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Surrende Rasiergeräte im kleinen türkischen Berbersalon, grelles Neonlicht, dampfender starker Tee aus kleinen Gläschen mit Goldrand, tiefschwarze Haarbüschel am Fliesenboden, der halbe nahe Osten auf wenigen Quadratmetern... Ausgerechnet im Rotlichtviertel ihrer Stadt findet die köterblonde Deutsche die perfekte Enthaarungsmethode, um den ungeliebten Damenbart los zu werden. Sie taucht tief in den Mikrokosmos ein und erlebt in dem kleinen Frisier-Mekka haarige Geschichten.
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Seitenzahl: 141
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Die GOLDENE SCHERE
Heitere Multikulti-Geschichten – kultige Multi-Geschichten aus einem türkischen Berbersalon in Deutschland
Manchmal nehmen die Dinge einfach ihren Lauf. Eines schönen Tages hatte ich beschlossen, dass er weg muss. All die Jahre hatte ich mit ihm gelebt. Im Sommer hatte ich blonden dichten Flaum bemerkt, in der dunklen Jahreszeit hatte er mir so manchen mitleidigen Blick und Spott beschert. Damit sollte endlich Schluss sein. Auf der Suche nach einer fachgerechten Eliminierung des Problems war ich ausgerechnet im Rotlichtviertel meiner Stadt gelandet...
Cover-Foto: copyright bluehand
Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder Gegebenheiten sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Der Entschluss
Eine haarige Sache
Ouvertüre
Auftakt
Handwerk
Die Fensterbanksitzung
Millimeterarbeit
Friede seit mit Dir
Altin bedeutet Gold
Charmante Lügen
Pit Bull-Cap und blaue Augen plus Glatze
Enttarnung
Länderkunde
Andere Länder, andere Sitten
Der Lieferant
Stylingberatung
Der Bräutigam
Improvisation ist alles
Verwöhnprogramm für den Berber
Der Weihnachtsbaum
Gib ma Dein Handy her
Meiner fährt 370
Das güldene Ding
Ganz weit weg
Türkisch Wasser
Die Wanduhr
Stimmungsschwankung
Kleine Feier ohne Alkohol
Der fliegende Händler
Autoskooter
Ungeahnte Qualitäten
Frühstück nach zwölf
Du sagst
Sie
zu mir
Brutalität auf dem Kiez und ich mittendrin
Muster auf der Haut
Mein Benz, mein BMW, mein Fahrverbot
Goldene Hände
Die Sache mit den kirchlichen Feiertagen
Machogehabe
Weg
Die Haare über der Lippe mussten weg! Ich konnte es nicht schönreden.
Wie jeden Morgen fiel auch heute früh mein allererster Blick im grellen Badezimmerlicht auf meinen Schnurri. So hatte ein guter Freund liebevoll meinen Damenbart genannt. Dunkel, piksig und unansehnlich kämpften sich Haare durch meine Haut an die Oberfläche. Ich stand nicht allein da. Und dennoch: auch wenn manch eine dunkelhaarige, arabische, orientalische Frau mit dem Bartwuchs ein größeres Optik-Problem als ich köterblonde Deutsche hatte, fasste ich den Entschluss: die Haare über der Lippe mussten weg.
Schon einmal hatte ich einen Anlauf genommen. Eine Freundin hatte mir von der türkischen Methode der Haarentfernung per Fadentechnik – einer jahrhundertealten Tradition - erzählt. Sie selbst hatte es auch schon ausprobiert und es das "flammende Band" genannt. Wie das funktionierte? In Windeseile wurden mit einem Nähgarnfaden kleinste Schlaufen gebildet, diese mit geschicktem Handgriff um die Haarwurzel gelegt und schon waren die unliebsamen Haare weg -für eine Zeit zumindest. Regelmäßige Anwendung, so hatte mir meine Freundin versichert, versprach tolle kosmetische Ergebnisse.
Diese spannende Variante, die am besten ein Profi durchführte, hatte ich bereits vor ein paar Monaten ausprobiert. Bei Hatice im schicksten türkischen Salon der Stadt. Eine Damenbart-Leidgenossin hatte mir die Adresse empfohlen, die sich in der Fußgängerzone der Innenstadt in unmittelbarer Nähe des türkischen Viertels der Stadt befunden hatte. Auf dem Schild über der Tür hatte in großen Lettern KUAFÖR gestanden.
