Die große Verschwendung - Wolfgang Schömel - E-Book

Die große Verschwendung E-Book

Wolfgang Schömel

4,8
15,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Dr. Georg Glabrecht ist fünfzig und schwermütig, seine Ehe liegt seit Jahren in Agonie. Als grüner Wirtschaftssenator ist er ein virtuos sarkastischer Machtpragmatiker, der seine Untergebenen nur mit Kürzeln anspricht. Im Zusammenhang mit einem größenwahnsinnigen eventkulturellen Renommierprojekt – der Maritimen Erlebniswelt mit der Maritimen Oper – verliebt Glabrecht sich in die junge Mitarbeiterin eines zwielichtigen Investors, mit dem er als Politiker paktieren muss. Und auch privat spürt er mehr als deutlich die Verlockungen der internationalen Geldströme und der Angebote, die ihm von dort unterbreitet werden. Es ist also wohl nur eine Frage der Zeit, bis er gewaltig ins Straucheln gerät.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 319

Veröffentlichungsjahr: 2011

Bewertungen
4,8 (18 Bewertungen)
15
3
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Wolfgang Schömel

Die große Verschwendung

Roman

Klett-Cotta

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Besuchen Sie uns im Internet: www.klett-cotta.de

Klett-Cotta

© 2011 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung

Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten

Cover: Rothfos & Gabler, Hamburg

Abbildungen: © getty images / Darell Eager und © getty images / Stephen Schauer

Datenkonvertierung E-Book: reiser & partner, Leinfelden-Echterdingen

Printausgabe: ISBN 978-3-608-93903-3

E-Book: ISBN 978-3-608-10169-0

Erstes Kapitel

1.

Kein Mond schien, keine Sterne waren am Himmel, und dennoch war die Luft eingefärbt vom dunklen, feuchten und schon etwas resignierten Grün des späten Sommers. Es war Mitte August. Bis vor wenigen Tagen hatte es Höchsttemperaturen von weit über dreißig Grad im Schatten gegeben, wochenlang, fast ununterbrochen, noch niemals zuvor in Bremen gemessen. Und immer noch war es ungewöhnlich warm, obwohl während der vergangenen Tage viel Regen gefallen war. Der Dunst, der seit Stunden, offenbar von keinem Windhauch gestört, aus der feuchten Erde gekrochen war, lag schwer und zäh über der Straße, zwischen den Gebäuden, den Zäunen und all den anderen Dingen und brachte sie näher zueinander, wie eine gemeinsam gefühlte Müdigkeit.

Glabrecht trug weit mehr als jenen grundlosen kleinen Optimismus in sich, den er üblicherweise von Reisen mit nach Hause brachte, so, als könnte dort während seiner Abwesenheit irgendein überraschendes Glück entstanden sein. Ähnlich war das schon früher, damals, wenn er von einer seiner Afrikaexkursionen heimgekehrt und von einer rätselhaften Vorfreude beherrscht gewesen war.

Dieses Mal hingegen hatte er sich bereits während der gesamten Rückreise von Oslo nach Bremen geradezu schwerelos gefühlt, innerlich wie äußerlich. Er war zweifellos immer noch berauscht von der Begegnung mit dieser jungen Frau, von den Ereignissen des gestrigen Tages. Seine Gefühlsverwaltung hatte offenbar auch in dieser Hinsicht nichts dazugelernt.

Er hatte den Taxifahrer vorzeitig anhalten lassen, damit er noch ein paar Schritte gehen konnte, entlang der alten Dorfstraße, dann, rechts abbiegend, in die schmale Allee mit den frei stehenden Vorortvillen, den Kastanien und Linden. Von den wenigen, nostalgisch schwachen Straßenlaternen fiel kaum Licht hinauf zu den riesigen Blätterdächern, die sich über der Straße ineinander schoben.

Dass am Haus das Außenlicht brannte, war eine kleine Aufmerksamkeit von Marianne. Innen war es dunkel, sah man von den Energiesparlampen ab, die ständig eingeschaltet waren, um Einbrecher abzuschrecken. Die beiden jungen Katzen, die Glabrecht neulich adoptiert hatte, kamen ihm entgegen und maunzten. Lilli, einst schneeweiß, war inzwischen etwas nachgedunkelt, Lucie tiefschwarz. Die beiden bewegten sich in einer fast perfekten Choreographie. Sehr dünn waren sie, mit großen Ohren. Glabrecht kauerte in der Hocke vor ihnen, um sie zu streicheln.

Seinen Kleidersack stellte er ins Ankleidezimmer, den Aktenkoffer in sein kleines Büro, und das Beugen des Körpers, das Zurückbringen dieser Gegenstände an die gewohnten Stellen mitsamt den dabei entstehenden, sich selbst zitierenden Geräuschen – das hatte durchaus etwas solide Gewachsenes, etwas Gesundes in sich. Den Reisewecker und den Beutel mit den zahlreichen Medikamenten in den Händen, bewegte er sich anschließend über den Flur und betrat sein Schlafzimmer. All das tat er sehr leise, um seine Frau nicht zu wecken. Sein Zeigefinger steckte noch im Knoten der Krawatte und war dabei, ihn zu lockern, da hielt Glabrecht inne. Plötzlich wurde ihm klar, dass er sich in Wahrheit deshalb so sacht bewegt hatte, weil er die Ödnis seines tatsächlichen Lebens, die einen viel größeren Raum einnahm, als seine Frau das tat, nicht hatte auf sich aufmerksam machen wollen. Nein, hier war keinerlei Glück entstanden.

Aus dem Schweigen der nächtlichen Welt drang wenig später, als er im Bett lag und auf den Schlaf wartete, der Tinnitus in sein linkes Ohr, das auf- und abschwellende Feilen, das ihn anfänglich fast in den Wahnsinn getrieben hatte, weil er gedacht hatte, es käme aus den Wänden seines Zimmers. Die erste Übernachtung in einem fremden Haus gab ihm schließlich die Gewissheit, dass das Geräusch in ihm selbst entstand. Inzwischen hatte er es akzeptiert, es gehörte zu ihm, es passte wohl auch zu ihm und seinem Leben.

Nackt stand er am nächsten Morgen vor dem Waschtisch und spannte immer wieder seine Beckenbodenmuskeln an. Hin und wieder beobachtete er dabei, wie sein Schwanz durch diese Übung in hospitalistische Auf- und Abbewegungen versetzt und dabei langsam dicker wurde, so, als gäbe es tatsächlich etwas zu gewinnen für ihn. Wie immer tat dieser stets optimistische Körperteil so, als sei alles beim Alten. Er sah aus wie neu und behinderte das Vorbeugen des Oberkörpers, so dass Glabrecht, um sein Gesicht nahe genug an den Spiegel zu bringen, gezwungen war, den gesamten äußerlichen Fortpflanzungsapparat über den Rand zu heben und drinnen im Waschtisch zu lagern – ein überaus würdeloser Anblick.

