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Weite Landschaft, einsame Hallig - und ein Geheimnis, das alles verändert.
Als der Ornithologe Brar seine neue Stelle auf einer abgelegenen Hallig antritt, sucht er Ruhe und Neuanfang. Doch die Einsamkeit stellt seine Beziehung auf eine harte Probe und bald ist er allein. Trost findet er in den seltenen, aber vertrauten Gesprächen mit seiner Jugendliebe Lena und in der wachsenden Freundschaft zu seiner einzigen Nachbarin, der zurückgezogen lebenden Ines Nahnsen. Ines öffnet sich langsam und erzählt Brar von ihrer Kindheit auf der Hallig, vom Leben nach dem Krieg und von einer verbotenen Liebe in einem Hotel auf Amrum. Doch je mehr sie preisgibt, desto deutlicher wird: Ines hütet ein Geheimnis. Eines, das nicht nur ihr eigenes Leben überschattet, sondern auch Brars Vergangenheit und Zukunft auf unerwartete Weise verknüpfen wird.
Ein atmosphärischer Roman über Verlust, Erinnerung und die überraschenden Wendungen des Lebens.
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Seitenzahl: 387
Veröffentlichungsjahr: 2022
Als der Ornithologe Brar seine Stelle auf Südfall antritt, ahnt er nicht, dass sich sein Leben ändern wird. Seine Freundin kommt mit der Einsamkeit auf der Hallig nicht zurecht. Ein Trost nach der Trennung sind die Gespräche mit seiner Jugendliebe Lena, die ihn ab und zu besucht. Gleichzeitig entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Brar und seiner einzigen Nachbarin Ines Nahnsen. Ines erzählt ihm von ihrer Nachkriegskindheit auf der Hallig und den Jahren auf Amrum, als sie in einem Hotel gearbeitet und sich in den verheirateten Sohn des Hauses verliebt hat. Aber dann erkennt Brar, dass Ines ihm etwas verschweigt … – und dass ihr Geheimnis auch sein Leben auf den Kopf stellen könnte …
Karen Elste hat Anglistik und Bibliothekswissenschaften studiert und lebt als freie Autorin im grünen Rand ihrer Heimatstadt Berlin, doch ihr Herz schlägt seit vielen Jahren für die Nordsee. Wenn sie nicht gerade Romane, Hör- oder Drehbücher schreibt, träumt sie bei einer Tasse Tee von einem kleinen Häuschen mit Reetdach an der Küste. Dort, wo die Brandung vor dem Küchenfenster anrollt und die Möwen vom nächsten Sommer erzählen.
KAREN ELSTE
ROMAN
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Dieser Roman wurde vermittelt durch die Literaturagentur Lesen & Hören
Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Sylvia Gredig, Wortfischen
Umschlaggestaltung: Sabine Ruhrberg unter Verwendung von Illustrationen von© Magdalena Russocka/Trevillion Images; © www.buerosued.de
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-2078-6
luebbe.de
lesejury.de
Für Kerstin
Der Himmel an diesem warmen Septembertag leuchtete so hell, dass Ines ihre Augen rasch mit einer Hand beschattete. Erst jetzt konnte sie quer über die grünen Salzwiesen der Hallig nach Bredenswarft sehen. Die Vormittagssonne strich über die Gräser, die sich dem Wind neigten, funkelte auf den Wellen des Meeres, die Südfall heute sanft umspülten, und blitzte in den Scheiben des breiten Backsteinhauses am anderen Ende der Hallig.
Ines war durch die Haustür auf den gepflasterten Hof von Sönkenswarft getreten, nachdem sie die Karaffe mit dem Eistee in den Kühlschrank geräumt hatte.
Normalerweise ging sie um diese Zeit durch die Diele in den Stall, doch heute wollte sie die Hitze des späten Septembertages noch einmal fühlen.
Aus dieser Entfernung waren Einzelheiten auf der zweiten Warft der Hallig Südfall schwer auszumachen, aber sie sah, dass Brar ein Paar leuchtend gelbe Gummistiefel neben die Stufen stellte, bevor er die Haustür hinter sich zuzog und ebenfalls einen Moment stehen blieb.
So machen das nur Halligmenschen, dachte Ines. Diese kurzen Momente des Innehaltens, des prüfenden Rundumblickens. Wir sind uns in jedem Moment bewusst, dass wir an einem sehr besonderen Ort leben, über den nicht wir bestimmen, sondern der Wind, das Meer und die Gezeiten. Das, was wir sehen, ist nicht selbstverständlich.
Es freute sie, dass sie diese kleine Geste der Wertschätzung, die ihr selbst so ähnlich war, nun bei ihm beobachtete.
Wir sind dankbar für jeden Tag, an dem das Wasser nicht über die Wiesen kriecht, bis nur noch die Warften aus dem Meer schauen. Wir sind dankbar, wenn sich die Sonne in den Tautropfen der Halme spiegelt und der Wind keine dunklen Wolken über den Horizont treibt.
Im Gegensatz zu Ines jedoch blickte Brar nicht über die Hallig, sondern nach oben, in den Himmel.
Ein Schwarm Möwen zog kreischend über sie hinweg. Brar wartete wohl, bis sie in der gleißenden Sonne verschwanden, bis er sie nicht mehr sehen konnte, und dann ging er hinüber zum Stall auf Bredenswarft. Seine Schritte waren fest und bestimmt.
Für einen Moment krampfte sich Ines’ Herz zusammen. Sie kannte diesen Schritt. Der Wind verwehte das Klopfen seiner Arbeitsschuhe auf den Pflastersteinen, aber sie hatte trotzdem ein energisches »poch, poch, poch« im Ohr. Nur kam es nicht von der Hallig, sondern aus ihrem Kopf, aus ihrer Erinnerung.
Ein wehmütiges Lächeln huschte über ihre Lippen. Es war lange her.
Brar war neben der halboffenen Stalltür stehen geblieben und hatte sich hinuntergebeugt, um eines der weißen Hühner aufzuheben, die rund um Bredenswarft pickten und scharrten. Dieses Huhn war auf ihn zugelaufen, so als würde es sich freuen, ihn zu sehen. Er hielt es einen Moment lang auf dem Arm und strich über seinen Kopf, bevor er es wieder absetzte und schließlich im Stall verschwand.
Sie sah ihm nach.
Ines war eine praktische Frau. An Gedankenkonstrukte wie Schicksal oder Vorherbestimmung hatte sie nie viel Zeit verschwendet. Und doch hatte es Brar von allen Orten auf der Welt ausgerechnet hierher verschlagen. Zu ihr nach Südfall.
Wie schon so oft in ihrem Leben fühlte sie die Last des Versprechens, das sie einst gegeben hatte. Sie spürte sein Gewicht auf ihren schmalen Schultern, sein Geheimnis umklammerte ihr Herz.
Als Brar nur wenig später aus dem Dunkel des Stalls wieder in das strahlende Sonnenlicht trat, zu ihr herübersah und ihr zuwinkte, hob auch Ines die Hand zum Gruß.
Mehr als ein halber Kilometer lag zwischen ihren beiden Warften, und doch spürte Ines selbst über diese Distanz das Band zwischen ihnen. Ein Band, das nicht zerriss, ein Band, das nichts zerschneiden konnte.
