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Ein Haus auf der Hallig. Ein altes Tagebuch. Eine Entscheidung fürs Leben.
Die Berliner Apothekerin Ella führt ein glückliches Leben - eine erfüllende Arbeit, ein liebevoller Partner, das pulsierende Stadtleben. Doch als sie unerwartet ein Haus auf einer abgelegenen Hallig erbt, gerät ihre Welt ins Wanken. In dem alten Gemäuer stößt sie auf die Tagebücher ihrer Urgroßmutter Charlotte, die während des Zweiten Weltkriegs auf die Insel floh und dort dem wortkargen Fischer Pay begegnete. Während Ella tiefer in das bewegende Schicksal ihrer Vorfahrin eintaucht, beginnt sie, ihr eigenes Leben infrage zu stellen. Zwischen Sturm, Möwengeschrei und endlosen Horizonten stellt sich bald nicht nur die Frage: Was zählt im Leben wirklich? - sondern auch: Was verbirgt der geheimnisvolle Ornithologe Brar, der zurückgezogen auf der Hallig lebt?
Ein berührender Roman über Liebe, Neuanfänge und die Kraft der Vergangenheit.
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Seitenzahl: 438
Veröffentlichungsjahr: 2022
Die Berliner Apothekerin Ella liebt ihr Leben in der Stadt und ihren Freund. Doch vieles steht plötzlich in Frage, als sie ein Haus auf einer Hallig erbt und damit die Tagebücher ihrer Urgroßmutter Charlotte, die es im 2. Weltkrieg zum wortkargen Fischer Pay auf die Hallig verschlagen hat. Charlottes Schicksal und das so völlig andere Leben auf der kleinen Insel zeigen Ella eine neue Welt. Was im Leben zählt wirklich? Und welches Geheimnis umgibt den Ornithologen Brar, der auf der Hallig lebt?
Karen Elste hat Anglistik und Bibliothekswissenschaften studiert und lebt als freie Autorin im grünen Rand ihrer Heimatstadt Berlin, doch ihr Herz schlägt seit vielen Jahren für die Nordsee. Wenn sie nicht gerade Romane, Hör- oder Drehbücher schreibt, träumt sie bei einer Tasse Tee von einem kleinen Häuschen mit Reetdach an der Küste. Dort, wo die Brandung vor dem Küchenfenster anrollt und die Möwen vom nächsten Sommer erzählen.
KAREN ELSTE
Die Hallig-prinzessin
Roman
Vollständige eBook-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Dieser Roman wurde vermittelt durch die Literaturagentur Lesen & Hören
Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, Köln
Textredaktion: Sylvia Gredig, Wortfischen
Titelillustration: © Magdalena Russocka / Trevillion Images | © www.buerosued.de
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de
eBook-Produktion: Dörlemann Satz, Lemförde
ISBN 978-3-7517-0991-0
www.luebbe.de
www.lesejury.de
So wie ich alle handelnden Personen (jede Ähnlichkeit mit real existierenden Menschen ist rein zufällig und nicht gewollt), alle Namen und Bezeichnungen frei erfunden habe, ist auch die Hallig Südfall, die ich in diesem Roman beschreibe, ein Produkt meiner Fantasie.
In Wahrheit gibt es auf der echten Hallig Südfall nur eine Warft. Diese gehörte in der Vergangenheit Diana von Reventlow-Criminil, die bis zu ihrem Tod 1953 allein dort gelebt hat.
Viele Anekdoten ranken sich um das Leben der »Hallig-Gräfin«, wie sie liebevoll genannt wird. So soll sie während des Zweiten Weltkriegs einen englischen Bomberpiloten auf Südfall versteckt haben …
Heute ist Südfall nur im Sommer bewirtschaftet.
Im Winter, wenn der Wind Geschichten aus längst vergangenen Zeiten über die Salzwiesen raunt, gehört dieser schwimmende Traum ganz allein der Natur und den Gezeiten.
»Nein, nein, die Überraschung gibt es erst später!«, rief Robert ihr nach.
