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Von der Gräfin Polly war er sehr eingenommen, was allerdings alle Männer waren – aber außerdem spielte er wunderbar schön Cello, und die Gräfin schwärmte für Musik. Daher rührte die Freundschaft beider, die jetzt schon einen Winter, einen Frühling und einen halben Sommer hindurch gewährt hatte. Es kam noch hinzu, daß die Amtsrichterwohnung mit ihrem großen, schattigen Garten dem Schloß gerade gegenüberlag und von ihm nur durch den breiten gelbgrünen Schloßgraben getrennt war. Über diesen war Gräfin Polly soeben in ihrem kleinen, weißen Boot gerudert. Sie wollte ja nur in einer Amtssache mit dem Richter sprechen, denn sie und Henrik Eisenbart hatten, wie gesagt, sich entschlossen, jeder seinen eigenen Weg zu gehen. Ihm sollte die Grafschaft Edelsburg nebst allen zugehörigen Gütern, Wäldern, Kirchen und Zehnten – und ihr – nun ihr sollte sie selbst gehören, weiter nichts! Und doch schien es Skram, als habe der Graf das geringere Teil erhalten ...
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Roman
Übertragung aus dem Dänischen von Fr. Bernh. Müller.
1910
idb
»Also in einer Amtssache sind Euer Gnaden zu mir gekommen?«
Gräfin Polly nickte ernsthaft.
»Ja – Sie, als den Amtsrichter von Edelsburg möchte ich sprechen. Nur den! – Lieber Skram, es paßt wirklich vorzüglich, daß gerade Sie hier Amtsrichter sind. Mit dem alten Madsen in dieser Sache zu reden, wäre mir ganz unmöglich. Einfach unmöglich! – Sie dagegen, lieber Skram, sind mein Freund, nicht wahr? – Mein getreuer Freund! – Also, um es kurz herauszusagen: Henrik und ich haben uns entschlossen, von nun an jeder seinen eigenen Weg zu gehen. So lautet wohl der richtige Ausdruck dafür.«
Gräfin Polly Eisenbart war von Geburt Amerikanerin, und Amtsrichter Skram sagte sich im stillen, daß der fremde Akzent alles Konventionelle ihrer Worte aufhebe.
Skram war nur infolge einer Amtsvakanz – in Vertretung – zum Richter des Edelsburger Bezirks ernannt worden. Er, der jetzt achtunddreißig Jahre zählte, amtierte eigentlich als Assistent beim Justizministerium, doch als Sohn eines Departementchefs konnte er unbedingt auf eine gute Karriere rechnen.
Von der Gräfin Polly war er sehr eingenommen, was allerdings alle Männer waren – aber außerdem spielte er wunderbar schön Cello, und die Gräfin schwärmte für Musik.
Daher rührte die Freundschaft beider, die jetzt schon einen Winter, einen Frühling und einen halben Sommer hindurch gewährt hatte. Es kam noch hinzu, daß die Amtsrichterwohnung mit ihrem großen, schattigen Garten dem Schloß gerade gegenüberlag und von ihm nur durch den breiten gelbgrünen Schloßgraben getrennt war.
Über diesen war Gräfin Polly soeben in ihrem kleinen, weißen Boot gerudert. Sie wollte ja nur in einer Amtssache mit dem Richter sprechen, denn sie und Henrik Eisenbart hatten, wie gesagt, sich entschlossen, jeder seinen eigenen Weg zu gehen. Ihm sollte die Grafschaft Edelsburg nebst allen zugehörigen Gütern, Wäldern, Kirchen und Zehnten – und ihr – nun ihr sollte sie selbst gehören, weiter nichts!
Und doch schien es Skram, als habe der Graf das geringere Teil erhalten.
La belle dame sans merci nannten die Nachbarn Gräfin Polly, und unter dieser Bezeichnung war sie auch von einem der ersten Künstler des Landes gemalt worden. Eine Florentinerin, die aller Hoffnungen erweckte, aber nichts versprach und daher auch keine Versprechen zu halten brauchte. Eine Florentinerin, eine jener Renaissance-Frauen, die im heutigen Amerika wiedergeboren sind. Ihr Haar war bräunlich, doch wenn die Sonne darin spielte, von goldigem Glanz. Sie trug es gescheitelt und in schweren Locken geordnet, die ihr feines, ovales Gesicht umrahmten. Ihre Augen hatten eine Farbe, die niemand recht ergründen konnte, und ihr feingezeichneter Mund war bald schwellend, bald fast grausam fest geschlossen. Immer trug sie, ohne auf die Mode Rücksicht zu nehmen, eine ausgeschnittene Taille, die den schlanken, weißen Hals freiließ. Ihre Hände glichen denen der Monna Lisa, die niemand vergißt, und ihre mittelhohe Gestalt war recht üppig – eigentlich zu schwellend für das ovale Gesicht und den schlanken Hals.
