Die Gräfin in mir - Niki Osl - E-Book

Die Gräfin in mir E-Book

Niki Osl

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Beschreibung

Was passiert, wenn du über 30 bist und unerwartet deinen Job verlierst? Wenn du Whisky nicht trinkst, sondern mit ihm sprichst? Wenn du in deinen Träumen plötzlich eine Gräfin aus einem anderen Jahrhundert bist? Dann ist auf einmal alles möglich! Jessy lebt mit ihrem Kater Whisky ein ruhiges Leben ohne Aufregungen. Sie ist nicht sonderlich glücklich damit. Unbeholfen, zehn Kilo zu viel, keine Freunde, keinen Mann, ohne jegliches Selbstbewusstsein. Zwar führt sie mit Whisky traute Zwiegespräche, aber von ihm verstanden zu werden, Antwort zu bekommen und ihn zu verstehen, empfindet sie als normal. Mit ihrem Jobverlust ändert sich alles und sie gerät in ein Abenteuer, das sie nicht nur näher zu sich selbst bringt, sondern ihr Leben völlig umkehrt: eine Reise an die Adria, eine Jahrhundertwendevilla, eine rätselhafte verschwundene Gräfin und ein gestohlenes Collier.

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EPUB
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Seitenzahl: 284

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Niki Osl

Die Gräfin in mir

Roman

»… war ich da ein Mensch, der träumt, er sei ein Schmetterling, oder bin ich jetzt ein Schmetterling, der träumt, er sei ein Mensch?«

Tschuang-Tse

»Ich bin wohl eher ein Elefant, der träumt, er wär ein Walross!«

Jessy Stein

»Achtung! Eichkätzchen!«, will ich schreien, es kommt aber nur ein leiser Ton aus meinem Mund und ich schaue mich beschämt um. Es scheint mich niemand bemerkt zu haben, auch nicht das wuschelige, rotbraune Tier, das sich im Affentempo, fest seine Beute umklammernd, auf direktem Weg auf mich zu befindet. Sein Ziel: der noch immer sehr kahl aussehende Baum hinter mir. Ungeschickt mache ich einen Schritt zur Seite, um dem kleinen Nager nicht im Weg zu stehen, aber alle Mühen sind umsonst, sein pelziges Köpfchen rammt mein elefantöses rechtes Schienbein. Das Eichhörnchen schüttelt sich kurz verwirrt und nimmt wieder den Baum in Angriff. Manchmal habe ich wirklich das Gefühl unsichtbar zu sein. Was heißt manchmal …

Ein bisschen bekümmert setze ich meinen Weg fort. Wien ist meine Heimatstadt. Hier bin ich aufgewachsen und ich mag es, hier zu leben. Manche Bezirke mag ich weniger und manche mehr. Es gibt für mich immer wieder Neues zu entdecken, Häuserfronten, an denen ich täglich vorbeigehe und irgendwann durch Zufall hinaufschaue, überrascht, welche verspielten Stuckdetails sich an der Fassade befinden, die ich nie wirklich beachtet habe.

Wir haben Frühsommer, aber es wird nicht wirklich warm, die Menschen auf den Straßen sind grantig. Obwohl die Stadt wunderschöne alte Häuser und tolle geheime Plätze hat, werden die von den Einwohnern bei miesem Wetter nicht gewürdigt, und jeder hastet nur schnell durch die Straßen. Ich gebe zu, auch ich bin da nicht anders. Selten bleibe ich stehen, um das Flair der Monarchie einzuatmen, denn zu sehr bin ich damit beschäftigt, mich über das schlechte Wetter zu ärgern, oder ich werde gerade von einem Eichkätzchen fast niedergemäht. Es sollte warm sein und die kleinen Cafés sollten ihre Schanigärten öffnen, aber das Wetter spielt nicht mit. Die Stadt ist grau in grau getaucht und jeder sehnt sich nach den ersten Sonnenstrahlen. So mache ich mich auf den Weg in mein Büro. Die U-Bahnen sind vollgestopft und ich dränge mich in einen kleinen freien Winkel. Jeden Tag dasselbe, den ganzen Tag sitze ich dann in einem Großraumbüro und habe wenig mit den anderen Mitarbeitern zu tun, worüber ich eigentlich froh bin; ich will nur meine Arbeit machen und dann nach Hause.

»Jessy, hören Sie mir zu? Alle Verträge müssen noch abgetippt werden – bis heute Nachmittag.« Ich fühle, wie meine Wangen erröten, und nicke eilig. »Wo Sie immer mit Ihren Gedanken sind …« Frau Herz bricht mitten im Satz ab, lächelt mich mit einer süßlichen Arroganz an und geht wieder.

Ich sehe ihr nach und verspüre wieder das Gefühl der Machtlosigkeit. Warum habe ich nicht protestiert? Ich komme jetzt schon nicht mit der Arbeit nach. Frau Herz ist so alt wie ich, hat es aber durch ihr selbstbewusstes Auftreten und ihre Zielstrebigkeit bis ganz nach oben in die Chefetage geschafft. Sie hat eine lange, wallende blonde Mähne und endlos lange Beine, die es einem mit Sicherheit erleichtern, weite Schritte im Leben zu gehen.