»Unfair!«, gab sie zurück, schlüpfte in ihre Slipper, die neben der Haustür standen, und knotete danach ihre Strickjacke in der Taille fest zu. »Ich hab seit heute Morgen um halb vier Geburtstag.«
»Mag sein. Aber für diese Überraschung brauche ich Zeugen.«
Sie lächelte. »Du meinst Publikum. Wer, wenn nicht du, sollte wissen, was Zeugen sind?«
Roberts Antwort war ein fröhliches Lachen.
Draußen im Hof war die Luft samtig und beinahe warm. Ein leichter Duft von Herbst hing darin. Der Duft zusammengekehrter Laubhaufen und feuchter Erde. Ella konnte sich nicht erinnern, dass es an ihrem Geburtstag je geregnet hatte. Oft sogar war es einer dieser letzten überraschend warmen Oktobertage, so wie eben heute, bevor der Herbst mit Regen und Wind die Blätter von den Bäumen fegte.
Heute leuchtete die alte Linde im Hinterhof, in dem Ellas geliebte kleine Remise stand, in Gold und Orange. Hier, umgeben von viergeschossigen Jahrhundertwendehäusern mitten in Kreuzberg, war der blaue Himmel, in den Ella blinzelte, nur ein schmaler Streifen, aber dennoch liebte sie die Ruhe, in die ihr gemauertes zweigeschossiges Zuhause eingebettet war. Der Lärm der Großstadt war nur eine Ahnung, ein sanftes Rauschen, aber gleichzeitig die aufregende Gewissheit, dass sie nur den Hof und den breiten Flur des Vorderhauses durchqueren, sich an Kinderwagen und Fahrrädern vorbeischieben und die Tür zur Straße aufstoßen musste, um mitten in der Stadt zu sein, im Gewimmel von Berlin. Die Stadt, in der sie geboren und aufgewachsen war, eben hier, in dieser alten Remise, die sie nach dem Tod ihrer Mutter übernommen hatte, genau wie ihre Apotheke.
Ella schob sich eine Strähne ihres kinnlangen blonden Haares hinter das Ohr und genoss einen Moment lang wohlig lächelnd die letzte Sonnenwärme des Jahres auf ihrem Gesicht, bevor sie ihren Briefkasten, der direkt neben der Eingangstür zur Remise hing, aufschloss. Die Ruhe vor dem Sturm, dachte sie, vor meiner großen Party heute Abend. Vierunddreißig wird man eben nur einmal. Und auf die große Party freute sie sich schon seit Wochen.
Die übliche Post eines Samstages fiel ihr entgegen. Werbung. Noch mehr Werbung. Ein Brief vom Finanzamt, den sie nach ganz hinten sortierte, und mehrere Briefe, die sicherlich Geburtstagsgrüße enthielten.
Ein Brief, nein, eher fast ein Päckchen, klemmte noch fest. Es musste ihre freundliche Postbotin wohl Mühe gekostet haben, dieses dicke große Kuvert durch den Schlitz zu zwängen. Nach einigem Ruckeln und Ziehen gab der Briefkasten jedoch seine Beute preis, und Ella, die erst geglaubt hatte, jemand hätte ihr ein Geschenk geschickt, sah stirnrunzelnd auf den Absender.
Christian Aumüller, Rechtsanwalt aus Husum.
Für einen Moment hielt Ella die Luft an. Hatte sie sich etwas zuschulden kommen lassen? Ein dicker Umschlag. Er fühlte sich an, als wäre ein Buch darinnen. Merkwürdig. Oder hatte sie etwas bestellt und vergessen?
Vielleicht ist das so, wenn man vierunddreißig wird, überlegte Ella. Man vergisst einfach, dass man sich ein Buch bestellt hat?
Rasch schloss sie den Kasten, ging hinein und zog die Tür hinter sich ins Schloss. Das ganze untere Stockwerk war ein großer Raum aus Küche, Esszimmer und Wohnzimmer, während sich im Dachgeschoss ein Schlaf-, ein Arbeitszimmer und ein Badezimmer in die Dachschrägen kuschelten.
