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"Die Göttin" ist der erste Band einer Trilogie um die CIA-Agentin Galaxy Doom und ihre Abenteuer im Götterreich. +++++ Als die CIA beschließt, mich als Killer-Agentin zu rekrutieren, weiß sie ebenso wenig wie ich, dass sie eine Göttin in statu nascendi unter Vertrag nimmt. Später enthüllt mir eine Dämonin mein wahres Wesen: Ich bin Barbelo, das Ur-Licht der Welt und die höchste Gottheit, inkarniert im Körper einer 18jährigen Killerblondine. Meine Bestimmung: Eine Gefahr abzuwehren, die die Götter des Lichts zu zerschmettern, die Menschen, Engel und Dämonen in Bestien zu verwandeln und die Finsternis auf den Thron zu erheben droht. Noch längst nicht am Limit meines Potentials, werde ich von einem Kriegerengel des Demiurgen Jaldabaoth überrascht und um 3000 Jahre in die Vergangenheit geschleudert. Für die Rückkehr brauche ich die Hilfe des ägyptischen Gottes Thot. Dass sich sein Boss, der Sonnengott Re, in mich verliebt, kommt meinen Absichten sehr zustatten. Der Haken: Ich muss als Gegenleistung für Thots Hilfe Apophis vernichten, den gefährlichsten Feind des Sonnengottes.
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Seitenzahl: 204
Veröffentlichungsjahr: 2024
Horst Tran
Die Göttin
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
1
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5
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Impressum neobooks
Es ist wie das Eintauchen in einen Brennofen.
Überall ist gelbes und rotes Glühen.
Und es tut nicht weh.
Denn ich b i n das Glühen,
ein unauslöschliches Feuer im Grenzenlosen,
im Pleroma, im Göttlichen.
Ich bin das Auge des Himmels.
Mein Geist ist ein Beryll,
mein Hymen ein Smaragd,
mein Schweigen ein Amarant
und meine Mitte ein leuchtendes Aquamarin.
Ich bin die Jungfräulichkeit und der Mutterschoß.
Ich bin Barbelo, die Mutter der Galaxis.
Ich bin die höchste Gottheit.
Lalameus, Noetheus, Senaon, Asine, Oriphanios und Eemnaoni knien vor mir,
die Herrlichkeit des ersten Äones bejubelnd,
und nähren sich von meinem Licht,
welches leuchtet durch das ewige Licht, das das Eine ist.
Neun Monate früher –
Gerade als ich denke, dass ich der Sache nicht gewachsen bin, ertönt der verdammte Gong.
Ich bleibe also nackt auf dem Tisch liegen. Meine Unterschenkel hängen über den Rand herab, mein Kopf ruht auf einem Kissen und meine Arme sind quer gestreckt. In meinen Händen halte ich Bronzeständer mit brennenden schwarzen Kerzen. Zwischen meinen Oberschenkeln erhebt sich ein mit Wein gefüllter Silberkelch.
Vor mir hat sich ein Priester in einer schwarzen Kutte aufgebaut. Im Schatten der Kapuze sehe ich seine Augen, die so finster blicken wie die Rückseite des Mondes.
In ein paar Minuten wird er mich ficken.
Für einen guten Zweck, natürlich. Genauer gesagt: für einen bösen Zweck.
Noch genauer: für irgendeinen Scheißzweck, den ich nicht peile. Steve, ein Gothic, der zu den sechs Kuttenfreaks gehört, die im Halb
kreis hinter dem Priester stehen, hatte mich vor drei Tagen überredet, den Altar zu spielen.
„Für eine Exhibitionistin wie dich“, war sein Argument, „doch eine Bombenrolle.“
„Fick dich selbst.“ Ich tat so, als überlege ich. Natürlich hatte der Scheißer Recht. „Also gut: Ich bin dabei.“
Abseits von der Gruppe steht eine junge Frau in einem Nonnenkostüm, deren Rolle mir unklar ist. Neben ihr schwenkt ein Kuttenträger ein Weihrauchgefäß mit dem Duft vermoderter Jahrhunderte.