Der Spiegel verfügte über eine erbarmungsvolle und gemütsschonende Rundum-Schminkbeleuchtung. Er zeigte die vollen und drahtigen Haare, den Oberkörper mit den beträchtlichen Muskeln, seinen Kuhlen und Hebungen unter der älter werdenden Haut.

Aus Protest gegen das Verschwinden seiner Lebenszeit hatte Glabrecht in den vergangenen Jahren viel Sport getrieben. An sich konnte er sehr zufrieden sein mit dem Auftritt seines Körpers, wäre da nicht das Gesicht gewesen, das ja nachweislich zum Körper zählte. Es war nicht so, dass er sein Gesicht hasste oder dergleichen, es handelte sich lediglich um einen beständigen schlimmen Verdacht, den er da hegte und dessen Berechtigung er deswegen nicht überprüfen konnte, weil es nicht zu betrachten und bewerten war wie zum Beispiel der Schwanz oder der Arm, der den Rasierapparat hielt. Stets waren es nur isolierte Partien des Spiegelgesichts, mit denen er sich beschäftigte, nie sah er das Antlitz in seiner Gesamtheit. Glabrecht nannte dieses Phänomen seinen »Rasierblick«. Häufiger betrachtete er auch andere Gesichter, Dinge und Menschen auf eine fragmentierte Art, die ihm Angst machte.

»Adriana Fallhorn«, sagte er leise vor sich hin, als sei dieser Namen eine Art Losungswort. So hieß sie, die junge Frau, der er noch vorgestern Abend in Oslo gegenüber gesessen und die ihm von ihren bremischen Großeltern erzählt hatte, die 1936 nach Argentinien ausgewandert waren, von ihrer Jugend in Zürich, ihrem Studium in Lüneburg. Adriana Fallhorn, »Assistentin der Geschäftsleitung« bei der Nordic Urban Development, jenem Unternehmen, mit dem er über das große Neubauprojekt im Hafen verhandelt hatte.

»Offenbar führt Ihr Lebensweg Sie immer näher an Bremen heran«, hatte Glabrecht, der Bremer Wirtschaftssenator, gesagt, in der Absicht, charmant zu sein, ohne jedoch zu bedenken, dass Oslo eindeutig weiter von Bremen entfernt lag als Lüneburg. Es war wohl gar nicht Bremen, sondern er selbst, zu dem jener Lebensweg hinführen sollte. Das war ihm erst später in der Nacht aufgefallen, im Hotelbett, als die Euphorie des Alkoholrauschs nachließ. Und er hatte sie ziemlich übergriffig gefragt, ob sie »allein lebe«, was sie, mit etwas zu ernster Miene, bejaht hatte. War es nicht außerdem so, dass er Adriana jene Abschiedsumarmung im Foyer des Osloer Hotels in Wahrheit aufgedrängt hatte? Hatte sich ihr Körper nicht steif gemacht und war da nicht ein leichtes Wegdrehen ihres Gesichtes gewesen – eine Vorsichtsmaßnahme gegen eventuelle Kussversuche Glabrechts? Hatte sie sich am Ende sogar geekelt vor ihm? – Diese unerträgliche Vorstellung hatte ihn bis zum Morgen nicht mehr schlafen lassen, und auch jetzt noch durfte er gedanklich nicht einmal in ihre Nähe kommen, ohne dass er sich zusammenkrampfte vor Scham.

Eine Erinnerung an Adrianas Gesicht stellte sich hingegen im Augenblick nicht ein, eher der Gedanke daran, wie gern er sie angeschaut und wie er dabei über den Altersunterschied nachgedacht hatte, über die Jahre, die er nicht zurückgeben konnte an sein Leben.

Vor dem Spiegel stehend, atmete er tief ein, hielt die Luft an und hob seine Handrücken vor die Augen. Wann würden wohl die ersten Altersflecke zu sehen sein? Lieber als auf den Händen hätte er sie auf seiner Seele oder auf seinem Triebleben gehabt. Diese beiden hinkten jedoch dem körperlichen Altern aussichtslos hinterher.

Mit einer herrisch anmutenden Bewegung nahm er jetzt eine Handvoll des Rasierschaums, den er gerade auf sein Gesicht auftrug, und klatschte ihn auf seine immer noch im Becken lagernden Geschlechtsteile. Ob jemand seine Glückprojektionen tatsächlich derart komplett auf ihn bündeln könnte, wie es nötig wäre, um in ihn, Georg Glabrecht, verliebt zu sein? Glabrecht dachte tatsächlich: »jemand«, und nur dieses eine Wort dachte er buchstabengenau. Alles andere war lediglich ein Gedankenhauch, ein Zustand, in dem sich seine Gefühle aufhielten, und dem er erst einige Sekunden später Gedankenworte zu geben versuchte. Wie sollte jemals wieder eine Frau in jenen Zustand der Anbetung seiner Person, seines Körpers verfallen, der allein seinem Leben einen Sinn geben könnte?

Seine rechte Hand mit dem Nassrasierer stand regungslos in der Luft neben seiner Wange. Drei-, viermal gab er sich die Anweisung, das Tagewerk gefälligst fortzusetzen, ehe Arm und Hand und all die anderen Körperteile schließlich gehorchten. Dieses Nicht-Gehorchenwollen seines Körpers passierte ja immer häufiger, und meist fiel Glabrecht dabei eine Verzweiflung an, oder diese hatte ihn unmittelbar zuvor angefallen und die Lähmung hervorgerufen.

Halbfertig rasiert verließ er jetzt das Bad, ging die Treppe hinunter zum Telefontisch im Erdgeschoss, auf dem sein Besorgungsblock lag, und notierte: »Teleskop-Kosmetikspiegel, beleuchtet«. Mit dessen Hilfe würde er sich zum Rasieren nicht mehr über den Waschtisch beugen müssen.

Genau jetzt öffnete sich die Tür von Mariannes Schlafzimmer. Im Nachthemd trat Glabrechts Frau in den Flur, betrachtete ihren nackten Mann, mit seinem halb eingeschäumten Gesicht, mit dem zusammengesunkenen Rasierschaum auf seinem immer noch rüsselhaft verlängerten und verdickten Schwanz.