Ich schaue an mir herunter und es wundert mich nicht, dass ich da bin, wo ich bin. Ich heiße Jessy, bin 32 Jahre alt und mag mich nicht sonderlich. Meist komme ich mir vor wie ein gestrandeter Wal, der in Fettnäpfchen schwimmt. Mein mausbraunes, halblanges Haar ist dünn und ich stecke es eigentlich immer irgendwie zusammen. Meine Augen sind wahrscheinlich das einzige Außergewöhnliche an mir, sie haben einen aquamarinfarbenen Ton, und manchmal finde selbst ich sie ganz hübsch. Ach ja, und ich kann mit meinem Kater sprechen. Das hört sich spektakulär an, ich habe mich aber schon daran gewöhnt. Leider kann ich es auch niemandem vorführen, weil nur ich Whisky verstehe und er sich weigert, wie eine Zirkuskatze irgendwelche Kunststücke vorzuführen. Mit anderen Tieren gelingt mir das leider nicht. Als ich versucht habe, in Zoos oder Parks mit diversen Tieren zu kommunizieren, hat mich das schon in einige komische Situationen gebracht. Zwar kenne ich jetzt alle Tierpfleger, aber ich denke trotzdem, es ist besser, diese Fähigkeit für mich zu behalten. Hier an meinem Schreibtisch fühle ich mich oft, als würde mich niemand bemerken, wie gesagt ein Gefühl, das ich gut kenne und über das ich oft froh bin. Ich bin abgeschirmt durch eine aufstellbare Wand, so wie die anderen Schreibtische auch, das soll wohl ein wenig die Atmosphäre von Individualität geben. Ich habe, seit ich diesen Platz bezogen habe, aber nichts großartig daran verändert. Außer einem kleinen Kaktus, den ich zum Arbeitsbeginn von meiner Mutter geschenkt bekommen habe, und ein paar Stiften habe ich nicht viel Persönliches hier. Die anderen haben ihre Kojen mit Postern von fernen Ländern und Bildern von ihren Liebsten geschmückt. Ich wüsste nicht, was ich da, außer einem Bild von meinem Kater, aufhängen sollte.

»Jessy, kommen Sie bitte in mein Büro.« Da steht er. Direkt vor mir, der fabelhafte Daniel, mein Chef. Nervös ziehe ich meinen ohnehin schon zeltartigen Pullover noch länger. Es wird gemunkelt, dass Daniel ein Verhältnis mit Frau Herz hatte, wobei er damals noch verheiratet war. Für mich ist er Millionen Kilometer entfernt, egal ob verheiratet oder nicht. Er hält mir geduldig die Tür zu seinem Büro auf, obwohl ich in seinen Augen eine gewisse Unruhe erkennen kann. Seit dreieinhalb Jahren arbeite ich hier im Verlag als persönliche Assistentin von Daniel. Ob er mich jedoch wirklich schon einmal bemerkt hat, bezweifle ich. Bei der Entscheidung für meinen Job vermute ich stark, dass seine Frau mich ausgewählt hat, weil ich wohl die geringste Gefahr war.

Es ist nicht mein Tag. Erschöpft und ausgelaugt stoße ich die Eingangstür auf, meine Schritte hallen in dem alten Jugendstilhaus, in dem ich ein kleines Dachatelier bewohne, wider, wobei mein Kater Whisky wohl mehr hier wohnt als ich. Es ist wieder spät geworden und eigentlich will ich nur noch ins Bett. Auf dem Heimweg liegt ein chinesisches Restaurant, das mich mittlerweile besser kennt als meine Familie. Trägt auch nicht gerade zu Kleidergröße 36 bei, aber was soll’s. In der Nacht sind alle Katzen grau und so schleiche ich mich durchs Treppenhaus in meine Wohnung. Whisky hebt den Kopf, als ich eintrete. Langsam streckt er eine Pfote nach der anderen und gähnt ausführlichst. »Da ist sie ja, meine Einzige, meine Liebste, mein Augapfel …«

»Ist schon gut, du kriegst gleich was zu Essen!« Wenigstens werde ich mit den nettesten Worten empfangen, die ich heute gehört habe. Whisky schmiegt sich an meine Beine. Sein Fell fühlt sich samtweich an und meine Stimmung hebt sich wieder ein bisschen. Ich teile mein Hühnchen mit Reis gerecht auf und serviere Whisky seinen Teller.

»Schon wieder?«, brummt er vor sich hin.

»Andere Katzen würden sich freuen, wenn sie jeden Tag Hühnchen bekämen!«, brumme ich zurück.

Seine großen Augen funkeln mich an, das ist seine wunde Stelle. Er mag es nicht, mit anderen Katzen verglichen werden, denn auch, wenn ich ihn im Tierheim gefunden habe, hat Whisky adelige Wurzeln – behauptet er zumindest.

Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich ihn das erste Mal gesehen habe, wobei – ich habe ihn eigentlich mehr gespürt. Katzen habe ich schon immer geliebt, aber ich durfte nie eine eigene haben. Meine Mutter gab eine Allergie vor, aber ich glaube, sie wollte nicht noch mehr angebunden sein, als es sie durch mich eh schon war. Sobald ich meine erste eigene Wohnung hatte, bin ich schnurstracks ins Tierheim. Es war herzzerreißend – die vielen armen, nicht mehr gewollten Tiere. In dem Wissen, nur einem von ihnen ein Zuhause bieten zu können, wollte ich natürlich die richtige Wahl treffen. Doch gibt es die richtige Wahl? Denn jeder dieser Vierpföter hätte es verdient, geliebt zu werden, und ich werde es nie verstehen, wie manche Menschen ihr heißgeliebtes Tier nach etlichen gemeinsamen Jahren einfach so zurücklassen können. Wehmütig sah ich mich um und als Erstes sprang mir eine schwarze Katzendame ins Auge. Ich war gerade auf der Suche nach einem Pfleger, um mich nach ihr zu erkundigen, da wurde ich zurückgehalten. Von einer Tigertatze, deren Krallen sich fest in meine Strümpfe gruben. Fluchend habe ich den Übeltäter identifiziert – es war Whisky. Irgendeine Stimme flüsterte mir zu: »Das ist Fügung. Schicksal.«

Das war es wohl auch, wobei ich später festgestellt habe, dass es Whiskys Stimme war, die mir das zugeflüstert hat. Also habe ich ihn eingepackt und mit nach Hause genommen. Immer öfter begann ich Stimmen zu hören. Um genau zu sein, immer die gleiche Stimme, und ich zweifelte bald an meiner psychischen Gesundheit. Irgendwann habe ich dann aber einfach akzeptiert, dass ich wohl der einzige Mensch bin, der mit seinem Kater sprechen kann. Psycho hin oder her, für mich ist es nun mal so.

Gemeinsam schlagen wir uns unsere nicht wenig üppigen Bäuche voll und schweigen.

Irgendwie bin ich noch immer beunruhigt wegen des Gesprächs mit Daniel. Nachdem er mich in sein Büro gerufen hatte, ist er eine Weile unruhig auf seinem Sessel herumgerutscht – hat nebenbei umwerfend ausgesehen – und hat mich dann mit einer kleinen Aufgabe wieder hinausgeschickt. Aber wahrscheinlich mache ich mir zu viele Gedanken. Ich sollte jetzt einfach mal schlafen gehen, morgen würde dann bestimmt ein neues Leben beginnen. Ich klemme mir einen universellen Lebensratgeber, Werde die Frau, die du sein willst, unter den Arm und werde eben die Frau, die ich sein will: die Frau, die schläft. Whisky rollt sich neben mir ein und tut es mir gleich.

»Nein, ich will noch nicht aufstehen!«

»Huuuuuuunnnggggggeeeeerrrrr«, schnurrt Whisky in mein Ohr.

»Es ist sechs Uhr früh, wann lernst du endlich, dass ich nun mal keine Frühaufsteherin bin?«

»Wenn du endlich lernst, dass ich ein Frühhungriger bin! Oder wäre es dir lieber, wenn ich wieder im Tierheim leben würde, halb verhungert und vernachlässigt und … und …«

Warum können Tiere das? Sie schauen einen an und man hat das Gefühl, sie treffen einen mitten ins Herz, in einer unglaublich schmerzlichen Weise. Wenn es dann auch noch mit Worten untermalt wird, fällt es schwer, kein schlechtes Gewissen zu bekommen. Ich hebe meinen kleinen Moppel hoch, knuddel ihn und bedecke ihn mit Bussis.

»Igitt! Ich will Futter! Na gut, ein bisschen kuscheln ist auch nicht so schlecht.« Geduldig erträgt er meine Zuwendung.

Ich schlurfe in die Küche, taste mich noch immer etwas schlaftrunken durch die Schubladen und ziehe dann ein Schälchen heraus.

»Kalb! Ist das genehm, der Herr?«

»Ja, Jessy, ich hab dich lieb!«

»Wegen des Kalbs?«

»Auch, aber einfach so. Ich finde es nicht so schlecht mit dir. Wobei ich nicht mag, dass du immer so lange arbeitest, und irgendwie finde ich, du könntest dein Fell mehr pflegen, du glänzt nicht.«

»Ach Whisky … Schau mich doch mal an, was soll ich da noch tun? Ich könnte mir ein Zelt bauen oder in ein Land ziehen, wo nur Riesen leben, da würde ich dann zart wirken.«

Whisky putzt sich mit der Pfote akribisch das Ohr und erwidert: »Für mich bist du genau so schön, wie du bist, und ein bisschen was um die Hüften kann in schlechten Zeiten nie schaden! Geh doch mal wieder aus!«

»Du bist eine Katze und nicht meine Mutter …«

»Ich bin ein Kater!«

»Entschuldige bitte, natürlich, du bist ein Kater, aber du weißt, ich habe viel zu tun und meine Freundinnen haben alle Partner und ich will mich nicht dem Schaulaufen unter all den jüngeren, dünneren, hübscheren Frauen stellen.«

Damit ist für mich das Thema beendet. Ich fühle mich traurig, denn ich weiß, dass etwas mit mir nicht stimmt. Mein Leben kommt irgendwie nicht in die Gänge. Nach meinem abgebrochenen Publizistikstudium habe ich den Job im Verlag angenommen und dachte, es wäre nur vorübergehend. Ich dachte auch, meine zehn Kilo zu viel wären nur vorübergehend. Das war nach meiner Beziehung mit Tom. Aber es geht mir gut. Ich habe nur im Moment keine Lust. Das wird sich schon ändern, irgendwann.

