Die Großmächtigen - Hédi Kaddour - E-Book
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Die Großmächtigen E-Book

Hédi Kaddour

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Beschreibung

1922 ist die Welt in der maghrebinischen Stadt Nahbès zu aller Zufriedenheit aufgeteilt. Bis ein amerikanisches Filmteam wie ein Meteor in dem Wüstenort einschlägt. Für einen Moment begegnen sich die Amerikanerin Kathryn und Raouf, der Sohn des Caïd, die junge Witwe Ranja, der altersmilde Kolonialist Ganthier und die kesse Pariser Journalistin Gabrielle in einer ebenso unbeschwerten wie abenteuerlichen Utopie – ehe das Rad der Geschichte einen jeden wieder an seinen Platz verweist.

In seinem vielfach ausgezeichneten Roman erzählt Kaddour mit Witz und Weisheit, Poesie und Tempo von einer vergangenen, verblüffend vertrauten Epoche voller Aufbrüche und dramatischer Kollisionen.

„Die Großmächtigen birgt in sich den Zündstoff einer ganzen Epoche. Ein großer Weltroman.“ Le Monde des Livres.

„Kaddour versteht es, den Leser von der ersten Seite an zu fesseln: mit psychologischem Feingefühl genauso wie mit stilistischen Finessen und verdecktem ironischen Augenzwinkern.“ Christoph Vormweg, Deutschlandfunk.

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Seitenzahl: 705

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Über Hédi Kaddour

Hédi Kaddour, 1945 als Sohn eines Tunesiers und einer Französin in Tunis geboren, ist Professor für Französische Literatur, Dramaturgie und Journalistisches Schreiben, außerdem selbst Journalist, Autor von Romanen, Essays und Gedichten. Für seine Romane Waltenberg (2005), Savoir-vivre (2010) und Die Großmächtigen wurde er vielfach ausgezeichnet.

Informationen zum Buch

»Die Großmächtigen birgt in sich den Zündstoff einer ganzen Epoche. Ein großer Weltroman.« Le Monde des Livres

1922 ist die Welt in der maghrebinischen Stadt Nahbès zu aller Zufriedenheit aufgeteilt. Bis ein amerikanisches Filmteam wie ein Meteor in dem Wüstenort einschlägt. Für einen Moment begegnen sich die Amerikanerin Kathryn und Raouf, der Sohn des Caïd, die junge Witwe Ranja, der altersmilde Kolonialist Ganthier und die kesse Pariser Journalistin Gabrielle in einer ebenso unbeschwerten wie abenteuerlichen Utopie – ehe das Rad der Geschichte einen jeden wieder an seinen Platz verweist.

In seinem vielfach ausgezeichneten Roman erzählt Kaddour mit Witz und Weisheit, Poesie und Tempo von einer vergangenen, verblüffend vertrauten Epoche voller Aufbrüche und dramatischer Kollisionen.

»Kaddour versteht es, den Leser von der ersten Seite an zu fesseln: mit psychologischem Feingefühl genauso wie mit stilistischen Finessen und verdecktem ironischen Augenzwinkern.«

Christoph Vormweg, Deutschlandfunk

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Hédi Kaddour

Die Großmächtigen

Roman

Aus dem Französischen von Grete Osterwald

Inhaltsübersicht

Über Hédi Kaddour

Informationen zum Buch

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Erster Teil Der Schock

1 Ein Baum im Wind

2 Der Verrat

3 Die allerbeste Gastfreundschaft

4 Action!

5 Drei Zentner

6 Die alte Frau und die Eier

7 Kuh des Satans

8 Eine Art stillschweigende Vereinbarung

9 Aus guter Schule

10 Eine gut geführte Ehe

11 Die Sache mit dem Eis

12 Der schöne Sommer

13 Ein Auge auf alles

14 Zweierlei Hass

15 In der Markthalle

16 Eine lächelnde Frau

17 Tage der Unruhe

18 Großer Ärger

Zweiter Teil Die große Reise

19 Die Jugurtha

20 Die Nacht und die Träume

21 Die Hand

22 Ein Schnittpunkt von Schmerzen

23 Der Bruder und die Schwester

24 Eine Nacht bei Gabrielle

25 Der Geschmack von Reichtum

26 Das große Gemurmel

27 Ein befreites Land

28 Der Freier

29 Kinder des Vaterlands

30 Für einen Obstgarten

31 In besetztem Land

32 Ein gegrillter Schafskopf

33 Otto

34 Faszination

35 Die Rückkehr

Dritter Teil Ein Jahr danach

36 Wahre List

37 Scaradère

38 Eine Massenaushebung

39 Die Großmächtigen

40 Das Unwetter

41 Die Jagd

42 Ein erbauliches Schauspiel

43 Die Hackfresse

44 Der Abend bei Ganthier

45 Ein Sprengmeister

46 Der Gerstenwind

47 Gleiche Arbeit, gleicher Lohn

48 Das große Manöver

49 Die Höllentiere

Impressum

Erster Teil Der Schock

Nahbès, Nordafrika,Anfang der 1920er Jahre

1 Ein Baum im Wind

Sie las mehr Bücher auf Arabisch als auf Französisch. Das hatte ihren Vater beruhigt, aber schließlich war ihm klargeworden, dass bestimmte arabische Bücher ebenso gefährlich waren wie die französischen. Sie hieß Rania, dreiundzwanzig Jahre alt, formvollendet, Mandelaugen, sie war die Tochter von Si Mabrouk, Mabrouk Belmejdoub aus der Großbourgeoisie der Hauptstadt und ehemaliger Minister des Souveräns. Sie war Witwe, ihr Mann war gestorben, als sie neunzehn war, ein schöner Mann, sie verehrten einander, auch er hatte einen Sinn für Bücher, doch da ihm der Sinn außerdem nach Kämpfen stand, war er im Getöse einer Granate in der Champagne verschwunden.

Sie war zurückgekehrt ins Haus ihres Vaters, der hin und wieder sagte: »Wir haben beide unsere andere Hälfte verloren.« Nach einem Jahr hatte er begonnen, eine neue Partie für sie zu suchen. Sie lehnte die Bewerber nicht ab: »Wenn du willst, dass ich diesen Trottel heirate, werde ich gehorchen«, und dann war es der Vater, dem fast die Tränen kamen, weil sie hinzufügte: »Das wird sein, wie … ein Grab vor dem Tod.« Der Trottel wurde abgewiesen.

Wenn ein anderer Mann vorstellig wurde, qualifizierte sie ihn ohne lange zu fackeln, er war ein Wüstling, ein alter Sack, ein Schlitzohr oder ein Abstauber. Sie verlor sich nicht in Details. Trotzdem beruhigte sie ihren Vater, irgendwann würde sie schon eine gute Partie finden. Er war besorgt, denn sie hatte so etwas wie ein Handicap, sie war größer als die meisten Männer, sie hielt ihren Blicken stand mit der Haltung derer, die von Kindheit an einen Korb auf dem Kopf getragen haben. Zu dem Korb hatte niemand sie gezwungen, aber sie hatte es machen wollen wie die Domestiken.

Um sie zu drängen, weniger schwierig zu sein, hatte ihre alte Dienerin eines Tages die Redewendung fallenlassen: »Ein Apfel, der am Boden liegen bleibt, kriegt Würmer.« Sie hatte erwidert, sie sei keine Frucht. Was die Bücher anbelangt, so diskutierte sie diese mit ihrem Vater wie einst mit ihrem Ehemann, und sie legte keinen Wert darauf, jemandes Frau zu werden, der von ihr verlangte, das zu unterlassen.

Ihr älterer Bruder, Taïeb, drängte sie ebenfalls, wieder zu heiraten. Er hatte sich an eine Frau gebunden, deren Familie noch mächtiger war als seine eigene und die ihn kuschen ließ. »Er hat seine Ehe verpatzt«, sagte Rania, »da sollte meine noch schlimmer sein.« Ihr Vater schützte sie, vergaß aber nie, dass Taïeb eines Tages die väterliche Autorität erben würde.

Mitten im Winter 1920 hatte Onkel Abdesslam, ein Grundbesitzer aus der Umgebung von Nahbès, einer Stadt im Süden, Rania gebeten, sie möge kommen, um seinen Haushalt zu führen: Seine Frau sei krank, bettlägrig. Rania war einverstanden, und Si Mabrouk hatte zugestimmt, erleichtert, sie eine Weile fort zu wissen, fern von den Orten der Trauer, von dem Druck, den Taïeb ausübte, und von gewissen Freundinnen, deren Männer dem Protektorat, das Frankreich in ihrem Land errichtet hatte, immer feindseliger gegenüberstanden.

Rania liebte die Farm, sie war oft dort gewesen in der guten Luft, seit sie laufen gelernt hatte, sie hatte Sträucher gepflanzt, Ziegen gehütet, Wasserrinnen gegraben, mit der Hippe Gerste geschnitten. Lange hatte sie einen dicken Feigenbaum mit Baumhaus und Schaukel zu ihrem Wohnsitz erkoren, bis zu dem Tag, als ihre Tante beschloss, das gehöre sich nicht mehr. Sie hatte den Aufenthalt im Baum mit Streifzügen durch die Felder ersetzt und kannte jeden Winkel der neunhundert Hektar Land. Am Ende hatte man ihr verboten, durch die Felder zu streifen, ohne sittsam und fromm gekleidet und von zwei Dienerinnen begleitet zu sein.