La belle dame sans merci!
Fremd war sie allen Leuten dieser Gegend gewesen, als sie mit achtzehn Jahren ihren Einzug auf der Edelsburg gehalten hatte, und fremd war sie ihnen noch heute, da sie dem Amtsrichter Skram mit ihrem eigenartigen, stillen Lächeln anvertraute, daß sie und Graf Henrik beschlossen hätten, jedes seinen eigenen Weg zu gehen.
Skram wunderte sich nicht darüber. Er fragte bloß: »Und Ivar?«
»Ivar?« wiederholte die Gräfin. »Der ist heute in sein Kollegium gereist – nach Herlufsholm. Dort mag er bleiben, bis er Student geworden ist. Er ist jetzt ein großer Junge von elf Jahren – und wissen Sie, Skram, es ist Henriks Junge, nicht meiner. Henrik nahm mich nur, um eine Mutter für seinen Jungen zu haben, noch ehe dieser geboren war. Der Stammhalter – das war meine erste Pflicht, und die habe ich erfüllt. Ich habe dem Jungen selbst die Brust gegeben und gut auf ihn geachtet, so lange er klein war, denn wir Amerikanerinnen können auch gute Mütter sein. Aber jetzt ist Ivar nur der Stammhalter – Henriks Junge. Und das mag er meinetwegen auch bleiben. – Er kümmert sich auch gar nicht um seine Mutter. Und Sie wissen ja, ich mache mir auch nicht viel aus Kindern.«
Das wußte Skram.
»Ich bin jetzt dreißig Jahre alt,« fuhr die Gräfin fort und lächelte dabei etwas müde, – »dreißig Jahre, das heißt, ich habe keine Zeit zu verlieren. Denn ich will leben – wirklich leben. Henrik hat mir meine Freiheit gegeben, und nun komme ich zu Ihnen. Sie haben ja mit allen meinen Sachen zu tun gehabt – wenn mir die Dienstboten weggelaufen oder wenn meine Hunde über die Grenze gegangen waren.«
Skram nickte.
»Ich werde eine sogenannte weltliche Vermittlung vornehmen und –«
Die Gräfin unterbrach ihn: »Und ein Gesuch oder, wie es heißt, an den Minister schreiben. Der Minister ist mein Freund, er schlägt mir keinen Wunsch ab. Und Sie, lieber Skram – Sie tun ja wohl auch alles, worum ich Sie bitte.«
Skram lächelte.
»Ich werde die Vermittlung mit aller amtsmäßigen Energie vornehmen.«
»Das ist gar nicht einmal nötig. Henrik und ich sind ja einig. Wäre ich älter, dann würde ich vielleicht bleiben. Hier ist es ja schön, und die Menschen sind gut. Auch habe ich mich an dies Land gewöhnt und liebe die Edelsburg. Aber das Leben ruft, Skram – um mein Leben laß ich mich nicht betrügen. Bis jetzt habe ich nicht einen einzigen Tag wirklich gelebt – es hat keinen Tag für mich gegeben, an dem ich ein richtiger Mensch sein durfte, keinen einzigen! – Doch das habe ich Ihnen gewiß schon hundertmal erzählt.«
»Und ich bin –«
Die Gräfin ergriff Skrams Hand und drückte sie leicht.
»Sie, lieber Skram, sind verliebt in mich gewesen, als der nette, wohlerzogene Jurist, der Sie sind. Ohne Sie wäre ich gestorben im letzten Winter, als Onkel Julius' Tod uns zwang, uns hier niederzulassen. Ich bin Ihnen herzlich dankbar, lieber Skram. Ihre Verliebtheit hat mich recht erwärmt. Ja, das hat sie wirklich, ich wäre sonst gestorben vor Kälte. Sie sehen, Sie haben auf zweifache Art mein Leben gerettet. Nun sollen Sie mich noch einmal retten.«
Die Hand der Gräfin lag in der seinen; er führte sie an seine Lippen.