»Ist etwas nicht in Ordnung, Ella?« Robert stellte klappernd seinen Frühstückskaffee wieder auf die Untertasse. Ella drehte den Kopf zum großen Esstisch, an dessen einem Ende sie bis eben mit Robert gegessen hatte, während sich am anderen schon das Geschirr für die Party heute Abend stapelte, das Robert bereits herausgeräumt hatte.
»Ein Brief von einem Anwalt aus Husum«, antwortete sie langsam und legte den Rest der Post auf den kleinen Beistelltisch neben der Tür.
»Von einem Anwalt?« Robert hob eine Augenbraue und lächelte ganz leicht. »Ich dachte, ich wäre der einzige Anwalt in deinem Leben.«
»Offenbar nicht«, sagte Ella, bevor sie noch einmal auf den dicken Umschlag sah und sich ganz plötzlich ihre Stimmung änderte, so plötzlich wie manchmal ein Unwetter aufzieht und schwarze Wolken einen eben noch blauen Himmel verdunkeln.
Eine merkwürdige Aufregung, nein, eher eine Befürchtung kroch Ella den Rücken hinauf. Dieser Brief schien ihr wie eine Grenze zu sein.
Ihr Leben davor – und ihr Leben danach. Albern, schalt sie sich selbst, jetzt mach ihn einfach auf!
»Was ist denn?« Robert schob den Stuhl ein Stückchen zurück und warf ihr einen erwartungsvollen Blick zu.
Ella zog an dem perforierten Pappstreifen auf der Rückseite und entnahm dem dicken Kuvert ein schmales dünnes Büchlein, das in Leder eingebunden war und alt aussah, dazu ein weiteres weißes Kuvert, auf dem nur ihr Vorname stand, und einen Briefbogen.
»Sehr geehrte Frau Bramen«, las Ella laut vor, »mit großem Bedauern unterrichte ich Sie hiermit entsprechend den letzten Wünschen Ihrer Großtante Ines Nahnsen, wohnhaft auf Sönkenswarft, Hallig Südfall, über deren Tod vor zwei Wochen.«
Ella ließ den Brief sinken und sah zu Robert hinüber, der jetzt aufstand und rasch zu ihr herüberkam. »Ach herrje, Ella, das tut mir leid! Du hast nie von ihr erzählt. Ich wusste nicht mal, dass du eine Großtante hast.«
»Ich … wir hatten keinen Kontakt. Ich kannte sie gar nicht wirklich. Sie war die Schwester meiner Großmutter. Und jetzt –« Ella fuhr sich mit einer Hand über die Stirn. »Jetzt ist sie tot.« Ein dunkler Schatten hatte sich über den Tag gelegt, der so heiter mit einem ausgiebigen Frühstück begonnen hatte. »Kann ich gar nicht glauben«, murmelte Ella noch leise.
Robert legte eine Hand auf Ellas Arm, während sie verzweifelt versuchte, eine Erinnerung an Ines Nahnsen heraufzubeschwören. Als Kind war sie einmal auf der Hallig gewesen, fiel ihr ein. Vielleicht mit fünf oder sechs. Ein reetgedecktes Backsteinhaus. Grüne Wiesen. Schafe. Und eine schmale Frau, die nach Heu und Meer roch und deren Gesicht verschwommen blieb.
Sollte Ella nicht trauriger sein in diesem Augenblick?
Aber alles, was sie fühlte, war eine diffuse Bestürzung, die seltsam fern anmutete, ähnlich dem, was sie gefühlt hatte, als sie vor ein paar Wochen gehört hatte, dass einer der Nachbarn im Haus verstorben war. Ein älterer Herr, dem sie höchstens ein paarmal beim Müllwegbringen begegnet war.
