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Dieser Roman über den Einfluss der Fernhändler spielt vor dem Hintergrund einer wahren Geschichte - der Dortmunder Krieg von 1388/89.
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Seitenzahl: 499
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Danke an Barbara für die unendliche Geduld
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Bert Bernhard
DIE GROSSE FEHDE
Ein Roman aus dem Dortmunder Krieg 1388/89
www.tredition.de
Edition Grunzwasser www.grunzwasser.com präsentiert:
© 2015 Bert Bernhard
Umschlag, Illustration: Dirk van Appeldorn Photography
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-3355-4
Hardcover
978-3-7323-3356-1
e-Book
978-3-7323-3357-8
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Kapitel 1
Der Kurierreiter hatte am Vorabend Köln mit einer wichtigen Nachricht für den Dortmunder Rat verlassen. Er war nicht ohne Furcht, denn in diesen gefährlichen Zeiten bestand die Gefahr, überfallen zu werden. So trieb er trotz der Finsternis die Tiere an. Den gut gekennzeichneten Weg durch das Bergische Land konnte ein erfahrener Reiter durchaus auch des Nachts passieren. Als endlich der Tag anbrach, erreichte er den kleinen Weiher, wo er eine kurze Rast einlegte, um die beiden Pferde weiden zu lassen und um sie abzureiben. Der Mann kramte etwas Roggenbrot und Schinken aus der kleinen Umhängetasche hervor, ass etwas, bestieg dann das ausgeruhte der beiden Pferde, und schlug seine Stiefel hart in seine Flanke. In rasantem Galopp ging es ins Tal hinab, am großen See entlang, den Schneisenweg in den wieder dichter werdenden Wald hinein. Dem Kurier war klar, dass er Dortmund bis zum späten Nachmittag erreichen würde. Schon konnte er in einiger Entfernung das kleine Städtchen Hörde ausmachen, das er jedoch in größerem Bogen östlich umreiten wollte, denn in dem Ort gingen die Feinde der freien Reichsstadt Dortmund ein und aus.
Der Pfeil kam aus dem Nichts, als er eine Lichtung überquerte und traf ihn mit einer solchen Wucht von hinten in die Schulter, dass der Mann augenblicklich vom Pferd fiel. Es dauerte nur wenige Momente, bis er wieder klar im Kopf war und der heftige Schmerz machte ihm unmissverständlich deutlich, dass er nicht versehentlich zu Boden gegangen war. Ein Ritter in vollem Rüstzeug – mit einer tiefen, daumenlangen Narbe, die vom rechten Auge bis hinab zum Mundwinkel führte - beugte sich hämisch grinsend über den verletzten Boten und stellte sich mit einem Fuß auf die Brust des vor Schmerzen Keuchenden, um ihn am Aufstehen zu hindern.
„Habt Ihr die Botschaft gefunden?“ rief er einem anderen Mann zu. Der Kurierreiter versuchte den Kopf zu drehen. Verschwommen konnte er eine sehr beleibte Person wahrnehmen, die dabei war, die Satteltaschen seiner Pferde zu durchsuchen.
„Ich habe die Briefe“, erwiderte der korpulente Mann in vornehmer Kleidung. „Nun macht dem Ganzen ein rasches Ende und reitet davon, wie abgesprochen.“
Der Kurierreiter wollte etwas sagen, um Hilfe rufen, um Gnade betteln – doch er kam nicht mehr dazu, denn das Schwert des Ritters bohrte sich tief in seinen Leib hinein und schon wenige Momente später war der Mann tot.
*
Der junge Engelmar Serke, seit einigen Wochen als Kaufmannsgehilfe in Dortmund tätig, wollte das bei den wohlhabenden Reisenden sehr beliebte Gasthaus südöstlich von Hörde erreichen, noch bevor das schwere Unwetter niederging. Es ging bereits auf die Weihnachtszeit zu, doch das Wetter schien in den letzten Monaten aus allen Fugen geraten zu sein. Plötzliche Hitze wechselte sich mit Kälteeinbrüchen ab und der Himmel schickte nahezu täglich donnernde Gewitter über das Land. Engelmar vernahm das drohende und dumpfe Grollen in der Ferne. Sein magerer, gräulich gesprenkelter Schimmel schnaubte unruhig und wieherte ein paar Angstnoten. Die spitz aufgerichteten Ohren vibrierten, als das Grollen näher kam. Der junge Mann kramte eine Gugel aus der Satteltasche hervor, und schob sein wallendes, strohblondes Haar unter die enganliegende Kopfbedeckung. Er musste die Zügel fester umschließen, um das nervös tänzelnde Pferd daran zu hindern, auszubrechen. Gleichzeitig sprach er beruhigend auf das Tier ein, wobei er sich weit nach vorn beugte, um in die zitternden Schimmelohren zu flüstern.
Einer Lichterkette von zuckenden, grellen Blitzen folgte ein heftiger Donnerschlag. Nun gab Engelmar Serke dem Pferd einen sanften Tritt in die Flanken, um es zu einem letzten Galopp anzutreiben, als er den kleinen Forst verließ. Aus Angst, vom Blitz erschlagen zu werden und als säuglingsgroßer, verbrannter Klumpen Mensch zu enden, trieb er den Schimmel immer wieder an, als das endlos erscheinende, freie Feld überquert werden musste, das das Wäldchen vom Gasthaus trennte. Hinter sich hörte er den Jubel des Blitzes, der sein Ziel erreicht haben musste, denn das Ächzen und Stöhnen des splitternden Baumes und sein Krachen, als er zu Boden fiel, liess die harte Erde leicht beben.
Endlich war das dreistöckige Haus mit den vielen kleinen Wirtschaftsgebäuden und Stallungen rechts und links davon erreicht. Zwei freundliche Knechte nahmen das schweißnasse Tier in Empfang. Der eine führte das Pferd in den Stall, um es dort zu versorgen – der andere trug die Satteltaschen Engelmars in die Gaststube, während er den Neuankömmling, bat, ihm zu folgen.
Obwohl es erst Nachmittag war, schienen allerlei Gäste bereits Quartier gesucht und gefunden zu haben. Während Engelmar die Stiegen hinaufging, wurde er von einem Ritter, der in der Fensternische hockte und einen Kelch Wein trank, neugierig gemustert.
Allmählich zog das Unwetter davon, um weiter im Osten Unheil anzurichten. Nun kam der Regen. Erst ein paar dicke, satte Tropfen, dann folgte ein heftiger Platzregen. Für einen Moment kam ein frischer Wind auf, der kleine, erbsengrosse Hagelkörner vom Himmel herunterjagte.
Ein weiterer Mann, der sich der Herberge von Süden aus näherte, befahl seinen zwei Dienern, die auf einen Planwagen aufpassen mussten, unten am Bach die Zelte aufzuschlagen. Dann verabschiedete sich der kleine, hagere Mann von seinen Begleitern, zog den dunklen Umhang über den Kopf und trieb seine elegante Stute an, den kleinen Hang zu erklimmen, während die niederprasselnden Hagelkörner Mensch und Tier Schmerzen bereiteten. ‚Heute ein Hagel … und schon morgen werden deshalb Menschen der Hexerei beschuldigt’, dachte der Gelehrte und Arzt Nicolaus Bredebach von Orlamünde, als er schließlich das Gasthaus betrat. Der alte Mann erhielt die letzte freie Kammer; die Wirtin bedauerte jedoch, dass er den Abendbrottisch mit zwei anderen Gästen teilen müsse, weil derzeit viel Volk unterwegs war und die Stube ziemlich überfüllt sei.
Als die drei Männer am frühen Abend auf den ihnen zugewiesenen Stühlen am Tisch in der hinteren Nische des Raumes Platz nahmen, machte die Wirtin die drei Reisenden miteinander bekannt.
„Ich bedaure nochmals, werte Herren! Aber wie Ihr seht, ist unser Gasthaus heute gut besucht, so dass ich nicht anders kann, als Euch an einen Tisch zu setzen.“ Sie verbeugte sich entschuldigend, ehe sie fortfuhr. „Leider müssen Sie sich selber untereinander bekannt machen, weil ich nicht viel weiß. Dieser Herr dort…“ – sie zeigte auf den kleinen, hageren Mann mit der Hakennase und dem spärlich grauen Haarkranz – „…hat sich als Gelehrter vorgestellt, der auf dem Weg nach Lübeck ist.“ Sie schaute den Alten an, der sie nur spitzbübisch musterte, ohne jedoch ein Wort zu verlieren. Also fuhr die Wirtin fort. „Dieser Mann hier ist ein ehrenwerter Ritter, wie unschwer zu erkennen ist. Er hat sich jedoch ebenfalls nicht namentlich vorgestellt…“ Der Mann grinste die Frau frech an, während sein rechter Zeigefinger gedankenversunken die tiefrote Narbe kratzte, die seine Wange schmückte. „…Und dieser hübsche, junge und natürlich auch namenlose Herr ist ein Händler, der morgen in Hörde seine Geschäfte abwickeln will.“
Sie winkte einen Bediensteten heran, der zwei Karaffen Wein und einige mit Wasser gefüllte Becher auf einem wuchtigen Holztablett brachte. „Ich hoffe, Ihr seid mit den heutigen Speisen einverstanden. Zuerst gibt es Münsterländer Fleischwurst in einer deftigen Kohlsuppe. Danach reichen wir einen zarten Kalbsbraten in roter Sauce mit Speckklößen und zum Schluss Eierkuchen mit frischem Obst sowie leichtem Käse aus England.“
Die drei ungleichen Tischpartner musterten sich schweigend. Engelmar Serke spürte Unsicherheit in sich aufsteigen. Er wusste, dass er sehr vorsichtig sein musste, denn der Ritter gehörte zweifellos entweder zu den Truppen des Grafen von der Mark oder des Erzbischofs von Köln. Beide hatten sich miteinander verbündet und trafen Vorbereitungen, der freien Reichsstadt Dortmund den Krieg zu erklären. Vielleicht waren ja die Fehdebriefe schon auf dem Weg zum Rat der Stadt. Und Engelmar, der inzwischen in Dortmund lebte und in einem Jahr und einem Tag – ganz nach altem Brauch – das Stadtrecht erhalten sollte, leistete sogar schon Waffendienste mit der Pike und der kurzen Lanze..