Sie lachte.
»Armer Skram, Sie sind wirklich verliebt. Zürnen Sie nicht, daß ich es sage, aber verliebt in mich sind alle. Auch Henrik – der arme Henrik! Es hilft ja alles nichts – kein bißchen.«
»La belle dame sans merci,« sagte Skram, dem jetzt wirklich warm geworden war.
Die Gräfin ließ wieder ihr kurzes, klingendes Lachen hören.
»Ich werde Ihr Cello sehr vermissen,« sagte sie dann. »Aber wissen Sie, Skram, zu Ihrem eigenen Nutzen will ich Ihnen sagen, daß Sie noch ein andres Instrument erlernen müssen, wenn Sie Ihr Dasein nicht als Hagestolz beschließen wollen. Könnten Sie ebenso schön, wie Sie Cello spielen, auch Violine spielen, dann, glaube ich, hätte ich mich wirklich in Sie verliebt. Tolstoj redet von der gefährlichen Violine – und Tolstoj hat recht. Denn als Duett für Klavier und Cello konnte selbst die Kreuzersonate nicht gefährlich werden. Nicht wahr, Skram?«
Und die Gräfin lachte wieder – leise, mit etwas neckendem Beiklang.
»Doch nun genug der Dummheiten. Der Ernst tritt wieder in sein Recht, und Sie sind wieder der steife Amtsrichter, der die Diebs- und Mordgesellen verhört, wenn es solche Leute in diesem sittsamen Lande gibt. Henrik und ich wollen, wie gesagt, geschieden werden, und Sie sind derjenige, der dafür sorgen soll. So will auch Henrik es haben.«
»Werden Sie dann verreisen, Gräfin?«
»Verreisen? – Ja, gewiß. Nach Paris.«
»Allein?«
Die Gräfin zog die Brauen zusammen. »Ich will Sie darauf aufmerksam machen, daß dieses hier eine Vertrauenssache ist, aber Sie müssen mich nicht fragen, was ich in Zukunft zu tun gedenke; denn das sage ich nicht. Und so viel wissen Sie schon von mir, Skram, daß wenn ich etwas nicht sagen will, ich es auch nie und nimmer sage, selbst wenn man mich auf ein glühendes Eisen legte.«
Das wußte Skram – Gräfin Polly war stärker als alle Menschen, die er getroffen hatte – einen vielleicht ausgenommen: Helmut Viffert.
Da fuhr ihm ein Gedanke durch den Kopf.
»Reist Helmut Viffert mit nach Paris?«
Die Gräfin erhob sich hastig.
»Sagen Sie das noch einmal, und ich reise auf der Stelle nach Kopenhagen und lasse alles von dem alten, pedantischen Advokaten ordnen. Über meine Vergangenheit wissen Sie nichts, Skram, die Gegenwart kennen Sie – meine Zukunft aber gehört mir, mir allein!«
»Vergebung,« sagte Skram. Er begriff, daß das, was sie sagte, ihr ernst war. »Ich muß nur noch der Form wegen wissen, warum Sie von Ihrem Manne getrennt zu werden wünschen. Es ist nur eine Formsache.«
Gräfin Polly lächelte. »Das Ganze war ja nur eine Formsache – meine Heirat mit Henrik selbst. Ich wollte gern Gräfin sein, und wenn der Name Eisenbart auch wunderlich klingt, so ist er doch alt und angesehen. Die Edelsburg ist auch alt und angesehen. Freilich – hätte ich gewußt, wie entsetzlich sie aussah, ehe ich Henrik veranlassen konnte, sie umzubauen, so glaube ich kaum, daß ich ihn genommen hätte. Aber ich war damals krank an jenem... jenem... nun, Sie kennen es nicht... und so nahm ich Henrik schließlich. Es war alles nur eine Formsache. – Henrik ist stets unendlich gut gegen mich gewesen, viel zu gut. Und doch kann es nicht helfen. Schließlich ist der Stammhalter auch das Wichtigste für ihn, und da Henrik erst sechsunddreißig Jahre alt ist, so kann er sich ja noch einmal verheiraten.«
»Ihr Herr Gemahl liebt Sie doch aber, Gräfin,« sagte Skram ernst. »Und das wissen Sie recht gut.«
Die Gräfin zuckte die Achseln. »Das tun Sie ja auch, Skram, das tun ja alle zusammen – haben es immer getan. Nur ich – ich selbst habe noch nie – –« Sie errötete leicht und schwieg.
