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Der junge Bücherwurm Gunnar hat noch nicht viel von der Welt gesehen. Die Welt in der er lebt ist gezeichnet vom Untergang alter Hochkulturen, von Kriegen, Flüchtlingsströmen und einem Wandel des Klimas. Ungünstige Bedingungen für eine Reise ins Unbekannte. Gunnar plant diese Reise allem zum Trotz. Er plant sie schon lange. Zu lange! Er hat sich vorgenommen die Acht Weltwunder zu sehen, beschrieben in einem alten Text, verteilt über drei Kontinente. Auf dem Weg zum ersten dieser Wunder, der sagenumwobenen Ruinenstadt Nekropolis, begegnet er einer merkwürdigen Gruppe. Scheinbar Flüchtlinge aus dem von Kriegen zerrissenen Norden. Diese Gruppe hat jedoch ihre ganz speziellen Gründe in den Süden zu fliehen. Und sie hat ihre ganz speziellen Gründe sich für alte Weltwunder zu interessieren. Besonders für solche, die noch verborgene Schätze zu beherbergen scheinen.
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Seitenzahl: 593
Veröffentlichungsjahr: 2020
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Epilog
Die Blätter der Espen wedelten im Wind, ganz so, als würden sie die neuen Siedler begrüßen wollen.
Mittlerweile waren jene Siedler jedoch schon nicht mehr ganz so neu in diesem verwilderten Land, die Blätter aber winkten immer noch. Allerdings nur bei Wind. Also fast immer.
Liff saß mit ihrer Großmutter im Schatten der Espen und pulte sich mit einem kleinen spitzen Stöckchen den schwarzen Dreck von den Fingernägeln.
Die beiden hatten schon seit Stunden, kaum dass die Sonne aufgegangen war, im Beet mit den kleinen Kohlpflänzchen gehockt und in mühsamer Arbeit das Unkraut heraus gerupft.
Nicht ohne Stolz blickte Liff nun auf ihre vollbrachte Arbeit. Wo vorher nur ein kleiner Wald von grünem Durcheinander zu sehen gewesen war, stand jetzt der Kohl gut sichtbar in ordentlichen Reihen. Nur von dunkelbrauner Erde umgeben. Aber Moment mal, stand da etwa noch ein kleines Springkraut, ganz dicht bei einem der Kohlpflänzchen? Ihre Großmutter konnte offensichtlich nicht mehr gut gucken. Liff fühlte sich durch dieses übriggebliebene Unkraut gestört, allerdings hatte sie auch absolut keine Lust, wieder aus dem Schatten in die pralle Sonne zu kriechen und dieses verdammte Kraut rauszurupfen.
Für heute hatte sie genug getan! Ihre Knie waren wund und ihr Rücken tat weh. Jetzt wollte sie nur noch im Schatten liegen und...
„Steht da noch ein Unkraut?“ Liffs Großmutter hatte sich vorgebeugt und kniff angestrengt die Augen zusammen. Ja Oma, da ist noch was. Kriech hin und mach es weg! dachte Liff genervt und pulte weiter an ihren Fingern, als hätte sie nichts gehört.
„Da hat wohl jemand nicht ordentlich aufgepasst.“ Die Großmutter blickte nun streng zu Liff herüber und hob tadelnd ihren wulstigen Zeigefinger.
Ja, du! Dumme alte Schachtel. Liff machte ihre Augen zu und lehnte sich an den Stamm der Espe, unter der sie saß. Der Wind im Schatten tat unglaublich gut.
„Da muss wohl jemand nochmal ins Beet!“, leierte die alte Frau und kramte in den Taschen ihrer schmutzigen Schürze.
Dann geh doch, ich halte dich nicht auf. Manchmal ging ihr die Großmutter so sehr auf die Nerven, dass sie am liebsten...
„Wenn jemand nochmal ins Beet geht, gibt es auch eine Erdbeere zur Belohnung.“ Liff machte nun doch ihre Augen auf. Die Großmutter hatte zwei dicke, saftige Erdbeeren in ihren Händen und wedelte mit ihnen in der Luft herum.
Hatte sie die etwa die ganze Zeit in ihrer Tasche? wunderte sich Liff etwas angeekelt. Aber zermatscht sahen die roten Früchte nicht aus. Und Liff hatte wirklich großen Appetit auf irgendwas saftiges, fruchtiges und süßes.
Mit verkniffenem Gesicht und demonstrativ stöhnend, kroch Liff zu dem verfluchten Unkraut. Sie rupfte es raus, kroch wieder in den Schatten zurück und pfefferte das Pflänzchen zu seinen gerupften Schicksalsgenossen in ihren kleinen Eimer.
„So ist brav“, lächelte die Großmutter zufrieden und hielt Liff die versprochene Erdbeere hin. Liffs Meinung nach die kleinere der beiden Früchte, aber sie nahm sie trotzdem dankbar an.
Ein paar Wimpernschläge später war von ihrer Belohnung nichts mehr übrig, während die alte Frau noch immer an ihrer Beere lutschte.
Etwas wütend legte sich Liff ins Gras und schaute den Blättern beim Winken zu. Sie und ihre ganze Sippe lebten schon seit ein paar Monaten in dieser Gegend.
Als sie hier ankamen, waren die Bäume gerade dabei gewesen ihre zarten Knospen zu entwickeln. Und nun war alles üppig grün, überall blühte es und die Sonne schien vom blauen Himmel wie schon lange nicht mehr. Anscheinend hatte ihre Sippe nach langer Wanderung endlich eine schöne neue Heimat gefunden. Ein neues Zuhause, wärmer und friedlicher als ihre alte Heimat.
Wenn Liff an die alte Heimat zurückdachte, lief ihr oft ein kalter Schauer über den Rücken. Aber diesmal nicht, denn dafür war dieser Tag einfach zu schön. Trotz des ganzen verfluchten Unkrauts.
„Ich geh spielen, in Ordnung Großmutter?“, fragte Liff.
Sie hatte nicht unbedingt vor zu spielen, aber das ging die alte Frau ja nichts an. Liff hatte etwas ganz anderes vor.
„Mach das, Kindchen.“ Ihre Großmutter lächelte ihr zu.
Liff kroch zu ihr hin und drückte sie kurz. Eigentlich hatte sie die alte Frau ja lieb. Dann nahm sie ihren Eimer und kippte den Inhalt zu dem restlichen Unkraut, das sie den ganzen Tag über gerupft und auf einen Haufen geworfen hatten. Sollten sich die Würmer damit befassen.
Nachdem sie den kleinen, hölzernen Eimer in einem kleinen, hölzernen Schuppen verstaut hatte, lief sie auf direktestem Weg zu dem Weiher, der sich in der Nähe des Dorfes bis zum großen Wald hin ausbreitete.
Dabei kam Rolf ihr in die Quere, ihr jüngster Bruder.
„Spielst du mit mir?“, fragte er quengelig. Er war noch so klein. Und er sabberte ständig.
„Ich hab keine Zeit“, sagte Liff genervt. Sie hatte keine Zeit für Kleinkinderspielchen. Sie war aus dem Alter für solche Sachen raus. Andauernd bekam sie von irgendwem zu hören, wie groß sie schon geworden sei und dass sie schon bald eine richtige Frau werden würde...
Was für ein dummes Geschwafel! Aber wenn das nun einmal so war, brauchte ihre Mutter auch nicht zu erwarten, dass sie sich immer um die kleinen Kinder kümmerte.
Ihr Bruder sah sie wehleidig an. Fang bloß nicht an zu heulen! dachte sie und schaute sich um. Ihre Eltern waren nirgends zu sehen. Aber ihre Großmutter saß noch im Schatten der Espen.
„Da hinten ist Oma, siehst du?“, fragte Liff den kleinen Rolf. Der blickte dorthin, wo Liffs Arm hinzeigte und nickte zögernd.
„Die hat gaaanz leckere Erdbeeren. Geh zu ihr hin, dann gibt sie dir welche.“ Liff konnte sich ihr Grinsen kaum verkneifen. Ihr kleiner Bruder bekam von dieser Verheißung wieder bessere Laune und lief zur Großmutter hinüber.
Den bin ich erst mal los! dachte sie zufrieden. Sie ging schnell weiter, wollte das Geheul nicht hören, wenn der Kleine seine versprochene Erdbeere nicht bekam.
Kurz vor dem Weiher hockte sie sich ins Gebüsch. Von hier aus konnte sie das kleine Gewässer gut überblicken, ohne selbst gesehen zu werden.
Die Männer waren gerade dabei in dem Wasser zu baden, nachdem sie fast den ganzen Tag damit verbracht hatten, ein großes Langhaus zu errichten. Ihr Vater wollte, dass es noch diesen Sommer fertig wurde.
Liff hätte lieber dabei geholfen, statt in der prallen Sonne mit ihrer Großmutter Unkraut zu pflücken. Aber nun ja...
Die Männer waren nackt und planschten im trüben Weiher. Ein Ritual, das sich jeden Tag zu wiederholen schien. Ihr ältester Bruder Ragnar war auch dabei, darauf hatte sie gehofft.
Der arme Ragnar. Damals, in ihrer alten Heimat, hatten die verfluchten Druiden ihn als Geisel genommen, als er in ihrem heiligen Eichenwald gespielt hatte. Oder was auch immer er dort getrieben hatte. Sie gaben ihren Bruder erst wieder heraus, als ihr Vater versprach, ihnen sein nächstes Neugeborenes zu geben. Ihr Vater war auf diesen Handel eingegangen, denn er wusste nur zu gut, was diese elenden Priester sonst mit seinem Ältesten gemacht hätten.
