert hielt sie den Schlüssel in die Höhe. Daran baumelte ein Miniflamingo.

Über Dominiks Gesicht zuckte ein Grinsen. »Ich hätte auf ein Einhorn getippt.«

»Was?«, fragte sie unsicher.

»Nichts. Das heißt, doch. Hast du vielleicht einen Kaugummi in deinem Gepäck?«

»Kaugummi? Nein, aber …« Sie kramte erneut und bot ihm ein weißes Röllchen an. »Pfefferminz?«

»Passt auch. Danke.« Er schob sich eines in den Mund.

»Wären die Herrschaften dann so weit?« Fred wandte sich um und stapfte den Gang hinunter. »Gehen wir.«

Gleich darauf standen sie draußen vor dem Rathausportal. Hinter ihnen erhob sich das mächtige alte Gebäude mit den vielen Türmchen und Erkern. Die Turmuhr schlug zweimal.

»Halb zwölf«, wisperte Emma. »Um die Zeit bin ich noch nie hier gewesen.« Sie deutete auf die Stufen der Freitreppe, die im Mondlicht schimmerten. »Sieht zauberhaft aus, findet ihr nicht? Wie im Märchen.«

»Dann hoffe ich, du hast eine Kutsche bestellt, die dich nach Hause bringt. Sonst muss sich wohl der Prinz erbarmen.« Fred knallte die Türflügel zu. »Gute Nacht, Prinzessin!«

Emma starrte ihm nach, wie er die Treppe hinunterstapfte. Die Schritte des grantigen Hausmeisters hallten durch die Nacht. Zügig überquerte er den Rathausplatz und verschwand in einer Gasse.

»Tja, mich kann er nicht gemeint haben.« Dominik schob die Hände in die Taschen seiner Jeans. »Ich bin kein Prinz.«

»Keine Sorge, ich finde den Weg schon allein.« Emma schlang fröstelnd den Schal um ihren Hals.

»Steht dein Auto in der Nähe?«

»Mein …? Oh, ich habe keins. Ich gehe immer zu Fuß. Durch den Park.«

»Durch den Park?«

Emma nickte. »Ja, ich wohne auf der anderen Seite.« Sie blickte zu den Bäumen hinüber, die düster und unheimlich wirkten, und zog unbehaglich die Schultern hoch. »Es ist nicht weit.«

»Quatsch! Wenn das so ist, bringe ich dich natürlich nach Hause.« Dominik klang schroff. »Komm mit, mein Wagen steht hinten am Fluss.«

»Nur wenn es keine Umstände macht …?«

»Macht es nicht.« Er lief bereits die Treppe hinunter, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.

Emma zögerte nicht lange, sondern eilte ihm nach. Er hatte nicht so geklungen, als ob er sein Angebot wiederholt hätte, und sie war tatsächlich nicht erpicht darauf, um diese Zeit allein durch den Park zu gehen.

Von Mutproben hatte sie in dieser Nacht genug.

Auf dem Stellplatz hinter dem Rathaus stand Dominiks Passat dicht vor der Mauer, hinter der das Flussufer steil abfiel. Feine Nebelschwaden hingen in der feuchten Luft. Die Zweige einer Trauerweide streiften das Autodach wie Geisterfinger. Emma fand die Szenerie gespenstisch, fast noch unheimlicher als den düsteren Park. Sie war froh, dass sie nicht allein war. Das Taxischild bemerkte sie erst, als sie unmittelbar vor dem Wagen angelangt waren.

»Du fährst Taxi?«

»Ja.«

Unzählige Fragen sausten durch ihren Kopf. Zumindest die naheliegendste wagte sie zu stellen. »Was hast du vorhin hier hinten gemacht? Ich meine, hinter dem Rathaus steigt doch um diese Zeit niemand ein oder aus?«

»Pause.« Er zog eine Schachtel Players und ein silbernes Zippo aus der Tasche seiner Lederjacke. »Sonst kann ich nirgends in Ruhe rauchen. Ich komme her, wenn ich nicht angequatscht werden will. Möchtest du eine?«

Sie lehnte höflich ab.

Dominik ließ das Feuerzeug aufschnappen, zündete eine Zigarette an und sog den Rauch tief ein. Als er bemerkte, dass Emma frierend von einem Bein aufs andere trat, öffnete er ihr die Beifahrertür.