Skram wagte nicht, etwas zu sagen. – – –
In diesem Augenblick klopfte es an der Tür, und ein Sekretär trat ein; er war aus dem Bureau des Richters gekommen, das dem Gartenzimmer gegenüberlag.
»Herr Kammerjunker Viffert möchte um eine Unterredung bitten,« bestellte er.
»Ersuchen Sie ihn, noch einen Augenblick zu warten.«
»Aber sagen Sie ihm nicht, daß ich hier bin, Holm,« fiel die Gräfin ein.
Sekretär Holm verbeugte sich tief und verließ das Zimmer.
»Nun geh' ich, Skram, denselben Weg, den ich gekommen bin – über den See. Versprechen Sie mir, Helmut kein Wort von dem zu sagen, was ich mit Ihnen geredet habe, und erzählen Sie mir alles, was er Ihnen sagt. Sie kommen doch heute zu uns zum Abendessen, nicht wahr? Nun gut, es wird eine Art Abschiedsschmaus sein, denn ich reise ja bald. Mit dem Pfarrer habe ich schon gesprochen; der alte Faselhans sagte nichts dazu, und die weltliche Vermittlung können wir gut nach dem Kaffee vornehmen! Ich bin sehr ausgelassen, nicht wahr? Ja, das rührt daher, daß jetzt alles vorbei ist – vorbei!«
Und damit reichte Gräfin Polly dem Richter die Hand, die Skram zweimal küßte.
Das war sein Recht.
Dann schritt sie leichtfüßig über den Rasen zu den hängenden Weiden hinab, wo ihr Boot lag.
Sie löste es los und ruderte zum Schloß hinüber, das sich im gelbgrünen Wasser widerspiegelte.
Skram hörte, wie sie beim Rudern sang. Es schien ihm die Jubelarie aus dem Faust zu sein. – –
Es dauerte einige Zeit, bis das Boot der Gräfin aus dem kleinen Kanal in den breiten Teich, der vor dem Schlosse lag, geglitten war und hinter den hängenden Weiden verschwand.
Skram stand, ans Fensterkreuz gelehnt, und starrte zur Edelsburg hinüber.
Also wirklich Scheidung! Nun hatte Graf Henrik seine Zustimmung gegeben, und nun war es vorbei – vorbei! Auch für Skram. Nun zog sie hinaus in die große, weite Welt, und er – er konnte in die Hauptstadt zurückkehren, in seine Kanzlei und zu den gelben Konzeptbogen – den ihm so unsäglich gleichgültigen Akten.
Die Edelsburg war ein Traum, und der Traum war nun zu Ende.
Warum geschah es eigentlich gerade jetzt? Sie erlaubte ihm nicht, danach zu fragen, und er wußte nichts von all den Dingen. Nur für sie hatte er Augen gehabt – um die andern sich nie gekümmert.
Der Kammerjunker Viffert wartete draußen? – Nun, mochte er noch länger warten.
Sollte es am Ende Viffert sein, um dessen willen die Gräfin ... aber nein, das war ja unmöglich – Solch ein halbergrauter Cyniker! Warum sollte es dann auch gerade jetzt geschehen? Die Leute erzählten sich doch, daß seine Bekanntschaft mit ihr älter sei als ihre Ehe. Und dann konnte sie unmöglich ... nein, es war unmöglich.
Oder war es vielleicht der junge Viffert, der Neffe des Kammerjunkers, der kürzlich den Waldhof gepachtet hatte? Der war freilich jung und ein schöner Mann, aber immerhin recht unbedeutend, zum Schweigen geneigt, ein richtiger Landjunker. Die beiden sprachen auch niemals miteinander. Sigismund Viffert konnte gewiß überhaupt nicht reden; er war wie befangen und von der schönen Schloßfrau geblendet. Das waren sie allerdings alle, auch Graf Henrik, der sie dennoch freigab – sie ziehen ließ, wohin sie wollte.
