Die Grump-Affäre - Robert Wagner - E-Book

Die Grump-Affäre E-Book

Robert Wagner

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Beschreibung

Mit einem Schlag verliert IT-Spezialist John Brockmann alles: Frau, Kind, Heim. Der gewaltsame Tod seiner Familie in einer verheerenden Explosion macht ihn für die Polizei zum Hauptverdächtigen: an der Gasleitung seines Hauses wurde manipuliert. Getrieben vom Wunsch nach Vergeltung und Gerechtigkeit macht sich John auf die Suche nach dem wahren Täter. Die Spur führt in Mafiakreise mit exzellenten Verbindungen in die Politik. Doch was hat der Präsidentschaftskandidat und prominente Immobilientycoon Ronald Grump mit dem Mord an Johns Familie zu tun? Und wieso interessiert sich der russische Geheimdienst auf einmal für den unscheinbaren Computerexperten? John kommt einer Verschwörung auf die Spur, die bis in die höchsten Regierungskreise führt. Realität, Satire oder Fiction, ein Bezug zu lebenden Personen, ist reiner Zufall …

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Seitenzahl: 393

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Impressum 3

Prolog – New York, Sommer 2015 4

Die Hölle 8

Der Verdacht 11

Oval Office, Washington, D.C., Januar 2017 14

Ungewissheit 19

Weisses Haus, Washington, D.C., Januar 2017 22

der Zorn, New York, Sommer 2015 27

GESCHÄFTE, NEW YORK, ANFANG 2015 31

DIe Suche, New York, Sommer 2015 34

Der Kontakt, New York, Frühling 2015 43

Die Beschattung, New York, Sommer 2015 49

Die Kampagne, Sommer 2015 52

Riskantes Unterfangen 56

DIe Kandidatur, Sommer 2015 63

Das Verhör, New York, Sommer 2015 65

DIe Vorwahlen, Anfang 2016 70

Belaqua, New York, Sommer 2015 74

Der Hauptwahlkampf, Sommer 2016 80

Das Geständnis, New York, Sommer 2015 87

Der Sieg, Herbst 2016 92

Erleichterung, New York, Sommer 2015 96

Unschuld, Sommer 2015 100

TEIL 2 - Das Angebot 103

Anfänge, St. PETERSBURG 1988 113

Neue Aufgaben 118

Medusa, MOSKAU 2016 123

Der Plan 125

Medusa, Moskau, 2016 130

Möglichkeiten 132

Medusa-Hauptquartier, Moskau 137

Das erste Treffen 139

Der Zwischenbericht, Moskau 144

Indizien 147

Medusa-Hauptquartier, Moskau 152

Der Maulwurf 154

Medusa-Hauptquartier, Moskau 168

Der tägliche Wahnsinn 170

Medusa-Hauptquartier, Moskau 178

Letzte Tage, New York 181

Medusa-Hauptquartier, Moskau 189

Washington 192

Medusa-Hauptquartier, Moskau 197

Das Treffen, Weisses Haus, Washington, D.C. 199

Medusa-Hauptquartier, Moskau 207

Weisses Haus, Washington, D.C. 210

TEIL 3 - Erkenntnis, New York 219

Medusa-Hauptquartier, Moskau 223

Kontakte, New York 225

Medusa-Hauptquartier, Moskau 230

Wharton State Forest 233

Medusa-Hauptquartier, Moskau 241

Flucht, Philadelphia 243

Medusa-Hauptquartier, Moskau 252

Lichtblicke, zwischen Baltimore und Miami 254

Die Veröffentlichung, New York 258

Medusa-Hauptquartier, Moskau 262

Hoffnung, kurz vor Miami 264

Medusa-Hauptquartier, Moskau 274

Die Wahrheit 275

Weisses Haus, Washington, D.C. 281

Moskau 283

Sardinien 284

Danksagung 285

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-260-4

ISBN e-book: 978-3-99131-261-1

Lektorat: Dagmar Heißler

Umschlagfoto: Valeriy Kachaev, Alexander Kovalenko, Zelenayaj, Tarasdubov | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Prolog – New York, Sommer 2015

Als John in der Nähe seiner Straße ankam, biss er unwillkürlich die Zähne zusammen. Überall Feuerwehr und Krankenwagen. Sein Kiefer schmerzte und sein Puls ging schneller mit jedem Schritt, den er sich seinem Haus näherte. Menschen liefen aufgeregt durcheinander. Etliche hatten aschfarbenen Staub auf ihren Mänteln und Gesichtern. Einige lagen sich weinend in den Armen. John sah eine Frau, die sich den Kopf hielt. Zwischen ihren Fingern quoll Blut hervor. Der Verkehr staute sich. Ungeduldige Fahrer hupten rhythmisch, lehnten sich aus den Wagenfenstern und fluchten lauthals. John ließ seinen olivgrünen Explorer stehen. Völlig außer Atem rannte er an der Baustelle vorbei, auf der ein paar Investoren ein neues Wahrzeichen der Stadt aus dem Boden stampfen wollten. Es herrschte Chaos. Er schlängelte sich durch einen Wall von Rettungsfahrzeugen mit hektisch blinkenden Blaulichtern, bis er gegen einen Polizisten prallte, der ihn mit ausgebreiteten Armen aufhalten wollte. Er rannte weiter und blieb nach wenigen Schritten unvermittelt stehen.

Dann sah er, was sein Verstand nicht aufnehmen, geschweige denn verarbeiten konnte.

Sein Elternhaus war weg! Es stand nicht mehr da! Da war ein großes Nichts!

Man konnte noch Teile des Nachbargebäudes erkennen, das den alten Quinns gehörte. Wo einst eine gepflegte kleine Villa gestanden hatte, war nur noch ein großer Haufen rußgeschwärzter Ziegelsteine. Es roch nach brennendem Holz und stank nach Rauch und Qualm. Reste des jetzt erbärmlich verbogenen gusseisernen Vorgartenzaunes ließen erahnen, dass hier einst sein Haus gestanden hatte.

John rannte weiter und fühlte sich auf einmal unsanft an den Schultern gepackt. Er hatte das Absperrband nicht registriert. Ein junger Polizist in Uniform hielt ihn auf.

„Hey, Mann, wohin wollen Sie? Sehen Sie nicht, was hier los ist? Das ist gefährlich, niemand geht hinter die Absperrung!“

„Ich muss da rein, meine Frau und mein Sohn sind in dem Haus!“, schrie John den Beamten an und versuchte, sich loszumachen.

„Okay, okay. Ich bringe Sie zur Einsatzleitung, die wird entscheiden, was man machen kann“, sagte der Police Officer und schob ihn – immer noch an den Schultern haltend – durch die Menschenmenge. Staub lag in der Luft, und feine Rußflocken tanzten um ihn her. Funken sprühten aus den offen liegenden Stromleitungen, und er nahm den süßlichen Geruch von Gas wahr. John ließ sich von dem Beamten willenlos führen. In seinem Kopf war nichts als Leere. Die Bilder, die er sah, konnte sein Verstand, so sehr er sich mühte, einfach nicht verarbeiten.

Unvermittelt stand er vor einem provisorischen Zelt und wurde unsanft zum Stehen gebracht.

„Sie warten hier!“, sagte der Officer. „Wie ist Ihr Name?“

„John Brockmann, wohnhaft in der Baker Street 13.“

John hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, bis er erneut angesprochen wurde. Er reagierte nicht, sondern sah wie in Hypnose zu der Ruine, die einmal sein Zuhause gewesen war.