Seit ihrer Hochzeit war sie nicht mehr auf die Farm zurückgekehrt. Ihr Onkel hatte sie am Nahbéser Bahnhof abgeholt. Sie hatte eine Runde um sein Auto gedreht: »Ist das ein Renault?« – »Interessierst du dich für so etwas?«, hatte der Onkel gefragt. »Eine Witwe darf sich für alles interessieren, was erlaubt ist.« – »Erlaubt für einen Mann, nicht für eine Frau.« – »So ein Auto, das könnte mich noch dazu bringen, wieder einen Mann zu nehmen.« Sie gab Widerworte! Der Onkel hatte sich gesagt, es sei wohl besser, sie wieder nach Hause zu schicken, aber ohne seinen Bruder zu kränken. Er würde warten.

Sie hatte ihre Tante umarmt, den Onkel gefragt, welcher Arzt sie behandelte. »Das macht Doktor Pagnon.« – »Pagnon ist ein Metzger!« – »Sie sagt, es ginge ihr besser.« – »Ist Berthommier noch in der Gegend? Lass ihn kommen.« Das war ein Befehl. Mit ernster Miene hatte Doktor Berthommier Beruhigungsmittel für die Schmerzen verschrieben. Rania hatte nicht abgelassen, Befehle zu erteilen. Sie nahm die Dienerschaft in die Hand. »Du kümmerst dich um alles, was das Haus betrifft, wie meine Frau«, hatte Abdesslam gesagt, »und ich, ich kümmere mich weiter um das Land, das Vieh und den Verkauf.« Sie begriff schnell, dass seine Frau sich auch um das Land, das Vieh und den Verkauf gekümmert hatte und dass sie weitaus gefürchteter war als ihr Mann. Auch hier machte die junge Witwe sich unentbehrlich. Niemand beherrschte die Zahlen so wie sie.

Und während sie die gesamte Verwaltung übernahm, konnte ihr Onkel sich weiter um das Wesentliche kümmern: die Sitzungen der Gebildeten und nebenbei auch Trinker, die er zwei Mal wöchentlich in seinem Haus abhielt, eine gemischte Runde in sich gemischter Männer, Konservative voller Reformeifer, Rationalisten, die der Verehrung von Marabuts frönten, sobald ihre Diabetes bedrohlich wurde. »Rissalat at-tawhid«, hatte sie eines Morgens beim Aufräumen der Bücher gesagt, die zwischen den Flaschen im Salon liegen geblieben waren. Angesichts der Miene ihres Onkels hatte sie hinzugefügt: »Das steht doch auf dem Umschlag, oder?«

Der Onkel war nicht darauf hereingefallen, sie kannte, was sie in der Hand hielt, die Abhandlung über das Einheitsbekenntnis von Muhammad ‘Abduh, der als Atheist galt … Ihm schwindelte. Er ließ die Koffer seiner Nichte öffnen, fand darin ägyptische Romane, die von der Befreiung der Frau handelten … die Hachette-Sammlung der großen Schriftsteller, Jean-Jacques Rousseau, Victor Hugo … ja sogar ein Werk über »positive Philosophie«! Seine Nichte wollte mehr wissen als die Männer, das war nicht gut, weder für sie noch für die Familie. Er wagte es, seinen Bruder anzurufen. »Es ist zu spät«, sagte Si Mabrouk, »willst du, dass ich ihr das Lesen verbiete? dass ich sie schlage? sie einsperre? Ich wollte ein wunderbares kleines Mädchen haben, nun ist es groß geworden … Wie geht es deiner Frau?« Das Gespräch hatte lange gedauert, es wurde kühl beendet.

Der Onkel hatte seiner Frau angekündigt, Rania packe ihre Sachen, sie fahre in die Hauptstadt zurück. Die Tante hatte nichts gesagt, eine Frau unterwirft sich. Doch ihr Blick hatte genügt, um ihren Mann aus der Fassung zu bringen: der Schleier des Todes. Man ist machtlos gegen das, was der Tod in den Augen der Frauen aufscheinen lässt. Man hat ihnen immer damit gedroht, und seitdem ist er da, bewegt seinen Faltenwurf hinter jeder Geste ihres Akts der Unterwerfung.

Das Schwierigste war gewesen, Rania zum Bleiben zu bewegen. »Mein Vater wird nicht erfreut sein, wenn man mich wie einen Putzlumpen behandelt!« Schließlich hatte der Onkel gesagt: »Ich verlange nichts von dir … es ist für sie.« – »Für wen?« – »Für sie und … für uns alle.« Rania hatte eingewilligt, den Salon verlassen und im Vorbeigehen die Werke von Djamal Eddine al-Afghâni, einem anderen gefährlichen Reformer, und die Notwendigkeiten des Dichters Al-Ma’arrî mitgenommen. »Sag deinen Freunden, dass ich sie zurückbringe.« Sie hat es nie getan.

Vier Monate danach gab es einen ernsteren Zwischenfall. Er hatte sie beim Lesen einer Zeitung überrascht, keiner französischen Zeitung mit schönen Fotos und Reklame, sondern einer nationalistischen in arabischer Sprache, die Frankreich angriff, für das eigene Land eine Verfassung forderte und niemandem ein Loblied sang, weder dem Souverän noch dessen Ministern. Er hatte geschrien, sie hatte geschwiegen, hatte ihre runde Schildpattbrille abgesetzt, die Zeitung beiseitegelegt, ehe er sie wegnehmen konnte, und sich in aller Bescheidenheit entschuldigt. Der Onkel stellte ihr Fragen, über die Zeitung, über die Welt, sie antwortete mit stockender Stimme, die Hände auf den Knien, Floskeln, abgehackte Wort, konfuse Ideen, genau das, was er im Kopf einer Frau zu finden erwartete, aber wenn man das alles in die richtige Reihenfolge brachte, wurden es brisante Sätze, gefährliche Ideen. Sie wusste viel und wusste es zu überspielen. Sie schwieg nach ein paar Worten, und er war genötigt, eine Frage um die andere zu stellen, er widerlegte, was sie sagte, und sie gab zu, er habe recht, so habe sie die Dinge nicht gesehen, Frankreich sei stärker, nein, sie wisse nicht genau, was das Wort Nation bedeute, Abdesslam war sicher, dass sie log, doch schon kam sie mit einer anderen Idee, dem Selbstbestimmungsrecht der Völker … Und Abdesslams Stimme wurde immer schneidender, je deutlicher er merkte, dass die von ihr angeführten Gründe große Ähnlichkeit mit den Gewissensbissen hatten, die ihn selbst plagen mochten.

In Sachen Religion hielt sie sich zurück, aber er spürte, dass sie über alles auf dem Laufenden war, auch über seinen Besuch des Mausoleums von Sidi Brahim, dem berühmtesten Marabut der Gegend. Er hatte es heimlich tun wollen, ein nächtliches Opfer bringen, etwas verschämt. Das Dumme war nur, dass er den einzigen roten Hahn der Umgebung genommen hatte, ein Tier, das imstande war, mitten in der Nacht zu krähen, ein unbezwingliches Krähen, das alle Leute an die Fenster trieb, bis das Messer die Ruhe wiederherstellte. Sie wusste alles, was er tat, und dass er alles tat, um seine Frau zu retten, ein Hahnenopfer wie auch Opfergaben unter einem Baum, an dessen Ästen jämmerliche Stofflappen hingen. Sie sagte die Dinge nur auf Umwegen: »Manche Gelehrten denken, dass …« Aber ihr Onkel wusste, dass es ihre tiefste Überzeugung war, und Heiligenverehrung, besonders für eine Leserin der Abhandlung über das Einheitsbekenntnis, verachtenswerter Fetischismus. Dabei machte sie nicht die geringste Anspielung auf die Flaschen im Salon.

Am Ende des ersten Jahres war die Tante gestorben und einige Wochen später auch der Onkel, der nicht mehr aß. In seinen letzten Zügen hatte er zu Rania gesagt: »Sei vorsichtig …« Der Grund und Boden fiel an Si Mabrouk, der entschlossen war, alles zu verkaufen und seine Tochter wieder nach Hause zu holen. Sie hatte ihn gebeten, bleiben zu dürfen, das Land bringe genug ein, sie liebe dieses Leben mit Leere um sich und der Macht, Befehle zu erteilen. Si Mabrouk hatte abgelehnt, sie hatte es hinausgezögert, er war in Begleitung von Taïeb aus der Hauptstadt angereist, ihre Stimme war zittrig geworden, als sie darüber sprach, was sie verlassen müsste, Vater und Sohn hatten geschrien, immer lauter. Und sie hatte gewonnen.

Sie war auf den Ländereien geblieben. Si Mabrouk hatte den Renault schließlich abholen lassen, nachdem ihm zu Ohren gekommen war, dass sie ihn fuhr. »Aber doch nur hier, ums Haus herum.« – »Wenn du so weitermachst, hat bald niemand mehr Respekt!« Sie hatte sich für ihre Fahrten in die Stadt ein einspänniges Kabriolett aus der Hauptstadt kommen lassen und fürs Land eine englische Kutsche, eine schöne vierrädrige Kutsche, leicht und solide, überall bequem, ob es über Schlacke, Steine, Wurzeln oder durch den Schlamm ging, gut gefedert und vornweg ein großer Apfelschimmel. Sie hatte einen alten Diener ausgewählt, um sie zu kutschieren, man nannte ihn Ali den Geier, wegen seines Halses und der Nase. Er tat so, als kutschierte er, in Wirklichkeit tat sie es, neben ihm sitzend, mit leichten Kopfbewegungen, denen seine Gesten unverzüglich folgten. Sie fuhr kreuz und quer über die Ländereien, und wenn sie ein Feld erreichte, auf dem gearbeitet wurde, blieb sie in der Kutsche, abseits, an einem Ort, der einen guten Überblick gewährte. Manchmal ließ sie sich vom Flug eines Stars oder der luftigen Lauer eines Rüttelfalken ablenken, während Ali der Geier den Bauern Anweisungen gab, denen diese zustimmten, indem sie das Gesicht in Richtung Kutsche wandten. Es kam auch vor, dass sie sich der Gruppe hinzugesellte, einen Klumpen Erde aufnahm, ihn zerbröckelte oder sich das Korn einer Ähre in die Hand rieseln ließ, während alle auf ihre Entscheidung warteten. Ihre Hände mit oft abgebrochenen Fingernägeln waren groß und schlank.