Dort lag die Edelsburg, vom Sonnenlicht überflutet – die Edelsburg mit den schweren roten Mauern und dem grünen Kupferdach, das lehensgräfliche Schloß. Dort war ihr Hof, an dem sich der ganze Bezirk versammelte und ihr wie einer ungekrönten Königin huldigte – ihr, der ehemaligen Miß Bradlaugh, einer jungen amerikanischen Schönheit, über deren Geschichte man tuschelte, ohne sie zu kennen – der Gräfin auf der Edelsburg, die alles Gerede in den Winkel drängte und überall an der Spitze stand – der Königin, die freiwillig ihr Szepter niederlegen wollte, um ihr Leben wirklich leben zu können. –
Die grünen, hängenden Weiden umgaben wie ein Rahmen die roten Mauern des Schlosses, die sich im gelbgrünen Schloßgraben goldfarbig widerspiegelten.
Nach der Sage soll die Burg von der schönen Jungfrau Edel Eisenbart, der Maitresse des Königs Hans, erbaut worden sein. Edel Eisenbart war die Jungfer der Königin Christina, bis sie Herrn Torbe Bille heiratete, der durch sie ein großer Mann wurde. Herr Torbe Bille war sehr duldsam und mochte die Huld seines Königs nicht entbehren. Daher war König Hans oft sein und Frau Edels Gast auf Vordingborg. Wie die Sage berichtet, stand König Hans, als Frau Edel auf dem Siechenbett lag, an ihrer Seite, und als sie mit ihm von ihren Gewissensqualen sprach, sagte der König: »Edel warst du im Leben, und edel bist du auch im Tod.«
Wie die Sage meldet, hat Frau Edel die Edelsburg aus den Einnahmen der Güter gebaut, die sie vom König zum Geschenk erhalten hatte. Ihr Geschlecht war freilich zum Adelsstande nicht geeignet, denn ihre Mutter war nur die Tochter eines Goldschmiedes aus Nestved gewesen; aber zu späterer Zeit wurde einer ihrer Nachkommen in den Grafenstand erhoben und die Edelsburg ihm als Grafschaft verliehen.
Das zugehörige Gut war sehr groß, und nichts von ihm war während der langen Zeit veräußert worden. Außerdem gehörten noch etwa fünftausend Morgen Waldland und zwölf prächtige Kirchen dazu. Graf Henriks Vater war ein großer Mann gewesen, einer der größten des Reiches, Graf Henrik selbst aber war nur groß von Wuchs, breitschultrig und stark, und dabei sehr sanften Gemütes. Er war die gute Stunde selbst, wie man sagt, aber anderseits schwerfällig und unfähig, den Frauen zu gefallen. Er liebte seine Gattin herzlich und näherte sich ihr nur in tiefer Ergebenheit, als wäre sie von feinerem Stoffe als er.
Und dann hatte er sie freigegeben, damit sie nach zwölfjähriger Ehe ihr Leben genießen könne! – –
Skram wandte sich rasch um und schritt zur Tür, die ins Amtszimmer führte.
Der Kammerjunker erhob sich; er hatte so lange auf einem Stuhl am Pulte gesessen und mit dem Sekretär über Wind und Wetter geredet.
»Treten Sie näher, Herr Kammerjunker,« sagte Skram.
Und der Kammerjunker trat näher. – –
Es gibt Männer, die ein langes Leben in den angenehmsten Verhältnissen zubringen, die vom Reichtum bis zum Überfluß umgeben sind und nur daran denken, dieses Leben für sich allein zu genießen. Solche Männer verheiraten sich nie; sie lieben viele Weiber ein wenig und sich selbst über alle Maßen. Sie kleiden sich nach den letzten Forderungen der Mode, tragen goldene Ringe und Diamanten, reisen viel – aber sehen selten mehr als Hotels und Boudoire. Sie wissen viel über einige wenige, aber nichts über die vielen, und alles; was außerhalb ihres Interessenkreises lebt, existiert nicht für sie. Sie arbeiten nicht; wenn man hoch rechnet, jagen sie und spielen Karten oder wetten auf Vollblutpferde. Dennoch aber sind sie immer geschäftig, so geschäftig, daß sie einen Kammerdiener haben müssen, der ihnen in die Kleider hilft. Mitunter spielen sie auch an der Börse, aber nur, um Geld zu gewinnen, und nichts von ihrem ganzen Tun gereicht der Menschheit zum Nutzen. Höchstens, daß sie ein paar Schneider ernähren, ein paar Aufwärter und einige leichtfertige Weiber, die auf ihre Kosten herrlich und in Freuden leben.