Dankbar schlüpfte sie auf den Sitz. Im Wagen roch es eher neutral, kaum nach Rauch oder Parfüm. Emma wunderte sich, bis sie merkte, dass das Ding, das an Dominiks Rückspiegel schaukelte, gar kein Wunderbaum, sondern ein Traumfänger war. Ein Glück. Von Wunderbäumen wurde ihr übel.

Dominik trat seine Zigarette aus und schob sich neben Emma auf den Fahrersitz. »Eines habe ich übrigens nicht kapiert«, sagte er. »Warum hast du keinen Schlüssel für die Stahltür, wenn du doch dort unten im Keller arbeitest?«

»Weil es nur zwei Schlüssel gibt.« Sie seufzte. »Die Tür wurde vor Ewigkeiten aus Brandschutzgründen eingebaut. Im Archiv lagern einige ziemlich wertvolle Dinge, historische Dokumente, Register und so was. Tagsüber ist die Tür immer offen. Sie wird nur nachts und am Wochenende abgeschlossen. Wegen der Versicherung. Der Hauptschlüssel hängt oben an der Rathauspforte, den zweiten hat der Hausmeister.«

»Also hat Freddy dich versehentlich eingesperrt?«

»Möglich, ja.« Vielleicht hatte Fred sich deswegen sofort aus seinem Fernsehsessel bequemt, weil er es heute Abend versäumt hatte, sämtliche Räume zu kontrollieren, bevor er abschloss. Das gehörte eigentlich zu seinen Pflichten. »Aber es war meine Schuld, ich hab den Feierabend verpasst.«

Allerdings konnte sie schlecht erklären, was an ihrer Arbeit im Fundbüro derart spannend war.

Dominik schien es auch nicht wissen zu wollen. Er steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn um, und sofort donnerte Gitarrengewitter aus den Boxen. Der Lärm fegte Emma fast vom Sitz. Sie krallte sich an ihrer Tasche fest, obwohl sie sich noch lieber die Ohren zugehalten hätte.

Dominik griff nach dem Knopf und schaltete das Radio ab. So grob, dass der Regler knackte.

»Etwas leiser hätte genügt«, sagte Emma tapfer. »Deine Musik stört mich nicht. Nur der Musik habe ich es zu verdanken, dass ich dich überhaupt bemerkt habe. Sonst wäre mir deine Anwesenheit entgangen.« Scheu lächelte sie ihn an. »Was war das, das da vorhin lief?«

»Nichts.«

Verwirrt neigte sie den Kopf. »Nichts?«

»Nichts von Bedeutung.« Die Züge um seinen Mund verhärteten sich. »Nur ein alter Song von Metallica.«

Er setzte den Wagen zurück. Die Reifen rutschten auf dem nassen Laub, das seit letztem Herbst niemand weggeräumt hatte. »Also, wohin?«

Sie nannte ihm die Adresse und wollte schon zu einer Erklärung ansetzen, wie er am besten durch das Gewirr an Quersträßchen dorthin kam, als er sie unterbrach.

»Ich weiß, wo das ist. Glaub mir, ich kenne jede verdammte Ecke in diesem Kaff.«

»Fährst du schon lange Taxi?«

»Eine Weile.«

Sie beobachtete ihn verstohlen aus dem Augenwinkel, während er an dem großen Papiercontainer vorbei um die Rathausecke lenkte. Dominik war wirklich erschreckend blass. Es passte nicht zum Rest seiner Erscheinung. Er wirkte auf sie robust und tough. Jemand, den so schnell nichts umwarf. Vielleicht fehlte ihm Schlaf? »Fährst du oft nachts?«

»Jeden Freitag. Manchmal auch am Wochenende.«

»Du siehst müde aus.« Erschöpft traf es sogar noch besser. Doch er winkte ab.

»Schlafen wird überbewertet.«

Emma fand es schwierig, sich mit ihm zu unterhalten. Sie hätte gern mehr über ihn erfahren, aber er ließ einfach kein Gespräch zu.

Woher er den kleinen Traumfänger hatte, wollte er ihr auch nicht verraten. Stattdessen riss er ihn mit einem Ruck vom Rückspiegel ab. »Behalt ihn, wenn er dir gefällt.«

»Aber …?«

»Ich schenk ihn dir. Mir ist er nicht wichtig.«

Warum hatte Dominik ihn dann an den Spiegel gehängt, wenn er gar nicht an seine Wirkung glaubte?