Es war sechs Uhr fünfundvierzig. Vielleicht stockte sie eine Sekunde lang bei dem Anblick, der sich ihr da bot? Die Wahrheit war, beide, Mann und Frau, stockten in ihren Bewegungen: Bei Glabrecht geschah das deswegen, weil er sich jedes Mal, wenn er Marianne nach ein, zwei Tagen Abwesenheit wieder begegnete, das Experiment verordnete, sie mit fremden Augen zu sehen. Das geschah ganz automatisch. Er prüfte also, was er empfände, sähe er sie genau jetzt zum ersten Mal. Sehr wichtig war dabei die Frage, ob er bei diesem imaginierten visuellen Erstkontakt eventuell Lust empfinden könnte, zumal dann, wenn Marianne, wie jetzt, unter ihrem Nachthemd nackt war.

Marianne war vier Jahre jünger als Glabrecht, und er vermutete, dass sie sich trotz der zunehmend ausgeprägten Tonnenform ihres Oberkörpers gut gehalten hatte. Viel mehr konnte er dazu nicht mehr sagen. Er hatte den Eindruck, dass er sie nach all den Jahren gar nicht mehr angemessen wahrnahm, so ähnlich, wie das bei einem Bild war, das schon lange an der Wand hing. Nach Art intellektueller Frauen trug sie die ehemals blonden Haare naturgrau, glatt, halblang bis auf die Schultern, mit einem Mittelscheitel. Auch heute saß die Antifrisur, denn Marianne verließ ihr Schlafzimmer niemals, ohne vorher die Haare zu bürsten. Wenn Glabrecht sich diese Situation vorstellte, waren Mariannes Haare noch immer blond.

Damals, als sie ein gemeinsames Schlafzimmer hatten, viele Jahre war das her, lag er häufiger im Bett und beobachtete, wie sie vor dem Spiegel stand. Sie war nackt, und er fand sie genau in diesen Momenten, während der strengen Bewegung des Haarebürstens, besonders begehrenswert.

Und so war es klar, dass seine Experimente misslingen mussten. Er konnte die militante Schar von Erinnerungen leider nicht entwaffnen, auch dann nicht, wenn er sich gerade besonders stark von seiner Frau entfremdet hatte. Vielleicht hätte er sie, mit einem nicht abgenutzten Blick ausgestattet, noch weniger begehrt, als er das tatsächlich tat, weil die Erinnerungen an erotisch erfreulichere Zeiten subtrahiert gewesen wären von dem tatsächlichen Körper, der da vor ihm stand? Andererseits: Seine Enttäuschung, sein gerechter Zorn über den biologischen und erotischen Zerfall, der sich ihm offenbarte, hätten das tatsächliche Bild nicht verfälscht.

»Wann bist du gekommen?«, fragte sie, als sei der merkwürdige Zustand ihres Mannes nicht der Rede wert.

»Gegen eins.«

»Du Armer! War es anstrengend?«

»Wie immer. Endloses Gelaber, dann der umständliche Rückflug über Amsterdam. Aber die Norweger machen wohl wirklich ernst mit ihren Investments und mit der Unterstützung der Maritimen Oper.«

»Und du? Bist du tatsächlich überzeugt von diesem Projekt?«

»Darum geht es nicht«, sagte Glabrecht in einem Ton, der überraschend harsch ausfiel. »Städtekonkurrenz, Image, Events, Kreativorte, – das ist Zeitgeist, das ist so gewollt. Ich muss diesen Scheiß nun mal machen. Das ist mein Job.«

»Wie geht es Klaus?«, sagte er nach einer kleinen Pause, jetzt in mildem Ton.

Klaus, Mariannes Vater, vierundsiebzig Jahre alt, hatte vor drei Monaten einen leichten Schlaganfall gehabt. Marianne war am vergangenen Wochenende in ihrer Heimatstadt Wiesbaden gewesen, um ihn zu besuchen.

»Er kann seine Beine wieder besser bewegen. Wir haben einen kleinen Spaziergang gemacht.«

»Ich rufe ihn aus dem Büro an.«

Jetzt kam Marianne tatsächlich heran und rieb mit der Rückseite ihres rechten Zeigefingers über die fertig rasierte Wange ihres Mannes, wie um eine liebevolle Geste zu zitieren, die einmal ihren Platz im gemeinsamen Dasein gehabt hatte.

Ob sie an dem Zustand litt, in dem sie beide lebten? Diese Frage war seit etwa zwölf Jahren ungeklärt, seit der Zeit, als ihm das Absterben ihrer erotischen Beziehung endgültig klar geworden war, und zwar exakt durch Mariannes Satz: »Ich muss mich erst an dich gewöhnen«.

Der Satz wurde gesprochen, als Glabrecht von einer einwöchigen USA-Reise nach Frankfurt zurückkehrte und als er sich Marianne stürmisch und in entschlossen penetrativer Mission nähern wollte. In Gedanken an den bevorstehenden Geschlechtsverkehr hatte er bereits im Flugzeug eine schmerzvolle Dauererektion domptieren müssen. Allerdings war ihm damals durchaus bereits aufgefallen, dass das gemeinsame präsexuelle Herumwursteln immer länger dauerte. Angefangen hatte das spätestens nach Mariannes gescheiterter Schwangerschaft. Kochen, Kulturveranstaltungen, Planungen für die Wohnungsgestaltung und, vor allem, das gemeinsame Einkaufen von Kleidung und Einrichtungsgegenständen – solche Handlungen hatten zu geschehen, ehe an etwas anderes zu denken war. Marianne musste sich offenbar durch umfangreiche Beziehungstätigkeit in die Kopulationslust hineinsteigern. Nach seiner Rückkehr aus den USA hatte das drei Tage gedauert.

Damals, als er diese Dinge bemerkte, hatte Glabrecht das Gefühl, mit seiner Ehe einem gigantischen existentiellen Betrug zum Opfer gefallen zu sein. Zwischendurch fragte er sich selbstverständlich, ob nicht er selbst es gewesen war, der sich von seiner Frau zurückgezogen hatte. Die beruflichen Belastungen durch seinen Job bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in Eschborn waren immer größer geworden, und er hatte sich häufiger als früher die Frage gestellt, ob er in diesem bürokratischen Monster sein Leben begraben wollte. Das wird Marianne ihm zweifellos angemerkt haben, auch den zunehmenden Weinkonsum. Für Glabrecht selbst hatte es allerdings nichts an seiner Ehefrau gegeben, an das er sich plötzlich hätte gewöhnen müssen, schon gar nicht ihren Körper.

