Die Große Mango - Jake Needham - E-Book

Die Große Mango E-Book

Jake Needham

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Beschreibung

In den Wirren der letzten dramatischen Tage des Vietnamkrieges verschwinden die staatlichen Reserven der südvietnamesischen Nationalbank spurlos. Mehr als zwanzig Jahre später kommt ein in Bangkok lebender Amerikaner unter mysteriösen Umständen ums Leben. Erste Nachforschungen ergeben eine Verbindung zwischen dem toten Harry Austin, einem Vietnam-Veteranen, der bis zum letzten Tag in Saigon bei den US-Marines gedient hatte, und den verschwundenen vietnamesischen Millionen. Eine weitere wichtige Spur führt zu Eddie Dare, einem in San Francisco lebenden Anwalt, der bis 1975 in Austins Einheit war. Dare, der die Erinnerungen an die Schrecken des Dschungelkrieges so gut es ging aus seinem Gedächtnis verbannt hatte, wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Mehrere Geheimdienste, der Secret Service, die DEA und die chinesische Mafia liefern sich einen Wettlauf bei der Suche nach dem Schatz aus Geld und Gold, der nach heutiger Schätzung etwa 400 Millionen Dollar wert sein dürfte. Schnell konzentriert sich diese Suche in der schwülen Tropenhitze der thailändischen Hauptstadt Bangkok. Immer im Mittelpunkt des Geschehens steht Eddie Dare, von dem alle vermuten, dass er mehr weiß als er zugibt.

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Seitenzahl: 445

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Jake Needham

Die Große Mango

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

-

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Impressum neobooks

-

Ich möchte gern wissen, was nun das Schlimmste ist: Hundertmal von Negerpiraten vergewaltigt zu werden, eine Hinterbacke abgeschnitten bekommen, bei den Bulgaren Spießruten laufen, bei einem Autodafé durchgepeitscht und gehenkt werden oder seziert werden oder auf der Galeere rudern, kurzum, all den Jammer erdulden, den wir hier mitgemacht haben, oder aber hier im Nichtstun verharren.

Das ist die große Frage, sagte Candide

Voltaire

Candide, 1759

Prolog

Irgendwann am späten Nachmittag des 21. April 1975 legte Nguyen Van Thieu sein Amt als Präsident der Republik Südvietnam nieder und überließ den Nordvietnamesen das Wenige, das von seinem geschundenen Land übrig geblieben war.

Unbemerkt von der Öffentlichkeit rollte kurz vor Anbruch des nächsten Tages eine C-118 Liftmaster der südvietnamesischen Luftwaffe auf die Startposition des verdunkelten Flugplatzes von Tan Song Nhut. Das Flugzeug war schwer beladen mit großen Holzkisten, die im Schutz der vergangenen Nacht mit mehreren Militärlastwagen vom Präsidentenpalast herangeschafft worden waren. Nach dem Start gewann die Maschine nur langsam an Höhe, drehte träge bei und verschwand in westlicher Richtung in die Dunkelheit.

Vier Nächte später, am 25. April 1975, stellte der amerikanische Botschafter in Saigon eine bereits etwas in die Jahre gekommene DC 6 bereit, mit der Thieu und seine engsten Mitarbeiter Vietnam unauffällig verließen. Jeder an Bord war im Besitz eines von Präsident Gerald Ford persönlich unterzeichneten Dokuments, welches ihnen die Einreise in die Vereinigten Staaten von Amerika erlaubte.

Am Morgen des 26. April brodelte die Gerüchteküche in Saigon. Thieu und seine Kumpane seien geflohen und für ihr künftiges Auskommen hätten sie auch gut vorgesorgt. Es hieß außerdem, dass die Tresore der Bank of Vietnam besenrein leer seien. Stattdessen befänden sich die staatlichen Reserven im Untergeschoss eines äußerlich völlig unauffälligen Lagerhauses in der Phan Binh Straße, einer engen, von Granateinschlägen übersäten Gasse, unmittelbar nördlich der amerikanischen Botschaft gelegen. Die CIA hätte in einer geheimen Operation alles Geld mitsamt den staatlichen Goldreserven dorthin gebracht, um es vor dem Zugriff des immer näher rückenden Vietcong in Sicherheit zu bringen.

Einige Wochen zuvor wurde in der Tat ein Hauptmann der US Marines, der das besondere Vertrauen des CIA Stationschefs in Saigon genoss, mit einem streng geheimen Auftrag betraut. Die Mission lautete, die staatlichen Besitztümer der zerfallenden Republik Südvietnam dem Zugriff der Nordvietnamesen zu entziehen. Der Mann erledigte die ihm gestellte Aufgabe gut. Das hatte der Stationschef auch nicht anders erwartet, wusste er doch, dass er sich auf den Offizier verlassen konnte. Dieser stand zwar im Ruf, ein etwas sonderbarer Kauz zu sein, aber zugleich war er gebildet, intelligent und kreativ beim Lösen unerwarteter Probleme. Man sagte sogar, der Hauptmann würde in seiner Freizeit Gedichte schreiben, doch der Stationschef hatte nie etwas von ihm gelesen und ihn auch nie danach gefragt. Dass der Mann belesen war, hätte man aber bereits an dem Codenamen erkennen können, den er der für die Aktion gewählt hatte: Operation Voltaire. Niemand hat ihn je gefragt, warum.

Zwei amerikanische Mitarbeiter der CIA packten fast zehn Tonnen Geld, das meiste davon US Dollar, und eine beeindruckende Anzahl Goldbarren in die bereitstehenden Holzkisten. Ein paar vietnamesische Botschaftsangestellte transportierten diese Kisten dann auf LKWs in das Lagerhaus in der Phan Binh Straße. Sie hatten natürlich keine Ahnung vom Inhalt ihrer Fracht. Nachdem die Aktion abgeschlossen war, organisierte der gute Hauptmann mit einer Handvoll besonders zuverlässiger Marines einen unauffälligen Wachdienst für die Lagerhalle, lehnte sich zurück und wartete auf den Befehl, seine wertvolle Fracht außer Landes zu bringen.

Dieser Befehl kam nicht.

Als sich die Schlinge um Saigon immer enger zusammen zog, drängte die CIA den kläglichen Rest derer, die von der südvietnamesischen Regierung übrig geblieben waren, auf Zustimmung zur Durchführung von Operation Voltaire. Die Amerikaner brauchten die Genehmigung, die verbliebenen Geld- und Goldreserven der Bank of Vietnam in die Schweiz schaffen zu dürfen. Doch die von ihrem Präsident Thieu allein gelassenen Männer zauderten. Sie klammerten sich an ihre Tagträume wie Ertrinkende an ein viel zu kleines Stück Treibholz.

Vielleicht würde man sich mit dem Norden doch noch irgendwie am Verhandlungstisch einigen können. Das hofften sie wider jede Vernunft und wenn es dazu käme, würde eine Beteiligung an Operation Voltaire gar nicht gut aussehen. Die Nordvietnamesen würden jeden, der einem solch vorschnellen Plan zugestimmt hatte, als Hochverräter ansehen. Und das wäre mit Sicherheit tödlich.

Dann kam der 30. April 1975 und es war sowieso alles egal.

Die nordvietnamesische Artillerie eröffnete ihr gnadenloses Trommelfeuer auf Saigon, die Stadt begann zu brennen, und in der Bevölkerung brach die nackte Panik aus. Die amerikanische Regierung ordnete die Evakuierung aller US Bürger aus Saigon an. Das Botschaftsgelände musste von einem schweren Aufgebot von US Marines mit M-16 Sturmgewehren vor der wütenden Menge der Südvietnamesen abgeschirmt werden. Nur der kanisterweise Einsatz von Tränengas machte die Aktion möglich.

Als der letzte mit Amerikanern voll besetzte Hubschrauber vom Dach der bereits brennenden Botschaft abhob und in Richtung der vor der Küste im südchinesischen Meer wartenden Flugzeugträger davon knatterte, hatten die Holzkisten in der Phan Binh Straße nur noch die Bedeutung von knapp zehn Tonnen lästigem Übergepäck. Operation Voltaire war vergessen.

Die Jahre vergingen und die wenigen Menschen, die von der Operation Voltaire wussten, gingen in den Ruhestand oder sie starben. Ernst zu nehmende Spekulationen über den Verbleib des südvietnamesischen Staatsschatzes verstummten zusammen mit den Zeugen des Geschehens. Die abenteuerliche Geschichte über den Berg von Geld und Gold, den die Amerikaner bei ihrer Flucht aus dem brennenden Saigon zurückließen, verkam zu einer Fußnote in den Annalen der reichhaltigen Washingtoner Märchensammlung.