Entgegen aller Erwartungen war Liffs Mutter bald darauf erneut schwanger geworden. Das war wohl der Hauptgrund für ihre Sippe gewesen, sich eine neue Heimat zu suchen. Zumindest hatte Liff sich das so zusammengereimt. Die Druiden waren sie damit jedenfalls los geworden.
Das Neugeborene aber kam als Totgeburt zur Welt. Liff war sich nicht sicher, was sie davon halten sollte. Ihre Großmutter jedoch sprach immer von einem Fluch.
Aber nun konzentrierte sie sich wieder auf Ragnar. Er war ein sehr großer, kräftiger Kerl. Leider ein wenig seltsam, seit seinem Aufenthalt bei den Druiden. Vor allem sehr wortkarg, aber er war ein tüchtiger Mann. Das sagte zumindest sein Vater immer über ihn. Voller Stolz. Heute wollte Liff ihren großen Bruder nicht wieder aus den Augen verlieren!
Die letzten Tage war er immer mit einer Schaufel im Wald verschwunden. Gestern war es Liff gelungen, ihn noch bis zum Moor unauffällig zu verfolgen. Aber übers Moor hatte sie sich dann doch nicht weit getraut. Es war neblig und unheimlich gewesen...
Aber heute scheint ja die Sonne! machte sie sich selbst Mut. Wenn Ragnar sich alleine durch das Moor traut, dann ich ja wohl auch! Schließlich war sie schon fast erwachsen.
Ihr Bruder stieg aus dem Wasser, trocknete sich ab und zog sich wieder an. Er verabschiedete sich von den Männern, darunter war auch ihr Vater, und ging zu einem der Schuppen. Wie jeden Tag.
Liff schlich ihm hinterher. Sie achtete darauf, von niemandem gesehen zu werden. Heute wollte sie endlich wissen, was ihr Bruder bis in die Abenddämmerung hinein alleine in der Wildnis trieb.
Gestern war er auch erst wieder ins Dorf zurückgekommen, als es schon längst dunkel geworden war. Sie wunderte sich ein bisschen, dass ihre Eltern nichts dazu gesagt hatten und glaubte einmal mehr, dass ihr Bruder seit seinem Aufenthalt bei den Druiden tun und lassen konnte was er wollte. Das ärgerte sie so sehr!
Ragnar kam wieder aus dem Schuppen heraus, mit einer Schaufel in der Hand. Wie jeden Tag. Er hatte sich sogar diesmal eine Fackel genommen und steckte sie sich in seine löchrige Weste. Er blickte sich um und überzeugte sich davon, dass ihn niemand bemerkte. Liff duckte sich hinter einen Strauch.
Ihr Bruder ging dann schnellen Schrittes in den dunklen Wald hinein. Liff bemühte sich ihn zu verfolgen, so gut sie konnte. Vor allem so leise und unauffällig wie möglich.
Sie trat in den Schatten des Waldes. Irgendwo hämmerte ein Specht.
Ragnar war schnell und bemühte sich kaum, leise zu sein. Liff hingegen achtete darauf, möglichst ohne knacken und rascheln über die vielen Zweige und an den unzähligen Farnen vorbei zu kommen. Immer wieder verlor sie Ragnar aus den Augen, dann hatte sie jedes Mal kurz Angst ganz alleine im Wald zu sein und vielleicht den Weg zurück zum Dorf nicht wieder zu finden.
Dann reckte und streckte sie sich über das dichte Farnkraut und fand ihren Bruder doch irgendwo sitzend oder stehend. Mal pinkelte er, mal murmelte er einfach nur vor sich hin und schien irgendwelche Tiere zu beobachten. Diesmal unterhielt er sich mit einem Eichelhäher. Oder es klang zumindest so. Der Vogel machte gerne Geräusche nach und wunderte sich wohl, dass er selbst nun nachgemacht wurde.
So flöteten und trällerten die beiden komischen Vögel miteinander. Das ging für Liff eine gefühlte Ewigkeit so.
Verdammt Ragnar, beweg dich! Husch! schimpfte sie innerlich und wurde langsam griesgrämig. Sie dachte daran, dass ihr Bruder die letzten Tage fast immer den gleichen Weg durch den Wald zum Moor gegangen war und tröstete sich damit, so zumindest die Richtung zu kennen, in die er wollte. Für den Fall, dass sie ihn wirklich einmal völlig aus den Augen verlor. Aber das wollte sie trotzdem unbedingt vermeiden. Die vergangenen Male hatte sie immer ganz alleine durch den Wald zurück zum Dorf gehen müssen. Das war so schrecklich unheimlich...
Reiß dich zusammen, du bist kein Mädchen mehr! ermahnte Liff sich im Wortlaut ihrer Mutter.
Sie musste pinkeln. Sie schaute noch einmal über den Farn hinweg und überzeugte sich davon, dass ihr Bruder noch immer auf seinem abgestorbenen Baumstamm hockte und vor sich hin flötete.
Sollte sie es riskieren? Sich schnell hinhocken? Sie musste so schrecklich nötig! Ihr wurde im Schatten der Bäume auch langsam kalt.
Schnell und so leise wie sie konnte zog sie sich ihre Hosen herunter und hockte sich über das feuchte Moos. Dabei kam ihr der Gedanke, dass es doch praktischer wäre, einfach nur einen Rock zu tragen. So wie ihre Mutter es von ihr immer wieder verlangte. Aber gerade deshalb trug sie lieber alte Hosen. Auf einmal hörte sie Ragnar weitergehen. Verdammt!
Sie musste ihr Pinkeln abbrechen und nässte in ihrer Eile auch noch ihre Unterhose ein. Aber sie wollte Ragnar auf keinen Fall aus den Augen verlieren. Sie stolperte über eine Wurzel, fluchte leise und horchte.
Ragnar flötete weiter vor sich hin, er hatte also nichts gehört. Gut so!
Liff hoffte, dass er weiter so vor sich hin trällern würde, denn das mochte ihr die ganze Sache erheblich erleichtern. Darauf achtend, möglichst nur auf Moos zu treten, huschte sie weiter.
Nun kam der Teil des Waldes, den sie besonders unheimlich fand. Vielleicht pfiff Ragnar deshalb, weil er auch Angst hatte? Jedenfalls standen hier fast nur große, finstere Nadelbäume. Es war düster und schrecklich ungemütlich. Sie blickte bange zu den im Wind schaukelnden Wipfeln der hohen Tannen und wäre dabei beinahe in einen Armeisenhaufen getreten.
Sie fluchte wieder. Dann hielt sie inne. Hatte Ragnar sie gehört? Sie hörte kein Pfeifen mehr. Mit einem unguten Gefühl schlich sie weiter, trat auf einige knackende Zweige und hielt wieder inne.
Da war Ragnar! Er saß am Rande des Waldes und kaute auf etwas herum. Hatte er sich was zu essen mitgebracht? Liff verfluchte sich, nicht auch an ein wenig Proviant gedacht zu haben. Sie merkte ihren Hunger wieder. Ihr Magen knurrte.
Erschrocken duckte sie sich hinter eine krumme Fichte. Ob Ragnar das gehört hatte? Vorsichtig spähte sie an dem Baum vorbei. Ihr Bruder war schon wieder aufgestanden und ging weiter.
Ins Moor. Liff zog sich der Magen zusammen. Das Moor fand sie noch viel unheimlicher als den finsteren Wald.
Es wimmelte dort von Schlangen und fetten Echsen und Spinnen und riesigen Libellen. Als sie Ragnar das letzte Mal verfolgt hatte, war sie auf den fauligen Bohlen dort ausgerutscht und im Wasser gelandet. Sie wäre beinahe ertrunken und war danach gleich wieder umgekehrt, ohne dass ihr Bruder etwas gemerkt hatte.
Mit viel Glück hatte sie den Weg zurück zum Dorf gefunden, nachdem sie sich zwischen den Bäumen völlig verlaufen hatte. Sie war kurz davor gewesen loszuweinen. Aber diesmal wollte sie es besser machen. Sie war kein Kind mehr, jawohl! Orientierung war halt noch nie ihre Stärke gewesen. Liff nahm ihren Mut zusammen und folgte ihrem Bruder ins Moor.
Der reinste Sumpf! fluchte sie innerlich. In ihrer alten Heimat war es auch überall so feucht und matschig gewesen, nur dort wo die Druiden sich mit ihren Kultstätten breit gemacht hatten, war es trocken und schön gewesen.
Ob es hier wohl auch Druiden gab? Sicher nicht im Moor, aber hier irgendwo in der Gegend? Bisher waren sie keinem von diesen Typen in ihrer neuen Heimat begegnet, aber was hieß das schon? Wer weiß, was sich alles hier im Moor versteckt?
Liffs Fantasie ging wieder einmal mit ihr durch. Bald sah sie überall Schlangen, wo sich nur Gras im Wind bewegte und große Echsen, wo nur Holz lag. Es war einfach nur schaurig.
Aber da es nur wenige Bäume hier gab, konnte sie Ragnar gut sehen und ihm etwas mehr Vorsprung lassen. Sie hatte jetzt auch den alten Bohlenweg erreicht, der ganz plötzlich aus dem Matsch auftauchte und dann stramm geradeaus durch das Moor führte.