Nachdem ich heute erst später im Verlag sein muss, aber schon allzu früh geweckt wurde, beschließe ich, mir Whiskys Worte zu Herzen zu nehmen, und, bevor ich mich in den Arbeitsalltag stürze, wieder mal einen kleinen Shoppingbummel zu machen. Ich sollte mir zumindest ein, zwei neue Stücke gönnen. Eigentlich bin ich ein kleiner Modemuffel, einkaufen macht nun mal wenig Spaß, wenn man nicht die richtige Figur besitzt, aber das versuche ich so gut wie möglich zu verdrängen. Auf dem Weg ins Büro liegt eine Einkaufsstraße mit vielen neuen Läden, in denen ich noch nie war. Da gibt es diese neue Jeansmarke, die laut den Zeitschriften so beliebt ist und die alle Stars und die, die es noch werden möchten, tragen. Also eigentlich nicht das Richtige für mich, aber laut meinen Ratgebern »darf« man ja so nicht denken, sondern soll sich das Beste vom Besten gönnen. Dann ändert sich auch die Sicht der anderen und man zieht wie magisch nur noch Gutes an, oder so ähnlich.

Ich betrete den minimalistisch eingerichteten Laden, der in einem schönen Altbau liegt.

Schon steht eine übercoole, überschlanke, übergroße Verkäuferin neben mir, die eher wie ein Model wirkt. Arrogant mustert sie mich von oben bis unten. »Kann ich helfen?«, ist ihre schnippische Frage.

»Ich wollte mich bloß einmal umschauen«, antworte ich eingeschüchtert.

Sie nickt und bleibt trotzdem neben mir stehen.

Geschäftig beginne ich, die Stangen, auf denen die Jeans hängen, zu durchforsten. Da entdecke ich ein Modell, das mir gefällt. Ausgewaschen und Bootcut-Schnitt, eigentlich genau meines.

Das »Model« nimmt sie mir gleich aus der Hand. »Welche Größe?« Ich nenne ihr meine Größe und sie schnaubt unüberhörbar. »Tut mir leid, aber in dieser Größe führen wir nichts. Ich bringe Ihnen die größte Größe. Aber vielleicht schauen Sie sich besser bei den Herrenhosen um?«

Was haben die hier? Nur Kindergrößen? Es scheint ihr ein unglaublicher Aufwand zu sein, im Lager die Hose herauszusuchen, aber eine Viertelstunde später bringt sie sie mir schließlich doch. Ich verziehe mich in die Garderobe und versuche so gut wie möglich mit den Vorhängen, die einfach nicht lang genug sind, den Blick auf mich zu verdecken. Ich schlüpfe in die Hose und merke schon: Das wird eng. Ich hüpfe auf und ab, um mich irgendwie hineinzuzwängen. Das wäre doch gelacht, ich werde doch wohl in die größte Jeans in diesem Laden reinpassen. Nach langem Herummurksen habe ich notdürftig den obersten Knopf zubekommen und ratsch, mein Bauch schlägt zurück und sprengt die Hose. Na toll, was mache ich jetzt? Unmöglich kann ich der Verkäuferin ihr edles Stück »so« zurückgeben, diese Peinlichkeit könnte ich nicht ertragen. Also schäle ich mich wieder heraus, lege sie kunstvoll zusammen, sodass man nicht erkennen kann, dass der Knopf fehlt, und gehe zur Kasse damit.

»Hat sie gepasst?«, fragt sie zuckersüß.

»Ja, perfekt, ich nehme sie!«, lüge ich und kann dabei nur auf den Boden starren. »Ich stecke sie gleich in meine Tasche.«

»Wie Sie meinen«, erwidert die Heidi Klum der Verkäuferinnen. Ich bezahle schnell und verlasse das Geschäft wie ein Hund mit eingezogenem Schwanz. Ich fühle mich wie der letzte Idiot und habe das Gefühl, mein Körper bläst sich sekündlich noch mehr zu einem Ballon auf. Gut, ich weiß, dass ich ein bisschen zu viel habe, aber realistisch gesehen bin ich nicht wirklich dick. Genau das ist der Grund, warum ich nicht mehr einkaufen gehen will. Wenn ich versuche, mich einmal anders zu kleiden als im Lagenlook, wird es mir unmöglich gemacht. Jetzt habe ich eine sauteure Hose, die ich nie anziehen werde, weil sie mir nicht passt. Gut gemacht! Ich habe keine Lust mehr, in die anderen Geschäfte zu gehen, ich will nur noch schnell ins Büro und mich hinter meinem Verschlag verstecken.

Dort angekommen, arbeite ich stumm vor mich hin und versuche nicht daran zu denken, wie ich mich fühle. So ein Erlebnis kann einem das letzte bisschen Selbstvertrauen rauben. Alle Frauen, die an mir vorbeigehen, empfinde ich als hübscher und dünner. Egal wie sie aussehen, ich finde etwas Positives an ihnen. An mir finde ich gerade nichts. Wer braucht schon eine 200 Euro teure Jeans, versuche ich mir einzureden. So vergeht der Tag langsam, bis ich eine Kaffeepause einlege. Meist schaue ich, dass ich zu einem Zeitpunkt in die Kaffeeküche komme, zu dem niemand anderes da ist, aber diesmal habe ich Pech. Es steht eine kleine Gruppe der anderen Assistentinnen zusammen, sie lachen und plaudern. Nie hatte ich das Talent, in Gruppen locker mittendrin zu sein. Außenseiter bleibt eben Außenseiter, denke ich traurig, als ich mich in sicherer Entfernung von den anderen hinstelle. Frau Herz steht in der Mitte und gibt Kommentare ab, während sie lachend ihr langes, volles Haar in den Nacken wirft. Ich spüre leichten Neid in mir. Es ist mir immer schwergefallen, so locker zu plaudern. Ständig habe ich Angst, etwas sagen zu können, was peinlich wäre, und daher sage ich meist lieber nichts. Den anderen fällt gar nicht auf, dass ich hier stehe, und als sich die Gruppe auflöst, verlasse auch ich unauffällig meinen Platz und begebe mich wieder an meinem Schreibtisch. Vielleicht wäre alles anders, wenn ich den Mut hätte, mich einfach dazuzustellen und offen und ironisch über mein gerade erlebtes Einkaufserlebnis zu berichten, aber ich versuche es nicht einmal. Unmotiviert tippe ich noch ein paar Gesprächsprotokolle ab und packe dann meine Sachen zusammen. Ich freue mich wie jeden Tag auf die Abgeschiedenheit in meiner Wohnung, auf Whisky und auf ein mehr oder weniger gutes Buch.