Ich wünsche dir, Brar, dass du eine Heimat findest, und ich wünsche dir Liebe. Eine Frau, die dich liebt, eine Frau, die du liebst – mit aller Macht, mit aller Demut und ohne jeden Zweifel, so wie ich einst liebte und geliebt worden bin.
Ich wünsche dir, Brar, dass du glücklich bist.
Ich wünsche dir ein schönes und erfülltes Leben.
Ines hatte ihre Worte in den Wind geflüstert, so wie der Wind ihr manchmal zuraunte: Denk an dein Versprechen, Ines.
Sie glaubte, Brar nicken zu sehen, als hätte er ihr Wispern gehört.
Warme Zufriedenheit umhüllte sie, so wie die Wellen im Sommer manchmal ihre Füße umspielten. Noch einmal hob sie die Hand und winkte, dann drehte sie sich um.
Jetzt würde sie an ihre Arbeit gehen, was auch immer dieser Tag ihr bringen würde.
»Was?«, fragte Lena in den Redestrom ihres Chefs, der jetzt innehielt und ihr einen irritierten Blick zuwarf. Eigentlich hatte sie eher »wer« fragen wollen, aber die Annahme oder eher die Befürchtung, sich verhört zu haben, hatte sie verwirrt. »Ich sagte, es wäre gut, wenn du in Erfahrung bringen würdest, ob unser neuer Halligwart noch etwas braucht, bevor er ankommt, sprich mit Klaus, der ihn einarbeiten wird. Ich glaube«, Knut, ihr Chef, lächelte an dieser Stelle vergnügt, »ich glaube, wir haben mit ihm einen wunderbaren Fang gemacht. Ornithologe, Biologe und dazu noch praktisch und handwerklich begabt. Sein Vater war, bevor er in den Ruhestand ging, einer der führenden Tierärzte an der Universität. Ganz großartig!«
Lena schluckte. »Nein, ich … ich meine … Wie ist noch mal sein Name?«
»Brar Hamkens«, wiederholte Knut mit einer Spur Ungeduld in der Stimme und schob eine dicke Akte nach vorn, quer über die sich gegenüberstehenden Schreibtische. »Der Name seiner Lebensgefährtin fällt mir gerade nicht ein. Ach ja, hier ist noch der übliche Papierkram. Diesen Ordner kannst du ihm schon mal hinlegen, wenn du gleich auf Südfall bist, und später dann abholen. Versicherungen und so weiter und so fort.« Noch einmal tauchte ein strahlendes Lächeln in Knuts Gesicht auf. »Guter Mann, der Hamkens. Japsand hat so ein unfassbares Glück! Na, wie dem auch sei, ich gehe jetzt zur Bank, und dann hole ich mir etwas zu essen. Soll ich dir was mitbringen? Ach, nein«, Knut sah auf seine Armbanduhr, »du nimmst ja schon in einer halben Stunde das Postschiff, das wird zu knapp. Bis morgen!«
Lena nickte nur stumm.
Brar Hamkens. Und seine Lebensgefährtin.
Es kam Lena ewig vor, bis Knut endlich seine Jacke gefunden hatte, sie anschließend umständlich anzog, wobei sich einer der Ärmel verdrehte, so dass er wieder hinaus- und dann wieder hineinschlüpfen musste.
Lena teilte sich normalerweise gern ein Büro mit ihrem Chef. Er war viel weniger Chef als vielmehr ein wirklich guter Kollege, dachte sie manchmal. Doch heute, nachdem sie den Namen Brar Hamkens gehört hatte, konnte sie es kaum erwarten, endlich allein zu sein.
Nachdem sich die Tür hinter Knut ein paar Minuten später dann doch geschlossen hatte, holte Lena tief Luft, schob ihren Stuhl zurück und trat ans Fenster. Vom Giebel des kleinen Backsteinhauses, in dem der Verein Japsand sein Nest gefunden hatte, konnte sie direkt auf den Husumer Hafen blicken.
Zwei kleine Fischerboote schaukelten auf den Wellen nebeneinander, und auch die Wellenkönigin, das Postschiff, das sie gleich nach Südfall bringen würde, schob sich gerade in die Fahrrinne.
Brar Hamkens. Zuerst hatte sie seinen Namen wirklich nicht richtig verstanden. Und sie musste zugeben, sie hatte auch nur mit halbem Ohr zugehört, war sie doch in Gedanken noch bei der E-Mail gewesen, die sie gerade bearbeitet hatte, aber dann hatte der Name sie ganz durchdrungen, auch ohne dass Knut ihn wiederholen musste.
Es war lange her. Lena rieb sich mit beiden Händen die Oberarme. Brar hatte ihr Leben vor sehr langer Zeit einmal ordentlich durcheinandergewirbelt, damals, als sie noch mit Morten zusammen gewesen war.
Lena war Brar vor über zehn Jahren an einem Herbsttag an der Universität von Kopenhagen begegnet. Er hatte sein Tablett an der Kasse der Uni-Cafeteria so stürmisch vorwärtsgeschoben, dass er ihres angestoßen hatte und der linke Rand ihrer Tasse vom Kaffee überspült wurde, wie eine Warft bei Land unter.
»Tut mir leid für die Sturmflut. Kann ich dich auf einen Kaffee einladen, wenn du den kläglichen Rest, der noch in der Tasse geblieben ist, ausgetrunken hast?«, hatte Brar sie gefragt.
»Das ist ja wohl das Mindeste«, hatte sie lächelnd erwidert, und sein Blick hatte tief in ihr etwas berührt. Sie hatte sich damals auf diesen Kaffee eingelassen und war hin- und hergerissen gewesen. Eine Einladung zum Kaffee war doch harmlos. Sie liebte ihren Freund Morten, aber sie gehörte ihm ja nicht, oder? Auf der anderen Seite hätte sie sich vielleicht verabschieden müssen, als sie gemerkt hatte, dass Brars Blick sie durcheinanderbrachte.
Am Ende hatten sie damals fast vier Stunden in der Cafeteria gesessen, bis es draußen schon lange dunkel geworden war und die Laternen auf dem Campus fahles Licht auf feuchte Blätterhaufen warfen. Am Ende waren beide überrascht gewesen, dass so viel Zeit vergangen war. Nur schwer hatte sich Lena damals von dem jungen Mann losreißen können, mit dem sie erst ganz lebhaft geplaudert hatte, dann aber, mit fortschreitender Zeit und weiteren Tassen Kaffee und Kaltgetränken waren ihre Gespräche ernsthafter geworden. Beide waren sie gleichermaßen fasziniert vom Ökosystem Nordsee, vom Watt, von den Halligen und der dort ansässigen Tier- und Pflanzenwelt. Noch nie hatte sich Lena so lebendig gefühlt, so ganz im Hier und Jetzt mit jemandem, der ihre Leidenschaft teilte und ihr Interesse. Als sie ihm schließlich sagte, dass sie eine Beziehung hatte, konnte sie die Ernüchterung zwischen ihnen fast mit den Händen greifen.
Vielleicht, überlegte Lena, hatte die Begegnung mit Brar ihr damals schon deutlich gemacht, dass in ihrer Beziehung etwas nicht stimmte, nicht rundlief.