»Und deine Großmutter? Sie hatte keinen Kontakt zu ihrer Schwester?«, fragte Robert ungläubig. Ja, für ihn waren derartige Verhältnisse undenkbar. Seine Eltern waren seit fünfunddreißig Jahren verheiratet und lebten immer noch in dem Haus, in dem auch Robert, ihr geliebtes Einzelkind, zur Welt gekommen war. Regelmäßig kam die ganze Familie, die auch noch aus Tanten, Onkel und Cousinen bestand, zusammen, um die üblichen Feste zu feiern, und Ella war gern ein Teil davon geworden.
Ella schüttelte den Kopf. »Nein. Sie hat nie viel darüber erzählt, nur dass es einen großen Streit gab, als meine Großmutter die Hallig verlassen hat, und dass ihre Schwester nicht mehr mit ihr sprechen wollte.«
Ella hob das Briefpapier wieder an und las weiter: »Als Nachlassverwalter Ihrer Tante obliegt es mir, Sie darüber zu informieren, dass Sie als Alleinerbin eingesetzt sind. Gemäß dem Wunsch Ihrer Großtante erben Sie die auf der Hallig Südfall befindliche Sönkenswarft samt Gebäuden und …« Ella schluckte und überflog den Rest.
Robert küsste sie flüchtig auf die Wange und dirigierte sie dann in Richtung Esstisch. »Jetzt setz dich erst mal. Ich mach dir noch einen Kaffee. Du bist ja ganz blass!«
Ohne nachzudenken, ließ sich Ella auf einen der Holzstühle fallen und legte Brief, Kuvert und Büchlein neben ihren Teller, während Robert zwei Tassen unter den Vollautomaten stellte und frische Bohnen in das Mahlwerk gab.
»Mach dir keine Sorgen, Ella, ich kümmere mich darum.«
Heute war ihr Geburtstag, und vor zwei Wochen war ihre Großtante gestorben, die sie nicht wirklich gekannt hatte und die zu Lebzeiten offenbar noch nicht einmal gewollt hatte, dass Ella zu ihrer Beerdigung kommen sollte.
Ines hatte ihr damals nach dem Unfall, bei dem Ellas Mutter und ihre Großmutter Anke ums Leben gekommen waren, eine Beileidskarte geschickt und sich dafür entschuldigt, dass ihre Gesundheit eine Reise nach Berlin zur Beerdigung nicht erlauben würde.
Ella hatte sich höflich dafür bedankt und tatsächlich ins Auge gefasst, Ines einmal zu besuchen. Wenn sie Zeit hatte. Nicht nach der Beerdigung natürlich. Und auch nicht, als sie die Remise renovierte, in der vorher ihre Mutter gelebt hatte. Natürlich ging es auch nicht, als sie die Wohnung ihrer Großmutter auflöste. Danach stürzte sich Ella dann mit vollem Elan in die Arbeit, es gab viel zu tun in der Apotheke, die sie seit dem Tod ihrer Mutter mit ihrer Freundin Karla zusammen führte. Kurzum, ein Besuch auf der Hallig hatte sich einfach nicht ergeben.
Auch die Tatsache, dass Robert in Frankfurt am Main lebte und arbeitete, machte es nicht gerade einfacher. Meist blieben Ella und ihm kaum mehr als zwei Wochenenden im Monat, an denen sie sich sehen konnten. Und diese Wochenenden waren Ella immer heilig. Kostbare Zeit für Liebende, die sich im Alltag entbehrten.
»… dafür musst du doch nicht hinfahren. Ich kann den Verkauf des Hauses oder der Warft, wie auch immer das heißt, doch von hier aus regeln und …« Roberts Stimme perlte in ihre Überlegungen, wie ein munteres Bächlein einen Berg hinuntergurgelt.
Jetzt sah Ella auf und blickte Robert irritiert an, während die Kaffeemaschine mit einem letzten Fauchen und Zischen ihr getanes Werk anpries.
»Bitte?«, fragte sie, so als hätte sie sich verhört.