Whisky liegt breit ausgestreckt auf dem Küchentisch, obwohl er weiß, dass Tische verbotene Zone sind, aber er hat nicht schnell genug überrissen, dass ich schon zu Hause bin. Er tut so, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, rollt seinen stämmigen Katzenkörper auf die Seite und begrüßt mich erfreut.

»Du weißt doch, wie das mit Tischen und Katzen ist?«

»Also, das war ein lustiger Zufall! Ich dachte, ich sehe, dass sich auf dem Tisch etwas bewegt und ich wollte nur überprüfen, ob wir vielleicht Mäuse haben. Dann bin ich während meiner Überwachungsaufgabe kurz eingenickt!«

»Schlechte Ausrede! Mäuse … Die würden auch bestimmt vor dir auf dem Tisch herumtanzen. Und jetzt runter von deinem Podest!«

»Mann, oh Mann, hast du wieder eine Laune … Zeig mir lieber, was du eingekauft hast! Ist für mich etwas dabei?«

»Nein, mein Süßer, heute nicht. Und für mich ist auch nichts dabei. Ich habe mir eine Hose gekauft, die sicher zwei Nummern zu klein ist.«

»Gratulation, guter Kauf. Wie sieht es mit Abendessen aus?« Die beiden Themen, die Whisky am meisten interessieren, sind Futter und Schlafen.

Ich wedle mit einer Angel, an der Federn befestigt sind, vor seinem Gesicht herum. »Ein bisschen Bewegung könnte dir nicht schaden!«

Unbeeindruckt davon lässt er die Federn vor sich zappeln, springt wenig elegant vom Küchentisch und platziert sich vor seinem Fressnapf. Der Abend endet so unspektakulär wie die meisten, wir schlafen beide vor dem Fernseher ein.

Am nächsten Morgen mache ich mich nach dem üblichen Prozedere – füttern, duschen und anziehen – wieder mal auf den Weg in die Arbeit. Das Wetter hat sich nicht gebessert, mürrisch ziehe ich mir den Kragen meines Mantels tief ins Gesicht. Die Straßen wirken heute noch trüber. Viel lieber würde ich in meinem warmen Bett liegen, aber so ist es nun mal.

»Nur Mut, Jessy«, spreche ich mir selbst gut zu. Aber es ist doch seltsam, dass ich heute schon wieder in das Büro von Daniel gerufen werde. Meist sehe ich ihn persönlich nur ein-, zweimal im Monat, er fliegt viel herum oder hat Termine außer Haus. Sein Büro ist lichtdurchflutet, großzügig und modern, ein Glaskobel mit Aussicht inmitten der Wüste von identisch aussehenden Verschlägen. Durch die Glasscheiben erkenne ich, dass noch jemand bei ihm sitzt, ein älterer Herr, und beide versuchen krampfhaft, locker dreinzuschauen. Ich will da nicht rein! Wobei, wer weiß, vielleicht haben sie endlich meine verborgenen Talente entdeckt und mich für ein neues Projekt vorgesehen – ich als quasi verdeckte Ermittlerin. Halt! Ich bin hier Assistentin und das nicht von Brunetti, sondern von Daniel, der fürs Marketing der Koch- und Lebenshilfebücher zuständig ist.

Leise öffne ich die Tür und versuche mein selbstbewusstestes Lächeln aufzusetzen. »Hallo«, sage ich fröhlich in die Runde und verschlucke mich fast dabei. Ich senke meinen Kopf. Warum geniere ich mich immer für mich selbst?

»Hallo, Fräulein Stein«, sagt der ältere Herr und bietet mir neben sich einen Platz an.

Die Stimmung ist förmlich und ernst. Nach den üblichen Floskeln wird es auf einmal ganz still und niemand sagt mehr was, aber es ist zum Greifen nahe, es liegt etwas in der Luft. Ich bin für solche Situationen nicht geschaffen, denn ich merke, hier geht es um mich. Und dann passiert es. Ich höre nicht einmal mehr genau hin, was die beiden mir sagen. Wobei David die meiste Zeit nichts sagt. Ich bin gefeuert. Ich, die ich so unsichtbar bin, dass mich die meisten Leute im Verlag nach dreieinhalb Jahren nicht einmal kennen. Da ist die große Veränderung, auf die ich doch so gewartet habe. Arbeitslos, wahrscheinlich bald ein Sozialfall.