Pathetisch ruft der Priester: „Erleuchter, wir bitten um den Segen.“
Dann tritt die Nonne heran. Einer aus der Gruppe bringt einen Topf herbei und stellt ihn auf den Boden. Sie zieht ihr Gewand hoch. Ich sehe ihren blassen Hintern, dann aber nur noch ihren Kopf, als sie sich über das Gefäß hockt und plätschernd hineinpinkelt. Sie erhebt sich und geht zu ihren Platz zurück.
Aus einer Kuttentasche zieht der Priester einen Stab, taucht ihn in den Topf und schüttelt ihn in alle vier Himmelsrichtungen.
„Sendet aus den Boten der wollüstigen Freuden“, ruft er dabei, „und lasst meine Wünsche Wirklichkeit werden.“
Das ist der Moment, wo ich merke, dass etwas nicht stimmt – etwas anderes, meine ich, als nur diese abgedrehte Show.
Mein Körpergefühl verändert sich. Ich schwebe schwerelos im All.
Die Welt ist eine Matrix aus Licht und Klang. Aber nur für einen Augenblick.
Dann stürze ich zurück zur Erde...
… und bin so aufgeregt wie eine Gewitterwolke. Meine Haut kribbelt elektrisiert. Ich sehe jede Kontur mit einer Schärfe, als hätte mir jemand Mikroskope vor die Augen geschnallt. Ich zähle jedes Härchen des priesterlichen Dreitage-Barts und beobachte die im hohen Bogen durch den Raum segelnden Urintropfen, in denen sich die Lichter der Kerzen spiegeln.
Dann normalisiert sich meine Sicht.
Einer der Mönche hat den Topf entsorgt. Lächelnd packt der Priester den Silberphallus zwischen meinen Schenkeln und hält ihn empor.
„Seht den Kelch der Fleischeslust, der Lebensfreude schenkt.“
Er nimmt einen Schluck von dem Wein. Für einen Moment liegt ein Glanz auf seiner Miene, dann reicht er ihn einem der Mönche, der ebenfalls trinkt und ihn weitergibt.
Als die letzte Kutte den Kelch geleert auf den Tisch zurückstellt, tritt der Priester dicht an mich heran. Er packt meine Oberschenkel und zieht mich so nahe an den Tischrand, dass meine Muschi in genitale Reichweite gerät. Fast hätte ich die Kerzenständer in meinen Händen losgelassen. Der Priester hebt seine Kutte so weit an, dass ich über meine Brüste hinweg sein vertikales Lustfleisch sichte.
Aus allen Schleusen schießt Adrenalin durch mich. Nicht dass ich noch nie einen Ständer gesehen hätte - weit gefehlt. Und doch rattert mein Herz wie eine Hardcore-Bassdrum.
Dann erscheint um den Kapuzenkopf ein pulsierendes Gewebe aus Licht.
Die psychedelische Version eines Heiligenscheins. Und ich höre:
--Geile Tussi.--
Uups... In mir höre ich einen Gedanken, aber nicht von mir, sondern aus der Denkfabrik von Teufels Liebling vor mir. Und immer noch mit der Lichthülle um seinen Kopf packt der Denker mit einer Hand seinen Ständer und schiebt ihn dicht an meine Pussy.
In einer Sekunde wird er eindringen.
Die ist noch längst nicht vorbei, als sich mir die durcheinander plappernden Gedanken der anderen Freaks offenbaren. Die Botschaft ist eindeutig: Nicht nur der Priester, auch der Rest der Truppe will sich mit mir verlustieren.
So steht das nicht im Drehbuch. Nie hätte ich dem zugestimmt.
Gothic Steve hat mich hintergangen.
Als die Sekunde zu Ende geht, bin ich richtig sauer. Und ich explodiere.
Alles um mich herum versinkt – ich weiß nicht, wie lange – in Chaos und Licht und panischem Geschrei.
Dann wird es still.
Was wirklich geschehen ist, habe ich kaum mitbekommen. Etwas in mir hat agiert, etwas Größeres und Mächtigeres als ich, und sich an den Typen ausgetobt.