Später entzog sich Glabrecht dann den verschiedenen konsumtiven und kulturellen Beziehungstätigkeiten deswegen radikal, weil sie höchst selten zu etwas führten. Es entstand der Status Quo, in dem beide nun lebten.

Offiziell äußerte Marianne neuerdings die Meinung, dass die penetrative Sexualität innerhalb einer Paarbildung auf jeden Fall aufrechterhalten werden müsse, koste es, was es wolle. Andernfalls drohe die Trennung. Diese Auffassung vertrat sie nicht nur in ihren Kolumnen im Frauenjournal Laura, wo sie für ihre explizite Sprache bekannt war. Als ihre Freundin Susanne, die von ihrem Mann verlassen worden war, gestand, seit Jahren keinen Sex mehr mit diesem Mann gehabt zu haben, worunter sie übrigens keineswegs gelitten habe, hatte Marianne gesagt: »Wenn du deine Beziehung retten willst, musst du dafür sorgen, dass Sex stattfindet! Und wenn du dich dazu zwingen musst! Das Ding muss rein!«

Das gab sie lachend von sich, obwohl Glabrecht und sein Ding neben ihr saßen, so, als habe ihre Bemerkung gar nichts mit diesen beiden zu tun.

»Hör gut zu und merk dir das, Susanne«, sagte Glabrecht damals, von der Seite her, »das ist die alte Schule.«

2.

»Übrigens«, sagte Marianne und tippte mit dem Zeigefinger in den Rasierschaum auf der unbearbeiteten Wange Glabrechts, »Du hast vergessen, dich zu Ende zu rasieren, und« – sie neigte ihren Kopf nach unten, lachte halb scherzhaft, halb höhnisch – »meinst du tatsächlich, das da unten wird schöner, wenn du es rasierst? Ich bin da sehr skeptisch.«

Glabrecht warf den Kopf verärgert zur Seite, ließ Marianne wortlos stehen und ging zurück in sein Bad, um die Rasur zu vollenden. Gegen sieben Uhr vierzig verließ er das Haus, endlich glatt rasiert und ohne Abschiedsküsschen oder dergleichen für seine Frau. Solche Dinge hatten sie sich schon lange abgewöhnt. Marianne machte ihren Kram, er den seinen. Heute musste sie nach Hamburg in die Laura-Redaktion. Für dieses Blatt schrieb sie eine Menge. Sie produzierte außerdem recht zahlreiche Kulturfeatures und Buchbesprechungen für Radio Bremen und den NDR.

Lucie lief miauend neben ihm her. Sie hatte Hunger, und Marianne würde sie gleich füttern. Glabrecht bückte sich, um das Tier, das ihn mit großen schönen Augen anblickte, zu streicheln. Das bepelzte warme Köpfchen drückte sich erstaunlich kräftig nach oben in seine Handfläche.

Es war jedes Mal ein erhebender Moment, wenn er morgens die Haustür öffnete, und vor der Einfahrt wartete wie ein großer schwarzer Hund die Senatskarosse, eine nagelneue E-Klasse von Mercedes. Manchmal stellte Glabrecht sich vor, wie der Wagen bei seinem Anblick mit dem Schwanz wedelte. Es war ja auch tatsächlich so ähnlich, wenn der Senatschauffeur, Herr Berlepsch – den Vornamen hatte Glabrecht vergessen –, sogleich die Fahrertür öffnete, sie beim Aussteigen wieder ein wenig zu sich heranzog, sich aufrecht hinstellte, dabei die Tür wieder vollends öffnete und seinen Chef anlächelte. Das alles geschah mit absolut zuverlässiger Präzision.

Er hatte gewiss schon fünfzehn, zwanzig Minuten gewartet, und er hätte auch weitere zwei Stunden gewartet. Er wartete offenbar sehr gern, weil es seine bezahlte Arbeitszeit war, die dabei verging. Bei einem Ruhepuls von sechzig, so hatte Glabrecht berechnet, brachte jeder Herzschlag fast einen Cent brutto, rechnete man die Arbeitgeberanteile und so weiter ein. Dass beim Warten das Leben sinnlos verrann, der Tod langweilig und unspektakulär heranrückte, das schien Herrn Berlepsch nicht zu stören. Im Grunde hatte er durchaus Recht. Spektakulär rückte der Tod ja lediglich bei Unfällen, Krebs und Ähnlichem heran.

Aber all dies waren Gedanken von Glabrecht. Herr Berlepsch dachte sicher anders. Für ihn war das Herumsitzen bloß die Wartezeit auf den Feierabend, das Wochenende, den Urlaub, auf die Rente, die da so bequem, mit bloßem Herzschlagen, Verdauen und Zeitunglesen herumgebracht wurde, an Abenden auch häufig mit Schlafen im Auto. Für ihn war die Rente keineswegs die Zeit des akut herandrohenden Todes. Er las die BILD-Zeitung, während er wartete. Manchmal ließ sich Glabrecht diese Zeitung nach hinten reichen. Sie unterminierte, das musste er ihr lassen, die allgemeine Heuchelei. »Hat er endlich die große Liebe gefunden?«, fragte BILD, als der in umfassender Weise amöbenhafte, entweder fettsüchtige oder aber lauthals abspeckende Parteifreund und Ex-Außenminister zum fünften oder sechsten Mal die aktuelle Ehefrau durch ein jüngeres Exemplar ersetzte. Diese schlauen zynischen Boulevardjournalisten kannten die zunehmende, ungebremste und erstaunlich unverhohlene Verhurung der Gesellschaft sehr gut! Um die notorischen Menschheitsfreunde zu verhöhnen, stellte man sich ein bisschen dumm. Das gefiel Glabrecht, auch wenn es niemandem irgendetwas nutzte.

Im Wagen fand er, wie stets, den Tages-Terminplan vor, den sein persönlicher Referent und sein Büro für ihn vorbereitet hatten. Er nannte diesen Plan »Menü des Tages«. Musste er eine Rede halten oder eine Pressekonferenz bestreiten, waren die zu sprechenden Texte ebenfalls beigefügt, von den jeweiligen Fachreferenten geschrieben und vom persönlichen Referenten auf den Sprachduktus des Dienstherrn hin frisiert. Ablaufpläne lagen bei, Beschreibungen von wichtigen Personen, Komplimente, die diese Personen gerne hören wollten. Ihre Empfindlichkeiten waren aufgelistet, manchmal auch – dies zur Vorsicht stets handschriftlich auf kleinen, leicht zu entfernenden gelben Heftzetteln – Warnungen, zum Beispiel: »Vorsicht, starker Mundgeruch!« oder »Ist für seine Eitelkeit bekannt.« Knappe Inhaltsangaben der Bücher waren angefertigt, die von den Gesprächspartnern verfasst worden waren. Schwierige fremdsprachige Namen waren in Lautschrift notiert, so wie neulich, als eine Delegation aus Litauen kam. In solchen Fällen ließ Glabrecht sich die Namen sicherheitshalber zusätzlich in Acht-Punkt-Schrift ausdrucken und klemmte sich einen Zettel unter sein Uhrenarmband, so dass er sie im Notfall unauffällig ablesen konnte. Diese Technik hatte er bereits am Gymnasium in Geisenheim angewandt, damals für mathematische und physikalische Formeln.