„Sind Sie der Besitzer des Hauses Nummer 13, Baker Street?“

Eine tiefe Stimme weckte John und setzte seinen Verstand halbwegs wieder in Kraft. Er musste nach oben schauen und sah in schwarze, blutunterlaufene Augen, die zu einem dunkelhäutigen Mann gehörten. Ein riesiger Mann stand John gegenüber.

„Ich bin Chief Inspector Banks, Spezialeinheit, ich muss wissen, ob Sie der Besitzer des Hauses Baker Street 13 sind!“

John wurde etwas wackelig in den Knien, aber er antwortete mit fester Stimme. „Das bin ich. Ich suche meine Frau Emma und meinen Sohn Felix, die beide in dem Haus waren, als ich heute Morgen ins Büro gefahren bin!“

Der Chief Inspector musterte ihn eingehend von oben bis unten: „Hören Sie, wir sind noch dabei, die betroffenen Gebäude zu durchsuchen. Die Suchhunde und unsere Spezialisten sind vor Ort, Bombenräumkommando, Minensuchgeräte und alles, was wir während Nine Eleven gelernt haben, bringen wir zum Einsatz, okay? Bislang wurde niemand gefunden, und niemand sonst geht dort rein. Sie bleiben hier und halten sich zu unserer Verfügung, haben wir uns verstanden?“

Banks bemerkte, dass John immer noch unter Schock stand, und fügte deshalb nachdrücklich hinzu: „Haben wir uns definitiv verstanden, Mr. Brockmann?“

John nickte stumm.

Die Zeit schien stillzustehen. In diesem Moment spürte John, wie sich ein Arm auf seine Schultern legte. Als er sich umdrehte, stand sein Freund Marco da und zog ihn schweigend zu sich heran. Als hätte diese Geste einen Damm gebrochen, stürzten die Tränen ungehemmt aus John heraus. Umgeben von gestikulierenden Polizisten, Menschen in Schutzanzügen, Feuerwehrleuten, Sanitätern und Notärzten, die sich aufgeregt Kommandos zuriefen, standen die beiden Freunde für einen Herzschlag lang wie unter einer Glasglocke.

Dann sah John in Marcos Augen. „Was zur Hölle ist hier los? Wo ist Emma? Wo ist Felix? Was ist passiert?“

Marco hielt seinem Blick stand. „Es gab eine riesige Explosion, bei uns sind die Fenster aus dem Haus geflogen. Die Bilder fielen von den Wänden, hörst du? Es war wie bei einem Anschlag in Bagdad! Ich rannte auf die Straße. Die Explosion musste aus deinem Haus gekommen sein! Ich habe sofort bei euch angerufen, weil ich dachte, du wärst womöglich im Homeoffice!“

Sie blieben schweigend eine ganze Weile so nebeneinander stehen.

In John arbeitete es und er versuchte, das Gehörte zu verstehen. Eine Woge neuer Energie fing an, sich in seinem Körper auszubreiten. Er drehte sich um und ging mit schnellen Schritten zum Zelt der Einsatzleitung. John sah den Chief Inspector in einer Ecke des Zeltes mit zwei weiteren Uniformierten. Er steuerte direkt auf ihn zu. „Sie sagen mir jetzt sofort, was hier passiert ist, und lassen mich zu meinem Haus rübergehen. Ich stehe seit einer halben Stunde vor diesem verfluchten Zelt und will endlich wissen, was hier verdammt noch mal los ist!“

Banks’ Blick verfinsterte sich, aber er antwortete mit völlig ruhiger Stimme: „Wir haben geräumt und die wichtigsten Strukturen gesichert. Sie können mit einem meiner Officers zu Ihrem Haus gehen. Sie betreten es auf gar keinen Fall oder turnen mir auf dem Schutt rum! Habe ich mich klar ausgedrückt? Wir haben bisher keine Personen in den Trümmern aufgefunden.“

John nickte und verließ wortlos das Zelt. Erneut knirschte er mit den Zähnen. Eine alte Angewohnheit aus Studienzeiten, wenn er unter Druck stand.

Vor dem Zelt stand der junge Police Officer und deutete mit einer Armbewegung an, dass John ihm folgen solle. Langsam realisierte John, was er eben gehört hatte: keine Personen gefunden! Wo waren Emma und sein Sohn?

Die Explosion hatte sich am Mittag ereignet, gewöhnlich waren beide zu Hause. Emma kochte häufig für Felix das Mittagessen. Vielleicht hatte er Glück, und sie waren auswärts essen gegangen oder Felix war bei einem Freund und Emma hatte ihn gefahren.

Er musste über Mauerreste steigen und lief gegen einen Balken, der Teil seiner alten Dachkonstruktion gewesen war.

Sie waren an den Überresten seines Elternhauses angekommen. John blickte auf den Rauch und die Asche, die überall, wie feiner Schneefall, durch den kalten Januarwind aufgewirbelt wurde. Marco trat neben ihn.

„Ich habe eben die gute Nachricht gehört, keine Menschen im Haus während der Explosion! Hast du eine Ahnung, wo Emma und Felix sein könnten?“

John packte Marco unsanft an der Schulter: „Hier stimmt etwas ganz und gar nicht!“

Die Hölle

John saß in seinem Büro im 17. Stock und sah müde aus dem Fenster. Heute hätte eigentlich sein großer Tag werden sollen. Er fühlte sich alt, gerädert und kraftlos. Monatelang hatte er darauf hingearbeitet und dafür sogar seine Familie vernachlässigt, eine große Chance für seine Karriere.

Die Ankündigung, dass Ronald Grump sich als Kandidat für die Wahl zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten bewerben würde, lief auf sämtlichen Bildschirmen im Büro. Die meisten Kollegen hatten sich vor den Fernsehern versammelt und verfolgten gebannt die gerade stattfindende Pressekonferenz. Nur John saß allein in seinem trendig eingerichteten Einzelbüro für leitende Angestellte des Kurznachrichtendienstes Twitter. Aus seinen dunkel umrandeten Augen, deren Weiß sich ungesund verfärbt hatte, nahm er eine Bewegung an der Scheibe wahr, als seine Assistentin winkte, um ihn nach draußen zu den anderen einzuladen.

Er trug seit Tagen die gleichen Sachen am Leib und verströmte einen aufdringlichen Geruch. Solche Dinge störten ihn zu normalen Zeiten empfindlich. Seit Tagen hatte er nicht mehr richtig geschlafen, war zu kraftlos gewesen, um eine Dusche zu nehmen. In Gedanken sah er seine Frau und seinen Sohn vor sich, die zum morgendlichen Abschied am Fenster winkten, als er in den Wagen stieg und zu Arbeit fuhr. Dieses Bild kam immer wieder in John auf. Alles weg. Alles vergangen. Alles genommen.

Er hatte in den letzten Tagen viel Zeit auf dem Polizeipräsidium zugebracht. Stundenlang war er von Inspector Tenner befragt worden. Die Pausen zwischen den Verhören waren kurz, Tenner bemühte sich um Mitgefühl, aber er musste die Geschichte wieder und wieder erzählen. Am Ende beschlich ihn das Gefühl, dass er der Einzige war, der seine Version für wahr hielt.

Wie konnte es sein, dass alle an einen Unfall glaubten?