Wild atmend springe ich vom Tisch. Alle Männer liegen auf dem Boden. Sie regen sich nicht. Auch der bullige Kerl ganz hinten an der Tür ist zusammengefallen.
Nur die Nonne steht noch aufrecht und sieht mich mit aufgerissenen Augen an. Der Schock hat ihr die Stimme verschlagen.
„Hey“, knurre ich, „das war nur der Teufel, also schön locker bleiben.“
Sie ist so baff, dass sie einfach nur nickt.
"Sieh nach, ob die Ärsche noch leben“, schreie ich.
Sie guckt immer noch, als wäre ich die Braut des Leibhaftigen, dann beugt sie sich über den Priester und fühlt seinen Puls.
„Er lebt“, wimmert sie und geht der Reihe nach die anderen durch. Alle sind nur bewusstlos, auch Fucking Steve. Erleichtert fühle ich in mich hinein. Was immer auch geschehen ist – es hat mich bereichert.
Ich bin mehr geworden. Etwas ist in mir erwacht. Etwas Höheres?
Ich grinse über diesen lächerlichen Gedanken.
Vor einigen Wochen war ich von der CIA rekrutiert worden. Der Vorfall bei der Schwarzen Messe hatte sich bis in ihre Kreise herumgesprochen und ihr Interesse geweckt. Sie braucht paranormal begabte Leute für ihr PSI-Agenten-Programm, vor allem Leute, die andere Leute paranormal plattmachen können. Dass ich erst 18 bin, stört sie nicht. Eine psychologische Untersuchung erbrachte, dass ich über ein „signifikant hohes Aggressionspotential“, eine „defizitäre Gewissensbildung“ und ein
„konfliktbeladenes Verhältnis zu Autoritäten“ verfüge. Die ersten beiden Punkte würden sich, so der Psychologe, gut in das Anforderungsprofil der CIA einfügen, der dritte Punkt aber könne sich für eine Zusammenarbeit als problematisch erweisen. Die Ursachen für meine „latent dissoziale Persönlichkeitsstruktur“ lägen weniger in meinen familiären Verhältnissen, die nicht ideal, aber auch nicht dramatisch sind, sondern vor allem in angeborenen Faktoren, die näher zu bestimmen die heutige Wissenschaft leider noch nicht in der Lage sei.
Nachdem der Psychologe grünes Licht gegeben hatte, lockte mich die CIA mit Geld und Ehre. Vor allem mit Geld. Bevor ich auch nur mit dem Kopf nicken konnte, lagen als Anzahlung fünfzigtausend Dollar auf einem Offshore-Konto, das sie für mich einrichteten, und sie zeigten mir die Belege. Für meine Identifizierung als Inhaberin dienen meine biometrischen Daten.
Dann wurde ich im geheimen PSI-Center einquartiert. Dort gibt es mit mir fünfzehn Adepten, die zu Killern ausgebildet werden. Dabei laufen zwei Lehrgänge parallel.
In einem lernen wir, paranormal in das Unbewusste einer Person einzudringen, wo wir ihr in einem traumartigen Szenario in einer mentalen Gestalt gegenübertreten. Die CIA nennt das ´Psychotransfer´. Zu diesem Zweck werden gut bezahlte Versuchspersonen bereit gestellt, die selbst nicht PSI-begabt sind. Im Ernstfall würden wir die mentale Gestalt einer Zielperson kampftechnisch attackieren und zu töten versuchen, was den Exitus der Person zur Folge hätte.
Da es sich aber nur um Training handelt, müssen wir das Töten auf andere Weise üben. Das geschieht in Mentalsimulationen, bei denen wir einen Helm aufgesetzt bekommen, über den Computerprogramme virtuelle Szenarien mit virtuellen Gegnern in unsere Köpfe projizieren. Solche simulierten Kämpfe kommen echten PSI-Kämpfen, so versichert uns die CIA, sehr nahe. Ungefährlich ist das nicht. Wird man vom Gegner terminiert, kann das fatale Auswirkungen auf Herz und Nervensystem haben. In extremen Fällen muss eine Reanimation durchgeführt werden, deren Erfolgschancen laut CIA bei 80 Prozent liegen.