Und wenn sie sterben, gedenkt niemand ihrer, obwohl sie zu Lebzeiten von jedermann gekannt wurden. Ihre Güter fallen entfernten Verwandten zu, die schon seit Jahren auf ihren Tag gewartet haben, auf den Tod, den sie selbst seit langem fürchten und bekämpfen.
Solch ein Mann war der Kammerjunker Helmut von Viffert. Er war Däne, hätte aber seiner Gesinnung nach auch ebensogut Russe oder Franzose sein können.
Er war mittelgroß, schlank und elegant und trug einen starken schwarzen Schnurrbart, der im Verhältnis zu dem dünnen, zierlich geordneten Haar und den etwas gerunzelten, schlaffen Zügen viel zu schwarz erschien. Seine krumme Nase beugte sich mit feinen Flügeln über diesen kohlschwarzen Schnurrbart hinab, und seine braunen Augen rollten unter dichten Brauen. Ein Esterhazy-Typus, wie man ihn in Monte Carlo sowie – bei den Kellnern der großen Londoner Westendrestaurants findet.
Viffert hatte es verstanden, sich sein Leben einzurichten. Er, der Sohn eines ziemlich armen Gutsbesitzers, war in seiner Jugend wegen der schlechten Streiche, die er verübt hatte, nach Amerika geschickt worden. Hier debütierte er zunächst als Cowboy, durchforschte dann die Silberminen und wurde schließlich Abenteurer in New York. Er verstand damals schon, mit Frauen umzugehen, und die Frauen würdigten ihn ihrer Aufmerksamkeit. Eines schönen Tages war er reich, und er wußte seinen Reichtum festzuhalten. Er reiste nach Europa und lebte eine Reihe von Jahren hindurch in Paris. Aus Höflichkeit machte man ihn zum Kammerjunker, und das war er bis auf den heutigen Tag geblieben. Er hatte keinen Ehrgeiz, sondern nur eine gewisse Gemächlichkeit, grenzenlosen Egoismus und schließlich eine wahre Manie für seine Kleidung.
Graf Henrik, der mehrere Jahre jünger war als er, hatte ihn in Paris getroffen, und die beiden waren Freunde geworden. Den jungen Grafen, der als neugebackener Kandidat juris an die Gesandtschaft in Paris berufen worden war, hatten Vifferts Lebensweise und dessen Manieren höchlich geblendet, und Viffert hatte sofort den Vorsatz gefaßt, den jungen Grafen gründlich zu verderben. Dies war ihm aber nur zur Hälfte gelungen: Graf Henrik hatte sich verheiratet, und Viffert war Hausfreund auf Edelsburg geworden, ja mehr als das, behaupteten böse Zungen, und man redete heimlich über mancherlei, ohne etwas beweisen zu können. Viffert hatte jedenfalls auf Edelsburg seine eigenen Zimmer, in denen er sich häuslich einrichtete, und mit jedem Jahr wurde sein Aufenthalt länger. Schließlich rechnete man ihn zum Hause mit, und der Stammhalter nannte ihn Onkel.
Man erzählte sich, daß Graf Henrik verdrossen über ihn und seinen ewigen Besuch sei; der Gräfin dagegen, so hieß es, diene er als maître de plaisir. Auf Wein und gutes Essen verstand er sich jedenfalls vortrefflich, und einen Kotillon konnte er anführen wie keiner.
Und die Gräfin, die viel unter der Langweile zu leiden hatte, tanzte doch für ihr Leben gern. – –
»Nehmen Sie Platz, Herr Kammerjunker,« sagte Skram und schob Viffert einen Stuhl zu.
Der Kammerjunker rückte unruhig auf seinem Sitz herum; er fand ihn verteufelt hart, denn das Möbel stammte aus der Werkstatt des Dorftischlers.
»Liebe Obrigkeit,« sagte Viffert. »Ich komme in einer sehr ernsten Sache zu Ihnen. Es ist nämlich ein ganz verteufeltes Gefühl zu wissen, daß man das Spiel abbrechen muß, obwohl man noch Einsatz hat und sehr gut weiß, daß die andern vergnügt weiterspielen werden. Aber was ist da zu machen? Enfin c'est inévitable. Um es kurz zu sagen: hier innen klopft es. Der Professor nennt es mit dem geschmackvollen Namen Arteriosklerose, und es äußert sich dadurch, daß das Lebenslicht mit einem Male ausgeht, ohne daß man recht weiß, wie! Also muß man jederzeit darauf vorbereitet sein, aus diesem Leben abzureisen, was ein recht verteufeltes Gefühl ist. Gesetzt den Fall, es passiert gerade an einem – sagen wir – intimen Ort – – ekelhaft, was? Ich kann es nicht lassen, immer wieder daran zu denken, und das raubt mir den so nötigen Appetit und die leider absolut notwendige Andacht. Um es noch kürzer zu sagen: ich will mein Testament machen.«
»Ah,« sagte Skram.