Die explodierte Gasleitung, die sein Elternhaus dem Erdboden gleichgemacht hatte, war noch vor wenigen Monaten im Zusammenhang mit dem Neubau des Towers direkt neben seinem Grundstück überprüft worden. Es musste Dokumente geben, die das belegten. Nicht nur, dass ihm keiner auf dem Revier glaubte. Mehr noch: Er war der Tatverdächtige Nummer eins.

Mit dem Anruf von Marco vor einigen Tagen hatte alles begonnen. Johns Leben wurde innerhalb von wenigen Minuten auf den Kopf gestellt. Marco war sein bester und ältester Freund seit Kindertagen. Sie wohnten in derselben Straße und gingen auf dieselbe Schule. Die gesamte Freizeit verbrachten sie zusammen, sie stahlen Fahrräder, die sie verkauften, brachen nachts in Keller ein und wurden zu den unumstrittenen Anführern ihrer kleinen Bande. Alle Kinder der Nachbarschaft wollten dazugehören, sie beide hatten das Kommando. Es gab keinen Jugendlichen in der Nachbarschaft, der sich mit ihnen anlegte. Marco und John hatten in dieser Gegend das Sagen. Es bestand ein Band zwischen ihnen für den Rest des Lebens. Das spürten sie schon im Alter von zehn Jahren. Es ging so weit, dass Marcos Mutter eines Tages John auf Italienisch verfluchte und auf Englisch weiterschimpfte, dass er einen schlechten Einfluss auf ihren braven, süßen Figlio habe. John konnte Marco wochenlang nicht von zu Hause abholen, ohne Sorge, von dessen Eltern erwischt zu werden und eine kräftige Tracht Prügel zu beziehen.

Doch ihre Freundschaft beruhte nicht nur auf einer gemeinsamen Vergangenheit, beide genossen die Gesellschaft des anderen. Sie trafen sich so oft wie möglich, wenn Marco von seinen Einsätzen wieder zu Hause war, über die er nie sprach. Manchmal sahen sie sich monatelang nicht, und dann, wenn Marco wieder zurückkam, war es, als wären sie nie länger als einen Tag getrennt gewesen. Tiefe, alte Freundschaft. Ein Fundament.

Das Leben hielt unterschiedliche Wege für sie bereit, Marco ging zu einer Spezialeinheit der Marines, und John, der lange nichts mit seinem Leben anzufangen wusste, heuerte bei einer neumodischen Firma an, die vor allem Kurznachrichten von prominenten und weniger prominenten Menschen an Tausende von Neugierigen verteilte.

Das Internet und diese kleinen IT-Firmen waren zu Beginn etwas völlig Neues. John gefiel die Atmosphäre, die jungen und hippen Leute um ihn herum. John war älter als die meisten seiner Kollegen, doch er galt als versierter IT-Spezialist und hatte mit seinen neuen Algorithmen schnell für Aufsehen gesorgt, was ihm die Stelle als Ressortleiter im IT-Bereich einbrachte und damit gutes Geld für ein Leben in New York. Ursprünglich hatte John Politikwissenschaften studiert und Informatik nur in den Nebenfächern belegt, aber es zog ihn mehr und mehr zu IT-Themen als zur Politik, für die er sich in letzter Zeit nicht mehr großartig interessierte.

John hielt nicht viel von dem amerikanischen Parteiensystem, der Politik im Allgemeinen, wenn Milliarden von Spendengeldern in Kampagnen investiert wurden und gleichzeitig alle brennenden Probleme, die mit dem Geld behoben werden könnten, konsequent vernachlässigt wurden. Den aktuellen Kandidaten konnte er nichts abgewinnen. Grump hatte seinen Account seit Jahren bei Twitter, er wurde aber wie von den meisten Prominenten ausschließlich für geschäftliche Zwecke verwendet und ab und zu wurde ein Bild von einer Gala oder einer Party eingestreut. Man blieb so im Gespräch. John hatte eine Vielzahl von Prominenten-Accounts zu betreuen, der von Ronald Grump würde sich bald von allen anderen unterscheiden. Es war klar, dass John hier künftig in seiner Eigenschaft als Administrator gefordert werden würde.

Er konnte sich noch gut an Marcos Worte bei seinem Anruf erinnern: „Es ist furchtbar, John! Eine Katastrophe! Es gab eine riesige Explosion, die ganze Straße sieht aus wie nach einem Anschlag der Taliban! Dein Haus steht nicht mehr! Komm her!“

So hatte es angefangen.

Der Verdacht

John ging zusammen mit Marco zum Zelt, wo er dem Officer, der sie zu der Ruine begleitet hatte, seine Mobilfunknummer und Marcos Adresse gab. Marco lebte allein in dem Haus direkt die Straße runter, seit seine Eltern vor Jahren gestorben waren. Er hatte seinem Freund angeboten, fürs Erste in seinem alten Kinderzimmer zu übernachten. Sie gingen in die Küche, und Marco machte für beide einen starken Kaffee mit der altersschwachen Bialetti.

Marco liebte es, zu kochen, und immer, wenn er nachdenken wollte, fing er an, egal ob hungrig oder nicht, die leckersten Gerichte zu zaubern mit allem, was gerade im Haus war. Marco stammte aus Neapel, hatte einen Bruder und war das älteste Kind einer Auswandererfamilie, die stolz auf ihre Wurzeln war und nun schon in der dritten Generation in den Staaten lebte. Sein Vater hatte ein italienisches Restaurant betrieben und die Kunst des Kochens an seinen Sohn weitergegeben.

„Was ist los, John, was glaubst du, was geschehen ist?“

John blickte auf, holte tief Luft: „Im Frühling fing das alles an. Ich habe dem erst keine Bedeutung beigemessen. Morgens auf dem Weg zur Arbeit sprach mich ein Mann an, als ich gerade ins Auto steigen wollte. Er sagte, er habe großes Interesse, mein Haus zu kaufen, und möchte mir ein einmaliges Angebot unterbreiten. Ich lachte laut, sagte ‚Danke‘, stieg ins Auto und fuhr los.“

„Klingt wie in einem schlechten Mafiafilm“, sagte Marco mit einem grimmigen Lächeln und füllte frisch gemahlenes Kaffeepulver in die Espressokanne.

John, dem nicht nach Späßen zumute war, fuhr fort: „Zwei Tage später stand derselbe Mann wieder morgens da. Wir müssten dringend sprechen, er müsse mir das Angebot erklären. Ich ließ ihn wieder stehen und sagte, ich hätte kein Interesse an einem Verkauf. Mir gehöre das Haus seit 15 Jahren, es sei mein Elternhaus. So etwas verkaufe man nicht. Er ließ nicht locker und sagte, wenn wir uns nicht unterhielten, werde etwas Schlimmes passieren. Das ließ mich aufhorchen, aber ich glaubte dem Typen nicht, er war kein Geschäftsmann, dazu war er zu schlecht gekleidet. Eine Woche später stand er wieder da und sagte, dass er mich heute Abend in dem Irish Pub an der Ecke erwarte, und wenn ich nicht käme, passiere etwas.“

Marco hatte aufmerksam zugehört. Jetzt setzte er die sorgfältig befüllte Bialetti nachdenklich auf die Herdplatte. „Warum hast du mir nichts gesagt, ich hätte dich begleitet und mal unter Männern mit dem Kerl geredet.“ Er ballte seine Faust.