In einem dieser virtuellen Duelle stecke ich gerade. Es ist mein sechster Übungskampf.
Mein Gegner ist eine Killer-Lolita. Die zwölfjährige Lucy.
„Ich bin, die ich bin“, sagt sie blasiert. So ein verficktes Bibelzitat.
Dann schleudert sie ihr Messer auf mich. Neben meinem Ohr dringt es einen Fingerbreit tief in die Wand ein. Ich starre wie hypnotisiert darauf.
"Oh, das war knapp", säuselt das Mädchen. "Ich muss noch üben."
Ich versuche mit beiden Händen, das Messer aus der Wand zu ziehen. Es ist unmöglich. Die Klinge steckt fest wie einbetoniert. Ich ziehe noch einmal mit aller Kraft... vergeblich.
Als ich wieder zu Lucy blicke, steht das Biest neben dem Tisch, doch in der nächsten halben Sekunde ist es direkt vor mir und schlägt mir ins Gesicht. Der Schmerz brennt auf meiner Wange wie von einer Flamme. Nochmals schlägt Lucy zu, diesmal auf die andere Wange. Ich sinke benommen auf die Knie.
"Verliere niemals deine Balance", doziert sie mit erhobenem Zeigefinger. "Liest du denn keine Zen-Bücher?"
Mit einem brutalen Tritt streckt sie mich zu Boden. Ein greller Schmerz strahlt durch meinen Körper. Verzweifelt krieche ich von Lucy weg.
Sie packt den Griff des Messers in einer affektierten Pose mit Daumen und Zeigefinger und zieht es mühelos aus der Wand. Mit einem Stück ihres Hemdes wischt sie den Griff ab.
"Erst in deiner Pussy fingern und dann mein schönes Messer anfassen", schnurrt sie. "Das mag ich gar nicht."
Ich sehe sie vom Teppich aus wütend an. Dass sie nur virtuell ist, habe ich fast vergessen.
"Was...?"
"Na, was hast du denn in den letzten Wochen so getrieben ohne einen Herzbuben? Ich kann mir´s schon denken."
Die letzten Worte spricht Lucy langsam und jede Silbe betonend. Dann beugt sie sich über mich und drückt mich mit der linken Hand zu Boden. Das Messer in ihrer rechten Faust senkt sich zentimeterweise auf mein Gesicht herab. Mit beiden Händen halte ich ihr Handgelenk gepackt, kann die Abwärtsbewegung aber kaum mindern.
Nun, vielleicht ist es jener berühmte Effekt, der Menschen in Extremsituationen zu übermenschlichen Kräften befähigt, jedenfalls kann ich, als die Klingenspitze droht, meine über alles geliebte Augenhornhaut zu durchbohren, Lucys Arm nach oben stoßen.
Ich bin plötzlich eins mit der brennenden Lust zu töten. Eine Sekunde lang.
Diese Sekunde reicht, um Lucy aus dem Takt zu bringen. Ich reiße ihre das Messer haltende Hand wieder nach unten, um sie dann mit aller Kraft gegen Lucys Nase zu stoßen. Von der eigenen Faust getroffen stöhnt das Biest auf. Das Messer fällt neben uns zu Boden. Aus Lucys Nasenlöchern läuft Blut.
Dieser Anblick, ich weiß nicht warum, bringt mich erneut auf Touren. Alles ist plötzlich so leicht. Ich komme blitzschnell auf die Beine, während sie noch in der Hocke ist, und ramme ihr ein Knie ins Gesicht. Sie stöhnt und kippt rücklings auf den Teppich.
„Ich bin doch nur ein Mädchen“, jammert sie, aber mir ist das sowas von egal. Ich beuge mich über sie und knalle ihr meine Rechte ins Gesicht. Dann meine Linke. Und wieder die Rechte. Und wieder die Linke...
Sie schreit wie ein misshandeltes Kind. Unbeeindruckt packe ich sie am Hemd und schleudere sie gegen die Wand. Sie prallt gegen die Stelle, wo vorher das Messer gesteckt hat, und fällt zu Boden. An der Wand kleben Blutflecken vom Aufprall ihres Gesichts.