Ein türkischer Kuaför bietet neben dem klassischen Haareschneiden und Färben auch kosmetische Behandlungen an. In Hatices Salon der Eitelkeiten hatten fast ausschließlich weibliche türkische Schönheiten mit voller schwarzer, glänzender, Haarpracht auf dem Schopf verkehrt. Auf einem weißen Ledersofa wartend hatte ich mit ihnen Musikvideos auf Türkisch MTV geglotzt, hatte über den blitzblanken und hoch glänzenden Marmorboden gestaunt, bis mich Hatice zu sich auf den Kosmetikstuhl gebeten hatte.
Zum Auftakt hatte sie mein blasses Antlitz gemustert, meine köterblonden Haare. Ihr Blick hatte eine kleine Wanderung über meinen Körper angetreten, sie hatte meine Beine, meinen kurzen Rock, meine enganliegende Bluse mit dem tiefen Ausschnitt gemustert. Wortlos hatte sie mit der Garnschlaufen-Arbeit über meinem Mund begonnen. Hatice selbst war ganz in Schwarz gekleidet, sie trug einen bis über die Knie reichenden Rock, dazu ein hochgeschlossenes Shirt, ihr Gesicht umrahmte eine glänzende, buschige schwarze Haarpracht, um die ich sie sofort beneidet hatte.
Nach nur fünf Minuten hatte sie fertig gezupft. Meine Oberlippe war auf die gefühlte Größe eines Schlauchbootes angeschwollen, ein Blick in den Spiegel hatte es mir bestätigt: sie war dick und zudem puterrot. Ein pulsierender Schmerz hatte sich breit gemacht.
Meine Tränen waren ohne Unterlass wie kleine Rinnsale über meine Wangen gekullert. Die im Kosmetikbereich wartenden Kundinnen, an denen ich leise wimmernd vorbeigeschlichen war, hatten mir solida-risch zugenickt. Zwei Tage lang war meine Lippe ge-schwollen gewesen. Doch danach hatte sich ein atemberaubendes Ergebnis schöner, glatter Haut gezeigt. Obwohl das haarlose Glück nur zwei Wochen dauerte, hatte mich die Methode des flammenden Bandes überzeugt. Lediglich Hatices Fähigkeiten im Umgang damit nicht. Daher hatte ich mich im Kampf mit der Oberlippenbehaarung zunächst ergeben und mich dafür entschieden, meinen Damenbart erneut wachsen zu lassen.
Mein heute früh gefasster Entschluss nach dem morgendlichen kritischen Blick unter grellem Badezimmerlicht in den erbarmungslos ehrlichen Vergrößerungskosmetikspiegel ließ mich erneut ins Amüsierviertel der Stadt pilgern. In mir wuchs der Wunsch, eine andere Adresse für die Haarentfernung per Fadentechnik aufzusuchen.
Vom türkischen Viertel aus und vor Hatices Salon stehend ließ ich meinen Blick umherschweifen. Nur ein paar Schritte über die Straße ging das türkische Viertel der Stadt nahtlos ins Amüsier- und Rotlichtviertel über. Inmitten von Dönerläden, Spielcasinos, schrägen Gestalten entdeckte ich unweit des Schicki-micki-Kuaför-Salons, in dem mich Hatice malträtiert hatte, die schrille Leuchtreklame ALTIN MAKAS und lief geradewegs wie von einem unsichtbaren Band gezogen drauf zu.
Die fröhliche, quietschgelbe Neonreklame über der Tür des türkischen Friseurladens stach mir sofort ins Auge. Darauf stand in blauen Großbuchstaben der Name ALTIN MAKAS, daneben prangte eine große gelbfarbene, Gold anmutende Schere.
Meine Augen scannten noch einmal die nähere Umgebung. In der Straße befanden sich eine Spielhölle mit bunt blinkenden Zockerautomaten und dem knallroten Schriftzug SPIELCASINO über der goldfarbenen Tür, Table-Dance-Bars, Döner-GrillImbisse, ein Kulturzentrum für Deutsch-Türkische-Begegnungen und weitere türkische Friseure.
Berührungsängste? Die gab es für mich nicht. Hier im Amüsierviertel hatte ich schon lange Nächte in Diskos durchgetanzt, die einst Bordelle waren. Multikulti im täglichen Leben gefiel mir.