Beim letzten Mal war sie ganz aufgeregt gewesen, als sie diesen Weg gesehen hatte. Er bedeutete, dass schon vor ihrer Sippe Menschen hier gehaust haben mussten. Aber sie hatte ihre Entdeckung für sich behalten müssen, denn sie konnte ja nicht verraten, woher sie von dem Weg wusste.
Wenn ihre Mutter erfuhr, dass sie im Moor war!
Und ihr Vater erst!
Ganz alleine in der Wildnis...
Ragnar jedenfalls hatte bestimmt nichts erzählt. Aber es konnte gut sein, dass die Männer ihres Dorfes bei ihren Streifzügen durch die Umgebung diesen Bohlenweg schon entdeckt hatten. Nur gesagt hatte ihr niemand etwas. Wozu auch?
Sie schlich weiter, achtete darauf, nicht wieder auf den feuchten Bohlen auszurutschen. Das Holz war matschig, an den meisten Stellen kaputt gefault und versank zum Teil komplett im Moor. Liff rutschte aus. Sie schlug sich das Knie auf. Sie fluchte leise. Dann schlich sie weiter, Ragnar in der Ferne immer im Blick. Sollte er sich einmal umdrehen, musste sie sich ganz schnell auf den Weg schmeißen und so flach wie möglich machen.
Ragnar drehte sich um. Liff schmiss sich auf die Bohlen und drückte sich an das nasse Holz. Sie wagte kaum zu atmen. Konnte er sie gesehen haben?
Sie hörte Frösche quaken. Sie blinzelte und sah das blühende Wollgras sich im Wind neigen. Konnte sie schon wieder hochkommen und gucken? Sie lauschte angestrengt. Hörte sie etwa Schritte? Kam Ragnar auf sie zu? Ihr Bruder konnte ziemlich böse werden, wenn er schlecht gelaunt war. Und er mochte es nicht, verfolgt zu werden, das wusste sie. Er hatte sie einmal verprügelt, als sie ihm im letzten Winter in den Wald gefolgt war. Er hatte sie in den Schnee gedrückt und ihr gesagt, dass er alleine sein und seine Ruhe haben wolle. Aber damals war sie auch noch kleiner und schwächer gewesen. Halb erfroren und hungrig. So etwas würde sie sich sicher nicht mehr so einfach gefallen lassen!
Sie drückte mit ihrem linken Ohr auf die Bohlen. Sie hörte ganz eindeutig Schritte näher kommen. Oh nein! Die Schritte hielten an, ganz in der Nähe. Eine Libelle, ein riesiges Vieh, setzte sich neben ihrem Gesicht auf die Bohlen nieder. Die Libelle starrte sie an. Liff stöhnte und hob ganz langsam ihren Kopf. Vor ihr stand auf dem Weg ein kleiner Hirsch mit einem winzigen Geweih, er schnupperte und schien sich über diese seltsame Kreatur auf dem Boden zu wundern. Liff atmete erleichtert aus. Nicht Ragnar, Puh!
Sie stand langsam auf und verscheuchte damit den Hirsch. Er floh zwischen das Wollgras ins niedrige Wasser und verschwand kurz darauf hinter einigen Erlen.
Liff schaute nach Ragnar. Er war fort! Eilig ging sie nun den Bohlenweg weiter, rutschte ein paarmal aus und erreichte schließlich die Stelle, bis zu der sie es beim letzten Mal geschafft hatte.
Links und rechts des Weges standen zwei seltsame Figuren aus Holz. Liff wusste nicht, was sie darstellen sollten. Götter? Schutzheilige? Welche Menschen hatten hier gelebt?
Sie schüttelte ihren Kopf und ging vorsichtig weiter, darauf achtend, nicht wieder nass zu werden. Sie begegnete einigen kleineren Echsen, die sich auf dem Holz des Weges sonnten.
Libellen und wunderschöne, blaue Schmetterlinge flogen ihr um den Kopf und eine Ringelnatter streckte direkt vor ihr zwischen den Bohlen das kleine Haupt heraus. Liff schien sich weit mehr vor der Schlange zu fürchten als umgekehrt. Die züngelte nur kurz in die Runde und verschwand darauf wieder unter den alten Bohlen.
Nach einiger Zeit wurde der Weg immer moosiger, verschwand manchmal sogar völlig unter Torfmoos und Sumpfgras. Liff entdeckte Ragnar in der Ferne und duckte sich. Sie hatte bereits befürchtet, ihn verloren zu haben. Aber er hätte ja wohl schwerlich den halbwegs trockenen Weg durch das feuchte Land verlassen können. Allerdings rechnete Liff bei ihrem Bruder mittlerweile mit fast allem, auch dass er plötzlich mitten im Sumpf verschwand.
Was tat er da? Liff streckte sich ganz vorsichtig ein wenig in die Höhe. Er lehnte an einer toten Birke und schien wieder etwas zu essen. In aller Ruhe.
Verdammter Hund, du sollst nicht futtern sondern weiter gehen! Ihr Magen knurrte. Ob man Torfmoos essen konnte? Sie strich über das feucht glänzende Grünzeug, das neben ihr über das Holz wucherte. Aber nein, sooo hungrig war sie noch nicht! Ragnar ging weiter. Sie folgte geduckt, bis sie sich einigermaßen sicher war, dass er sich nicht wieder umdrehen würde. Er ging nun erneut recht schnell, geradezu zielstrebig.
Nach einer ewigen Weile, Liff war schon müde und dachte daran wieder umzudrehen, endete das Moor vor einer kleinen Erhebung. Hinter der war ihr Bruder aus ihrem Blickfeld geraten. Der Bohlenweg verschwand davor ganz plötzlich komplett unter einer dicken Schicht Torfmoos und ein paar Meter weiter schien der Boden vor dem Hügel fester zu werden.
Eilig ging Liff über das Moos. Es schwankte so sehr, dass sie glaubte gleich im Moor versinken zu müssen, doch das Moos hielt. Nur ihre Schuhe waren davon leider endgültig nass geworden. Liff spürte die Feuchtigkeit unangenehm an ihren Füßen.
Vorsichtig kletterte sie die mit Gras bewachsene, kleine Anhöhe hinauf, hinter der ja irgendwo Ragnar sein musste.
Auf der Erhebung angekommen, breitete sich nun vor ihr eine sanft hügelige Landschaft aus. Der Boden dort schien sandig zu sein und statt Weiden oder Erlen, sah sie Kiefern und Wacholder in der Ferne stehen.
Ragnar verschwand gerade hinter einem der vielen kleinen Hügel.
Das musste wohl die Heidefläche sein, von der ihr Vater einmal erzählt hatte. Er und weitere Männer ihrer Sippe hatten sie in der Nähe des Dorfes entdeckt. Es musste die Heidefläche sein, von der ihr berichtet wurde, denn überall stand Heidekraut herum. Leider blühte noch fast nichts und alles wirkte braun und beinahe tot.
Aber die Fläche war offenbar riesig, hier und dort unterbrochen von kleineren Baumgruppen.
Sie kannte größere Heideflächen aus ihrer alten Heimat. Der Boden war unfruchtbar, aber wenn alles blühte... das war so schön!
Sie überlegte, ob Onkel Willehart wohl mit seiner Schafherde hier irgendwo herumstreifte, sah aber weder einen Menschen, noch irgendein Tier. Aber ganz weit in der Ferne und zum Teil hinter Wolken verborgen, entdeckte sie die Berge. Sie sah die schneebedeckten Gipfel in der Sonne leuchten. Liff seufzte. Ihre alte Heimat war noch viel näher am Gebirge gewesen, aber bis dorthin war sie trotzdem noch nie gekommen. Sie schwor sich schon seit langem, eines Tages zu den Bergen zu reisen. Mit Mühe riss sie ihren Blick von den fernen Gipfeln los. Wo war ihr Bruder?
Eilig ging sie weiter, sie durfte Ragnar nicht verlieren!
Zwischen dem Heidekraut verlief ein regelrechter Trampelpfad, dem sie folgte und dem auch ihr Bruder bis hinter den nächsten Hügel gefolgt war. Der Pfad konnte unmöglich von Ragnar in den letzten Tagen in die Landschaft getrampelt worden sein. Er musste älter sein, vielleicht so alt wie der modrige Bohlenweg? Oder gab es hier etwa wirklich noch alteingesessene Siedler?
Auf dem sandigen Hügel schaute sie sich nach ihrem Bruder um, konnte ihn aber nirgends mehr entdecken.
Sie hörte lediglich einen Kuckuck rufen. Mist! Ich hab ihn verloren. Ich hätte nicht so langsam sein dürfen...
Überall standen Bäume herum und Ragnar konnte irgendwo dahinter oder sonst wo langgegangen sein. Liff beschloss, erst mal dem schmalen Pfad weiter zu folgen. Doch der endete schon recht bald vor einem Wäldchen aus Birken. Sie huschte eilig um die schlanken Bäume herum, stolperte über einige unter der Heide verborgene Wurzeln und stand dann ganz plötzlich vor einem weiten Steinkreis. Erschrocken blieb Liff vor den großen, aufragenden Findlingen stehen.
Sie kannte solche Monumente vor allem von Erzählungen über die Druiden, denn die verfluchten Kerle hatten zwischen solchen Steinen gehaust. Ob es hier vielleicht tatsächlich...?