John winkte ab. „Ich willigte jedenfalls ein und ging nach der Arbeit direkt in den Pub. Ich habe niemandem etwas davon erzählt, weil ich dem Ganzen keine wahnsinnige Bedeutung beigemessen habe. Ein Spekulant, den ich in die Schranken weisen musste. Eine unmittelbare Bedrohung, daran habe ich nicht gedacht. Ich wollte den Kerl einfach nur loswerden.“

„Na ja, es klingt auf jeden Fall so, als ob es ernst gemeint war“, sagte Marco.

John zuckte vage mit den Schultern. „Als ich nach der Arbeit in die Kneipe ging, sah ich den fremden Mann in der Ecke des Pubs sitzen, und obwohl es voll war, schienen alle anderen Gäste Abstand zu dem Tisch zu halten. Ohne Umschweife begann der Typ und sagte: ‚Mein Name ist Gianluca, und ich komme als Vermittler meines Mandanten auf Sie zu, um Ihnen ein wirklich gutes und einmaliges Angebot zu machen, das Sie auch annehmen sollten. Wir werden expandieren und wollen in Ihrer Straße einige weitere Grundstücke erwerben. Wir zahlen Ihnen eine Million Dollar, wenn Sie bis Mai ausgezogen sind. Sie haben exakt drei Wochen Zeit, um sich zu entscheiden!‘

Wieder unterbrach Marco. „Eine Million, das ist ja lächerlich.“

„Ich konnte es erst gar nicht fassen. Ich hatte grob im Kopf überschlagen, was das Haus samt Grundstück wirklich wert ist, und kam bei ungefähr dem Doppelten an!“

„Was passierte dann?“, fragte Marco.

„Ich habe ihm gesagt, dass dieses Gespräch hier für mich beendet ist, doch er erwiderte, das sei ein Angebot, das man nicht einfach ablehnen könne. Entweder ich nähme es an, oder es würden viele schlimme Dinge geschehen.“

„Schlimme Dinge?! Und jetzt haben wir den Salat“, meinte Marco.

„Ich habe die Kneipe verlassen und nichts mehr von dem Typen gehört, die ganze nächste Zeit nichts. Jeden Morgen habe ich mich umgeschaut, aber da war kein Gianluca.“

„Und wie ging es weiter?“, fragte Marco.

„Nach zwei Wochen, in denen ich die morgendliche Begegnung mit Gianluca bereits wieder verdrängt hatte, stand er auf einmal vor mir und meinte, dass die Zeit laufen würde. Nächste Woche bräuchte er meine Entscheidung.“

Marco blickte erstaunt auf.

„Du meinst, die Sachen gehören zusammen? Erst der Typ mit dem Angebot, und nun das Verschwinden deiner Familie?“

„Ja, natürlich! Ich habe Gianluca nur noch ein Mal gesehen, und ich lehnte wieder ab und sagte ihm, dass ich nicht daran denken würde, zu verkaufen. Danach habe ich nichts mehr von ihm oder seinen Auftraggebern gehört.“

Beide schwiegen nachdenklich.

John war ein Mann, der schon unter normalen Umständen immer leicht übermüdet aussah. Seine dunklen Haare hingen ihm ungepflegt, in langen Strähnen, ins Gesicht. Die Sorge um seine Familie vertiefte seine Falten, er sah mit einem Schlag noch erschöpfter und niedergeschlagener aus als sonst. Hilflosigkeit war sein Empfinden.

Trostlos der Tag.

Oval Office, Washington, D.C., Januar 2017

Er saß allein an seinem neuen Schreibtisch und ließ den riesigen Raum auf sich wirken. Hatte er es tatsächlich geschafft? Er, der selbst nicht daran geglaubt hatte. Er war im Weißen Haus. Und nicht als Besucher: Er war der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Unvorstellbar, noch bis vor wenigen Wochen. Seine Gedanken schweiften zurück ins Jahr 2011. Da war er noch Immobilientycoon, Unternehmer, Produzent von Miss-Wahlen und der Star einer Reality-TV-Show. International bekannt und berühmt für seine Deals. Ein wahres Genie und Multitalent. Aber Präsident? Daran hatte er nie gedacht, die Idee schien ihm völlig absurd. Bis zu diesem schicksalhaften Abend.

Er hatte sich über Beziehungen Karten für das Präsidentendinner besorgt. Man war erst in der Society richtig angekommen, wenn man an diesem Event teilnahm oder eingeladen wurde. Die Fernsehkameras liefen. Ronald wollte hier einige Geschäftsfreunde aus der Baubranche treffen, einige Details der Finanzierung seines neuen Casinos besprechen, vor allem aber gesehen werden und feiern.

Die Lust zum Feiern verging ihm jedoch schnell, als der amtierende Präsident ihn vor allen Leuten im Saal und bei laufenden TV-Kameras der Lächerlichkeit preisgab, ja Witze über ihn riss. Er kannte den Grund nicht, aber über fünf Minuten lang machte der Präsident eine Bemerkung nach der anderen über ihn, und alle trafen ihn bis ins Mark. Er wurde vor aller Welt vorgeführt. War blamiert worden bis auf die Knochen.

Das war der alles entscheidende Moment, der Augenblick, der alles verändern sollte.

Wie konnte dieser illegale Einwanderer aus Afrika sich über ihn lustig machen. Es war eine Erniedrigung, wie er sie in seinem ganzen Leben noch nicht aushalten musste. Der Präsident saß auf der Bühne mit dem Mikrofon, redete und witzelte über ihn, und er konnte nichts tun. Saß an seinem Tisch, für den er Tausende von Dollar bezahlt hatte, und konnte nichts machen, außer zu hoffen, dass all die Beleidigungen und Erniedrigungen endlich aufhörten.

Ein Feuer begann in ihm zu lodern. Ein Feuer gespeist aus Wut und Zorn.

Vergeltung für diese Qual; sein sorgfältig gepflegtes Image war angekratzt. Dafür hatte er Ehen geschlossen, Interviews gegeben und sein Leben der Öffentlichkeit preisgegeben. Er war seine eigene Marke. Von nun an wollte er selbst auf der Bühne stehen, keinen neben sich, allein am Mikrofon, und den Leuten sagen, was er über sie dachte, sich über all die Leute lustig machen, die heute gelacht hatten, und alle sollten auf ihn schauen. Keiner könnte widersprechen. Keiner würde sich trauen.

Ja, das war verdammt lang her, viele Jahre, und das waren die härtesten Jahre in seinem Leben gewesen. Er erinnerte sich noch genau, wie nach dem Dinner ein Freund zu ihm kam und ihn mit einigen Leuten bekannt machen wollte. Er verspürte keine Lust mehr nach diesem grauenvollen Abend und dachte, nur noch weg von hier. Sich aus diesem korrupten Washington so schnell es ging in sein geliebtes New York zurückziehen, doch der Freund blieb hartnäckig, und so kam er letztlich der Bitte nach.

Diese Begegnung verlief völlig anders, als er es sich ausgemalt hatte, kein Händeschütteln, kein Small Talk, keine Häppchen. Selbst der Ort war mehr als ungewöhnlich. Er wurde aus dem Hotel begleitet, von einer Limousine abgeholt und aus der Stadt herausgefahren. Sie fuhren mindestens eine Stunde. Allein im Wagen begann Ronald, sich allmählich Sorgen zu machen, bis sie endlich an einem See hielten. Man konnte das Schild „Burke Lake“ noch gut erkennen, obwohl es schon weit nach Mitternacht war, als sie mit einem kleinen Boot auf den See hinausfuhren. Was für Leute wollten sich um die Uhrzeit hier draußen mit ihm treffen? Eine Feier mit gut aussehenden, leicht bekleideten Damen würde das sicher nicht werden.