Es war mitem im Hochsommer und ich trug ein raffiniertes Kleid aus weichem, Figur umspielenden Stoff mit tiefem Dekolletee. So betrat ich den kleinen, nur wenige Quadratmeter großen Barbierladen mit der großen, breiten Schaufensterscheibe. Bei ALTIN MAKAS herrschte hektische Betriebsamkeit: acht Friseurstühle - vier links, vier rechts - alle besetzt, grelles Neonlicht unter der Decke, freundlich in lindgrün gestrichene Wände mit sonnengelbem Abschluss aus Gips an der Deckenkante, Plastikblumen und andere undefinierbare Utensilien waren an die Wand genagelt. Hier gab es kein Schickimicki. Am Boden türmten sich jede Menge tiefschwarze Haarbüschel, die auf den Besen warteten, türkische Popmusik plärrte im Hintergrund, Rasiermaschinen surrten. In dem Laden befand sich keine einzige Frau. Die Friseure sahen fremdländisch aus.
Alle Anwesenden blickten auf einmal in meine Richtung. Für einen Moment war Stille im arabischen Mekka der Haarkunst. Gleich ganz vorn links an der großen Schaufensterfensterscheibe neben der Tür befand sich der Frisiersessel des Chefs in Paradeposition. Ein sportlich gebauter Typ mit Jeans und buntem, eng anliegenden T-Shirt, circa Ende 20, wandte sich freundlich an mich: „Ja bitte? Kann ich helfen?“ Ich trat näher, denn gegen die Geräuschkulisse aus Stimmengewirr, Rasiergesurre und Musik kam ich nur schwer an.
Er schaltete die Rasiermaschine ab und sah mich erwartungsvoll an. „Sagen Sie, entfernen Sie auch Haare über der Lippe, machen Sie das mit diesem Band, also per Fadentechnik?“ dabei gestikulierte ich wild umher, zeigte auf meine Oberlippe für den Fall, dass er mich vielleicht nicht versteht. Vor mir stand ein Mann mit dichtem, schwarzen Haar, super dunklen Augen und einem ordentlichen Drei-Tage-Bart (sicher erst am Morgen wegrasiert). Er blickte mich freundlich aus tiefschwarzen Augen an und meinte kurz und knapp: „Ja klar, das machen wir auch. Nur im Moment is schlecht, hab noch Kunden. Kommen Sie später wieder. 45 Minuten, geht das?!“ Natürlich ging das, fuhr es mir durch den Kopf. Die Top-Einkaufsstraße war gleich um die Ecke, Shopping sollte mir ein wenig die Zeit vertreiben.
Eine dreiviertel Stunde später bot sich mir in dem kleinen türkischen Friseurladen exakt das gleiche Bild: grelles Neonlicht, jede Menge tiefschwarze Haarbüschel am Fliesenboden, surrende Rasiermaschinen, alle Augen kurz zu mir, Totenstille im Salon. Der Ladeninhaber lächelte sein warmes Lächeln und deutete mit dem Finger auf die breit geflieste Fensterbank vor dem Schaufenster, ich könne mich dorthin setzen, denn sein aktueller Kunde wurde gerade noch nass rasiert. Ich nickte, nahm Platz und schaute fasziniert der Nassrasur zu. Bei deutschen Friseuren sah ich so ein kleines Schauspiel noch nie. Die anderen Barbiere arbeiteten weiter und das große Staunen nahm ein Ende. Hier und da blinzelte einer verstohlen zu mir, der Deutschen im Kleidchen, rüber. Ich fühlte mich nicht unwohl sondern als Kundin willkommen. Mein Blick klebte noch immer neugierig bei der Nassrasur. Der Chef nahm eine kleine Schale, füllte sie mit ein wenig Wasser, fügte Rasierschaum hinzu und tunkte den buschigen Rasierpinsel zum Einschäumen hinein.
So hatte sich auch mein Vater schon rasiert. Damals wie heute faszinierte mich das Prozedere. Nur hatte mein Papa eine handelsübliche Nassrasur-Klinge benutzt und nicht so eine abenteuerlich aussehende lange, ultrascharfe Einzelklinge ohne Griff. Der Kunde vor mir saß dick eingeschäumt auf dem schwarzen Berberstuhl, vorsichtig und versiert wanderte das blitzende Rasiermesser wie von Geisterhand geführt über den Kehlkopf. Hinter dem Frisierstuhl fegte der schlaksige, blutjunge Azubi endlich die vielen dicken, schwarzen Haarbüschel zahlreicher Kunden zusammen. Plötzlich rempelte er mit dem Besenende versehentlich den Chef am Ellenbogen an, der hatte zu diesem Zeitpunkt die messerscharfe Klinge am Hals seines Klienten. Der bitterböse Blick des Chefs, seine lautstarke und überhaupt nicht mehr endende Tirade in fremder Sprache, seine unwirsch, wild durch die Luft fuchtelnde Hand, das alles war wie Kino für mich. In diesem Augenblick wünschte ich mir einen Dolmetscher herbei.