Später hatte sie sich ja auch von Morten getrennt, erkannt, dass sie beide viel zu unterschiedlich waren, und danach durchaus immer wieder an Brar gedacht.
Brar war ihr noch zweimal zufällig begegnet.
Einmal kurz nach ihrer Trennung in einem Buchladen. Sie hatten sich über die niedrigen Regale hinweg zugewunken, und für den Bruchteil eines Moments hatte sie überlegt, zu Brar hinüberzugehen und mit ihm zu sprechen. Da war dieser Zauber in seinen Augen, dieses Blitzen, das ihr Herz aus dem Takt brachte, ihren Atem stocken ließ wie nach einem Hundert-Meter-Sprint. Sie spürte, wie ihre Wangen heiß wurden, sich sicherlich röteten … und dann erschien er ihr so plötzlich wieder ganz weit weg. Der Selbstzweifel der frischen Trennung hatte sich um ihr Herz gelegt wie ein zu enger Gürtel. Ich kann das nicht, hatte sie gedacht, und den Kopf gesenkt. Ich muss erst mal mein altes Leben verabschieden, bevor ich mich in ein neues Abenteuer stürze.
Diese Chance damals habe ich verpasst, flüsterte Lena, und tippte mit dem Finger gegen die Fensterscheibe, um eine träge Fliege zu verscheuchen, die draußen vor dem Glas hin und her irrte und Einlass begehrte.
Eine zweite Chance hatte es nicht gegeben. Sie waren sich an einem warmen Sommerabend am Hafen in Kopenhagen zwar beinahe in die Arme gelaufen, aber sie hatten beide bloß verlegen gelächelt. Gerade, als Lena ihren ganzen Mut zusammengenommen hatte, um Brar zu fragen, ob er mit ihr nicht vielleicht irgendwo etwas trinken gehen wollte, war eine hübsche blonde Frau hinter ihm aufgetaucht, hatte ihre Hand unter seinen Arm geschoben und Lena ebenfalls sehr freundlich angesehen. Lenas Herz, dessen Klopfen sich eben noch beinahe überschlagen hatte, wurde zu Stein, und ihr Lächeln kostete sie plötzlich Mühe. Sie war ein paar taumelige Schritte zurückgewichen, hatte viel zu schnell gesprochen, eine Verabredung erfunden und sich rasch verabschiedet.
Brar hatte sie danach nicht wiedergesehen. Aber es wäre gelogen, hätte sie gesagt, sie hätte ihn vergessen.
Denn da war ein Fleck in ihrem Herzen, nein, es war eher wie eine Kammer, überlegte sie, zu der nur sie den Schlüssel hatte. Und in ganz seltenen Momenten erlaubte sich Lena, die Tür aufzuschließen, sich zu erinnern und ein wenig zu träumen. Von dem, was hätte sein können.
Kein Mann hatte es seitdem geschafft, ihr Herz vollends zu erobern. Ein Sonnenstrahl, der durchs Fenster fiel, ließ sie kurz blinzeln.
Da meinte sie plötzlich in der Glasscheibe Brars braune Augen zu sehen, rasch schüttelte sie den Kopf und stellte sich auf die Zehenspitzen, damit sie weiter den Hafen hinunterschauen konnte.
Ein Schwarm Möwen flog über die Boote im Hafen hinweg.
Husum, der Verein Japsand, hier fühlte sie sich wohl, und es fehlte ihr an nichts. Ich liebe meinen Job, dachte Lena, wandte sich vom Fenster ab und schob rasch die Akte in ihre Tasche, griff nach ihrer Jacke und nahm den Schlüsselbund vom Haken.
Nur eine halbe Stunde später legte Lena ihre Hände auf die kühle Reling der Barkasse. Sonne glitzerte auf den Wellen, die sich heute nur freundlich zu Krönchen kräuselten.
Aus der blauen Weite schob sich jetzt Südfall auf den Horizont. Schwimmendes Grün mitten im blauen Meer.
Und immer dann, wenn Südfall langsam größer wurde, durchströmte Lena ein warmes Gefühl der Vorfreude, das ihren Nacken prickeln ließ. Sie mochte die Hallig. Selten fühlte sie sich freier und zufriedener als in diesem Augenblick, wenn sich die Konturen der Gebäude abzeichneten, in ihrem Blick schärfer wurden und der rote Backstein auf Bredenswarft in der Sonne leuchtete.
Und jetzt wehte ihr der Nordseewind auch noch Brar vor die Füße. In wenigen Tagen würden er und seine Lebensgefährtin ankommen. Ob es noch die gleiche blonde Frau von damals war?
Wie auch immer, Lena würde mit Brar nun zusammenarbeiten und mehr Zeit mit ihm verbringen, als sie sie damals jemals hatten. Brar und sie teilten die gleiche Leidenschaft für den Naturschutz und die Tiere, sie würden sich bestens verstehen, da war sie sich sicher. Lenas Herz hüpfte bei diesen Gedanken gemeinsam mit dem Schiff über die Wellen.
Er ließ den Blick durch das Wohnzimmer seiner Wohnung in Kopenhagen schweifen, bevor er seinen Schlüssel an den Haken neben der Tür hängte und aus den Turnschuhen schlüpfte, indem er gegen seine Hacken trat.
Bald würde der Untermieter, der auch gleichzeitig Brars alten Job an der Universität übernahm, hierher nach Hause kommen. Ein seltsames Gefühl.
Die Bücherregale waren leer, das Sideboard unter dem Fenster längst ausgeräumt. Die Kisten, die sich bis zum Abend noch neben der Wohnungstür gestapelt hatten, waren inzwischen schon auf dem Weg in Richtung Südfall. Und bei diesem Gedanken wurde Brar ganz warm ums Herz. Reisefieber, dachte er lächelnd. Aber es war anders als alle Reisen, die er sonst unternommen hatte, meist mit kaum mehr Gepäck als seinem großen Rucksack. Diesmal nahm er für ein ganzes Jahr sein halbes Leben mit.
»Essen ist da!«, rief er in Richtung Schlafzimmer, bevor er mit der raschelnden Tüte in die Küche ging, sie auf dem Tisch abstellte und zwei Gläser aus dem Schrank holte.
»Ja, kann ich riechen. Einen Moment noch!«, hörte er Annikas Antwort, während er sich in dem kleinen Bad, das von der verwinkelten Küche abging, die Hände wusch.
Sicherlich saß sie noch an dem kleinen Schreibtisch unter dem Fenster vor ihrem aufgeklappten Laptop. Brar lächelte. Es gab immer noch eine E-Mail, die sie rasch beantworten musste. Brar ging in die Küche und setzte sich an den Tisch.
»So, jetzt«, sagte Annika, beugte sich zur Tüte hinunter und sah dann zu ihm auf. »Backfisch?« Ihr halblanges, aschblondes Haar fiel ihr ins Gesicht.
Brar lächelte ihr beruhigend zu. »Ja, keine Sorge. Für dich Backfisch, garantiert grätenfrei, und für mich Hering. Für uns beide Kartoffelecken.«
»Sehr gut!«
»Und, bist du mit allem fertig geworden?«, fragte Brar, nahm den Deckel von seiner Essensverpackung ab, und das Wasser lief ihm im Munde zusammen. Brathering war eindeutig auf der Liste seiner Lieblingsspeisen ganz weit oben.