»Es tut mir leid, Fräulein Stein, aber wir müssen Kürzungen vornehmen und nachdem diese Abteilung sich verändern wird, müssen wir leider in Zukunft auf Sie verzichten. Ich bin mir sicher, Sie verstehen das und wir wünschen Ihnen nur das Beste für Ihre Zukunft …« Blablabla … Der Herr ist ein Unternehmensberater, wie mir Daniel vorher erklärt hat. Tolle Beratung, wenn sie mich wegberaten. Es wird sich auch vermutlich niemand für mich eingesetzt haben, sondern es waren alle froh, ihren eigenen Kopf gerettet zu haben. Irgendwie schaffe ich es, aus dem Zimmer zu kommen, ohne loszuheulen. Zurück auf meinem Platz nehme ich meine paar persönlichen Sachen und gehe.

Als ich endlich zu Hause ankomme, bin ich verschwitzt und verweint und außer Atem. Whisky, aus seinem Vormittagsschläfchen geweckt, starrt mich an. »Alles ok?«

»Nichts ist ok. Mein Leben ist vorbei. Unser Leben ist vorbei. Bald werden wir nichts mehr zu essen haben und kein Dach über dem Kopf«, brabbel ich wild vor mich hin und selbst ich verstehe nur Wortfetzen.

Mein Kater setzt zu einem lauten Schnurr- und Kuschelkurs an. »Alles wird gut«, schnurrt er mantrahaft vor sich hin.

Irgendwann schlafe ich dann vor Erschöpfung ein und werde erst am späten Nachmittag wieder wach. Whisky hat sich ganz auf mich gelegt und ein acht Komma drei Kilogramm schwerer Kater weckt einen aus dem tiefsten Schlaf, wenn er einem den Brustkorb eindrückt. Ich schüttle ihn unsanft ab und will mir einen Tee machen. Aber wozu Tee, ich werde mich betrinken. Arbeitslose trinken und ich bin arbeitslos. Wozu sollte ich nüchtern bleiben, bei dem Scherbenhaufen von Leben? Problem: Ich trinke nie und alles, was ich finde, ist der Rum, mit dem ich vor ewigen Zeiten einmal eine äußerst ungenießbare Torte gebacken habe. Was mich noch trauriger macht, ist, dass ich nicht weiß, wen ich anrufen soll. Meine Mutter ist mit ihrem jugendlichen Liebhaber auf einer Kreuzfahrt und Freunde … für die hatte ich während der letzten Jahre wenig Zeit. Ich könnte Sara anrufen, sie war mal meine beste Freundin, bevor sie den scheußlichen Markus geheiratet und mit ihm zwei Kinder in die Welt gesetzt hat. Aber irgendetwas hält mich zurück. Na klar. Ich geniere mich wieder mal für mein »Ich«, für mein Versagen, für mein Leben, für mein Aussehen … Also schütte ich einfach ein Glas Rum hinunter. Whisky, der eigentlich aufgrund seines Namens nicht abgeneigt sein sollte, Alkohol zu trinken, schüttelt angewidert die Pfote.

Ich habe jeden angerufen, den ich kenne, einschließlich Tom und den Chinesen an der Ecke. Nach dem dritten Glas Rum überwog mein Selbstmitleid, niemanden zu haben, und ich habe mein ganzes Verzeichnis im Handy durchgerufen. Meist war niemand erreichbar – Banken, Versicherungen, Ärzte etc. haben schließlich gewisse Öffnungszeiten –, aber auch dieses Problem habe ich souverän gelöst, indem ich unzusammenhängende Sätze und eventuell auch manchmal Beleidigungen auf dem Anrufbeantworter hinterlassen habe. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was ich alles mitgeteilt habe. Bei dem Gedanken könnte ich vor Scham versinken. So bin ich normalerweise nie, Beherrschung ist mein zweiter Vorname!

Ich liege ramponiert auf dem Sofa und pflege meine beiden Kater, mit denen ich heute zu kämpfen habe. Der eine redet wenigstens nicht zurück, aber Whisky schmollt und versucht, es mir so schwer wie möglich zu machen, mich auszuruhen. Immer, wenn ich gerade am Einnicken bin, attackiert mich das getigerte Monster mit Schlachtrufen. Aber ich fühle mich zu schwach, dem etwas entgegenzusetzen. Warum habe ich mich gestern nur so gehen lassen? Toll, jetzt weiß ich wenigstens, wie glücklich Tom in seiner neuen Beziehung ist, und dass beim Chinesen ein Neujahrsgeschenk auf mich wartet. Der arme Kellner hat wohl Mitleid mit mir gehabt. Nachdem ich ihm mein trauriges Leben geschildert habe und ich nicht aufhören konnte zu schluchzen, dachte er wohl, es tröstet mich, wenn er mir mitten im Jahr ein Neujahrsgeschenk macht. Außerdem weiß Sara jetzt, was ich von ihrem Liebsten halte, was wohl ein Weiterbestehen unserer Freundschaft schwierig gestalten könnte.