„Na, was gäbe es jetzt nicht alles zu sagen“, grinste der Ritter, warf dann einen kurzen, gestrengen Blick auf den jungen Mann. Er zwinkerte er dem Gelehrten freundlich zu, als wäre dieser ein Verbündeter gegen den Blondschopf. „Aber wir wollen uns alle an die Gesetze der Gastfreundschaft halten und deshalb davon ausgehen, dass dieses Wirtshaus Obdach, Speise und Trank für jeden Reisenden bietet und dass nicht danach gefragt wird, welche Gesinnung ein Jeder trägt und zu welchem Lager ein Jeder gehört. Aber, meine Herren, vergesst bitte nicht, dass wir uns sehr wohl auf dem Grund und Boden des Grafen Engelbert von der Mark befinden.“ Er nahm kühl lächelnd die Weinkaraffe auf und füllte drei Kelche ab.
„Ihr seid mir ein wahrer Neutraler“, erwiderte der alte Mann verschmitzt und zwinkerte seinerseits Engelmar aufmunternd zu. „…Ihr sprecht von Gesetzen der Gastfreundschaft und der Unparteilichkeit der Wirtshäuser … macht uns jedoch gleichzeitig klar, dass Ihr zum Lager der Märkischen gehört und somit ein Feind Dortmunds seid.“
„Ja, ja“, lachte der Ritter, nahm seinen Krug auf, um den beiden zuzuprosten, stürzte dann den Inhalt in einem Zug hinunter. „Wenn Ihr alles wörtlich nehmt, ohne abzuwägen, dann habt Ihr sicherlich Recht. Ich habe ja auch nichts zu verbergen und trage mein Banner offen, wie es sich für einen guten Ritter gehört. Und Ihr, ehrenwerter Gelehrter, der Ihr nach Lübeck reist …“ – er stutzte für einen Moment, um zu sehen, wie seine zweifelnden Worte bei dem hageren Alten wirkten – „… Ihr könntet natürlich auch ein ganz berühmter Chirurg sein, der auf dem Wege nach Dortmund ist, um dort in den Dienst der Stadt zu treten, die Euch einen guten Kontrakt angeboten hat. Aber das ist natürlich nur eine dumme Vermutung … sagen wir … eine haarsträubende Bemerkung eines ungebildeten Ritters, der sich nur darauf versteht, mit dem Schwert umzugehen und dafür seinen Verstand vernachlässigt.“
Engelmar wusste zuerst nicht, wohin er schauen sollte, hatte den Kopf gesenkt. Als er aufblickte, bemerkte er, dass der Alte nervös zusammenfuhr und sowohl ihm, als auch dem Ritter war in diesem Moment klar, dass das Narbengesicht den Chirurg in seiner offenen und direkten Attacke entlarvt hatte.
„Aber so eine Fehde hat viele, viele Gesichter, wenn ich das einmal so ausdrücken darf. Und ein Mann wie ich sieht es durchaus nicht als unehrenhaft an, einem berühmten Medicus auf seinem Weg behilflich zu sein und ihn gegen einen Beutel Gold bis zu den Toren der Stadt zu geleiten, damit er dort sicher ankommt.“
Engelmar traute seinen Ohren nicht. Da saß ganz offensichtlich ein vom Erzbischof oder Grafen von der Mark gedungener Feind Dortmunds! … Und er bot einem anscheinend bedeutenden Arzt einen Begleitschutz bis zum Stadttor an.
Der Alte hatte sich wieder gefangen, nickte höflich mit dem Kopf und erwiderte: „Es ist ganz erstaunlich, wie sich zwei Menschen von Beginn an so gut verstehen können, edler Ritter. Denn gerade wollte ich Euch fragen, ob Ihr nicht gegen ein gewisses Entgelt bereit seid, mich bis zum Wisstraßentor im Süden Dortmunds zu bringen?“ Seine knochigen Finger zitterten noch etwas, als er seinen Weinkelch ergriff, um den trockenen Mund zu spülen.
„Es ist mir eine Ehre, einem so gelehrten Mann behilflich sein zu dürfen“, lächelte der Ritter und wandte sich nun Engelmar zu. „Und Ihr, junger Mann? Gehört Ihr zum Kontor eines Pfeffersacks aus Dortmund? Händler hat die Wirtin gesagt, oder?“
„Dann wäre ich gewiss nicht auf dem Weg nach Hörde, dem Feinde Dortmunds!“ entgegnete der Blondschopf höflich, ohne eine Miene zu verziehen. „Ich bin von meinem Dorf Wambele beauftragt, mit der Bauernschaft in Hörde Geschäfte zu tätigen. Und wie Ihr wisst, gehört Wambele zur Mark und ist somit dem Grafen Engelbert zur Treue verpflichtet. Wir stehen wohl somit auf derselben Seite“, log er.
„Junger Mann!“ meinte der Ritter spöttisch und ließ sich Zeit, ehe er fortfuhr. „Seit wann reisen denn Bauernlümmel so vornehm, übernachten in teuren Gasthäusern und geben sich so großkotzig, wie Ihr es tut? Bauernpack nennt sich nicht Händler. Die tauschen ihre Waren und besiegeln das Geschäft mit einem Schütteln ihrer schmutzigen Hände. Und außerdem … ein Ritt von Wambele nach Hörde ist in wenigen Stunden getan. Da braucht man nicht in einem Wirtshaus zu übernachten, oder?“
„Weit ist es mit Eurer Höflichkeit nicht bestellt. Aber was soll man von einem kampferprobten Ritter auch erwarten?“ entgegnete Engelmar mutig und frech. Er war wütend über den arroganten Ritter. Und wenn er wütend war, konnte er schnell die Selbstbeherrschung verlieren. Aber er wurde auch sorgloser dabei. „Ihr habt wohl nichts von dem Unwetter da draußen mitbekommen? Ausserdem … Warum erzähle ich Euch das überhaupt? Ich bin Euch keine Erklärung schuldig!“ Noch immer versuchte Engelmar so selbstbewusst wie nur möglich zu erscheinen, doch der Blick des narbengesichtigen Ritters machte ihm Angst und seine Stimme zitterte, obwohl er ihr Schroffheit verleihen wollte.
„Nun lasst uns doch um Gottes Willen aufhören und uns um unser herrliches Essen kümmern, dass die Wirtin bald auftischen wird. Der Krieg soll heute nicht unser Thema sein. Und der junge Mann dort…“ – der Arzt schaute dem Ritter fest in die Augen, deutete dabei mit seinen Fingern auf Engelmar – „… hinterlässt bei mir nicht den Eindruck, als ob sein Dazutun – sei es aufseiten der Dortmunder oder der Anti-Dortmunder – von großer Bedeutung ist.“
„Im Gegensatz zu Euch“, lachte der Ritter kopfnickend, um das letzte Wort zu haben und um nochmals klarzumachen, dass ihm die Identität des alten Mannes sehr wohl bekannt war.
„…Und Ihr, junger Freund, ….“ meinte der Arzt – „… Ihr überlegt es Euch noch einmal, ob Ihr wirklich nach Hörde hinein müsst. Dort hat die Pest wieder einmal Einzug gehalten…“
Engelmar hob fragend die Augenbrauen. Also stimmte es, was er in den letzten Tagen vernommen hatte. Seit 1348, als die Seuche zum ersten Mal den menschenmordenden Siegeszug durch die märkische Grafschaft antrat, kehrte sie stets in zwei unterschiedlichen Varianten zurück. Im Sommer kam sie schleichend über das Land, rief bei den Befallenen unstillbares Nasenbluten sowie heftige Fieberausbrüche hervor. Mehr als die Hälfte der Menschen erkrankte binnen zwei bis drei Wochen, doch es gab auch immer wieder welche, die sich nach den ersten Symptomen erholten und nach einer Weile vollständig gesundeten. Die anderen starben innerhalb weniger Wochen. Die fieberlose Pest aber, die im Spätsommer und Herbst heranschlich, befiel weitaus weniger Menschen, aber dafür war sie umso unbarmherziger, denn es gab keine Überlebenden. Jeden, der erkrankte, ereilte der Tod innerhalb von drei Tagen.
„Die Pest kann mir nichts anhaben“, meinte der Blondschopf ruhig und seine schmalen Wangen verzogen sich zu einem vorsichtigen Lächeln. „Also könnt Ihr mir keine Angst einjagen. Meine Mutter starb an ihr … wenige Augenblicke, nachdem ich geboren wurde. Ich bin unantastbar! Da bin ich ganz sicher!“
„Fordert den Herrgott nicht heraus, junger Mann“, meinte der Ritter mahnend und sein zuvor spöttisches Grinsen war mit einem Mal verschwunden, wich einem besorgten, nachdenklichen Gesichtsausdruck.