»Fast. Noch zwei E-Mails und dann –« Annika hielt inne. »Weißt du, es wird seltsam sein, gar nicht mehr an all den Konferenzen teilzunehmen.« Sie spießte ein Stück Backfisch auf ihre Gabel, musterte es von allen Seiten, bevor sie es sich in den Mund schob und vorsichtig kaute.
Er konnte Annika verstehen. Als Kind hatte sie einmal eine Fischgräte verschluckt, die sich quergestellt hatte und die man ihr entfernen musste. Seitdem aß sie nur noch Fischfilet, und auch das nur äußerst vorsichtig.
Brar hätte ihr auch Essen aus ihrem liebsten indischen Restaurant mitgebracht, aber sie hatte sich für ihren gemeinsamen Abschied von Kopenhagen Fisch gewünscht. Vielleicht seinetwegen, vielleicht, weil sie wusste, wie sehr er den kleinen Imbiss an der Ecke vermissen würde.
»Sicher«, fuhr sie fort, »den Großteil meiner Arbeit kann ich von überall auf der Welt erledigen, aber … zum ersten Mal betreue ich gleich zwei wichtige Ausstellungskataloge für die dänische Nationalgalerie, arbeite ganz eng mit zwei sehr bedeutenden Kunsthistorikerinnen aus Kopenhagen zusammen, und es wird merkwürdig sein, nicht mal eben in der Mittagspause durch die Ausstellung schlendern zu können, mich nicht rasch zum Kaffee mit Kollegen zu treffen, um Einzelheiten zu besprechen. Alles nur noch per Videokonferenz oder … oder per E-Mail.« Sie runzelte die Stirn.
Und Brar fragte sich einmal mehr, ob er Annika nicht zu viel abverlangte? Südfall war sein Traum, sein Wunsch.
Schon als er vor Jahren zum ersten Mal von der Vogelschutzstation auf Südfall gehört hatte, hatte ihn der Gedanke, dort selbst eines Tages Dienst zu tun, nicht mehr losgelassen. Erst einige Zeit nach dem Studium, nach seinen Erfahrungen an der Uni und bei verschiedenen Forschungsprojekten, hatte sich der verklärende Nebel, der diesen Traum immer umgeben hatte, gelichtet, und der Traum war plötzlich mit einer freien Stelle als Halligwart greifbar geworden.
Annika hatte ihm zugeredet. Er hätte schließlich zurückgesteckt, als sie sich über ein Volontariat kurz nach ihrem Kunstgeschichtsstudium eine Festanstellung bei einem der renommiertesten Verlage für kunstgeschichtliche Bücher und Bildbände erkämpft hatte. War es richtig, sie aus ihrer Karriere zu reißen? Sicher, sie hatte ihm oft versichert, dass sie in ihrer Position von überall aus arbeiten konnte. Und das stimmte ja auch, aber würde sie den Trubel im Verlag, all die Museen und Ausstellungen in der Stadt nicht vermissen?
Annika hatte ihn oft zu Veranstaltungen mitgenommen, hatte selbst oft genug kleinere Galerien unterstützt und Ausstellungen eröffnet. Das würde ihr ganz sicher fehlen. Auf der anderen Seite hatten sie, weil Annika einen großen Teil der Woche in seiner Wohnung verbrachte, zusammenziehen wollen. »Dann können wir das auch auf Südfall tun«, hatte sie gesagt.
Als hätte sie seine trüben Gedanken lesen können, legte sie jetzt ihre Hand auf seine und drückte sie. »Ein Jahr, Brar, ein Jahr werde ich mit dir auf Südfall bleiben. Für dich, Brar, weil das dein Traum ist. Du hast meinen unterstützt, und jetzt bin ich dran.« Sie erhob sich halb und küsste ihn kurz. »Zusammen auf Südfall.«
Brar hob lächelnd sein Wasserglas. »Wir haben nichts anderes, oder?«
»Nein, nur noch Leitungswasser.« Annika lachte das ungestüme Lachen, das er so mochte. Es hatte etwas wunderbar Weiches und Leichtes. »Prost!«
»Prost«, erwiderte er. »Auf Südfall und auf uns!«
Sie tranken beide einen kleinen Schluck, bevor sie sich über den Tisch lehnten und sich küssten.
»Morgen Abend küssen wir uns auf Südfall«, sagte er und zwinkerte ihr zu.
»Morgen Abend werden wir dazu wahrscheinlich viel zu müde sein«, sagte Annika und lachte noch einmal, bevor sie eine der Kartoffelecken in den Ketchup tunkte.
Ines warf einen Blick auf die Uhr über der Tür, stützte sich mit beiden Händen auf ihren blankgescheuerten Küchentisch und stand langsam auf.
In den letzten zehn Jahren hatte sie jeden neuen Halligwart persönlich begrüßt. Sie fand, dass sich das so gehörte auf einer Hallig, nein, hier auf Südfall. Manche Halligwarte waren ein Jahr geblieben, andere hatten verlängert. Ines war bisher noch mit jedem ausgekommen. Den einen hatte sie lieber gewonnen als den anderen. Wie das so ist mit Menschen. Kennengelernt hatte sie alle mehr oder weniger gut. Das ließ sich auch kaum vermeiden, denn auf Südfall gab es nur zwei Warften, die aufgeschütteten Erdhügel, auf denen die Bewohner der Hallig ihre Häuser vor der Flut, die manchmal die ganze Hallig überspülte, schützten.
Auf Sönkenswarft lebte Ines. Ein typischer Hallighof. Ein niedriges Bauernhaus, in dessen Reetdach sich halbrunde Gauben kuschelten. Ein Stall, der an das Bauernhaus angrenzte, eine große alte Scheune und ein Holzschuppen, der in früheren Jahren einmal den alten Abort beherbergt hatte. Der Fehting, so nannte man den Teich, in dem sich das Regenwasser sammelte und der als Viehtränke diente, war heutzutage nur noch Dekoration, denn das Frischwasser kam längst in einer unterirdischen Leitung vom Festland, was eine entschiedene Verbesserung der Lebensqualität darstellte. Ines’ Vorfahren hatten hier oft bangen und zittern müssen, wenn ein Land unter die Hallig überschwemmt und Salzwasser das Trinkwasser im Fehting unbrauchbar gemacht hatte. Aber all diese Anstrengungen der Vergangenheit waren im Großen und Ganzen modernem Komfort gewichen, den Ines sehr schätzte. Sie war sicher niemand, der fand, dass früher alles besser gewesen wäre.
Bredenswarft hatte man später aufgeschüttet, nachdem Ines und ihre Mutter einen Teil der Hallig Mitte der Achtzigerjahre an den Verein Japsand verkauft hatten. Bredenswarft war entstanden, und auf ihr schmucklose Backsteinbauten. Ein Wohnhaus, ein Stallgebäude und ein paar kleinere Nebengelasse, die in den Jahren darauf hinzugekommen waren.
Ines warf durch ihr Küchenfenster noch einen letzten Blick auf das Zuhause des neuen Halligwarts in der Ferne, dann nahm sie ihre Strickjacke vom Haken, zog sie an und schlüpfte in ihre Gummistiefel.
