Die Gräfin ohne Land - Luisa Frey - E-Book

Die Gräfin ohne Land E-Book

Luisa Frey

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Beschreibung

Dramatisch und hochspannend: Der historische Roman »Die Gräfin ohne Land« erzählt die Geschichte von Mutter und Tochter von Taxis, die während des 30-jährigen Krieges um die Post-Routen des Kaiserreichs und das Familien-Unternehmen des Hauses Thurn & Taxis kämpfen. Brüssel 1632: Erstaunen und Spott könnten kaum größer sein, als es der jungen Witwe Alexandrine Gräfin von Taxis tatsächlich gelingt, vom Kaiser zum Generaloberpostmeister ernannt zu werden. So kann sie das Familien-Unternehmen fortführen und die Post-Routen der Familie von Taxis zunächst sogar noch ausbauen. Unterstützung erhält Alexandrine vor allem von ihrer 16-jährigen Tochter Genoveva, der das Post-Geschäft von Kindesbeinen an im Blut liegt. Doch obwohl Mutter und Tochter dasselbe Ziel verfolgen, sind sie sich in der Wahl der Mittel allzu oft uneins. Als die Verheerungen des 30-jährigen Krieges und Intrigen der männlichen Konkurrenten die Familie schließlich an den Rand des Ruins bringen, soll Genoveva gegen ihren Willen verheiratet werden … Die Autorin Luisa Frey ist fasziniert von der Geschichte des Hauses Thurn & Taxis. In ihrem historischen Roman werden die kämpferische Alexandrine und ihre um Selbstbehauptung ringende Tochter Genoveva lebendig, die während des 30-jährigen Krieges mit viel Mut und Einsatz um ihren Platz im Leben und den Fortbestand der Familien-Dynastie Thurn & Taxis gekämpft haben.

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Seitenzahl: 668

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Luisa Frey

Die Gräfin ohne Land

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Brüssel 1632: Erstaunen und Spott könnten kaum größer sein, als die junge Witwe Alexandrine Gräfin von Taxis vom Kaiser zum Generaloberpostmeister ernannt wird. So kann sie das Familienunternehmen fortführen und die Postrouten der von Taxis zunächst sogar noch ausbauen. Unterstützung erhält Alexandrine vor allem von ihrer 16-jährigen Tochter Genoveva. Doch obwohl sie dasselbe Ziel verfolgen, sind Mutter und Tochter sich in der Wahl der Mittel allzu oft uneins. Als Krieg und Intrigen die Familie schließlich an den Rand des Ruins bringen, soll Genoveva gegen ihren Willen verheiratet werden …

Inhaltsübersicht

Personenverzeichnis

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

Nachwort

Glossar

Danke

Personenverzeichnis

Historisch verbürgte Personen sind mit einem * markiert

Gräfin Alexandrine von Taxis*, Generalpostmeisterin des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation

Genoveva Anna von Taxis*, Tochter von Gräfin Alexandrine

Lamoral Claudius von Taxis*, Sohn von Gräfin Alexandrine

Susanna Jacobe von Taxis*, Postmeisterin in Augsburg

Johann Baptista von Taxis*, ihr Sohn

Sigismondo Sfondrati, Generalkapitän der Spanischen Niederlande und Marquis de Montafié*

David Frey*, Reichspostverwalter in Augsburg

Elias Oppenheimer, Hoffaktor von Kaiser Ferdinand III.

Christophe de Longwy, königlicher Berater

Maximilian von und zu Trauttmansdorff*, kaiserlicher Geheimer Rat, Kämmerer und Obersthofmeister

Kaiser Ferdinand III. *, König von Ungarn, Kroatien und Böhmen und römisch-deutscher Kaiser

Johann Rudolf Reichsgraf von Puchheim*, kaiserlicher Oberstkämmerer

Johann Georg Bellnern*, Postreiter und späterer Postmeister der taxischen Station in Bruchsal

Johann Christoph von Paar*, oberster Hofpostmeister und kaiserlicher Rat von Kaiser Ferdinand II.

Rudolf von Paar*, oberster Hofpostmeister und Großprior des Malteserordens in Böhmen

Peter Paul Rubens*, Maler und Diplomat

Loeb Heschel Chalfan*, Arzt aus Wien

Monsieur Flamisol, Gildemeister der Tuchweber in Brüssel

Annabelle von Arenberg, Comtesse aus Brüssel

Editha von Arenberg, deren ältere Schwester

Emile, Privatsekretär von Alexandrine von Taxis

Balthasar Radebrecht, Postreiter von Alexandrine

Johann Pelzer, königlich-schwedischer Postmeister zu Köln

1.

Am Hof der Infantin Isabella von Spanien, Statthalterin der Spanischen Niederlande in Brüssel, 1633

Alexandrine

»Die Gräfin ohne Land«, hörte sie das Flüstern in ihrem Rücken, und obwohl die Stimme leise war, entging ihr der beißende Spott darin nicht.

Langsam hob sie den Kopf und schaute stur geradeaus auf die kristallenen Lüster, die im Schein unzähliger Kerzen an der Decke funkelten.

Sie brauchte sich nicht umzublicken. Es spielte keine Rolle, wer ihr diese Beleidigung zugeraunt hatte, denn die hier Versammelten dachten eh alle das Gleiche. Und sie hatten ja recht. Denn ihre Familie gehörte nicht der Aristokratie an und besaß kein Territorium. Sie hatte sich innerhalb der letzten hundert Jahre buchstäblich emporgearbeitet, indem sie für den Kaiser Maximilian I. einen Post- und Kurierdienst aufgebaut hatte. Erst seit gut zehn Jahren besaßen die Taxis überhaupt einen Grafentitel. Und das Lehen, das die Familie vom römisch-deutschen Kaiser Ferdinand II. empfangen hatte, war nicht etwa Land. Sondern das Recht, die Post im gesamten Heiligen Römischen Reich befördern zu dürfen. Wie Bauern oder Krämer.

Und doch war bis vor ein paar Jahren noch alles anders gewesen. Vor Leonhards überraschendem Tod. Stolz hatte sich Alexandrine an der Seite ihres Mannes auf dem gesellschaftlichen Parkett in Brüssel bewegt. Und nicht nur dort. Überall im Reich war man dem Grafen und seiner Ehefrau mit Ehrerbietung und Respekt begegnet.

Der eigentliche Grund für den Spott und die Missgunst lag woanders, das wusste Alexandrine. Der Grund war sie selbst: eine Frau, die die Führung der kaiserlichen Reichspost als Vormund für ihren kleinen Sohn einforderte und dies dank der Unterstützung der Infantin Isabella von Spanien auch durchgesetzt hatte. Und das in Zeiten des seit Jahren andauernden Krieges.

Natürlich musste sie scheitern.

Der neuerliche Verlust des Frankfurter Postamtes und der gesamten Route zwischen Frankfurt und Leipzig an die Schweden war dafür schließlich Beweis genug.

Sie faltete die Hände vor dem Bauch, richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und schritt in den Saal. Unzählige Augenpaare folgten ihr.

Alexandrine war nicht schön, das war sie nie gewesen. Mit ihren kräftigen dunklen, stets ein wenig widerspenstigen Haaren und ihrer markanten Mundpartie entsprach sie kaum dem zarten, sinnlichen Ideal der adeligen Damen an den Höfen Europas. Und in den letzten Jahren hatten sich zudem noch Falten in ihr Antlitz gegraben und ihre Züge härter gemacht. Alexandrine war dies gerade recht. Noch nie war Schönheit ein Trumpf gewesen, den sie wie so viele andere Frauen zu gegebener Zeit hätte ausspielen können. Schon immer waren es ihr Verstand und ihr natürlicher Hang zur Dominanz, mit denen sie die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zog.

Jeder Tag, den sie als Familienoberhaupt der Taxis und als Generalpostmeisterin erlebte, war ein Kampf. Sie hatte sich daran gewöhnt. Hatte sich an die dauernde Anspannung gewöhnt, sobald sie das gräfliche Palais verließ, an die nicht enden wollenden Fallen, die man ihrem Postunternehmen zu stellen versuchte, und an die Feindseligkeit ihrer Geschäftspartner, die nur auf einen Fehler von ihr zu lauern schienen.

Und irgendwann hatte sie sogar richtiggehend Gefallen daran gefunden, sich beweisen zu müssen, gegen Widerstände anzukämpfen und den Fluch ihres Geschlechts für sich zu nutzen, um die Menschen um sie herum mit ihrer Durchsetzungskraft und ihrer Hartnäckigkeit zu verblüffen.

»Habt Ihr gehört, was Johann von den Birghden in Frankfurt als königlich-schwedischer Postmeister mit seinen neuen Streckenabschnitten auf die Beine gestellt hat? In kürzester Zeit?« Nicht zufällig wurde das Thema angeschnitten, als Alexandrine an den zwei sauertöpfischen, stets in Schwarz gekleideten Meistern der Brüsseler Tuchwebergilde vorbeischritt.

Sie spürte ein warnendes Kribbeln im Nacken, wusste, dass es besser wäre, wenn sie einfach weiterlaufen und die spöttelnden Stimmen ignorieren würde. Dennoch blieb sie stehen, wartete einen Moment und drehte sich dann bedächtig zu den beiden Männern um.

»Ihr sprecht so bewundernd von den Schweden, Flamisol. Man könnte direkt meinen, dass es mit Eurer Unterstützung für Kaiser Ferdinand nicht weit her ist. Schließlich sind es doch seine Gebietsverluste, die zu einer Übernahme der Poststationen geführt haben.« Alexandrine lächelte mit der geduldigen Nachsicht, die man für gewöhnlich Kindern oder Greisen entgegenbrachte.

»Aber beste Gräfin, wo denkt Ihr hin, davon sprechen wir doch gar nicht. Es geht um die neuen Postrouten, die von den Birghden innerhalb weniger Wochen aufgebaut hat. Nach Speyer und Straßburg, sogar bis nach Zürich. Eine bemerkenswerte Leistung!«

»Übernommen, wolltet Ihr wohl sagen, mit roher Waffengewalt«, hielt ihm Alexandrine entgegen, nun merklich kühler.