Zwanzig Jahre später, in 1995, war Aussöhnung das Gebot der Stunde. Das kommunistische Vietnam und die Vereinigten Staaten von Amerika nahmen wieder diplomatische Beziehungen zueinander auf, die Botschaften auf beiden Seiten wurden wiedereröffnet und Diplomaten wurden über den Pazifik nach Hanoi und Washington entsandt.

Seit den Zeiten des kalten Krieges ist es durchaus üblich, die Position des Zweiten Botschaftssekretärs durch einen hochrangigen Geheimdienstmann zu besetzen. Daher war es kein Zufall, dass der neu ernannte Zweite Sekretär der amerikanischen Botschaft in Hanoi zu Beginn seiner beruflichen Karriere schon einmal in Vietnam gewesen war. Damals aber, 1975, war er noch in Saigon stationiert gewesen, auf einer seinem jungen Alter entsprechenden unbedeutenden Position. Die alten Dienstpläne wiesen Ihn als „Junior Cultural Attaché“ aus. Dieser Zweite Sekretär war eine der ganz wenigen im öffentlichen Leben verbliebenen Personen, die mit Sicherheit wussten, dass die Geschichte des in den Ruinen Saigons zurückgelassenen Berges von Geld und Gold kein Märchen war. Und vergessen hatte er auch nicht.

Soweit es dem Zweiten Sekretär bekannt war, war nie wieder auch nur die kleinste Spur der verschollenen Millionen irgendwo aufgetaucht. So nahm er die erste beste Gelegenheit wahr, die sich ihm bot, unter einem Vorwand von Hanoi nach Saigon zu reisen, das jetzt Ho Chi Minh City hieß – eine weitere Demütigung der Stadt und ihrer Bewohner. Sein erster Weg führte ihn in die Phan Binh Straße.

Das Lagerhaus war verschwunden.

Der Zweite Sekretär blickte über die leere Fläche, auf der es einst gestanden hatte; er betrachtete die Berge zerborstenen Betons und die rostigen Bewehrungseisen, die als einzige Überreste des verschwundenen Bauwerks aus dem Boden ragten. Dann schlenderte er weiter die kleine Straße hinunter ohne noch einmal anzuhalten oder sich umzudrehen.

Die beste Schätzung, die dem Zweiten Sekretär mit einiger Sicherheit gelungen war, hatte ergeben, dass die knapp zehn Tonnen Gold und Bargeld, die er im April 1975 in dem Lagerhaus in Holzkisten verladen hatte, heute etwa 400 Millionen US Dollar wert sein mussten.

Da sich nichts mehr an seinem Platz befand, beschloss der Zweite Sekretär, Nachforschungen über den Verbleib des Staatsschatzes anzustellen. Sehr dezente und diplomatische Nachforschungen. Er wollte herausfinden, was die Nordvietnamesen damit gemacht hatten, nachdem Saigon gefallen war.

Zu seiner großen Überraschung stellte der Zweite Sekretär fest, dass die Nordvietnamesen gar nichts gemacht hatten.

Sie wussten überhaupt nichts davon.

Eins

Vierzehn Monate als kleiner Korporal bei der Marineinfanterie hatten in Eddie Dare die Überzeugung reifen lassen, dass er zu etwas Besserem geboren war, als zusammen mit einem Haufen zugekiffter Armleuchter für Volk und Vaterland durch den Schlamm zu robben. Jetzt, mehr als zwanzig Jahre später, musste er sich eingestehen, dass es unübersehbare Parallelen zwischen seiner früheren Tätigkeit in der Armee und der eines praktizierenden Rechtsanwaltes in San Francisco gab.

Mit einem Seufzer öffnete Eddie den Sportteil des Chronicle und legte die Zeitung so vor sich gegen den Serviettenhalter aus Edelstahl, dass er sie freihändig zum Frühstück lesen konnte.

Das Buena Vista Café befand sich ganz am unteren Ende der Hyde Street, direkt an der Bucht von San Francisco, da wo die Wendeplattform der Cable Cars aus Richtung Union Square ist. Wenn es sich irgendwie einrichten ließ, begann Eddie seine Arbeitstage genau dort, auf einem der Hocker am Tresen des Buena Vista Café.

Drei Spiegeleier, knuspriger Schinken und diese wunderbar dick geschnittenen Mettwurstscheiben, die es in ganz San Francisco sonst nirgends gab. Dazu Kartoffelrösti und zwei Scheiben heißer Sauerteigtoast, so dick mit Butter bestrichen, dass sie an seinen Fingern herunter lief, sobald er den Toast in die Hand nahm. Eddie wusste natürlich, dass diese Art Frühstück eigentlich aus der Mode gekommen war, aber das war ihm egal. Wahrscheinlich war auch er selbst schon längst aus der Mode gekommen und die Ernährungsapostel dieser Welt konnten ihn mal.

Die Bedienung kam mit einer Kaffeekanne in der Hand an seinen Platz. Blond, athletisch und etwas zu sonnengebräunt sah sie aus, wie die meisten Jogger, die an den Wochenenden in Massen ihre Runden durch den Golden Gate Park drehten. Sie schenkte Eddie frischen Kaffee nach und bedachte ihn mit ihrem strahlendsten Lächeln. Um diese Uhrzeit und noch vor dem zweiten Becher Kaffee war Eddie jedoch nicht in der Lage, zurück zu strahlen.

„Darf’s noch etwas sein, mein Lieber?“

„Nein Danke, Suzie. Ich muss jetzt wirklich ins Büro.“

„Sag bloß du hast einen neuen Fall?“ erkundigte sich Suzie. „Dann werden ja vielleicht auch mal deine Trinkgelder etwas ansehnlicher.“

Suzie hatte begonnen mit Eddie zu flirten, als er anfing morgens ins Buena Vista zu kommen anstatt abends nach der Arbeit. Natürlich war ihm auch nicht entgangen, dass sie ihn sogar dezent auf ihren Schichtwechsel von spät auf früh hingewiesen hatte. Sie sagte, sie hätte die Nase voll von all den Yuppies und Touristen, die allabendlich das Buena Vista bevölkerten, ihren Irish Coffee schlürften und dabei auf irgendetwas Interessantes warteten, das dann meistens doch nicht passierte. Sie stünde mehr auf reifere Männer, solche, die bereits etwas erlebt hätten. Die wären viel ausgeglichener. Natürlich hatte Eddie auch diesen Hinweis verstanden, aber seine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Suzie war ganz nett, aber genau das war Eddies Problem. Er steckte bereits bis zum Hals in „ganz nett“. Sein ganzes Leben war irgendwie ganz nett.

Verdammt, wird das irgendwann auch mal auf meinem Grabstein stehen? fragte er sich. Hier ruht Eddie Dare, er war ganz nett.

„Hat dich diese Frau eigentlich mal angerufen? Du weißt schon, die, der ich mal deine Nummer gegeben habe.“

„Ich bin kein Scheidungsanwalt, Suzie.“

„Naja, ich habe mir halt gedacht, bei all der Erfahrung, die du hast…“

Eddie zuckte ein wenig zusammen. Okay, Schätzchen, ich war ein paarmal verheiratet, na und?

„Die Frau hat ausgesehen, als hätte sie ziemlich viel Geld“ bohrte Suzie weiter.

„Suzie, ich mache keine Scheidungen, Punktum.“

Etwas verlegen begann Suzie, einen unsichtbaren Fleck von der Theke weg zu polieren, dann warf sie sich das Handtuch über die Schulter und goss Eddie Kaffee nach.

„Du arbeitest also immer noch an dieser Hundesache?“

„Ich arbeite an einem Fall, in dem ein Hund eine Rolle spielt.“

„Waren es nicht zwei Hunde?“ rächte sich Suzie für Eddies Haarspalterei.

„Okay, zwei Hunde.“

Eddie hatte Eric Ratmoski in den vergangenen fünf Jahren schon einige Male vertreten. Hier ein paar Einbrüche, da eine Erpressung, mehrere Körperverletzungen, unerlaubter Waffenbesitz war natürlich auch dabei und eine Verurteilung wegen illegalen Glücksspiels. All das gehörte mehr oder weniger zu Erics Tagesgeschäft. Nun hatte er sich auch noch kopfüber ins Porno-Geschäft gestürzt. Das allein hätte Eddie nicht wirklich aus der Fassung gebracht, aber Erics gleichzeitige Begeisterung für Deutsche Schäferhunde ging wirklich zu weit.