Diesmal, das hatte ihr Knut vom Verein Japsand erzählt, sollte ein Paar kommen. Der Mann war der Halligwart, und begleiten würde ihn seine Freundin. Lebensgefährtin nannte man das wohl. Ines schüttelte verwundert den Kopf, als sie darüber nachdachte. In all den Jahren hatte Japsand das versucht zu vermeiden. »Einer mag die Hallig, der andere nicht. Am Ende gehen beide vor der Zeit, und dann, Ines, dann fange ich wieder an, Bewerber zu interviewen. Nein, nein.« So etwas in der Art hatte Knut immer wieder gesagt. Und dennoch hatte er diesmal wohl all seine Bedenken über Bord geworfen.
Der Bewerber war so qualifiziert und motiviert, dass Knut zu allem Ja und Amen gesagt hatte. Und allein diese Tatsache kitzelte Ines’ Neugier umso mehr.
Wer mochte dieser Mann sein?
Noch einen Moment blieb Ines unschlüssig vor der Haustür stehen, dann griff sie in die Schublade der kleinen Flurkommode, entnahm ihr Zettel und Stift und legte beides griffbereit darauf.
Es war zu ihrem kleinen Vergnügen geworden, zu ihrem kleinen Sport, daheim, nach der Begrüßung sofort aufzuschreiben, ob der neue Halligwart nach einem Jahr gehen oder seine Stelle um ein weiteres Jahr verlängern würde. Das war nämlich möglich. Einmal konnte man verlängern, dann war eigentlich Schluss. Vielleicht dachte Ines, könnte man Knut sogar noch eine zweite Verlängerung aus den Rippen leiern, wenn man es geschickt anstellte, aber das hatte noch niemals jemand versucht, soweit sie wusste.
Der Wind, der gestern noch an den letzten Blättern des Birnbaums gerissen hatte, war deutlich abgeflaut. Beinahe mild strich er über Ines’ Gesicht, während sie den schmalen Weg, der sich durch die grünen Salzwiesen schlängelte, zum Anleger hinunterbummelte.
Noch vor wenigen Tagen war der Wind von Norden gekommen. In ihm hatte schon eine Ahnung Eis gelegen, ein Hauch Schnee, auf jeden Fall aber Kälte, da war sich Ines sicher. Heute dagegen brachte er den letzten Gruß aus dem Süden mit. Der Duft nach reifen Früchten und Blüten mischte sich in die salzige Luft, und in Ines regte sich eine erste Wehmut nach dem vergangenen Sommer. Sonnengetränkte Nachmittage auf der Bank. Vom überhängenden Reetdach ihres geduckten Hauses beschattet, hatte sie dort gesessen, ein Glas kühle Zitronenlimonade in der einen Hand, ein Buch in der anderen, und immer wieder hatte sie aufgesehen und über das glitzernde Meer geschaut.
Genug geträumt, schalt sie sich. Der Herbst kommt. Noch war es warm, aber das würde sich bald ändern.
Schon von weitem sah sie Klaus und hob die Hand zum Gruß. Sie war mit Klaus gut zurechtgekommen. Auch wenn ihr Verhältnis das ganze Jahr über distanziert geblieben war, hegte sie keinen Zweifel an einer gegenseitigen Zuneigung.
Vielleicht, dachte sie, während sie Klaus, der vornübergebeugt auf einer großen Holzkiste auf dem Landungssteg saß und sich gerade eine Pfeife anzündete, aus zusammengekniffenen Augen beobachtete, vielleicht ist das auch so mit uns Halligmenschen. Wir wären ja nicht hier, würden wir die Einsamkeit nicht mögen. Und genau das macht es uns gleichzeitig sehr schwer, andere Menschen in unser Leben zu lassen.
Und Klaus kam zwar nicht von einer Hallig, war aber auf Pellworm aufgewachsen. Ein Inselmensch. Das kommt Halligmenschen sehr nahe. Ines selbst war eine lange Zeit ihres Lebens ein Inselmensch gewesen.
Als ihr Amrum einfiel, strauchelte sie kurz auf dem Weg. War es der Gedanke, der sie aus dem Gleichgewicht gebracht hatte? Oder doch nur der kleine Stein, der sich unerbittlich in die abgetretene Sohle ihres Gummistiefels bohrte?
Amrum. Sie konnte nicht verhindern, dass vor ihrem geistigen Auge die weißgetünchte Fassade des Hotels Dünenblick auftauchte. Sie sah die Giebel vor sich, die blau eingefassten Fenster, die Holzbalkone, von denen aus man das Meer sehen konnte.
Mit einer unwilligen Handbewegung wischte sie die Erinnerung weg. Gerade rechtzeitig dachte sie, bevor sein Gesicht durch ihre Erinnerungen ziehen konnte, und das wäre einfach zu schmerzlich gewesen, selbst nach all den Jahren, die in der Zwischenzeit vergangen waren.
Ines schluckte. Inzwischen hatte sie Klaus fast erreicht. Rasch, um nicht weiter in trüben Gedanken zu versinken, zeigte sie auf die Kiste. »Du fährst heute doch noch nicht, Klaus, oder?«
»Aber nein!« Der Mann, mit dem sie das letzte Jahr über die Hallig geteilt hatte, stand auf. »Ich schick schon ein paar Sachen nach Stralsund vor.« Er machte eine kleine Pause und sah übers Meer. »Wird komisch sein, die Nordsee gegen die Ostsee zu tauschen.«
»Wenigstens Meer.« Ines lächelte ihm aufmunternd zu.
Klaus klopfte auf die Kiste neben sich. »Setz dich«, forderte er sie schlicht auf, doch Ines schüttelte lächelnd den Kopf. »Vielleicht später. Falls das Schiff Verspätung hat.«
Tatsächlich war der Horizont noch leer. Glattes Meer. Außer ein paar Möwen, die hoch am Himmel kreischend ihre Bahnen zogen, schien alles in einem hell weißlichen Licht zu verschwimmen.
»Die Wellenkönigin hatte letzte Woche schon Motorprobleme. Kann sein, dass wir uns gedulden müssen.« Noch einmal deutete Klaus neben sich auf die Kiste, und diesmal nahm Ines seufzend neben ihm Platz.
»Ich hab mich hier sehr wohl gefühlt«, sagte er schließlich und drehte sich dabei in Richtung Bredenswarft um. »Kann mir gar nicht vorstellen, wie –« Er stockte.
»Was wolltest du sagen?«, hakte Ines vorsichtig nach.
»Ist seltsam, von hier wegzugehen.«
»Ja, das ist es immer«, sagte Ines langsam und sah statt zur Bredenswarft geradeaus zum Horizont. Ihre Gedanken glitten zurück zu dem Tag, an dem ihr Vater sie nach Amrum gebracht hatte und sie ebenfalls nicht weggewollt hatte. Ähnlich wie heute hatte sie am Anleger gesessen und auf ihn gewartet, während er noch einmal zur Sönkenswarft zurückgelaufen war. Nur hatte sie nicht auf einer Kiste gesessen, sondern auf ihrem Pappmascheekoffer, und der Fischkutter schaukelte schon unternehmungslustig auf den Wellen der Flut. Was ihr Vater damals vergessen hatte, hatte Ines wiederum vergessen, aber sie erinnerte sich an das Gefühl, auf diesem Koffer zu sitzen. Ganz und gar unglücklich, ängstlich und ein bisschen ärgerlich.