Sie kam in aller Frühe für die Arbeitsplanung. In der Pause sah man sie erneut, unter dem ungetrübten Himmel der Mittagszeit. Sie brachte nicht Brot und Öl wie die anderen Herrschaften, sondern Lamm-Tajine, Tomaten, Obst. Und diejenigen, die sie dafür segneten, taten es nie wieder, denn sie sagte, Herrschaften, die sich segnen ließen, seien nur Heiden und ihre Segenspender Heuchler. Niemand wagte sich dem zu widersetzen, was sie offensichtlich wünschte: gut gemachte Arbeit, pünktlich, ohne Streitigkeiten oder Faulenzerei. Die Kutsche war rot, man sah sie von ferne.

Am Ende des Nachmittags kam sie wieder, für die Bilanz. Diese Frau hat das Aug’ des Herrn, sagten die Bauern, ein Auge, unter dem das Vieh fett wird. Sie liebte es, auf dem Rückweg zur Farm auszusteigen und allein vor der Kutsche herzugehen, den Boden knistern zu hören, die Luft auf ihrem Gesicht spielen zu lassen, im Gehen das Gefühl zu haben, sich selbst voraus zu sein, indem sie sich sagte: dieses Feld muss entsteint werden, man achtet nicht darauf, man lässt die Erde gewähren, und sie bringt ihre Steine wieder an die Oberfläche, unmerklich, und weil es unmerklich ist, macht sich niemand an die Arbeit, ihnen sagen, es bald zu tun…

Die letzten Sonnenstrahlen warfen ein sanftes Licht auf die dicken grünen Sprosse der Kakteen, die den Rand eines Feldes säumten; am Himmel, dessen Blau allmählich dunkler wurde, war eine einzige kleine Wolke … mein Denken reicht bis zu dieser Wolke … »Hier«, hatte ihr Mann ihr aus dem Krieg geschrieben, »haben wir graue Wolken für den Regen und gelbe Wolken für den Tod.« … Sie ging an einem anderen Feld entlang, atmete die Luft, die in Windstößen vom Meer her kam … der Wind ist der Gefährte der Witwen … ihre Augen blieben an dem Raps hängen, ihr Onkel hatte den Raps gewollt, um den Franzosen gefällig zu sein, es war idiotisch, Raps im Land der Palmen und Oliven, aber nicht idiotisch für die Franzosen, eine Kolonie müsse fürs Mutterland produzieren, sagten sie, trotzdem idiotisch, und doch bewahrte sie den Raps, fürs Vieh, weil sie die großen gelben Flecken seiner Blüte liebte und weil ein Franzose, der bei ihrem Onkel verkehrte, einmal auf eines der blühenden Felder gedeutet und zu ihr gesagt hatte: »Hier geht es los, und dann, Woche für Woche, taucht das Gelb erst in Italien auf, dann in Frankreich, in Deutschland, in Polen, in Russland, bis hin zum Ural, die große Rapsreise« … sie ließ das Feld hinter sich, blickte in die Ferne, auf eine weiße Marabut-Kuppel an der nördlichen Grenze ihrer Ländereien, am Wegesrand gab es auch Wildwuchs … ahdâth al-yaoum mithla l’haschâ’isch … die Ereignisse des Tages sind wie Wildwuchs … mein Leben hat keinen Wildwuchs mehr… ich lebe in zwei Gefängnissen, das zweite besteht aus den Wänden meines Herzens… Wildwuchs im tiefsten Herzen hegen … ich habe ihm einen Brief geschrieben und alles liegt in seiner Hand, mit meinen Tränen… ich habe den Brief nicht abgeschickt … habe ihn verbrannt, ich war genau wie das Blatt Papier, das sich vor der Flamme zurückzog… besser verbergen… eine Liebe, die sich zeigt, ist in Gefahr.

Sie haderte mit sich, wehrte das Träumen ab, ging weiter, zwischen Träumerei und Gedanken. Als etwas Regen fiel, hielt sie inne, über den rötlichen Ufern des Wadi nach dem Aufkommen eines Regenbogens spähend, die Bauern nannten das ’ars addîb, die Hochzeit des Schakals.

Am Ende hatte sie die Krankheit der reichen Bauern bekommen, den Landhunger, und ärgerte sich, dass sie sich eine Parzelle von achtzig Hektar im Norden ihrer Ländereien hatte entgehen lassen. Ein Siedler, Ganthier, der größte Grundbesitzer der Region, hatte sie sich geschnappt, sie einem anderen Franzosen abgekauft, der an der Côte d’Azur alt werden wollte. Rania hatte ihren Vater gebeten, ein Angebot zu machen, aber Ganthier hatte den Zuschlag bekommen. Der Besitzer hatte Ganthier anvertraut: »Mabrouk Belmejdoub, der ehemalige Minister, hat mir mehr dafür geboten, aber man hat mir geraten, sie Ihnen zu verkaufen, es scheint, dass die Franzosen zusammenhalten müssen, auch bei Geschäften!«

Ganthiers Plan war einfach, er würde einen Tausch anbieten, die neu erworbene Parzelle gegen eine andere, die zwischen seinen Gütern und denen von Mabrouk Belmejdoub lag. Das liefe darauf hinaus, Ganthiers Ländereien zu vereinigen und die seines Nachbarn und dessen Tochter nach Norden zu verschieben. Die Parzelle, die Ganthier zum Tausch anbot, war größer, und Si Mabrouk war einer derartigen Flurbereinigung nicht abgeneigt. Rania hatte widersprochen. Gewiss, auf lange Sicht würde Ganthier bekommen, was er haben wollte. Aber in der Zwischenzeit müssten seine Arbeiter und seine Maschinen samt dem Vieh das Land der Witwe durchqueren, über einen Weg, der dreihundert Meter entfernt an ihrer Veranda vorbeiführte … Nein, eine Gebühr wollte sie nicht erheben, das wäre unter ihrer Würde, aber Ganthier müsste um Erlaubnis bitten, auch für sich selbst, der sich seiner so sicher war, so selbstherrlich einherritt. Denen, die sich wunderten, dass er sich geduldete, antwortete der Siedler, man könne einen ehemaligen Minister nicht behandeln wie einen armen Stamm, und schon gar nicht, wenn der ehemalige Minister das sei, was man einen »großen Freund Frankreichs« nenne.

Rania ersparte dem großen Freund Frankreichs übrigens nicht den Anlass für gewisse Wutanfälle, wie etwa an dem Tag, als er erfuhr, das Kabriolett seiner Tochter sei nur ein paar Schritte vom Nahbéser Justizpalast entfernt gesichtet worden, während drinnen der Prozess gegen die Aufrührer von Asmira stattfand, Bauern, die im Februar 1922 mit Steinwürfen und Büchsen gegen einen Landverkauf aus dem Kollektiveigentum protestiert hatten. Vor dem Kabriolett habe ein großer Karren mit Nahrungsmitteln gestanden, welche an die Familien der Angeklagten verteilt worden seien. Die Obrigkeit hatte nicht eingegriffen: Bedürftige zu ernähren war eine heilige Pflicht, selbst wenn es sich um Verwandte von Aufrührern handelte. Außerdem waren Journalisten als Prozessbeobachter zugegen, darunter eine Frau, die aus Paris gekommen war, wo sie das Gehör der Mächtigen hatte, man musste zeigen, dass der Arm Frankreichs stark, aber nicht unmenschlich war, und die Tochter Belmejdoub war immerhin die Witwe eines Mannes, der auf dem Feld der Ehre gefallen war. In einem Bericht wurde darauf hingewiesen, dass besagte Journalistin, ja, Conti, Gabrielle Conti, gelegentlich mit dem Kabriolett abfuhr. Für alle Fälle hatte man eine Akte angelegt, ziemlich gespickt mit Informationen. »Sie liest zu viel, diese Tochter Belmejdoub, das ist nur eine kleine Bovary«, hatte der Oberkommissar gesagt, glücklich über die Gelegenheit, Ganthier seine Bildung vorzuführen. »Eine Bovary, die Rousseau und Sheikh ‘Abduh liest«, hatte Ganthier erwidert, indem er den Polizeibericht zurückgab, »keine Romane für Kammerzofen, ich kannte sie schon als kleines Mädchen, sie wird gefährlich.«

Rania las auch Zeitungen aus Paris, L’Avenir und L’Illustration. Sie verweilte bei Fotos, denen von Latife Hanim, der jungen Ehefrau des neuen Herren der Türkei, Kemal Atatürk: Sie trug einen schwarzen Mantel, eine Persianerkappe, und sie inspizierte die Truppen in Istanbul an der Seite ihres Mannes, zu Pferde, ganz ohne Schleier. Auf anderen Fotos empfing Latife Hanim ausländische Botschafter. Es war auch die Rede von Vorbereitungen einer offiziellen Reise, gemeinsam mit ihrem Ehemann, einer großen Reise nach Deutschland.