Schnell packe ich das fallengelassene Messer und bin mit einem Schritt über ihr. Sie sieht aus, als hätte ihr Mike Tyson die Meinung gegeigt. Ich hole mit der Klinge aus, um dem Spuk ein Ende zu bereiten.
„Nein, nein“, ruft sie in Panik. Aus ihren verquollenen Kinderaugen schießen Tränen, und sie beginnt zu schluchzen.
Ich halte inne. Himmel, was habe ich getan? Unter mir liegt ein Mädchen, das meine kleine Schwester sein könnte. Ja, sie erinnert mich an Selma, die mich so oft geärgert hat, dass ich sie ein paar Mal schlug. Und doch liebe ich sie von Herzen, wie man seine Schwester eben liebt.
Für ein oder zwei Sekunden verliere ich mich in dieser Erinnerung.
Dann...
Shit...
Lucy ist verschwunden. Und das Messer in meiner Hand ebenfalls.
„Game over“, sagt das Aas hinter meinem Rücken. Ich fühle einen unglaublich beißenden Schmerz... Sie hat mir die Klinge in den Hals gerammt…
In der nächsten Sekunde schwebe ich körperlos im Labor und spüre weder Schmerz noch Verwirrung. Ich kann sehen, hören, fühlen und riechen, obwohl ich keinen physischen Körper habe. Als erstes höre ich die Stimme von Goodwill:
„Grundgütiger, es hat sie erwischt.“
Der junge Laborassi deutet auf einen Wandbildschirm, der die Simulationsszene zeigt. Mein digitales Äquivalent liegt auf dem Boden und umfasst sein Genick, in dem ein Messer steckt. Auf dem Teppich hat sich eine Blutlache gebildet. Lucy steht über mich gebeugt und dreht ihren Kopf so, dass sie in die virtuelle Kamera an der Zimmerdecke blickt. Sie grinst wie nach einem Kinderstreich.
„War ich gut?“, klingt ihr Stimmchen aus einem Lautsprecher. Goodwill zeigt auf die medizinischen Displays.
„Galaxy hat einen Herzstillstand!“
„Das sehe ich auch“, knurrt Whitman, der bebrillte Versuchsleiter.
„Miller! Hornby! Schafft sie auf den Behandlungstisch! Schnell!“
Die prolligen Gehilfen – von mir würdevoll Itchy und Scratchy getauft – eilen zur Kabine und reißen die Tür auf. Ich sehe mich darin mit auf die Brust gesunkenem Kopf im Sessel hängen. Mit flinken Fingern entfernt Itchy den Helm. Meine Augen sind geschlossen und mein Gesicht totenblass. Sie heben mich aus dem Sessel und tragen mich zu einem Tisch.
Goodwill hat inzwischen einen Defibrillator startklar gemacht. Kaum hat Scratchy meinen Oberkörper entblößt, presst Goodwill beide Pads auf meinen Brustkorb und gibt Stromstöße.
Nichts geschieht. Ich, wie ich jetzt im Raum schwebe, spüre nichts davon. Und mein Körper bleibt regungslos. Goodwill setzt seine Bemühungen fort, aber ohne Erfolg.
Ich nehme das alles gelassen zur Kenntnis.
Ich fühle kein Drang, in meinen Körper zurückzukehren.
Ich fühle nur Ruhe und eine Zentriertheit, als sei ich endlich dort, wo ich schon immer hinwollte.
Mein Körper ist tot, aber ich lebe.
Gerade ruft Whitman: „In die Krankenstation mit ihr!“, als sich alles verändert. Die Szenerie löst sich nebelartig auf. Um mich herum erscheinen farbige dreidimensionale Muster, die sich ausdehnen und zu einem einzigen Muster verschmelzen, das mich sphärenartig umgibt, ein dichtes pulsierendes Gewebe aus Energielinien mit Farben, die ich zum Teil noch nie gesehen habe. Dahinter ist das Labor völlig verschwunden, so wie ein Traum ins Nichts versinkt, wenn man bei Tageslicht erwacht. Ja, dieses phantastische Lichtgewebe ist wirklicher als die Welt des Labors und meines auf einem Metalltisch liegenden Körpers.