»Was spielt das für eine Rolle?« Der Kaufmann wischte ihre Erwiderung mit einer nachlässigen Handbewegung fort.

»Eine entscheidende sogar. Denn genauso, wie sich von den Birghden diese Stationen einverleibt hat, werde ich sie der kaiserlichen Reichspost wieder zurückholen.«

Flamisols wieherndes Lachen hallte durch den Saal des Palais am Coudenberg, pikierte Blicke streiften sie, die Gespräche um sie herum verstummten.

»Entschuldigt, Gräfin von Taxis, aber das ist zu komisch. Ich stelle mir gerade vor, wie Ihr mit wehenden Röcken und erhobenem Degen gegen die schwedischen Reihen reitet wie eine zweite Jeanne d’Arc«, spottete er.

Sein Begleiter starrte Flamisol einige Wimpernschläge lang ungläubig an, zerrte am Knopf seines steifen Rüschenkragens und ließ die Hand wieder sinken, während sein Blick unruhig zwischen Alexandrine und Flamisol hin und her flatterte. Offenbar wartete er nur darauf, dass die nur mühsam verhohlenen Spitzen in offene Feindseligkeit umschlugen.

Alexandrine überging Flamisols höhnische Bemerkung. Seine Beleidigungen waren plump, einfallslos, ein Zeichen geistiger Trägheit.

»Ihr bedient Euch meines Geschlechts doch nur als Ausrede für Hilflosigkeit, das wisst Ihr selbst, Flamisol.«

»Das Gros der Damen bedient sich dieser Ausrede äußerst gerne.«

»Das Gros der Damen führt auch keine Geschäfte«, entgegnete Alexandrine.

»Aus gutem Grund.« Seine Augen glitten über Alexandrines hochgewachsenen, kräftigen Körper. Auch wenn die Gräfin zwei Kinder geboren hatte und bereits jenseits der vierzig war, besaß sie nicht die üppigen Rundungen, die Frauen ihres Alters oft entwickelten. Alexandrine hielt nichts von Völlerei, von den süßen Küchlein und fettigen Braten, denen ihre Freundinnen, so wenige es mittlerweile auch sein mochten, so gerne frönten. Genuss war für Alexandrine gleichbedeutend mit Schwäche und Schwäche nichts anderes als der Verlust von Kontrolle und Disziplin.

Und Alexandrine verlor niemals die Kontrolle, ganz besonders nicht über sich selbst.

Auch Gefühle erlaubte sie sich selten, und wenn, dann nur heimlich, versteckt, damit sie sich vor niemandem eine Blöße gab.

»Zweifelt Ihr an meinem Entschluss, mir die Poststationen zurückzuholen, Flamisol? Ihr solltet mich mittlerweile besser kennen«, sagte sie scharf. Ganz genau hatte sie Flamisols abschätzigen Blick auf ihrem Körper gespürt und hätte ihm in diesem Moment am liebsten eine Ohrfeige verpasst.

Der schnaubte und hielt den zweiten Gildemeister am Ärmel zurück, als dieser versuchte, sich in einem unbemerkten Moment davonzumachen.

»Nein, aber an Eurer Finanzkraft. Und ich mache mir Sorgen um Eure Zukunft, Gräfin.« Ein schmieriges, siegessicheres Lächeln zog über das Gesicht des Kaufmannes. Ebenso wie die anderen Stadtoberen hatte er mitbekommen, dass Alexandrine eines der Brüsseler Bankhäuser um einen Kredit gebeten hatte. Neuigkeiten verbreiteten sich schnell, selbst in einer so großen Stadt wie Brüssel. Vor allem, wenn es um den Bankrott einer der bekanntesten Familien der Stadt ging …

»Ihr kennt die Geschäfte, Ihr wisst, dass es ein stetiges Auf und Ab ist, also mimt jetzt nicht den besorgten Stadtrat. Ihr wartet doch ohnehin nur darauf, Euch das Taxische Palais und das Mandat für die Briefbeförderung innerhalb der Stadtmauern und in der gesamten Provinz zu sichern«, fuhr sie Flamisol über den Mund.

Für einen winzigen Moment sackten die Mundwinkel des Gildemeisters nach unten, Alexandrine wartete ein Weilchen, genoss das Gefühl des kleinen Triumphes, das sich in ihr ausbreitete, und erfreute sich an dem wachsenden Ärger, der in den hellen, blutunterlaufenen Augen des Kaufmannes funkelte.

»Und was sagt der Kaiser dazu, dass Ihr plötzlich Eure eigenen Truppen anwerbt und gegen die Reichsstände und die Schweden ins Feld schickt? Ihr habt keine Erlaubnis dafür, und der Kaiser wird eine Gefahr in Euch sehen, genauso wie in den Kurfürsten.«

»Es ist doch ganz einfach: Wenn einen die Tat anklagt, so muss einen der Erfolg entschuldigen.« Alexandrine spürte, wie sie die Oberhand gewann. Denn zumeist zeigte sich Überraschung auf den Mienen ihrer Gesprächspartner, wenn sie ein Wortgefecht für sich entschied. Und zumeist wich diese innerhalb weniger Wimpernschläge dem Ärger. Oder der Angst.

»Ihr steht kurz vor dem Ruin, Gräfin von Taxis. Eure eigenen Truppen aufzustellen ist doch nur das letzte Zucken eines bereits toten Kadavers.«

Alexandrine lachte amüsiert auf. Aber das Herz schlug heftig in ihrem Brustkorb.

Der Mann hatte recht. Allein dieses Jahr hatte Alexandrine bereits zwanzigtausend Gulden für die Schutzreiter der Postboten ausgegeben und trotzdem viele ihrer Poststationen verloren. Die Salve Guardie, die kaiserlichen Schutz- und Geleitbriefe, die jeden Boten vor Übergriffen von verfeindeten Kriegsparteien bewahren sollten, waren schon seit Langem das Papier nicht mehr wert, auf das sie geschrieben waren.

Die Kassen der Taxis waren so gut wie leer, und der Verlust von weiteren Postrouten bedeutete einen empfindlichen Einschnitt ins Einkommen der Familie, ein Einkommen, mit dem Alexandrine schon längst kalkuliert hatte.

»Ihr werdet untergehen, Gräfin von Taxis. Und dann werdet Ihr schon sehen, wo Euch Euer arrogantes und gotteslästerliches Männergehabe hingebracht hat.«

»Falsch, Flamisol. Wir werden zurückkommen, und wir werden das Postgeschäft dominieren, genauso wie wir es bereits seit hundert Jahren tun.« Alexandrines Stimme war rau vor Zorn.

»Mir scheint, die Gräfin von Taxis frönt wieder einer ihrer liebsten Beschäftigungen«, drang eine belustigte Stimme zu ihnen. »Dem Streitgespräch.«

»Rubens«, Alexandrine drehte sich um und blickte in die braunen Pupillen des Malers, die stets ein wenig von seinen Augenlidern verdeckt waren, wie bei einer Katze, die scheinbar schläfrig das Geschehen um sich herum beobachtete. Sofort breitete sich ein Lächeln auf ihren Zügen aus.

»Was bringt Euch an den Hof der Infantin? Ich dachte, Ihr reist erneut zum englischen König?« Neben seiner äußerst einträglichen Tätigkeit als Künstler widmete sich der Maler auch immer wieder diplomatischen Missionen und vermittelte zwischen den spanischen Habsburgern und dem englischen Königshaus.

»Ihr gestattet?« Ohne auf die Frage der Gräfin einzugehen, legte Peter Paul Rubens ihren Arm sanft auf den seinen und führte sie von den beiden Meistern der Tuchwebergilde weg.

»Alexandrine, Alexandrine, wann werdet Ihr es endlich lernen …«, seufzte er gespielt theatralisch. Schon vor Jahren hatte Alexandrine den Maler und Diplomaten am Hof der spanischen Infantin kennengelernt, und vom ersten Augenblick an war eine innige Freundschaft zwischen ihnen entstanden.

»Wo ist nur die Infantin? Wenn sie bei ihren eigenen Bällen nicht anwesend ist, stürzen sich die Herrschaften wie die Geier auf alles, worüber es anscheinend lohnt, sich die Mäuler zu zerreißen«, bemerkte Alexandrine.

»Nun, dazu gibt ihnen die Herrin der Postreiter aber auch ausreichend Anlass, meint Ihr nicht?«, scherzte Rubens und ließ verbindlich seine Hand auf ihrem Arm liegen.

»Die Herrin der Postreiter«, wiederholte Alexandrine und musste schmunzeln. »Das gefällt mir. Wie geht es Eurer süßen, kleinen Ehefrau?«

Aber Rubens hatte bereits den Kopf gewandt. Ein französischer Gesandter hatte den Raum betreten und zog die Aufmerksamkeit aller auf sich. Ein Raunen ging durch den Saal, niemand hatte auf diesem Ball mit dem Erscheinen eines Mannes aus dem feindlichen Lager gerechnet.

»Entschuldigt, Alexandrine, wenn ich Euch kurz alleine lasse.« Rubens verbeugte sich galant. »Schafft Ihr es, zumindest für einige Momente keinen Streit mit einem der Stadtoberen vom Zaun zu brechen?« Er zwinkerte ihr zu und eilte davon. Doch noch ehe die Wärme seiner Hand auf Alexandrines Ärmel verflogen war, erstarb ihr Lächeln.

Ihr steht kurz vor dem Ruin, Gräfin von Taxis.

Flamisols gehässige Stimme echote in ihrem Kopf.

Das durfte nicht passieren. Niemals würde sie das Postgeneralat verlieren, das ihre Familie im Jahr 1501 für die Spanischen Niederlande sowie für Burgund und das Heilige Römische Reich übernommen hatte. Niemals.

Sie musste Elias schreiben. Er war ihre letzte Rettung.

2.

Taxische Poststation in Brüssel, Dezember 1633

Genoveva

»Deshalb bitten wir Euch untertänigst, uns Verstärkung zu schicken …«, las Emile vor, stockte und hielt das Schreiben auf Armlänge von sich weg, damit er die Schrift besser erkennen konnte.