Etwas war hinter ihr im Birkenwäldchen! Sie hörte es schnauben. Liff traute sich nicht, sich umzudrehen. Sie hörte einen Zweig knacken. Dieses Etwas kam auf sie zu.
Liff kniff ihre Augen zusammen und stand starr vor Angst so still da wie sie nur konnte.
Sie wurde an den Schultern gepackt und gewaltsam herumgedreht.
Ragnar schimpfte sie aus.
Liff schlug seine Hände von ihren Schultern. Was fiel ihm ein sie auszuschimpfen?
„Ja ja, reg dich ab!“, schimpfte sie zurück. Ragnar schnaubte laut und schüttelte seinen Kopf.
Er wollte, dass sie zurück in die Siedlung ging. Sie hätte ihm gar nicht folgen dürfen... bla bla...
Liff beschloss, ihn gar nicht weiter zu beachten und widmete sich stattdessen den mächtigen Findlingen.
Staunend trat sie in den Steinkreis und zählte durch. Sie konnte schon besser zählen als Ragnar, der damit oft seine Schwierigkeiten zu haben schien.
„Dreizehn!“, rief sie und grinste. „So viele von diesen riesigen Steinen!“ Mit ausgebreiteten Armen drehte sie sich im Kreis. Was für Hünen mussten diese Kultstätte errichtet haben?
Ragnar hatte mittlerweile seine Schaufel genommen und war vor sich hin grummelnd weitergegangen. Liff lief ihm hinterher.
„Was hast du denn vor?“, fragte sie aufgeregt. Das hatte sie ihn schon seit Tagen fragen wollen, sich aber nicht getraut. Es wäre ihr auch lieber gewesen, ihn sozusagen auf frischer Tat zu erwischen, wobei auch immer, aber nun war es halt so wie es nun einmal war.
Ragnar sagte nichts, brummte nur und ging stur durch die Heide. Hinter einem weiteren Grüppchen aus Birken tauchten drei langgezogene Hügel auf. Sie waren mit niedrigem Gestrüpp bewachsen und nicht allzu groß.
Ragnar steuerte den mittleren Hügel an.
Nun sah Liff auch ganz deutlich, dass jemand an diesem Hügel gegraben hatte.
„Hast du einen Schatz gefunden?“ Sie war ganz aufgekratzt. Er hatte offenbar bereits in der Mitte der Erhebung einige große Steine freigelegt, die an der Längsseite so etwas wie einen Eingang zu bilden schienen. Einen Eingang, der freilich gut verschlossen war. Zumindest noch.
Ein besonders wuchtiger Findling stand direkt vor dem Weg ins Innere, Ragnar musste ihn nur noch beiseite räumen. Eine sicherlich gar nicht so einfache Aufgabe, die er sich für den heutigen Tag vorgenommen hatte.
„Du glaubst, da kann man rein, stimmt´s?“ Liff grinste ihren großen Bruder von unten an. Der schaute finster zu seiner kleinen Schwester herab.
Sie nervte ihn! Er wollte das hier in aller Ruhe erledigen. Und was, wenn seine Eltern glauben würden, er hätte die Kleine mitgenommen? In diese bisher nur oberflächlich erkundete Wildnis, in der sich sonst wer und sonst was herumtreiben mochte...
„Was ist nun?“, fragte Liff ungeduldig. „Willst du jetzt graben oder nicht?“ Sie deutete auf die freigeschaufelten Findlinge im Hügel. „Von alleine geht der große Stein sicher nicht zur Seite!“
Ragnar stöhnte laut, wandte sich ab und stapfte auf den großen Felsen zu, hinter dem sowohl er als auch Liff den Weg ins Innere vermuteten.
„Ob dahinter ein Hünenkönig begraben ist?“ Liff grübelte.
Ihre Großmutter hatte immer von den riesenhaften Hünen erzählt, die angeblich vor langer langer Zeit diese gewaltigen, steinernen Monumente errichtet hatten. Es mussten auf jeden Fall wahre Riesen gewesen sein, um solche Brocken zu bewegen.
Ragnar war auf den Hügel gestiegen und versuchte nun von oben, den Findling mit seiner Schaufel zur Seite zu drücken. Er benutzte die Schaufel dabei wie einen großen Hebel.
„Nein, bist du verrückt?!“ Liff wedelte mit ihren Armen und kletterte zu ihrem Bruder auf den Grabhügel. „Du machst die Schaufel so doch kaputt!“
Tatsächlich war der hölzerne Schaft schon leicht gesplittert. Ragnar würde eher die Schaufel entzwei brechen, als den Findling vom Eingang zu stoßen.
„Das ist dir egal?“, fragte Liff aufgebracht. „Und wenn wir die Schaufel noch brauchen?“ Sie schüttelte energisch ihren Kopf. Und überlegte. Ragnar wollte bereits wieder mit seinem Werkzeug ansetzen, da hielt Liff ihn zurück.
„Wir bräuchten einen großen, kräftigen Ast. Oder sowas.“ Sie sah sich um. „Lass uns mal bei den Bäumen gucken, ob wir da nicht was besseres als die Schaufel finden.“ Ragnar schaute sie nur verständnislos an. War er denn komplett verblödet?
„Wenn uns so ein Ast zerbricht, ist das egal. Wenn die Schaufel knacks macht dann nicht! Verstehst du?“ Liff stemmte ihre Hände in die Hüften und blickte ihren Bruder streng an. Der seufzte und rammte die Schaufel in die trockene Erde auf dem Hügel.
„Gut so! Ich guck dahinten bei den Birken und du gehst am besten dort zu dem Wäldchen da.“ Liff zeigte auf die kleine Gruppe von Bäumen, die sie meinte. Dann ging sie los. Ragnar tat sogar, was sie ihm gesagt hatte. Sie war darüber ein bisschen überrascht, aber auch erfreut.
Er war anscheinend doch nicht komplett verblödet.
Sie wollte nun aber ebenso sehr wie ihr Bruder wissen, was sich in diesem Grabhügel befand. War der König der Hünen mit Goldschätzen begraben worden? Sie ging zwischen die Birken, suchte nach einem geeigneten Ast.
Aber Birkenholz wäre wohl zu weich, um damit den großen Stein beiseite hebeln zu können. Sie suchte und grübelte. Ob der Hünenkönig möglicherweise gar nicht tot war, sondern nur schlief? Tante Gretha hatte so etwas mal erzählt. Sie liebte es, unheimliche Geschichten zu erzählen. Am allerliebsten wenn es bereits dunkel war.
Liff hob einen Ast hoch. Zu klein! Dann fand sie einen weiteren. Zu weich! Sie entdeckte unter einer Esche einen stabil wirkenden Ast. Aber nein, der war zu krumm...
Hatte Tante Gretha nicht auch mal was von Grabräubern erzählt, die von den Toten der geplünderten Gräber verflucht worden waren? Von deren Geistern verfolgt wurden?
Ach, die verrückte Alte hat so viel erzählt! Liff hielt all diese Geschichten für Märchen. Sie war doch kein kleines Kind mehr!
Völlig in ihre Gedanken versunken, trat sie in ein matschiges Wasserloch. „Verdammt!“, fluchte sie. Ihre Schuhe waren schon nass genug. Hier würde sie wohl auch keinen brauchbaren Ast mehr finden, denn das was hier herum lag war nicht geeignet. Sie nahm einen langen Stock und brach ihn durch. Es war auch viel zu feucht hier...
Dann hörte sie Ragnar rufen. Eilig lief sie zum Grabhügel zurück. Er hatte tatsächlich einen langen, kräftigen Ast gefunden. Oder hatte er ihn von einem der Bäume abgerissen? Jedenfalls war er bereits dabei, den Ast unter den Findling zu schieben um den Felsen weg zu hebeln.
„Warte, Ragnar!“, rief sie und lief den Hügel herauf. „Ich helfe dir.“
Gemeinsam versuchten sie den Ast herunter zu drücken.
Liff war dabei keine große Hilfe, aber Ragnar hatte viel Kraft. Doch der Ast brach durch. Der Findling hatte sich kaum bewegt.
Also brauchten sie einen weiteren Ast. Da der jedoch ebenfalls zerbrach noch einen weiteren.
Es fing bereits an, langsam dunkel zu werden und Liff fragte sich, ob sie schon von irgendwem vermisst wurde.
Ihre Familie war es gewohnt, dass sie sich irgendwo herumtrieb und oft erst spät nach Hause kam. Aber irgendwann würden ihre Leute sich doch Sorgen machen, fürchtete sie. Und hoffte sie zugleich.
Ragnar rammte den nächsten Ast unter den Felsbrocken. Es war ein Eschenast, sehr lang und besonders fest. Liff hoffte, dass er standhalten würde.
„Hauruck!“ Liff stemmte sich auf den Ast, Ragnar ächzte.
„Hauruck!“, rief Liff noch einmal, Ragnar stöhnte.
„Hauruck!“ Der Ast knackte, der Findling wackelte.
„Hauruck! Ragnar! Gib! Dir! Mühe!“ Der Findling wackelte vor und zurück und vor und zurück und fiel schließlich mit einem dumpfen Plumps in das Heidekraut. Der lange Ast war dabei zerbrochen, Liff purzelte den Hügel hinunter und Ragnar seufzte.