Ein seltsamer Tag geht zu Ende, und ich muss dringend meine Gedanken sortieren.
Ich weiß, ich hab lange nichts mehr aufgeschrieben und jetzt merkwürdigerweise das Gefühl, ich müsste mich bei diesem ledergebundenen Büchlein entschuldigen. Ist das nicht komisch?
Der letzte Eintrag stammt aus dem Juli letzten Jahres, und da habe ich geschrieben, dass ich mit der Schule fertig bin, das Internat verlassen und endlich wieder nach Hause darf.
Nach Südfall. Auf meine Hallig.
Und ehrlich, es kommt mir so vor, als hätte ich seitdem immer Ferien. Diese Leichtigkeit!
Anders als Anke, die erst in diesem Jahr Abitur macht, muss ich nicht mehr zurück nach Husum, und ich bin froh darum. Aber Anke liebt die Schule und das Internat. Ich dagegen habe beides immer gehasst. Wie schwer waren die letzten Nächte immer, bevor ich der Hallig den Rücken kehren musste! Bauchschmerzen hatte ich jedes Mal, bevor die Schule wieder begann. Das Eingesperrtsein im Klassenraum, die Enge im Schlafsaal – beides hat schon Tage vorher auf mein Gemüt gedrückt und mich unglücklich gemacht.
Jetzt dagegen sind meine Tage frei. Ich bin frei! Was gibt es Schöneres, als mit meinem Vater aufs Meer zu fahren, die Netze einzuholen, den Fang nach Husum zu fahren, abends die Schafe in den Stall zu treiben, die Kühe zu versorgen?
Habe ich mir je etwas anderes gewünscht? Nein, nein und nochmals nein. Ich bin ein Hallig-Mädchen und nichts anderes – und jetzt wollen meine Eltern, dass ich weggehe?
Das kann nicht sein!
Wie jeden Abend habe ich die Schafe im Stall versorgt, und gerade, als ich fertig war und durch die Diele in die Küche gehen wollte, hörte ich meinen Namen durch den Spalt der Küchentür. Ich weiß, ich weiß, der Lauscher an der Wand … aber ich hörte meinen Namen und blieb wie erstarrt stehen.
»Sie kann nicht einfach hierbleiben!«, hörte ich meine Mutter sagen. In ihrer Stimme lag Schärfe. »Was soll aus ihr werden?«
Jedes ihrer Worte wurde von Geschirrklappern begleitet. Abendbrot. Ich hörte, wie sie die Suppenteller auf den Tisch stellte, Löffel dazulegte, das Brett für das Brot von der Wand nahm.
»Ach, Lotti.« Die Stimme meines Vaters klang müde. Er nannte meine Mutter immer dann »Lotti« statt Charlotte, bevor er ihr zärtlich über die Wange strich oder aber, wenn er sie besänftigen wollte. Hier schloss ich auf Letzteres.
»Was, wenn Ines einfach auf der Hallig glücklich ist?«
Wieder energisches Geschirrklappern. »Pay, daran ist gar nichts verkehrt, aber … sie kann doch nicht einfach nur bleiben und gar nichts von der Welt gesehen haben, außer der Handelsschule und der Hallig! Das ist nicht gesund. Wie … soll sie jemanden finden, den sie heiraten will?«
»Und was, wenn sie das gar nicht will?«
Einen Augenblick lang war es ganz still in der Küche. »Würdest du ihr das nehmen wollen? Das, was wir haben?« Die Stimme meiner Mutter war sanft geworden.
Ich hörte, wie mein Vater seine Tabakdose auf den Tisch legte. Allein durch die Geräusche hatte ich das Gefühl, mit am Tisch zu sitzen.
»Ich war immer hier auf der Hallig. Und du kamst zu mir. Und bist geblieben.« Mein Vater sprach langsam. Drei Sätze sind bei ihm schon fast eine Ansprache.
»Das ist etwas völlig anderes.« Meine Mutter fegte seinen Einwand energisch weg, so wie sie immer nach dem Essen die Krümel vom Tisch in die hohle Hand wischte.
»Was schlägst du vor?«, fragte mein Vater hörbar resigniert.
Einen Augenblick lang war es sehr still in der Küche, und ich hielt die Luft an.
»Amrum.« Meine Mutter schob einen Stuhl zurück.
»Amrum?«
»Marianne Petersons Tochter Birgit arbeitet jede Sommersaison im Hotel Dünenblick in Norddorf. Marianne hat mir erzählt, dass sie immer Aushilfen suchen. In der Küche, als Zimmermädchen … das wäre eine wunderbare Gelegenheit für Ines, andere Erfahrungen zu sammeln, etwas mehr zu sehen als immer nur die Hallig.«
Ich schluckte, dann stieß ich die Tür zur Küche auf. Ich weiß gar nicht mehr, was ich dachte, aber ich erinnere mich daran, was ich fühlte. Alles nämlich. Ärger, Hilflosigkeit, Angst, Empörung. Auf jeden Fall war es so viel, dass ich spürte, wie Tränen in meinen Augen aufstiegen.
»Ich will nicht nach Amrum! Ich bin hier zu Hause. Hier auf Südfall!« Meine Stimme zitterte.
Das schmale Gesicht meiner Mutter wurde weich. Beinahe mitleidig sah sie mich an. »Es wird dir guttun, Ines. Und jetzt setz dich. Wir essen erst mal.«
»Ich will nichts essen!« Und das wollte ich tatsächlich nicht. Der Hunger, den der Tag auf dem Meer mit meinem Vater und die abendliche Stallarbeit geweckt hatten, war verschwunden.
»Iss etwas.« Mein Vater deutete auf den Stuhl, auf dem ich immer saß. Der Stuhl gegenüber der Bank unterm Fenster.
»Wie könnt ihr Pläne machen. Für mich! Ohne mich!«
»Ines!« Meine Mutter sagte meinen Namen sehr scharf. Ein Indikator dafür, dass sie böse auf mich war, denn sonst nannte sie mich »Schäfchen«.
»Ihr könnt mich nicht wegschicken!« Ich spürte, wie meine Unterlippe zitterte.
»Wir wollen doch nur das Beste für dich!« Mutter stand auf und kam auf mich zu, aber ich wich zurück.
»Ich gehe hier nicht weg!«
Und dann habe ich mich umgedreht und bin die Stiege nach oben in mein Zimmer hinaufgestürmt.
Jetzt ist es beinahe Mitternacht, und ich kann nicht schlafen. Hunger wühlt in meinem Bauch, aber ich kann auch nicht essen. Ich habe keinen Appetit. Was soll aus mir werden, wenn meine eigenen Eltern mich hier nicht wollen?
Wir waren jetzt seit beinahe einer Woche nicht mehr auf dem Meer. Strenger Frost treibt dicke Eisschollen über die See, und ich helfe Vater dabei, die Netze zu flicken. Immer wieder jagen Stürme über die Hallig, peitschen das Meer auf und lassen Wellen über die Salzwiesen rollen.
Schweigend saß ich gestern neben meinem Vater, knüpfte und knotete, bis er schließlich das Netz beiseitelegte und sich eine Pfeife stopfte.
