Die Glücksfeen - Richard Bargel - E-Book

Die Glücksfeen E-Book

Richard Bargel

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Beschreibung

Wer Überraschendes, Skurriles, Hintersinniges, gepaart mit Humor und etwas Boshaftigkeit, mag, der ist bei den Kurzgeschichten und Gedichten von Richard Bargel bestens aufgehoben. Der bekannte Musiker und Schauspieler erweist sich als erlesener Geschichtenerzähler: ein Aktmodell verfällt dem nackten Wahnsinn, eine blinde lahme Taube outet sich als Selbstmordattentäter und Stiletto-Absätze führen nicht nur zu reißenden Absätzen in einem Schuhgeschäft, sondern auch zu einem teuflischen Mord! Absurd? Natürlich! Und doch mit so viel Hintersinn und feiner Ironie gespickt, dass dem Leser schnell klar wird: Nichts ist absurder, als die Realität in der wir leben.

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Seitenzahl: 223

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Für Mojo

Mein Dank für Beratung und Beistand geht an meine Frau Joëlle, an Werner Meyer & Petra Münchrath von Meyer Records, Gaby Falk und Hans-Joachim Schneider

Inhalt

Vorwort

Der nackte Wahnsinn

Absatzkrise

Das Rentier

Moralloses Gesindel

Der schiefe Turm von Köln

Das Ruhekissen

Sonntag

Riff-Raff

Norfried

Das Hungertuch

Wahre Liebe

Brühler Landstraße

Muse, Muse, Pampelmuse

Der Weiße, der wie ein Schwarzer singt

Philosophische Abendgedanken im Bett

Das Loch im Glück

Hotelgeschichten eines Zimmermännchens

Bock le Münd de Cologne

Sonntag 11.11.2007

Spieglein, Spieglein

Beethoven

Es rauscht nur noch der Wind

Pass op!

Die Wolfsbraut

Linie 16

Der alte Sack

Wir haben wieder Angst vor den Russen

Schreckgestalten

Zeitenwandel

Die Glücksfeen

Gerüchteküche

Hoffnung

Der alte Narr

Über Versagensängste beim Rollentausch

Der Heimtrainer

Im 5 Sterne Hotel

Billigflieger

Gestern Bagdad, heute Beirut, morgen Gaza und übermorgen wieder Bagdad

Die Schleimspur

Blaupause eines Kleinstadt-Casanovas

Kumm, loss mer fiere

Der Teufel soll dich holen!

Der Geisterzug

Zungenbrecher

Die Lust am Verlust

Die nächste Geschichte

Eine kleine kurze Kurzgeschichte

zum Schluss

Vorwort

Wenn Gott, oder wer auch immer dafür zuständig ist, mich mit nur einer Begabung ausgestattet hätte, wäre mein Leben viel einfacher. Ich würde den ganzen lieben langen Tag auf meiner Gitarre herumklimpern, neue Lieder komponieren, in Proberäumen und Aufnahmestudios meine Zeit verbringen, auf Tourneen meine Konzerte spielen und mit anderen Musikern über nichts anderes als die Musik, über Gitarren und Verstärker und andere Musiker reden - oder lästern.

Dies wäre zwar ein recht einseitiges, aber dennoch überschaubares Leben. Sich auf nur eine Karriere zu konzentrieren, brächte den Vorteil, meine Zeit ungeteilt in diese investieren zu können. Die Chancen auf Erfolg wären damit erheblich größer, weil ich dann auch jede am Schopfe packen und tüchtig schütteln könnte.

Aber nein, stattdessen hat Gott, oder wer auch immer dafür zuständig ist, mich mit multiplen Talenten ausgestattet, was das Leben natürlich nicht einfacher, sondern komplizierter, anstrengender, dafür aber auch verrückter und wesentlich aufregender macht.

Das Dumme dabei ist, dass ich auch noch einen Riesenspaß dabei empfinde, mich in weiteren Künsten zu üben und jede neue Herausforderung annehme, nur um die Grenzen meiner kreativen und künstlerischen Fähigkeiten auszuloten. Allein nur Musik zu machen, will mich einfach nicht ausfüllen. Und so kleben mir gleich drei Karrieren am Bein, zwischen denen ich mich gezwungen sehe, hin und her zu hoppeln, wie ein brünstiger Keiler, der seine drei Bachen in steter Regelmäßigkeit zu begatten hat: die des Musikers, die des Schauspielers und letztendlich die des Autors. Im Neudeutschdenglischen-Jargon könnte man meine Tätigkeit auch als ›Art-Hopping‹ bezeichnen.