„Ach, lasst ihn“, warf der Arzt abwinkend ein. „Vor der Pestilenz kann sich ohnehin niemand verstecken und es gibt immer wieder welche, denen sie nichts antun kann. Vielleicht gehören wir beide zu dieser Gruppe Menschen, nicht wahr? Denn auch ich habe die Pestilenz oft gesehen und blieb doch immer verschont.“
Bevor sie weiterreden konnten, trugen die Diener das Essen herein und die drei Männer genossen sichtlich die Leckerbissen.
„So, so, junger Mann“, meinte der Ritter, nachdem sie auch den letzten Rest vom englischen Käse gegessen hatten. „Sagt mir Euren Namen und erzählt mir etwas von Euch und von Wambele. Ihr müsst nämlich wissen, dass ich – so dumm ich auch als Mann der am Liebsten nur die Waffen sprechen lässt sein mag – eine ganz besondere Gabe habe: Ich kann einen Lügner schnell entlarven. Und ich mag es überhaupt nicht, wenn ich angelogen werde…“ – er winkte die Wirtin herbei – „…bringt uns noch eine Karaffe von dem guten Wein – ich werde bezahlen!“
Sein energischer Tonfall und das böse Blitzen seiner kleinen Augen rieten dem Chirurg, dieses Mal keinen Widerspruch einzulegen, um den jungen Mann in Schutz zu nehmen… Stattdessen schaute auch er erwartungsvoll auf Engelmar.
Der Blondschopf wünschte sich in dem Moment nichts sehnlicher, als dem arroganten Ritter eine Abfuhr zu erteilen, doch war ihm klar, dass er den gefährlichen Mann in keinster Weise verärgern durfte, weil sonst sein Leben nichts mehr wert gewesen wäre.
„Auf die Probe stellen wollt Ihr mich also?“ sagte er so forsch wie nur möglich.
„So könnt Ihr es durchaus nennen“, lächelte der Ritter kalt.
„Die Geschichte meines Lebens in wenigen Sätzen! … Was für eine Herausforderung!“ Engelmar versuchte durch Spott seine Unsicherheit zu überspielen.
„Die Geschichte eines Bauernjungen kann sicher nicht mehr als ein paar Sätze lang sein“, meinte der Ritter und seine Augen funkelten aggressiv. „Und das mit dem Tod Eurer Mutter könnt Ihr getrost auslassen … das habt Ihr schon zum Besten gegeben.“
Engelmar dachte einen Augenblick lang nach. Die Tatsache, dass der streitlustige Ritter ihn noch immer höflich anredete und noch nicht zum ‚Du’ übergegangen war, beruhigte ihn etwas. „Gut, Herr Ritter. Mein Vater starb während der Frondienste für den Grafen und ich bin von meinem Onkel Johann erzogen worden, der den zweitgrössten Hof des Dorfes bewirtschaftet.“
„Oh, Ihr armer, armer Waise“, warf der Ritter kühl ein. „Was für einen traurigen Auftakt Eure Geschichte doch hat…“
„Den Höfen der Umgebung ging und geht es gut, denn die Abgabenlast ist seit den fast alljährlichen, verheerenden Pestzügen geringer geworden und Graf Engelbert weiß sehr wohl, dass auch er davon profitiert, wenn die Bauern auf seinem Grund und Boden zu etwas Wohlstand kommen.“
„Ja, ja, der gute Engelbert von der Mark“, warf der Ritter gespielt lächelnd ein. „Es heißt, dass er einer der einflussreichsten Adligen des ganzen Landes sein soll. Und er lässt euch Bauern leben und gedeihen. Ist er nicht zu gütig, Euer Landesherr?“
„… Mein Onkel konnte sogar einen wandernden Mönch auf dem Hof für fünf Jahre aufnehmen, der sehr gebildet ist und mir viel beibringen und meine Talente fördern konnte.“
„Da sitzt doch tatsächlich ein gebildeter Bauer vor mir! Dass ich so etwas noch erleben darf!“
„Könnt Ihr nicht einmal ohne Eure bösen Kommentare auskommen?“ warf nun der Chirurg Nicolaus Bredebach ein, der sich ein fröhliches Grinsen nicht verkneifen konnte. „Das ist ja unglaublich.“
„Ich bitte vielmals um Vergebung, ehrenwerter Gelehrter!“ Der Ritter war aufgestanden und vollführte eine tiefe Verbeugung, ehe er sich wieder auf den Hocker setzte und seine beiden Tischnachbarn lachend musterte. „Und da Ihr so gebildet seid, Wambeler Bauer, hat die Dorfgemeinschaft Euch zum Verhandlungsführer bestimmt und Ihr seid dafür zuständig, die Überschüsse so gewinnbringend wie nur möglich zu verkaufen, um damit Euren Wohlstand und den des Dorfes zu fördern. Und Ihr nennt Euch grosskotzig Händler. Habe ich Recht?“
Engelmar nickte. Er war sicher, dass der Ritter nun aufhören würde, weiter zu bohren. Die Geschichte stimmte ja, auch wenn er den zweiten Teil nicht erzählt hatte … nicht erzählen konnte!
„Und in Hörde wollt Ihr auf dem Martinsmarkt zudem einkaufen, was so ein Dorf halt alles im Winter braucht. Habe ich auch damit Recht, junger, gebildeter Mann?“
„Ihr wisst ja schon alles. Warum musste ich denn dann überhaupt erzählen?“ Engelmar konnte sich den Spott nicht verkneifen.
Der Ritter musterte ihn ein weiteres Mal mit strengem Blick, dann nickte er und legte ein mildes Lächeln auf seine hohlen Wangen. „Ich glaube Euch Eure Geschichte, junger Handelsmann. Allerdings bin ich sicher, dass Ihr mir nicht alles erzählt habt. Und jetzt weiss ich nicht, ob ich Euch böse sein muss, oder ob ich mich zur Ruhe begeben soll, weil ich mich nach dem hervorragenden Essen sehr müde fühle.“
„Was meint Ihr?“ fragte Engelmar nervös.
„Im Stall habe ich vorhin Euren Schimmel gesehen. Der trägt das Brandzeichen des Rittmeisters von Dortmund … wie übrigens alle Pferde der städtischen Pfeffersäcke, denn im Kriegsfall zieht der Rittmeister alle Reittiere ein. Eure elegante Schecke, die Euch so vortrefflich passt, ist städtische Kleidung und Euer blondes Haar dürft Ihr als Bauer aufgrund der gräflichen Verordnungen gar nicht so lang tragen. Also … Ihr seid vielleicht mal Bauer gewesen, doch jetzt seid Ihr Städter!“
Engelmar wurde abwechselnd heiß und kalt. Er fuhr unmerklich zusammen, denn die ausgezeichnete Beobachtungsgabe des Ritters verwirrte ihn immer mehr. Fieberhaft dachte er nach, wie er sich aus der misslichen Lage befreien konnte.
„Meine Fähigkeiten, Dinge zu erkennen, sollen Euch eine Warnung sein“, meinte der Ritter, ehe der Blondschopf etwas sagen konnte. „Ihr habt Euch den Pfeffersäcken in der Stadt angeschlossen. Den Kleppings oder Sudermanns … oder Veckinchusens oder den von Berswordts. Sagt mir jetzt die Wahrheit, ehe ich wirklich ungemütlich werde! Und ich bin ganz sicher … Ihr möchtet mich gewiss nicht wütend erleben!“
Engelmar warf einen vorsichtigen Blick auf den kleinen, alten Gelehrten, doch dieser zuckte nur die Schultern, ohne jedoch ein Wort zu sagen. Einerseits wollte er sich mit dem Ritter, der ihm Schutz angeboten hat, nicht anlegen – andererseits schien er selber neugierig zu sein, was es mit dem jungen Mann auf sich hatte.
„Gut, Herr Ritter! Es ist richtig, dass ich im Auftrag der Wambeler Bauern nach einem Karren voll verschwundener Waren suche. Das Dorf hat vor zehn Tagen eine Lieferung nach Hörde geschickt, doch die Knechte, die den Ochsenkarren begleitet haben, sind nicht ins Dorf zurückgekehrt. Und aufgrund der wachsenden Kriegsgefahr und den allgemeinen Vorbereitungen auf eine Auseinandersetzung befürchten wir, dass unsere Waren gestohlen oder anderweitig beschlagnahmt worden sind.“ Er legte eine kleine Pause ein und holte tief Luft. „Mir ist vor einiger Zeit sowohl von den Kleppings, als auch von den Veckinchusens ein Angebot unterbreitet worden, als Faktor in deren Kontoren zu arbeiten. Und da es mich schon lange in die Stadt zieht, weil ich nicht Bauer werden will, habe ich das Angebot der Veckinchusens angenommen ….“ Engelmar senkte den Blick. „Ich bin seit einigen Wochen schon in den Diensten des Veckinchusenkontors“, fügte er leise hinzu.
„Seht Ihr, mein Junge?“ grinste der Ritter höhnisch. „Das war doch gar nicht so schwer. Donnerwetter sage ich! Dieser Wandermönch, der Euch anscheinend unterrichtet hat, muss ein sehr kluger Mensch gewesen sein. Warum sonst sollten sich so vornehme Kaufleute einen Bauernburschen als Faktor holen, wenn er sie nicht durch seine Fähigkeiten gewaltig beeindruckt hat?“
Engelmar warf seinem Gegenüber einen fragenden Blick zu..