Rania blätterte die Seiten durch, sie hatte ein Lieblingsfoto, wartete gespannt darauf, in jeder Nummer der Illustration kehrte dieses Foto wieder, eine Frau »im Fond eines Innenlenkers«, hieß es in der Reklame. Die Frau sah aus wie eine Prinzessin, man sah ihre Fußgelenke und den Ansatz ihrer Brust … Chauffeur, en route! Rania begab sich im Traum auf eine Deutschlandreise, während sie in ihr weites traditionelles Gewand schlüpfte, das dazu bestimmt war, alles zu verdecken, ein grauer Kaftan, der ihre Gestalt verdunkelte, ohne die Hüftbewegung zu verbergen, nicht die der Koketten, nein, eher die Bewegung eines Baums im Wind. Sie trug einen Schleier vor dem Gesicht, wenn sie in der Stadt war, jedoch nicht auf der Farm, oder aber sie begnügte sich mit einem Tuch nach Art der Ägypterinnen, das man mit der Hand über Mund und Nase ziehen konnte. Sie träumte auch von einem Unterkleid aus glänzendem Satin, Gabrielle Conti würde ihr eines aus Paris besorgen, in Blassrosa. Sie führten lange Gespräche auf der Veranda der Farm, die Journalistin kannte die Türkei, den gesamten Mittleren Osten, Rania erzählte ihr von ihrem Land, Gabrielle hatte versprochen, niemals ihren Namen zu nennen, und so nährte Rania heimlich die Kolumnen der Journalistin. Sie formte ihr eigenes Denken, indem sie es Gabrielle mitteilte, die Haltung der Männer, ihre Missachtung der Frau … es ihnen zeigen … den Koran zitieren … die Gelehrten … sie beschämen … L’Illustration war eine Kolonialzeitschrift, aber sie liebte es, manche ihrer Worte darin wiederzufinden.

2 Der Verrat

Am Ende des Frühjahrs 1922 hatte Rania in Nahbès auf der Avenue Jules-Ferry die plötzliche Ankunft einer ganzen Schar lärmender Ausländer erlebt, die schönere Autos fuhren als die europäischen Siedler, weiße Karossen mit aufklappbarem Verdeck und riesigen Drahtspeichenrädern, dazu Scheinwerfer groß wie Pferdeköpfe. Sie trugen die gleichen Golfhosen und -kappen, die sie immer in den Zeitschriften sah, und riefen sich quer über die Straße zu, als wären sie zu Hause. Es hatte sie unangenehm berührt. Im Inneren ihres Kabrioletts sitzend, wollte sie dem Kutscher gerade das Zeichen zum Aufbruch geben, als ihr Cousin Raouf sich näherte und sie respektvoll ansprach. Sie brauchte ihn nicht auszufragen, er war stolz, mit seinen achtzehn Jahren besser Bescheid zu wissen als sie, ja, das seien Amerikaner, die seien da, um einen Film zu drehen, Der Wüstenkrieger. Sie war fasziniert und feindselig zugleich, sah sich schweigend um, sagte sich, das sind die Menschen der kommenden Zeiten, aber sie kommen nicht wie Reisende, denen man sagen kann, »seid willkommen« … aber auch nicht, wie die Franzosen gekommen waren, mitl ennâr ‘ala lkabid, wie Feuer auf die Leber… warum sehe ich mich nach ihnen um? weil die kommenden Zeiten mir nichts anderes zu bieten haben? wie heißt dieses Auto? ich betrachte es, ich akzeptiere, dass es da ist… und diese Frauen, wie haben die es nur angestellt? möchte ich so werden wie das, was ich sehe, nackte Beine haben und einem Mann lachend auf den Rücken klopfen? mitten auf der Straße? mitten auf der Straße vielleicht nicht.

Auf der Avenue taten die Passanten, Einheimische wie Europäer, sehenden Auges, als sähen sie nichts, weniger verstört wegen der Golfkappenträger als wegen der jungen Frauen, die sie begleiteten und von denen einige am Steuer saßen; man fragte sich, wer das erlaubt haben mochte, ein Trugschluss zu glauben, der Krieg habe die Welt vollständig zerstört, ihre Kleider ließen mehr Haut blicken, als der Teufel es verlangt hätte, und dann setzten sie sich auch noch ohne Männer auf die Terrassen der Cafés, was selbst die kessesten Französinnen oder Italienerinnen der Stadt niemals wagen würden.

Zu guter Letzt hatte Raouf ein paar Einzelheiten preisgegeben, ein Film mit einem Sheikh, dessen Rolle von einem Star gespielt würde, es müssten um die fünfzig Amerikaner sein, sie erregten Aufsehen, aber das störe vor allem die Franzosen, die es nicht leiden könnten, wenn man Leute bestaunte, die größer und reicher waren als sie selbst, und weißt du, es scheint, dass einige gegen den Kolonialismus sind!

Nach einer Weile wurde es dem jungen Mann peinlich, noch länger vor der einen Spaltbreit geöffneten Scheibe des Kabrioletts zu stehen, Rania und er waren verwandt, aber was hieß das schon, er setzte eine liebevolle Miene auf, Rania spürte, was dahinter steckte, Monsieur wollte sich verabschieden, sie erklärte unvermittelt, sie müsse auf die Farm zurück, winkte ihm, der kleine ockergelbe Spitzenvorhang senkte sich hinter der Scheibe, und das Kabriolett verschwand von der Avenue Jules-Ferry, überließ die Ausländer dem Skandal, den sie provozierten, und die Einwohner ihren ganz neuen Emotionen.

In der Stadt nahmen die Kommentare in den folgenden Tagen ihren Lauf. Im Cercle des Prépondérants, dem Kreis der Großmächtigen, dem die einflussreichsten Franzosen angehörten, sagte sogar jemand: »Wenn die sich hinsetzen, sieht man alles!«, und der Vorstand des Cercle beschloss, dass man diese Personen nicht empfangen werde. Der Beschluss wurde eingehalten, bis man erfuhr, dass eine der Amerikanerinnen, eine in der Öffentlichkeit rauchende Pressereferentin, bemerkt hatte: »Die rückständigsten Leute unseres Landes, die Sklavenhalter, sind aufgeschlossener.« Eine Befürchtung durchzuckte nun die kleine Kolonialwelt, die Befürchtung, in den amerikanischen Zeitungen für rückständiger als die Sklavenhalter erklärt zu werden. Man öffnete den jungen flappers, wie der ihre Sprache sprechende Kommandant Monsieur de Saint-André sie nannte, die Türen des Cercle. Ein Satz, der den gesamten Vorstand zum Lachen brachte, erlaubte ihnen, das Gesicht zu wahren: »Solange sie ihre Negerinnen mit unseren Fatmas in der Anrichte lassen …« Eine der Damen des Cercle, die Gemahlin von Maître Doly, eine hagere Gestalt, etwas verunglückt, mit flach zum Nacken hin anliegenden Ohren, fragte den Kommandanten, was dieses Wort bedeute, »flapaires«, wobei ihre Frage, falls die Antwort die Grenzen des Anstands überschreiten sollte, selbstverständlich zu vergessen sei. Der Kommandant beruhigte sie, das Wort erinnere an das Flügelflattern eines jungen Vogels vor dem Abflug. »Na dann willkommen, Vögelchen!«, schloss Madame Doly mit gerecktem Kinn.

Im Cercle benahmen sich die Vögelchen sehr gut. Sie waren als Gruppe gekommen, mit mehr Stoff bekleidet als gewöhnlich. Sie zeigten, dass sie einen Tee in guter Gesellschaft einnehmen, ein Gespräch in fehlerfreiem Französisch führen und auf ihrer Stuhlkante sitzenbleiben konnten, während Madame Doly ihnen erklärte, was das Wort Großmächtige bedeute, nichts einfacher als das, wir sind einfach viel zivilisierter als all die Eingeborenen, wir haben viel mehr Gewicht, deshalb haben wir die Pflicht, sie zu führen, auf sehr lange Zeit, denn sie sind sehr langsam, und wir schließen uns zusammen, um es so gut zu machen wie nur möglich, wir sind die größte Vereinigung, die mächtigste Organisation des Landes! Die Amerikanerinnen sprachen auch über Balzac und über Ravel, derart, dass sie ihre Gesprächspartnerinnen in Verlegenheit brachten, aber dann verstanden sie es genauso gut, in helles Entzücken auszubrechen über die gestärkten Kleider und die Strohhüte mit angenähten roten Holzkirschen an der Krempe, dem letzten Schrei der Kolonialmode. Die ganze Spannung war verflogen, sogar Eintragungen als Ehrenmitglieder wurden in Erwägung gezogen, wie man zum Abschied bei Küsschen und Umarmungen zu verstehen gab.

Die Amerikanerinnen hatten die Begegnung marvelous und fantastic gefunden, aber sie kamen nicht wieder. Sie machten den Cercle mit seinen großmächtigen Damen und Herren nicht zu ihrem Lieblingsort. Ihre Tanztees, vor allem ihre geselligen Abende waren für den Salon des Grand Hôtel bestimmt, des luxuriösesten und neuesten der drei Hotels von Nahbès, Avenue Jules-Ferry, ein riesiger Salon, furniert mit rotem Zedernholz, dessen große Glasfenster auf einen baumbestandenen Park hinausgingen.