Das Boot hielt in der Mitte des Sees. Die Nacht war finster, und eine unangenehme Kühle stieg vom Wasser auf. Ronald begann zu frieren, er war unpassend gekleidet.

Die Sterne leuchteten hell am Himmel. Er fragte den Skipper, was hier los sei, doch der knurrte nur: „Geduld, die anderen werden schon kommen!“

Plötzlich, wie aus dem Nichts, tauchten drei weitere Boote auf, alle ohne Positionslichter, alle ohne Motorengeräusche. Die Boote wurden von leisen Elektromotoren angetrieben.

Drei Männer stiegen zu ihm an Bord. Der Skipper verließ das Boot, ohne sich umzublicken. Keiner stellte sich vor. Ronald verkniff sich ein Grinsen, als sich die drei, wie die Orgelpfeifen vor ihm aufbauten. Der Kleinste von ihnen mit einem grauen Trenchcoat, in seinem Gesicht leuchtete nur das Helle seiner Augen, als er ansetzte: „Sie fragen sich bestimmt, was das hier alles soll, und ich versichere Ihnen, das hier dient alles nur Ihrem und unserem Schutz. Wir sind eine Organisation, die nicht gern in der Öffentlichkeit arbeitet und – ganz im Gegensatz zu Ihnen und Ihren sonstigen Gewohnheiten – keine Interviews gibt. Wir verfügen auch über keine Presseabteilung. Allerdings verfolgen wir genau, was in diesem Land geschieht, und wir sind mit den aktuellen Entwicklungen nicht sehr glücklich.“

Der zweite, etwas größere Mann ergänzte: „Nun, lassen Sie es mich so ausdrücken: Wir haben Sie seit geraumer Zeit beobachtet und möchten Ihnen heute Abend ein Angebot unterbreiten, das Sie hier und heute annehmen können. Damit würden Sie Erfolg, Macht und Einfluss bekommen, wie Sie es sich nicht erträumen könnten, und Ihre Probleme in New York und alle Geldsorgen wären für immer vorbei. Oder wir sehen uns nach diesem Abend niemals wieder.“

Nun trat der dritte Mann einen Schritt auf ihn zu. Ronald, selbst nicht gerade klein, musste zu ihm aufschauen. Was er sah, gefiel ihm nicht. Ein überheblicher Wichtigtuer mit eisgrauen, militärisch geschorenen Stoppelhaaren, dazu ein Blick aus ebenfalls eisigen Augen.

„Wir haben die Möglichkeiten und den Einfluss, Sie zum Präsidenten der Vereinigten Staaten zu machen. Sie erhalten unsere volle Unterstützung. Wenn Sie sich nach unseren Spielregeln verhalten, werden Sie bald der mächtigste Mann der Welt sein. Einen Abend wie den heutigen, an dem Sie der Lächerlichkeit preisgegeben wurden, wird es nie wieder geben. Sie erhalten Zugang zu sämtlichen Ressourcen dieses Landes, und wir sorgen dafür, dass alles reibungslos verläuft.“

Er hatte aufmerksam zugehört, und sein erster Gedanke war: „Was für überhebliche Arschlöcher! Schleppen mich mitten in der Nacht auf einen See, um mir solch einen infantilen Mist aufzutischen.“ Nach kurzer Überlegung und der reinen Neugier folgend fragte er:

„Wie wollen Sie das anstellen? Wer sind Sie überhaupt?“

Der erste Mann trat einen Schritt näher. „Das tut nichts zur Sache, und Namen sind nicht wichtig. Wichtig ist, dass Sie verstehen, was wir für Sie möglich machen können! Wir garantieren Ihnen die Präsidentschaft! Alles ist seit langer Zeit geplant, Milliarden an Dollar stehen zur Verfügung, Heerscharen von Leuten arbeiten seit Jahren an diesem Plan. Was uns noch fehlt, ist der richtige Kandidat. Ronald, Sie sind der geeignete Mann. Doch es gibt da noch eine Bedingung!“

Der zweite Mann flüsterte fast. Fehlte nur noch, dass er sich verschwörerisch umschaute, obwohl nun wirklich niemand anders in der Nähe sein konnte.

„Wir werden Gefallen einfordern, und wir werden Leute von uns in Ihrer Nähe platzieren, die Sie offiziell ernennen werden. Dafür übernehmen wir alle Kosten des Wahlkampfes und sorgen dafür, dass die Probleme, die Sie bereits haben, und alle zukünftigen Probleme, die Sie verursachen werden, sich allesamt in Luft auflösen. Wir meinen nicht nur die Immobiliengeschäfte, die Steuer, die Sie nicht zahlen können, und die drohenden Prozesse um Insolvenzverschleppung, Sex mit minderjährigen Prostituierten oder das Verschwindenlassen von unliebsamen Grundstücksbesitzern. Das alles können wir für Sie regeln. Eines Tages werden Sie sogar in der Lage sein, sich selbst zu begnadigen. Bis dahin sorgen wir für Sie.“

Was waren das für Typen? Hatten sie so viel Einfluss und Macht? Ungläubig wägte Ronald seine Chancen ab. Waren das Ermittler vom FBI oder der Finanzbehörde, die ihm hier Aussagen abringen wollten? Woher zum Teufel wussten diese Typen von der Entführung in New York und all den anderen Dingen? Das waren Informationen, die im kleinsten Kreis getuschelt und nicht einmal da laut ausgesprochen wurden. Diese Fragen schossen ihm alle gleichzeitig durch den Kopf. Doch dann kam sein Überlebensinstinkt in ihm auf. Er war Ronnie, der Dealmaker, er bestimmte die Deals. Gleichzeitig war er besorgt darüber, wie viel die Typen über ihn wussten. Er entschloss sich zur Attacke. Er würde „all-in“ gehen: „Nun gut, Sie haben gründlich recherchiert, Sie haben einiges ausgegraben, okay, aber ich kenne euch nicht und mache nur Deals mit Leuten, die ich kenne! Woher soll ich wissen, ob ihr nicht vom FBI seid oder vom Finanzministerium?“

Der kleine Mann reichte ihm ein Handy und sagte fast tonlos: „Schau mal, Ronnie!“

Er traute seinen Augen nicht. Sie hatten alles! Sex-Tapes, seine Scheinverträge, seine gefälschten Steuerunterlagen, seinen nachträglich veränderten Ehevertrag, seine Abmachungen mit den Chinesen zum Bau eines neuen Casinos, einfach alles. Sie hatten ihn in der Hand, so viel war klar.

Er musste daran denken, wie viel Glück er in seinem Leben bereits gehabt hatte. Für die Dinge, die er getan hatte, wären alle anderen längst im Knast gelandet. Ihm blieb eigentlich keine Option. Kein Deal möglich bei dem er die Bedingungen stellen konnte. Er hoffte, dass ihm das Glück weiter gewogen blieb.

Man konnte die Stille förmlich greifen, als die drei Männer auf seine Antwort warteten.

Sein Verstand raste, suchte nach Optionen und Möglichkeiten das Ganze aufzuschieben.

Die Frage, „Wie lautet Ihre Antwort?“, riss Ihn aus seinen Überlegungen.