Ihr nächtlicher Retter gab Emma Rätsel auf. So hilfsbereit und nett er sich zuvor gezeigt hatte, so abweisend wirkte er jetzt. Als könne er es gar nicht erwarten, dass sie aus seinem Taxi stieg. Dass er sie endlich loswurde.

Wenig später erreichten sie ihr Ziel.

Dominik bremste scharf und hielt direkt vor Emmas Haustür. Immerhin lächelte er jetzt wieder. »Gute Nacht, Emma.«

»Danke für alles«, sagte sie und durchwühlte die Tasche nach ihrem Portemonnaie. Hoffentlich hatte sie genug Geld eingesteckt.

»Schon gut.« Er beugte sich geschickt über sie hinweg und stieß ihre Tür auf. »Das Taxameter ist aus. Für die paar Meter Fahrt musst du mir nichts bezahlen.«

»Oh, dann … nochmals vielen Dank.«

Sie verhedderte sich erst im Gurt und stolperte dann beim Aussteigen prompt über die Bordsteinkante. Glühend vor Verlegenheit wandte sie sich um.

»Gute Nacht!«

Doch Dominik hatte die Taxitür bereits zugezogen und fuhr davon, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Emma sah ihm nach, bis die Rücklichter am Ende der Straße um die Ecke verschwanden. Fast kam es ihr vor, als hätte sie das Ganze nur geträumt.

Bis sie den kleinen Traumfänger wahrnahm, der sich in ihre Handfläche schmiegte. Ohne jeden Zweifel war er real.

Folglich musste Dominik es auch sein.

3

Der Dienstag war sonnig warm, und Emma saß während der Mittagspause mit Rosemarie im Innenhof des Rathauses. Die Holzbank unter der Schatten spendenden Pergola, über die sich im Sommer wilder Wein rankte, war ein herrlicher Ort zum Lesen und Träumen.

Heute konnte Emma sich allerdings weder ihrem Roman widmen noch ihren gewöhnlichen Tagträumen. Seit jener Nacht spukte ihr der Taxifahrer im Kopf herum. Sie hatte Fred gelöchert, woher er ihn kannte – vielleicht von dem Sicherheitsdienst, wo der Hausmeister früher gearbeitet hatte?

»Nee, wir trainieren nur manchmal zusammen im Fitnessstudio. Hat sich zufällig so ergeben.« Fred hatte sie misstrauisch gemustert, während er im Fundbüro auf der Leiter stand, um die kaputte Leuchtröhre an der Decke zu reparieren. »Warum interessiert dich das?«

Emma hatte sich die Antwort verkniffen. Sie haderte damit, dass sie Dominik nicht einfach zum Essen eingeladen hatte, wenn er schon kein Geld von ihr hatte annehmen wollen. Wie dumm, dass ihr so etwas immer erst im Nachhinein einfiel.

Bevor ihre Gedanken weiter abdrifteten, zerrte Rosemarie sie zurück in die Wirklichkeit. Emmas ältere Kollegin platzte fast vor Empörung.

»Ehrenamtlich«, schnaubte sie und spuckte das Wort aus, als sei es eine Beschimpfung. »Ehrenamtlich, hat der neue Chef gesagt. Der kann mir mal ehrenamtlich den Buckel runterrutschen! Was glaubt der, wer er ist? Der hat doch nicht mehr alle Latten am Zaun, wie mein Enkel sagt. So ein Schnösel!«

»Worum geht’s?«, fragte Emma verwirrt.

»Na, um den Neuen! Hast du vergessen, dass Herr Friedrich in Pension geht?«

»Natürlich nicht.«

Oder vielleicht doch. Mit dem Rathauschef hatte Emma wenig zu tun, sie konnte sich kaum erinnern, wann sie ihm zuletzt über den Weg gelaufen war. Neulich hatte die Standesbeamtin Geld für ein Abschiedsgeschenk eingesammelt, aber Emma hatte vergessen, wann es überreicht werden sollte.