„Wisst Ihr, mein Junge, Ihr braucht keine Angst vor mir zu haben. Ich bin mir sicher, wir werden uns bald wiedersehen und vielleicht sind wir irgendwann sogar Freunde?“
Engelmar verstand nicht. Dieser geheimnisvolle Edelmann mit der schrecklichen Narbe und den kalten, dunklen Augen flößte ihm Angst ein. Er klappte den Mund auf und zu, ohne ein Wort zu sagen. Er wünschte sich nur, diesem gefährlichen Mann niemals wieder begegnen zu müssen. Niemand hatte ihn auf eine solche Situation vorbereitet
Der Ritter war aufgestanden und hatte sich erneut verbeugt. „Ich wünsche Euch beiden eine geruhsame Nacht. Und Ihr, ehrenwerter Chirurg, werdet von mir morgen sicher bis zu den Stadttoren Dortmunds gebracht. Ich halte mein Wort…“ – er wandte sich an Engelmar – „…Und Euch wünsche ich Erfolg in Hörde, obwohl ich glaube, dass die Pest dort jegliche Marktfreuden zerstört haben dürfte.“
*
Der Martinsmarkt in Hörde war vom Grafen Engelbert von der Mark in diesem Herbst 1387 um einige Tage verlängert worden und als Engelmar Serke auf Hörde zuritt, war er fest davon überzeugt, dass der beurkundete Marktfrieden allen Bürgern und Gästen der Stadt den entsprechenden Schutz garantierte – auch ihm, dem Neubürger Dortmunds. Aber da man ihn in der Kleinstadt südlich von Dortmund nicht oder nur als Wambeler Bauer kannte, brauchte er nichts zu befürchten.
Händler aus dem ganzen Westfalenland waren willkommen, ob sie nun eine freundliche Gesinnung gegenüber den märkischen Herrschern zeigten, oder ob sie mit der renitenten und übermächtigen Stadt Dortmund sympathisierten.
Dennoch waren es gefährliche Zeiten, denn ein Krieg bahnte sich an. In Wambele und den anderen Dörfern der Umgebung sprach man immer wieder von den gräflichen Rechten auf Dortmund, ohne dass Engelmar genau verstand, worum es dabei eigentlich ging. Erst seit er in der Stadt weilte, begriff er das ganze Ausmaß der jetzt drohenden Auseinandersetzung. Durch geschickte Heiratsverbindungen hatte sich Graf Engelberts Familie Erbaussichten auf Kleve, Ravensberg, Geldern und Jülich verschafft. Sie hielten die vielen Bistümer besetzt und entwickelten sich im Laufe der Jahre immer mehr zu einer beherrschenden Großmacht, die sich vom Rhein bis an die Weser erstreckte. Und inmitten dieser riesigen Grafschaft lag die freie Reichsstadt Dortmund – eine der reichsten Städte des ganzen Landes – wie ein Fremdkörper auf dem umfassenden Landbesitz der Grafenfamilie. Und an seinem Reichtum wollten natürlich andere teilhaben. Seit vielen Jahren hatte die Stadt erfolgreich um ihre Unabhängigkeit gekämpft, ist geschickte Verträge eingegangen um ihre vom Kaiser garantierte Reichsunmittelbarkeit zu bewahren. Und immer wieder war es Dortmund gelungen, seine beiden schlimmsten Widersacher zu besänftigen oder gar zu überlisten. Einer von ihnen – Graf Engelbert – wurde vertraglich an die Stadt gebunden und musste geloben, im Falle einer Gefahr immer für die Stadt einzutreten. Dafür wurde er, der aufgrund seiner Expansionsgelüste stets in Finanznöten steckte, natürlich gut bezahlt. Der andere Widersacher galt dem hohen Rat der Stadt als der gefährlichere von beiden. Es war Friedrich von Saarwerden, Erzbischof von Köln, der sich immer wieder die Pfandrechte von Dortmund aneignete oder diese vom König oftmals freiwillig erhielt, damit Friedrich bei der nächsten Königswahl auch tatsächlich seine Stimme dem richtigen Mann gab.
Solange sowohl Graf Engelbert als auch Erzbischof Friedrich von Köln gierig nach Dortmund griffen, konnten die Stadtväter die Widersacher ständig gegeneinander ausspielen. Doch jetzt spitzte sich die Lage dramatisch zu, denn beide waren ein Bündnis miteinander eingegangen, um gemeinsam gegen die Reichsstadt zu ziehen. Und seit Wochen und Monaten wurden auf allen Seiten hektische Vorbereitungen getroffen.
Der schlaksige Engelmar mit den hellblauen Augen und den zu einem Zopf zusammengebundenen blonden Lockenhaaren musste an die vorabendliche Begegnung mit dem Ritter und dem Gelehrten denken, als er am frühen Mittag durch das Obertor von Hörde ritt, um sich in dem Ort mit Bernhard Veckinchusen zu treffen, wie es zuvor vereinbart worden war. Er war sich nicht darüber im Klaren, ob er Bernhard, Erstgeborener des älteren der beiden Veckinchusenbrüder und durch und durch Städter, überhaupt von der Begegnung mit dem gefährlichen Mann erzählen sollte. Engelmar mochte Bernhard und beide jungen Männer verbrachten viel Zeit miteinander. Sie nannten sich zwar Freunde, doch der Wambeler wusste nur allzu gut, dass eine gewisse Distanz zwischen ihnen war und immer bleiben musste, denn er war nur ein Kontor-Gehilfe – ein sogenannter Faktor – zudem noch ländlicher Abstammung. Und hinsichtlich des Gespräches mit dem Ritter war er zutiefst verunsichert, denn der anstehende Krieg spaltete die Menschen in zwei Lager: Auf der einen Seite standen die Städter; auf der anderen Seite die Landbevölkerung, gezwungen, dem Treueschwur auf ihren Herrn – dem Grafen von der Mark – immer Folge zu leisten. Und Engelmar war hin und her gerissen. Natürlich war er stolz darauf, bald Städter zu sein, der als guter KontorFaktor sogar Aussichten auf Reisen in ferne Städte hatte, was er sich schon immer wünschte. Aber er wusste auch, dass er niemals Partei gegen die Bauern – und insbesondere die aus seinem Heimatdorf Wambele – ergreifen könnte. Mit einer Handbewegung versuchte er die Gedanken fortzuwischen und blickte vorsichtig um sich.
Statt der üblichen drei Wachen war lediglich ein Bewaffneter am Tor auszumachen, der zudem keine besondere Lust verspürte, den Neuankömmling genauer in Augenschein zu nehmen und deshalb auch auf das Torgeld verzichtete.
Das Wetter war in den letzten Stunden umgeschlagen. Ein sanfter Nebelschleier lag über Hörde. Faulig stinkend breitete sich der engbebaute, fast menschenleere Weg vor ihm aus. Schmutz und Unrat türmten sich in den Nischen und Torbögen. Einige der ärmlicheren Häuser, die überwiegend aus Holz gebaut waren, hatten ein frisches Feuer nicht überstanden, andere schienen vollständig geräumt. Ihre Bewohner hatten sich anscheinend aus dem Staube gemacht, um der Pest zu entkommen. Kalter Rauch biss in Engelmars Lungen, als er langsam ins Zentrum kam. Zwar waren überall noch Markstände aufgebaut, doch die Buden waren fast restlos geräumt, die meisten Händler schienen die Stadt trotz der Verlängerung des Marktes verlassen zu haben und nur wenige Kleinhändler und Hökerinnen waren auf den Beinen, um ihre Artikel des täglichen Bedarfs anzubieten. Langsam ritt Engelmar in den südlichen Teil Hördes ein, um in den Scheunen der Hörder Stadtbauernschaft nach dem Verbleib der aus seinem Heimatdorf Wambele gelieferten Waren zu forschen, um diese dann gemeinsam mit Bernhard, der außerdem zusätzliche, haltbare Lebensmittel – Pökelfleisch, getrocknete Früchte und billigen Landwein, der in der näheren Umgebung angebaut wurde - einkaufen sollte, ins Dortmunder Kontor zu bringen.
Am Lagerhaus des gräflichen Marktbeauftragten, wo sich die beiden jungen Leute verabredet hatten, schwang sich der Wambeler vom Pferd, band es seitlich der Scheunentür an einem Holzpflock fest und betrat vorsichtig den großen Schuppen.
„Spät kommt er, aber immerhin … er kommt … Na ja, ich habe mir schon gedacht, dass du gestern vom Unwetter überrascht worden bist und darum unterwegs Schutz gesucht haben musst“, hörte Engelmar den jungen Veckinchusen sagen. Bernhard, der mit einem Diener des Kontors zuvor dem Dorf Dorstfeld westlich von Dortmund einen Besuch abgestattet hatte, wartete bereits seit dem Vorabend auf das Eintreffen seines Schülers und Freundes. Er trat aus der Dunkelheit der muffig riechenden Scheune hervor und baute sich grinsend vor Engelmar auf, fuhr mit seiner linken Hand durch das halblange, dunkelbraune Haar. Er war etwas kleiner als Engelmar, doch seine Figur war athletischer und der Körper gut durchtrainiert – so wie nahezu alle Fernkaufleute immer darauf bedacht waren, auch gute Kämpfer zu sein, um im Notfall Waren und Gold gegen Räuber und Raubritter verteidigen zu können. „Ich war schon vor dem schlimmen Gewitter hier und habe in dieser kalten Scheune übernachtet, um so wenig Kontakt wie nur möglich mit der pestbefallenen Bevölkerung zu haben. Außerdem, mein junger Freund, … die Ratten, eure Knechte, haben Reißaus genommen“, fuhr der junge Veckinchusen fort. Er schüttelte verächtlich den Kopf. „Einen Teil der Wambeler Waren konnte ich mit Hilfe des Marktvorstehers ausfindig machen und habe einen Karren besorgt, um die Sachen nach Dortmund zu bringen. Honig, Wein, Beeren in Kornbrannt, Nüsse und ein paar andere Dinge …
Doch das viele, gute Fleisch ist gestohlen. Und eure Knechte haben – wie schon gesagt - entweder die Flucht ergriffen oder sind gefangengesetzt worden, um zum Söldnerdienst gepresst zu werden. Mehr konnten wir nicht in Erfahrung bringen. Wie auch immer, Engelmar … finde dich mit dem Verlust ab und lass’ uns von hier so schnell wie möglich verschwinden. Wir können nach dem Beladen ein paar Stunden ruhen, aber noch eine Nacht will ich hier nicht verbringen. Der Ort ist mir nicht geheuer und die Pestilenz soll keine Zeit haben, nach mir zu greifen. Also …“
Der Wambeler wollte etwas erwidern, nickte dann aber nur mit dem Kopf und behielt seine Gedanken für sich. Bernhard hatte Recht! Es gab keinen Grund, länger in Hörde zu verweilen. Es war zwar ein Verlust für die Bauern seines Heimatdorfes, aber sicherlich zu verschmerzen, zumal zumindest ein Teil der Sachen gefunden wurde und die Veckinchusens sicherlich gut dafür bezahlen würden.