»… um die schwedischen Usurpatoren wieder aus unseren Stationen vertreiben und von den Birghden, diesen schamlosen Verräter, erneut an die Reichspost binden zu können. Hochachtungsvoll, Gerard Vrints«, leierte Genoveva herunter und ließ sich auf die schartige Sitzbank plumpsen. Den überraschten Blick des alten Sekretärs beantwortete sie mit einem Schulterzucken. »Ich habe den Brief bereits gelesen. Und alles, was ich lese, merke ich mir eben. Das weißt du doch, Emile.«

Dieser ließ sich ein wenig steif neben Genoveva nieder und rutschte hinter den Arbeitstisch, auf dem fein säuberlich geordnete Briefstapel lagen.

Sie waren alleine in der Schreibstube des Brüsseler Taxispalais, in dem auch die taxische Poststation untergebracht war. Von dem Prunk, der in den Privatgemächern der Familie Taxis herrschte, war hier jedoch nichts zu finden. Geradezu karg war die Poststube ausgestattet, einige dunkel eingelassene Schreibtische standen nebeneinander, mehrere Sitzbänke säumten die Wände, und der einzige Farbtupfer war das taxische Wappen mit dem Reichsadler und dem Dachs auf blauem Grund, das über der Tür thronte. Von der breiten Fensterfront aus konnte man direkt auf das Hauptportal der Kathedrale Notre-Dame du Sablon blicken und hatte jeden der ankommenden Reiter, die durch das Eingangstor zum Posthof kamen, im Blick.

Genoveva zog das Nasenwasser hoch, war schon drauf und dran, es an ihrem Handrücken abzuwischen, als Emile ihr kommentarlos, aber mit vorwurfsvollem Räuspern ein Taschentuch hinhielt. Seit ihre Mutter Generalpostmeisterin war und kaum noch Zeit mit ihren Kindern verbrachte, war es immer mehr der Privatsekretär der Gräfin, der versuchte, Genoveva und ihrem drei Jahre jüngeren Bruder Lamoral etwas Erziehung angedeihen zu lassen. Aber während der kleine, kränkelnde Lamoral noch ehrfürchtig zu dem ergrauten Sekretär aufschaute, hatte Genoveva schon vor einiger Zeit beschlossen, dessen zweifellos gut gemeinte Ratschläge, sie solle weniger Zeit in der Poststation verbringen, ganz einfach zu ignorieren.

Die letzten Jahre über war die Brüsseler Poststation Genovevas Welt geworden.

Sie liebte das aufgeregte Treiben im Innenhof, die vielen, weit gereisten Passagiere, die hier beim Pferdewechsel Rast machten, die unzähligen Briefe, die registriert und umverteilt werden mussten und aus den entferntesten Landstrichen und Fürstentümern stammten. Genoveva liebte es zu schreiben, zu sortieren, nach einem langen Tag das Postbuch zuzuklappen und mit einem zufriedenen Lächeln und angenehm schmerzenden Fingern auf die Leistung des Tages zu blicken.

Nur an eine Sache würde sie sich wohl nie gewöhnen: an die feuchte, kriechende Kälte, die in dem dicken Gemäuer saß, denn meist stand die Tür zum weiträumigen Innenhof offen. Postreiter gingen ein und aus, Händler, Ministeriale und auch besser betuchte Bürger, für die es mittlerweile zum guten Ton gehörte, Briefe an ihre Familie oder Freunde im gesamten Reich und über dessen Grenzen hinaus zu verschicken.

»Das sind keine guten Neuigkeiten«, sagte Emile und deutete mit ausgestrecktem Finger auf das Schreiben.

»Ich glaube, das letzte Mal, als gute Neuigkeiten bei uns ankamen, lag ich noch in den Windeln …« Genoveva rieb sich mit ihren tintenbeklecksten Fingern über den Nasenrücken, ertappte sich selbst dabei und hoffte, dass nicht wieder ein paar schwarze Schlieren auf ihrer Haut zurückblieben, für die ihre Mutter sie schelten würde. Sie hielt sich ihr Brillenglas vor die Augen und kontrollierte blinzelnd die Begleitschreiben der eben angekommenen Postreiter. Jeder von ihnen war verpflichtet, stets ein solches mitzuführen und es ordnungsgemäß mit der Anzahl der beförderten Briefpakete, deren Gewicht und der Reitgeschwindigkeit auszufüllen.

Nur in einigen wenigen Poststationen auf den Hunderten von Meilen langen Routen durch Europa durften die Postsäcke überhaupt geöffnet und die Briefe neu verteilt werden. Innsbruck und Augsburg waren solche strategisch wichtigen Verteilerstationen. Und Brüssel.

Genoveva hatte die wetterfesten Postsäcke oder Postfelleisen, wie die Reiter die Säcke stets nannten, zusammen mit den Begleitschreiben an sich genommen und kontrollierte nun akribisch mithilfe einer an der Decke befestigten Händlerwaage, ob die Angaben der Begleitschreiben auch wirklich stimmten. Denn war das nicht der Fall, mussten die Postfelleisen auf der Strecke geöffnet und ihnen Schreiben entnommen worden sein, wofür der jeweilige Reiter sich vor dem Postmeister der Station zu verantworten hatte. Eigentlich war das hier in Brüssel Alexandrine von Taxis, aber da sie so oft verreist war, hatte Emile diese Aufgabe kommissarisch von ihr übernommen.

Die Männer hatte Genoveva nach deren Ankunft sofort in die Gesindeküche des taxischen Palais geschickt, wie sie es immer tat, wenn neue Reiter ankamen. »Die Postillione arbeiten hart«, pflegte ihre Mutter immer zu sagen. »Deshalb ist es unsere Pflicht, sie ordentlich zu versorgen.«

Genoveva hatte gerade erst das zweite Schreiben samt Postsack überprüft und es im klobigen Postbuch protokolliert, als die Tür aufgerissen wurde und ihre Mutter hereinbrauste, die wie so oft den Maler Rubens im Schlepptau hatte. Ein vertrautes Bild für Genoveva, denn Rubens war ein Hausfreund der Familie Taxis. Die geweiteten Augen der Gräfin und ihre fest aufeinandergepressten Lippen hingegen waren ihr weniger vertraut.

Genoveva ließ das Augenglas sinken. Etwas hatte ihre Mutter verärgert. Oder war sie sogar betrübt? Selten zeigte die Gräfin Gefühle, nicht einmal vor ihren eigenen Kindern. Jedenfalls konnte sich Genoveva nicht daran erinnern, wann sie ihre Mutter das letzte Mal traurig gesehen hatte. Selbst als diese damals die Nachricht aus Prag vom Tode des Vaters erreicht hatte, war sie ruhig und beherrscht geblieben, und Genoveva hatte sich kurzzeitig gefragt, ob die Mutter ihren Vater überhaupt geliebt hatte.

»Die Infantin Isabella ist heute Nacht verstorben. Das ganze Land trägt Trauer«, erklärte sie knapp, noch ehe Genoveva eine Begrüßung oder gar eine Frage an sie hätte richten können. Eilig schritt die Gräfin zum Tisch, ihr Blick fiel auf die verschiedenen Briefstapel, die Emile gerade angefangen hatte, nacheinander zu öffnen, und klaubte darin herum.

Rubens’ mitleidiger Blick folgte ihr. »Ihr solltet Euch ein wenig ausruhen, Alexandrine, diese Neuigkeiten haben Euch sicher …«

Mit einer energischen Handbewegung schnitt sie ihm das Wort ab. »Dafür ist jetzt keine Zeit, Rubens, das wisst Ihr so gut wie ich. Mit der Infantin haben wir einen der wichtigsten Protektoren unserer Familie verloren.«

»Und ich hatte schon gedacht, dass Ihr tatsächlich einmal bekümmert wärt«, murmelte Rubens ein wenig verdrießlich. Suchend schaute er sich um, fand aber keinen anderen Bediensteten als den Sekretär. »Wein?«, fragte er dennoch. Dann blieb sein Blick an Genoveva hängen. Kaum merklich schüttelte er den Kopf.

»Ich sehe schon, selbst Eure Tochter verbannt Ihr Tag und Nacht in diese elende Poststube.«

Genoveva spürte Unwillen in sich aufsteigen. Vermutlich dachte er, was alle dachten: Ein so junges Ding wie sie hatte nichts zu suchen in der Gesellschaft von Postreitern und Geschäftskunden. Ein Salon, ein Stickrahmen, vielleicht ein Cembalo, das wäre der passendere Zeitvertreib für eine Grafentochter. Genoveva verzog abschätzig die Mundwinkel bei dem Gedanken.

»Ich bin freiwillig hier!«, widersprach sie, aber Rubens schien schon gar nicht mehr auf sie zu achten, genauso wenig wie Emile oder ihre Mutter, was Genoveva nur noch mehr ärgerte.

Natürlich war ihrer Mutter daran gelegen, dass Genoveva das gesamte Postgeschäft erlernte. Natürlich hieß ihre Mutter es gut, dass sie in der Lage war, die meisten Arbeiten in einer Poststation alleine verrichten zu können. Schließlich musste sie all das beherrschen, wenn sie einmal Anwärterin auf die Generalpostmeisterstelle werden wollte. Seit Jahren kämpfte ihr kleiner Bruder Lamoral, bis zu dessen Volljährigkeit ihre Mutter vom Kaiser lediglich stellvertretend als Generalpostmeisterin eingesetzt worden war, mit einem Lungenleiden. Genoveva war die zweite Erbin in der Linie der Taxis, die das Amt übernehmen würde. Und sollte es so weit kommen, wollte sie später einmal ebenso erfolgreich sein wie ihre Mutter.