So begann ich, während ich wartete, insgeheim ein kleines, mein ganz eigenes Playback-Spiel: ich übersetzte im Geiste mit viel Fantasie die mir fremde Sprache: Du Vollidiot! Kannst du nicht aufpassen? Siehst du nicht, dass ich hier gerade einen Kunden rasiere?! Du bist echt zu nichts nutze! Ich sollte mal mit deiner Mutter reden, Mann! Nicht mal fegen kannst du. Hör sofort damit auf und räum hinten im Lager lieber die Kisten weg, die da seit ´ner Woche rumstehen!
Von meiner Warteposition auf der Fensterbank sitzend aus beobachtete ich den jungen türkischen Berber-Azubi aus den Augenwinkeln. Der stand vor Schreck zu einer Säule erstarrt da - mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen, den Besen in der Hand - machte sofort nach der Chefansage im Laden kehrt, lehnte den Besen an ein Waschbecken und zog sich in ein Hinterzimmer zurück.
Die gefährlich anmutende Nassrasur war beendet, der arabisch aussehende Kunde schön glatt rasiert. „So Junge, fertig, alles klar Mann?“ sagte der Chef mit einem dicken Klopfer auf die Schulter. „Ja klar Mann, Alter, echt cool. Danke.“ Er stand auf, ging zur Kasse, zahlte, es folgten innige Umarmungen rechts und links, angedeutete Bruderküsse auf die Wangen, ein kumpelhaftes Klopfen auf die Oberarme und dann war ich an der Reihe.
Der Chef krempelte die Ärmel seines knallroten Oberhemdes hoch, fuhr sich mit der einen Hand durch sein dichtes, glänzendes, schwarzes Haar, tänzelte kurz wie ein Preisboxer, positionierte sich und pustete mit laut heulendem Föhn die vielen tiefschwarzen Haarbüschel auf dem Friseurstuhl fort. Dann folgte eine freundliche, einladende Geste, seine rechte Hand zog einen Bogen durch die Luft in Richtung Stuhl, ich solle mich setzen.
Jetzt war es an der Zeit, dass ich noch ein paar vorsichtige Anmerkungen machte, damit er mir nicht auch noch die Augenbrauen bis auf eine schmale Linie zupfte, ging es mir durch den Kopf. „Ach bitte... nur hier über der Lippe, NICHT die Brauen und auch nirgendwo sonst im Gesicht, die Haare kommen sonst so schwarz nach.“ Mit dem Zeigefinger untermalte ich meinen Kundenwunsch. Zwei sehr dunkle Augen sahen mich fast schon genervt und ein wenig beleidigt an: „Klar. Mach ich. Schon mal Laser versucht? Soll auch gut sein, hab ich so gehört.“ Na prima, schoss es mir durch den Kopf, kaum sitz ich hier, will er mich abwimmeln und empfiehlt mir diese schweineteure Lasertechnik. Darüber hatte ich mich in meiner kosmetischen Verzweiflung bereits vor Jahren informiert. Es können Narben oder ein kleiner weißer Flaum über der Lippe zurückbleiben. Viele Sitzungen sind notwendig. Dunkel nachwachsende und piksende Haare müssen circa vier Wochen stehen bleiben, bis die nächste Laser-Behandlung erfolgen könne. Nein Danke!
Seine dunklen Augen sahen mich fragend an. Dieser Blick holte mich zurück ins Hier und Jetzt, zurück ins Frisiereldorado fremdländischer Männer. „Äh, ist das okay, wenn ich hierher komme?“ fragte ich mit zaghafter Stimme, die fast im Rasiergesurre unterging.
Er beugte sich dicht zu mir herunter, um mich hören zu können. Seine Augen taxierten mich einen kurzen Moment im vor uns liegenden Frisierspiegel. Er roch männlich. Ein unglaublich freundliches Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit. So ein entwaffnen-des Lächeln konnte nicht lügen. „Klar, das geht klar.“ Ich seufzte zufrieden und die Prozedur flammendes Band konnte beginnen.
Der Berber holte verschiedene Garnrollen mit drei unterschiedlichen Fadenstärken aus einer Schublade unterm Waschbecken hervor. Ich war irre gespannt. Er begann mit der Prozedur, zog das erste Garn ungefähr einen Meter lang von der Rolle, das Ende klemmte er zwischen Schneide- und Eckzahn und riss an der anderen Seite das Ganze einmal mit der Hand ab. Der Faden blieb an einem Ende zwischen seinen blitzweißen Zähnen hängen und wurde dort eingeklemmt. Der andere Teil baumelte lose von dieser Zahnbefestigung aus seinem Mund. So ausgerüstet trat er dichter an mich heran.