Sie beluden die Karren und als sie damit fertig waren, aßen sie etwas von ihrem Reiseproviant und schliefen ein paar Stunden. Als sie erwachten, wurde es bereits dunkel. Es war die Jahreszeit, in der das Licht nur für wenige Stunden den Tag erhellte.
„Wird die fieberlose Pestilenz auch nach Dortmund kommen?“ Für einen kurzen Moment klang Bernhard besorgt, als sie ihre Bündel schnürten. Er schaute seinen Schüler und Freund ernst an. Engelmar zuckte mit den Schultern, zeigte dann ein schwaches Kopfschütteln. „Ich glaube nicht. Das Wetter ändert sich gewaltig und wird in den nächsten Tagen Kälte übers Land bringen. Die Seuche wird bestimmt nicht weiterziehen, wenn es kalt wird. Die einzige Möglichkeit, nach Dortmund zu gelangen, ist durch uns, Bernhard. Nur wenn wir erkranken, bringen wir den Tod nach Dortmund … Ich weiss nicht, wie es mit dir steht … ich jedenfalls bin gefeit und die Pest wird mir nie etwas anhaben können.“
Bernhard lachte vorsichtig auf, um sich etwas Mut zu machen. „Ein Satz ganz nach meinem Geschmack, mein bäuerlicher Freund.
Auch ich habe mit der Fieberlosen nichts gemein, denn ich werde – wenn überhaupt – im Kampf sterben … oder in den Armen einer wunderschönen Frau.“
*
Als sie - die Pferde an den Zügel haltend – zum Obertor gingen und immer den vom Diener gelenkten Ochsenkarren im Auge behielten, stellte Engelmar Serke fest, dass sich das Stadtbild in der kurzen Zeit seiner Anwesenheit plötzlich verändert hatte.
Ratshüter, in Truppen von jeweils sechs oder acht Schwerbewaffneten, zogen durch die Straßen, um halbwegs Ordnung zu halten. Jetzt, am frühen Abend, war viel Volk in den Gassen. Die jungen Männer hörten lautes Singen, Johlen, Lachen. An der kleinen Wegkreuzung in der Nähe des Ratshauses bot sich ihnen ein erschreckendes Bild. Zwei Spielmänner – nur in Lumpen gehüllt – musizierten auf Schweinsblase und Drehleier eine beschwingte Tanzmelodie. Frauen, Männer und selbst Kinder hielten sich an den Händen fest, tanzten lachend um die Musikanten herum. Nur wenige Schritte von Ihnen entfernt brannten die sterblichen Überreste eines alten Mannes, den die Meute anscheinend an ein Wagenrad gebunden hatte, bevor der Ärmste angezündet wurde. Eine uralte, schwarz vermummte Frau stand kreischend neben dem Feuer und hielt in jeder Hand eine tote Ratte, die sie kopfüber in die Flammen tauchte. Die Greisin brüllte vor Schmerzen, denn auch ihre Hände verbrannten dabei, doch sie zog sie nicht zurück.
Engelmar erschrak heftig. Dicht neben ihm kam eine junge Frau aus dem Haus gelaufen. Sie war splitternackt, ihre Wangen glühten, der Blick ihrer Augen zeigte den Wahnsinn. In ihren Armen hielt sie einen toten Säugling, den sie einem vorbeieilenden, graubekittelten Mönch reichen wollte. Dieser wich angewidert zurück. Die Frau lachte irre auf, lief hüpfend und singend zur Tanzgruppe. Sie reihte sich scheinbar fröhlich ein, nachdem sie das tote Kind einfach zu Boden hatte fallen lassen. Ein großer, bulliger, kahlköpfiger Mann in einer braunen Lederschürze trat aus dem Schatten neben dem Feuer hervor und ging langsam zu der Stelle, wo der tote Körper des Säuglings lag. Urplötzlich zückte der Riese ein langes Messer und bohrte es mit aller Macht in den kleinen Leib des totenstarren Kindes. Mit einem Triumphschrei hob er die Klinge mit dem kleinen Leichnam in die Höhe. Blut tropfte auf seine Glatze, lief seine Wangen hinab. Schnell machte er einen Satz nach vorn und warf seine Last in hohem Bogen in das Feuer des brennenden Wagenrades. Die alte Frau wich wütend zurück und schmiss mit einer Ratte nach dem Schlächter.
Die drei gingen so schnell es der knatternde Ochsenkarren erlaubte weiter. Engelmar wusste, dass jedes Mal, wenn die Seuche mordete, die Menschen ausser Rand und Band gerieten – in den Stadt und ebenso auf den Dörfern. Die Ordnung brach zusammen, Eltern verließen ihre Kinder, Leichen rotteten dahin, weil kaum jemand den Mut besaß, diese zu bestatten. Die noch nicht Befallenen versuchten, ihr mögliches Restleben in nur wenigen Stunden zu leben. Sie trieben Unzucht in aller Öffentlichkeit. Selbst Pfaffen wandten sich von Gott ab.
Unter dem Torbogen eines Patrizierhofes sahen sie eine andere Frau, die sich vor Angst und Schmerzen schreiend das Kleid in Stücke riss und dann zitternd zu Boden sank. Ihr Körper war über und über mit Flecken bedeckt. Sie zuckte wild, reckte ihre schmerzenden Arme gen Himmel, so dass Engelmar die grauen Beulen, die den Tod in wenigen Stunden bringen sollten, in ihren Armbeugen sehen konnte.
Bernhard, der sein Schwert gezückt hatte, gab Engelmar ein Zeichen und beide traten dichter an den Karren heran, als sich ein Mann mit einem langen Messer in der Hand in einigen Schritten Entfernung ihnen in den Weg zu stellen versuchte. Die drei blieben stehen, sahen die glasigen, vom Wahnsinn befallenen Augen des Mannes. Gleichzeitig bemerkten sie die sechs Stadtwachen, die in der Nähe standen und nun herbeieilten. Der Unglückliche riss sich seinen Umhang vom Leib. Dann hob er die Arme empor und schrie in Todesangst, so dass sich seine krächzende Stimme überschlug. Das Echo prallte von den Steinen des hohen Torbogens ab, zog dann weiter in die westliche Stadt, vereinte sich mit anderen, weit entfernten Klagelauten und Schreie zu einem Lied des Grauens.
In den Achselhöhlen des Unglücklichen zeigten sich mehrere schwärzliche Verdickungen. Entsetzt versuchte er sie abzureißen. Sein Atem ging pfeifend und rasselnd. Er glotzte verständnislos. Dann riss er das Messer hoch und ehe jemand einschreiten konnte, rammte er sich die Klinge tief in den Bauch. Engelmar spürte die Übelkeit in sich aufsteigen. Er musste würgen, doch brachte nichts heraus. Der Mann stach ein zweites Mal zu. Und wieder schrie er qualvoll auf, als er mit aller Kraft die Klinge nach oben riss. Der Wambeler sah die erstaunten Blicke des Unglücklichen, der trotz seiner tiefen Wunden nicht sterben konnte, anscheinend keinen Schmerz verspürte und vergeblich versuchte, seine hervorquellenden Innereien zurückzudrücken.
Ganz ruhig trat einer der Stadtwachen vor, hob sein Schwert und beendete mit einem gezielten Schlag die Leiden des Sterbenden.
„Wir schließen jetzt das Stadttor“, meinte einer der Wachmänner zu den jungen Leuten, nachdem er an den Wagen herangetreten war, um seinen Inhalt zu inspizieren. Dann nickte er dem Anführer der Rotte zu. „Der Markt ist vorbei und der Marktfrieden somit beendet, die Händler sind fortgezogen und der Tod entvölkert unsere Straßen. Verlasst Hörde auf schnellstem Wege!“
Die drei zogen mit ihrem Ochsenfuhrwerk auf der alten Strasse in Richtung Südosten, lenkten den Wagen dann in den kleinen Forst, um hier zu übernachten, denn sie wollten nicht in der Nacht weiterfahren. Zwar war Dortmund nur eine knappe Stunde entfernt, doch während der Nacht blieben alle Stadttore verschlossen, so dass sie ohnehin nicht hineingelangen konnten.. Also war es besser, sich im Wäldchen zu verstecken. Zu viele Ritter und Söldner hielten sich in diesen Tagen in der Gegend auf, um Lohn und Brot auf der einen oder anderen Seite zu finden. Und wenn auch Engelmar wenig zu befürchten hatte, so befand sich Bernhard sehr wohl in Gefahr, denn würde herauskommen, dass er der älteste Spross der reichen Kaufmannsfamilie Veckinchusen war, wären die Lösegeldforderungen mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit enorm.