Aber auch wenn Rubens Genovevas Anwesenheit in der Poststation gerade kritisiert hatte, mochte sie den Maler. Vor etwa drei Jahren hatte er versucht, Genoveva zu porträtieren. Sie musste damals zwölf oder dreizehn gewesen sein. Es war ein Gefallen gewesen, den er ihrer Mutter erwies, denn Rubens wäre im Traum nicht darauf gekommen, die kleine, schmale Genoveva mit ihren grünen Augen und ihren buschigen, dunklen Brauen zu malen. Rubens’ bevorzugte Modelle waren blonde, üppige Mädchen mit durchscheinender Haut und wasserblauen Augen, die genauso wie seine blutjunge Ehefrau aussahen.

Genoveva war damals jedoch so unruhig auf ihrem Stuhl hin und her gerutscht und hatte sich ständig irgendwo gekratzt, weil es sie überall plötzlich so furchtbar juckte, dass der Maler schon nach Kurzem sein Vorhaben mit einem entnervten Schnauben aufgegeben und sie zurück in die Poststube entlassen hatte. Ihre Mutter war indigniert gewesen, hatte sich aber von den charmanten und wortgewandten Entschuldigungen des Malers besänftigen lassen und weder ihm noch ihrer Tochter gegrollt. Lamoral hatte sich alsdann als geduldiger erwiesen und sein Porträtbild die Mutter vollends befriedet.

Die Gräfin nahm den geöffneten Brief entgegen, den ihr Emile mit betretener Miene hinhielt, und warf einen prüfenden Blick zu ihrer Tochter, den diese mit einem Kopfnicken beantwortete. Ja, sie wusste bereits, was in dem Brief stand. Nachrichten, die von einer der vielen taxischen Poststationen kamen, las Genoveva immer als Erstes, und für gewöhnlich kümmerte sie sich auch um die Belange der vielen Stationen, sobald sie etwas mit der Buchhaltung oder Briefverteilung zu tun hatten. Nur besonders wichtige Nachrichten zeigte sie ihrer Mutter.

Wie zum Beispiel das Schreiben des ehemaligen Frankfurter Postmeisters Gerard Vrints, das sie gerade in Händen hielt und das nichts anderes als ein Hilferuf gewesen war. Nach Frankfurt waren nun auch Nürnberg und Aschaffenburg in die Hände der Schweden gefallen. Und auch die Angriffe auf Köln nahmen stetig zu. Die Familie Taxis drohte damit ihre wichtigste und gleichzeitig letzte verbleibende Postroute an die Schweden zu verlieren: die Strecke zwischen Antwerpen und Venedig. Ebenjene Strecke, die den Erfolg und den Reichtum der Grafen von Taxis vor mehr als hundert Jahren begründet hatte.

Damals waren es noch einfache Reiterstafetten gewesen, die das gigantische, aber zerstückelte Habsburger Reich miteinander verbunden hatten. Die Herrscherfamilie war auf die taxischen Reiter angewiesen gewesen, denn sie beförderten Nachrichten zwischen dem Heiligen Römischen Reich, den Spanischen Niederlanden, Österreich, Italien und sogar Spanien. Anfänglich hatten die Zuwendungen der Habsburger auf dem spanischen Königsthron die teuren, aber schnellen Reiter, die Tag und Nacht mit den Briefen der Habsburger unterwegs gewesen waren, finanziert. Nach dem Bankrott der Spanier waren es aber immer mehr auch die Privatkunden, große Handelshäuser, Geistliche und Bürger, deren Briefe und Päckchen den Taxis ihr Einkommen garantierten. Dutzende Stationen und immer weiter verästelte Strecken, die das gesamte Heilige Römische Reich abdeckten, hatte Genovevas Großvater aufgebaut. Selbst ihre Mutter hatte ihrem ärgsten Konkurrenten, der österreichischen Hofpost der Familie von Paar, noch einige Stationen abluchsen können.

Mittlerweile war die taxische Post schneller als alle Botenanstalten der Reichsstädte oder der großen Handelshäuser. Selbst die Fugger und die Nürnberger Familie Tucher griffen auf die taxischen Reiter zurück, denn sie verfügten über das zuverlässigste Transportsystem. Alle fünf Meilen fand ein Reiterwechsel statt, egal ob am Tag oder zu Nachtzeiten. Ein Brief von Brüssel nach Venedig hatte bis vor Kurzem nur noch zehn Tage gebraucht.

Aber dann war der Krieg gekommen.

Mit gerunzelter Stirn las die Gräfin den Brief, den Emile ihr übergeben hatte, dann meinte sie: »Ich habe unser Vorhaben schon viel zu lang aufgeschoben. Ich brauche Truppen, damit wir den Schweden die Poststationen wieder abnehmen können. Die Strecke zwischen Brüssel und Wien ist das Rückgrat des Reiches und die einzige Route, die wir im Moment noch bedienen können. Wir werden sie nicht auch noch verlieren«, erklärte sie, die Augen noch immer auf das Schreiben gerichtet.

Als keiner der Anwesenden reagierte, wandte sie sich mit aufforderndem Blick an Rubens.

»Es wird kein leichtes Unterfangen, Söldner zu finden, die es mit den allmächtigen Schweden aufnehmen«, antwortete dieser rasch.

Alexandrine stieß verächtlich Luft durch die Nase aus. »Die allmächtigen Schweden. Dass ich nicht lache! Die konnten ihre Position doch nur durch die List und den Verrat der Reichsstände stärken.«

»Nun ja, so ist eben der Krieg, Gräfin …« Der Maler zuckte mit den Schultern.

»Ich bezahle regelmäßig und gut. An wen kann ich mich wenden?«, überging Alexandrine seinen Einwand. Wie immer verschwendete sie keine Zeit mit Geplänkel.

»Der spanische Generalkapitän Sigismondo Sfondrati weilt gerade in der Stadt«, erklärte Rubens, der stets mit erstaunlicher Akkuratesse über alles Bescheid wusste, was sich innerhalb der Brüsseler Stadtmauern so tat. »Er wird Euch sicher behilflich sein können, wenn Ihr auf meine Empfehlung hin zu ihm kommt. Ich würde ihm eher trauen als dem Grafen von Arenberg, man munkelt so dies und das, was Letzteren und seine fehlende Treue gegenüber den Habsburgern betrifft.«

Genoveva warf ihm einen empörten Blick zu. Die zweitälteste Tochter des Grafen von Arenberg, Annabelle, war ihre beste Freundin. Jede Stunde, die Genoveva nicht in der Poststation arbeitete, versuchte sie, mit ihr gemeinsam im Stadtpalais Arenberg zu verbringen. Es lag so nah am Familiensitz der Taxis, dass sich Genoveva manchmal sogar heimlich zu Fuß dorthin schlich. Sehr zum Leidwesen ihrer spröden Gesellschafterin, die Genovevas Mutter vor einigen Jahren für ihre Tochter in Dienst genommen hatte. Für gewöhnlich versuchte Genoveva, Fräulein von Brandt abzuschütteln, um deren Ergüssen über das ziemliche Verhalten junger Adelsfrauen zu entkommen.

Aber einmal mehr entging den Erwachsenen Genovevas Unmut, was ihr einen frustrierten Seufzer entlockte.

»Jedoch frage ich mich, mit Verlaub, wie Ihr die Truppen bezahlen wollt«, gab Rubens zu bedenken.

Alexandrine legte den Kopf schräg und blickte den Maler versonnen an. »Das lasst einmal meine Sorge sein«, erklärte sie, was selbst Genoveva einen Moment lang verblüffte.

Die Kassen der Taxis waren so leer, dass die Gräfin sogar den Vorbereitungen zu dem alljährlichen, ausschweifenden Weihnachtsfest Einhalt geboten hatte, um nicht unnötig Geld zu verprassen.

»Unsere Reiter für einen Monat loszuschicken, fünfzehn Mann, das würde bedeuten, ich bräuchte …« Alexandrines Stimme wurde leiser, ihre Lippen bewegten sich lautlos.

»Siebentausend Gulden, Maman«, half Genoveva aus.

Rubens’ Augenbrauen schossen nach oben, er wandte sich zu ihr. Zum ersten Mal seit geraumer Zeit.

»Richtig, Kind, siebentausend. Siebentausend Gulden, die ich zu Anfang nächsten Jahres haben werde.«

»Euer heimlicher Gönner, nehme ich an?« Rubens spitzte anzüglich die Lippen, kippte den gesamten Inhalt des Zinnbechers die Kehle hinab und brummte wohlig.

»Kein Wunder, dass Eure diplomatischen Bemühungen für die Infantin Isabella in England im Sande verlaufen sind, Rubens. Ihr wisst einfach nicht, wann es besser wäre, nicht mehr weiterzusprechen. Beschränkt Euch doch in Zukunft auf Euer florierendes Kunstgewerbe«, bemerkte Alexandrine trocken.

Abwehrend hob der Maler die Hände. »Schon gut, Gräfin, schon gut.« Ohne hinzusehen, stellte er sein Trinkgefäß auf dem Schreibtisch ab, auf einige Pergamente. Kleine Tröpfchen liefen den Becherrand hinunter und versickerten in dem Papier, noch ehe Emile die Dokumente hastig darunter hervorziehen konnte. Mit finsterem Blick wischte er mehrmals darüber, konnte aber den kreisrunden, dunkelroten Rand nicht mehr entfernen.

»Am besten mache ich mich gleich auf zu meinem Freund Sfondrati, bevor ich noch weiter in den Genuss Eurer scharfen Zunge komme.« Der Maler zupfte etwas beleidigt einige Flusen von den schwarzen, geplusterten Ärmeln seiner Jacke und wandte sich zur Tür.

»Aber, aber, Rubens, seid Ihr so schnell eingeschnappt? Natürlich begleite ich Euch. Verhandlungen über meine Reisebegleiter führe ich lieber selbst, das wisst Ihr doch«, erwiderte Alexandrine, legte Rubens die Hand auf den Arm und schenkte ihm ein gewinnendes Lächeln, dem er bereits nach wenigen Atemzügen erlag. Auch wenn die Wortgefechte zwischen dem Maler und der Gräfin oftmals scharf klangen, wusste Genoveva doch, dass es niemals zu ernstlichem Streit zwischen ihnen kam.

»Ihr wollt doch wohl nicht selbst bei diesem Himmelfahrtskommando mitreiten?« Rubens schien ehrlich überrascht.