Robert hob die Schultern, lächelte ihr zu und reichte ihr die Tasse mit dem dampfenden Kaffee. »Sieh mal, du bist doch ganz schön eingebunden mit der Apotheke im Moment, und wir sehen uns auch nicht so oft, wie wir beide es wollen. Lass mich dir helfen und das regeln, Ella. Du musst da nicht hinfahren. Du hast heute Geburtstag, und ich möchte, dass es dein Tag ist. Ich möchte, dass wir eine tolle Party mit Freunden feiern, Spaß haben und uns erholen. Und ich habe doch noch eine ganz besondere Überraschung für dich!« Robert setzte sich wieder gegenüber auf seinen Platz und faltete die Tageszeitung zusammen, in der er während des Frühstücks geblättert hatte, bevor er sie zur Seite geschoben hatte.
Typisch Robert, dachte Ella. Er will mir mal wieder alles aus der Hand nehmen. An vielen Stellen in ihrem Leben war sie ihm auch durchaus dankbar, wenn er hin und wieder einen Brief an die Versicherung oder ein Amt für sie schrieb oder sich um ein rechtliches Problem kümmerte, genauso wie sie umgekehrt natürlich all seine Wehwehchen mit Medikamenten versorgte, aber heute war ihr, als wäre sie eine Katze und er hätte sie gegen den Strich gebürstet.
Das hier, dachte sie, das hier ist anders. »Nein«, hörte sich Ella so laut und so deutlich sagen, dass sie selbst zusammenzuckte. »Nein. Diesmal funktioniert das nicht.« Mit dem Zeigefinger tippte sie auf den Umschlag. »Robert, das kannst du mir doch nicht einfach abnehmen, wegnehmen.«
»So meine ich das doch gar –«
Ella holte tief Luft. »Ich weiß, dass du es gut meinst, aber das ist nichts, was du von Frankfurt aus regeln solltest. Das ist meine Familie. Der letzte Mensch, der mich zumindest mal als kleines Kind gesehen hat, ist gestorben, und obwohl ich Ines noch nicht einmal wirklich kannte, geht mir das nah. Es gibt sie jetzt nicht mehr. Da ist nur noch dieses Haus und –« Schwungvoll häufte Ella zwei Löffel Zucker in den Kaffee und begann fahrig zu rühren. »Und es wäre schön, wenn du mich dorthin begleiten würdest.«
»Auf die Hallig? Du willst doch da nicht allen Ernstes hinfahren?«, fragte Robert verblüfft.
»Doch, natürlich! Was denkst du denn?« Bis zu diesem Augenblick war Ella der festen Überzeugung gewesen, dass es nur diese Klarstellung von ihr gebraucht hatte, nur diese Richtigstellung der Tatsachen, und dann würde er sie verstehen. »Es gibt Dinge zu regeln, das Haus auszuräumen. Vielleicht …« Und der Gedanke drängte sich langsam nach vorn. »Vielleicht gibt es Familienerinnerungen, die ich aufheben und behalten möchte. Ich … muss doch wenigstens einmal sehen, woher ich komme, wo meine Großmutter aufgewachsen ist, Robert.«
Roberts blaue Augen verfinsterten sich. »Wie stellst du dir das vor? Ich muss Montag früh wieder in der Kanzlei sein. Die nächste Woche ist ein einziger Albtraum aus Mandanten- und Gerichtsterminen – die kann ich nicht einfach hin und her schieben, wie ich gerade lustig bin. Natürlich kann ich diesem Anwalt aus Husum mal schreiben oder ihn anrufen, aber wie soll ich mich so kurzfristig freimachen?«
Ella antwortete nicht sofort. Stattdessen biss sie sich auf die Unterlippe und versuchte, die Enttäuschung, die sie überfiel, herunterzuschlucken. Die Stimmung war gekippt. Genauso plötzlich, wie sie den Brief erhalten hatte, war aus einer kleinen Verstimmung ein Streit geworden. »Das hier«, sagte sie schließlich leise, »das hier ist wichtig für mich, Robert.«
Versöhnlich streckte er seine rechte Hand über den Tisch. Beinahe so wie damals, als sie sich auf der Einweihungsparty bei einer Freundin von Ella kennengelernt hatten. »Faerber. Robert Faerber«, hatte er lächelnd gesagt, und Ella hatte gekichert, weil sie schon zwei Gläser Wein getrunken hatte und es sich ein wenig anhörte wie: »Bond, James Bond.« Sie hatte ihn sofort gemocht. Vielleicht, weil sie die Gegensätze fasziniert hatten, die in diesem Mann steckten. Er war groß und breitschultrig und sah ein wenig so aus, als würde er den Anzug, den er trug, jeden Moment sprengen können. Und er wirkte in geschlossenen Räumen oft seltsam deplatziert, eben so, als würde er jeden Augenblick hinausstürmen können, sich auf sein Mountainbike schwingen und eine Runde durch den Wald drehen. Etwas, das er ja auch oft genug tat. Etwas, das er brauchte, um all die Stunden in der Kanzlei am Schreibtisch zu überstehen. Robert war ein attraktiver Mann, mit seinen leuchtenden blauen Augen, dem immer ein wenig zu langen braunen Haar und seinem gewinnenden Lächeln, das nicht nur Mandanten beruhigte, sondern oft genug auch Ella.