Sie machten kein Feuer, hockten sich eng beieinander, um etwas Schutz gegen die aufkommende Kälte zu finden, während der Diener am Weg Wache hielt.
„Wir können schweigen und unseren Gedanken nachhängen, wir können versuchen zu schlafen … wir können uns aber auch etwas unterhalten“, meinte Bernhard nach einer Weile. „Oder soll ich mit meinem Unterricht fortfahren?“
Engelmar schüttelte lächelnd den Kopf. „Du bist mir zu gewissenhaft mit dem, was dir sowohl dein Vater als auch dein Onkel aufgetragen hat. Das viele Lernen - Reisewege erarbeiten, Verhaltensregeln der Kaufmannschaft, Cambiste-Wechselgeschäfte, Securitas, Umrechnen von Flandrischen Dukaten auf Goldgulden, Denars, Goldflorins, alte Schilde, Kreditbriefe … und dazu die Sprachen … Englisch, Latein, sogar mit dem Arabischen verschonst du mich nicht und darüber hinaus muss ich nicht nur die Bibel, sondern auch den Koran lesen – all das lässt mir den Kopf dampfen wie ein feuchtbrennender Kamin.“
„Wer ein guter Kaufmannsgehilfe werden will, muss eben viel und schnell lernen, Engelmar“, grinste Bernhard und rieb sich die kalten Hände. „Nur … wenn ich dir Entspannung angeboten habe, hast du bisher jedes Mal abgelehnt. Und das macht mich ganz stutzig… “
„Warum?“
„Oh, du magst dumm sein, was ich aber überhaupt nicht glaube, wenn man deine Fortschritte sieht, aber du bist gewiss nicht unschuldig. Und wenn ich dich in die Badestuben einlade, damit du dort die Freuden erleben und genießen kannst, die dir die besten Hübschlerinnen Dortmunds antun können, und du lehnst einfach ab…?“ – er schwieg eine Weile, doch als Engelmar keine Anstalten machte, etwas zu erwidern, fuhr Bernhard fort – „…Du hast doch sicherlich schon Mädchen gehabt … ich meine auf dem Dorf da fängt man doch schon früh an, sich zu amüsieren, habe ich gehört …“
„… So, so, hast du gehört“, lächelte der Wambeler verschmitzt.
„…Hauptsache du sagst mir jetzt nicht, dass du es lieber mit Jungs tust“, fuhr Bernhard fort „denn dazu sitzen wir jetzt verdammt dicht beisammen … Ich meine, die Araber, die tun das oft. Du musst die mal in Brügge, Antwerpen oder auch London erleben. Die scheinen sich nicht viel aus Frauen zu machen …“
„Hör’ bloß auf mit deinen abenteuerlichen Geschichten, Bernhard. Ich mag Mädchen, habe auch schon einige gehabt … aber im Moment kann ich mir nicht vorstellen, es mit einer Hure gegen Bezahlung zu treiben.“
„Ah, da klingt Hoffnung für mich durch“, erwiderte der junge Veckinchusen belustigt. „Du sagst im Moment. Das heißt dass du eines Tages sehr wohl dazu in der Lage bist. Außerdem habe ich dich eingeladen. Du brauchtest also nichts zu zahlen.“
„Die Hübschlerin wird so oder so bezahlt – ob von dir oder mir – und der Gedanke behagt mir nicht“, antwortete Engelmar ernst. „Aber wenn ich eines Tages ein erfolgreicher Kaufmannsgehilfe oder sogar noch mehr bin, wer weiss … vielleicht ist das dann alles selbstverständlich: Gold verdienen, saufen und fressen, Huren nehmen und vor allem kämpfen, um den Besitz seines Herren oder seinen eigenen zu verteidigen.“
Bernhard hörte sehr wohl die Ironie aus den Worten des Freundes heraus. „Sehr wohl, Engelmar! Ich weiß, dass du deinen Piken- und Lanzendienst, den du für die Stadt leisten musst, nicht sehr magst. Aber es ist wichtig, dass du das Kämpfen lernst. Sehr wichtig sogar.“
„Ich weiß, Bernhard. Und du hast es vortrefflich gelernt, denn ich habe deine Schwertübungen gesehen. Aber vergiss nie: du bist ein Patrizier, ein Junker aus reichem Hause, und ich bin nur ein Bauer, der plötzlich die Chance erhielt, mehr aus seinem Leben zu machen.“
„Wie könnte ich das vergessen“, erwiderte Bernhard trocken und musterte den Blondschopf prüfend. „Aber denk’ daran. Wir Veckinchusens sind keine alteingesessene Dortmunder Familie, sondern Zugezogene. Von einigen der alteingesessenen Familien werden wir misstrauisch beäugt.“
Er zog sich die klamme Decke noch enger um die Schultern.
„Nun sag, Bernhard, weswegen bist du wirklich aus Brügge zurückgekehrt? Doch wohl nicht, weil du dich auf den Kampf freust, sollte der Krieg bald ausbrechen? Das müsste doch für deine Familie eher ein Grund sein, dich von Dortmund fernzuhalten.“
„Natürlich nicht! Aber ich kann dir im Moment nicht viel verraten, außer … dass mein Vater und mein Onkel Großes vorhaben. Du wirst es bald erfahren und auch erleben. Du hast dir das richtige Kontor ausgesucht, wenn du vorhast, im Handel ein erfolgreicher Faktor zu werden.“
„Hat dir Brügge gefallen?“ Engelmar lenkte von Bernhards grosspurigen und geheimnisvollen Sätzen geschickt ab.
„Sehr sogar. Es ist zwar immer sehr viel zu tun, doch die Schenken und Hurenhäuser sind so zahlreich, wie du es dir nicht vorstellen kannst. Und zusammen mit dem jungen Conrad aus der Klepping-familie habe ich dort schon so manches Abenteuer erlebt. Alle bedeutenden Kaufmannsfamilien haben dort Niederlassungen, wobei die Italiener, vor allem die Banquiersfamilien, das umfangreichste Kontingent stellen.“
„Und die Dortmunder?“
„Veckinchusens, Kleppings, Berswordts, Sudermanns, Stecks, Schoneweders … alle sind dort vertreten, haben mit den Kaufleuten aus Soest ein gemeinsames Umschlag- und Warenlager errichtet; als selbständige Kaufmannschaft und als Hanse-Delegation. Und damit du gleich weißt – wenn du es nicht schon längst ahnst - die größten und bedeutendsten von allen sind wir Veckinchusens und die Kleppings, mit denen wir uns hervorragend verstehen. Aber du wirst die Zusammenhänge ohnehin bald begreifen, solange du nur immer die Augen offen hältst.“ Er schwieg, stand auf und warf einen Blick auf den Diener, der unten am Weg stand und gewissenhaft Wache hielt. Dann hockte er sich wieder hin.
„Erzähl’ mir von deiner Familie“, meinte Engelmar plötzlich.
Bernhard schüttelte den Kopf. „Jetzt will ich etwas ruhen oder sogar schlafen. Ein anderes Mal. Vielleicht schon morgen … und dann erzählst du mir von dir und von Wambele und von deinen tollen Weibergeschichten… den vielen hübschen Dienerinnen, Mägden und vielleicht sogar vornehmen Töchtern der Großbauern. Einer wie du, der muss doch viele gehabt haben. Und nicht nur in Wambele, sondern auch in Körne und sogar auf dem Königshof Brackele… “
*
Die kalte Nacht ließ die beiden jungen Männer nur wenig Schlaf finden. Endlich wurde es allmählich hell, so dass sie ihren Weg fortsetzen konnten. Wenn sie sich nun sputen würden, könnten sie die Stadt in etwa einer Stunde erreicht haben.
Sie zogen mit dem langsamen Ochsenkarren los und schon nach einer halben Stunde sahen sie das mächtige Ostentor. Noch weit vor der Stadt erreichten sie zunächst einen kleinen Wachturm, an dessen Spitze sich eine lange Stange erhob. Sie diente dazu, eine grosse, gut sichtbare Hohlkugel aufzunehmen, die der Wächter hissen musste, sobald sich feindliche Truppen näherten. In der Nacht würden die Wachhabenden brennbare Dinge in die Kugel stopfen, damit die Soldaten auf den Wällen auch in der Dunkelheit die Warnung erkennen konnten.
Am Schlagbaum zahlte Bernhard das Torgeld für den Ochsenkarren. Die Straße führte weiter über einen dreißig Fuß breiten Teichgraben. Die Erde aus den Gräben war zu Wällen aufgeworfen, die mit Dornen und Gestrüpp dicht bewachsen waren. Die Karre überquerte nun rumpelnd die Landwehr, die rund um die Stadt führte. Es folgten die Gärten und Weiden der Österbauernschaft und schließlich erreichten sie das kleinere, äussere Tor, überquerten den Burggraben, der an dieser Stelle fast siebzig Fuß breit war. Dann erst zogen sie durch den gewaltigen, verwinkelt gebauten Torturm in die Stadt ein.
Es war bereits viel Volk auf dem Ostenhellweg; Menschen liefen in Richtung des Westentors, weil dort ein umfangreicher Warenzug mit mehr als dreißig Planwagen eingetroffen war.
„Hermann Klepping ist zurück!“ hörten sie einige Bürger rufen.
„Der gute Hermann“, lachte Bernhard auf und Engelmar konnte sehen, dass sich der junge Veckinchusen aufrichtig freute. „Der bringt nicht nur seine Waren mit, sondern auch welche von den Sudermanns und von uns. Der raffinierte Kerl schafft es doch tatsächlich rechtzeitig, um das heutige Kloetessen nicht zu verpassen.“
„Kloetessen?“ fragte Engelmar.