Liff stand sofort wieder auf. „Nichts passiert!“, rief sie und strahlte. Nicht, dass Ragnar sich nach ihrem Befinden erkundigt hätte...
„Ha! Der Eingang ist frei!“ Liff stand direkt vor dem nun freien Weg ins Innere des Grabes. Sie war so aufgeregt wie schon lange nicht mehr und starrte erwartungsvoll in das finstere Innere. Das finstere Innere starrte zurück.
Zumindest kam es Liff so vor. Muffige Luft schlug ihr entgegen. Langsam machte sie einen Schritt auf die niedrige Öffnung zu. Sie würden wohl hineinkriechen müssen. Sie bückte sich. Schnupperte. Sehen konnte sie nichts, innen drin herrschte absolute Dunkelheit. Es roch bloß erdig, sonst nichts... aber halt! Was hörte sie da? Knurrte da etwas? War der Hünenkönig erwacht?
Liff schlug erschrocken ihre Hand vor den Mund, drehte sich um und stieß mit Ragnar zusammen, der direkt hinter ihr gestanden hatte.
Sein Magen knurrte. Er hatte schon wieder Hunger. Er setzte sich auf den umgekippten Findling und kramte sein restliches Brot aus einer seiner Taschen.
„Du willst doch jetzt nicht etwa was essen?“, fragte Liff aufgebracht. Wie konnte er jetzt eine Pause machen, wo der Eingang endlich offen war? Doch Ragnar scherte sich nicht um seine kleine Schwester und biss genüsslich in sein Brot.
Liff merkte wieder, wie sehr auch sie Hunger hatte.
Sie war zwischen der Höhle und dem Brot hin und hergerissen. Die Höhle lief wohl nicht davon, aber das Brot verschwand in beängstigender Geschwindigkeit in Ragnars großem Mund.
„Ich hab Hunger“, sagte sie und baute sich vor dem Findling auf. Sie schaute zu ihrem Bruder hoch. Der verzog sein Gesicht, brummelte irgendwas tadelndes und gab ihr den Rest seines Brotes.
Liff lächelte dankbar und verschlang gierig die kleine Mahlzeit, wirklich satt wurde sie davon allerdings nicht.
Erwartungsvoll schaute sie wieder zu ihrem Bruder hoch.
„Sag bloß, mehr hast du nicht dabei?“, fragte sie in vorwurfsvollem Ton. Ragnar schüttelte nur stumm seinen Kopf, sprang von dem Felsen herunter und hockte sich dann vor den Eingang der Höhle. Liff hockte sich neben ihn.
„Ob du da wohl reinpasst?“, fragte sie skeptisch und betrachtete ihren Bruder. „Vielleicht sollte ich vorgehen, was meinst du? Du könntest in der Höhle stecken bleiben.“ Doch Ragnar beachtete sie gar nicht, hatte seine Fackel hervorgeholt und nun auch seine kostbaren Feuersteine.
„Du hast in den letzten Wochen zu viel gegessen, oder? Bist ein bisschen dick geworden.“ Liff sprach im Grunde nur mit sich selbst, denn Ragnar hörte nicht zu. Er hatte die Fackel vor sich auf den Boden gelegt und schlug nun seine beiden Feuersteine aneinander. Der Kopf der Fackel war mit trockenem Brennkraut umwickelt und mit dem Sekret der Feuerkröte eingerieben. Ragnar ließ die Steine Funken sprühen, doch nichts entzündete sich.
„Klappt wohl nicht, was? Soll ich noch ein wenig Heidekraut abpflücken?“ Liff schaute erwartungsvoll ihren Bruder an. Der grunzte nur genervt. Schließlich brannte die Fackel doch.
„Das hat aber gedauert.“ Liff stand auf und stemmte wieder ihre Hände in die Hüften. Sie konnte kaum noch erwarten, das Innere des Grabes zu erkunden.
„Darf ich die Fackel haben?“ Liff streckte ihre Hand aus, doch Ragnar bückte sich nur und zwängte sich durch den Eingang in die Finsternis. Die Fackel voran. Erde und kleine Steine rieselten von oben herab. Was, wenn die ganze Höhle einstürzte?
Ragnar passte jedenfalls durch. Also passte sie erst recht durch! Sie kniete sich hin und folgte ihrem Bruder.
Mutter wird schimpfen, das ist mal sicher dachte Liff. Ihre Klamotten würden schrecklich dreckig werden. Die Erde im Inneren war feucht und muffig, ihre Knie schon jetzt völlig schwarz vor Dreck.
Der Eingang schien aus kleineren Felsbrocken errichtet, die ins Innere führten. Es war eine Art Gang, der aber nur sehr kurz war. Auch die Decke des Ganges war aus kleineren Findlingen zusammengefügt. Und ehe sich Liff richtige Gedanken über den engen Gang machen konnte, war sie auch schon heraus und in der Höhle. Es war trotz der Fackel recht dunkel dort und es roch fürchterlich. Liff richtete sich vorsichtig auf und hielt sich die Nase zu.
„Ihhh, es stinkt hier.“ Sie wischte sich mit der freien Hand den Dreck von ihrer Hose. Die Höhle war gerade groß genug, dass Liff darin stehen konnte. Ragnar jedoch hockte auf dem Boden und leuchtete in alle Richtungen.
Liff sah von ihrer verdreckten Hose auf und blickte sich um. Der Schein der Fackel fiel auf etwas. Ganz hinten lagen zwei Gestalten. Liff hielt den Atem an.
Ragnar leuchtete in die entgegengesetzte Richtung, denn auch dort lag einiges herum. Er kroch dorthin. Die Gestalten verschwanden wieder in der Dunkelheit.
„Warte!“, keuchte Liff tonlos. Sie folgte ihrem Bruder gebückt ans Ende der Grabkammer. Und das war sie wohl tatsächlich, eine Grabkammer!
Ragnar kniete nun vor dem Krempel, der ganz hinten aufgetürmt war. Liff erkannte Scherben, einige noch halbwegs intakte Tonvasen und kleinere Knochen. Ob die Knochen von Tieren sind? fragte sie sich. Ragnar hatte seine Schaufel mit in die Höhle genommen und stocherte damit in dem Plunder herum. Er förderte noch vergammelte Kleidungsfetzen hervor, Reste von Holzstücken und ein paar verrostete Gegenstände. Er grunzte unzufrieden.
„Nichts dabei, was?“ Liff seufzte. Mehrere Brocken Erde rieselten von der niedrigen Decke herab. Ragnar wandte sich um und kroch ans andere Ende der Grabkammer, Liff folgte gespannt.
Dort, umgeben von aufgerichteten Findlingen, lagen zwei Skelette. Besonders riesig konnten die beiden aber zu Lebzeiten nicht gewesen sein, schoss es Liff bei dem Anblick durch den Kopf.
Ragnar hockte zwischen den Toten und leuchtete in die Runde. Vom Qualm der Fackel musste Liff husten. Sie kauerte sich vor eines der Skelette. Die Toten waren mit zerfallenen Kleidern, Tüchern und etwas Erde bedeckt, um sie herum lagen an den Findlingen zahlreiche Gegenstände, genau wie am anderen Ende der Kammer. Verrottetes und verrostetes. Ein paar Sachen aus Ton...
Die zwei Toten starrten mit leerem Blick an die Decke.
Liff fragte sich, wie lange sie das wohl schon taten. Das Skelett vor ihr hatte die knochigen Finger um ein stark vom Rost zerfressenes Schwert gelegt. Die andere Leiche hielt ein kleines, zu Knochen zerfallenes Tier in den Händen. Liff konnte nicht erkennen, was für ein Tier es einst gewesen sein mochte. Ihr Bruder wischte die Knochen beiseite und durchsuchte das erste Skelett. Liff glaubte, es könnte die Frau von dem Toten gewesen sein, der vor ihr lag. Vorsichtig rutschte Liff ein Stückchen weiter und nahm dem Toten das Schwert aus den Händen. Dabei brach die linke Hand der Leiche ab.
„Ups.“ Liff blickte zu Ragnar, doch der war damit beschäftigt, seiner Leiche eine Kette abzufummeln. Sie legte das unbrauchbare Schwert zur Seite und nahm das alte Tuch hoch, das über dem Toten ausgebreitet war. Es zerfiel in ihren Händen zu Staub. Liff musste niesen.
Unter den modrigen Stoffen sah sie nur Knochen zwischen weiteren modrigen Stoffen. Sie hatte auf Goldschätze gehofft, doch davon war nichts zu sehen.
Ragnar schien genauso enttäuscht, wie sie es war. Er stöhnte leise und betrachtete nun das Schwert, das Liff beiseite gelegt hatte. Es mochte zwar zum Kämpfen unbrauchbar geworden sein, aber ansonsten durchaus noch seinen Wert haben. Der Knauf war am besten erhalten, reich verziert und schimmerte grünlich.
Liff nahm etwas Erde vom Toten und ein weiteres Stück Stoff zur Seite. Darunter kam ein Gürtel aus Leder mit einer Schnalle aus dem gleichen grünlichen Metall, aus dem auch der Knauf des Schwertes geschaffen worden war, zum Vorschein. Die Schnalle hatte Verzierungen, genau wie der Knauf der Waffe. An der Seite des Gürtels steckte eine Scheide. Auch sie war aus gut erhaltenem Leder. In der Scheide steckte ein Dolch.