„Okay, ich stimme zu. Wie geht’s weiter? Was muss ich tun?“

Die drei Männer gingen einen weiteren Schritt auf ihn zu, und der Kleinste von ihnen raunte: „Wir melden uns bei Ihnen in vier bis sechs Wochen, so lange brauchen wir, um die Vorbereitungen abzuschließen: Vorbereitungen, die bereits seit vielen Jahren laufen!“

An all das musste er denken, als er allein im Zentrum der Macht saß. An diesem Abend hatte seine Entwicklung vom Geschäftsmann zum Politiker begonnen. Er hätte nie auch nur im mindesten geahnt, wie ähnlich sich das Geschäftemachen und die hohe Politik waren. Er war für beides wie geschaffen. Es würden fantastische Zeiten anbrechen. Bessere Zeiten. Der Tag würde kommen, und zwar bald, an dem er sich bei allen dafür revanchieren würde, dass sie ihn derart mit Dreck überschüttet hatten. Er musste lächeln. Er konnte das schon heute tun! Er hatte gewonnen!

Ungewissheit

Marco und John saßen in der Küche von Marcos Elternhaus. Sie hatten stundenlang diskutiert, was als Nächstes zu tun sei.

John galt als Hauptverdächtiger bei der Polizei. Der Officer hatte es ihm auf den Kopf zugesagt, es sei eine ungewöhnliche Häufung von Zufällen, dass sein Haus explodiert, seine Familie nicht auffindbar und die Lebensversicherung seiner Frau vier Wochen zuvor erhöht worden sei. Seine Geschichte von dem „italienisch aussehenden Gianluca“ sei unglaubwürdig und frei erfunden. Es war eindeutig. Aus dieser Ecke würde keine Hilfe oder Unterstützung bei der Suche nach dem Italiener kommen. Wie er sich von dem Verdacht befreien könnte, keine Idee. Alle Indizien sprachen gegen ihn.

Irgendwer hatte hier ganze Arbeit geleistet, um den Verdacht auf ihn zu lenken. Indizien derart zu fälschen war kein leichtes Unterfangen. Es mussten Profis mit enormen Geldmitteln sein. Wie sonst erhöhte man schnell mal eine fremde Lebensversicherungspolice?

Plötzlich klingelte sein Handy.

„Buongiorno, Mr. Brockmann! Wir hatten Sie gewarnt! Sollten Sie Interesse haben, Ihre Familie lebend wiederzusehen, so unterschreiben Sie den Vertrag, den Sie in Ihrer Mailbox finden, und geben Sie das Dokument bis heute, 18 Uhr, beim Barmann im Irish Pub ab, in dem wir uns letztens getroffen haben.“

John wollte noch etwas sagen, aber der Anrufer hatte bereits aufgelegt.

Marco sah ihn fragend an, und John erzählte, was er gehört hatte.

„Du kannst solchen Typen nicht vertrauen, John. Wenn du verkaufst, hast du nichts mehr in der Hand!“

„Ich weiß! Trotzdem muss ich es versuchen, es ist die einzige Chance, Emma und Felix lebend wiederzusehen. Oder hast du eine andere Idee?“

Marco schüttelte den Kopf: „Wahrscheinlich wirklich deine einzige Chance. Die Bullen wirst du sonst nicht mehr los, die haben ihren Täter längst gefunden. Wenn wir mehr Zeit hätten, könnten wir versuchen, eine Falle zu stellen. Aber so haben die alle Trümpfe in der Hand. Weil die Typen aber kein Geld wollen, sondern die Verkaufsurkunde, wirst du hoffen müssen, dass sie fair spielen.“

Pünktlich um 18 Uhr betrat er den Pub und übergab dem Barkeeper den Umschlag mit dem Vertrag. Er wusste, dass es keinen Sinn haben würde, hier auf den Italiener zu warten oder gar Fragen zu stellen. Ein Fremder würde den Vertrag abholen und das Dokument wieder einem anderen Fremden geben. Selbst der Barmann wusste nicht, dass er als stiller Briefkasten herhalten musste.

Zurück bei Marco in der Küche passierte stundenlang nichts. Niemand meldete sich.

Es gab Kaninchen auf ligurische Art, geschmort im Ofen mit Wurzelgemüse, schwarzen Oliven und Rosmarin in einer Sauce von Weißwein aus Apulien, den Marco augenzwinkernd auch als Aperitif sowie als Tischwein kredenzte.

In John breitete sich Verzweiflung aus. Der Wein schmeckte schal, und das lag sicher nicht an dem preisgekrönten Tropfen. Er musste etwas unternehmen!

„Marco, du kennst dich doch bei euch in der Community aus. Kannst du dich nicht mal umhören? Vielleicht kennt jemand diesen Gianluca?“

Marco schaute vom Zwiebelschneiden auf. Er wischte sich mit dem Ärmel die Tränen ab und sagte schniefend: „Schon erledigt. Ich habe meinen Onkel darauf angesetzt und treffe mich in einer Stunde mit ein paar alten Freunden. Wenn die nicht wissen, für wen der Kerl arbeitet, dann weiß es in ganz New York niemand.“

Es wurde dunkel. John saß allein in der Küche und dachte bei einem schönen Single Malt, den der gute Marco ihm zum Abschluss angeboten hatte, angestrengt nach. Er war noch nie in solch einer Situation gewesen. Gewalt, Entführung oder gar Mord kamen in seiner Welt nicht vor. Er zog die verbale Auseinandersetzung der körperlichen vor. Jetzt hatte er das Gefühl, zu versagen, er wurde in eine andere Welt hineingezogen. Eine dunkle, kalte Welt, von der er nichts verstand.

Er musste etwas unternehmen. Dieses Warten, dass sein Handy klingelte und man ihm endlich den Ort verriet, an dem seine Familie gefangen gehalten wurde, konnte er nicht mehr länger ertragen. Er hatte alles getan, was von ihm verlangt wurde, er hatte nur noch einen Wunsch und Gedanken: Er wollte seine Frau und seinen Sohn endlich wieder in den Armen halten, wissen, dass es ihnen gut ging. Er musste sich bewegen und nachdenken. Er ging auf die Straße und lief einfach los, er hatte kein Ziel, er musste nachdenken und brauchte eine Lösung. Er lief die Baker Street hinunter an seinem alten Haus vorbei, blieb kurz stehen, um die Ruinen, die wie Stalagmiten aus dem Boden ragten, zu betrachten, und lief dann ziellos weiter.

Nachdem er das Gefühl für die Zeit verloren hatte und schon den Hudson River sehen konnte, vibrierte das Handy in seiner Manteltasche. Sein Herz blieb kurz stehen.

Weisses Haus, Washington, D.C., Januar 2017

Steve Bacon betrat geschmeidig das Oval Office durch eine Seitentür.

Wie immer war Steve leger gekleidet, trug ein einfaches Hemd mit rotem Schlips, darüber ein kariertes Sakko und Jeans. Er hatte sein Aussehen stets beibehalten; neuerdings rasierte er sich allerdings täglich. Das einzige Zugeständnis an seine neue Position. Er legte bei der Auswahl seiner Kleidung keinen gesteigerten Wert auf Äußerlichkeiten, das karierte Sakko trug er schon etliche Jahre. Es war zu einer Art Markenzeichen von ihm geworden.