Doch da der Tag nur vierundzwanzig Stunden hat, bleibt mir, selbst wenn ich des Nachts auf so manches Stündlein Schlaf verzichte, für jede der drei Karrieren stets zu wenig Zeit.

Es würde mir sehr viel leichter fallen, zwei dieser Karrieren an den Nagel zu hängen, wenn da nicht der Umstand wäre, dass ich in jeder Disziplin Bestätigung durch ein mir wohlgefälliges Publikum finde und dadurch jede der drei Karrieren recht erfolgversprechend erscheinen.

Das verführt den eitlen Geist dann dazu, sich weiter dreigleisig zu bewegen, auch wenn dabei aus Zeitnot wichtige Weichenstellungen verpasst werden und keine der drei Karrieren somit richtig in Schwung kommen will.

Beinahe wären es vier Karrieren gewesen. Gott sei Dank habe ich die des bildenden Künstlers nicht weiterverfolgt.

Ende der 60er Jahre sah ich mich als Maler, Grafiker, Zeichner und Happening-Künstler, der mit seinen Aktionen die Bourgeoisie zu erschrecken und zu schockieren gedachte. Doch dann erwies sich die Musiker-Karriere als erfolgversprechender und von der Künstlerkarriere blieb in den darauffolgenden Jahren nicht mehr viel übrig, außer vereinzelten Auftragsarbeiten für Zeichnungen und grafische Arbeiten, die mit Einzug des digitalen Zeitalters aufhörten bei mir einzutrudeln, da ich, stur wie ich bin, darauf beharrte, weiter mit der Hand auf Papier zu zeichnen und nicht mit der Maus in der Hand auf dem Computerbildschirm.

Meine Karriere als Autor startete recht spät. Erst um die letzte Jahrhundertwende begann ich, motiviert durch den Zuspruch einiger Personen, die meine ersten zaghaften lyrischen Werke gelesen und für brauchbar befunden hatten, mich ernsthafter mit der Schriftstellerei zu befassen.

Und siehe da, auch hier schlug plötzlich der Spaß-Faktor zu. Ich fand ein ungemeines Vergnügen an der Spielerei mit Worten und dem Erfinden ausgeklügelter Versreime. Dabei kam mir wohl meine schon in jungen Jahren entdeckte Vorliebe für Autoren wie Wilhelm Busch, Christian Morgenstern, Erich Kästner, Eugen Roth zu Hilfe, deren Gedichte und Balladen mich ungemein beeindruckt hatten.

Ich muss viel von der damaligen Lektüre verinnerlicht haben, denn zu dichten und Verse zu schmieden fällt mir leicht und alles was leicht fällt, macht natürlich um so mehr Spaß. Wie den genannten Autoren meiner Jugend, gefällt es auch mir der bitteren Wahrheit mit Humor, leiser Ironie, einem Quäntchen Sarkasmus und etwas Boshaftigkeit schriftstellerisch zu Leibe zu rücken.

Mein Hang zum Surrealen, zum Skurrilen, entwickelte sich ebenfalls schon in früher Kindheit, denn meine favorisierten Maler waren Dali, Ernst Busch, Max Ernst, Rene Magritte, aber auch Maler wie George Grosz und Otto Dix.

Nach den ersten lyrischen Gehversuchen, die in einer Buchveröffentlichung mit dem Titel ›Ein Werwolf hockt im Kreidekreis, heult leise blaue Lieder‹ (Schardt Verlag, Oldenburg 2004) gipfelten, war der Schritt zur Prosa nicht weit. Ich begann, wie fast jeder Autorennovize, mit Kurzgeschichten und wagte mich schließlich an einen Roman heran (Arbeitstitel: ›Erlkönigs Kinder‹), der aber immer noch, mittlerweile fast 500 Din A 4-Seiten stark, in der Schublade liegt und dort aus Zeitmangel schon so lange liegt, dass ich mich heute gezwungen sähe, ihn völlig umzuschreiben.

Seit Kurzem liegt neben diesem Roman, ein zweiter, auch schon über 200 Din A4-Seiten starker Roman (Arbeitstitel: ›Das dreizehnte Gebot‹), der als Autobiographie, verpackt in eine fiktive Geschichte, zu Ende gebracht werden will, wenn ich denn (siehe die drei Karrieren) endlich einmal die Zeit und die Muße hätte, mich für ein Jahr aus dem Geschäftsleben zurückzuziehen, um auf einem einsamen Landhof in den Cevennen Südfrankreichs die zwei Mammutwerke zur Vollendung zu führen. Der Landhof oder das Landhaus darf natürlich auch in der Toskana oder auf einer kleinen Südseeinsel liegen, ich bin da nicht so wählerisch.