Die amerikanischen Abende waren bald die Attraktion der Stadt. Das istVerrat! sagten die französischen Damen, denn kaum war eine Anstandsfrist verstrichen, nahmen viele der Nahbéser Herren die Gewohnheit an, sich im Grand Hôtel zu zeigen. Und dieser »Verrat« wurde vor allem von denen geübt, die ein Beispiel an Reserviertheit und Zurückhaltung hätten geben müssen, den Offizieren des Standorts. Die Offiziere verteidigten sich, es könne kein Verrat sein, wenn sie zu diesen Abenden gingen, denn sie täten es in dienstlichem Auftrag, auf mündliche Anweisung des Oberkommandeurs der Garnison, um die Präsenz Frankreichs, der Schutzmacht des Landes, vor diesen Amerikanern zu demonstrieren, die seit der Erklärung ihres Präsidenten Wilson dazu neigten, allen möglichen Unsinn über das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu erzählen. Und im Übrigen wären sie, die Offiziere, ja bereit gewesen, ihre Ehefrauen mitzunehmen, hätten selbige nicht öffentlich Gift und Galle gespuckt ob dieser »leichten Geselligkeiten«, ein Ausdruck, in dem das Adjektiv eine sehr wichtige Rolle spielte, denn obschon es zuerst die Geselligkeiten bezeichnen sollte, war es, einmal ausgesprochen, doch frei, sich – in der Stille der Anspielungen – auf die jungen Frauen zu beziehen, die im Mittelpunkt des Ganzen standen.

Diese Verbissenheit der Nahbéser Damen blieb allerdings nicht ohne Nachteile für sie, denn durch die Anwesenheit des großen Filmteams war in ihren Reihen eine Krise unerhörter Sehnsucht nach Romanzen ausgebrochen, eine Krise, deren wesentlicher Auslöser Francis Cavarro war, der »Star« des Films, wie man sagte. Von ihm träumten alle Frauen, auch jene, die die »flapaires« nicht leiden konnten, dass sie eines Tages so mit ihm würden sprechen können, wie sie es laut in ihren Träumen taten, Träumen, die man träumt, wenn der Ehemann bei der Arbeit ist, die Kinder in der Schule und die Dienstmädchen in der Küche … diejenige zu sein, die Cavarros Aufmerksamkeit erregt … auserwählt unter allen in der Menge des Publikums … Cavarro, das war der zweite Valentino, nur viel besser im Spiel, Cavarro ein Lächeln zu entlocken, während man ihm eine Tasse Tee reichte, unter der Tasse seine Finger zu berühren … er war groß, rabenschwarzes Haar, leicht mit Pomade gestriegelt, griechische Nase, blaue Augen, lange Hände, energisches Kreuz, man hatte ihn in Der Überlebende von Zenda bewundert, und siehe da, auf einmal hätte man die toten Jahre vergessen und tatsächlich mit ihm sprechen können, ihn beiseitenehmen, von ihm in die Arme genommen werden oder ihm einfach lauschen können, denn eines Abends würde er bereit sein, sich ans Klavier zu setzen und zu singen, die Augen durch einen Rosenstrauß hindurch auf diejenige gerichtet, die seine Auserwählte wäre, die er einladen würde zu einer Spazierfahrt in seinem mythischen Automobil, das er mitgenommen und bis nach Nahbès hatte transportieren lassen, seinem Silver Ghost, einem Rolls Royce, den er selber fuhr.

Jeden Tag gegen sechs Uhr abends, kurz nachdem die Dreharbeiten an einem Ort außerhalb der Stadt beendet waren, sah man den Silver Ghost langsam, mit zurückgeschlagenem Verdeck, die Avenue Jules-Ferry entlanggleiten. Immer gefolgt von einer Bande kreischender Gören, die sich vor dem Hotel um das Recht stritten, die Türen eines Rolls zu öffnen, eines so unvergleichlichen Gefährts, dass der Zivilkontrolleur Claude Marfaing, Inhaber der Kolonialmacht über die gesamte Region, wenn er den Silver Ghost in der Nähe wusste, es tunlichst vermied, mit seinem eigenen Wagen herumzufahren, einem Panhard & Levassor immerhin, aber nur wenige Frauen träumten wirklich davon, einen Sonnuntergang auf dem Beifahrersitz des Panhard & Levassor des Zivilkontrolleurs zu erleben, während die griechische Nase, das rabenschwarze Haar, die langen Hände, der Rolls Royce des großen Francis Cavarro jeden Tag von zahllosen weiblichen Seelen in heldenschmachtender Not herbeigerufen wurden, Seelen, deren romantische Träume jedoch Träume blieben, und zwar solche von der unglücklichsten Art, die einen, gerade weil sie so greifbar nahe sind, umso mehr die eigene Unzulänglichkeit spüren lassen.

Das war eine dumme Situation, und mehr als eine der respektablen Frauen, die die »leichten Geselligkeiten« verdammt hatten, hatte anschließend versucht, sich Zutritt zu verschaffen. Keine hatte eine Lösung gefunden, denn bei dem, was sich im Grand Hôtel abspielte, gab es etwas Schlimmeres als das freizügige Benehmen junger Mädchen, die am Ende doch heiraten und Kinder kriegen würden wie alle anderen; es war etwas geschehen, was jeder um ihre Würde und die Beispielhaftigkeit ihres Volkes besorgten Französin verbot, zur Stunde nämlicher Geselligkeiten auf der Avenue Jules-Ferry zu erscheinen, an einem der neuralgischen Punkte der Stadt, einer Doppelstadt auf einem Plateau am Meer, die durch das Bett eines tief gefurchten Wadi senkrecht zur Küste in zwei Teile geteilt war, jahrhundertelang aber nur die Seite rechts des Wadi eingenommen hatte, während die linke später ausschließlich von französischen Kolonisatoren besiedelt worden war, zwei ganz verschiedene Städte, hier die alten Festungswälle, die Moschee und die Souks, dort die Post, der Bahnhof, das Krankenhaus und die Avenue Jules-Ferry, eine Eingeborenenstadt und eine Europäische Stadt, die im Fall von Unruhen mithilfe einer Kompanie senegalesischer Tirailleure, die man in der Schlucht auf der einzigen Brücke zwischen beiden Teilen postierte, im Nu voneinander isoliert werden konnten, eine Doppelstadt voller Stolz auf das, was man ihre harmonische Dualität nannte.

Und genau das war es, was den französischen Damen verbot, die Salons des Grand Hôtel zu betreten, denn die Amerikaner hatten die Gewohnheit angenommen, »Eingeborene« einzuladen, dies ist das Wort, das die Kolonisten gebrauchten, wenn sie außerhalb des Rahmens offizieller Reden von den Einheimischen sprachen, sie hätten auch »Araber« sagen können, aber das hätte den Nachteil gehabt, die im Land geborenen Juden nicht in ihre Verachtung einzuschließen, kurz, die Amerikaner behandelten die Eingeborenen mitten in der Europäischen Stadt wie ihresgleichen, die gebildeteren natürlich, jene, die auf französische Schulen gegangen waren oder noch gingen, junge Bourgeois, aber eben jene, die auf eine katastrophale Umwälzung der bestehenden Verhältnisse drängten. Und wenn es in der modernen Stadt bereits einige Orte gab, einige Cafés zum Beispiel, wo die beiden Gesellschaften, Europäer und Eingeborene, einander begegneten, traf man dort doch keine Frauen an, und man gruppierte sich in bestimmten Abschnitten des Raums oder der Terrasse, stets getrennt durch eine Reihe staubbedeckter Tische, die im allgemeinen Einvernehmen nie besetzt wurden und die abzuwischen alle Ober geflissentlich vermieden.

Die einzige Welt, in der bis dato eine Vermischung erfolgte, war die der Bolschewisten, der Gewerkschaftler, der Sozialisten, der Aktivisten aller Völker, die sich versammelten, um ein Leben vorzubereiten, das niemand je haben würde, zahlenmäßig wenige, die nach den Bestimmungen des Protektorats notfalls – wenn es sich um Kontinentalfranzosen handelte – ins Mutterland zurückgeführt, oder – wenn es Einheimische waren – interniert werden durften. Außerdem gab es natürlich all die protokollarischen Anlässe mit anschließendem Mechoui, zu denen alle eingeladen waren, aber auch dort hatten die Dinge ihre vollkommene Ordnung, jedem sein Rang, jedem sein Bereich.

Die Abende im Grand Hôtel waren etwas anderes, ein Sammelsurium, so hieß es, von Arabern, Juden, ja sogar Italienern, die sich unter die Franzosen und Amerikaner mischten, mit Musik, Alkohol, Tanz, Geklapper von Absätzen, Armreifen, und vor allem Gelächter, dem allzu freien Lachen und Kreischen dieser Frauen von der anderen Seite des Atlantiks, ein ganzes Aufgebot an Schauspielerinnen, Assistentinnen, Maskenbildnerinnen, Sekretärinnen, Pressereferentinnen, Journalistinnen und Produzententöchtern, alle jung und lebhaft, schöne Aufziehpuppen mit geradem Rücken, gerader Stirn, gerader Nase und lebhaften Beinen, die ihre Hand auf die Schulter eines Mannes legten, ohne auch nur dessen Namen zu kennen, ohne sich um seine Herkunft zu scheren, und jeder beliebige Mann konnte beim Tanzen seine Hand auf eine weibliche Hüfte legen, ohne Korsett, wenn nicht gar entblößt und schweißnass vor Spaß an der Freude.