Zwei dieser Hunde, von denen Eric behauptete, er würde sie ganz besonders lieben, waren ihm von den Behörden weggenommen und einem Tierheim übergeben worden. Was genau Eric damit meinte wenn er sagte er liebe diese Tiere, wollte Eddie gar nicht so genau wissen. Jedenfalls ließ Eric nicht locker und verlangte von ihm, er solle ihm seine Hunde so schnell wie möglich zurück bringen. Bis jetzt hatte Eddie damit aber noch keinen Erfolg gehabt, stattdessen lästerten die Jungs von der Sitte bereits über ihn und rissen bei jeder sich bietenden Gelegenheit ziemlich geschmacklose Hundefickerwitze. Vielleicht sollte er Eric einfach empfehlen, sich einen anderen Anwalt suchen. Einen echten Hundeliebhaber zum Beispiel.

„Ich weiß nicht, Eddie“, dachte Suzie laut nach, „wenn ich Anwältin wär‘, würde ich doch lieber mit meinen Klienten über ihre Scheidungen reden als mir stundenlang Hundefickerfilme ansehen zu müssen.“

Eddie suchte noch vergebens nach einer passenden Antwort als er schließlich von einem Gast am anderen Ende der Theke erlöst wurde, der winkend nach frischem Kaffee verlangte. Mit der Kanne in der Hand machte sich Suzie auf den Weg. Eddie nutzte seine Chance, nahm das letzte Stückchen Toastbrot, wischte den Teller damit ab und steckte es in den Mund. Dann kramte er schnell einen Zwanziger hervor und legte ihn auf den Tresen. Im Hinausgehen winkte er Suzie noch einmal über die Schulter zu. Eddie lief hinüber zum Cable Car und fuhr über den Russian Hill zu seinem Büro.

Die Leute in San Francisco behaupteten, nur Touristen würden mit dem Cable Car fahren und im Großen und Ganzen stimmte das auch. Die meisten Einheimischen hatten einfach keine Lust, sich an Flip-Flops, Kameras und Kindern mit dämlichen Sprüchen auf ihren T-Shirts vorbei in die Wagen zu zwängen. Aber es war noch zu früh am Morgen für die Touristenschwärme und deshalb hatte Eddie keine Schwierigkeiten, einen Sitzplatz für seine Fahrt über den Berg zu bekommen.

Es war schon einige Jahre her seit er an das bessere Ende der Grant Avenue umgezogen war, direkt westlich der Market Street. Seine Kanzlei lag seitdem im ersten Stock eines kleinen, etwas viktorianisch anmutenden Gebäudes mit einem Chinarestaurant in Erdgeschoss. Im zweiten Stock befand sich die Pacific Century Import Company, deren Geschäftszeiten nur sehr sporadisch waren und wenn, dann spät abends. Das war sogar an einem liberalen Ort wie San Francisco reichlich dubios, aber Eddie hatte beschlossen, keine Fragen zu stellen und das wiederum war völlig normal in San Francisco.

Seine berufliche Laufbahn hatte eigentlich ausgesprochen viel versprechend in einem schicken, glasverspiegelten Büroturm begonnen. Von dort aus hatte sich Eddie systematisch in sein Ein-Mann-Büro über dem Chinarestaurant nach unten gearbeitet. Dass Karrieren normalerweise anders herum funktionieren war ihm natürlich bekannt und er hätte es für sich selbst auch gern so gehabt. Aber er hatte sich nichts vorzuwerfen und das war ihm wirklich wichtig. Die Würfel waren nun einmal so gefallen und er fand, dass er das Beste für sich herausgeholt hatte.

Nachdem er Wren & Simon, die große und schicke Kanzlei verlassen hatte, begann er seine Solokarriere zunächst in zwei schäbigen Zimmern über einer Gemüsehandlung in Chinatown. Die ersten Tage in seiner neuen und sehr stillen Umgebung verbrachte Eddie allein und machte sich mit dem Umstand vertraut, dass er keine Mandanten hatte. Nicht einen. Da Mandanten aber nun mal das Salz in der Suppe einer Anwaltspraxis sind, brauchte er dringend eine Strategie, die diesen ruinösen Zustand der Untätigkeit so schnell wie möglich beenden würde.

Besonders subtil war Eddies Strategie nicht gerade. Er zog seinen besten Anzug an und drückte sich tagelang in den Gerichtsgebäuden von San Francisco herum. Seiner dort reichlich anwesenden Zielgruppe vermittelte er, dass er bereit war, für wenig Geld zu arbeiten. Damit war er erstaunlich erfolgreich, denn er hatte einen entscheidenden Vorteil gegenüber all den anderen schäbigen Anwälten, die sich auf ähnliche Weise ihre Mandanten suchten und von denen die meisten in Eddies Augen ohnehin bald selbst auf der Anklagebank enden würden: Er konnte schneller rennen.

Irgendwie kam er tatsächlich ins Geschäft und dabei war er sich selbst nicht ganz sicher darüber, wie er das geschafft hatte. Schneller als er es erwartet hatte nahm seine Mandantenliste recht beeindruckende Ausmaße an, zumindest bezüglich der Anzahl seiner Mandanten, weniger hinsichtlich ihrer Qualität.

Manchmal sorgte sich Eddie ein wenig über den Umstand, dass er von Strafrecht eigentlich gar keine Ahnung hatte. Nach der Universität hatte er nichts anderes praktiziert als Finanz- und Steuerrecht. Doch dann tröstete er sich damit, dass die meisten, wenn nicht alle seiner Mandanten ohnehin so unschuldig waren wie Jack the Ripper und dass es deshalb eigentlich völlig unwichtig war, wie viel oder wenig er vom Strafrecht verstand. Er fragte sich auch oft, wie viele junge Ärzte wohl wirklich etwas von Medizin verstanden wenn sie frisch von der Universität auf ihre Patienten losgelassen wurden. Dieser Gedanke versetzte Eddie in ehrliche Panik und er schwor sich, nur noch Ärzten aufzusuchen, die mindestens siebzig Jahre alt waren.

Eddie sprang vom Cable Car, als sich die Fahrt in der California Street verlangsamte, um dem Schaffner die Gelegenheit zu geben, die Zusatzbremsen des Wagens für die steile Abfahrt den Nob Hill hinunter einzustellen. In demselben Tempo, das ihm der Cable Car mitgegeben hatte, joggte er diagonal über die Powell Street und bog ohne langsamer zu werden direkt in die Grant Avenue ein. Das sah bestimmt ganz schön sportlich aus und er bedauerte es, dass niemand da war, der seinen morgendlichen Elan hätte bewundern können.

Er ging die Treppe hinauf und hörte schon im Treppenhaus das Klappern von Joshuas Computertastatur. Eddie kannte Joshua schon seit seiner Assistentenzeit bei Wren & Simon. Er hatte es nie wirklich verstanden, warum Joshua die Sicherheit und das Prestige seiner Stellung dort aufgegeben hatte und mit ihm nach Chinatown gegangen war. Joshua lebte zusammen mit einem pensionierten Feuerwehrmann auf einem Hausboot in Sausalito und war Eddies loyalster Mitarbeiter. Er war allerdings auch sein einziger Mitarbeiter. Joshua war sehr dünn, geradezu mager, hatte eine lange graue Mähne und trug eine rahmenlose Brille. Er sah also genau so aus, als wäre er mit einer Zeitmaschine direkt aus den Sechzigern von einem Grateful Dead Konzert in Eddies Büro gekommen. Wie alt sein Mitarbeiter war, wusste Eddie nicht und er konnte sich gut vorstellen, dass Joshua selbst es auch nicht so genau wusste.

„Wenn du glaubst du kannst mir jetzt einfach irgendeine andere Arbeit aufdrücken, vergiss es.“ Wie immer hatte Joshua weder von seinem Computer aufgeblickt, noch hatte er zu tippen aufgehört, als er sprach. Eddie fragte sich, woher er überhaupt wusste, wer hereingekommen war.

„Ich arbeite immer noch an den Beweisanträgen im Fall Meyer.“ fügte er hinzu.

„Wie wär’s denn, wenn du stattdessen endlich mal mit dem Fall Lansky anfangen würdest?“

„Ich kann mich an keinen…“ Joshuas Finger hielten inne, seine Augen blieben auf den Bildschirm fixiert. „Sollte das etwa ein Witz gewesen sein, Eddie?“

Bevor Eddie irgendetwas erwidern konnte, schüttelte Joshua den Kopf und begann wieder zu tippen, viel schneller als vorher.