Derart gut vorbereitet, hatte er bislang selbst lange, zwölf- oder vierzehnstündige Arbeitstage mit relativ geringer seelischer Anteilnahme bewältigen und sich intensiv um die Pflege seiner fast ständigen Erschöpfung kümmern können. Den eigentlichen Stress hatten seine Zuträger, die Textproduzenten, Terminmacher, die Organisatoren gehabt. Das änderte sich jedoch gerade sehr merklich, seitdem das Gezänk um die Maritime Oper ausgebrochen war.

Wie immer fuhr Herr Berlepsch die Lilienthaler Heerstraße stadteinwärts, über den Autobahnzubringer, an der Universität, dem Globus und der Baustelle des Kosmos vorbei.

Der Globus war das bremische Science-Center, vor dem bis vor ein, zwei Jahren an regnerischen Sonntagen die Eltern mit den Kindern Schlange gestanden hatten. Man konnte dort, mit 3D-Brille ausgerüstet, wie es hieß, »mittendrin« erleben, wie das Abschmelzen der Polkappen die Nordseeküste an die Stadt Bremen heranführte. Danach wurde verdeutlicht, wie die Wind- und Solarenergie das alles verhindern könnte, wobei die Sonne für die Solarzellen durch einen drei Kilowatt-Quecksilberdampfspot ersetzt war, der auf diese Weise ganze 300 Watt Sonnenstrom erzeugte. Ein Gebläse lieferte die Nordseebrise, die den Modell-Offshore-Windpark antrieb. Modellschiffe fuhren, unsichtbar durch Magnete im Unterboden geführt, an den Windrädern vorbei. Es gab eine Erdbebencouch, künstliche Nordlichter, Minitornados, Blitze und vieles mehr.

Allerdings hatten die paar Kinder, die es überhaupt noch gab, diesen Kram inzwischen alle gesehen. Der Globus schrieb plötzlich rote Zahlen, die der Finanzsenator ausgleichen musste. Genau dieser Fall hatte angeblich niemals eintreten sollen, und einige Leute hatten das tatsächlich geglaubt. Die Presse war sehr erstaunt, und Glabrechts Kollege, Wissenschaftssenator Fred Bohnhoff, bei dem das Projekt ressortierte, hielt das alles für eine vorübergehende Krise. Jedenfalls musste er in der Öffentlichkeit entsprechend argumentieren. Er hatte sich für den Erweiterungsbau, den Kosmos, stark gemacht, wo man sich auf allgemein verständliche Art mit dem Weltall und mit den Möglichkeiten der Quantenphysik beschäftigen würde.

»Der Quantencomputer, eine Million Mal leistungsfähiger als die heutigen Rechner!«

»Die spukhafte Fernbeziehung von Quanten und die Möglichkeit der Teleportation! Für jeden verständlich!«

»Werden wir uns wegbeamen können?«

So weit eine Auswahl der Überschriften aus dem Folder, der für den Kosmos warb. Die »Städtekonkurrenz« verlange die Erweiterung des Globus um den Kosmos, hatte Bohnhoff gesagt, und dieser Meinung war selbstverständlich der gesamte Senat, besonders natürlich Glabrecht und seine Kollegin aus dem Kulturressort, Senatorin Dr. Fröhlich. Man müsse sich »besser aufstellen« als die anderen Städte mit ihren entstehenden Science-Centern, und so weiter, und schließlich habe das alles auch das Gutachten belegt, das man für einhundertachtzigtausend Euro hatte anfertigen lassen. Niemandem fiel auf, wie blödsinnig Glabrecht die eigene Argumentation fand. Wenn in Wolfsburg, Hamburg, Brunsbüttel und so weiter um die Wette diese High-Tech-Disneylands gebaut wurden, wo sollte denn da die ganze Kundschaft herkommen?

Nun, die Sache war vor über zwei Jahren entschieden worden, Bremen hatte über zweihundert Millionen Euro neue Schulden machen müssen. Da gab es kein Zurück mehr.

Der Dienstwagen fuhr am Bremer Stadtwald, dann am Bürgerpark vorbei. Glabrecht, das Klemmbrett auf seinem Schoß, hatte bereits eine ganze Seite Notizen zusammengeschrieben über den Verlauf seiner Gespräche in Oslo. Ausführliches würde wahrscheinlich noch im Laufe des Vormittags vorliegen. Dr. Wischmann, der in Oslo mit dabei gewesen war, hatte sich bereit erklärt, noch in der Nacht das Protokoll und den Entwurf für einen Bestätigungsbrief an die Norweger zu schreiben und die beiden Dateien per E-Mail auf dem Behördenserver abzulegen. Dr. phil. Wischmann, kurz »R« genannt, Mitte Dreißig, war Glabrechts persönlicher Referent. Glabrecht hatte ihn, auf Anraten der Bremer Grünen, von der Universität Bremen geholt, wo er, als Lehrbeauftragter für Literaturwissenschaft, jahrelang vergeblich auf eine taugliche berufliche Perspektive gewartet hatte. Jetzt gab es ein schönes Gehalt mit Ministerialzulage sowie die berechtigte Hoffnung auf eine Karriere im politischen Apparat. Beides hatte aus R rasch einen neuen, pragmatisch denkenden Menschen gemacht, der auf sein wissenschaftliches Spezialgebiet, irgendetwas mit »narrativen Theorien«, und auf den gesamten Universitätsbetrieb offenbar nur noch mit Schaudern, etwa wie auf eine überstandene Geisteskrankheit, zurückblickte. Und deswegen arbeitete er bis an die Grenzen des Herzinfarkts. Niemals vor zwanzig, einundzwanzig Uhr verließ er die Behörde, häufig erst viel später.

3.