Eigentlich gefielen mir diese stillen Stunden mit ihm allein in der Küche, während die Nähmaschine meiner Mutter im Döns nebenan ratterte. Im Bilegger knackte das Feuer, und der starke Tee dampfte vor uns in den Tassen.
Doch das Haus ist still geworden. Die Leichtigkeit der letzten Monate ist seit unserem Streit verflogen.
»Wir wollen dir nichts Schlechtes, Ines«, sagte mein Vater leise. Er riss das Streichholz an der Packung an, knisternd entflammte es, und dann zündete er sich damit seine Pfeife an.
Ich mochte den herben Tabakrauch, der bald darauf durch die Küche zog.
»Ihr wollt mich hier nicht.«
Ich hörte ihn neben mir seufzen und musterte ihn aus dem Augenwinkel. In sein blondes Haar hatten sich in den letzten Jahren graue Strähnen geschlichen, und der salzige Wind hatte Furchen in sein Gesicht gegraben. Zum ersten Mal wurde mir klar, dass er nicht ewig hier sein würde, und ein jäher Schmerz fuhr mir durch die Brust.
Mein Vater zog eine Augenbraue nach oben. »Glaubst du das wirklich?«
»Nein, aber es fühlt sich so an«, gab ich ehrlich zu.
»Deine Mutter macht sich Sorgen«, stellte er fest und legte die Pfeife in den Glasaschenbecher. Dann rieb er sich das Kinn. »Und ich auch.«
»Aber warum? Ich verstehe es nicht. Es ist ja nicht so, dass ich faul bin. Ich tue alles für –«
Seine Handbewegung unterbrach mich. »Du warst schon immer anders als deine Schwester. Anke ist kein Halligmensch. Du schon.« Sein Blick wurde liebevoll. »Aber es ist nicht richtig, dich einfach hierzubehalten.«
»Was meinst du?«
Er schwieg. Bestimmt ein paar Minuten lang. So lange, dass ich beinahe glaubte, er würde mir gar nicht mehr antworten. Doch dann atmete er tief ein. »Weil dein Bleiben auf der Hallig dann keine Entscheidung ist.«
Ich wollte widersprechen. Ich weiß nicht, warum ich es nicht tat. Ihm zuliebe vielleicht? Denn was er mir sagen wollte, verstehe ich immer noch nicht.
»Ich will nicht weg von hier. Ich habe Angst«, sagte ich stattdessen so leise, dass ich mir gar nicht sicher war, ob er mich gehört hatte.
Mein Vater lehnte sich zur Seite und gab mir einen Kuss auf die Stirn. »Es ist nicht gut, sich vor der Angst zu verstecken.« Nach einem Moment fügte er noch hinzu: »Oder sich vor Angst zu verstecken.«
Ich schluckte. »Verstecke ich mich?«
»Vielleicht.« Das war die Stimme meiner Mutter. Sie war so leise durch die Tür vom Döns, unserer Alltagsstube, in die Küche getreten, dass ich sie gar nicht bemerkt hatte. »Wir wollen doch nur, dass du auch noch etwas anderes siehst, außer Südfall.«
Ich verschränkte die Arme vor der Brust und warf ihr einen finsteren Blick zu.
»Du sollst einfach jung sein dürfen.« Meine Mutter hob beide Hände. Eine seltsam hilflose Geste. »Andere junge Menschen in deinem Alter treffen und … und dich vielleicht verlieben.«
Ich presste die Lippen aufeinander und sagte nichts. Seufzend durchquerte meine Mutter die Küche, ging zur Tür, die in die Diele führte, und griff nach ihrer dicken Wolljacke, die am Haken daneben hing. »Kommst du, Pay?«, sagte sie zu meinem Vater, der nickend aufstand.
Egal, was passierte, außer bei Land unter, wenn die Hallig überspült war, gingen meine Eltern am Nachmittag spazieren. Bei Regen, bei Schnee, bei Sturm.
Ich blieb in der Küche zurück, zog fröstelnd die Schultern zusammen und stand nur einmal auf, um ein Holzscheit in den Bilegger zu legen.
Nach fast einer halben Stunde Verspätung tuckerte die Wellenkönigin endlich aus dem Hafen von Husum mit Kurs auf Südfall.
Brar legte einen Arm um Annikas Schultern und stützte sich mit seiner anderen Hand an der Reling ab. Für einen Moment schloss er die Augen und hielt die Nase in den Fahrtwind.
Der perfekte Augenblick, dachte er, als er in die Sonne blinzelte und dann den Kopf in Annikas Richtung drehte. Auf ihr aschblondes Haar hatte die Sonne einen zarten goldenen Schimmer gelegt, und ihre hohen Wangen glänzten rosig.
»So eine ruhige See ist wirklich selten.«
»Das ist schade.« Annika lächelte schief. »Du weißt ja, dass ich nicht wirklich seefest bin.«
Schweigend blickten sie beide wieder über die glatte See zum Horizont. Nur der Fahrtwind strich ihnen sanft übers Haar.
Fast war er wie eine zärtliche Hand, die Brar Zuversicht und Mut zusprach. Denn aufgeregt war Brar schon. Die Stelle seiner Träume. Ein Jahr lang sollte er die Vogelpopulation auf der Hallig studieren und beobachten, sich um den Küstenschutz kümmern und im Sommer einmal am Tag Touristen über die Salzwiesen führen, ihnen erklären, warum die Hallig so ein einzigartiges Naturparadies war, und sie mit der Motivation, ihren Teil für den Erhalt dieses Ökosystems zu tun, wieder nach Hause schicken. Würde er all das können? Würde er allem gerecht werden?
Nicht, dass er jemals harte Arbeit gescheut hätte. Seine Eltern hatten ihn so erzogen, aber würde er all das auch gut machen?
»Irgendetwas macht dir Sorgen, nicht wahr?«, fragte Annika in seine Überlegungen hinein. »Ich sehe das an deiner Stirnfalte.«
Aus dem diffusen Licht am Horizont erhob sich dunkelgrünes Land, und Brar fühlte, wie Zweifel und Anspannung langsam wieder von ihm abfielen. Absurde Überlegungen waren das. Vielleicht auch nur der Respekt vor dem Abenteuer, das auf sie beide wartete. »Nur Gedanken, nichts weiter.« Rasch drückte Brar Annikas Hand.
Und je größer die Hallig vor ihm wurde, umso mehr verwischte das Grau des Himmels. Noch war die Hallig dunkelgrün. Sommergrün. Doch der Herbst lag bereits in der Luft. Und er würde erleben, wie Vogelschwärme hier rasteten, auf dem Weg in Richtung Süden. All das lag vor ihm.
Brars Herz begann etwas schneller zu klopfen. Darauf hatte er lange hingearbeitet. Und jetzt packten ihn eine freudige Erregung und noch ein weiteres Gefühl, das er nicht richtig einordnen konnte.
Er runzelte die Stirn. Aufregung, ja, Vorfreude und … aber das konnte doch gar nicht sein oder?
Doch ohne Zweifel. Es war dasselbe Gefühl, das er hatte, wenn er nach langer Abwesenheit das Haus seiner Eltern in Kopenhagen betrat. Das Gefühl, endlich zu Hause zu sein.