Doch da dies vorerst ein Traum bleibt, bleibe ich bei meinen Versen und den Kurzgeschichten. Zwischen meinen Musik- und Schauspieleraktivitäten finde ich immer wieder kleine Zeitfenster in denen ich sie zu Papier bringen kann.

So stellt dieses Buch eine bunt zusammen gewürfelte Sammlung an Kurzgeschichten und Gedichten dar, die in den Jahren 2003 bis 2015 entstanden sind. Jahre, in denen der brünstige Keiler besonders viel hin und her hoppeln musste, um es seinen drei Bachen - Musik, Schauspiel und Literatur - gerecht und recht zu machen. Deshalb erhebe ich mit diesem Buch auch keinen Anspruch auf hohe literarische Anerkennung durch Kritiker, oder gar auf Preise, oder einen Platz auf der Bestsellerliste. Vielleicht wäre es auch nie zu einer Veröffentlichung gekommen, hätte das Publikum bei meinen Lesungen mir nicht ständig und beharrlich in den Ohren gelegen, ob es die Geschichten nicht auch als Buch zu erwerben gäbe und wann ich endlich gedenke, ein solches herauszubringen.

Apropos Lesungen. Auch so ein Ding mit Spaßfaktor. Denn wieder hat Gott, oder wer auch immer dafür zuständig ist, mich mit einer Stimme ausgestattet, die sich gut zum Vortrag eignet, weil klar, tief und ausdrucksvoll. Und da ich bei meinen Lesungen das mir von Gott, oder von wem auch immer, gegebene Talent der Schauspielkunst mit einbringen kann, bin ich glücklicherweise in der Lage durch komödiantische Albernheiten meinem literarischen Vortrag eine unterhaltsame Komponente beizufügen.

Nun denn, die Zeit wird knapp, ich muss zu meinen zwei anderen Bachen hoppeln und schauen, ob sie wieder prächtig trächtig sind, oder sich nur gelangweilt im Dreck suhlen. Wenn das erledigt ist, komme ich zurück, um Ihnen viel Spaß bei der Lektüre dieses Buches zu wünschen.

Wir sehen uns. Spätestens bei der nächsten Lesung, Theateraufführung oder beim nächsten Konzert!

Richard Bargel

Der nackte Wahnsinn

Es dauerte einige Zeit, bis er bemerkte, dass sie immer schwerer wurden. Jetzt, nach einer weiteren Stunde, scheinen Sandsäcke an ihnen zu hängen, die mit ihrem Gewicht ziehen und zerren und mit aller Gewalt versuchen sie nach unten zu drücken.

Jeder Tropfen Blut muss aus ihnen gewichen sein und nur die Schmerzen, die immer größer werden, erinnern ihn daran, dass diese langen, tauben und leblosen Fleischgebilde zu seinem Körper gehören, seine Arme sind, die er schon so lange nach oben halten muss, mit den schwitzenden, bebenden Händen im Nacken verschränkt.

Heftige Krämpfe überfallen ihn, krallen sich in seine Schultern und Oberarme. Sie sind so stark, dass ihm der Atem stockt, sobald eine neue Welle sich anschickt, die verhärteten Muskeln wie mit Eisenklammern auseinander zu reißen.

Verzweifelt beißt er die Zähne aufeinander. Wie gerne würde er nachgeben, die Arme einfach fallen lassen. Doch das darf nicht geschehen! Nur nicht schlapp machen! Er muss durchhalten!

Kurz vor der Dämmerung war die Meute aufgetaucht, hatte ihn gierig umkreist und begutachtet. Manche von ihnen schienen mit ihrer Beute nicht zufrieden, doch da kein anderes Opfer weit und breit zu sehen war, einigten sie sich schnell.

»Zieh dich aus!«

Er gehorchte, zitternd wie ein verängstigtes Kind.

»Ganz aus!«, forderten sie unbarmherzig, als er sich weigerte, die Unterhose fallen zu lassen.

»Jetzt stell dich da hin und die Arme hinter den Kopf!«

Als sie ihm auch noch die Augen mit einem schwarzen Lappen verbanden, gelang es ihm nur mit Mühe, nicht laut los zu brüllen. Dann befahlen sie ihm, sich nicht zu bewegen. Und sie hatten ihm gedroht!