„Das war dürftig, Eddie. Richtig armselig.“

„Irgendwelche Nachrichten?“ fragte Eddie, eigentlich nur, um Joshua abzulenken.

„Michael hat aus Seattle angerufen.“

Das war seltsam. Eddies Sohn war gerade vierzehn geworden und meldete sich nur noch sehr selten bei ihm.

„Wirklich? Was wollte er denn?“

„Das hat er nicht gesagt. Er wollte es später nochmal versuchen.“

Joshua war der Ansicht, dass Michael seinen Vater despektierlich behandeln würde und dass Eddie sich viel zu viel von seinem Sohn gefallen ließ. Das führte seit einiger Zeit zu spürbaren Spannungen zwischen Joshua und Michael und niemand gab sich sonderlich große Mühe, das zu verbergen. Es war fast so, als würde Joshua sich für ihn schämen.

Damit hatte Joshua den Nagel auf den Kopf getroffen, dachte Eddie, und natürlich mochte auch er Michaels Verhalten nicht. Er merkte aber auch, wie schwierig es war, Vater und ex-Mann zugleich zu sein. In einer solchen Situation blieb ihm eben nichts anderes übrig, als Zugeständnisse zu machen. Joshua hatte weder Erfahrung als Ehemann, noch als Vater. Zumindest war Eddie nichts dergleichen bekannt. So ließ er die Sache einfach auf sich beruhen und kümmerte sich nicht weiter darum.

Es war noch während Eddies Zeit bei Wren & Simon, als er eines Abends spät nach Hause kam und feststellen musste, dass seine Frau mitsamt Michael und dem Meisten, was sie zusammen besessen hatten, ausgezogen war. Bevor er wirklich begriffen hatte was ihm widerfahren war, meldete sich Jennifer aus Seattle, reichte die Scheidung ein und beantragte das Sorgerecht für Michael. Sie gab Eddie nicht wirklich die Schuld am Scheitern ihrer Ehe. Sie wollte nur einfach nicht mehr ein verheiratetes Anhängsel sein und stattdessen lieber ihr eigenes Leben haben, sagte sie. Eddie wusste nicht recht, was er davon halten sollte, er schaffte es sogar, ein gewisses Maß an Verständnis für Jennifers Ansichten aufbringen. Als die Scheidungspapiere kamen, unterschrieb er ohne lange nachzudenken und schickte sie zurück.

Während Eddie noch versuchte, sich an sein unerwartetes Singledasein zu gewöhnen, ereignete sich das, was er später nur noch als „Die Meinungsverschiedenheit“ zu bezeichnen pflegte und zu seiner plötzlichen Trennung von Wren & Simon führte. Das machte zwei Scheidungen in einem Monat. All das war jetzt fast zehn Jahre her, aber er konnte sich immer noch minutiös an jede Einzelheit erinnern. Wie es war, als die Vorstände ihn in den Konferenzraum riefen und ihn feuerten. An jedes Wort, das sie zu ihm gesagt hatten, konnte er sich erinnern. Die Erinnerung an die Scheidung von seiner Frau hingegen war bereits völlig verblasst.

„Sonst keine Nachrichten?“ fragte Eddie.

„Nichts, das dich interessieren müsste.“

Der gute alte Joshua, dachte Eddie. Immer alles unter Kontrolle. Eddie hingegen war sich schon seit seiner Kindheit nicht mehr so sicher, ob er noch alles unter Kontrolle hatte. Damals, auf der Feier, die seine Eltern zu seinem fünften Geburtstag organisiert hatten, hatte er Becky Schulman verprügelt. Sie war sieben, hatte ihm die Zunge herausgestreckt und ihn einen Trottel genannt. Da hatte er mit seiner kleinen Faust ausgeholt und perfekt getroffen. Becky hatte mit ihrer blutenden Nase den ganzen Teppich versaut und dann bekam Eddie ein paar ordentliche Backpfeifen von seiner Mutter, wobei unklar blieb, ob die für Becky Schulmann oder den versauten Teppich waren. Jedenfalls hatte er nicht geweint weil er fand, dass es das wert gewesen war. Er hatte die kleine Hexe voll erwischt und noch heute war er fest davon überzeugt, dass sie diese Abreibung verdient hatte. Das war vielleicht das letzte Mal in seinem Leben gewesen, wo er das Gefühl hatte, eine Situation vollständig unter Kontrolle zu haben.

„Würdest Du mir bitte einen Kaffee bringen, Joshua?“ fragte Eddie auf dem Weg in sein Büro.

„Sofort, mein Meister.“

Idiot dachte Eddie und setzte sich in seinen braun gepolsterten Schreibtischstuhl mit der kurzen Rückenlehne – er hasste diese riesigen thronartigen Ledersessel, in denen sich die meisten Anwälte besonders wohl fühlten – und ließ seine Aktentasche neben dem Schreibtisch auf den Boden plumpsen. Dann begann er lustlos mit der Durchsicht der Post und war angenehm überrascht, zwischen den Bergen von Werbung zwei richtige Briefe zu finden. Der erste hatte den Absender „Martin, Fletcher & O’Brien“, eine berühmt berüchtigte Kanzlei, die etwa die Hälfte des Bank-of-America-Towers für sich angemietet hatte. Eddie warf den Umschlag ungeöffnet zurück auf den Schreibtisch.

Der zweite Brief interessierte ihn mehr, denn er hatte keinen Absender. Eddie betrachtete ihn neugierig.

Es war ein Luftpost Briefumschlag von der altmodischen Sorte, mit dem rot-blau gestreiften Rand und der Aufschrift „Par Avion“ in großen Druckbuchstaben unter zwei sehr exotisch aussehenden Briefmarken. Eddie hatte einen solchen Briefumschlag schon lange nicht mehr in den Händen gehalten und er war sogar ein bisschen überrascht darüber, dass es solche Umschläge überhaupt noch gab.

Die Anschrift war von Hand geschrieben, ganz ordentlich in Druckschrift und mit blauer Tinte:

MR. EDWARD DARE

ATTORNEY-AT-LAW, 469 GRANT STREET

SAN FRANCISCO, CALIFORNIA 94108

UNITED STATES OF AMERICA

Der Umschlag war nicht sehr dick und als Eddie ihn öffnete dachte er erst, er sei leer. Er drehte ihn mit der geöffneten Seite nach unten über den Schreibtisch und schüttelte. Heraus fiel ein einzelnes Foto. Eddie beugte sich vor um es zu betrachten.

Auf dem Bild war eine Gruppe junger Soldaten zu sehen, die mit asiatischen Mädchen herumalberten. Die Art der Uniformen und die Umgebung der Aufnahme deuteten darauf hin, dass das Foto aus der Zeit des Vietnamkrieges stammen musste. Ansonsten gab es keinerlei Hinweise darauf, wo oder wann genau das Bild gemacht wurde.

Dann war da etwas, das Eddies ungeteilte Aufmerksamkeit auf sich zog. Langsam nahm er das Bild vom Schreibtisch auf und betrachtete es für eine sehr lange Zeit.

Jemand hatte mit einem Rotstift einen Kreis auf dem Foto markiert. Scharf und kräftig fraß sich die rote Linie tief in das Fotopapier und hatte es an einer Stelle sogar vollständig perforiert; beinahe so, als sollte der junge Soldat, dessen Gesicht sich in der Mitte des roten Kreises befand, geköpft werden. Das war böse. Eddie betrachtete das jugendliche Gesicht in dem Kreis und das Gesicht schien ebenfalls zu ihm auf zu sehen, mit einem tiefen, roten Einschnitt durch den Hals.

Es gab keinen Zweifel, Eddie war sich sicher. Der junge Soldat mit dem etwas schiefen Gesicht und dem verschmitzten Lächeln – war er selbst.

Zu Eddies Überraschung über diese Konfrontation mit seiner eigenen, längst verdrängten Vergangenheit, mischte sich plötzlich ein tiefes Unbehagen, hervorgerufen durch den brutal um sein Gesicht gezirkelten roten Kreis. Zugleich fühlte er sich ertappt und beobachtet hinter seinem billigen Schreibtisch in seinem schäbigen Büro, von seinem eigenen arglosen und jugendlichen Konterfei. Trotz all seiner Schlitzohrigkeit berührte in dieses Gefühl noch tiefer als der unheimliche rote Kreis um sein Gesicht.

Eddie begann, sein Gedächtnis nach einer sinnvollen Erklärung für all das zu durchforsten. Irgendeine passende, logische Begründung für das Bild. Er fand keine. Nachdenklich rutschte er auf seinem Stuhl hin und her und spürte, wie langsam aber sicher ein eiskalter Schauer seinen Rücken hinunter lief. Schließlich stand er mit dem Foto in der Hand auf und ging zum Fenster um es bei Tageslicht noch genauer zu untersuchen.