Mit einem sanften Ruck schob sich das Postschiff an den Anleger, und Brar hob die Hand zum Gruß. Klaus, dessen Tage als Halligwart bereits gezählt waren, winkte zurück. Die ältere Frau neben Klaus jedoch erhob sich nur von der Kiste, auf der sie gesessen hatten, und stand jetzt wie erstarrt da.
Mir ihr würden Annika und er sich gut stellen müssen, denn sie lebte auf der einzigen anderen Warft auf der Hallig.
Womöglich hatte sie sich den neuen Halligwart, der mit seiner Begleiterin gerade vom Schiff stieg, anders vorgestellt. Vielleicht lag es aber auch nur an der Sonne, die ihr direkt ins Gesicht schien, dass sie nicht einmal lächelte zur Begrüßung.
»Ich bin Klaus.«
Brar drückte die Hand seines Vorgängers fest. »Angenehm. Brar Hamkens, und das ist meine Freundin Annika Scheren.«
»Herzlich willkommen auf Südfall. Ines Nahnsen.«
Im Gegensatz zu Klaus streckte ihm Ines Nahnsen nicht ihre Hand entgegen, sondern hielt beide in ihrer Tasche vergraben.
»Freut mich sehr! Ich bin froh, dass ich hier jemanden auf der Hallig weiß, der sich gut auskennt«, sagte Brar und lächelte.
Ines Nahnsen nickte ihm knapp zu. »Wir sehen uns«, sagte sie unbestimmt und drehte sich eilig um. Die Warft, auf die sie zusteuerte, war dann wohl Sönkenswarft.
Klaus sah ihr stirnrunzelnd nach. »Komisch. Sonst ist sie nicht so kurz angebunden.«
»Vielleicht wird man so, wenn man wenig Kontakt zu Menschen hat«, warf Annika ein und rieb sich die Hände.
Klaus warf ihr einen beinahe ärgerlichen Blick zu. »Wir mögen vielleicht abgelegen leben, aber wir sind hier doch sehr zivilisiert.«
»Oh, so meinte ich das auch gar nicht«, erwiderte Annika schnell.
Brar deutete auf die Kisten am Anleger. »Ich nehme an, die sollen aufs Schiff?«
Klaus nickte wieder und sagte nichts mehr.
»Na, dann wollen wir mal auf- und abladen, nicht wahr?« Im Plauderton, um die Wogen zu glätten, fragte Brar: »Und, unsere Kisten sind auch schon angekommen, nicht wahr?«
Ein schmaler gewundener Weg schlängelte sich durch die Salzwiesen zur Bredenswarft, die am nordwestlichen Ufer der Hallig den Gezeiten und dem Wind, der gerade wieder aufgefrischt hatte, trotzte.
Bredenswarft war wie ein großes L. Linker Hand das Wohn- und Arbeitsgebäude, ein solider Backsteinbau. Schnörkel- und schmucklos reckte sich der breite Giebel ins Dach. An der Nordseite schloss sich ein Stallgebäude an, dessen breites Scheunentor halb offen stand. Und rechts des gepflasterten Hofes, an der Kopfseite des Stalls, befand sich ein niedriger Holzanbau. Klaus erklärte, dass dieser weitestgehend leer war, bis auf ein Schlauchboot für den Notfall und die Holzvorräte.
»Notfall? Ein Not-Boot … sozusagen?«, erkundigte sich Annika.
»Genau«, gab Klaus knapp zurück.
»Und, haben Sie das schon mal gebraucht?« Die Besorgnis in ihrer Stimme wurde ein klein wenig schriller, und Brar griff rasch nach ihrer Hand.
»Ich nicht«, sagte Klaus und kratzte sich am Kopf. »Der Halligwart vor mir hat bei Land unter mal zwei Schafe von Ines Nahnsen zurück auf die Warft gebracht. Und es kann ja auch sein, dass Sönkenswarft, also die, auf der Frau Nahnsen lebt, vollläuft, und dann müsste sie halt jemand holen, nicht wahr?«
Annika schüttelte sich. »Das klingt gefährlich.«
»Ist es –«, begann Klaus, doch Brar unterbrach ihn rasch. Mehr wollte er Annika gerade wirklich nicht zumuten.
»Vielleicht sollten wir mal nach unseren Kisten sehen«, fragte er betont fröhlich. »Vielleicht sollten wir einfach anfangen, uns einzurichten, was denkst du, Annika?«
»Sicher«, sagte sie, blieb aber unschlüssig auf dem gepflasterten Hof der Warft stehen, um sich umzusehen. »Es sieht größer aus als auf den Fotos.«
»Ja, hier wartet ein wenig Arbeit auf uns«, räumte Brar ein.
»Auf dich«, korrigierte ihn Annika und lächelte leicht. »Ich hab meinen eigenen Job.«
»Natürlich.« Brar gab ihr einen flüchtigen Kuss aufs Haar, bevor sie Klaus durch die hellgrau getünchte Holztür ins Haupthaus folgten.
»Hier links die Küche, geradeaus das Wohnzimmer, die Treppe nach oben. Rechts –«, Klaus öffnete eine breite Holztür, »der Ausstellungsraum für die Besucher der Hallig. Vor allem bei schlechtem Wetter ein guter Ort, an dem sich die Besucher wieder aufwärmen können. Bevor ich morgen abreise, zeige ich dir noch, woran ich gerade gearbeitet habe, Brar.«
Während Brar neugierig die Vitrinen mit den ausgestopften Vögeln und die Schautafeln betrachtete, hörte er, wie sich Annikas Schritte entfernten. Rasch riss er sich los. Er würde noch genug Zeit haben, sich damit vertraut zu machen.
Sie besichtigten noch das Obergeschoss. Klaus war bereits in das Gästezimmer umgezogen und hatte Annika und Brar das große Schlafzimmer hergerichtet.
Ansonsten gab es oben noch ein großes Badezimmer und das Arbeitszimmer, das gleichzeitig als Schutzraum bei Sturmfluten diente.
»Dieser Schreibtisch wäre ein guter Platz für dich«, schlug Brar begeistert vor, als sie in das Eckzimmer traten. »Sieh mal, der Blick aufs Meer!«
»Hmm«, machte Annika nur und zupfte an seinem Arm, als Klaus schon wieder auf dem Weg nach unten war. »Das ist alles sehr, sehr … schlicht eingerichtet und ein bisschen«, sie fuhr mit dem Finger über ein Regalbrett an der Wand, »staubig.«
Brar nickte und gab leise zurück: »Klaus lebte hier allein. Und das ist viel Arbeit für einen.«
»Stimmt natürlich.« Ganz überzeugt wirkte sie jedoch nicht.
Brar legte ihr einen Arm um die Schulter. »Komm, wir trinken erst einmal eine Tasse Tee, bevor wir uns ans Auspacken, machen, was denkst du?«
Hinter Annika stieg er die steile Holztreppe wieder hinunter.
Sie hatte ja nicht unrecht. Das sah hier wirklich sehr nach einem in die Jahre gekommenen Junggesellen-Haushalt aus. Aber gemeinsam würden sie daraus schon noch ein Zuhause machen.
Jeder hätte es sein können. Jeder.
Aber ausgerechnet er war von Bord der Wellenkönigin gesprungen, und Ines’ Herz hatte für ein paar Sekunden lang ausgesetzt.