»Der Neue ist viel jünger.« Auf Rosemaries Stirn bildete sich eine steile Falte. »Einen schlechteren Aprilscherz kannst du dir nicht ausdenken! Der Kerl sieht aus wie ein Banker, redet wie ein Banker und benimmt sich wie ein Banker. Mich will er rausschmeißen.«

»Was?« Emma verschluckte sich an ihrem Käsebrötchen. Hustend hielt sie sich die Hand vor den Mund. Einige Krümel fielen herab, zur Freude einer Taube, die eilig angetrippelt kam. »Aber das kann er doch nicht machen?«

»Kann er wohl«, entgegnete Rosemarie erzürnt. »Weil ich in Frührente bin. Mit den Stunden hier hab ich mir nur was dazuverdient. Die will er jetzt streichen. Herr Friedrich habe aus Gefälligkeit ein Auge zugedrückt, aber er sehe da keinen Bedarf. Allenfalls ehrenamtlich sei meine Tätigkeit vorstellbar.«

»Oh.« Emma wusste nicht, was sie sagen sollte.

»Kein Bedarf! An mir! Der weiß doch gar nicht, was ich alles mache. Ich sitz nicht bloß an der Pforte! Ich kümmere mich um die Verteilung der Post, ich erklär den Leuten, wo sie hinmüssen, beantworte alle Fragen, nehme deine Fundsachen an und … ach, zum Teufel mit dem Schnösel!«

Rosemarie warf der Taube den Rest ihres Butterhörnchens hin. Offenbar war ihr der Appetit vergangen. Mit finsterer Miene starrte sie auf den Boden, wo kleine Sonnenflecken flirrende Lichtpunkte auf die Pflastersteine malten. »Ehrenamtlich kann er vergessen«, sagte sie dann. »Ich lass mir doch von dem nicht mein Geld wegnehmen.«

Emma versuchte, sich die Pforte ohne Rosemarie vorzustellen, aber es gelang ihr nicht. Sie war immer da gewesen, sommers wie winters, und wenn samstagvormittags im Standesamt eine Hochzeit stattfand, kam sie sogar am Wochenende. Rosemarie gehörte zum Inventar.

Emma wurde es eng in der Brust. Von einem neuen Rathauschef, der als Erstes Rosemaries Stelle einsparte, war wenig Gutes zu erwarten. »Vielleicht hast du ihn nur falsch verstanden?«, meinte sie hoffnungsvoll.

»Ich habe den feinen Herrn sehr gut verstanden. Er hat sich kein bisschen missverständlich ausgedrückt.«

»Aber …«

»Kein Aber«, schimpfte Rosemarie.

Emma schwieg und knibbelte an ihrem Rocksaum, an dem sich ein Faden gelöst hatte. Sie zupfte ihn ab. Ein Marienkäfer landete neben ihrem Knie auf der Holzbank. Sie zählte die schwarzen Punkte auf seinem roten Rücken. Sieben. Eine Glückszahl. Vielleicht kam alles doch weniger schlimm als befürchtet.

»Mach dir keine Sorgen.«

»Wenn’s um den neuen Chef geht, kannst du dir gar nicht früh genug Sorgen machen!« Rosemarie blickte auf ihre Armbanduhr und erhob sich. »Wart’s nur ab«, prophezeite sie Emma. »An dem Kerl und seinen Modernisierungsideen wird hier keiner Freude haben. Vor dem kannst du dich auch in deinem Keller nicht verstecken. Am besten meldest du dich gleich morgen beim Arbeitsamt, dann kann dir egal sein, was dem Schnösel so alles einfällt. Das hab ich auch der Sekretärin von Herrn Friedrich geraten. Die Ärmste hat den Neuen ja bald direkt vor der Nase sitzen.«

Rosemaries Warnung summte den ganzen Nachmittag durch Emmas Kopf wie das Geräusch einer penetranten Fliege.

Sogar Lesen war unmöglich.

Minutenlang starrte sie auf dieselbe Seite ihres Romans, ohne den Sinn richtig wahrzunehmen.

Als es klopfte und ein etwa zehnjähriges Mädchen durch die Tür spähte, war Emma äußerst dankbar für die Ablenkung.

»Kann ich bei Ihnen eine Geldbörse abgeben?«

»Klar, wenn du sie gefunden hast.« Sie lächelte. »Hier ist das Fundbüro. Komm rein.«

Das Mädchen streckte ihr eine Herrenbrieftasche hin. Das schwarze Leder war deutlich abgewetzt und zeigte Spuren eines Autoreifens.

»Der Paketbote hat sie verloren, als er in den Lieferwagen gestiegen ist. Sie ist ihm aus der Tasche gerutscht. Und dann ist er auch noch drübergefahren!«

Emma nahm ihr die Brieftasche ab. »Hast du nachgesehen, was drin ist?«

Das Mädchen wurde rot. »Ähm … ist das verboten?«

»Nein. Ist es nicht.« Emma schmunzelte.