Die Konferenz in Oslo hatte dem neuen »eventkulturellen Projekt«, einem der »größten Entertainment-Cluster in ganz Deutschland« gegolten, und erst dieses Vorhaben würde, wie Glabrecht hervorgeblubbert hatte, »das kulturelle Portefeuille der Stadt« in einer Weise komplettieren, die »die Marke Bremen« zum »touristischen Leuchtturm« »auf Augenhöhe mit den großen europäischen Kreativmetropolen« machen würde.

Glabrecht ertrug all diese Labervokabeln dadurch, dass er sie selbst epidemisch und mit sadistischem Genuss verwendete, noch häufiger, als seine Senatskollegen das taten. Am liebsten war ihm der »Leuchtturm«. Dessen Auftauchen in einem Text war ein absolut sicheres Zeichen für die intellektuelle Beschränktheit des Verfassers. Dr. Fröhlich sprach neuerdings von »kulturellen Leuchttürmen«, ja sogar von »Leuchtturmeffekten«, die Dinge angeblich zeitigen sollten.

Während einer Pressekonferenz hatte Bürgermeister Reinhard Alte sich jüngst zu der Wahnsinnsmetapher verstiegen, das neue bremische eventkulturelle Großprojekt, die Maritime Oper, kurz MO genannt, mit gedehntem »O«, mit dem riesigen Meerwasseraquarium, der Sea-World, im Gebäudesockel, mit all den anderen Vorhaben der geplanten Maritimen Erlebniswelt werde ein »Leuchtturm in der Wüste« sein, was niemanden außer Glabrecht, dessen Bilderwelt sich von den gehörten Wörtern nicht lösen konnte, zum Lachen gebracht hatte. Immer wieder blitzte fortan jener Sahara-Leuchtturm in seiner Phantasie auf: riesige Dünen aus gelbem Sand, weites, leeres Land – und der Leuchtturm.

Glabrecht selbst hatte wenig später, wie vom Teufel geritten, vor einer chinesischen Delegation von »creative and cultural lighthouses« gesprochen, die man in Bremen errichten werde. Keine halbe Stunde nach der Premiere adoptierte die anwesende Kollegin Dr. Fröhlich die Neuschöpfung und fügte sogar ein »emotional lighthouse« hinzu, was wiederum Glabrecht bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit als »emotionalen Leuchtturm« von sich gab, ein echtes Pioniererzeugnis mit null Google-Treffern.

Glabrecht liebte es, ganze Gesprächsrunden mit Leuchttürmen und Augenhöhen totzuschlagen, und wie man sich demnächst gut aufstellen, welche Pflöcke man einschlagen werde, wie man sich exakt an irgendwelchen Schnittstellen zu positionieren, auf was man sich zu fokussieren habe, wie man mittels innovativer und intensiv vernetzter Kompetenzzentren Wirtschaftswachstum generieren würde und so weiter, um in Bremen Meilensteine und Kreativ-Cluster errichten und Quantensprünge vollziehen zu können in Richtung »Sportmetropole«, »Musik-« oder »Designmetropole«, »Kreativmetropole«, »Talentmetropole«, »Kulturmetropole« sowieso – und was wusste der Geier für Metropolen, jeden Tag eine neue Metropole von irgendwas. Glabrecht hatte eine einstündige Google-Recherche unternommen und dabei erfahren, dass es inzwischen sogar mehrere inoffizielle »Fickmetropolen« gab, neben Hamburg, Pirmasens, Köln und Istanbul vor allem die hessische Stadt Weinheim, wegen ihrer zahlreichen und offenbar besonders hochwertigen gewerblich angebotenen Kopulationsmöglichkeiten, mit denen sie den Bedarf der zahlungskräftigen Rhein-Main-Region befriedigte.

Bremen wandte sich also hin zum Meer – so hieß es seit Monaten in nahezu jeder Presseerklärung des Senats. Dass Bremen »eine Stadt am Fluss, eine Stadt am Meer« war, unter anderem diese überraschende Erkenntnis hatte das mehrere Hunderttausend Euro teure Gutachten mit dem Titel »Who is Bremen?« ans Licht gebracht. Es war auf Anregung der Touristik-Zentrale entstanden, um endlich die Frage zu klären, welche Identität die Stadt Bremen besaß. Glabrecht hatte eine derartige Ansammlung von hohlem Geschwätz noch nie zuvor in seinem Leben zu Gesicht bekommen.

»Die maritime Verzauberung«, »die maritime Verheißung«, »die Maritime Metropole« – so oder ähnlich würde demgemäß die neue Stadtparole lauten, über die im Augenblick diskutiert wurde. Man würde betonen, dass sich das Meer praktisch vor der Haustür befand.

Schließlich lagen von den drei amerikanischen Sea-World-Anlagen ebenfalls zwei nicht am Meer, nämlich diejenigen von Orlando und San Antonio. Die Bremer Maritime Oper würde das erste Gebäude auf dem großen beschäftigungslosen Hafenbecken sein, das man zugeschüttet hatte, ohne genau zu wissen zu welchem Zweck. Das Meeresaquarium im Gebäudesockel würde das größte Europas sein, größer als dasjenige von Lissabon, mit Haien drin und Kraken und allem Drum und Dran. Sogar eine Delphinshow in einer Halle mit künstlicher Sonne war geplant und oben, in der MO, auch irgendwas mit Bildender Kunst, eine »maritime Galerie« oder so, mit wechselnden Ausstellungen – da sollte sich Dr. Fröhlich mal Gedanken machen!

Die MO, die Sea-World, die Maritime Erlebniswelt, das ganze neue bremische Entertainment-Cluster, das alles musste auch im Zusammenhang mit der gemeinsamen Olympiabewerbung von Hamburg und Bremen gesehen werden. Man hätte in diesem Wettbewerb neue, starke Argumente. Gleichzeitig könnte Bremen gegen Hamburg punkten und sich touristisch in den Vordergrund spielen. Auch die Bewerbung um die Europäische Kulturhauptstadt im Jahr 2015 könnte man mit dem Großprojekt munitionieren.

Bis diese ganze schlimme Saat tatsächlich aufginge, hätte Glabrecht hoffentlich einen Alterssitz an der Algarve oder sonst wo bezogen. Maximal noch eine weitere Amtszeit in Bremen, dann entweder ab ins Machtzentrum Berlin, – oder er würde von seiner Pension leben oder sowieso gestorben sein.