Den ganzen Tag habe ich mehr oder weniger verschlafen und wohlweislich das Telefon ausgeschaltet, aber jetzt meldet sich mein schlechtes Gewissen wieder. Was soll ich jetzt bloß machen? Hier ist niemand mehr neugierig auf mich. Es gibt nur eine Lösung: weglaufen. »Whisky – wir verreisen.«

»Tolle Idee, Jessy! Katzen sind richtige Weltenbummler, die am liebsten jede Woche woanders aufwachen.«

»Jetzt sei nicht so. Schließlich hast du, bevor du bei mir eingezogen bist, auch ein paar Mal den Wohnort gewechselt.«

»Richtig, und genau deshalb finde ich, es ist genug. Zu Hause ist zu Hause, hier fühle ich mich wohl, und ich will nicht weg. Basta!«

»Wir fahren morgen. Basta!« Ich muss weg hier, es geht nicht anders. Ich hab mich vor allen und mir selbst lächerlich gemacht. Wie sollte ich mir hier länger im Spiegel begegnen können? Ich mag meine kleine Wohnung, aber ich habe scheinbar nicht das Talent, sie wirklich wohnlich zu gestalten. Hier schaut es eher aus wie in einer Studentenbude als in der Wohnung einer erwachsenen, stilbewussten Frau. Das einzige Designerstück hier ist mein Sofa, was aber eher einem Fetzenzelt gleicht, nachdem Whisky sich hier immer wieder mal seiner Maniküre hingibt. »Wir buchen etwas ganz Bequemes, Heimeliges, wo du ans Meer gehen und Fische fangen kannst!«, versuche ich versöhnlich zu klingen.

»Bin ich ein Grizzlybär?«

Juhu, ich habe das letzte freie Zimmer in einem tollen Wellnesshotel an der Adria ergattert! Ich muss dafür zwar alle meine Ersparnisse zusammenkratzen, aber ich brauche einen freien Kopf, um neu starten zu können. Im Moment bin ich noch immer verwirrt und habe keine Ahnung, wie ich mein restliches Leben anlegen soll. Aber ich muss optimistisch sein und je länger ich meine Entscheidung, wie ich weiter vorgehen kann, hinauszögere, umso besser.

Ich schalte mein Handy wieder an und habe 34 neue Nachrichten – so beliebt war ich noch nie. Gut, 29 sind von meiner Mutter, die sehr besorgt scheint, und eine ist von meinem Zahnarzt, der um die Hundert ist und mich fragt, ob ich nicht einmal mit ihm ausgehen will. Ich bin zwar verzweifelt, aber so verzweifelt auch wieder nicht. Die anderen erspare ich mir und überspringe sie, doch bei der letzten stocke ich, denn das ist meine Stimme. Ich habe mich im Rausch selbst angerufen, um mir mitzuteilen, wie schlecht es mir geht. Wie erbärmlich ist das denn? Ich muss wirklich etwas ändern …

Morgen soll die Reise losgehen und ich muss noch packen. Beim Griff in den Kleiderschrank werde ich wieder ganz bekümmert, alles in gedeckten Farben und nur ein Unding, das wie nach dem Badeanzug meiner Großmutter aussieht. Egal. Es schaut mich dort eh niemand an. Whiskys Sachen packe ich auch sorgfältig, damit es ihm an nichts fehlt, und dann geht es ab in die Falle.

»Guten Morgen«, gurre ich Whisky in seine mit Luchspinseln besetzten Ohren.

»Mhmm«, brummt Whisky zurück.

Es ist das erste Mal, dass ich ihn in der Früh wecke. Er ist noch immer nicht begeistert von der Idee zu verreisen, aber er hat sich seinem Schicksal ergeben und erhebt sich langsam von seinem geblümten Lieblingspolster.

Nachdem wir gefrühstückt haben, stecke ich ihn in seinen luxuriösen Reisekorb und mache mich auf den Weg zum Auto. Schweigend fahren wir los, und das soll sich auch in den nächsten zwei Stunden nicht ändern. Aber das stört mich nicht, so habe ich wenigstens Zeit, alles noch einmal Revue passieren zu lassen.

In meinem ganzen Leben war ich immer jemand, der im Hintergrund gestanden ist, und es hat mich nie gestört. Ich dachte immer, je unauffälliger ich bin, umso weniger stoßen sich die anderen an mir und entdecken nicht gleich all meine Fehler. In meinen Träumen habe ich mir manchmal vorgestellt, wie es wäre, jemand anderer zu sein, aber selbst da habe ich mich im Traum geniert, solche Träume zu haben. In der Schule war ich immer eine, die halt auch dabei war. Die Jungs haben sich nicht für mich interessiert und meine unauffälligen Versuche waren eben auch unauffällig. Obwohl ich damals nicht dick war, habe ich es immer so empfunden, mein Körper war nie mein Freund, sondern ich hatte ständig etwas an ihm auszusetzen. Ein bisschen zu viel Fett da, der Busen zu klein, der Po zu groß.

So dauerte es lange, bis ich, eigentlich durch puren Zufall, meinen ersten Kuss bekam. Von einem Jungen namens Hannes. Er war ein stiller Streber und wurde oft gehänselt. Irgendwie bestand da eine Verbindung zwischen uns – so wie zwischen allen Außenseitern. Trotzdem mieden wir uns. Mit jemandem, der nicht beliebt war, gesehen zu werden, erschien mir damals noch schlimmer, als bei den »Coolen« immerhin geduldet zu werden. Auf einer Landschulwoche konnte ich in der Nacht nicht schlafen und geisterte auf den Gängen herum, bis ich mit besagtem Hannes zusammenstieß und er, was ihn auch immer dazu angespornt haben mag, mich einfach geküsst hat. Ich bin ihm noch heute dankbar dafür. Schließlich war ich schon 17 und alle anderen waren viel weiter als ich. Ich habe es damals niemandem erzählt und hielt es wie einen Schatz in meinem Gedächtnis.