»Selbstverständlich werde ich das.«

»Grässliche Idee«, tat er ihren Vorschlag ab.

»Die einzig richtige Idee, denn ich habe stets das Gefühl, dass die Moral meiner Männer zu wünschen übriglässt, wenn ich sie nicht persönlich antreibe.«

»Da wage ich natürlich nicht zu widersprechen, Gnädigste.«

Da gibt es auch nichts zu widersprechen, stimmte ihm Genoveva in Gedanken zu. Mehrmals im Jahr bereiste Alexandrine die Postrouten im gesamten Reich und stattete den wichtigsten Poststationen der Taxis Stippvisiten ab. Sie kontrollierte die dortigen Bücher und stellte sicher, dass die Beförderungszeiten eingehalten wurden, die Männer ihren Sold erhielten und die Postpferde nicht zuschanden geritten wurden. Die Gräfin war bekannt für ihren Fleiß und ihren eisernen Willen und vor allem dafür, stets persönlich nach dem Rechten zu sehen – selbst wenn die Poststationen mehrere Tagesritte voneinander entfernt lagen.

War die Gräfin nicht verreist, verbrachte sie ihre Zeit im Brüsseler Posthof. Zu Anfang war Genoveva nur so oft in der Schreibstube aufgetaucht, um mehr von ihrer Mutter zu haben. Irgendwann hatte sie dann verstanden, dass sie deren Aufmerksamkeit und vielleicht sogar ein kleines bisschen mehr Zuneigung am ehesten bekam, wenn sie sich für die Abläufe in der Poststation interessierte und dort selbst Aufgaben übernahm – erfolgreich natürlich. Und da Schreiben und Rechnen Genoveva stets besonders leichtgefallen waren, sogar noch leichter als ihrem Bruder, hatte auch sie begonnen, ihre Tage im geschäftigen Brüsseler Posthof zu verbringen. Und mit der Zeit hatte sie so viel Gefallen an der Arbeit in der Schreibstube gefunden, dass sie sich kaum mehr außerhalb blicken ließ.

Gedankenverloren rollte Genoveva die Schreibfeder zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her, doch auch wenn es vielleicht so aussah, als folge sie dem Gespräch nicht mehr, hörte sie genau zu, überlegte, wog ab. Die Reise, die ihre Mutter gerade plante, würde eine der wichtigsten werden, seit sie zur Generalpostmeisterin ernannt worden war. Bereits mehrmals war Alexandrine von Taxis zu Brennpunkten im Reich geritten, vornehmlich an der Seite ihres Augsburger Reichspostverwalters David Frey, um Stationen und Routen zu sichern. Aber dieses Mal ging es um mehr als ein paar Poststationen. Es ging um ihre Existenz.

Bald vollendete Genoveva ihr sechzehntes Lebensjahr, ein Alter, in dem viele ihrer Freundinnen bereits ans Heiraten dachten. Und sie? Sie führte die Bücher der Familie, traf Entscheidungen, die Tausende von Gulden bewegten, organisierte die Postrouten mit Dutzenden Stationen. Und trotzdem hatte sie das Gefühl, dass niemand sie ernst nahm. Ihre Mutter nicht, Rubens nicht, ja selbst Emile behandelte sie manchmal noch wie ein Kind.

Und sie hatte es satt, ständig übergangen und übersehen zu werden.

Sie wollte so sein wie ihre Mutter, anerkannt und respektiert werden für das, was sie leistete.

Sie holte tief Luft und räusperte sich.

»Ich werde mitkommen.« Die Köpfe ihrer Mutter und des Malers fuhren herum, ein missbilligendes Zungenschnalzen war von Emile zu hören.

»Kommt gar nicht infrage«, bestimmte ihre Mutter.

»Und mit welchem Recht schlagt Ihr Eurer Tochter die Bitte ab, wenn ich fragen darf?« Rubens faltete die Hände vor dem Bauch. Er schien sich heute einen Spaß daraus zu machen, die Gräfin zu reizen.

»Sie ist noch ein Kind«, zischte Alexandrine Rubens zu, und ihre Vehemenz wischte den heiteren Ausdruck aus seinem Gesicht.

»Ich bin fast sechzehn, Maman. Ich führe seit zwei Jahren die Bücher hier in Brüssel. Ich möchte dich unterstützen, ich möchte von dir lernen und der Familie helfen.«

»Was du am besten tust, indem du mich hier vertrittst«, wehrte ihre Mutter ab, und ein unnachgiebiger Ausdruck trat auf ihr Gesicht, den Genoveva nur zu gut kannte und fürchtete.

»Du brauchst jemanden, der die Bücher in den eroberten Stationen in Ordnung bringt«, versuchte Genoveva es erneut. Diesmal ohne ein Flehen in der Stimme. »Du weißt, dass ich schneller bin als alle anderen. Ich werde Anwärterin sein auf die Stelle des Generalpostmeisters, das haben wir doch schon längst beschlossen. Und dafür muss ich lernen, wie du die anderen Stationen führst. Oder nicht?«

Die dunklen Augen ihrer Mutter ruhten auf ihr, ein durchdringender Blick, dem Genoveva um jeden Preis standhalten wollte. Sie musste diese Diskussion für sich entscheiden.

»Seid nicht so kalt, Alexandrine. Eure Tochter möchte bei Euch sein, so gestattet ihr doch den Wunsch«, meldete sich nun auch Rubens wieder zu Wort und schlug dabei einen vertraulichen Tonfall an.

»Es herrscht Krieg dort draußen!«, herrschte ihn die Gräfin an und deutete anklagend zum Fenster.

»Der herrscht schon, seit Genoveva das Licht der Welt erblickt hat. Und nur Gott weiß, wie lang er noch dauern wird. Ich gebe Euch einen Rat, Gräfin: Bereitet Euer Kind lieber selbst auf das Leben dort draußen vor, bevor es andere tun.«

Einen kurzen Moment schloss Alexandrine die Augen, ein leichtes Zucken um ihre Lippen. Genoveva wagte nicht zu atmen, achtete auf jede Regung im Gesicht ihrer Mutter.

»Nun gut«, sagte diese schließlich. »Du wirst mich begleiten.« Ihre Stimme klang schon wieder geschäftsmäßig und kühl, aber trotzdem machte Genovevas Herz vor Freude einen Sprung.

Die Gräfin wandte sich an Rubens. »Und Ihr habt mich gerade weitere fünfhundert Gulden für den persönlichen Begleitschutz meiner Tochter gekostet.«

Der Maler beantwortete den Vorwurf lediglich mit einem breiten Grinsen.

3.

Palais Sfondrati in Brüssel

Alexandrine

»Eine Sache noch. Wer ist Euer bester Mann?«, fragte Alexandrine.

Der Generalkapitän musterte die Gräfin mit zusammengekniffenen Augen, als wüsste er den Hintergrund für ihre Frage nicht recht einzuordnen. Sigismondo Sfondrati mochte Ende zwanzig sein, vielleicht sogar jünger, aber der Krieg hatte bereits deutliche Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Eine Narbe teilte seine Augenbraue und zog sich in kaum verheiltem Rosarot über die gesamte linke Gesichtshälfte. Ein oder zwei Mal war er in Gedanken mit dem Finger darübergefahren, und Alexandrine hatte daraus geschlossen, dass sie noch immer schmerzen musste.

Sein Teint verriet seine italienischen Vorfahren, und sein Hemd, sein Wams, seine Hose, selbst seine breitkrempigen Stiefel, alles in Schwarz, zeichneten ihn als Soldaten aus. Alexandrine hatte die letzten Jahre über genügend von ihnen kennengelernt. Oftmals kleideten sie sich in dunkle Farben und gaben sich so eine Aura des Verwegenen und Gefährlichen. Denn im Krieg galt das gleiche Prinzip wie im Geschäft: Wer es von Anfang an schaffte, Respekt, womöglich sogar Angst zu schüren, hatte später ein leichteres Spiel. Auch Alexandrine hatte das lernen müssen.

Sfondrati mochte vom Krieg gezeichnet sein, aber er hatte nicht den gehetzten Ausdruck in den Augen, den sie so häufig bei den Männern sah, die sich bei ihr als Postreiter verdingen wollten. Für gewöhnlich lehnte sie solche Bewerber ab, denn es war nur eine Frage der Zeit, bis die Angst sie übermannen und sie auf der Strecke einen Fehler begehen würden, den sie zumeist mit ihrem Leben bezahlten.

Verschwundene oder gar tote Postreiter kamen Alexandrine teuer zu stehen, denn sie musste nicht nur deren Familien mehrere Monate ihres Verdienstes auszahlen. Für gewöhnlich gingen ihr dadurch auch die Postfelleisen mit Dutzenden von Briefen verloren, die niemals ankommen würden, und sie musste die Beschwerden ihrer Kunden abwiegeln, nicht selten von hochgestellten Persönlichkeiten. Selbst der Kaiser hatte ihr letztes Jahr eine Abmahnung zukommen lassen und drohte ihr nun mit einer weiteren.

Schnell war sie sich mit dem spanischen Generalkapitän handelseinig geworden. Rubens hatte nicht einmal zwischen ihnen vermitteln müssen und sich deshalb fast schon etwas beleidigt über die fehlende Aufmerksamkeit dem schweren Wein und dem Salzgebäck gewidmet, das Sfondrati hatte auftragen lassen.

Solange Eis und Schnee den Kontinent im Griff hatten, gab es kaum Kampfhandlungen zwischen den Kriegsparteien. Die Männer, die nicht nach Hause zu ihren Familien entlassen worden waren oder gar kein Zuhause mehr ihr Eigen nannten, überwinterten mit dem gesamten Tross in riesigen Lagern. Sie waren verfroren, ausgehungert und frustriert vor Langeweile. Alexandrine wusste, dass ihnen und ihren Truppenführern ein kleines Zubrot bis zum Frühjahr gerade recht kam.