»Die kleinste Bewegung und wir bringen dich um!«

Das hämische Gelächter und Gekreische klingt noch in seinen Ohren und die Erniedrigung ist so tiefgreifend gewesen, dass sie jeden Widerstand in ihm zerbrochen hat. Stolz, Mut und Überlebenswille sind zu einem Häufchen Asche am Grunde seiner Seele geschmolzen. Was jetzt wie eine verheerende Feuersbrunst in ihm wütet, sind die unerträglichen Schmerzen und die bodenlose Scham ob seiner Nacktheit.

Wie lange haben sie ihn jetzt schon in ihrer Gewalt?

Kaum hat er sich die Frage gestellt, wird sie ihm auch schon wieder gleichgültig. Zeit hat keine Bedeutung mehr, seit die Schmerzen immer unerträglicher werden und die Dunkelheit ihm jede Orientierung nimmt.

›Die Arme! Ich kann sie nicht mehr halten!‹

Kalter Schweiß dringt aus seinem Haaransatz hervor, formt sich zu unzähligen Tröpfchen, die wie eilige Ameisen über seine Stirn huschen und unsäglich jucken. Zielstrebig finden sie ihren Weg unter der Binde hindurch in seine Augen, ein Heer von schimmernden Feuerquallen, die unaufhaltsam über seine Augäpfel einher fallen. Ihre fadendünnen Tentakel saugen sich fest und sondern ätzendes Gift ab. Es brennt höllisch! Wenn er sich doch nur bewegen dürfte! Nur einmal über die Augen wischen! Doch das werden sie nicht zulassen! Sie nicht! Niemals!

Seine Wimpern zucken heftig, reiben sich an dem rauen Stoff, der dicht auf ihnen liegt, schicken immer neue erschöpfte Tränen auf die Reise, die vergeblich versuchen, das entsetzliche Brennen zu löschen. Fast senkrecht rinnen sie über die Wangen, vereinigen sich am Hals mit den herabströmenden Schweißbächen, gebären Flüsse, die einen Schwemmschlamm aus Salz, Angst und Stresshormonen, ausgespült aus den Tiefen seines Körpers, mit sich führen und auf ihrem Weg zum Boden seinen nackten, zitternden Körper mit einer feucht glänzenden Lasur überziehen.

»Die kleinste Bewegung und wir bringen dich um!«

Das hämische Gelächter und Gekreische klingt noch in seinen Ohren und die Erniedrigung ist so tiefgreifend gewesen, dass sie jeden Widerstand in ihm zerbrochen hat. Stolz, Mut und Überlebenswille sind zu einem Häufchen Asche am Grunde seiner Seele geschmolzen. Was jetzt wie eine verheerende Feuersbrunst in ihm wütet, sind die unerträglichen Schmerzen und die bodenlose Scham ob seiner Nacktheit.

Wie lange haben sie ihn jetzt schon in ihrer Gewalt?

Kaum hat er sich die Frage gestellt, wird sie ihm auch schon wieder gleichgültig. Zeit hat keine Bedeutung mehr, seit die Schmerzen immer unerträglicher werden und die Dunkelheit ihm jede Orientierung nimmt.

›Die Arme! Ich kann sie nicht mehr halten!‹

Kalter Schweiß dringt aus seinem Haaransatz hervor, formt sich zu unzähligen Tröpfchen, die wie eilige Ameisen über seine Stirn huschen und unsäglich jucken. Zielstrebig finden sie ihren Weg unter der Binde hindurch in seine Augen, ein Heer von schimmernden Feuerquallen, die unaufhaltsam über seine Augäpfel einher fallen. Ihre fadendünnen Tentakel saugen sich fest und sondern ätzendes Gift ab. Es brennt höllisch! Wenn er sich doch nur bewegen dürfte! Nur einmal über die Augen wischen!. Doch das werden sie nicht zulassen! Sie nicht! Niemals!

Seine Wimpern zucken heftig, reiben sich an dem rauen Stoff, der dicht auf ihnen liegt, schicken immer neue erschöpfte Tränen auf die Reise, die vergeblich versuchen, das entsetzliche Brennen zu löschen. Fast senkrecht rinnen sie über die Wangen, vereinigen sich am Hals mit den herabströmenden Schweißbächen, gebären Flüsse, die einen Schwemmschlamm aus Salz, Angst und Stresshormonen, ausgespült aus den Tiefen seines Körpers, mit sich führen und auf ihrem Weg zum Boden seinen nackten, zitternden Körper mit einer feucht glänzenden Lasur überziehen.

»He! Stillhalten!«, fordert laut eine kalte, ungeduldig klingende Stimme.