»Jawohl,« fuhr Viffert fort. »Ich möchte nach meinem Tode gern ein Wort mitzureden haben, wenn die Beute geteilt wird. Ich besitze einiges Vermögen, wovon den verhungerten Eseln aus dem Geschlechte der Viffert nicht ein Groschen zuteil werden soll. Als es vor Zeiten schlecht mit mir ging, sind sie so schofel gegen mich gewesen, wie sie nur konnten, und als es dann aufwärts mit mir ging, sind sie vor mir gekrochen. Sie hassen mich, und ich – ich verachte sie. Je les méprise – voilà tout!«
»Hm, Sie können über Ihr Vermögen verfügen, wie Sie wollen,« sagte Skram. »Sie haben ja weder Frau noch Kinder.«
»Nein, wenigstens keine ehelichen Kinder,« sagte der Kammerjunker lachend. »Und die unehelichen sind bereits bar ausbezahlt worden – Plebejer sämtlicher Nationen. Die zählen nicht mit. Aber ich möchte nun gern wissen, ob man in seinem Testament alles bestimmen kann, wozu man Lust verspürt.«
»Wenn es nicht gegen Gesetz und Ehrbarkeit verstößt – gewiß. Und ich nehme nicht an, daß Sie, Herr Kammerjunker, gegen Gesetz und Ehrbarkeit verstoßen wollen.«
»Durchaus nicht; fällt mir gar nicht ein. – Sie wissen wohl, als Seine Majestät der Satan alt wurde, da ging er in ein Kloster. Das tue ich nun nicht, oh, nein, jamais – es müßte denn ein Nonnenkloster sein. Ich bleibe vielmehr dem Gesetz und der Ehrbarkeit treu und – – vermache der Gräfin Polly alles, was ich besitze! Eines Tages nämlich – das weiß ich ganz genau – wird sie ihrem gräflichen Gefängnis entspringen, und dann, will ich, soll sie die gewohnten Bequemlichkeiten nicht zu entbehren brauchen.«
Skram fuhr zusammen.
»Jawohl, mon cher,« fuhr der Kammerjunker fort, »sie entspringt dem Käfig, bricht einfach aus und läuft fort – nicht allein – auch nicht etwa mit Ihnen – o nein, sondern mit einem ganz jungen Bürschchen von glattem Angesicht und so weiter.«
»Wollen Sie diesen Ausbruch als eine Klausel mit in das Testament aufnehmen lassen. Er kommt einem Verstoß gegen die Ehrbarkeit doch sehr nahe.« Skram versuchte zu lächeln, aber sein Lächeln fiel etwas bitter aus.
»Keineswegs,« sagte Viffert. »Hören Sie bloß zu und schlagen Sie sich im übrigen die Gräfin aus dem Sinn. Denn Sie, liebe Obrigkeit, sind zu dänisch in Ihrer Art, und Polly wird niemals dänisch werden, wenigstens nicht mit Ihnen. Nein, sehen Sie, ich will Sie bitten, für mich ein Testament aufzusetzen, wonach die Gräfin meine Universalerbin wird, selbstredend mit der Verpflichtung, für meine Grabstätte und das Obsequium, sowie für – meine letzte kleine Eroberung zu sorgen. Doch eine Bedingung ist an die Universalerbschaft geknüpft: die Gräfin darf sich niemals – nun passen Sie auf, jetzt kommt's – mit Sigismund verheiraten.«
Skram stutzte.
Viffert lachte. »Ja, da stutzen Sie, liebe Obrigkeit. Mais c'est vrai. Sie besitzen nicht solche Augen, wie ich sie habe; denn wo es sich um Frauenzimmer handelt, da hab' ich förmlich einen sechsten Sinn. Ich durchschaue sie ganz und gar, diese süßen Äser. Das habe ich schon immer gekonnt, weswegen sie mich auch niemals haben betrügen können. Keine einzige – Polly auch nicht. Wenn sie also wirklich die Dummheit begehen sollte, Sigismund zu heiraten, so erbt sie nichts.«
»Wer erbt denn dann?« fragte Skram mit etwas heiserer Stimme.