Bernhard nickte. „Einmal im Jahr treffen sich die Patrizier und Junker der Stadt zu einem Festessen. Und das findet heute statt.“
„Dreißig Wagen!“ Engelmar schien beeindruckt. „Dass die heil durchgekommen sind … jetzt, wo so viel Raubritterpack auf den Straßen unterwegs ist.“
„Oh, oh, der gute Hermann Klepping überlässt nichts dem Zufall. Der hat – so wie ich ihn kenne – mindestens zwanzig, wenn nicht sogar mehr, Bewaffnete zum Schutz bei sich.“
Langsam zogen sie mit ihrer Karre in Richtung des Veckinchusenkontors. Vor dem gut bewachten Rüsthaus fuchtelte ein kichernder Knecht mit dem zerfressenden Kadaver einer Katze vor dem Gesicht einer kreischenden Frau mit einem Reisigbesen herum, bevor er das Tier auf einen flachen Karren warf. Sie schlug lachend mit dem Besen nach ihm, rannte jedoch gleich wieder davon, als der Knecht versuchte, sie zu fassen. Und schließlich erwischte er die Dicke, legte seine Arme um ihre Taille. Sie quiekte wie ein Schwein, als er ihr breites Hinterteil kniff.
Fünf Kohlenfuhrwerke, von Eseln und Ochsen gezogen, bahnten sich knarrend vom Norden kommend ihren Weg durch die Menge. Die rußgeschwärzten Treiber lenkten die schwerfälligen Karren mühsam über den Bohlendamm. Dabei sprachen sie von einem Wettermacher, der irgendwo nördlich der Stadt Holz schlug und in den letzten Tagen einige Gewitter hatte niedergehen lassen. Bernhard und Engelmar schmunzelten und zwinkerten sich zu, schwiegen aber. Ein in stillem Gebet langsam vorbeigehender Franziskanermönch bekreuzigte sich, als er die Treiber hörte, eine sehr hübsche Frau in himmelblauem Kleid und einem weißen Schleier senkte rasch den Kopf. Engelmar war immer wieder verwundert, wie eine so gutgebaute, hübsche Frau fast allen weltlichen Freuden entsagen konnte, um im Beginenkloster und den Krankenstuben hart zu arbeiten und zu beten. Er schaute der Himmelblauen eine Weile gedankenversunken hinterher.
Im Untergeschoss des prunkvollen Rathauses, innerhalb der hohen Steinbögen, öffneten die Tuchmacher und Wandschneider ihre Verkaufsräume und bauten neben der Stadtwaage eine Wollwaage auf. Endlich erreichten die drei das Kontor. Der Veckinchusenhof war von einer halbhohen Mauer mit Rankenhecke umgeben. Hinter dem geöffneten Tor konnte man bereits das schmale, aber tief gebaute dreistöckige Kontor aus Stein und Holz sehen. Rechts davon standen zwei große Lagerhäuser – das eine aus Stein, das andere aus Holz. Links vom Haus waren die Stallungen, in dem Pferde und Karren unterkommen konnten und etwas schräg dahinter stand das schmucke, zweigeschossige Wohnhaus.
Während Bernhard gleich verschwand, um sich ausgehfertig zu machen – sicherlich wollte er Hermann Klepping besuchen – gab Engelmar dem Diener Anweisungen hinsichtlich der Entladung der Ochsenkarre. Dann begab er sich zu Pagann, dem glatzköpfigen, rundgesichtigen, flämischen Verwalter des Kontors. Pagann war ein freundlicher, kleiner Mann, etwa Mitte vierzig, der aus Brügge stammte und schon seit mehr als fünf Jahren für die Veckinchusens in Dortmund tätig war. Die beiden Brüder hatten ihn zuerst in den flämischen Kontoren eingearbeitet, doch dann konnte er sich binnen kurzer Zeit in der Hierarchie nach oben arbeiten, so dass man ihn und seine Frau Marie mit nach Dortmund nahm, wo er als rechte Hand des Handelshauses galt und sehr angesehen war.
Pagann war der direkte Herr Engelmars und der Wambeler lebte – seitdem er in der Stadt weilte - sogar im Haus der flämischen Familie, wo er eine eigene Kammer für sich hatte.
Sie mochten den jungen Blondschopf und Pagann gab sich alle Mühe, Engelmar in der Praxis des Alltages auszubilden, während Bernhard für die Theorie zuständig war.
So wurden die Fähigkeiten des Wambelers immer wieder auf die Probe gestellt. Er musste Kreditbriefe schreiben, komplizierte Rechenaufgaben lösen und lernte binnen kurzer Zeit die wichtigsten Aspekte der kurz- und langfristigen Lagerhaltung verderblicher und unverderblicher Waren.
„Hermann Klepping soll soeben eingetroffen sein … mit dreissig Planwagen!“ meinte Engelmar zum freundlich grinsenden Verwalter, der mit zwei anderen Faktoren am Schreibpult stand, um einige Listen zu überprüfen.
„Ach was!“ antwortete Pagann belustigt. „Dann ratet doch mal, was wir hier gerade vorbereiten?“
Einer der Faktoren lachte frech. Engelmar war aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten und weil er als Günstling der Veckinchusens galt, der sogar Freundschaft mit Bernhard geschlossen hatte, bei den anderen Kontormitarbeitern nicht sehr beliebt.
„Da sind bestimmt vier Wagen für uns dabei“, fuhr der Flame fort. „Wenn Ihr vorhattet, gemeinsam mit Bernhard in die Schenke zu gehen, um Euch zu betrinken, oder um Unterricht zu nehmen, dann vergesst es. Ihr werdet, sobald die Wagen in den Hof fahren, hier benötigt. Geht Euch rasch waschen und umkleiden und kommt umgehend zurück.“
Engelmar nickte.
„Und was ist mit der Pest in Hörde?“ fügte Pagann leise und etwas verängstigt hinzu.
„Ich glaube sie ist wieder fortgezogen. Bernhard und ich haben lediglich den letzten Hauch des Todes mitbekommen. Wir haben auf den Straßen viele Menschen in den letzten Zügen der Fieberlosen erlebt. Aber ich denke, neue Fälle waren kaum dabei. Aber was weiß ich ahnungsloser, dummer Bauer schon?“ fügte er grinsend hinzu.
„Ich hoffe, Ihr behaltet Recht“, meinte Pagann besorgt und überging Engelmars vorlaute Bemerkung, ehe er wieder an seine Arbeit ging.
*
Später am Nachmittag waren die neu eingetroffenen Waren gelistet und entsprechend verstaut worden. Die beiden Faktoren, die seit dem frühen Morgen mit dem Verwalter die neuen Listen geschrieben hatten, wollten in die Stadt gehen, um den frühen Feierabend in den Badestuben oder Schenken zu feiern. Engelmar willigte ein, ein Stück mit Ihnen zu gehen.
„Komm’ doch heute mal mit“, meinte einer von ihnen. „Du kannst doch nicht deine gesamten Einkünfte nur sparen. Du musst doch auch mal saufen und huren!“
„Warum muss ich das?“
„Weil das alle tun … Fast alle … Sonst kannst du ja gleich ins Kloster gehen … Seid ihr Dörfler alle so langweilig, oder warten da ein paar Mädchen in Wambele auf dich?“
„Ach lass ihn doch!“ warf der andere missmutig ein. „Sei bloss vorsichtig. Der ist doch der Liebling unseres Herrn. Ein falsches Wort und er schwärzt uns an.“
„Ihr wisst genau, dass ich so was nicht tun würde“, entgegnete der Wambeler verstimmt.
„Schon gut, Engelmar“, entgegnete der Mann. „Du willst halt schnell nach oben kommen, bist viel ehrgeiziger als die meisten von uns und hast bisher ja auch alles richtig gemacht. Und wenn du dich von den Weibern fernhältst, kannst du auch nicht viel falsch machen … obwohl dein Freund Bernhard schon den ganzen Nachmittag mit Hermann Klepping im Freudenhaus ist. Da wundert man sich schon, warum du nicht bei ihm bist. So wie ich ihn kenne, würde er sogar für dich bezahlen.“
Die drei gingen im Norden der Stadt die Brückstraße hinunter, wo die meisten der vielen Handwerker noch arbeiteten, obwohl das Tageslicht schnell abnahm. Es war über Tag plötzlich sehr kalt geworden und Engelmar fror in seinem dünnen, ärmellosen Arbeitskittel, der mit einer weißen Kordel um die Taille festgebunden war. Er wunderte sich, dass bei dieser kalten Witterung so viele Menschen unterwegs auf den Straßen waren, bis er begriff, dass einige von ihnen einfach nur ziellos auf und ab gingen, um sich und ihre Kleidung zu zeigen. Das galt besonders für die Frauen, die in engen Kleidern ihre üppigen Körperformen besonders betonten. Schon als er vor einigen Wochen nach Dortmund kam, staunte er über die freizügige, aufreizende Bekleidung der weiblichen Bewohner – sofern sie nicht zu den Bediensteten oder Armen gehörten. Manche trugen den ärmellosen Surkot, ein enganliegendes Obergewand, dessen Ärmelausschnitte sich so sehr erweiterten, dass die bewundernden oder lüsternen Blicke der Betrachter nicht nur den Busen, sondern auch die Taille der Dame erreichten, sofern sie nicht ein Unterkleid trug, was die meisten jedoch vermieden, wenn es die Temperaturen erlaubten..
Obwohl die Priester ständig gegen das Teufelsfenster, wie sie den Ausschnitt nannten, wetterten, gelang es ihnen nicht, die Frauen vom Tragen der unzüchtigen Kleider abzubringen.