›Aber die Arme! Ich kann sie einfach nicht mehr hoch halten!‹ will er rufen, doch er weiß, dass es sinnlos ist. Keine Macht der Welt wird sie jetzt noch von ihrem Tun abhalten können.

Panikattacken drücken auf seine Brust, pressen sie zusammen und lassen das Atmen immer schwerer fallen. Sein Mund, in dem die Zunge nur noch ein zähes Stück Dörrfleisch scheint, ist völlig ausgetrocknet und der quälende Durst, der sich als weiterer Folterknecht hinzu gesellt hat, verstärkt, mit jeder Minute, den Würgegriff um seine wunde Kehle.

Er stöhnt lautlos. Nur nicht bewegen! Halte durch! Mach ja nicht schlapp! Denk an irgend etwas. An das Geld zum Beispiel! Deswegen stehst Du doch hier. Das Geld! Lausiger Mammon. Ist es das wert? Diese Erniedrigung und Folterqualen? Scheiß auf das Geld! So viel ist es auch wieder nicht. Deswegen stehst du doch nicht hier. Du stehst wegen ihr hier. Dass auch Geld im Spiel ist, war okay, aber für dich zweitrangig. Für sie tust du es! Nur für sie!

Es scheint eine Ewigkeit her zu sein, aber tatsächlich war sie erst vor drei Stunden zu ihm gekommen, völlig aufgelöst, verzweifelt. Hat ihn gebeten, gedrängt, unter Tränen angefleht, ihr zu helfen. Wie hätte er sie abweisen können, wo er sie doch so abgöttisch und bedingungslos liebte.

Vor zwei Stunden war die ganze Bande dann über sie hereingebrochen. Blitzartig ist alles von ihnen in Beschlag genommen worden und er hat sich dem Mob, obwohl er innerlich vor Angst gebebt hat, mutig gestellt. Nun ist er selbst hilfsbedürftig geworden.

Er bildet sich ein, von irgendwoher ein Kichern zu hören. Ein gewaltiger Schweißausbruch ist die Folge, und die Feuerquallen versprühen noch mehr Gift in seine Augen. Seine Nase nimmt plötzlich einen unangenehmen Geruch wahr. Er erkennt, dass es sein eigener Geruch ist. Stress und Angst kann man riechen. Säuerlich riecht es und abgestanden.

Er hört sie kaum. Sie sind beschäftigt. Ab und zu ertönt ein leises Rascheln oder ein Stuhl knarrt. Sonst herrscht vollkommene Stille. Das macht ihn verrückt. Er fühlt sich ausgeliefert, hilflos und ohnmächtig. Weiß, dass sie zwischendurch immer wieder zu ihm herüber blicken, ihn anstarren. Manchmal tuscheln sie. Worüber tuscheln sie? Der unangenehme Geruch, der seinem angespannten Körper entströmt, wird intensiver. Ob sie ihn auch riechen können?

Er versucht, sie aus seinen Gedanken auszublenden. Von irgendwoher, aus dem geschäftigen Treiben der Stadt, dringt eine Polizeisirene durch die geschlossenen Fenster. Was würde er darum geben, jetzt dort draußen frei und unbekümmert herumzulaufen. Statt dessen hat er sich auf dieses entwürdigende Spiel eingelassen. Ganz anders hatte er sich das vorgestellt. Als helfender Ritter in der Not hatte er auftreten wollen. Hatte ihr zeigen wollen, dass er selbst dieser Situation gewachsen war.

Doch nun sitzt er in der Falle. Rettung ist nicht zu erwarten. Und wie das Ganze enden wird, daran will er erst gar nicht denken.

Wenn er doch nur etwas sehen könnte! Die Dunkelheit macht ihn wahnsinnig. Aber vielleicht ist es besser so. Es wäre kaum zu ertragen, ihnen auch noch in die Augen blicken zu müssen, während sie ihn von Kopf bis Fuß taxieren, mustern, abschätzen. Wie lange noch? Sein Körper schwankt leicht.

»He, nicht bewegen!«

Scharf durchschneidet der Befehl die Stille. Sie registrieren die kleinste Bewegung! Unruhe breitet sich im Raum aus. Was ist los?

Was geschieht jetzt?

»Okay!«, hört er jemanden sagen. »Ich denke, wir sind mit dem Blindgänger fertig.«

Ein bestätigendes Knurren und Räuspern ist zu vernehmen. Schuhe scharren auf dem Boden.

Blindgänger? Was meinen sie damit?