Noch betraf das nur eine Minderheit, aber der Schaden war schon angerichtet, diese Leute bildeten sich tatsächlich ein, die Zukunft vorzubereiten! Im Kreis der Großmächtigen wies man übrigens auf zwei Dinge hin, zum einen, dass die Eingeborenen sich wohlweislich hüteten, ihre eigenen Frauen zu diesen Geselligkeiten mitzubringen, und zum anderen, dass die »wahren Araber«, die traditionstreuen, die Gläubigen, und Sie wissen ja, wie die Menschen hier glauben können, die wahren Araber also, diese Versammlungen im gleichen Maß missbilligten wie die verantwortungsvollsten Franzosen und dass sie ein Verbot forderten, ebenso wie ein Drehverbot für diesen Wüstenkrieger, ein satanisches Unternehmen, die bildliche Darstellung von Menschen. Ohne so weit gehen zu wollen, hatte man erwogen, Druck auf die Hotelleitung auszuüben, damit dieses unkontrollierte Feiervolk an einen privaten Ort zog, statt die schockierende Attraktion des Stadtzentrums zu sein. Doktor Pagnon, der neben dem Anwalt Jacques Doly als der einflussreichste der Großmächtigen von Nahbès galt, hatte die Chefs seiner Organisation in der Hauptstadt verständigt, aber er hatte die Antwort bekommen, im Moment könne man nicht viel tun: die Leute aus Hollywood und New York seien in Gegenwart ihres Konsuls und des Generalresidenten von Frankreich vom Souverän empfangen worden, der Souverän habe dem Regisseur des Films, Neil Daintree, sogar den »Orden der Throngefährten« verliehen …

Für den Generalresidenten war der Film zu einer Staatsaffäre und Nahbès zum Drehort eines hochgeschätzten Werks geworden, die USA kamen dorthin, um einen Film über den guten Araber zu machen, über einen Sheikh, der kein heuchlerischer Plünderer oder fanatischer Rebell war, sondern ein edler Reiter und würdiges Stammesoberhaupt, erst Feind, dann Freund der Ungläubigen und des Fortschritts, und gespielt von einem Weltstar. Man müsse mit der Zeit gehen, hieß es schließlich aus Paris. Bei genauer Betrachtung sei das Filmdrehbuch nicht subversiv, es sei eine Hymne auf eine wohlverstandene Brüderlichkeit, die Europäer, Eingeborene und Amerikaner in der glücklichen Feier eines für das ganze kommende Jahrhundert hergestellten Gleichgewichts vereine. Es kam sogar vor, dass manche Kolonisten diese Politik verteidigten, sie sagten, man müsse die Ratten füttern, um die Vorräte zu sichern. Die wahren Großmächtigen beschimpften sie als halsbrecherische Abenteurer.

3 Die allerbeste Gastfreundschaft

Manchmal kam Gabrielle Conti schon früh am Morgen, um Rania zu besuchen und querfeldein die letzte Frische der Nacht zu genießen, das war ihre Entdeckung. »Wissen Sie«, sagte die Journalistin, »ich bin das, was man ein Pflasterblümchen nennt, ich kann schreiben, ›die Wiesen singen dem Boden nah leise gegen das Unglück‹, aber ich bin unfähig, irgendeine Pflanze zu benennen.« Sie gingen langsam, mit weiten Schritten, die Luft war noch nicht drückend, es roch gut nach Erde, und Gabrielle sagte: »Die Männer würden unseren Gang nicht sehr weiblich finden, nicht gehemmt genug.« Sie blieb oft stehen, fragte: »Das da, was ist das? die sind überall!« Sie deutete auf einen Stängel mit fiedrigen grünen Blättern, gekrönt von einem weißen Doldenstand. »Ein Hexenkraut«, sagte Rania, »Schierling.« Sie gingen weiter. »Und das da, das kann man essen!«, Rania deutete auf eine Hecke aus Feigenkakteen, deren dicke Sprosse mit eiförmigen, gelblich roten Beeren besetzt waren, »karmouss ennsara, Christenfeige, wie sie bei uns heißt, während ihr in Frankreich figue de Barbarie sagt … aber wir haben recht, schließlich habt ihr sie eingeführt … dicke Kakteenbüsche für eure ersten Einfriedungen … man kann sie essen, aber das Pflücken ist nicht so einfach, die Stacheln sind gefährlich, das machen wir ein andermal.« Zu ihrer Linken hielt sich ein graublauer Raubvogel im Rüttelflug fast reglos etwa zwanzig Meter über dem Boden, »der ist auf der Lauer«, sagte Rania, »ich sehe ihn jedes Mal, wenn ich spazieren gehe, ich bilde mir gern ein, es sei immer derselbe, ein Gefährte, aber das ist nicht so sicher, und wenn er in unserer Nähe bleibt, dann nur, weil wir Waldmäuse oder Wühlmäuse aufscheuchen, wir sind seine Treiberinnen.«

Gabrielle wartete ihre Rückkehr auf die Veranda ab, um von den Abenden im Grand Hôtel zu erzählen. Sie ließen sich einander gegenüber zu einem Frühstück nieder, bei dessen Anblick der Journalistin ein Seufzer entfuhr. Sie schob den Teller voll Rautengebäck mit Honig und Mandeln weit von sich, nachdem sie ein oder zwei Stück genommen hatte, und streckte schließlich, zur zweiten Tasse Kaffee, den Arm nach einem dritten aus … dann legte sie los mit ihrem Bericht, ohne nach einer Weile noch zu merken, wie viele sie eigentlich aß, Rania hütete sich, sie zu unterbrechen, nur einmal fragte sie trotzdem, ob es an diesen Abenden so ähnlich zuginge wie auf dem Opernball, von dem sie in den Zeitschriften aus Paris Zeichnungen und Gemälde gesehen hatte. Gabrielle sagte lachend, so seien die Frauen dort nicht gekleidet, und versprach, ihr Fotos mitzubringen. Rania ärgerte sich, die Frage gestellt zu haben, sie ärgerte sich auch ein wenig über Gabrielle, warum hat sie gelacht? weil ich nichts weiß? weil die Welt eine Welt geworden ist, in der es lächerlich erscheint, den Unterschied zwischen einem Opernball und den Abenden im Grand Hôtel nicht zu kennen? ich dachte, es wäre genug, den Unterschied zwischen Stendhal und Zola zu kennen, aber sie lacht, ohne sich etwas Böses dabei zu denken, und das tut erst recht weh, zumal ich nicht darauf vorbereitet war, ich brauche mich nicht rückständig zu fühlen, ich tue mir selber weh, den ganzen Tag, sa’atunâ ka dibât’u … unsere Stunden sind Hyänen, und was man in den Romanen oder Zeitungen liest, macht einfach Lust, an Abenden teilzunehmen, an denen ich nicht teilnehmen darf… Rania versuchte auch, Raouf zum Reden zu bringen, aber der antwortete kurz angebunden, er wisse von nichts und habe nicht die geringste Lust, es zu erfahren. Sein Ton war gezwungen und sagte zweifellos etwas anderes als seine Worte, aber Rania fragte nicht weiter nach. Sie hütete sich, ihrem Cousin zu sagen, er lüge und es stehe ihm natürlich frei, sich in einem Hotel von Ausländerinnen den Kopf verdrehen zu lassen.

Sie täuschte sich, denn es war nicht im Grand Hôtel, wo Raouf das Leben, das er bisher zu führen glaubte, eine neue Wende hatte nehmen sehen. Er hatte gerade sein Bakkalaureat gemacht und traute sich noch nicht, an einem derartigen Ort in Erscheinung zu treten. Den Amerikanern war er auf Wunsch seines Vaters Si Ahmed, der als Caïd von Amts wegen die Macht des Souveräns in der Region repräsentierte, bereits am Tag nach ihrer Ankunft begegnet. »Ich möchte«, hatte Si Ahmed zu ihm gesagt, »dass du dich um die beiden wichtigsten Persönlichkeiten kümmerst, um denjenigen, den man Regisseur nennt, und seine Frau … die Schauspielerin … sie brauchen … die allerbeste Gastfreundschaft …« Raouf hatte verstanden, die Franzosen sollten nicht als die alleinigen Herren auftreten, wenn die Amerikaner sich hier einrichteten, aber er war deshalb noch lange nicht bereit, zum Werkzeug der väterlichen Politik zu werden, einer seltsamen Politik, angepasst an die der Franzosen, »man muss immer neben dem Boot schwimmen«, pflegte der Caïd zu sagen, vollzog jedoch manchmal unvorhersehbare Abweichungen, um ebenso unvorhersehbar auf den rechten Weg zurückzukehren, und jetzt galt es also, liebenswert zu Ausländern zu sein, von denen sein Vater doch sagte: »Ihre Erklärungen über das Selbstbestimmungsrecht der Völker … die Demokratie … das ist Wahnsinn … reiner Kommunismus!« Der Vater beauftragte seinen Sohn, den Neuankömmlingen das Leben zu erleichtern, während er sich selbst im Hintergrund hielt, sodass er … sollte es Probleme geben … aber nein, so etwas täte sein Vater nicht, nicht solche Heuchelei, obwohl einer seiner Lieblingssprüche war: »Heuchelei ist die Waffe der Besiegten.« Raouf hatte schließlich gesagt, er werde tun, wie ihm geheißen, wobei der Ton seiner Stimme verdeutlichte, dass er nicht den größten Eifer hineinlegen würde. Wenn man in einem Land wie diesem das Leben vor sich hatte, musste man den Amerikanern ebenso misstrauen wie den Franzosen, »die einen steigen ab, die anderen steigen auf«, sagte einer seiner Freunde, Karim, der weniger als die anderen von allem fasziniert war, was aus Europa und Amerika kam.