Er war der persönliche Assistent von Ronald Grump. So zumindest seine offizielle Bezeichnung, jeder wusste aber, welche Macht Steve innehatte. Er allein entschied, welche Dinge mit Ronald besprochen werden durften. Einen Termin bei Ronald ohne die Freigabe von Steve war undenkbar. Die beiden Männer verband keine Freundschaft, aber durch die zahlreichen Schlachten, die sie in den letzten Jahren gemeinsam gefochten und allesamt gewonnen hatten, war so etwas wie Vertrauen und Zuneigung, aber auch Abhängigkeit entstanden. Steve Bacon war der Kontaktmann zu der geheimnisvollen Organisation. Ronald hatte gehört, dass man sie „Medusa“ nannte. Er kannte sich mit griechischer Mythologie nicht aus, hatte aber nachgelesen und herausgefunden, dass es sich um ein weibliches Ungeheuer handelte, die ihre Gegner beim bloßen Anblick versteinern und töten konnte. Ziemlich treffsichere Namensgebung, wie er fand. Er wusste immer noch nicht, um wen und welche Personen es sich bei „Medusa“ handelte.

Steve schien in der Organisation weit oben zu stehen, da er direkten Kontakt zur Führungsriege hatte und weitgehend selbst entscheiden konnte. Jedes Gespräch, in dem Ronald mehr über „Medusa“ herausfinden wollte, endete immer auf die gleiche Art und Weise: Steve setzte ein Lächeln auf, neigte den Kopf zur Seite und antwortete:

„Es ist besser, wenn Sie das nicht wissen. Besser für ein glaubwürdiges Dementi, Ronald.“

Steve war der Steuermann der Kampagne, der Kopf dahinter. „Medusa“ selber blieb im Dunkeln. Die Männer vom Burke Lake hatte Ronald nie wiedergesehen und nichts mehr von ihnen gehört. Der einzige Kontakt war Steve.

„Mr. President, Sir, ich störe Sie nur sehr ungern, aber es gibt einige wichtige Entscheidungen, die jetzt getroffen werden müssen.“

Steve überreichte dem Präsidenten einen Umschlag, der nicht beschriftet war; dies war insofern sehr außergewöhnlich, da sämtliche Korrespondenz des Präsidenten erst im Security Office geprüft werden musste und dann vom Postal Service geöffnet wurde. Dies geschah aus rein praktischen Überlegungen: Es gab kaum Post, die an den Präsidenten gerichtet war und von ihm persönlich beantwortet wurde. Für jedes Thema gab es Spezialisten. Jede dieser Stellen versah das Dokument gewöhnlich mit einem Stempel und einem Bearbeitungsvermerk. Alles wurde elektronisch dokumentiert, somit war jederzeit nachvollziehbar, wo sich welches Dokument in der Bearbeitung befand.

Dieser Umschlag war nicht gestempelt.

Der Präsident öffnete den nicht beschrifteten Umschlag, holte mehrere Blätter Papier hervor und begann zu lesen.

Es handelte sich um eine Liste, die im Großen und Ganzen die gesamte Besetzung der neuen Administration betraf. Für jeden Ministerposten und jede wichtige Funktion stand darauf ein Kandidat beziehungsweise ein Name: Namen, die Ronald noch nie gehört hatte und Namen, mit denen er weniger als ein Gesicht verband. Er kannte diese Leute nicht. Er verstand allerdings, dass die erste Gegenleistung von ihm eingefordert wurde. Man hatte ihn erwartungsgemäß kontaktiert, und nun sollte er wichtige Posten seines Kabinetts und des Executive Office des Präsidenten der Vereinigten Staaten mit Leuten besetzen, die er nicht kannte. Das war Teil des Deals, dem er vor Jahren am Burke Lake zugestimmt hatte. Bis heute hatte er keine Aufforderung bekommen, irgendetwas anders zu machen, als er es ohnehin getan hätte. Doch nun hatte „Medusa“ zum ersten Mal ihr Haupt erhoben.

Die Liste schien lang: Mike Price, mit dem er die meiste Zeit den Wahlkampf bestritten hatte, stand ganz oben weiterhin als sein Vize auf der Liste. Er mochte Mike nicht, man hatte ihn ausgesucht, weil er neben Steve der Verbindungsmann zur Organisation war, aber hauptsächlich fühlte er sich von Mike beobachtet und wusste, dass, wenn er nicht auf Linie blieb, Mike übernehmen würde. Allein schon deswegen mochte Ronald ihn nicht. Mike war ein Speichellecker, wie er schon viel zu viele getroffen hatte: Menschen, die sich gern im Schatten großer Persönlichkeiten tummelten und sich von den Brotkrumen ernährten, die Titanen wie er vom Esstisch fallen ließen. Ganz bewusst fallen ließen.

Außenminister Rik Tillman war der Nächste auf der Liste. Er kannte ihn nicht gut, nur auf einigen Veranstaltungen und Spendengalas hatte er ihm beiläufig die Hand geschüttelt. Welche Qualifikationen er hatte, wusste Ronald nicht, aber er sollte Außenminister werden. Jetzt hatte er ein Problem. Tomas Scharon sollte eigentlich den Posten übernehmen – Ronald hatte viel Geld aus dessen Heimatbezirk erhalten, und er fand den Jungen gut. Vor allem machte er alles genau so, wie man es ihm sagte. Dieser Charakterzug gefiel Ronald an Menschen: Wenn sie wussten, wann und wem sie zu folgen hatten. Nun, er würde mit ihm sprechen müssen und sicher einen anderen Posten für ihn finden. Was zählte schon das Wort von gestern, gerade bei Politikern.

Finanzminister: Steve Munic. Er hatte noch nie etwas von dem Mann gehört, fand aber, dass man mit so einem Nachnamen nicht in die Politik gehen sollte. Wieder das gleiche Problem, eigentlich wollte er Adam Scott auf diesem Posten, einen ausgewiesenen Experten. Adam hatte ihm schon unzählige Male schwierige Finanzkonstrukte mit einfachen Worten erklärt, das gefiel ihm. Gut, auch dafür würde er wohl oder übel eine Lösung finden müssen. Die Liste setzte sich endlos fort, Verteidigung, Justiz, Innenministerium, er überflog all die Namen und schaute ratlos zu Steve auf, der nach wie vor lässig dastand und auf eine Reaktion wartete.

„Ich soll alle Leute auf dieser Liste ernennen?“, versicherte sich Ronald bei ihm.

Steve nahm die Liste wieder an sich. „Ja, Mister President, das wird Ihr Kabinett sein und das Executive Office. Es freut mich, dass wir hier nicht diskutieren müssen, wir haben für Ihre designierten Kandidaten eine jeweils passende Story, und glauben Sie mir, wenn ich sage, das wird eine schlagkräftige Regierung, die Amerika wirklich ‚wieder groß‘ machen wird! Die Ernennungsurkunden sind schon in der Erstellung, wir werden die Kandidatenliste zur Abstimmung dem Senat zuleiten.“

Damit verließ Steve das Oval Office und ließ den Präsidenten allein an seinem Schreibtisch zurück. Die Papiere hatte er wieder eingesteckt. Alles musste vernichtet werden. Ronald hatte darauf bestanden, einige Dokumente, die vertraulich waren und die nur Steve und ihn betrafen, auf USB-Stick zu erhalten. Steve war dagegen, aus Sicherheitsbedenken. Ronald ließ nicht mit sich reden, er wollte auf geheime Dokumente zugreifen können, wenn er abends im Bett lag, fernsah und nebenbei an seinem Laptop arbeitete. Steve kopierte dann immer die letzten Anweisungen von „Medusa“ auf einen extra gesicherten Stick, den ihm sein Auftraggeber hatte zukommen lassen.