Jetzt, wo das Weihnachtsfest vor der Tür stand, trugen viele Damen – besonders die Frauen der reichen Kaufleute – das Dekolleté – ein langes Kleid, dessen Ausschnitt in letzter Zeit immer tiefer und gewagter wurde. An der Taille sass es besonders eng an, wurde dann wieder breiter und fiel bis auf den Boden oder wuchs zu einer langen Schleppe an. Die Haare waren meist zu Zöpfen geflochten, welche hochgesteckt wurden, um den Nacken besser zur Geltung zu bringen. Einer der beiden Faktoren erzählte Engelmar etwas über die neue Kleiderverordnung des Rates, doch der Wambeler hörte nicht besonders aufmerksam zu, weil er zu sehr damit beschäftigt war, bewundernde Blicke auf die schönen Frauen und jungen Mädchen zu werfen, die ihnen entgegen kamen.
Bei den wohlhabenden jungen Männern, meist Söhne der Patrizier, wunderte sich der Blondschopf ganz besonders, denn seit dem vergangenen Sommer schien sich ihre Kleidung auffallend verändert zu haben. Die Schecke, ein enganliegendes Oberteil, war noch enger und kürzer geworden und reichte kaum mehr über den Schoss. Musste ein Mann sich bücken, war meist sein nackter Hintern zu sehen. War die Schecke im Sommer noch einfarbig, so schien man jetzt für die Gewänder Stoffe verschiedener Farben zu verwenden. Die Beinlinge steckten in Schnabelschuhen, deren Spitzen bis zu drei Fuss lang waren. Dadurch erschien mancher Jüngling beim Gehen sehr komisch, weil er seine Beine wegen der langen Schuhe immer derart hochziehen musste, dass es aussah, als ob ein betrunkener Storch langsam über ein vereistes Feld stakste.
Doch während bei den Frauen fast alle die neue Mode mitmachten, schien die kurze Schecke und die extrem langen Schuhe nur bei den jungen Männern beliebt zu sein. Die Älteren bevorzugten weiterhin dezente, lange Röcke und Mäntel.
„Pass’ auf, dass dir nicht die Augen rausfallen“, bemerkte ein Faktor lachend, als er sah, dass Engelmar einem hübschen Mädchen zuzwinkerte. „Na wenigstens interessierst du dich für Frauen …
Aber denk’ daran. Hübschlerinnen sind ungefährlich, weil du dich mit denen nicht in der Öffentlichkeit zeigen kannst. Wenn du dich aber mit einem anderen Mädchen mehr als zweimal sehen lässt, bestehen die Veckinchusens gleich auf Heirat, sonst wirst du zum Teufel gejagt.“
Er unterbrach kurz, als er Engelmars skeptischen Blick sah.
„…Doch, doch“, fuhr der Mann fort. „Die Veckinchusens sagen immer, dass verheiratete Kontorgesellen und Faktoren besser arbeiten, weil sie mehr Verantwortung tragen.“
„Und deshalb gehen alle von uns in die Badehäuser zu den Huren, damit wir nicht Gefahr laufen, uns verheiraten zu müssen“, ergänzte der zweite Faktor.
„Na, Pagann geht zum Beispiel nicht … aber der ist ja auch verheiratet!“ meinte Engelmar.
„Nein Pagann geht nicht“, erwiderte einer seiner Begleiter, „obwohl verheiratet sein eigentlich kein Hinderungsgrund ist. Und die beiden Hausherren habe ich auch noch nicht dort gesehen. Aber die sind ja auch so oft auf Reisen … die haben überall ihre Zweit-, Dritt- und Viertweiber.“
Die beiden lachten schallend und als sie zur Stubengasse kamen, verabschiedeten sie sich vom Wambeler und betraten eines der Badehäuser.
Engelmar schlenderte eine Weile ziellos durch die schmalen Gassen der Nordstadt, ehe er zum anderen Ende der Stubengasse zurückkehrte. Ein wasserköpfiger Hutmacher saß fleißig nähend auf seinem Hocker vor einem dreigeschossigen Haus, in dessen oberen Stockwerken zwei Tuchmacher einfache, ungefärbte Stoffe billig anboten. Eine junge Frau, die anscheinend vom Markt kam, strebte dem Nachbarhaus zu. Sie schleppte einen schweren Korb mit Kartoffeln, Äpfeln sowie einigen blutigen Fleischbrocken, die sie wohl im Tagesrestverkauf auf den Fleischbänken günstig erstanden hatte, wie der leicht faulige Geruch bewies. Nicht faulig genug für den ausgehungerten Köter, der aus dem Nichts auftauchte und mit einem Riesensatz die Frau ansprang. Sie kreischte auf, ließ den Korb fallen. Ehe Engelmar einschreiten konnte, hatte sich das Biest bereits einen saftigen Brocken geschnappt und war in einer Seitengasse verschwunden.
Der Wambeler verbeugte sich höflich, reichte der Frau seine Hand, um sie vom Boden hochzuziehen. „Ich hoffe Ihr seid unverletzt, schöne Frau“, meinte er mit gespielter Sorge und kam sich doch gleichzeitig lächerlich vor, als er den ritterlich Galanten spielte.
Sie hatte sich schnell wieder beruhigt. Kichernd rappelte sie sich hoch, klopfte den Schmutz von ihrem Kleid. „Danke für Eure Fürsorge, Herr. Wie kommt Ihr dazu?“ Urplötzlich trat sie so dicht an ihn heran, dass sich ihre Körper fast berührten. Schon spürte er ihrer zarten, vollen Lippen, die sich auf seinen Mund legten. Gerade wollte er seine Arme um ihre Hüften zu legen, als sie mit einer geschickten Drehung hastig zurückwich. „Wollt Ihr nicht mit reinkommen?“ Sie zeigte auf das Haus hinter sich. „Ihr könnt Euch im Badetrog entspannen, ich kann Euren Körper sanft waschen und ölen. Und für das, was danach kommen wird … nun, ich bin sicher, dass Euch für Eure galante Hilfe von der Verwalterin ein guter Preis gemacht wird.“
Erst jetzt ging Engelmar ein Licht auf. Die Frau war eine Hübschlerin, jedoch eine heimliche – keine vom Rat der Stadt anerkannte, denn sie trug weder das entsprechende Kleid, noch das gelbe Tuch. Doch seine Enttäuschung währte nur einen Augenblick lang, dann hatte er sich wieder gefasst. „Nein danke. Waschen kann ich mich durchaus allein. Und für das andere … nun ich muss Euch ehrlich eingestehen, dass ich bislang dafür noch nie zahlen musste. Und ich habe auch nicht vor, heute damit anzufangen.“
Es lag zwar viel Sicherheit in seiner Stimme, doch ansonsten fühlte sich der Blondschopf mehr als unruhig. Der schöne, weiche Körper der Frau, die ihn berührt hatte, zog ihn an. Ihr hübsches, wenn auch kantiges Gesicht zeigte einen freundlichen, warmen Blick. Die Wochen der harten Arbeit im Kontor, das viele Lernen, die morgendlichen, städtischen Waffenübungen … all das ging dem Blondschopf momentan durch den Kopf. Und er dachte an sein Heimatdorf, an die vielen Tanzabende in der Gemeinschaftsscheune oder unter der Dorflinde. Und er musste an die Mädchen aus Wambele und den Nachbardörfern Körne und Brackel denken, einfache, schlichte aber schöne Mägde, die sich bereitwillig und natürlich ohne Bezahlung mit ihm in die Büsche schlugen.
Die Hübschlerin lächelte weiterhin freundlich. „Wollt Ihr mich heute Nacht, wenn das Badehaus zugesperrt hat, nicht in meiner kleinen Kammer aufsuchen? So ein hübscher Kerl braucht dann gewiss nichts zu zahlen.“ Sie zeigte auf das obere Fenster des windschiefen Nachbarhauses. Und während Engelmar sich dabei erwischte, verlegen zu nicken, traten zwei Männer aus dem Haus. Die Frau ergriff hastig ihren Korb und verschwand augenzwinkernd im Haus.
„Sieh da! Mein Freund und Schüler“, rief Bernhard und grinste frech. „Bist du auf dem Weg hinein, oder so wie wir … hinaus? Oder stehst du ganz zufällig vor dem besten Badehaus der Stadt? Oder hast du eine Nachricht für mich? Oder ist das alles nur ein Irrtum? … Ein Zufall?“ Sein höhnisches Lachen erschien Engelmar dennoch nicht unfreundlich.
„So, so, der junge Serke!“ Hermann Kleppings lautes, brummiges Lachen hallte durch die Gasse.
Natürlich kannte der Wambeler den Kaufmann Klepping, der als der einflussreichste und mächtigste Fernkaufmann Dortmunds galt. In den vergangenen Jahren wurden auch Überschüsse des Dorfes an sein Kontor geliefert. Hermann, eine mächtige, hünenhafte Gestalt, etwa Anfang Fünfzig, mit einem gewaltigen Körperumfang, musterte Engelmar freundlich. Sein rundes, ausdrucksstarkes Gesicht war von einem dichten, schwarzen Vollbart umrandet.
Seine dunkle Lockenpracht, die einige graue Strähnen trug, bedeckte die riesigen Ohren nur knapp. Er trat auf den Wambeler zu, legte seine breiten Pranken auf die Schultern des jungen Mannes. „Kaum bin ich fort, um Geschäfte in London und in Flandern zu tätigen und schon nehmt Ihr ein Angebot meiner Veckinchusen-Freunde an. Ich bin enttäuscht. Ihr hättet auch in meine Dienste treten können.“