Eine andere Stimme ruft ihm zu: »Du kannst die Arme runter nehmen!«

Er stöhnt auf. Schwer plumpsen die Sandsäcke herab, hängen völlig abgestorben und gefühllos an den Körperseiten, unmöglich sie zu bewegen. Sie reagieren nicht, auf keinen Impuls, auf keinen Befehl seines Gehirns. Er hat Angst, dass dieser Zustand nicht mehr rückgängig zu machen ist. Wird er sie jemals wieder bewegen können?

Langsam setzt das Stechen und Prickeln ein. Das Blut kehrt in die Adern zurück. Es ist unangenehm und tut scheußlich weh, aber er atmet erleichtert auf. Die Augenbinde nehmen sie ihm nicht ab. Unschlüssig steht er da. Was kommt jetzt? Lassen sie ihn etwa gehen?

Er macht eine Bewegung.

»He, bleib‘ wo du bist!«, zischt jemand. »Wir sind noch nicht fertig mit dir!«

Er bekommt etwas in die linke Hand gedrückt. Es fühlt sich rund, kalt und glatt an und scheint gebogen zu sein.

»Halt das! Und jetzt nimm das in die andere Hand!«

Die Finger seiner rechten Hand schließen sich um einen sehr dünnen Stab. Was ist das nun wieder? Was haben sie vor?

»Nicht bewegen!«

Wieder dieser blödsinnige Befehl! Er kann nicht mehr. Er will auch nicht mehr. Es ist ihm alles egal. Sollen sie doch mit ihm machen was sie wollen! Ihm wird schwindelig. Plötzlich hört er die Stimme seiner Frau ganz nahe an seinem Ohr.

»Mein Gott, Joachim, bitte halte durch, sonst war alles umsonst!«, fleht sie ihn an. »Jetzt nur nicht schlapp machen! Die machen mich sonst fertig! Bitte!«

Er hört die Verzweiflung in ihrer Stimme und versucht, sich zusammen zu reißen. Alles würde er für sie tun, alles erleiden und ertragen. Und notfalls würde er sogar für sie sterben. Doch der Schwindel wird stärker. Die Finsternis bricht plötzlich über ihn herein, viel tiefer, so viel schwärzer als die Dunkelheit, die ihn unter seiner Augenbinde umgibt.

Er fällt.

»Joachiiiiiim!«

Den verzweifelten Schrei seiner Frau hört er nicht mehr.

»Och nööööööööö!«

Frau Grassner ist empört. Sie gehört seit Anfang an zu der Gruppe, hat sie sogar mit begründet.

»Das kann er uns doch nicht antun!«

Enttäuscht schaut sie auf ihre Zeichnung. »Ich bin mit dem ›blinden Amor‹ noch nicht fertig!«

Als der Schrei ertönte, hatte sie sich so erschreckt, dass ihr dabei der Kohlestift gebrochen ist und einen hässlichen Fleck auf dem Papier hinterlassen hat. Die Zeichnung, ein zittriges Strichmännchen, mit einem Bogen in der einen und einem Pfeil in der anderen Hand, ist dadurch verdorben. Findet sie.

»Dafür kriegt ihr Mann von mir aber keinen Cent!«

Entrüstet hält Frau Grassner die Zeichnung in die Luft und wedelt mit ihr herum, damit alle ihr verhunztes Meisterwerk sehen können.

Ein Tumult entsteht. Die anderen Damen haben ebenfalls die Blei- und Kohlestifte auf ihre Skizzenblöcke fallen lassen und sind von ihren Stühlen aufgesprungen. Radiergummis kullern zu Boden und hüpfen schnell in dunkle Verstecke. Lautstarker Protest über den unerwarteten Ausfall des Akt-Modells erfüllt den Raum.

»Dass ihr Mann so schnell schlapp macht!«, entrüstet sich Frau Schneider.

»Schlappschwanz!«, setzt Frau Liebknecht nach und packt wütend ihre Sachen ein.

»Ich«, schreit Frau Bender und tippt sich wichtigtuerisch auf die immense Oberweite, »ich fand ihn ja von Anfang an ungeeignet. Einen ›Amor‹ stelle ich mir dann doch ein bisschen stattlicher ausgestattet vor!«

»Genau! War ja wohl ein bisschen mager, was der vorzuweisen hatte!« Frau Krüger grinst unverschämt. Brüllendes Gelächter erschallt, pralle Schenkel werden geklopft.

Das Damenkränzchen ist außer Rand und Band. Es dauert noch eine geschlagene Stunde bis die letzte der ungemein talentierten Künstlerinnen endlich die Wohnung verlässt.