Sie hatte Sfondrati jedoch klargemacht, dass sie nur mit den besten Kämpfern aus seinen mehreren Hundertschaften Soldaten ins Feld ziehen würde und dass diese selbst für ihre Reitpferde und ihre Ausstattung aufkommen müssten. Deshalb hatte sie auch den saftigen Preis akzeptiert, den Sfondrati ihr unterbreitete. Er belief sich auf deutlich mehr, als Alexandrine zunächst kalkuliert hatte. Und trotzdem würde sie ihn zahlen, denn der Ruf, den der Generalkapitän und seine Kavallerie genossen, war exzellent.

Es war ihre letzte Chance, die Postroute zu halten, und als Sfondrati ihr zugesichert hatte, eine kleine, schlagkräftige Truppe zusammenzustellen, die den Schweden das Fürchten lehren würde, hatte sie an seinen Worten nicht den leisesten Zweifel gehegt.

Sfondrati, der Marquis de Montafié, entstammte einem alten, ehrwürdigen Adelsgeschlecht, und seine Familie hatte sich bereits vor Generationen den spanischen Habsburgern verschrieben. Deshalb hatten die Sfondrati ihren Familienstammsitz auch nach Brüssel in die Spanischen Niederlande verlegt. Aufgrund seines militärischen Könnens und seines Erfolgs auf den Schlachtfeldern Europas hatte Sigismondo die letzten Jahre über das besondere Vertrauen der Infantin Isabella genossen – und damit nun auch das Alexandrines.

Außerdem mochte sie den Mann. Er verlor kein überflüssiges Wort, sein Angebot war teuer, aber nicht überzogen, und er hatte sie sofort über die Risiken ihres Unternehmens aufgeklärt. Er war ehrlich zu ihr gewesen und hatte sie wie einen ihm ebenbürtigen Geschäftspartner behandelt. Für gewöhnlich taten das ihre Handelspartner erst, nachdem sie diesen mit einigen scharfzüngigen Kommentaren den Kopf zurechtgerückt hatte.

»Ihr fragt nach meinem besten Mann? Das kommt ganz darauf an, wofür«, antwortete Sfondrati nun geschäftsmäßig und verschränkte die Arme vor der Brust, als wüsste er bereits, was Alexandrine verlangen würde.

»Für den persönlichen Geleitschutz meiner Tochter.«

Sfondrati stutzte. »Eure Tochter wird Euch begleiten?«

Er spähte über die Schulter in den Innenhof, und Alexandrines Blick folgte dem seinen. Das Fensterglas war von Blasen und Schlieren durchzogen, sodass Alexandrine nur unscharf erkennen konnte, dass Genoveva neben der Kutsche stand und mit der Schuhspitze Kieselsteine gegen die Mauer trat. Ganz und gar nicht das Verhalten, das einer jungen Dame geziemte. Wie kommt es, dass meine Tochter derart ihr Benehmen vergisst?, fragte sich Alexandrine insgeheim und musste einige Momente überlegen, wann sie Genoveva überhaupt das letzte Mal außerhalb der Schreibstube gesehen hatte.

»Die dort unten?«, fragte Sfondrati, und Alexandrine hörte den Spott aus seinen Worten sehr wohl heraus.

»Treibt es nicht auf die Spitze, Generalkapitän«, ihre Stimme war leise, aber so schneidend, dass sie spürte, wie sich Rubens neben ihr versteifte und den Becher, den er gerade zum Trinken angesetzt hatte, wieder sinken ließ.

Sigismondo nickte mit unbewegter Miene, wartete jedoch ein Weilchen mit seiner Antwort. Er schien zu überlegen.

»Dann werde ich Euch selbst begleiten«, beschied er. »Allerdings liegt mein Sold auch über dem meiner Männer. Bei dem Doppelten, um genau zu sein.«

Forschend ruhten seine Augen dabei auf Alexandrine, und diese erwiderte seinen Blick, lange und unverwandt. Er prüfte sie, und sie wusste es. Er prüfte, wie viel ihr die Sicherheit ihrer Tochter wert war. Er prüfte, ob sie mehr Kaufmann war oder mehr Mutter.

»Einverstanden«, sagte sie schließlich.

Sfondrati lächelte. Offenbar hatte sich sein Verdacht bestätigt, er sah in Alexandrine eine übervorsichtige Glucke, die jeden Preis für die Sicherheit ihrer Kinder zahlen würde, mochte er auch noch so vermessen sein. Alexandrine spürte ein Kribbeln im Nacken, wie immer, wenn sie anfing, sich über irgendetwas zu ärgern.

Als sie ihm die Hand hinstreckte, um das Geschäft zu besiegeln, wurde Sfondratis Lächeln ein wenig steif. Wohl weil dies keine Geste war, die er von Frauen kannte, mutmaßte Alexandrine mit Genugtuung.

Sein Blick wanderte zwischen ihrer ausgestreckten Hand und ihrem Gesicht hin und her, reflexartig zuckten seine Finger, aber dennoch zögerte er. Als er einschlug und Alexandrines kräftigen Händedruck bemerkte, weiteten sich seine Augen ein klein wenig.

»Das Leben Eurer Tochter ist Euch viel wert«, bemerkte er.

»Zu Eurem Vorteil, Sfondrati.« Alexandrine verstärkte ihren Griff und zog den Generalkapitän näher zu sich heran. Sie flüsterte: »Ich zahle Euch eine geradezu absurde Menge an Geld, damit Ihr Genoveva mit Eurem Leben schützt. Sollte ihr etwas zustoßen, werdet Ihr bereuen, diesen Handel jemals mit mir eingegangen zu sein, haben wir uns verstanden?«

Sfondratis Lächeln erstarb. Er mochte scharfe Worte von einer Frau vielleicht nicht gewohnt sein, dennoch verfehlten sie ihre Wirkung nicht. Alexandrine sah, wie der Adamsapfel an seinem Hals auf und ab hüpfte, als er schluckte.

Rubens berührte Alexandrine leicht an der Schulter und bedeutete ihr, mit ihm ein paar Schritte abseits zu gehen. »Droht dem Mann nicht, er ist gefährlich!«, riet er. »Zudem grenzt der Preis, den Sfondrati für seine Dienste verlangt, an eine Unverschämtheit.«

»Ich werde ihn dennoch zahlen«, erwiderte Alexandrine gedämpft.

»Ihr werdet günstigere Truppen finden, mit Leichtigkeit.«

»Hattet Ihr mir nicht gesagt, Sfondrati wäre einer der besten Truppenführer des Landes?«

»Das habe ich wohl, nur …«

»Dann werde ich keine weitere Zeit verschwenden, mich auf einen anderen Truppenführer einzulassen. Sfondrati mag überheblich sein, aber er scheint mir aufrecht und ehrlich. War es außerdem nicht Eure Idee, meine Tochter mit auf die Reise zu nehmen?«

Rubens verzog den Mund. »Wie Ihr wollt, Gräfin. Ich hätte von Euch jedoch ein kleines bisschen mehr Verhandlungsgeschick erwartet.« Er bedachte sie mit einem kritischen Blick, geradezu vorwurfsvoll, was Alexandrine reizte.

»Es geht hier um unsere Existenz«, erklärte sie scharf. »Wir werden unsere Hauptpostroute schützen, koste es, was es wolle. Und es wird Zeit, dass Genoveva alle Facetten des Postgeschäfts kennenlernt. Sie wird mitkommen.« Dann hob sie die Stimme. »Genoveva wird Anwärterin zur Generalpostmeisterin. Genauso wie mein Sohn Lamoral Claudius. Beide sind die Zukunft der Familie, und ich werde alles tun, damit unsere Dynastie weiterbestehen wird.«

Selbst wenn er es gewollt hätte, Sfondrati hätte ihre Worte nicht überhören können.

Alexandrine wandte sich an ihn und hielt seinen Blick fest. »Ihr schützt meine Tochter nicht nur, sondern bindet sie bei den Vorbereitungen zu unserer Unternehmung auch mit ein. Und am besten beginnt Ihr sofort damit.« Damit stieß sie das mit Butzenscheiben verglaste Fenster auf. Genovevas Blick wanderte nach oben. Ein kleiner Wink, und ihre Tochter machte sich auf den Weg.

Genoveva

»Ja, Maman?« Genoveva trat hinter der Magd über die Türschwelle, dicht gefolgt von Emile. Sie kniff die Augen ein wenig zusammen, damit sie die Anwesenden im Raum schärfer sehen konnte.

Sie befand sich im Kabinett des Palais Sfondrati. Die gekalkten Mauern waren im unteren Bereich mit dunklem Holz vertäfelt, ebenso wie die Decke, einige Wachskerzen flackerten in den Wandhalterungen und verströmten einen angenehmen Geruch. Mehrere Stühle reihten sich um einen breiten Tisch, vor dem ihre Mutter und Rubens mit einem Mann zusammenstanden, der beide um mehr als einen Kopf überragte. Er sah aus wie ein Kämpfer, aufrecht und kräftig, und seine Muskeln zeichneten sich unter den engen, schwarzen Hemdsärmeln ab. Überhaupt trug er nur Schwarz. Er hatte lange, dunkelbraune Haare, die im Nacken mit einem Samtband zusammengebunden waren. Eine schmale Narbe durchtrennte seine linke Augenbraue und zog sich bis zu seinem markant geschnittenen Kiefer hinab. Er blickte ihr entgegen, und als Genoveva nahe genug an ihn herangetreten war, um seinen Gesichtsausdruck zu deuten, sprang sie der mürrische Spott in seinen Augen geradezu an.

Das musste der Truppenführer sein, der Hausherr dieses Palais, Sigismondo Sfondrati, den ihre Mutter soeben damit beauftragt hatte, ihren Geleitschutz zu stellen.

Genoveva erwiderte seinen durchdringenden Blick, blieb im Dunkel seiner Augen hängen und schaffte es nicht, wieder woanders hinzusehen.