Irgendetwas kam da auf ihn zu. Es kam direkt aus einer dunklen, vergessenen Ecke seiner eigenen Vergangenheit. Er hatte keine Ahnung was es war, aber er war sich sicher:

Was immer es war, es kam mit Macht und es verhieß nichts Gutes.

Zwei

Eddie hätte den Schnappschuss mit der Markierung um seinen Kopf am liebsten ganz einfach vergessen, sich eingeredet, dass dies alles gar keine Bedeutung hat. Es einfach als schlechten Scherz jemandes abgetan, den er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Das wäre ihm wirklich am liebsten gewesen, aber er konnte es nicht.

Unangenehme Dinge einfach auszusitzen, das wusste Eddie aus leidvoller Erfahrung, das funktionierte nur in den seltensten Fällen. Im Gegenteil, wann immer er es versucht hatte, kamen die Dinge mit doppelter Wucht zu ihm zurück und rissen ihn dann erst recht in den Dreck. Oh nein, Eddie hatte schon vor langer Zeit beschlossen, sich den Unannehmlichkeiten des Lebens beizeiten zu stellen, auf offener Straße, lange bevor sie in sein Haus kamen, ihm sein Bier wegsoffen und es sich auf seinem Sofa bequem machten.

Das Problem war aber diesmal, dass er nicht wusste, wo er anfangen sollte. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wer ihm das Foto geschickt hatte und was es bei ihm bezwecken sollte.

Vielleicht war es eine Drohung, aber ihm fiel absolut niemand ein, der ein Interesse daran haben könnte, ihm zu drohen. Noch dazu auf eine so merkwürdige Art und Weise. Von seinen Mandanten war es bestimmt keiner, dafür was das Vorgehen viel zu subtil. Die Klientel, mit der er sich tagtäglich herum ärgern musste, würde ihm nachts mit einem Baseballschläger unterm Arm an irgendeiner dunklen Straßenecke auflauern, um ihre Probleme mit ihm zu diskutieren. Wenn das Foto aber keine Drohung war, was zum Teufel war es dann? Ein schlechter Scherz?

Eddie betrachtete noch einmal die Männer auf dem Bild, die Frauen auch. Soviel er auch nachdachte, er konnte sich an nichts erinnern. Dieser verdammte Krieg. Unter anderen Umständen hätte er jeden Eid geschworen, keine einzige Person auf dem Foto je gekannt zu haben. Aber da war er, mittendrin. Also musste er die Anderen gekannt, gesehen haben, mindestens dieses eine Mal in seinem Leben. Er konnte sich auch nicht vorstellen, dass es sich bei dem Foto um eine Fälschung handelte. Warum hätte sich jemand die Mühe machen sollen, eine so unverfängliche und bedeutungslose Szene zu fälschen? In welche Richtung er auch dachte, er kam immer wieder an denselben Punkt. Warum hatte ihm jemand das Bild geschickt?

Die einzige Idee, die Eddie nach einer Weile hatte, war, das Foto einigen ehemaligen Kameraden aus seiner Einheit zu zeigen, an die er sich noch erinnern konnte. Vielleicht hatte der eine oder andere ein besseres Gedächtnis als er selbst und konnte ihm auf die Sprünge helfen. Einer kam ihm tatsächlich in den Sinn und der war sogar ganz in der Nähe. Eddie stopfte das Foto in die Innentasche seines Jacketts und ging zur Tür.

Als er aus seinem Büro trat war Joshua am Telefon. Er unterbrach sein Gespräch, legte die Hand auf die Sprechmuschel und drehte sich zu Eddie.

„Heute ist wohl dein Familientag“ sagte er, als sich ihre Augen trafen.

Eddie holte gerade zu einer genervten Antwort aus, denn sein täglicher Bedarf an dummen Kommentaren war bereits mehr als gedeckt, als Joshua in Richtung Telefon nickte und hinzufügte:

„Es ist Kathleen.“

Eddie hatte der Institution der Ehe noch eine zweite Chance gegeben, gut drei Jahre nachdem Jennifer ihn verlassen hatte. Ihr Name war Kathleen Strong und sie war eine der Assistentinnen des Bezirksstaatsanwalts in Marin County. Ihren Mädchennamen hatte Kathleen auch während ihrer Ehe beibehalten. Mittlerweile vermochte Eddie kaum noch zu sagen, wann genau und wie lange sie verheiratet waren, es interessierte ihn auch nicht mehr. Gott sei Dank war ihre Beziehung kinderlos geblieben. Eddie erschrak innerlich immer ein wenig über sich selbst, wenn er sich mit solchen Gedanken ertappte. Aber womöglich hätte Kathleen dafür gesorgt, dass der gemeinsame Nachwuchs den reichlich dusseligen Nachnamen Strong-Dare bekommen hätte. Und damit wäre ein junger Mensch fürs Leben gestraft gewesen.

Eigentlich war Kathleen ganz in Ordnung, immerhin hatte er sie ja mal geheiratet. Nur leider war sie völlig instabil. Kathleen nannte das Spontanität. Eines Tages eröffnete sie Eddie, sie würde ihn verlassen und nach Alaska ziehen. Mit einem spontanen Bedürfnis, Elche oder die einmalige Natur Alaskas zu retten, hatte ihr Entschluss allerdings nichts zu tun. Der Auslöser war vielmehr ein Bundesrichter aus Fairbanks, von dem sie sich leidenschaftlich flachlegen ließ. Das wiederum hatte sie Eddie gegenüber vergessen zu erwähnen, als sie auszog. Als er es schließlich herausfand, beschloss Eddie, dass ein solches Maß an Spontanität zu viel für seine Ehe war.

Eddie hatte ja schon eine gewisse Routine im plötzlichen Singledasein und so nahm er die Angelegenheit dementsprechend gelassen hin. Zu seiner Überraschung stellte er kaum irgendwelche Veränderungen in seinem Leben fest. Als er dann noch durch Zufall die wahren Gründe für Kathleens Abgang erfuhr sagte er sich, dass jemand, der seine Ehe hinschmiss um mit einem Bundesrichter aus Fairbanks zu schlafen vermutlich schon genug Probleme am Hals hatte. So machte er auch kein Theater, als die Scheidungspapiere kamen. Kathleen fand das wirklich – ganz nett.

„Sie ruft aus Alaska an?“

„Nein, aus Tiburon. Ich denke mal der Richter ist Vergangenheit und nun ist sie wieder hier.“

„Oh, Jesus.“ Eddie dachte kurz nach. „Du hast doch nicht…“

„Nein, ich habe ihr gesagt du seist nicht da.“

Eddie zog anerkennend seine Augenbrauen hoch, verbeugte sich in einer übertriebenen Geste vor Joshua und wandte sich zum Gehen. Dieses verdammte Foto brannte ihm ein Loch ins Jackett. Kathleen würde sich hinten anstellen müssen, wenn sie ihm den Tag versauen wollte.

Zügig durchquerte Eddie die paar Blocks von Grant Avenue bis zur Transamerica Pyramid zu Fuß, kürzte dann durch die Plaza ab und bog nördlich in die Columbus Avenue ein. Von dort aus lief er weiter in Richtung San Francisco Bay. Vielleicht hatte er ja Glück und die Angelegenheit war schnell erledigt. Es gab da jemand, der seinem Gedächtnis mit Sicherheit auf die Sprünge helfen konnte.

Heluska Jones war ein grenzenlos gutmütiger großer Bursche gewesen, der sich zu allem freiwillig meldete, was sonst keiner in seiner Einheit hatte erledigen wollen. Eben der gute Junge von nebenan, den es in fast jeder Einheit beim Militär gab. Zunächst nannten ihn alle Lusk. Er behauptete, einhundert Prozent Apache zu sein und dass sein Name Großer Krieger bedeutete. Aber eines Nachts, als sie alle wieder einmal reichlich zugekifft waren, gab er zu, dass er in Wirklichkeit vom Stamme der Winnebagos war und sein Name in etwa mit Kleine Götterfee übersetzt werden konnte.

In dieser Nacht wurde Lusk zu Winnebago Jones. Für den Rest seines Lebens. Und dabei hatte er noch mächtig Glück, denn einige versuchten es eine Weile mit Kleine Götterfee Jones, sahen dann aber seinen Blick und befürchteten, dass ein wütender Indianer vielleicht noch gefährlicher werden könnte als der Vietcong. So blieb es bei Winnebago Jones und das hatte ja auch etwas sehr melodisches.