»Dann – dann wird der Batzen geteilt. Er beträgt etwa sechs- bis siebenhunderttausend – ja, so viel ist es – und wird in drei gleich große Teile zerlegt. Henrik bekommt einen – das wird ihn ärgern und die Vifferts erboßen; Leonie – Sie wissen doch, die kleine, flinke französische Zofe der Gräfin bekommt den zweiten Teil, denn sie ist meine letzte Eroberung. Ich weiß allerdings sehr gut, daß ich sie mit Henriks Kammerdiener, Herrn Jörgen Madsen, habe teilen müssen, aber wenn auch. Die beiden werden rein närrisch über das viele Geld sein. Den Rest schließlich lösen wir in eine unendliche Reihe von winzigen Legaten auf, so daß er sozusagen ganz verschwindet.«
»Wann soll das Testament denn fertig sein?« fragte Skram geschäftsmäßig.
»Am liebsten wäre es mir, wenn es schon morgen fertig sein könnte. Ich reise nämlich nächstens nach Aix les Bains, um meine Gicht los zu werden, und der Teufel mag wissen, ob ich jemals zurückkehre. Die Arteriosklerose ist eine schlimme Sache, und ich jappe mitunter ganz verwünscht nach Luft.«
»Wohl besonders nach Jagdanstrengungen,« sagte Skram, um überhaupt etwas zu sagen.
»Ich gehe nicht mehr auf die Jagd,« versetzte Viffert ernst. »Wissen Sie, es ist komisch, aber ich kann geladene Schußwaffen nicht leiden. Seit den letzten Jahren habe ich immer so ein merkwürdiges Gefühl: ich fürchte, daß ich mich noch eines Tages erschießen, oder vom vierten Stock zum Fenster hinausstürzen oder vor eine Lokomotive werfen könnte. Wissen Sie, das ist eine ganz verteufelte Sache, diese beständige Furcht, Selbstmord zu begehen, und es bewirkt, daß ich mich nicht einmal mehr selbst rasiere. Ich verspüre nicht die geringste Neigung, mir mit einem Barbiermesser den Hals abzuschneiden, und dennoch fürchte ich, daß ich es tun könnte. Ja, Sie lachen darüber, aber für mich ist es durchaus nicht spaßhaft, vielmehr habe ich ganz entsetzlich darunter zu leiden. Wenn es nicht ganz gegen die Mode wäre, ließe ich mir einen Vollbart stehen wie der nächste Bauernknecht. Gegen Barbiermesser hege ich geradezu Haß. Natürlich wird man auf diese Weise schließlich nichts andres als ein Idiot, und die Arteriosklerose hat somit möglicherweise die höhere Bestimmung, einen davor zu retten, sich ganz und gar lächerlich zu machen. Denn das wäre in der Tat nicht übel, wenn ich, der alles für seine Gesundheit tut und ein kleines Vermögen für Badereisen ausgibt, mir das Leben nähme. Und doch bin ich so: ich fürchte für mein eigenes kostbares Leben und zittere gleichzeitig vor meinen etwaigen Selbstmordsattentaten. Darum gehe ich auch nicht mehr auf die Jagd. Jawohl. – C'est ridicule.« Und der Kammerjunker lachte mit trockener, heiserer Stimme.
Skram zuckte die Achseln.
»Sie meinen, es sei Paralyse im Anfangsstadium?« fuhr Viffert fort. »Nun, meinetwegen; jedenfalls ist es Zeit, an sein Testament zu denken.«
Viffert erhob sich – elegant, elastisch, trotz der schlaffen Züge. Nur gegen fünfzig Jahre alt und dennoch schon – fertig.
Dies war Skrams Gedanke, den er aber nicht verlauten ließ. Er verstand wohl zu schweigen, und der Kammerjunker interessierte ihn schließlich auch nur als psychopathisches Phänomen.
.»Herr Kammerjunker,« sagte er, »meinen Sie aber nicht auch, daß man sich arg darüber aufhalten wird, wenn Sie Gräfin Polly zur Universalerbin einsetzen?«