Auch wenn Hannes kein Traumprinz war, stilisierte ich viel in ihn hinein, und in meinen Tagträumen von unserem Kuss war er der Held. Doch sobald ich ihm in der Realität begegnete, war ich abweisend und spottete mit den anderen mit.

Dann ging ich ein paar Mal mit Jungs aus, aber nie hatten sie längeres Interesse an mir, bis ich Tom traf. Er war so anders als alle anderen. Als ich dann mit ihm zusammen war, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl gehabt, auch einmal beachtet zu werden. Nie haben wir gestritten, wobei das auch an meiner Angst lag, ihn zu verlieren, wenn ich mich trauen würde, ihm zu sagen, was mir nicht passt. Ich habe mich einfach an ihn angepasst und immer versucht alles so zu machen, wie er es will. Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass er wirklich mit mir zusammen sein wollte, und als ich dieses Glück fassen konnte, war es auch schon wieder weg. Wir hätten uns auseinandergelebt, hat er damals gemeint und wie immer habe ich den Schmerz still ertragen und habe ihn ziehen lassen, obwohl ich mich erst ein- und nicht auseinandergelebt hatte.

Das ist jetzt über fünf Jahre her und seitdem habe ich mich noch mehr in mich zurückgezogen. Ich habe viel Schuld meinem pummeligen Körper gegeben, meiner Art und Weise mit Dingen umzugehen und tue das heute noch immer. Vielleicht habe ich nie gelernt, wirkliche Beziehungen aufzubauen. Ich habe keine Geschwister und meine Mutter hatte einen Liebhaber nach dem anderen. Ich erlaubte es mir nicht, einen davon gern zu haben, weil sie dann doch wieder zu schnell ausgewechselt wurden.

Als Kind hatte ich oft die Angst, auch ausgetauscht zu werden, wenn ich meiner Mutter zu sehr auf die Nerven falle. Ich habe mir immer eine ältere Schwester gewünscht, die mir zeigen hätte können, wie es so funktioniert im Leben. Aber nachdem schon ich nicht ganz geplant war, ist dieses Thema nie zur Diskussion gestanden. Keine Schwester, keine Katze – niemand, mit dem ich meine Sorgen und Gefühle austauschen konnte. Meiner Mutter war ihr Aussehen sehr wichtig, sie ist nie ungeschminkt außer Haus gegangen. Es war ihr extrem wichtig, die richtige Figur, die richtigen Haare, die richtigen Kleider zu haben. Ich war eben nicht das richtige Kind dazu. Kein kleines Starlet, nach dem sich alle umdrehten, sondern ein schüchternes, ungelenkes Mädchen. Wir waren uns nie wirklich nahe, aber ich kann ihr nichts vorwerfen, sie hat ihr Bestes getan, und wie ich nach meinem gestrigen Anruf gemerkt habe, macht sie sich Sorgen um mich. Ich werde sie später anrufen. Meine einzige wirkliche Nahbeziehung führe ich mit meinem Kater. Naja, immerhin.

Die Landschaft fliegt an mir vorbei und ich merke, wie ich mich langsam entspanne. »I will survive«, tönt es aus dem Radio und ich drehe noch eine Spur lauter, dabei habe ich Whisky aus seinem Schläfchen geweckt und nach kurzer Grantigkeit stimmt er laut miauend ein. Er findet, Katzensprache wäre musikalischer als unsere Menschensprache. Dem kann ich zwar nicht zustimmen, aber ich bin froh, dass er sich wohl mittlerweile mit der Situation anfreundet, dass wir in den Urlaub fahren.

»Hmm, weißt du, vielleicht werde ich so ein verwegener Jetsetkater, mal hier mal dort und all die Katzendamen himmeln mich an. Schließlich steht die Damenwelt ja auf Kater mit weltmännischer Erfahrung.« Er streckt breit seine Vorder- und Hinterpfoten von sich, bald darauf höre ich nur noch ein leises Schnarchen. Wahrscheinlich träumt er gerade von neuen Abenteuern, die wir erleben werden.

So, jetzt ist es aber Zeit für einen Halt, ich parke das Auto an der nächsten Raststätte und ramme gleich einmal einen Pfosten. Einparken ist nicht so meine Sache. »Ich komme gleich! Ich hole nur was zum Trinken.« Diesmal aber keinen Rum!

Als ich die Raststätte betrete, starren mich einige Leute komisch an. Ich habe doch gar nichts gemacht! »Schau dir die an!«, höre ich ein paar Jugendliche flüstern, andere wenden grinsend den Kopf ab. Ich schaue an mir herunter, um unauffällig zu überprüfen, was mit mir nicht stimmt, und muss feststellen, dass ich in der Hektik des Reiseaufbruchs vergessen habe, meine pinkfarbenen Prinzessinnenschlapfen, die mit Schleifchen und Krone besetzt sind, gegen meine Straßenschuhe auszutauschen. Ich muss wie ein kompletter Idiot aussehen.

Zu allem Überfluss merke ich, dass mir Whisky nachgeschlendert kommt. Er stupst mich mit der Pfote an: »He, du hast mich vergessen!«