Mit hochrotem Kopf schließt sie die Tür hinter der entfesselten Meute. Sie bringt Joachim ins Bett. Noch sehr blass, fragt er mit leiser, tonloser Stimme: »Wie war ich denn?«

»Wahnsinn, Joachim!«, lügt sie und versucht ihren Ärger zu unterdrücken. »Für das erste Mal war das wahnsinnig gut, ehrlich!«

Mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen schläft er ein.

Sie starrt auf ihn herab. Das höhnische Gelächter klingelt ihr noch in den Ohren.

»Schlappschwanz!« zischt sie durch die Zähne und verlässt leise den Raum.

Absatzkrise

»Der Schuh ist futsch!«, kreischte sie mit hochrotem Kopf. »Gestern erst gekauft und schon ist der Absatz abgerissen!«

Voller Entrüstung stand sie vor dem Verkäufer und fuchtelte wild mit dem kaputten Schuh unter seiner Nase herum.

»Aber ich habe Sie doch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass diese Schuhe uns reißende Absätze bescheren«, protestierte er, in der Hoffnung, dass sie ihm diese fadenscheinige Ausrede abnehmen würde.

»Das ist doch wohl ein Witz! Schuhe mit reißendem Absatz! Und Sie wagen es, mir solchen Ramsch anzudrehen?«, schrie sie wutentbrannt.

»Tut mir leid, dass Sie mit den Schuhen Absatzschwierigkeiten haben...aber, schau´n Sie, die Absatzlage gerade bei diesen Schuhen... «

»Was quasseln Sie denn da! Die Absatzlage ist doch total schief. Da!«

Sie stieß ihm den anderen Schuh dicht vor die Augen, so nah, dass er mit dem Kopf zurückweichen musste, um sich ein scharfes Bild der Absatzlage zu machen.

»Ich muss Ihnen Recht geben, so wie er da ist, macht mir der Absatz Sorgen, aber... «

»Pah! Ihre Absatzsorgen können Sie sich irgendwohin stecken. Ich will sofort neue Schuhe mit einer Absatzgarantie haben.«

»Eine Absatzgarantie gibt es nicht, weil immer das Risiko einer Absatzflaute besteht!«

»Absatzflau...? Was soll denn das wieder heißen? Sagen Sie bloß, Sie finden auf dem Absatzmarkt keine anständige Absätze?«

»Wie bitte?«, fragte er verwirrt.

»Dafür werden Sie mir büßen!«

»Absatzeinbußen entstehen durch Absatzeinbrüche... «

»Sag ich doch! Der Absatz ist gebrochen! Das ist doch unmöglich!«

»Nichts ist unmöglich. Es gibt immer eine Absatzmöglichkeit, man muss nur Absatz orientiert denken und das tun wir.«

»Ha! Absatzorientiert war ich bisher auch, je höher um so besser, bis ich Ihre blöden Schuhe gekauft habe. Schon am ersten Tag gab es leichte Absatzschwankungen und dann heute...peng... futsch...ab war der Absatz!«

»Vielleicht kann ich in Ihrem Falle für eine Absatzwiederbelebung sorgen... «

»Was? Sie wollen ihn wiederbeleben? Den kaputten Absatz? Sind Sie denn total meschugge? Ich habe jetzt die Schnauze voll! Ich will neue Schuhe! Und zwar flache Schuhe! Jetzt, sofort und pronto!«

»Auch da haben wir einige im Sortiment, die ich empfehlen kann, besonders die absatzlosen Schuhe bescheren uns reißende Absätze...«

»Ich glaub´, ich krieg die Krise...!« Sie schnappte nach Luft und es schien, als habe er sie tatsächlich aus der Fassung gebracht.

»Kriegen Sie nicht. Jedenfalls nicht bei uns!«, sagte er schnell um seinen Vorteil auszunutzen. »Eine Absatzkrise haben wir nicht. Das Geschäft läuft prima. Der Absatz ist gut.«

Für einige Sekunden sah sie ihn nur an. Dann wanderte ihr Blick hinunter zu den beiden Schuhen in ihrer Hand. Er blieb an dem Schuh haften, an dem sich der fünfzehn Zentimeter lange, metallisch glänzende Stiletto-Absatz noch befand. Sie packte den Schuh mit festem Griff. Ein mörderischer Ausdruck trat in ihre Augen, der ihn unwillkürlich zusammenzucken ließ und dazu veranlasste, seine rechte Hand wie ein Schutzschild auf seinen haarlosen Schädel zu legen.

»De...de...der Absatz ist gut«, stotterte er noch einmal.