Liff zog den Dolch heraus. Das Heft schien aus Knochen gefertigt und war wie die Scheide in einem guten Zustand. Dann betrachtete sie die Klinge. Sie staunte.
„Sieht ja aus wie neu!“, rief sie und machte große Augen dabei. Sie berührte die Spitze der Klinge mit ihrem Daumen. „Au!“ Sie blutete. Die Klinge war noch scharf.
Es war auch keinerlei Rost auf ihr zu sehen. Das Licht von Ragnars Fackel spiegelte sich auf dem blanken Metall.
Ragnar wollte den Dolch von Liff haben, er hielt seine rechte Hand ausgestreckt.
„Nein! Das ist meiner! Ich hab ihn gefunden!“ Liff drückte die Waffe an sich. „Du kannst die olle Kette behalten.
Und alles andere hier.“
Etwas Erde rieselte von oben herunter. Der Kopf des Toten vor ihr fing auf einmal an, sich zu bewegen. Er drehte sich langsam zur Seite. Der Tote schien sie nun mit seinen leeren Augenhöhlen direkt anzustarren. Sein Unterkiefer öffnete sich, als wollte er etwas sagen.
Der Schädel leuchtete im flackernden Licht der Fackel und grinste. Zumindest sah es für Liff so aus. Einen kurzen Moment hatte sie ein wenig Angst. Aber nur ganz kurz.
„Du brauchst das alles hier nicht mehr“, sagte sie, nahm ein Stück zerfaserten Stoff und warf ihn über den Kopf des Toten.
Sie lächelte. Hoffentlich darf ich den Dolch behalten. Er ist so wunderschön! Sie musste ihn irgendwo vor ihrer Sippe verstecken.
Ragnar schaute sich um und seufzte. Er war wirklich enttäuscht.
„Ach, mach dir nichts draus“, versuchte Liff ihren Bruder aufzumuntern. „So wie ich das sehe, sind hier noch ganz viele weitere Grabhügel.“
Sie lächelte ihn an.
Er drehte sich zu ihr um.
Er lächelte zurück.
Er sah das Mausoleum vor sich aufragen. Es war riesig! Genau so hatte er es sich immer vorgestellt. Um dorthin zu gelangen, musste er nur noch über ein paar alte Grabplatten klettern. Ganz einfach.
Dann wäre er endlich am Ziel. Wie lange hatte er sich schon darauf gefreut? Sein ganzes Leben!
Er ging los, kletterte über das erste Grab. Es sah irgendwie so aus, als wäre es von innen gesprengt worden. Auch alle anderen Gräber boten diesen seltsamen Anblick.
Der nahe Vulkan spuckte wieder Lava in die Höhe und erleuchtete die Ruinen der zerstörten Stadt um ihn herum in gespenstischem Licht. In diesem rötlichen Lichtschein riskierte er einen Blick in das offen gelegte Grab. Es war leer. Er war erleichtert.
Den Blick nun auf das gigantische Mausoleum vor sich gerichtet, wäre er beinahe in das nächste Grab gefallen, denn auch hier klaffte ein großes Loch. Die gesprengten Platten wackelten, als er darauf stieg. Er musste gut aufpassen, wollte er nicht mit ihnen in die Tiefe stürzen.
Er ging weiter, zielgerichtet auf das monströse, finstere Grabmal zu.
Etwas packte ihn am Bein. Er schrie vor Schreck auf.
Ein knochiger Arm mit verrotteten Hautfetzen hatte ihn gegriffen. Die Hand einer Leiche bohrte sich mit ihren langen Fingernägeln in seine Wade.
Er konnte sich losreißen und lief los. Er stolperte, fiel beinahe in das nächste Grab, schlug sich die Knie wund und rannte und rannte.
Erneut packte ihn eine Hand aus einer der dunklen Grüfte heraus. Er versuchte sich zu befreien, aber es gelang ihm nicht. An seinen Fuß gekrallt zog sich mit einem Ruck der Rest der morschen Leiche in die Höhe, so weit, bis das Skelett mit ihm auf Augenhöhe war.
Nur dass es natürlich keine Augen mehr hatte. Er schrie und strampelte, trat das Skelett mit einem wuchtigen Tritt wieder zurück in seine staubige Gruft.
Er sprang brüllend auf, machte sich damit selber Mut und rannte weiter. Immer auf das Mausoleum zu. Aber nun sah er, dass sich aus allen Grüften ringsum Leichen emporzogen. Grabplatten wurden beiseite gezogen oder einfach weggeschleudert.
Er rannte um die Leichen herum. Die meisten waren nur noch Gerippe, aber einige sahen noch fast menschlich aus. Er rannte um sie herum so gut er konnte. Sie griffen nach ihm.
Er stürzte in eines der offenen Gräber. Das Mausoleum und der rot leuchtende Vulkan waren mit einem Schlag aus seinem Sichtfeld verschwunden.
Es war dunkel. Er hatte sich offenbar seine Beine gebrochen. Er konnte sich kaum mehr bewegen.
Irgendetwas stöhnte. Es kam näher.
In der Finsternis der Gruft brauchten seine Augen eine Weile, um sich an das Dunkel zu gewöhnen. Dann sah er es. Der Schädel einer nur halb verwesten Leiche schälte sich Stück für Stück aus der Dunkelheit, kam immer näher zu ihm heran. Sie kroch und stöhnte, kroch und stöhnte. Sie blickte auf. Schaute ihn an.
Die Leiche hatte Augen, die schrecklich zerdrückt aussahen. Strähnige Haare hingen von ihrem Schädel herunter. Sie streckte ihre Krallen nach ihm aus.
Er schrie. Die Leiche hustete.
„Hallo!“, rief die Leiche und schüttelte sachte seinen Arm.
Er wand sich hin und her, versuchte das schreckliche Gerippe von sich zu stoßen.
„Hallooo! Ich bräuchte ihre Hilfe“, sagte die Leiche. Was wollte sie von ihm?
Die Leiche nieste. Dabei flogen ihre fauligen Zähne aus dem Gesicht und landeten bei ihm auf dem Schoß.
Schlagartig wurde er wach.
Gunnar saß an einem Tisch, kerzengerade aufgerichtet. Vor sich ein aufgeschlagenes Buch.
„Sie haben wohl schlecht geträumt?“, fragte ihn jemand. Gunnar drehte sich um. Ein alter Mann stand neben ihm und schnaubte sich ausgiebig die Nase.
„Ähm, ja, muss wohl.“ Gunnar rieb sich die Augen und dachte sich: Was für ein bescheuerter Albtraum!
„Können sie mir helfen? Sie arbeiten doch hier, nicht wahr?“
Gunnar nickte. Er war noch ziemlich benommen.
„Gut. Ich suche nämlich ein Buch über, über...“, sagte der Mann und musste wieder niesen.
„Gesundheit!“
„Danke! Also ich suche ein Buch über Allergien.
Besonders Stauballergien. Haben sie, sie...“
„Gesundheit!“, sagte Gunnar erneut und stand auf.
Er konnte kaum glauben, dass er nun schon bei der Arbeit eingeschlafen war.
Er brauchte wirklich eine Veränderung in seinem Leben.
Ein fernes Grollen kündete ein nahendes Gewitter an.
Ein längst überfälliges Gewitter. Denn seit vielen Tagen schon war die Luft staubig und trocken, das Wasser wurde knapp und der Fluss Borgo glich nur noch einem schlammigen Rinnsal.
Und meine Orangenbäume vertrocknen bald wenn das so weiter geht dachte Gunnar erbost, als er sich mit seiner Lektüre wieder an den Tisch setzte. Er schaute zum Fenster hinaus und sah den sich langsam aufbauenden Wolken zu. Wird Zeit dass es endlich mal wieder regnet. Da warten wir seit Tagen, ach, Wochen drauf. Zuhause auf seinem knarrenden alten Balkon standen einige Kübel mit Orangenpflänzchen, auch ein bereits weitgehend verstorbener Zitronenstrauch war dabei. Hoffentlich wehen die Kübel beim Sturm nicht weg. Bei genauerer Überlegung fing Gunnar an zu fürchten, sein ganzer Balkon würde womöglich gleich mit weggeblasen werden. Es donnerte. Nun schon recht laut.
Ach was soll´s, und wenn meine ganze Bude weggeblasen wird, ja ganz Orea... ich bin eh bald weg!
dachte er zuversichtlich und schlug das Buch auf, das auf dem Tisch vor ihm lag. DIE ACHT WELTWUNDER DER BEWOHNTEN WELT von Antisidon von Kyros.
Eine Abschrift freilich, denn das Original war vermutlich schon seit über hundert Jahren verschollen. Vermutlich.
Aber in den fast sechs Jahren, die Gunnar nun in der Bibliothek seiner Heimatstadt Orea arbeitete, die nebenbei auch das Archiv des kleinen Königreiches Trurien war, hatte ihn diese Abschrift mehr fasziniert als alle anderen alten Schriften. Und davon gab es jede Menge hier. Das ganze urige Gemäuer war bis obenhin voll mit alten Büchern, Papierrollen und ähnlichem. Doch die acht Weltwunder... Gunnar war seit rund drei Jahren fest entschlossen diese Bauwerke mit eigenen Augen sehen zu wollen. Und nun, im kommenden Sommer, wollte er endlich zu ihnen aufbrechen.
So wie letzten Sommer. Und den davor...