Ich habe jedes Zeitgefühl verloren. Gibt es hier überhaupt Zeit? Nein, kein Augenblick vergeht, um einem neuen Platz zu machen. Alles ist rei- ne Gegenwart, und mein Bewusstsein ist so klar, wie ich es noch nie er- lebt habe. Jetzt erst weiß ich, was Bewusstsein, was Klarheit überhaupt ist.
Dann explodiert mein Ich bis an den sternenlosen Rand des Universums und darüber hinaus.
Schließlich – ob nach Minuten oder Jahren, weiß ich nicht – zerfranst das Universum und schrumpft zu einem Punkt zusammen.
„Ok. Sie lebt.“
Wie durch tausend Wattebällchen höre ich eine Männerstimme. Hinter meinen geschlossenen Lidern glüht grelles Licht. Ich fühle mich in etwas Zähes und Schweres eingezwängt... in meinen Körper. Auf meiner Wange spüre ich den Druck von Fingern.
„Verstehen Sie mich, Miss Doom?“ Das ist Cole, der grauhaarige Medizinmann des Labors. „Können Sie die Augen öffnen?“
Ich versuche es. Es klappt beim dritten Anlauf. Vor dem Hintergrund der Deckenlichter sehe ich über mir die angespannten Gesichter von Cole, Whitman, Goodwill und einer jungen Krankenschwester.
Cole nimmt die Beatmungsmaske von meinem Mund.
„Wie geht es Ihnen?“
Ich krächze etwas, das ´Leck mich´ lauten soll. Nach einem Räuspern wiederhole ich, diesmal verständlich:
„Leck mich.“
Der Angesprochene nickt den anderen zu.
„Es geht ihr gut.“ Goodwill grinst mich an.
„Ja, sie ist wieder die alte.“ Ich stöhne leise.
„Sie müssen sich regenerieren, Miss Doom“, sagt Cole. „Sie bleiben ein paar Tage auf der Krankenstation.“
Ich hebe den Kopf und sehe, wie einer der Ärzte eine Tür öffnet, hinter der Itchy und Scratchy auf einem Korridor bereit stehen.
Dann geschieht etwas Merkwürdiges.
Der ganze Raum versinkt im Dämmerlicht, während die Menschen zu stummen Schatten ausdünnen. Es ist so still, als wäre der Ton abgedreht worden. Ich wende mühsam den Kopf und erblicke eine Armlänge neben mir eine nebelhafte menschliche Gestalt. Jetzt schärfen sich die Formen und lassen ein faltenreiches Gewand erkennen und darüber eine hakennasige Visage mit Augen, die mich durchbohren wie Giftpfeile.
Ich öffne den Mund, kann aber wie in einem lähmenden Traum keinen Ton herausbringen.
Da hebt die Gestalt einen Arm und berührt mit den Fingerspitzen meine Stirn.
Aus dem Nichts erscheint um mich herum eine Tempelhalle mit Säulen und Fackeln an den Wänden. Direkt vor mir steht ein Steinblock, auf dem ein gefesselter nackter Mann liegt, der wie ein Indio aussieht. Nein, er i s t ein Indio, ohne Zweifel, und sein Blick fleht mich angstvoll an.
Um uns herum stehen in weitem Kreis einige Dutzend weitere Indios. Zum Teufel, wenn mich nicht alles täuscht, sind das Azteken oder Mayas, jedenfalls Indianer aus der Pyramidenzeit.
Dann sehe ich das Messer in meiner Hand, dessen Klinge im Schein der Fackeln blitzt. Als ich den Arm hebe und das Messer in die Brust des Mannes stoße, mitten in sein Herz, und sein greller Schrei sich in den Weiten der Halle bricht, um von der Stille aufgesogen zu werden, da erfüllt mich ein Gefühl von Größe und Heiligkeit und der Gedanke:
Ehre sei den Göttern.