Heute jedoch nicht. Heute fand sie, dass sein Lächeln aussah wie eine Grimasse. Heute schnürte ihr das Gefühl, von ihm nicht verstanden zu werden, nicht ernst genommen zu werden, die Kehle zu.
»Meine Großtante ist tot«, sagte sie und wunderte sich ein wenig über das Zittern, das sich in ihre Stimme geschlichen hatte. »Das ist ausnahmsweise mal wichtig.«
»Ich verstehe nicht. Du kanntest sie doch gar nicht? Wieso trifft dich das so?«
Ella stand auf, trat zum Fenster hinter dem Esstisch und sah einen Moment lang über den Hof. Zwei Tauben pickten vor der kleinen Hecke, die die Mülltonnen verdeckte, auf dem Boden, so als wäre nichts passiert, als wäre es ein normaler Tag wie jeder andere. Dann drehte Ella sich wieder um, verschränkte die Arme und lehnte sich gegen das Fensterbrett.
»Du kannst das nicht verstehen, aber …« Ella holte Luft. »Ich bin jetzt übrig. Jetzt gibt es niemanden mehr in meiner Familie außer mir. Das Haus, diese Warft oder was auch immer … das ist alles, was mir bleibt, geblieben ist. Und ich war nie wirklich da, kann mich an diesen einen Besuch dort kaum erinnern. Ich weiß nicht mal, warum wir da waren, ich –« Sie versuchte die Tränen, das Weinen, das irgendwo tief in ihrer Kehle grummelte, nicht herauszulassen. »Und ja, es macht mich traurig. Ich kannte sie nicht, und trotzdem trifft mich ihr Tod. Und dieses eine Mal würde ich mir einfach wünschen, dass –« Sie biss sich wieder auf die Unterlippe. Dass du einfach bei mir bist, wollte sie eigentlich sagen, dass ich wichtiger für dich bin als alles andere. Sollte es nicht genauso sein in einer Beziehung?
Robert lehnte sich zurück und räusperte sich. »Wollen wir diese Unterhaltung nicht auf morgen verschieben? Das macht mehr Sinn, denke ich. Natürlich trifft dich das. Vielleicht muss das alles einfach erst mal sacken, Ella. Und heute feierst du einfach nur Geburtstag!«
Jetzt weiteten sich ihre Augen ungläubig. Jedes seiner Worte schmerzte. »Du denkst, nach diesem Brief … nachdem ich erfahren habe, dass die einzige Verwandte, die ich noch hatte, gestorben ist, dass ich eine Party feiere, als wäre nichts gewesen?«
*
Ich hätte dich heute gefragt, ob du mich heiratest.
Roberts Satz hallte wieder und wieder durch ihren Kopf. Auch dann noch, als die schräge Nachmittagssonne schon durch die Fenster fiel und das Geschirr für die Party streifte, das immer noch auf dem Tisch stand, und auf den letzten Sonnenblumen des Jahres, die sie gestern in kleinen Vasen im Haus verteilt hatte, gelb aufleuchtete.