Und an dem besagten Abend, in den Gärten des Caïdat, wo sein Vater und der Zivilkontrolleur Claude Marfaing einen Empfang für das gesamte Filmteam ausrichteten, hatte Raouf es abgelehnt, sich von dieser allseits umschwärmten Kathryn Bishop beeindrucken zu lassen. Sobald sie ihren grauen Blick auf einen Mann richtete, warf derselbe sich in die Brust, die Geschicktesten, ohne sich etwas anmerken zu lassen, andere hingegen, indem sie die Hand ans Herz legten und sich auf die Zehenspitzen reckten, noch andere zwirbelten ihre Schnurrbärte, während sie das Gesicht der Schauspielerin mit den Augen verschlangen, eckig, jedoch ohne Härte, großer Mund, wohlgeformte Ohrläppchen, wobei manche den Blick sogar auf das senkten, was es im Ausschnitt ihres Kleides zu betrachten gab, und alle begannen lauter zu reden, derweil die Frauen versuchten, möglichst nah an die Schauspielerin heranzurücken, um ein paar Krümel Galanterie zu ergattern. Man beobachtete Raouf, man erwartete eine festgeschriebene Rolle von ihm, der Gymnasiast vor der Blondine seiner Träume, der Eingeborene vor einer westlichen Schönheit der Hautevolee, er hatte schüchtern und liebenswert gelächelt, nicht unbedingt den Gleichgültigen markiert, aber da er keine Lust hatte, die Ellbogen zu gebrauchen, war er in der zweiten Reihe geblieben. Dann hatte er sich von dem Kreis entfernt, um die anderen Grüppchen der Amerikaner zu begrüßen, alle diese Menschen brachten einen Hauch von weiter Ferne mit und beglückwünschten ihn nebenbei zu seinem Schulenglisch. Raouf glaubte den Höhepunkt seines Spiels erreicht zu haben.

Etwas später, als Kathryn Bishop ihm mit ihrem Hofstaat im Gefolge über den Weg gelaufen war, hatte sie zu ihm gesagt: »Wie es scheint, sollen Sie uns daran hindern, in einem Land, das wir nicht kennen, Dummheiten zu machen.« Raouf hatte geantwortet, er könne dieser überaus angenehmen Aufgabe wohl nicht seine ganze Zeit widmen, er müsse sich auf den Eintritt in die Universität vorbereiten, aber es würde ihm eine Ehre sein, wenn sich in den kommenden Wochen die Gelegenheit ergäbe (sehr gut, Wochen, nicht Tage, sagte sich Raouf, du bist nicht ihr Lakai, gut gespielt), eine Ehre also, Madame Bishop und ihrem Mann einige Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Kathryn hatte ein freundliches Lächeln aufgesetzt, für wen hielt sich dieser Junge, der aus seinem Anzug herausgewachsen war? er hatte tiefschwarze Augen, schöne Lippen, gerade Schultern, aber das war kein Grund! Sie hatte gesagt: »Wie schön«, und sich auf dem Absatz umgedreht. Raouf hatte verstanden, David Chemla, sein Jugendfreund, hatte recht, sobald man diesen Amerikanern nicht nach der Pfeife tanzte, ließen sie einen stehen, das war Kapitalismus in seiner ganzen Überheblichkeit, Raouf war kein Hoteldiener, er hatte ein eigenes Leben zu führen! Er grübelte noch darüber nach, als er spürte, wie jemand ihn am Ellbogen fasste, es war Ganthier, der französische Siedler, mit dem er durch Vermittlung seines Vaters seit Jahren verkehrte, Ganthier, der zu ihm sagte: »Na was, unter Ihrer Würde?« Ganthier hatte alles gesehen. »Ganz und gar nicht«, hatte Raouf erwidert, »aber ich werde wirklich keine Zeit haben, mich um sie zu kümmern, und das hat der Dame nicht gefallen … mein Vater wird wieder sagen, ich hätte es absichtlich gemacht, vor allem, wenn Sie es ihm erzählen.« Ganthier hatte zu glucksen begonnen: »Was ist denn mit Ihnen los? sie ist prächtig, ich habe selten eine Frau so wonnig mit dem Hintern wackeln sehen, sie riecht gut, sie macht Ihnen schöne Augen und Sie schicken sie weg? Glauben Sie, so etwas kommt wieder wie ein gegen die Wand gespielter Ball?« Raouf hatte keine Antwort gegeben und Ganthier nur angeblickt, ein schlanker Mittvierziger, elegant, der größte Grundbesitzer der Region, ehemaliger Seminarist und Reserveoffizier. »Der einzige Franzose, der durch die Herrschaft nicht verblödet ist«, hatte sein Vater einmal gesagt, »lerne, ihm die Stirn zu bieten, das wird dich stark machen.« Ganthier kannte Raouf gut, sie hatten zu diskutieren begonnen, als Raouf zwölf gewesen war, Ganthier hatte ihm Bücher geschenkt und es kaum fassen können, ihn am nächsten Tag mit Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer und Reise zum Mittelpunkt der Erde vor seiner Tür zu sehen, voller Begierde, darüber zu reden. »Das ist ja zum Fürchten, was Sie auf dem Kasten haben, junger Mann«, hatte Ganthier gesagt. Ein spöttisches »Jawohl, M’sjö!« war Raoufs Antwort gewesen. Ganthier hatte keine Kinder, er war unverheiratet, und in Nahbès war dieser junge Araber einer der wenigen Menschen, die sich für Bücher und Literatur begeisterten. Das war ihre einzige Gemeinsamkeit; in allen anderen Fragen waren ihre Gespräche nur eine lange Folge zunehmend scharfer Auseinandersetzungen, je älter Raouf wurde und je mehr Ganthier zum eingefleischten Kolonisten erstarrte.

Raouf und Ganthier waren ein Stück durch die Gärten des Caïdat spaziert, dann hatte Raouf sich wieder allein unter die Gäste gemischt. Manche Franzosen hoben angelegentlich den Ton, sobald er in die Nähe kam, »diesen Leuten … ein echtes Wahlrecht? nicht bevor noch gut sechs Generationen ins Land gegangen sind«, andere versuchten, die neu Hinzugekommenen zu katechisieren, »Sie werden sich wundern, wie fatalistisch sie sind … die Geschichte, der Fortschritt, das interessiert sie nicht«, von Zeit zu Zeit bekam er auch verkniffene Komplimente für seinen Erfolg beim Bakkalaureat, Bester in ganz Nordafrika, gleichauf mit einem seiner französischen Kameraden vom Lycée Victor-Hugo, dem Sohn des Chefs der Sicherheitspolizei. Er dankte Leuten, die ihn verachteten und die er lieber beschimpft hätte. Am Ende hatte er sich zu den jüngsten Amerikanern des Filmteams gesellt, Jungen und Mädchen, kaum älter als er, sie waren direkt, lustig und nicht so beeindruckend, sie liebten die Zukunft. Raouf hatte sich wohlgefühlt, dann, einen Blick seines Vaters kreuzend, hatte er seine neuen Freunde verlassen, um sich in Richtung des Regisseurs zu bewegen, Neil Daintree, der sich auf der Terrasse mit einem Franzosen unterhielt.

Er hatte sich gefragt, wie er den Regisseur wohl ansprechen solle, als er ihn sagen hörte, er lese gerade Eugénie Grandet. Der Franzose, mit dem er sprach, hatte eine wissende Miene aufgesetzt, und Raouf hatte es gewagt, die Frage einzuwerfen: »Ist Charles schon in Saumur angekommen?« – »Gerade eben«, hatte Daintree gesagt, »es ist herrlich!« – »Ja, Pariser Eleganz, die sich in der Provinz mit Dreck bekleckert«, hatte Raouf hinzugefügt. »Dieser Hund von Balzac verstand sich auf Kontraste, ich habe große Lust, einen Film daraus zu machen.« Daintree und Raouf hatten sich mit den Ellbogen aufs Geländer der Terrasse gestützt. »Hier«, hatte Raouf gesagt, »ist es für die Franzosen wie in der Provinz … aber mit dem Gefühl der Überlegenheit.« Sie hatten Amateure der Menschlichen Komödie gespielt. Daintrees Lieblingsbuch war und blieb Die Lilie im Tal. »Meins sind die Verlorenen Illusionen.« – »Oh, dann ist Ihr balzacscher Held also Rubempré, der Dichter!« – »Nein …« – »Rastignac?« – »Nein …« – »Bianchon, der Doktor?« – »Auch nicht …« – »My tongue to the cat«, hatte Daintree, mit seinem Latein am Ende, scherzhaft ausgerufen. – »Es ist De Marsay!« – »Der Machtmensch?« Daintree hatte seinen Blick über die Menge an Uniformen, festlichen Kleidern, dunklen Anzügen und Djellabas schweifen lassen, die sich weiter unten drängte, dann: »Interessiert Sie das denn so?«