Ihr Mund verzog sich zu einem hässlichen Grinsen. Sie trat einen Schritt vor und hob den Schuh hoch über ihren Kopf hinaus. Der Stilettoabsatz blitzte hell auf. Ihr Gesicht schob sich so nah an seines heran, dass sich ihrer beider Nasenspitzen fast berührten.

»Einen Scheiß ist er...!«, zischte sie ihm in die Nasenlöcher und schlug zu.

Im selben Moment wurde sie von hinten gepackt und zu Boden gerissen. Sie kam bäuchlings zu liegen und der schweren Leib des übergewichtigen Ladendetektivs, der sich mit seinem ganzen Gewicht auf sie presste, nahm ihr jede Bewegungsfreiheit. Aus den Augenwinkeln konnte sie, nicht weit von ihr entfernt, die gekrümmte Gestalt des Verkäufers liegen sehen. Und noch etwas konnte sie erkennen. Die Absatzspitze des Schuhs hatte ihr Ziel gefunden.

Die Situation erschien ihr auf einmal völlig albern. Der Gedanke, dass der Verkäufer und sie von zwei verschieden Dingen geredet hatten, kam ihr erst jetzt. Sie drehte den Kopf und versuchte den Ladendetektiv anzusehen.

»Reißende Absätze, verstehen Sie?«, gluckste sie und fing wie irre an zu kichern. »Er hat nur seinen blöden Absatz im Kopf gehabt!«

»Ja, dass ist kaum zu übersehen!« sagte der Ladendetektiv und übergab sich.

Das Rentier

Das Rentier spricht zum Rentierhalter:

»Wie hoch schätzt du mein Rentieralter?«

»Ach, Rentier«, ruft der Rentierhalter,

»Du bist schon längst im Rentenalter.«

Drauf rennt das Rentier zum Verwalter

der Renten für die Rentierhalter

und fragt am Rentierhalterrentenschalter,

ob´s auch ´ne Rente kriegt im hohen Rentieralter.

»Denn«, sagt das Rentier, »so´ne Rente,

wenn die ein Rentier kriegen könnte,

käm ich vielleicht als Rentierrentner

auch in ein Rentierpflegealtencenter.«

Der Mann am Schalter zeigt Verdruss.

»Ne Rentierrente? Biste denn bestusst?

Für dich und alle Rentierbiester

gibt´s weder Rente, noch ´n Förderfond vom Riester!«

Das Rentier fragt: »Warum denn nicht?«

Der Mann sagt: »Na, das rentiert sich nicht!

Wir sind ´ne Renten-Bank für Rentierhalter.

Versuch´s beim Rentierschlachtbankschalter.«

Drauf rennt das Rentier, froh an Sinn,

schnurstracks zur Rentierschlachtbank hin.

Geht vorn herein ins Schlachtbankhaus

und kommt als Rentierhalterrentnersteak

zur Hintertüre wieder raus.

Bleibt uns auch dieses Los erspart,

bald trifft ´s den deutsche Rentner hart.

Der Traum vom Rentnerglück,

er stirbt für alle, in der Alterspyramidenfalle.

Moralloses Gesindel

Eine blinde lahme Taube

saß in einer Gartenlaube,

und hoffte auf den Bräutigam,

der allerdings nicht kam.

Stattdessen kam der schlaue Fuchs,

verkleidete sich als Täuberich

und vögelte sie flugs.

Dann fraß er sie mit Haut und Federn.

Was er nicht wusste: Sie saß nur da,

um ihn zu ködern.

Tags drauf war in der Presse gleich zu lesen,

der Fuchs wär´ so schlau nicht gewesen.

Denn: Wer diene sich als Bräutigam

schon einer blinden lahmen Taube an?

Da dachte manch ein Zeitungsleser:

›So ein Blöder, zuletzt gelacht,

hat da ja wohl der Jäger!‹

Doch ich sag euch, ihr lieben Leut´,

auch der hat sich zu früh gefreut.

Bevor er nämlich konnt den Fuchs erschießen,

hat dieser ihn noch schnell ins Bein gebissen.

Später dann im Jägerheim

fiel der Jäger bald der Tollwut heim

und starb dann in der dritten Nacht.

Wer, glaubt ihr nun, hat da zuletzt gelacht?

Ich weiß es, aber...vielleicht ist´s auch egal,

wer hält´s denn heut´ noch mit Moral?

Na gut, ich lass es gerne jene wissen,

die der Moral noch beide Füße küssen.

Also: Der ganze Coup, geschickt gemacht,

war von den Tieren ausgedacht!

Denn unter Einsatz zweier Leben,

meine Lieben, ward auch der Jäger

in den Tod getrieben!