In meine Nase stieg erneut sein männlicher Duft. Es war eine Mischung aus Aftershave, Zitrone, Zigarette und Körpergeruch. Nun zog er das lose baumelnde Ende straff und bildete mit seinen geschickten Fingern eine Art Dreieck. Innerhalb dieses Dreiecks bildete er eine kleine Schlaufe, die in Windeseile die Haare packte und mit der Wurzel herausriss. Zupf, Zupf, Zupf, so verschwand ein Haar nach dem anderen. Mir liefen vor Schmerzen salzige Tränen über die Wangen, sammelten sich an meinen Mundwinkeln. Das war mir echt peinlich. Der Berber brachte es mit wenigen Worten auf den Punkt: „Oh t’schuldigung. Das tut echt scheiße weh, ne? Na ja, die sind aber auch sehr lang.“
Ich nickte stumm, wischte fix mit dem Zeigefinger eine Träne vom Mundwinkel fort, er hielt inne und massierte vorsichtig mit zwei Fingern von der Nase aus in beide Richtungen meiner Oberlippe nach außen. Mit leichtem Druck strich er immer wieder über die schmerzende Zone. Oh super, dachte ich, dann ist die Haut nachher sicher schön gereizt und alles leuchtet feuerrot. Seine Finger rochen gleichermaßen stark nach Kippe und frisch gepresster Zitrone, sie waren weich und sanft. Als könne er meine Gedanken lesen, lächelte er mich durch den Spiegel hindurch schelmisch an und setzte die Fadenprozedur nun mit einem dünneren Garnfaden fort, den er eigens aus einer Schublade vom Nachbar-Waschbecken hervorkramte. Siehe da: es tat weniger weh. Die kleine Massageeinheit zeigte also Wirkung. Ein weiteres Mal wechselte er die Garnstärke, betrachtete zwischendurch immer wieder zufrieden sein Werk. So ging das gefühlt eine kleine türkische Ewigkeit lang.
Im Hintergrund dudelte das x-te türkische Popliedchen. Eine schöne Frauenstimme sang stimmgewaltig Texte, von denen ich nichts verstand. Nach dem schmerzhaften Einsatz des Garnfadens griff der Meister des flammenden Bandes zu einer goldfarbenen Mini-Pinzette und setzte immer wieder und wieder an, um letzte kleine Härchen zu erwischen. Sein kritischer Blick musterte mich unter dem grellen Neonlicht. Jetzt müsste er eigentlich fertig sein. Doch Nein! Er trat wieder dichter an mich heran und weiter ging die Prozedur mit dem ganz dünnen Faden. Dann steckte er Zeige- und Mittelfinger in eine riesige Familien-Dose Nivea und entnahm einen ordentlichen Berg davon. Seine Fingerkuppen sahen aus wie der Mont Blanc im tiefsten Winter. Sanft verteilten die rauchigen Zitronenfinger die fettige Creme über meiner Lippe. Als er kurz stoppte, wollte ich mich aus dem Frisierstuhl erheben. „Nee, noch nich fertig“ erklang es im Befehlston. Allein sein Blick drückte mich in den Sitz zurück. Behutsam tupfte er die nicht eingezogene Fettschicht mit einem Kosmetiktuch fort. Er griff zu einer durchsichtigen Plastikflasche mit stark nach Alkohol und Zitrone riechendem Wasser – der Duft eines ganzen Zitronenhains zog in meine Nase. Das war also der Geruch, der an seinen Fingern haftete. Ich sagte: „Wow, das riecht ja toll“ und erfuhr: „Is türkisch Cologne.“ Aha, also eine Art 4711 auf Türkisch, dachte ich.
Dann tupfte er vorsichtig eine weitere Schicht Nivea drüber und reichte mir zum Schluss den Spiegel, den er extra noch für mich an seinem Hemd blank rieb. „Und?!“ er zog die dicken schwarzen Augenbrauen hoch, gespannt auf mein Urteil. Äußerst kritisch betrachtete ich mich in dem Handspiegel, den ich beinahe wie eine Lupe an meine Lippe hielt, um das Ergebnis seiner Arbeit zu betrachten. Ich war schlichtweg begeistert. Alles glatt, kein einziges Härchen weit und breit. Jetzt fühlte ich mich wie ein Top-Model. Absolut nichts war geschwollen oder gerötet. Der Berber musterte mich zufrieden. „Bisschen noch im Stuhl sitzen bleiben ja?! Möchten Sie ‘nen Tee?“ Freudig lächelnd bejahte ich das Angebot.