Sie ergingen sich in einer Orgie von Anspielungen, Raouf hatte begonnen, über Der letzte Mohikaner zu sprechen, während Daintree mit seinem Blick all diejenigen fernhielt, die sich in ihr Gespräch hätten einmischen wollen, und als Kathryn sah, dass ihr Mann sich absonderte von einer Gesellschaft, deren Ehrengast er war, hatte sie sich ihnen genähert: »Du kidnappst diesen jungen Mann, du hältst ihn von seinen Vorbereitungen auf die Universität ab.« – »Stell dir vor, er hat Eugénie Grandet gelesen!« Hinter der Schauspielerin verfluchten sich einige Männer, in jüngster Zeit nicht Balzac gelesen zu haben. »Ah, die neue Leidenschaft meines Gatten! Was für ein Ungeschick, dieses Mädchen, wenn man einen Mann will, nimmt man ihn sich …« Dann, laut auflachend: »Fragen Sie nur Neil, was ihm vor vier Jahren passiert ist!« Raouf versuchte, nicht auf den Busen der Schauspielerin zu starren, er fixierte ihre grauen Augen, sie hatte hinzugefügt: »Nun sehen Sie mich doch nicht an, als wäre ich hysterisch, Sie müssen sich daran gewöhnen, kennen Sie den Schlachtruf unserer Abende in Hollywood? Let’s drink and fuck!« Daintree hatte die Zähne zusammengebissen, Raouf hatte ungefähr verstanden und gespürt, wie er errötete … trinken und bumsen … er hatte den Mumm gehabt, zu antworten, mit diesem Schlachtruf würde vielen Romanfiguren, die im Allgemeinen geduldiger seien, der Garaus gemacht. Kathryn hatte einen ernsten Ton angenommen: »Ja, die Verzögerung der Liebe … wo man doch mit dreißig am Ende ist … die Kunst der französischen Romane …« – »Oh, Raouf hat auch The Last of the Mohicans gelesen«, hatte Daintree gesagt, »er spricht Englisch!« – »Nur ein bisschen«, hatte Raouf gesagt, froh, das Thema zu wechseln.« – »Morgen isst er mit uns zu Abend, er wird mir Arabisch beibringen!« – »Da haben wir’s, mein Mann will Sie verführen, Vorsicht, wir sind Wölfe für den Menschen!« – »Er hat auch Wolfsblut gelesen«, hatte Daintree gesagt.

In den folgenden Wochen hatte Raouf sich dem gebeugt, was sein Vater von ihm verlangte, er hatte Stunden mit den Daintrees verbracht und war fürs Filmemachen entflammt, sodass er endlich die Begeisterung seines ehemaligen Lehrers Jules Montaubain verstand: »Das ist eine Kunst, Raouf, die wird sich aller anderen bemächtigen, die wird sie vollenden, im hegelschen Sinne des Wortes!« Montaubain hatte eine Sympathie für den Kommunismus, scheiterte daran, Das Kapital zu lesen, und bezog sich mit Vorliebe auf Hegel. Er war, genau wie Ganthier, sehr stolz auf Raoufs Erfolg beim Bakkalaureat.

Wenn er mit Kathryn Bishop allein war, musste Raouf ihre Provokationen ertragen, sie hatte beschlossen, ihn als Jungspund zu behandeln, er behandelte sie absichtlich als respektable Dame, was sie zur Weißglut brachte, und Ganthier kommentierte: »Zwei gekränkte Eitelkeiten, junger Raouf, das ist ein echter Anfang!« Einmal hatte Kathryn zu Raouf gesagt: »Neil hat Sie auf mich angesetzt, damit ich mir nicht anderswo Gesellschaft suche!« Raouf war zwei Tage lang verschwunden. Da Neil sich darüber beunruhigte, war sie gekommen, um sich zu entschuldigen: »Wir sollten besser Freunde sein, nicht wahr?« – »Gewiss«, hatte Raouf erwidert, sehr froh, dieses Wort gefunden zu haben. Sie nahmen die Gewohnheit an, gemeinsam spazieren zu gehen, sie hakte sich bei ihm unter, man grüßte sie. Er war glücklich, nicht die umwälzenden Erschütterungen zu empfinden, die Kathryn bei den Männern der Stadt auslöste. Er kam weiterhin, ein paar Worte mit Rania zu wechseln, wenn er das Kabriolett auf der Avenue Jules-Ferry erblickte, aber nicht, wenn er in Kathryns Begleitung war, auch dann nicht, wenn er wusste, dass Rania sie bemerkt hatte. Rania ließ ihn gewähren, sie litt nicht darunter, fand es aber dumm, dass er sich so verhielt, sie könnten doch beide herkommen, er würde sie mir vorstellen, sie könnte meine Freundin werden, was er macht, ist kleinkariert, und ich bin sicher, dass er es selber weiß, er ist nicht dumm, also warum macht er das? Rania fand keine befriedigende Antwort, aber es missfiel ihr nicht, solche Engstirnigkeit bei einem Jungen zu entdecken, dem man die beste Zukunft verhieß.

4 Action!

Und dann war da ein Nachmittag gewesen … einige Kilometer südlich von Nahbès, zwischen den ersten Dünen, dort, wo die Amerikaner ihr Chaos aus Lastautos, Zelten, Planwagen, Deflektoren, Gerüsten und Leinen-Klappstühlen eingerichtet hatten. Ein Beduinenzelt, vor dem ein Paar stand, eine Frau mit Augen, die nicht mehr ihr gehörten, in den Armen eines Schönlings, der mit drängender Stimme zu ihr sprach.

Raouf hielt sich etwa fünfzehn Meter von den Schauspielern entfernt, die richtige Distanz, genügend Abstand, um alles zu sehen, was geschieht, die vollständigen Körper, die Bewegungen des Beckens, der Brust, all dessen, was sich aneinanderschmiegen muss, all dessen, was einem wehtut, wenn man ein Paar anschaut, und man erkennt auch die Details, die Finger, die Lippen, er schaute mit hängenden Armen und offenem Mund, er war nicht an das gewöhnt, was er empfand, ein junger Kerl von achtzehn Jahren, der kennt die Frauen nicht, der plappert den Spruch eines Kumpels nach, der ein Buch mehr gelesen hat als die andern, »la femme est naturelle c’est à dire abominable«, die Frau ist natürlich, das heißt abscheulich, und dann geht man ins Bordell oder träumt von einer Göttin oder beides zugleich, aber man windet sich bei dem Gedanken, der wahren Frau ins Netz zu gehen, dem Fleisch mit einem Willen, der nicht der eigene ist. Raouf fehlten die Worte, um Pläne zu schmieden und ein Ich kriege sie! auszustoßen, einfach nur, um die Starre zu beenden, er konnte sich nicht losreißen, er hatte plötzlich Lust, Kathryn als Hure zu beschimpfen und dem Schönling eins in die Fresse zu geben, dabei war sie doch seine Freundin, aber es gab so viele Dinge, die in seinem Kopf und in seiner Hose zu streiten begonnen hatten, Gewaltsames, Sanftes, Bilder, Nachklänge von Gesprächen unter Freunden, des einen Geständnis in der Straßenbahn, er habe es gemacht und es nicht gerade toll gefunden, das Bordell jedenfalls sei widerlich, Kathryns seitlich geschlitztes Kleid ließ das ganze Bein sehen, nackt, er hatte sie einmal sagen hören: »Ich werde nie ein richtig großer Star, ich habe kein Ziegfeld-Bein«, Raouf wusste nicht, was das war, ein Ziegfeld-Bein, er wagte auch niemanden zu fragen, aber er fand das von Kathryn wunderschön, er sah es an, sah ihr Gesicht an, dann wieder das Bein, ohne gesehen zu werden, er wollte einen kühlen Kopf bewahren, doch in seinem Inneren lag das alles im Widerstreit mit uralten Gedichten hasartu bifawday ra’siha, ich nahm sie bei den Schläfen … fatamâyalat ’aleyya, und sie beugte sich über mich … Kathryn ein paar Meter von ihm entfernt, kurzes Haar, der große, feine Mund, ich nahm sie bei den Schläfen, eine Ode aus der vorislamischen Epoche, hasartu … aber es war dieser Schönling von Francis Cavarro, der sich über sie beugte, die Schläfen … Grund genug, einen Moment die Augen zu schließen, die Hände gleiten zur Taille hinunter, hadîma lkash’hi, die schmale Taille … sie an sich drücken, die Augen wieder öffnen, klaren Kopf bewahren, das Ziegfeld-Bein, Kathryn, die sich auf die Zehenspitzen erhebt, zarte Knöchel in den Sandalen, und wieder Baudelaire: »Et tes pieds s’endormaient dans mes mains fraternelles«, und deiner Füße Schlummer wiegten Bruderhände …, Panik, Alexandriner vermischt mit vierzehn Jahrhunderte alten Oden, tamata’tu min lahwin biha gheira mu’jali, es war mir eine Lust, mich ohne Eile mit ihr zu vergnügen … Und etwas, was sich allem widersetzt, etwas von der wahren Frau, nicht der Frau der Gedichte, und in den Armen eines anderen, soll sie doch, ich nahm sie bei den Schläfen, nur weg von hier, die beiden sich reiben lassen, und man bleibt trotzdem, man ist einer zu viel, aber man weiß nie, was noch kommen mag … sicher werde ich gesehen … sie beugte sich über mich … ohne die toten Fischaugen zu machen, die sie diesem Pomadenheini macht, der sie jetzt zum dritten Mal in die Arme nimmt, und der Kerl dort hinten, der in sein Sprachrohr brüllt und sich nichts daraus macht, seine Frau in den Armen eines anderen zu sehen, und der »Action!« schreit, damit sie sich reibt … sicher werde ich gesehen.