1975 kehrten Winnebago und Eddie gemeinsam aus Vietnam zurück nach Camp Pendleton und wurden wenige Tage später ins Zivilleben entlassen. Eddie machte sich auf den Weg entlang der Küste nach San Francisco um zu studieren. Winnebago wusste eigentlich nur, wohin er nicht wollte, nämlich zurück in sein Reservat in Arizona. Also schloss er sich Eddie an. Diese Entscheidung erwies sich als Glücksgriff, denn Winnebago entdeckte die Hippie Szene entlang der Columbus Avenue für sich und fühlte sich schnell zu Hause.

Ein Hippie-Indianer namens Winnebago erfüllte Mitte der 70er Jahre praktisch alle gängigen Klischees in San Francisco, daher fand er schnell Arbeit in einem kleinen Buchladen und schrieb Sachen von denen er behauptete, es wären Poesie. Die Jahre vergingen und die Columbus Avenue verwandelte sich unaufhaltsam aus einer Heimat für alternde Hippies in eine Touristenattraktion. Winnebago erkannte die Zeichen der Zeit und verwandelte sich ebenfalls in eine Touristenattraktion. Sogar noch heute, nach mehr als zwanzig Jahren, konnte man ihn in demselben kleinen Buchladen auf der Columbus Avenue finden und er trug auch immer noch dieselben alten Klamotten, die ihn zum Hippie-Indianer in San Francisco machten.

Als Eddie die Tür zum Buchladen öffnete, löste er ein Glöckchen aus und Winnebago blickte von einem Buch auf, das vor ihm auf der Registrierkasse lag. Heute trug er sein mit Glasperlen besticktes T-Shirt, das er auf einem Flohmarkt in San Jose gekauft hatte, weil es ihn irgendwie an das Hemd erinnerte, das Tonto in den Lone Ranger Filmen getragen hatte. Seine schulterlangen schwarzen Haare wurden von einem breiten rot-weißen Stirnband zusammen gehalten, auf dem FULL-BLOODED AMERICAN INDIAN stand.

Eddie hatte einmal versucht Winnebago zu erklären, dass die Bezeichnung Indianer eigentlich nicht mehr gebräuchlich, ja, sogar abschätzig gemeint wäre. Die Gesellschaft hätte daraus in der Zwischenzeit politisch korrekte amerikanische Ureinwohner gemacht. Schließlich hätte das ja auch etwas mit der Würde seines Volkes zu tun, erklärte Eddie weiter, aber Winnebago wollte von alldem nichts wissen. Er entgegnete nur, für San Francisco sei sein Maß an Würde vollkommen ausreichend. Schließlich wäre er schon immer Indianer gewesen und hätte vor, das auch in Zukunft zu bleiben. Eddie genügte das als Erklärung und er betrachtete das Thema als erledigt.

„Hey, Eddie, alter Freund!“ Winnebago klappte sein Buch zu und schob seinen Hocker zurück. „Wie lang ist das denn jetzt her?“

„Zwei Wochen, Winnebago. Ich war vorletzten Donnerstag hier.“

Winnebago schien ernsthaft bestürzt über Eddies Antwort. „Tatsächlich?“ Er griff nach der Packung Camel ohne Filter, die immer in seiner Nähe war.

„Vor zwei Wochen waren wir zusammen Essen, da drüben in der Pizzeria am North Beach.“ Eddie wies mit dem Daumen über die Schulter.

Winnebago verzog sein Gesicht, schüttelte eine Zigarette aus der Packung und versuchte offenbar dabei, sich zu erinnern. Dann gab er auf, steckte sich die Zigarette mit einem Streichholz an und nahm einen langen Zug.

„Wenn du das sagst, Eddie. Wo gibt’s denn so was? Das habe ich total vergessen.“

„Du wirst wohl alt, Winnebago.“ Eddie fragte sich, ob Winnebago wohl der richtige Ansprechpartner war für Dinge, die über zwanzig Jahre zurück lagen. Aber er hatte nichts zu verlieren. Also holte er einfach das Foto heraus und legte es vor seinen Kamerad auf den Tresen. Der nahm einen weiteren Zug an der Zigarette und rutschte auf seinem Hocker nach vorn, um einen besseren Blick auf das Foto zu haben.

„Hey, alter Junge, das bist ja Du. Verdammt, so jung!“ Winnebago nahm das Bild in die Hand und betrachtete es. „Warum hast Du einen Kreis um Deinen Kopf?“

„Weiß ich nicht. Es kam so.“

„Eddie mit Kreis?“

Winnebago hatte keinen guten Tag.

„Das Foto. Das Bild kam so.“

„Das Bild kam wie?“

Eddie begann zu erzählen.

Nachdem Winnebago sich die ganze Geschichte angehört hatte, schüttelte er langsam den Kopf.

„Das ist seltsam, mein Freund, ziemlich seltsam. Ich an deiner Stelle würde mir Sorgen machen.“

„Erkennst du jemand auf dem Bild?“

„Ich erkenne dich, Eddie.“

Bei Winnebago gab es solche Tage. Ab und zu schienen all die Substanzen, die er in seinem langen Hippieleben geraucht, geschnupft oder sonst irgendwie zu sich genommen hatte, eine Art Jahreshauptversammlung in seinem Kopf zu haben. Das war heute eindeutig der Fall. Es gab aber auch ganz andere Geisteszustände bei Winnebago, dann war er so eindringlich und messerscharf analytisch, dass er den meisten Menschen damit Angst machen konnte. Wenn die Sterne günstig standen, konnte Winnebago wie ein alttestamentarischer Prophet sein, der durch irgendein bizarres Missgeschick der Reinkarnation als Hippie in einem Buchladen in San Francisco gelandet war. Heute nicht.

„Noch jemanden. Erkennst Du außer mir noch jemand auf dem Bild.“

Winnebago sah sich den Schnappschuss noch genauer an, er drehte das Foto ins Licht um die einzelnen Gesichter besser erkennen zu können. Der Rauch seiner Zigarette kräuselte sich um seinen Kopf wie ein Kranz. So, wie er jetzt da saß, erinnerte er Eddie an ein Renaissancegemälde, an eines, das durch Vandalismus schwer in Mitleidenschaft gezogen war.

„War der Typ da hinter dir nicht auch in unserer Einheit?“ Winnebago legte das Bild zurück auf den Tresen und drehte es zu Eddie um.

„Kann sein, ich kann mich wirklich kaum noch an irgendetwas aus dieser Zeit erinnern. Außerdem ist sein Gesicht nur schlecht zu erkennen.“

„Da ist was mit seinen Ohren. Die kommen mir irgendwie bekannt vor.“

„Du kannst dich nicht daran erinnern, dass wie vor zwei Wochen zusammen Pizza essen waren, aber du erkennst die Ohren eines Typen, den du seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hast.“

„Mann, Eddie. Im Gegensatz zu dir kann ich mich an jede verdammte Minute von vor zwanzig Jahren erinnern. Ist bei dir echt alles weg?“

„Vieles. Es war eine beschissene Zeit und ich wollte so vieles wie möglich davon vergessen. Ist mir offenbar ganz gut gelungen“ grinste Eddie etwas verlegen.

Die beiden standen eine Zeitlang schweigend beieinander, jeder versunken in seinen Erinnerungen an eine gemeinsame Vergangenheit. Das stumme Relikt, das da vor ihnen lag, holte eben diese Vergangenheit zurück in ihr Jetzt und Heute. Schließlich nahm Winnebago einen letzten Zug aus seiner Zigarette und drückte sie in einem übervollen Aschenbecher aus, der neben ihm auf dem Tresen stand.