„Kommt rein.“
Oh Scheiße, das ist Coles Stimme, und ich sehe wieder die geöffnete Tür des OP-Raums. Der Tempel ist wie weggeklickt, ebenso die seltsame Gestalt, die mich dorthin geschickt hat.
Gerade will Itchy im Türrahmen einen Schritt in den Raum hinein machen, als sich meine Wahrnehmung mikroskopisch verfeinert und die Dinge in Zeitlupe ablaufen.
Noch berauscht von dem blutigen Ritual überkommt mich das Verlangen, Itchy in den Hades zu schicken. Meine Wut auf ihn kommt nicht von ungefähr: Vor zwei Wochen hatte ich ihn aus einer Laune heraus telepathisch sondiert und entdeckt, dass er vor fünf Jahren eine schwarze Studentin vergewaltigt hatte. Zu einer Verhaftung war es nicht gekommen, weil der Täter nicht gefasst werden konnte. Leider haben Itchys Gedanken nicht die Spur einer Reue gezeigt.
Während er also schneckenlangsam seinen rechten Fuß durch die Luft nach vorn bewegt, sehe ich innerhalb seines transparent werdenden Körpers ein Netz von glühenden Energiebahnen, von denen die meisten längs der Gliedmaßen und der Wirbelsäule verlaufen. Es müssen Tausende sein, aber ihre Zahl verwirrt mich nicht. Die normalen inneren Organe und das Skelett nehme ich nur schattenhaft wahr, aber auch sie schimmern von innen heraus. Einige der Energiebahnen, die vom Steißbein hinauf zum Gehirn führen, geraten in den Fokus meiner Aufmerksamkeit.
Ich habe immer noch alle Zeit der Welt, denn Itchys Fuß ist kaum mehr als drei Zentimeter vorangekommen, seit meine Mikrowahrnehmung eingesetzt hat. Also sehe ich mir die Bahnen aus nächster Nähe genauer an: Sie bestehen aus blauer Energie mit winzigen Protuberanzen an den Rändern. Diese Energie fließt nach oben, wo sie in das Lichtgewebe eingeht, das Itchys Proletengehirn durchzieht.
Ich konzentriere mich auf ein Bündel dieser Bahnen, das besonders nah an der Wirbelsäule verläuft. Sie beginnen stärker zu glühen, und statt der winzigen Protuberanzen schießen größere Funken aus ihnen heraus. Blitzartige Querströme bilden sich zwischen einzelnen Bahnen und schließen sie kurz. Als meine Konzentration den Anschlag erreicht, gibt es Explosionen an verschiedenen Stellen des Bahnenbündels.
Dann fährt ein langgezogener Schrei mitten in dieses Spektakel. Er kommt von Itchy.
Ich zoome zurück und habe wieder das ganze Zimmer im Blickfeld.
Schreiend und noch immer im Türrahmen sinkt Itchy nieder.
Alle drehen ihre Köpfe in seine Richtung. Als Cole brüllt: „Was ist los?“, wird mir klar, dass ich wieder normal wahrnehme. Ich kann mir ein Lächeln nicht verkneifen, als Itchys Körper mit einem Plumps auf dem Boden prallt.
Cole und die anderen beugen sich über ihn, nur Whitman bleibt wie angewurzelt stehen und starrt mich an. Er muss wohl noch einen Rest meines Lächelns gesehen haben, denn er ruft:
„Verdammt, das war sie!“
Er ergreift etwas auf dem Tisch neben ihm und läuft drei, vier Schritte auf mich zu. Ich bin noch zu schwach, um reagieren zu können, und bedauere, die Ebene der Mentaltrickserei verlassen zu haben.
So ist es für Whitman keine Kunst, mir eine Spritze in den Oberarm zu jagen.
Ich schreie vor Schmerz.
Und wieder schwinden mir die Sinne.
Diesmal ist das Erwachen richtig unangenehm. Ich fühle Schwindel und eine bleierne Müdigkeit. Mit Mühe überrede ich meine Augenlider dazu, sich zu öffnen.
Eine Lichtquelle seitlich von mir wirft die Silhouette eines Mannes an die Zimmerdecke.