„Sie hatten sich also gemeldet“, dachte Ronald. Nach Jahren der Funkstille waren die Männer aus dem Dunkel zurückgekehrt und forderten nun die Gefälligkeiten ein, die vor Jahren angekündigt worden waren. Er wusste nicht, wie viele Forderungen sie noch stellen würden, das wurde nicht verhandelt. Bislang konnte er gut damit leben. Ein paar Posten, die von Leuten besetzt wurden, die er nicht kannte. Kein Problem, solange er die Macht hatte, alles und jeden wieder zu ersetzen. Vielleicht sollte er die CIA oder das FBI auf die Typen ansetzen, dachte er kurz, verwarf diesen Gedanken aber schnell wieder, als er an die Liste dachte, auf der er auch irgendwo CIA gelesen hatte. Diese Organisation hatte ihre Leute überall platziert. Er war umgeben von Aufpassern. Ja, er war der Präsident, aber die Menschen um ihn herum gehörten fast alle zu „Medusa“. Er musste auf der Hut sein.

Die einzigen Menschen, denen er wirklich vorbehaltlos vertrauen konnte, waren Mitglieder seiner Familie, und nur seiner Familie. Seine Tochter, die bildhübsch war und so klug. Ihr Ehemann, dem er zwei Mal aus der Patsche geholfen hatte, als seine Geschäfte wirklich schlecht liefen. Sein Sohn und natürlich dessen Frau, das waren die Menschen, denen er vorbehaltlos vertraute. Sie glaubten an ihn und an seine Mission. ‚Blut ist dicker als Wasser‘ war einer der Lieblingssprüche seines Vaters, den er über alles verehrt hatte. Ein Mann, der wusste, was er wollte und wie man es bekam. Ein Macher. Von ihm hatte er alles gelernt, auch, dass es keine Niederlagen gibt für einen Grump. Die Geschichte musste in solch einem Fall nur anders erzählt werden. Am Anfang hatte seine Familie ihn für verrückt erklärt, aber als es dann losging, hatten sie ihn vorbehaltlos unterstützt. So musste es sein.

Er ging zum Sofa und nahm sich ein Sandwich, das sichtlich nur für den Präsidenten bestimmt war. Er musste schmunzeln. „Viel zu viel Grünzeug“, dachte er und wünschte sich einen großen, fettigen Burger.

Mit dem Koch würde er reden müssen.

der Zorn, New York, Sommer 2015

John nahm das Handy ans Ohr, als es vibrierte. Marco war in der Leitung. Er hatte sich bei seinen Leuten umgehört. „John, wo bist du? Hier kennt keiner so einen Mann, auf den die Beschreibung passen würde, niemand weiß etwas von einer Entführung. Sie hätten mir gegenüber eine Andeutung gemacht, wenn es jemand von hier gewesen wäre. Also eine Sackgasse.“

John ließ die Worte auf sich wirken, er fühlte sich leer und ausgebrannt, die Hoffnung, über die Kontakte von Marco an die Leute heranzukommen, war das Einzige, was ihm ein wenig Halt gegeben hatte. Er hatte keinen Ansatzpunkt mehr, keine Idee, und ihm wurde klar, dass er entweder weiter warten musste oder etwas weitaus Schlimmeres passiert war. Wut stieg in ihm auf. Hilflosigkeit.

„Ich komme zu dir“, sagte John und legte auf.

Auf dem Heimweg dachte er an Emma. Sie war eine großartige Frau, selbstständig, Architektin, und ständig mit neuen Ideen, was und wie man etwas zu Hause verändern sollte, wen man unbedingt mal wieder einladen müsste. Und wohin man unbedingt als Nächstes verreisen müsste. Ihr geschultes Auge hatte ständig etwas gefunden, über das sie sich freuen konnte, eine Biene auf einer Blüte, einen Sonnenstrahl, der sich im Fenster brach und Spiegelungen erzeugte. All das liebte er so an ihr, sie hatte ihn für diese Art, die Welt zu betrachten, empfindsam gemacht. Dinge, die er früher nicht einmal wahrgenommen hatte, waren für ihn mit einem Mal spannend und interessant, und er begann, die Welt mit ihren Augen zu sehen. Sie waren nun schon seit über zwölf Jahren ein Paar, und obwohl sich ihre Lebenswege schon mehrfach gekreuzt hatten, waren sie erst mit Ende 30 ein Paar geworden. Er liebte sie und konnte sich ein Leben ohne sie überhaupt nicht mehr vorstellen. Ihr Lachen im Haus war allgegenwärtig gewesen, es herrschte immer Trubel, und Freunde gingen ein und aus. Sie waren definitiv das soziale Zentrum der Gegend, und eine Einladung bei den Brockmanns war für die meisten wie eine Einladung zum Dinner beim Präsidenten: Lustig, kurzweilig, unterhaltsam, meist informativ, und man traf viele Gleichgesinnte. Es wurde viel getrunken, die Männer standen im Garten und rauchten, und die Kinder spielten Fangen oder Verstecken.

Als John aufsah, merkte er, dass er schon wieder kurz vor Marcos Haus angekommen war, die Gedanken an seine Frau und seinen Sohn hatten ihn völlig die Zeit vergessen lassen.

Als John durch das Gartentor gehen wollte, hörte er, wie ein Streifenwagen mit hoher Geschwindigkeit die Straße entlanggerauscht kam und mit quietschenden Reifen vor dem Haus anhielt. Ein junger Polizist sprang aus dem Wagen und ging auf John zu.

„Entschuldigen Sie, sind Sie John Brockmann?“

„Ja“, antwortete John, „was kann ich für Sie tun?“

„Sie können einsteigen und mich auf das Revier begleiten. Wir haben Neuigkeiten!“

John stieg in den Wagen ein und rief noch schnell Marco an, um ihm Bescheid zu geben.

Auf dem Revier herrschte hektisches Treiben. Überall klingelten Telefone. Beamte rannten hin und her, es wimmelte wie in einem Bienenstock. John wurde von dem Polizisten in einen weiß getünchten Raum mit einem Tisch und vier Stühlen begleitet, in der Wand an der Stirnseite war der typische einseitige Spiegel eingelassen. An jeder Ecke der Decke war eine Kamera montiert, und der rote Punkt signalisierte John, dass aufgezeichnet wurde.

Als die Tür sich öffnete, kam ein uniformierter Polizist herein und stellte seinen Kaffeebecher vor ihm auf den Tisch.

„John Brockmann?“, fragte er. „Inspector Tenner von der Mordkommission.“

Bei John zog sich sofort der Magen zusammen. Mordkommission, hatte er das richtig gehört?

„Wir müssen ihnen leider eine traurige Nachricht überbringen, wir haben heute Morgen in einem verlassenen Haus in Queens die Leichen einer Frau und eines Kindes aufgefunden. Wir vermuten, dass es sich um Ihre Frau und Ihr Kind handelt.“

Der Raum begann sich um John zu drehen. Alles verschwamm um ihn herum.

„Mister Brockmann? Haben Sie verstanden, was ich gerade gesagt habe?“

„Ja, ja“, antwortete John fahrig.

„Ich muss Sie das jetzt fragen, John, hatten Sie Streit, oder können Sie sich erklären, was hier vorgefallen ist?“

John verstand die Frage nicht. Als er langsam wieder zu sich kam und die Tragweite der Frage verstand, stiegen Wut und Entsetzen in ihm auf.