Die Kleine legte den Kopf schräg. Vielleicht grübelte sie, ob Emma die Wahrheit sagte. »Ja«, gab sie dann zu. »Ich hab reingesehen. Es ist Geld drin und ein Einkaufswagenchip und viele Karten und …«

»Ein Ausweis«, verkündete Emma, zog ihn heraus und hielt ihn ans Licht. »Prima, dann wissen wir, wer der Besitzer ist, und sobald er seine Brieftasche abholt, bekommst du einen Finderlohn.«

»Echt?« Sie riss erfreut die Augen auf.

»Natürlich.« Emma nickte. »Das ist so vorgesehen. Es steht im Gesetz.«

»Es gibt ein Gesetz über verlorene Geldbörsen?«

»Nicht direkt. Aber …« Sie unterbrach sich, weil sie ahnte, dass die Kleine sich für den Wortlaut eines Paragrafen aus dem BGB nicht interessieren würde. »Pass auf, wir notieren jetzt deinen Namen und wo du die Brieftasche gefunden hast, und ich kümmere mich darum, dass der Mann sie zurückerhält. Du kommst in ein paar Tagen wieder vorbei und holst dir bei mir den Finderlohn ab. Einverstanden?«

Es würden höchstens fünf Euro herausspringen, viel Bargeld war nicht in dem Portemonnaie, und Paketboten verdienten in der Regel nicht allzu üppig. Andererseits war der Besitzer sicherlich froh, seinen Ausweis, die Bankkarte und den Rest nicht neu beschaffen zu müssen. Das hätte ihm sonst einiges an Kosten verursacht.

Emma füllte rasch das einseitige Formular aus und ließ das Mädchen unterschreiben. Natalie hieß sie.

Emmas Blick fiel wieder auf den Ausweis – lag die Adresse nicht fast auf ihrem Heimweg? –, und spontan hatte sie eine bessere Idee. »Weißt du was, wir regeln das gleich mit dem Finderlohn. Dann musst du nicht extra noch mal herkommen.«

Sie kramte in ihrer Handtasche und fand zum Glück fünf Euro in Münzen, die sie Natalie reichte.

»Danke!« Das Mädchen strahlte.

»Magst du auch ein Toffee?« Emma deutete auf das Glas auf ihrem Schreibtisch.

Außer ihr bediente sich selten jemand daraus, aber sie fand, das Bonbonglas war eine hübsche Dekoration, und leer sah es irgendwie … unnütz aus. Deshalb füllte sie es im Frühling und Herbst mit Karamelltoffees, im Sommer mit Brausebonbons und im Winter mit Schokoladenkugeln.

»Nein, lieber nicht.« Natalie ließ ihre Zahnspange blitzen und schob das Geld in die Hosentasche. »Tschüss!« Schon war sie winkend zur Tür hinaus.

»Tschüss«, rief Emma ihr hinterher.

Wenig später platzte noch eine Dame mit Hut herein, die auf dem Edeka-Parkplatz ein Armband gefunden hatte. »Sehen Sie, da sind Brillanten dran! Oder denken Sie, die Verzierungen sind bloß aus Plastik?«

»Hm, ich weiß nicht.« Emma nahm das Armband entgegen, das tatsächlich eher wie ein billiges Werbegeschenk statt wie ein wertvolles Schmuckstück wirkte.

»Ich wollte eigentlich zu Rosemarie.« Die Dame musterte sie skeptisch. »Rosemarie hätte mir bestimmt sagen können, ob das echte Edelsteine sind oder nicht.«

Emma seufzte innerlich. Ja, vielleicht hätte Rosemarie sogar gewusst, wem das Armband gehörte. Weil sie ständig alles wusste. Und wenn nicht, dann tat sie so, als ob. Ein Trick, den Emma nicht sonderlich gut beherrschte.

»Ungewöhnlich, dass Rosemarie so früh Feierabend macht. Ist sie krank?«

»Nein, sie …«

»Oben hängt jedenfalls ein Schild: Pforte nicht besetzt. Das hing da sonst nie, wenn ich vorbeigekommen bin.«

Emma erwähnte lieber nicht, dass das Schild vielleicht bald dauerhaft dort hängen würde.

Ende der Leseprobe