„Wo..?“ Ich huste. „Wo bin ich, verdammt?“
Ich drehe den Kopf und sehe Whitman neben meinem Krankenbett sitzen. Es überrascht mich, ihn lächeln zu sehen, hinter den dicken Gläsern blinzeln seine Augen fast schelmisch.
„Was ist?“, frage ich gereizt. „Hat dir deine Frau ausnahmsweise einen geblasen?“
Er verzieht den Mund, ist aber bemüht, die Wärme seiner Miene aufrechtzuerhalten.
Beim Versuch, meine Arme und Beine zu bewegen, merke ich, dass sie mit Riemen ans Bett gefesselt sind. Sehen kann ich die nicht, da ich bis zum Hals mit einem weißen Tuch bedeckt ist.
„Nur eine unbedeutende Sicherheitsmaßnahme, Miss Doom.“
Die Tür öffnet sich, und ein mir unbekannter Blondschopf um die Mitte Dreißig tritt ein, nickt mir zu und nimmt auf einem Stuhl Platz.
„Es gibt eine weitere Maßnahme“, fährt Whitman fort, „die viel bedeutender ist. Es ist meine Pflicht, Sie darüber aufzuklären.“
„Was... was ist mit Itchy? Ich meine, mit Miller?“, frage ich, weil mir das gerade durch den Kopf geht.
„Er ist tot.“
Ich schweige. Nach den Monaten seit der Schwarzen Messe, in denen ich davon phantasiert hatte, einen Menschen zu töten, fühle ich jetzt nur Leere und einen Hauch von Schuld.
„Es klingt pietätlos“, sagt Whitman, „aber für unsere Sache ist Millers Tod, was Ihre Talente angeht, eine gute Nachricht.“
Ich räuspere mich.
„Hast du keine Angst, dass es dir genauso ergeht?“ Whitman zuckt mit den Schultern.
„Danke für die Überleitung, das bringt mich zu der weiteren Maßnahme“, sagt er und drückt auf ein Armband an seinem Handgelenk.
Alle Teufel, das haut rein...
Wie flüssiger Stahl strömt der Schmerz durch meine Glieder...
Für zwei Sekunden ist die Welt ein rotes Brennen... untermalt von einem seltsamen Kreischen... meinem Schrei...
Danach bin ich blind, es gibt nur leere Schwärze.
Mein Körper fühlt sich an wie von tausend Elefanten überrannt.
Ich versuche, irgend etwas an mir zu bewegen, aber nada und niente, nichts geht. Ich bin gerade mal zu Atemzügen in der Lage. Ein Oben und Unten kann ich nicht ausmachen.
„Sie sind jetzt paralysiert, Miss Doom“, höre ich Whitmans Stimme.
„Wir haben Ihnen während Ihrer zweitägigen Bewusstlosigkeit einen Chip ins Gehirn implantiert, der auf ein Signal hin diesen Effekt auslöst. Ich war so frei, dieses Signal zu geben. Nur Ihre wichtigsten biologischen Funktionen, wie das Atmen, sind noch aktiv.“
Na toll. Die Scheißer haben mich in der Zange. Aber sowas von.
„Ihnen ist vielleicht der Begriff Wachkoma bekannt“, fährt er fort.
„Ihr Zustand ist ähnlich. Anders als Wachkomapatienten sind Sie blind, können aber, wie diese, alles hören. Das jedenfalls berichteten Versuchspersonen, an denen wir den Chip testeten. Ich gehe also davon aus, dass Sie mich verstehen.“
Ich würde ihn am liebsten anspucken, muss aber aus technischen Gründen darauf verzichten. Diese lähmende Finsternis ist das ultimative Schachmatt.
„Aus Ihrem Körper entfernt werden kann der Chip nur durch uns. Denn nur wir haben das dafür nötige Passwort. Versucht das jemand, ohne dem Chip das Passwort zu übersenden, wird sich dieser selbst zerstören und dabei Ihr Zentralnervensystem irreparabel schädigen.“
Ich kann nichts tun, als ihm zuzuhören. Nicht mal im Ansatz ist es mir möglich, mit mentalen Tricks aufzuwarten.