»Du arbeitest zusammen mit dem Generalkapitän den Proviantplan aus«, drang die Stimme ihrer Mutter zu ihr, sodass sich Genoveva erst jetzt mit ein klein wenig Verzögerung zu Alexandrine umwandte. »Wir brechen gleich nach dem Jahreswechsel auf, zu Frühlingsbeginn im März sollten wir zurück sein. Ich möchte morgen die Kalkulation haben und noch vor dem Sonnabend alle Händler beauftragen können, geht das in Ordnung?«

»Selbstverständlich, Maman.«

Sfondrati schnaubte, und Genoveva konnte nicht sagen, ob seine Reaktion dem Befehl ihrer Mutter oder ihrer widerstandslosen Zustimmung geschuldet war. In jedem Falle machte er keinen Hehl daraus, dass ihm irgendetwas ganz und gar nicht passte.

Ihre Mutter warf dem Mann einen warnenden Blick zu. »Haltet Eure Missbilligung im Zaum, Sfondrati, schließlich bezahle ich Euch dafür.« Dann wandte sie sich an ihren Sekretär. »Emile, du bleibst bei meiner Tochter und hilfst bei der Faktorierung und den einzelnen Kalkulationen.«

Ein kurzes Nicken zur Bestätigung. Wortlos verlief die Verständigung zwischen der Gräfin und dem Sekretär, wie immer. Manchmal hatte Genoveva das Gefühl, dass sich ihre Mutter mit ihrem Angestellten besser als mit ihr, der eigenen Tochter, verstand.

»Seid doch so nett und stellt mir Eure Kutsche zur Verfügung, damit ich zurück in die Poststation fahren und Rubens wieder in den Coudenberg-Palast bringen kann. Ich habe seine Zeit schon viel zu lang in Anspruch genommen«, sagte diese nun an Sfondrati gewandt, und es handelte sich dabei keinesfalls um eine Bitte.

»Selbstverständlich, Gräfin.« Der Generalkapitän rief etwas auf Italienisch in den Innenhof, wartete die knappe Bestätigung seines Kutschers ab und machte eine einladende Geste zur Tür. »Es wird sogleich angespannt, Gräfin.«

Ihre Mutter schenkte Genoveva einen letzten, prüfenden Blick, hakte sich in den ihr angebotenen Arm von Rubens ein und verließ grußlos Sfondratis Kabinett.

Schritte klackerten auf den steinernen Treppen, die große Eingangstür knallte, dann wurde es ruhig im Haus. Irgendwo draußen auf der Straße kläffte ein Hund.

Moment um Moment verstrich, in dem keiner sprach. Genoveva hörte Sfondratis regelmäßige Atemzüge und beobachtete ihn scheu aus dem Augenwinkel. Obwohl sie die Gegenwart von Männern gewohnt war, machte sie irgendetwas an diesem Mann nervös. Verlegen rieb sie sich über den Nacken, strich ihren Rock glatt und wusste plötzlich nicht mehr, wohin mit ihren Händen.

Emile räusperte sich, und das schien auch Sfondrati wieder zum Leben zu erwecken.

»Nun denn, wollen wir?«, fragte er an den Sekretär gewandt und deutete auf den großen Tisch in der Mitte des Raumes. Er öffnete eine der darin eingelassenen Schubladen und beförderte einige Rollen Papier, ein Tintenfässchen und Schreibfedern zutage, die er in die Mitte des Tisches schob.

»Bitte, bedient Euch am Wein und dem Gebäck, Mademoiselle, der Sekretär Eurer Mutter und ich werden nicht lange brauchen«, erklärte der Generalkapitän.

Genoveva beschloss, seine Aufforderung zu ignorieren. Natürlich würde sie bei den Kalkulationen helfen. Sie tastete prüfend über die Schreibfedern, fand Gefallen an einer besonders großen und nahm diese an sich. Sie setzte sich, bedeutete Emile, es ihr gleichzutun, zog eines der Papiere zu sich heran, entkorkte das Tintenfässchen, tauchte die Spitze der Feder hinein und streifte die überflüssige Tinte ab.

»Du fertigst die Abschriften für die einzelnen Händler an, einverstanden?«, fragte sie den Sekretär mit gedämpfter Stimme, der bestätigend nickte.

Erst jetzt bemerkte sie den durchdringenden Blick des Truppenführers, der am anderen Ende des Raumes stand und offenbar jede ihrer Bewegungen verfolgt hatte. »Wir bedürfen Eurer Hilfe nicht, Mademoiselle, macht Euch keine Mühe.« Sfondratis Tonfall war freundlich und verbindlich. Aber er machte vollkommen klar, wie wenig er es wünschte, dass Genoveva sich in die vorzunehmenden Berechnungen einmischte.

Etwas verunsichert wanderten ihre Augen von links nach rechts. War es klug, dem Geschäftspartner ihrer Mutter einfach zu widersprechen? Dem Hausherrn dieses Palais? Dann aber stieg Widerwillen in ihr auf. Sfondrati mochte es sich vielleicht nicht vorstellen können, aber sie besaß einiges an Erfahrung bei Proviantberechnungen. Außerdem war sie überzeugt davon, dass sie schneller rechnen konnte als der Generalkapitän. Und ohne Fehler.

»Meine Mutter hat befohlen, dass ich die Berechnungen gemeinsam mit Euch mache.«

Sfondrati seufzte. »Nun gut. Wir werden fünfzehn Mann sein«, begann er. »Hinzu kommen Eure Mutter und Ihr selbst, wie ich erfahren habe, deshalb …«

Ein kleines, stolzes Lächeln huschte über Genovevas Gesicht, Sfondrati stockte. Sofort wurde Genoveva wieder ernst.

»Bei den täglichen Rationen an Brot und Fleisch rechne ich mit zwei Pfund Brot und einem Viertelpfund Fleisch pro Tag«, erklärte Sfondrati.

Einen kurzen Moment überschlug Genoveva die Zahlen. »Wenn Ihr erlaubt, Generalkapitän. Ihr seid nicht besonders freizügig mit Euren Männern. Meine Mutter legt Wert darauf, dass die Postreiter und auch Eure Männer immer ausreichend versorgt sind«, erklärte sie.

Er kam näher und stützte sich mit beiden Händen an der Tischkante ab. »Ich wäre Euch sehr verbunden, wenn Ihr mir nicht sagen würdet, wie ich meine Männer zu behandeln habe«, noch immer klang er freundlich, aber jetzt, da er ihr so nah war, konnte Genoveva den Ausdruck, der in seinen Augen lag, erkennen. Und der hatte nichts, aber auch gar nichts mit seinen höflichen Worten gemein.

Genoveva beschlich ein ungutes Gefühl. »Aber …«

»Wollen wir einfach weitermachen?«, überging Sfondrati ihren Einwand.

Genoveva zögerte. Sie war nicht in der Poststation, in ihrer vertrauten Umgebung, wo man ihren Willen respektierte, schon allein deshalb, weil sie die Tochter der Generalpostmeisterin war. Offenbar scherte das Sfondrati nämlich nicht im Geringsten. Er sah in ihr ein einfältiges, junges Ding, das hier vielleicht gerade einmal eine kleine Schreibübung machte, weil seine Mutter dies so wünschte. Und was noch viel schlimmer war: Er nahm nicht ernst, was sie sagte. Genoveva hatte genügend Verpflegungspläne von Postreitern gesehen, sie wusste genau, dass die Rationen zu knapp bemessen waren.

»Eis und Schnee werden unser Fortkommen erschweren, wir werden für mehr Tage Verpflegung einkalkulieren müssen«, beharrte Genoveva.

»Eis und Schnee erschweren ebenso das Fortkommen unserer Feinde. Die Schweden rechnen im Februar mit keinen Angriffen und werden ihre Gebiete nicht patrouillieren. Wir werden schnell und unbehelligt vorankommen.«

»Was, wenn …«, fing Genoveva erneut an.

»Meine Männer werden nicht hungern«, unterbrach Sfondrati sie, und allmählich schien er die Geduld zu verlieren. »Aber ich werde trotzdem so wenig Proviant wie möglich auf den Packpferden mitschleppen lassen, denn das macht uns langsam und unflexibel.«

»Und wie soll das bitte funktionieren?«, verlangte Genoveva trotzig zu wissen.

Sfondrati schien sich innerlich zur Ruhe zu rufen und bedachte Genoveva mit einem resignierten Blick. »Ihr versteht nichts vom Krieg, Comtesse, und das ist auch besser so. Wir werden unterwegs genügend Möglichkeiten finden, unsere Vorräte aufzufüllen.«

Was Sfondrati da erzählte, war vollkommener Unsinn. Es war tiefster Winter, die Märkte leer, selbst in einer reichen Stadt wie Brüssel hatten die Händler kaum noch etwas anzubieten. Sie würden auf dem Land überhaupt keinen Proviant finden, es sei denn, sie plünderten einige …

Genoveva hielt inne. Der Gedanke, der sie beschlich, war geradezu ungeheuerlich. Plante er denn ernstlich, unterwegs einige Bauernhöfe zu überfallen?

Sie wollte zur Widerrede ansetzen, aber Sfondrati ließ sie gar nicht erst zu Wort kommen.

»Schluss jetzt!«, befahl er, nicht besonders laut, aber dennoch zornig. »Ich werde bezahlt, um auf Euch achtzugeben, nicht dafür, dass mir ein Kind sagt, wie ich meine Männer zu versorgen und meine Arbeit zu erledigen habe. Also tut mir und vor allem Euch den Gefallen und unterlasst es einfach!«

Ein, zwei Atemzüge lang starrte Genoveva den Generalkapitän an, senkte dann aber hastig den Blick. Sie ärgerte sich über das arrogante Gehabe dieses Mannes und darüber, dass er ihre Einwände einfach ignorierte. Mehr noch, es machte sie wütend, sogar so wütend, dass ihr plötzlich Tränen in den Augen brannten.

Auf gar keinen Fall durfte sie sich jetzt die Blöße geben und anfangen zu heulen wie ein eingeschüchtertes, kleines Kind.

Also reiß dich zusammen, in Gottes Namen.

»Habt Ihr eine Preisliste der Händler vorliegen?«, fragte Emile in die betretene Stille hinein, und Genoveva war ihm dankbar, dass er damit Sfondratis Aufmerksamkeit auf sich zog.