„Hast du irgendeine Idee, Eddie, wer hat dir das geschickt haben könnte?“

„Keine Ahnung, nicht die geringste. Deshalb bin ich hier. Ich hatte gehofft, dass du mir weiter helfen könntest.“

Winnebago nickte einige Male, blickte zu Eddie auf und sah ihn eindringlich an:

„Jetzt pass mal auf, Eddie“ Winnebago tippte mit dem Finger auf das Foto. „Diese Aufnahme hier, die ist von mir, ich habe sie gemacht“ sagte er, „und ich habe ein Scheißgefühl bei der ganzen Sache.“

„Du?“ fragte Eddie verblüfft und brauchte einen Moment um diese Information zu verdauen. „Du hast dieses Foto gemacht? Und warum genau hast du ein Scheißgefühl?“

„Niemand macht sich die Mühe, dir ein Foto zu schicken, wenn er nichts von dir will. Und wenn es harmlos wäre, würde dich dieser Jemand anrufen und sagen ‚Hey Eddie, wie geht’s? Du kannst dich vielleicht nicht mehr an mich erinnern, aber ich habe noch ein kleines Hühnchen mit dir zu rupfen‘. Oder?“ Winnebago lehnte sich zurück. „Das hat dieser Jemand aber nicht getan. Stattdessen zirkelt er einen roten Kreis um deinen Kopf, gerade so, als wollte er ihn abhacken, und schickt dir dieses Scheißbild. Also, ich habe ein Scheißgefühl dabei.“

„Wenn Du es sagst.“ Eddie stellte fest, dass Winnebagos Hirn langsam wieder in Fahrt kam, denn seine Analyse des Unbekannten machte Sinn.

„Ja, Mann, genau das sage ich dir.“

„Was ist mit den Mädchen, Winnebago? Kannst du dich noch an irgendeines von ihnen erinnern?“

„Nein, das ist mir jetzt zwar peinlich aber ich muss zugeben, dass diese kleinen Asienhühner für mich irgendwie alle gleich aussahen. Ich war ja auch gar nicht so oft mit euch in Thailand.“ Winnebago tippte mit dem Zeigefinger auf das Foto und fügte hinzu „Das ist vor diesem Laden in Bangkok, wo wir immer während unserer „Rest & Recreation“-Aufenthalte waren.

Eddie nahm das Bild wieder an sich und fragte „Woher weißt du das denn jetzt auf einmal?“

„Ganz eindeutig, das sind Thai-Mädchen, Mann. Das kann nirgendwo sonst aufgenommen worden sein als in Bangkok.“

„Und ich dachte die ganze Zeit, das wären Vietnamesinnen.“

„Hey, Eddie, wie kannst du denn sowas vergessen?“ Winnebago klang plötzlich ernsthaft überrascht. „Wenn wir ‚R&R‘ in Bangkok hatten, sind wir direkt vom Flughafen in die Patpong gefahren. Ohne vorher ins Hotel einzuchecken. Erinnerst du dich? Ohne Umwege in die Kneipe! Am nächsten Tag sind wir dann halb nackt auf irgendeinem Fußboden wach geworden, bei irgendeinem Mädchen im Zimmer.“ Er schüttelte wieder den Kopf und sagte „Klar waren das alles kleine Nutten, aber sie waren auch verdammt nett zu uns. Damals haben die mich mehr als einmal vor dem Wahnsinn gerettet. Glaub‘ mir, Eddie, das sind Thai-Mädchen, da kannst du deinen Arsch drauf verwetten.“

Langsam aber sicher öffneten sich längst vergessene Schubladen der Erinnerung in Eddies Hirn und die alten Bilder kamen zurück. Erst verschwommen, dann immer klarer.

„Vielleicht hast du wirklich Recht, das alles hatte ich längst verdrängt und vergessen. Dieser verdammte Krieg. Als wir nach Hause kamen, wollte ich nichts, aber auch gar nichts mehr damit zu tun haben. “

„So ist das eben“, lächelte Winnebago, „Du lebst in der Gegenwart, ich von der Vergangenheit. Fragt sich nur, wer von uns beiden besser dran ist.“

Das Türglöckchen läutete und eine sehr dicke Frau betrat das Geschäft in Begleitung eines sehr dünnen Mannes. Beide trugen identische blaue Trainingsanzüge aus Fallschirmspringerseide mit weißen Leuchtstreifen an der Seite. In einen Buchladen passten die beiden ungefähr so gut wie Dean Martin in eine Milchbar. Winnebago kam hinter seinem Tresen hervor und ging auf sie zu.

„Willkommen, willkommen! Schaut euch nur um, Leute. Hier hat sich nichts verändert seit Allen Ginsberg und ich den Laden in 1965 eröffnet haben. Er deutete auf die klapprige Holztreppe. „Jede einzelne dieser Stufen hat er handsigniert!“

Das seltsame Paar nickte Winnebago schüchtern zu und verschwand tatsächlich über die Treppe in das obere Stockwerk.

Winnebago ging zurück hinter seinen Tresen und Eddie sah ihn lange und eindringlich an.

„Das Geschäftsleben an einem Ort wie diesem erfordert eben hier und da mal ein paar kleinere Korrekturen der Wahrheit“ murmelte Winnebago und vermied es dabei, Eddie in die Augen zu sehen.

Eddie nahm das Bild vom Tresen auf und stopfte es wieder in sein Jackett. Er wusste jetzt mehr als vorher, aber wirklich viel war es immer noch nicht. All das, woran Winnebago sich erinnert hatte, brachte ihn nicht weiter.

„Okay, Winnebago, ich muss los. Danke und bis bald. Ich melde mich.“

Als Eddie den Laden verließ, hörte er die dicke Frau und den dünnen Mann die Treppe wieder herunter kommen.

„Wer zum Teufel ist Allen Ginsberg?“ fragte sie ihren Mann, aber der antwortete nicht.

Drei

Eddie saß wartend vor dem Gerichtssaal und versuchte, es sich auf der harten Mahagonibank so bequem zu machen wie es eben ging. Er hatte einen Anhörungstermin bei Richter Ryback und hoffte, dass es nicht allzu lange dauern würde. Diese Art der Anhörungen beherrschte Eddie bereits im Halbschlaf, was meistens auch tatsächlich so war.

Sein Mandant war ein Mann namens Dante Bauer, der einen Limo-Service betrieb. Angeklagt war er aber wegen Zuhälterei. Seine Freundin Shalynn hatte einem Zivilfahnder auf der Toilette des St. Francis Hotels einen Blowjob für fünfzig Dollar angeboten. Shalynn behauptete nun, das wäre alles nur ein Missverständnis. Dante sagte er hätte keine Ahnung davon gehabt, dass seine Freundin eine Nutte wäre und selbst wenn, dass man von den paar Kröten, die Fünfzig-Dollar-Blowjobs einbringen, ohnehin nicht leben könnte.

„Hey Dare, ich dachte immer, dass sich die tollen Strafverteidiger auf dem Golfplatz bei einem netten Spielchen mit dem Staatsanwalt über das Schicksal ihrer Mandanten einigen.

„Sicher, Wuntz, genauso ist das. So machen es die tollen Strafverteidiger.“

Kelly Wuntz drückte sich neben Eddie auf die Bank indem er einen kleinen Ganoven in seiner rotgoldenen San Francisco 49ers Jacke zu Seite schob. Wuntz war ein sogenannter Vice Cop, der sich im Tenderloin District vornehmlich um illegales Glücksspiel und Prostitution kümmerte. Berufsbedingt waren ihm mehr menschliche Widerwärtigkeiten untergekommen als Eddie in seinem Leben je kennen lernen wollte.

„Warum bist du immer so hart gegen dich selbst, Dare? Wenn ich bis zum Hals in der Scheiße stecken würde, wärst du genau der Typ Anwalt, dem ich zutrauen würde, mich da wieder raus zu holen.“

„Sollte das etwa ein Kompliment gewesen sein, Wuntz?“

„Nimm es, wie du willst.“

Zusammen saßen sie eine Weile auf der Bank und beobachteten das geschäftige Treiben, das sich um sie herum im Gerichtsgebäude abspielte. Nachdem er aus seinem schicken Büro am anderen Ende der Stadt hinaus geflogen war, konnte Eddie sich nur langsam an sein neues Arbeitsumfeld zu gewöhnen. Hier gab es keine indirekte Beleuchtung und keine polierten Parkettfußböden mit teuren Perserteppichen darauf. Mittlerweile ging es aber ganz gut. Er hatte erkannt, dass er eine unsichtbare Linie vermutlich für immer überschritten hatte, von dessen Existenz er bis zu diesem Zeitpunkt nichts geahnt hatte. Diese Linie trennte die geordnete konservative Welt von einer anderen, die sich im Verfall befand, in der jeder gegen jeden seinen eigenen kleinen Krieg zu führen schien.

In dieser Welt, in der Eddie sich noch immer wie ein heimlicher Beobachter fühlte, waren Anwälte so etwas wie er die weltlichen Priester. In der stillen Geborgenheit ihrer Kanzleien nahmen sie Beichten ab, die von Verbrechen, von Verfehlungen und von Betrug handelten. Ein wirklicher Priester bekam diese Beichten wohl nur in den seltensten Fällen zu hören. Leute kamen in Eddies Büro und erzählten ihm, was sie nachts dachten, wenn sie nicht schlafen konnten. Diese Geschichten waren meistens nur traurig, manchmal auch peinlich oder brutal und selten auch mal lustig. Aber immer ging es um Gier, Elend, Angst oder um pure Dummheit. Es waren herzzerreißende Geschichten, wenn man sie an sich heran ließ.