Er hatte sich in Oslo den Scherz erlaubt, auf die Salzmengen hinzuweisen, die man ins Brackwasser der Weser schütten müsste, um das Meerwasseraquarium damit zu speisen. An dieses Problem hatten die Investoren allerdings längst gedacht: Frisches Salzwasser werde regelmäßig mit einem Tankschiff aus der Nordsee nach Bremen gebracht. Echtes Meerwasser! Überhaupt trügen die Norweger die Erstellungskosten für die Anlage weitgehend selbst, auch – was das Wichtigste war – achtzig von den angeblich benötigten zweihundert Millionen für die MO. Das war ihre große mäzenatische Leistung, die zweifellos in ganz Deutschland bestaunt werden würde.

Dass der von den Investoren vorgelegte Kostenplan für die MO schöngerechnet war und das Projekt am Ende selbstverständlich viel teurer werden würde, das war jedem Beteiligten aus dem inneren Kreis klar. Glabrecht hatte, zum Vergleich, die realen Kosten verschiedener öffentlich geförderter Gebäude im Kopf, zum Beispiel des Anbaus der Kunsthalle oder der Halle 7 auf der Bürgerweide: Man musste kein Fachmann sein, um sofort zu wissen, dass die errechnete Investitionssumme für die Maritime Oper ein Witz war.

Und ebenso klar war es, dass der Bremer Senat die Mehrkosten allein würde tragen müssen. Die Zuschüsse der Nordic Urban Development waren auf achtzig Millionen festgeschrieben. Diese Leute schwammen im Geld, das offenbar aus Internet-Wetten und Online-Casinos stammte, die das Mutterunternehmen betrieb, die Firma e-bets mit Sitz in Gibraltar.

Die Maritime Oper würde sich über der Sea-World in Form eines Schiffsbugs erheben, der nach Norden, in Richtung Meer, weisen würde. In der Nachbarschaft sollte eine Marina für Yachten entstehen, nebst einem Kai für kleine bis mittelgroße Passagierschiffe. Außerdem gäbe es, im Süden der Bebauungsfläche, ein Fünf-Sterne Wellness Hotel, auch dies ein »kultureller Erlebnisraum«, um eine andere siegreiche Begriffsschöpfung zu erwähnen. Alle kulturellen Erlebnisräume zusammengenommen würden das besagte bremische Entertainment-Cluster bilden.

Kultureller Erlebnisraum – das war einfach alles, was man wollte; und immer, wenn dieses geradezu ekstatisch blöde Wörterpaar aus den Mündern der Marketingexperten brach, bemerkte Glabrecht aufs Neue, dass bereits das bloße Wort »Kultur« der denkbar größte Sprachmüll überhaupt war, ein vollkommen inhaltsloser, aber mit diffuser Emphase besetzter Begriffsköder, den der Markt und die Politik auslegten, um beim Wähler und Konsumenten jeden beliebigen Zweck zu erreichen.

All die geplanten kulturellen Erlebnisräume waren bereits auf vielen Folien PowerPoint-Präsentation zu sehen. Blendend weiße Kulturyachten dümpelten im Sonnenlicht, ebenfalls Kulturkreuzfahrtschiffe. Das Weserwasser war türkisblau, die MO strahlte messianisch wie aus sich selbst heraus, ein sensationeller Kulturanblick!

Bremen, so sagte der Senat, würde hundertzwanzig Millionen zur Konzerthalle beitragen. Gegenleistungen für die mäzenatische Leistung der Investoren wären das gesamte Gelände für die erwähnten kommerziellen Projekte und seine baufertige Erschließung, außerdem die baurechtliche Genehmigung des Sea-Towers mit achtzig Luxuswohnungen direkt am Wasser, von zwanzigtausend Quadratmetern Verkaufsfläche sowie die unbeschränkte Lizenz für eine Glücksspielstätte. Dass dieses Casino in die Aquariumsanlage, in die Sea-World unterhalb der Maritimen Oper, integriert sein würde, dass es gerade durch die Haie und Rochen, die hinter zehn Meter hohen Acrylscheiben an den Roulettetischen vorbeischwämmen, seinen Reiz bekommen würde, – das hatte der Senat bislang verschwiegen. Ein Teil der Sea-World würde stets für das exklusive Publikum des Casinos reserviert bleiben.

Man hatte seit Wochen den unwahrscheinlichen Vorteil, dass niemandem, selbst der oppositionellen CDU nicht, eingefallen war, den Wert des Grundstücks zu beziffern sowie die Kosten der Erschließung. Glabrecht selbst hatte das natürlich im eigenen Haus berechnen lassen, und in seinem schriftlichen Angebot, das er mit nach Oslo genommen hatte, stand der errechnete Betrag: fünfundsechzig Millionen Euro. Fünfzig brächte das Gelände, wenn der Senat es verkaufen würde, fünfzehn würde die Erschließung kosten. Faktisch bezuschussten die Investoren die Maritime Oper also nicht mit achtzig, sondern lediglich mit fünfzehn Millionen.

Ein wenig Sorge machte Glabrecht das ortsansässige, weit verbreitete, kostenlos verteilte CDU-Journal. Die Blattmacher taten jetzt so, als sorgten sie sich um die Sozialausgaben, um die Not leidenden Kindergärten, die Schlaglöcher in den Straßen. So hätte Glabrecht das natürlich ebenfalls getan, wäre er in der Opposition gewesen. Aber er war Teil der Regierung. Die Aussage des Senats, heute könne man im Konzert der Metropolen nur dann mitspielen, wenn man bereit sei, kreativ zu denken, »Wachstum zu generieren«, stieß besonders auf den scharfen Widerspruch der Gewerkschaftsruinen. Empörte Mütter schrieben an den Bürgermeister, rechneten den Mangel an Kindertagesstätten, das Schließen von Schwimmbädern und den Zustand der Schulen gegen die Kosten des Projekts auf. Besonders heftig reagierte auch die linke Abteilung, das eigene grüne Klientel mit den angeschlossenen soziokulturellen Institutionen, Stadtteilkulturzentren und steuerbezahlten Organisationen zur Sicherung der reibungslosen Funktion alternativer Sexualtechniken.