Dieser kramte ein Weilchen in einer der Schubladen, dann reichte er dem Schreiber ein verknittertes, fleckiges Dokument. Emile strich es mit einer Handkante glatt und begann, das Geschriebene darauf zu studieren. Auch Genoveva versuchte, einen Blick zu erhaschen, aber obwohl Emile das Papier unbemerkt etwas näher in ihre Richtung schob, konnte sie die Schrift nicht entziffern. Einen kurzen Moment zögerte sie, dann fischte sie ihr Brillenglas aus dem roten Samtbeutel, der stets an ihrem Gürtel baumelte, und hielt es sich vor die Augen. Hinter sich hörte sie ein kurzes Lachen.

Genovevas Wangen wurden heiß. Sie ließ augenblicklich das Brillenglas sinken und starrte auf das Papier vor sich.

Natürlich lachte er sie aus, weil sie ein Augenglas benutzte wie ein altes Weib. Was hatte sie auch anderes erwartet? Sfondrati war ein ungehobelter Klotz ohne Respekt und Manieren, und ganz offensichtlich bereitete es ihm Freude, sie zu verspotten.

Alles, was mehr als zwei Armlängen von ihr entfernt war, sah Genoveva nicht mehr scharf. Wenn sie ihre Augen zusammenkniff, konnte sie zwar ein wenig mehr erkennen, auf diese Entfernung hin lesen konnte sie allerdings nicht. Dazu brauchte sie ihre Sehhilfe, und wenn sie sich alleine wähnte oder nur Emile und ihre Familie zugegen waren, benutzte sie diese auch. Eine edle, vergoldete Fassung rahmte die dicken Gläser, und mithilfe eines silbernen Stabs konnte sie sich die Brille vor die Augen halten. Aber all der Schmuck änderte nichts daran, dass sich Genoveva ihres Makels schämte.

Ganz besonders in diesem Moment.

Sie hatte wirklich wissen wollen, wie Sfondrati kalkulierte, und deshalb dieses eine Mal ihre Scheu überwunden und die Brille hervorgeholt. Schließlich wollte sie ihre Mutter nicht enttäuschen, jetzt, wo ihr diese gestattet hatte, sie auf dem Feldzug zu begleiten. Außerdem musste sie Sfondrati beweisen, dass sie nicht das unbedarfte Küken war, für das er sie hielt, und sie weit mehr konnte, als nur bis hundert zu zählen.

Im Grunde durfte sie ihm wegen seines Verhaltens nicht einmal einen Vorwurf machen. Die meisten ihrer adeligen Freundinnen konnten kaum rechnen. Was sie als Mädchen lernten, war Musizieren, Zeichnen und ein wenig Schreiben.

Aber nun hielt Sfondrati sie nicht nur für unfähig, sondern hatte sich sogar noch über sie lustig gemacht. Als sie beharrlich schwieg, die Hände im Schoß gefaltet, den Kopf gesenkt, ließ er hörbar die Luft aus den Backen entweichen.

»Ihr seid wirklich noch ein Kind.« Er ignorierte Genovevas aufgebrachten Blick. »Was hat sich Eure Mutter nur gedacht, Euch mit auf einen Feldzug nehmen zu wollen …«

Genoveva antwortete nicht.

»So lasst uns weitermachen, in Gottes Namen, ich habe nicht ewig Zeit«, fügte er versöhnlicher hinzu.

Mit einem fast tonlosen Ächzen erhob sich Emile und stellte sich neben den Generalkapitän. Gemeinsam kalkulierten sie die Proviantmengen für die nächsten Wochen.

Genoveva rechnete im Kopf mit, erkannte dabei eine Ungereimtheit und warf Emile einen zweifelnden Blick zu. Dieser stutzte, rechnete erneut, diesmal ohne Fehler.

Leise lächelte Genoveva in sich hinein, und mit ein klein wenig Genugtuung bemerkte sie zudem, dass Sfondrati die stumme Verständigung zwischen ihr und Emile nicht entgangen war.

Als die beiden Männer fertig waren, kontrollierte Sfondrati ein letztes Mal das Geschriebene. »Die Proviantlisten bedürfen noch Eurer Unterschriften, Comtesse.«

Genoveva angelte sich eine der Schreibfedern, streckte die Hand fordernd nach den Listen aus, doch Sfondrati umrundete den Tisch und legte sie vor Genoveva ab. Er beugte sich über sie, um das Tintenfässchen heranzuholen, und sein Wams berührte dabei Genovevas Wange. Die plötzliche Nähe zu dem Truppenführer ließ Genoveva erstarren. Nur langsam zog Sfondrati das Tintenfässchen näher, entsetzlich langsam, fand Genoveva, und die Feder in ihrer Hand begann leicht zu zittern.

»Eure Mutter bezahlt mich fürstlich dafür, dass ich Euer persönlicher Begleitschutz werde, Mademoiselle Genoveva. Also gewöhnt Euch schon einmal an meine Gegenwart«, raunte er ihr zu. Sie war nicht sicher, wie er seinen letzten Kommentar gemeint hatte, und auch nicht, was sie von dieser plötzlichen Annäherung halten sollte. Aber die Selbstsicherheit – oder war es sogar Selbstgefälligkeit? –, mit der er gerade zu ihr gesprochen hatte, ärgerte sie.

Hastig unterzeichnete sie die Papiere, schob sie von sich und stand auf, peinlich darauf bedacht, den Generalkapitän dabei nicht zu berühren. Noch immer stand er seitlich vor ihr an der Tischkante und machte ihr keinen Fingerbreit Platz.

Sie zwängte sich an ihm vorbei, zerrte an ihrem Rock, der sich zwischen Bank und Tischbein verfangen hatte, und kam erst frei, als Sfondrati das Möbelstück mit dem Fuß ein wenig zur Seite schob.

»Wollen wir, Emile? Meine Mutter muss die Kalkulationen sehen, ehe wir sie den Händlern weiterleiten. Unsere Aufgabe hier ist erfüllt.« Sie warf Sfondrati einen wütenden Blick zu, den dieser mit einem geradezu unverschämten Lächeln erwiderte.

»Auf bald, Comtesse«, verabschiedete er sich und machte eine galante Verbeugung, auf die Genoveva nicht reagierte. Ebenso grußlos wie ihre Mutter verließ sie den Raum, eilte die Treppe hinunter und presste die Lippen zusammen, als sie mit hastigen Schritten über den Kies des Vorplatzes ging.

Sigismondo Sfondrati war ein furchtbarer Kerl.

Er war selbstherrlich, ungehobelt und hielt sie offenbar für eine vollkommene Idiotin.

Was hatte sich ihre Mutter nur gedacht, ausgerechnet ihn zu ihrem persönlichen Geleitschutz zu machen?

Mit einem lauten Knall warf sie die Kutschtür zu und hämmerte mit der Faust gegen die vordere Wand, um dem Kutscher zu bedeuten, dass er anfahren konnte.

Sie musste mit Annabelle sprechen. Über alles. Am besten sofort.

4.

Palais von Arenberg, Brüssel

Genoveva

Ein Diener öffnete die breite Eingangstür, zuerst nur einen kleinen Spalt, um zu sehen, wer sich vor der Schwelle befand, und um nicht zu viel von der kalten Dezemberluft hereinzulassen. Als er Genoveva erkannte, ließ er unverzüglich die Tür aufschwingen, verneigte sich knapp und deutete mit mürrischer Miene nach oben. Etwas, das alle Diener im Palais von Arenberg gemeinsam hatten, war die erstaunliche Ungeduld und Freudlosigkeit, mit der sie ihre Aufgaben erfüllten. Als ob jeder Besucher, der sich erdreistet, das Palais zu betreten, und ihnen damit noch mehr Arbeit aufhalst, eine Zumutung für sie ist, dachte Genoveva, als sie ihre Stiefel an den breiten Leintüchern abstreifte, die den Marmor der untersten Treppenstufen vor dem Straßendreck schützen sollten. Umständlich versuchte sie, die Ränder der Schuhsohlen zu reinigen, verknitterte dabei das Leinen und hinterließ breite, braune Schlieren auf dem roten Marmor. Prompt vernahm sie hinter sich das missbilligende Räuspern des Dieners und stieg hastig weiter in das erste Stockwerk hinauf, in dem sich der beheizte Salon befand.

Annabelle und ihre ältere Schwester Editha hatten Besuch: zwei Männer, die am blau-weiß gekachelten Ofen standen, die Köpfe zusammensteckten und ihre Pfeifen pafften. Sie nickten Genoveva zu, als sie den Raum betrat, beachteten sie danach aber nicht weiter. Der eine von ihnen war Graf von Egmont, Edithas Verlobter, den anderen hatte Genoveva noch nie gesehen. Zumindest vermutete sie das, denn ohne ihr Brillenglas konnte sie das Gesicht des Mannes nicht genau erkennen. Aber es war ihr peinlich, ihre Sehhilfe hervorzuholen, Sfondratis Spott gerade eben war für heute mehr als genug. Sie kniff die Augen zusammen, strengte sich an, gab aber nach einem Atemzug auf, denn sie wollte nicht starren.

Überschwänglich umarmte Annabelle ihre Freundin und klopfte auffordernd neben sich auf das Sofa, damit Genoveva sich setzte. Editha nickte lediglich, murmelte einen verhaltenen Gruß, unterkühlt fast, so schien es Genoveva. Wie immer eigentlich, wenn sie Annabelle besuchte. Die von Arenberg entstammten einem der ältesten Adelsgeschlechter der Spanischen Niederlande, und Editha war darauf bedacht, stets den richtigen Umgang zu pflegen. In ihren Augen waren die Taxis Emporkömmlinge. Vor weniger als zehn Jahren erst hatten sie vom Kaiser den Grafentitel erhalten, und vor allem Genoveva, die ihre Tage schreibend und rechnend in der Poststation verbrachte, war nicht die Art von Gesellschaft, die sich Editha von Arenberg für ihre Schwester Annabelle wünschte. Sie betrachtete Genoveva als unschicklichen Umgang und vielleicht sogar als eine Person mit schlechtem Einfluss auf ihre kleine Schwester.