Einige Anwälte, die Eddie im Laufe der Jahre kennengelernt hatte, hatten diese Linie ganz bewusst und gewollt überschritten, beseelt von dem irrsinnigen Gedanken, die Welt zu verbessern. Das gelang natürlich nie. Früher oder später kamen sie alle auf dem Boden der Tatsachen an und kümmerten sich fortan vorrangig um ihr eigenes Schicksal und weniger um das ihrer Mandanten. Das Gerichtsgebäude war ein gemeiner und gnadenloser Mikrokosmos. Gute Absichten wurden hier nicht belohnt.

„Hast du das von Richter Bono gehört?“ fragte Kelly.

Eddie schüttelte den Kopf.

„Wir haben den Schweinehund gestern Nacht auf der Presidio Street hoch genommen. Er saß in seinem fetten Mercedes mit einer Sechzehnjährigen, die gerade seinen mickrigen Pimmel in der Hand hielt und verzweifelt versuchte, ihm einen runter zu holen.“

„Ach Wuntz, heutzutage interessiert sowas doch keinen mehr. Würde mich nicht wundern, wenn Bono am Ende an den Obersten Gerichtshof berufen wird.“

„Soso.“

Wuntz liebte seine Anekdoten und mochte es gar nicht, wenn man nicht von ihnen beeindruckt war. Eddie wusste das, sah den Glanz in Wuntz‘ Augen und wusste, dass jetzt der Gegenangriff kommen würde.

„Ich weiß ja, dass ihr Juristen euch über halbwegs rechtschaffende Polizisten lustig macht…“ Wuntz sah den Gang hinunter während er sprach, weshalb Eddie sein Gesicht nicht sehen konnte. „…aber meinst du nicht auch, dass es gerade hier in San Francisco für Bonos Karriere zuträglicher gewesen wäre, wenn er sich wenigstens in einer etwas vornehmeren Gegend einen hätte blasen lassen?“

Wuntz wandte sich wieder zu Eddie und brüllte vor Lachen. Einige Köpfe drehten sich in seine Richtung und waren kurz abgelenkt von ihren eigenen Schicksalen. Gerichtsgebäude sind nicht unbedingt bekannt als Orte, an dem es viel zu lachen gibt.

Auch Eddie musste ein bisschen schmunzeln, es war eine von Wuntz‘ besseren Pointen. Dann klingelte sein Telefon.

„Papa?“

„Hey, Michael. Das ist ja mal eine Überraschung.“

Wie immer, wenn er mit seinem Vater sprach, kam Michael direkt auf den Punkt.

Mum sagt, ich muss mich erst bei dir entschuldigen, bevor sie mir mein Taschengeld gibt.

„Entschuldigen wofür?“

„Sie sagt ich wäre dir gegenüber unverschämt gewesen, als wir letzte Woche telefoniert haben.“

Eddie versuchte, sich an das Gespräches zu erinnern. „Und was denkst du? Warst du unverschämt?“

„Nein. Im Fernsehen lief gerade ein Lakers Spiel, das ich unbedingt sehen wollte. Ich wollte gar nicht mit dir telefonieren.“

„Dann entschuldige dich auch nicht.“

„Okay, dann nicht.“ Es wurde kurz still am anderen Ende der Leitung, offensichtlich dachte der Junge über die möglichen Konsequenzen des Gespräches nach. „Hier ist Mum, sag ihr bitte, sie soll mir mein Taschengeld geben.“

Eddie hörte, wie der Telefonhörer von Michael an Jennifer weiter gereicht wurde.

„Hallo Eddie, es tut mir leid. Im Moment habe ich es nicht leicht mit Michael und ich fand es einfach nicht richtig, wie er letzte Woche mit dir umgesprungen ist. Deshalb habe ich auf eine Entschuldigung bestanden. Mach dir nichts daraus, sein Taschengeld bekommt er jetzt. Du weißt ja, wie die Teenager so sind. Hoffentlich haben wir dich nicht gestört.“

Jennifer redete immer viel wenn sie Eddie etwas sagen wollte, wovon sie vermutete, er wolle es nicht hören. Eddie sagte nichts.

„Eddie? Hallo? Bist du noch da?“

„Ja, Jennifer, ich bin hier.“

Eddie beobachtete Wuntz, der sich bemühte so auszusehen, als würde er nicht zuzuhören.

„Da ist noch etwas, Eddie.“

Wenigstens kam sie gleich zur Sache.

„Franklin und ich gehen nächsten Monat nach Australien.“

Jennifer war jetzt verheiratet mit Franklin Pierce, der unglaublich erfolgreich auf der ganzen Welt Einkaufszentren plante und baute. Natürlich gefiel Eddie das alles ganz und gar nicht, aber er musste sich im Interesse seines Sohnes eingestehen, dass Franklin einen ganz passablen Stiefvater abgab.

„Franklin will am Great Barrier Riff tauchen.“

„Aha.“

„Naja, und da Michael ja nächsten Monat Ferien hat wollen wir, dass er mit kommt.“

Daher wehte der Wind also.

„Das Problem ist dann natürlich, dass er in den Ferien nicht zu dir kommen kann.“

Jennifer machte eine Redepause.

„Michael will wirklich mit uns nach Australien, Eddie. Mach‘ ihm das nicht kaputt, wenn es dir nichts ausmacht.“

Es machte Eddie aber eine ganze Menge aus.

„Es wäre wirklich besser gewesen, Ihr hättet das vorher mit mir besprochen, Jennifer. Jetzt kann ich ihm ja schlecht die Reise nach Australien vermasseln und ihn in den Ferien zu mir kommen lassen, oder?“

„Eddie, das ist eine einmalige Gelegenheit für den Jungen. Ich wusste, du würdest das verstehen.“

„Ja. Aber du musst verstehen, dass ich auch ab und zu ganz gern ein bisschen Zeit mit meinem Sohn verbringen würde, Jennifer.“

„In den nächsten Ferien, Eddie. Versprochen.“

Eddie legte eine Gedankenpause ein, obwohl es eigentlich nicht viel gab, worüber er hätte nachdenken können.

„Ich vermute mal, dass es Michael ohnehin nichts ausmacht, mich für eine Weile nicht zu sehen.“

„So darfst du das nicht sehen, Eddie. Es ist einfach nur alles so aufregend für ihn. Bist du jetzt einverstanden?“

Eddie atmete einmal tief durch: „Was immer der Junge will.“

„Wunderbar, Eddie. Ich denke wir machen genau das Richtige.“

Eddie wusste, dass das Gespräch beendet war und nachdem sie noch ein paar Höflichkeiten ausgetauscht hatten entschied Jennifer, dass es an der Zeit war, aufzulegen.

Als Eddie sein Telefon zuklappte und langsam wieder in der Jackentasche verschwinden ließ bemerkte er, dass Wuntz ihn ansah.

„Theater mit der Ex, Partner?“

„Mit einer von ihnen, die andere wartet noch auf ihre Chance.“

Oh Gott. Eddie erinnerte sich plötzlich, dass er Kathleen gar nicht zurück gerufen hatte. Nicht gut, das könnte Ärger geben.

„In Familiensachen hattest du wohl kein sehr glückliches Händchen, Dare?“

Eddie pflegte eine andere Sicht der Dinge. Eine Mitschuld am Scheitern seiner Ehen konnte und wollte er sich nicht eingestehen, er hatte eben nur Pech gehabt. Sonst hätte er sein Privatleben konsequenterweise wegen Beziehungsunfähigkeit gleich ganz an den Nagel hängen können und das wollte er ganz und gar nicht.

„War das Jennifer oder dein Junge?“ hakte Wuntz nach.

„Nicht der Rede wert.“ Eddie wollte das Thema beenden. „Michael ist eben in der Pubertät.“

„Lass dir nichts von ihm gefallen.“ Sagte Wuntz mit einer Nachdrücklichkeit, die Eddie aufhorchen ließ.

„Mein Junge hat sich dafür geschämt, dass sein Vater ein Polizist ist. Als er fünfzehn war, beschimpfte er mich als alten Nazi. Wenn ich ihm was sagen wollte brüllte er nur ‚Sieg Heil!‘ Ich hab‘ mir eingeredet, dass es schon wieder vorbei gehen würde und versucht es nicht zu ernst zu nehmen.“