Glabrecht hatte das Antwortschreiben an die empörten Bürgerinnen und Bürger verfasst. So etwas konnte er nur selbst erledigen, das konnte er nicht delegieren. Das Schreiben enthielt, die Anrede nicht eingerechnet, insgesamt fünf variable Positionen, die vom Büro des unterzeichnenden Bürgermeisters dem jeweiligen Briefschreiber und seinen konkreten Beschwerdepunkten angeglichen wurden. Am Ende hieß es – Glabrecht liebte die Wörter »freilich«, »indes« und »mithin«:

»Freilich dürfen wir auch die aktuellen Missstände nicht vergessen. Jeden Euro, den wir in die Zukunft unserer Stadt und unserer Kinder investieren, erhalten wir indes mehrfach zurück. Wir müssen uns der grundsätzlichen Frage stellen, ob wir die Übel kurzfristig reparieren oder langfristig beseitigen, indem wir die Attraktivität Bremens nachhaltig stärken. Wir sollten uns nicht fragen, ob wir es uns leisten können, Kultur und Kreativität zu fördern. Wir sollten uns fragen, ob wir es uns leisten können, Kultur und Kreativität nicht zu fördern. Ich bitte Sie mithin ganz persönlich um Ihre Unterstützung, Ihr Reinhard Alte, Präsident des Senats und Bürgermeister.«

Die Maritime Oper und die Kritik daran beherrschte fast jede Senatssitzung, und gerade das verhohlene, aber überdeutliche anwesende Bewusstsein von der Schönfärberei der Finanzplanung schien die Stimmung der Senatoren und Staatsräte zu berauschen, die Augen leuchten zu lassen, so, als seien die absehbare öffentliche Diskussion, die Schelte und der Skandal die Voraussetzungen dafür, dass das Projekt seinen politischen Vätern Ruhm einbringen würde. Glabrecht spürte diesen Effekt auch an sich selbst. Etwas Großes war im Gang, eine Schlacht musste gewonnen werden, und wenn dazu eine gescheite Kriegslist nötig war, zum Beispiel ein kreatives Wahrheitsmanagement – umso besser. Immer wieder wurde die Oper von Sydney erwähnt – und dass deren tatsächliche Kosten die Planung um den Faktor fünfzehn überschritten hätten – und dass genau danach heute niemand mehr fragen würde.

4.

Glabrechts Behörde befand sich in einem äußerst unattraktiven Hochhaus, das sich während des endlich ausklingenden Höllensommers in eine staubig riechende Trockensauna verwandelt hatte. Herr Berlepsch ließ seinen Chef auch an diesem Morgen etwa hundert Meter vor dem Gebäude aussteigen, ehe er auf den Behördenparkplatz fuhr, um zu warten und mit dem Herzen zu schlagen. Glabrecht war es unangenehm, wenn er direkt vor dem Haupteingang aussteigen musste und von den Passanten respektvoll, neugierig oder hasserfüllt angeschaut wurde.

Der Penner war wieder da. Warum gerade heute? Wochenlang hatte Glabrecht dieses Individuum nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich war es ihm einfach zu heiß gewesen. Jetzt saß der Kerl wieder an seiner Lieblingsstelle, an der Ecke des Gebäudes, dort, wo die Hunde gerne hinpissten. Offenbar liebte er den Gestank. Eigentlich war er durchaus friedlich, sah man davon ab, dass er in äußerster Lautstärke häufig »Verrrrrnichtung« schrie, mit heroisch gerolltem »r«! Glabrecht hörte das gern. Wirklich schade, dass diese Art zu sprechen im Rahmen der deutschen Vergangenheitsbewältigung ausgerottet worden war.

Eine Zeit lang, im Frühjahr, als die Sache neu war, verlangsamte Glabrecht sogar seine Schritte, um eventuell in den Genuss einer »Verrrrrnichtung« zu kommen. Inzwischen konnte er sich diese Maßnahme schenken, denn der Mann hatte längst erkannt, dass der Senator – wenn man so wollte – sein Kunde geworden war. Wie anders hätte sich dieser Satz erklären lassen, den er ein einziges Mal in Glabrechts Richtung gerufen hatte, dieses »Du gehörst auch dazu?«

Auch heute versuchte er, »Vernichtung« zu brüllen. Seine Stimme war aber noch recht leise, schüchtern und krähend, sie hätte sich besser für andere Wörter geeignet, vielleicht für »Selbstvernichtung« oder »Verzweiflung«.

Die heroischen »R«s waren bei Glabrecht leider zu einem kleinen Tic geworden, den er im Augenblick nur mit Mühe unter Kontrolle hatte. Wenn er über seinen persönlichen Referenten redete und dabei, wie üblich, einfach von »R« sprach, kam das häufig gerollt hervor. Auch fügte er in die ihm angelieferten Redeentwürfe Wörter wie »morbid«, »markant«, »grausam«, »verhindern« und natürlich »vernichten« ein. Einmal hätte sich sogar um ein Haar das Wort »Vorsehung« in einem Text festgesetzt. Da die schließlich zum Vortrag gekommenen Redetexte über die jeweiligen Lieferanten des Entwurfs zu den Akten verfügt wurden, fiel den Schreibern die neu entstandene Vorliebe ihres Chefs für heroische, r-lastige Wörter auf, was wiederum dazu führte, dass sie den nächsten Redeentwurf von vorneherein sozusagen im Sound des Herrn verfassten – eine für Glabrecht durchaus gefährliche Rückkopplung.

Mit beschleunigtem Schritt, so, als sei er unter Dampf – der Senator kam mit einem Koffer voller Verhandlungsergebnisse von einer wichtigen Auslandsreise zurück –, betrat Glabrecht das Gebäude.

Wochenlang abgestandene Hitze schlug ihm entgegen. Im Aufzug war es noch schlimmer. Als er im zehnten Stock sein Vorzimmer durchmaß, war er wieder der Mann mit dem Sechzehn-Stunden-Tag. »Sechzehn Stunden, sieben Tage die Woche«, hatte es in einem Portrait von Radio Bremen geheißen. Er grüßte Frau Scholz, seine Sekretärin, die ihn mit frohem und verliebtem Gesichtsausdruck anschaute. Frau Scholz, Anfang vierzig, kinderlos, war erst vor Kurzem mit einem frühpensionierten Wohnmobilbesitzer eine Last-Minute-Ehe eingegangen. Dass dieser ehemalige Berufsschullehrer, genau wie er selbst, »Georg« hieß, ärgerte Glabrecht. Von ihrer letzten Reise nach Kroatien hatte Frau Scholz die beiden Kätzchen Lilli und Lucie mitgebracht, die er dann übernommen hatte, weil der Vermieter der neuen ehelichen Wohnung die Tierhaltung verbot. Frau Scholz war nicht besonders hässlich, lediglich leicht verfettet. Wenn die Hitze alles und jeden in einer Art Trance gefangen hielt, wenn sich in Glabrechts Müdigkeit jene lästige Geilheit mischte, unter der er häufig litt, stellte er sich gelegentlich vor, wie es klatschen und wie Frau Scholz außer sich geraten würde, wenn ihr bewunderter Chef ihr die Gnade erweisen würde, ihr unwürdiges Fleisch zu penetrieren.