Es blitzte. Kurz darauf ertönte ein Krachen und Grollen wie die Stadt Orea es schon lange nicht mehr gehört hatte.
Auf einmal wurde es so dunkel, dass Gunnar die sonst an diesem Ort nur äußerst ungern benutzten Kerzen auf dem Tisch anzünden musste. Er war in der Bibliothek, es war nichts mehr zu tun und er hätte schon längst wieder nach Hause gehen können, um noch vor dem Unwetter bei seinen Orangenbäumchen zu sein. Aber er wollte seine Abschrift endlich fertigstellen, seine Abschrift der Abschrift... DIE ACHT WELTWUNDER.
Gunnar betrachtete gerade die Zeichnung des ersten dieser legendären Bauwerke, als Zeno zu ihm an den Tisch trat, zuerst seine kostbaren Augengläser und dann seine Hände auf die alte Holzplatte des Tisches legte und kritisch zum Fenster hinaus blickte. Gunnar war unendlich froh, nicht auf so ein Gestell aus geschliffenen Gläsern angewiesen zu sein. Im Gegensatz zu Zeno konnte er noch gut sehen, auch wenn ihm gelegentlich vom vielen Lesen die Augen schmerzten. Er hätte sich auch nur schwer vorstellen können, mit derart kostbaren Augengläsern in der Wildnis unterwegs sein zu wollen.
Er dachte an Zenos an Panik grenzende Angst, auch nur der kleinste Kratzer könnte auf einem seiner Gläser seine Sicht beeinträchtigen.
Gunnar klopfte dreimal leise an seinen hölzernen Stuhl.
Möge ich bis an mein Lebensende von schlechten Augen verschont bleiben!
Zeno blickte fragend zu Gunnar.
„Du bist dir wirklich sicher, dass du bleiben willst? Deine Wunder können doch warten. Aber deine Orangen? Wer hält die fest, wenn es losgeht?“ Der Leiter der Bibliothek und oberster Archivar des Landes schaute nun lächelnd zu ihm herab.
„Ha ha. Und wenn hier der Blitz einschlägt?“, fragte Gunnar und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Dann sind sie froh, wenn sie nicht alleine hier die Feuerwehr spielen müssen! Sind die Eimer alle schon gefüllt?“ Zur Sicherheit hatte die neue Mitarbeiterin Sophia den Auftrag erhalten, alle verfügbaren Eimer mit Wasser zu füllen. Allerdings war zu viel Wasser für eine Sammlung alter Schriftstücke beinahe genauso bedrohlich wie Feuer.
„Jawohl Chef, der Auftrag wurde ausgeführt“, sagte Zeno und salutierte zum Spaß. Dann rieb er sich seine Augen und setzte sein aus dem fernen Ankum stammendes Gestell wieder auf seine Nase. „Aber im Ernst, hier ist in den letzten hundert Jahren kein Blitz mehr eingeschlagen. Ich weiß das, ich war immer hier.“
Wieder lächelte Gunnars Vorgesetzter. Doch Gunnar war sich ziemlich sicher, sein Humor sollte nur seine Nervosität verdecken. Zeno hasste Gewitter. Welcher Bibliothekar und Archivar würde keinen Blitzschlag fürchten? Hier war fast alles aus Holz und Papier. Auch Leder und andere Materialien kamen hier vor, aber doch vor allem Papier! Es blitzte erneut und die staubigen Schriften in ihren Regalen leuchteten grell auf. Gleich auf den Blitz folgte das fürchterliche Krachen. Das Unwetter war nun schon fast über ihnen. Als es zu regnen anfing und dicke Tropfen gegen die schmutzigen Glasscheiben der Bibliothek schlugen, atmeten die beiden erleichtert auf.
Endlich Regen. Aus einzelnen Tropfen wurde schnell ein gewaltiger Regenguss, der Dreck von Wochen wurde von den Scheiben gewaschen und die alte, knorrige Steineiche vor dem Fenster schüttelte sich im Wind.
„Hoffentlich kracht der alte Baum nicht auf uns drauf. Ich geh mal wieder nach unten. Sag Bescheid wenn was los ist“, sagte Zeno, klopfte Gunnar auf die Schulter und ging ins Archiv im Kellergewölbe zurück. Gunnar widmete sich wieder der alten Abschrift vor ihm.
Das erste der beschriebenen Weltwunder war auch das für ihn nächst gelegene, denn Antisidon hatte seine Reise zu den bedeutendsten Bauten der bekannten Welt in der Mitte Farnesiens begonnen, wo er damals an einer Universität gelehrt hatte. An einer Universität, die es heute gar nicht mehr gab, nämlich in der nördlich von Orea gelegenen Stadt Bolona.
Das erste Weltwunder war das Mausoleum des sagenumwobenen Königs Elmo, in der Ruinenstadt Nekropolis. Einst das Zentrum eines mächtigen Königreiches, welches für rund dreihundert Jahre fast ganz Farnesien umfasste. Nun eine Stadt der Toten.
Eine Stadt, in der Ruinen, umgeben von vulkanischen Dämpfen, langsam aber sicher vor sich hin rotteten. So jedenfalls beschrieb dies Antisidon in seinem Buch.
Gunnar betrachtete die Zeichnung des Mausoleum. Ein klobiges, eckiges Bauwerk ragte hier aus Schutt und Dunstschwaden hervor. In seine Gedanken vertieft, merkte er gar nicht mehr, wie sich das Gewitter verzog und der Regen nachließ. Es wurde wieder heller.
Wenigstens diese Stadt sehen. Nekropolis! Wenigstens dieses eine Weltwunder und dann kann ich zur Not wieder zurück... so murmelte Gunnar vor sich hin und blätterte weiter.
Das zweite Wunder waren, südlich der Totenstadt, im Schatten des verhängnisvollen Vulkans Arba, die schwebenden Gärten von Lyra. Exotische Pflanzen und Tiere aus allen nur erdenklichen Winkeln der Erde sollen dort an der Küste in den ehemaligen königlichen Palastanlagen präsentiert worden sein. Sogar Drachen wurden hier angeblich in riesigen Volieren gehalten.
Antisidon behauptete, selbst eine dieser Donnerechsen gesehen zu haben. Angekettet in einer der überdimensionierten Anlagen, welche ohne richtige Pflege verrosten und verkommen würden. Allerdings waren derartige Beschreibungen für Gunnar nur Übertreibungen. Fantastische Ausschweifungen, dafür gedacht den Reisebericht interessanter zu machen. Für Gunnar war das alles Quatsch. Drachen, pah!
Er hatte schon viel über Drachen und andere kaum vorstellbare Wesen gelesen, jedoch waren jene Berichte eindeutig Fiktion oder so uralt, dass sie längst vergangene Zeiten beschrieben. Drachen mochte es wohl einstmals gegeben haben, aber heute? Für Gunnar waren solche Geschöpfe ausgestorben. Zumindest in Farnesien.
Ich kenne auch keinen, der je eines dieser Monster gesehen hätte! dachte er beim Betrachten der Zeichnung des zweiten Weltwunders. Eine Donnerechse mit Flügeln, eingeschlossen in einer Art Voliere und umgeben von Baumarten, die Gunnar absolut nicht kannte. Zwei Männer schienen den Drachen mit einer Ziege füttern zu wollen. Neben diesem Ungetüm wirkten die beiden Menschen winzig. Unsinn! Und selbst wenn Antisidon es tatsächlich so gesehen hat... sein Bericht ist über hundert Jahre alt. Der Drache wäre längst tot und die schwebenden Gärten sind wohl schon vor langer Zeit ins nahe Meer geflogen, über dem sie angeblich hingen.
Um das zweifelsfrei herauszufinden, musste er aber nun einmal dorthin um nachzugucken. Es ging halt nicht anders...
Gunnar blätterte weiter.
Ein leises Grollen ließ ihn aufblicken. Das Unwetter hatte sich beruhigt, die Eiche stand noch und die Fensterscheibe schien jetzt noch schmutziger zu sein als zuvor. Immerhin gab es endlich mal wieder Regen dachte er, stand auf und streckte sich. Er öffnete das Fenster einen kleinen Spalt weit. Er liebte die Luft nach einem sommerlichen Regenguss. Sie strömte nun herein, frisch und belebend. Eine Wohltat nach wochenlanger Staubluft, und das bereits im Frühling.
Wie Zeno immer wieder betonte: „Das Klima wird schlechter! Im Norden wird es kälter und es regnet ohne Unterlass. Und bei uns vertrocknet alles.“ Der olle Pessimist dachte Gunnar dann meistens. Mittlerweile fürchtete er jedoch, der kauzige Archivar könnte recht haben.
Er betrachtete nun die Abbildung des dritten Wunders.
Eine gigantische Statue im Hafen der größten Stadt Farnesiens, Nabel.
Die Metropole Nabel gab es noch, ebenso wie den kolossalen Mann. Dies wusste Gunnar, war er doch schon ein paar Leuten begegnet, die diese Statue selbst gesehen hatten. Es bringt halt gewisse Vorteile mit sich, in einer Stadt zu wohnen, durch die viele Menschen kommen dachte er zufrieden. Früher oder später kommt die Welt einen besuchen. Eine Reise nach Nabel wäre wohl auch weniger gefährlich als eine Reise an den Golf von Nekropolis, welcher von den nahen Vulkanen verseucht sein sollte und gemieden wurde. Aber die beiden ersten Wunder waren nun mal die nächsten, also wollte Gunnar sie auch als erstes sehen. Das hatte er sich bereits früh in den Kopf gesetzt.
Die Weltwunder vier und fünf lagen jenseits des Meeres östlich von Farnesien im alten Arkadien. Das sechste Bauwerk stand in der Stadt Korah, noch weiter im Osten im Lande An´korah.
Das siebte Wunder waren die Pyramiden von Yama, weit im Süden jenseits des großen Meeres.
Gunnar fehlte nur noch die Abschrift des achten Weltwunders, ebenfalls im tropischen Süden gelegen.
Die Abschrift dieses Wunders dauerte jedoch nicht lange, denn die alte, ihm vorliegende Abschrift von Antisidons Original war unvollständig. Es fehlten die letzten Seiten und somit die Beschreibung des achten Weltwunders. Nur der Weg dorthin war in groben Zügen beschrieben.
„Den Göttern sei Dank, das Gewitter ist überstanden.“ Zeno war aus seinem Keller hochgekommen, stand wieder neben Gunnar und schaute ihm nun über die Schulter. „Bist du mit deiner Abschrift denn jetzt endlich fertig?“ Tatsächlich war Gunnar eben mit den letzten Zeilen fertig geworden. Darin wurde ein Pfad durch den tropischen Urwald Rohkais zu einem Ort namens Zoom geschildert. Danach hörte die Beschreibung abrupt auf.
„Ja endlich! Es wäre aber einfacher gewesen, ich hätte das Exemplar hier ausleihen dürfen. Aber na ja.“ Gunnar klappte beide Abschriften zu und pustete vorsichtig die Kerzen aus. Der Regen hatte wieder aufgehört und die Sonne setzte sich gegen die Wolkenmassen durch.
„Dass das nicht geht, ist dir ja wohl hoffentlich klar. Wozu hätte ich dich sonst ausgebildet?“ Zeno sagte dies in einem freundlichen Ton und legte Gunnar die linke Hand auf die Schulter. „Du willst diese tollkühne Reise immer noch machen? Ich kann dich auch sicher nicht mehr davon abbringen?“
Gunnar war alles andere als entschlossen. Es zog ihn in die Ferne, dorthin wo er noch nie gewesen war und worüber er seit Jahren nur gelesen hatte, so viel war ihm klar. Aber bei dem Gedanken, seine Pläne auch wirklich in die Tat umzusetzen, bekam er Bauchweh. Und je entschlossener er sich anderen gegenüber gab, diese Weltreise auch tatsächlich machen zu wollen, umso unsicherer wurde er sich selbst gegenüber.
Tollkühn war auch durchaus noch ein zurückhaltender Ausdruck für sein Vorhaben. Es war schon ganz anders genannt worden.
„Sie wissen, dass ich das alles seit über drei Jahren plane. Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Gunnar war schon beinahe neunzehn Jahre alt und wurde auch nicht jünger. Und die Welt, so wurde Zeno nie müde zu betonen, wurde stets immer und immer schlechter. Nicht nur das Klima, nein, auch die Lage der Menschen ganz allgemein verschlechterte sich. Gunnar sah das auch. Er wollte dies so lange nicht wahr haben, aber mittlerweile wurde es auch für ihn unübersehbar. Es ging mit der Zivilisation bergab.
Er lebte nicht irgendwo verborgen auf dem Lande. Wie die Welt außerhalb seiner Heimat war, blieb ihm nicht verborgen.
„Wenn nicht diesen Sommer, wann dann?“, fragte Gunnar noch einmal mehr sich selbst und schaute seufzend zum Fenster hinaus. Auf der alten Steineiche gegenüber hatte sich nun eine Blaudrossel niedergelassen und sang ihr schönstes Frühlingslied.
„Du warst halt noch nie weiter als bis zur Mündung des Borgo, oder? Und dann gleich bei der ersten größeren Reise so eine Mammutaufgabe? Hm.“ Zeno holte eine Karte von Zentralfarnesien aus dem nächstgelegenen Regal und breitete sie auf dem Tisch aus. Beide mussten niesen, als der Staub ihnen in die Nasen stieg.
Zeno zeigte mit dem Zeigefinger auf Orea und fuhr dann mit dem Finger die Karte hinunter nach Nekropolis. „Für diese Entfernung wirst du viele Tage brauchen, vielleicht Wochen. Du musst in der Wildnis schlafen, mit Raubtieren und Banden rechnen. Du brauchst viel Geld für die Reise. Ja ich weiß, dass du das alles weißt! Aber bist du dir auch wirklich sicher, was das alles bedeutet?
Wie gefährlich das alles ist? Ich fürchte nicht.“
Zenos Sorgen waren natürlich auch Gunnars Sorgen, aber zugeben wollte er das nur ungern. Und so sehr er die Fürsorge seines Vorgesetzten und Freundes auch schätzte, so sehr nervte es ihn aber auch bemuttert zu werden. Zeno benahm sich seit dem Tod von Gunnars Großmutter mehr denn je wie eine Glucke.
Es war erst im letzten Winter gewesen, als seine Großmutter an einer Grippe erkrankte und in kürzester Zeit verstarb. Sie war schon sehr alt und auch absolut nicht mehr die Fitteste gewesen, aber ihr relativ plötzlicher Tod war für ihn dann doch sehr unerwartet gekommen. Gunnar hatte seitdem keine Verwandten mehr und nur wenige wirkliche Freunde... was hielt ihn noch hier in diesem staubigen Ort?
Nun stieß er selbst mit dem Finger auf Orea. „Die Route ist klar. Von hier einfach immer südöstlich zum Donnergebirge.“ Er fuhr mit dem Finger die Karte hinunter bis zu jener Ansammlung von Zacken, welche das große Bergmassiv nördlich von Nekropolis darstellen sollte. „Ich muss übers Gebirge, das steht fest. Der nördliche Weg ist wahrscheinlich viel gefährlicher als der direkte Weg durch das Gebirge. Also muss ich da durch!“
Das Königreich Kaserta befand sich nördlich von Nekropolis, zu welchem die Totenstadt auch offiziell gehörte. Doch Kaserta war unsicher, es drohte jederzeit ein Krieg mit dem weit im Norden liegenden Königreich Hulsten. Jenes Königreich, das vom Tyrannen Surwold regiert wurde, der seine Macht mehr und mehr auf ganz Farnesien ausdehnte.
„Die Situation im Norden wir immer brenzliger, es kommen jeden Monat mehr Flüchtlinge von dort.
Jederzeit kann auch unser Land von diesem irren Möchtegern-Kaiser gefressen werden. Also...“ Zeno stöhnte auf und schüttelte den Kopf. „Ich halte es wirklich, wirklich für keine gute Idee in dieser unsicheren Lage aufzubrechen. Warte doch noch ein Jahr. Überlege es dir bitte.“
Gunnar kannte Zenos Einwände. Aber wenn alle Welt nach Süden floh, warum nicht auch er? Den Plan mit der Gebirgsüberquerung fand Zeno natürlich auch eher schlecht.
„In den Bergen warst du auch noch nie, oder irre ich mich da? Höchstens hier in den Hügeln, aber glaub mir Junge, das ist nicht dasselbe wie die Donnerberge!“ Der Archivar musste es wissen, war er doch schon in Farnesien herumgekommen und hatte so einiges gesehen.
„Aber in den Bergen und am Golf leben kaum Menschen, da bin ich doch wohl sicherer als zwischen den ganzen Burgen und Soldaten.“ Gunnar faltete die Karte etwas genervt wieder zusammen und gab sie Zeno zurück. Antisidon war damals ebenfalls alleine unterwegs und auch nur ein einfacher Dichter und Professor gewesen! Gunnar stand auf und streckte sich zum vielleicht hundertsten Mal an diesem Tag. Sein Rücken tat ihm weh, er brauchte Bewegung. „Ich geh jetzt nach Hause. Ich hoffe es steht noch alles auf meinem Balkon“, sagte er, nahm seine nun fertige Abschrift und schloss das schmuddelige Fenster.
Wenn du diese Weltreise wirklich machst, sind umgewehte Orangenbäumchen bald deine geringste Sorge! dachte Zeno, als Gunnar bereits gegangen war.
„Suchst du das Wasser? Das ist schon lange fort. Musst zum Meer, wenn du es suchst.“ Franco kam lachend zu Gunnar auf den Damm, obwohl ihm sicherlich nicht zum Lachen zumute war.
Der Fluss Borgo war wieder nur ein schlammiges Rinnsal, der Großteil des breiten Flussbettes ausgetrocknet. Und das, bevor der Sommer überhaupt richtig begonnen hatte.
„Die Gewitter der letzten Tage haben nicht viel gebracht, wie ich sehe. Schade“, stellte Gunnar fest, als er Franco zur Begrüßung die Hand reichte. Zwar hatte es im Laufe der letzten zwei Wochen öfter mal gewittert und geregnet, aber nicht genug um die fortschreitende Dürre aufzuhalten.
Nun standen die zwei Freunde gemeinsam auf dem Damm und blickten besorgt auf die trockene Ebene. Das flache Land um die alte Stadt Orea herum glich immer mehr einer öden Steppe. Und wo Francos Eltern einst Wasserbüffel an den Ufern des Borgo gehalten hatten, waren jetzt magere Heckrinder auf der Suche nach frischem Gras. Eine Suche, die immer mehr zu einer Herausforderung wurde.