Ella hatte die Arme vor dem Körper so fest verschränkt, dass es sich beinahe anfühlte, als würde sie jemand festhalten. Sie sah ihm direkt in die Augen. »Ich glaube, wir brauchen eine Pause«, hatte sie schließlich leise gesagt und dann gewartet, bis Robert seine Sachen in den kleinen Rollkoffer packte und die Haustür schweigend hinter sich zuzog. Sie war bei dem Geräusch zusammengezuckt.
Vielleicht hatte sie sogar geahnt, dass er ihr an ihrem Geburtstag einen Heiratsantrag machen würde. Und vielleicht wog genau das schwer. Vielleicht war das der Gegensatz, den sie kaum ertragen konnte. Wie konnte sie zu einem Mann Ja sagen, der sie in so einer Situation allein ließ?
Jedes seiner Worte, seitdem sie den Brief gelesen hatte, schien ihr wie ein Stich ins Herz zu sein. Am Ende ihres Streits war die Einsamkeit, die sie trotz seiner Anwesenheit fühlte, so übermächtig, dass sie schließlich das Gefühl hatte, sie könnte sie besser ertragen, wenn er nicht mehr da wäre, wenn er ginge und sie wirklich allein ließ. Wie sollte das in einer Ehe funktionieren, wenn sie das Gefühl hatte, in so einem wichtigen Augenblick nicht verstanden und ernst genommen zu werden?
Nein, sie konnte unmöglich feiern und so tun, als wäre alles gut, als wäre der Tod ihrer Großtante eine Belanglosigkeit, über die sie einfach hinweggehen könnte. Zumal sich in die Einsamkeit auch ein schlechtes Gewissen mischte. Ihre Großtante war tot. Und sie hatte es immer wieder aufgeschoben, sich einmal bei ihr zu melden.
Und genau, als sie darüber nachdachte, warum sie ihre Großtante nie angerufen hatte, klingelte sich ihr Smartphone beharrlich in ihre Gedanken und in die Stille des Hauses.
»Du bist doch nicht wirklich krank, Ella? Was soll denn diese Textnachricht? Wie, die Party ist abgesagt?«, tönte Karla in ihr Ohr, gleich nachdem sie abgenommen hatte. »Du bist nie krank! Das gehört sich nicht, als Apothekerin.« Karla kicherte. »Und du kannst mir das nicht antun! Ich hab mich auf die Party gefreut. Wir haben doch extra das Apotheken-Notdienstwochenende getauscht! Und die Prinzessin der Finsternis backt dir gerade einen Kuchen. Warte mal.« In der Verbindung raschelte es. »Helena, was hab ich über dein Handy gesagt –!«
»Mama!« Die empörte Stimme von Karlas Tochter hallte im Hintergrund. »Mama, das Rezept ist im Internet! Ich brauch das Handy, gib es wieder her!«
Gleich darauf hörte Ella wieder Karlas Stimme. »Ah, die Prinzessin schaut wirklich aufs Rezept …«, rief sie etwas lauter, um dann leise hinzuzufügen: »Sie hat nämlich eigentlich Handyverbot, weil sie nie den Müll rausbringt.« Karla seufzte. »Pubertät ist, wenn man seinen Kindern nicht mehr über den Weg trauen kann. Aber nun zu dir. Und noch mal, du bist doch nicht wirklich krank, oder?«
»Nein, ich –« Ella brach ab. Bei Robert hatte sie es noch geschafft, die Tränen herunterzuschlucken, bei Karla dagegen brachen alle Dämme, und sie schluchzte eine ganze Weile haltlos. Minuten, in denen Karla nichts sagte, sondern sie einfach weinen ließ. Erst als Ellas Tränenfluss nachließ, sie wieder tief Luft holen konnte und sich mit einer der Servietten, die auf dem Tisch gestapelt lagen, die Nase schnäuzte, fragte Karla: »Also, jetzt mal von vorn. Was ist wirklich los bei dir? Soll ich nicht vorbeikommen?«
»Nein«, gab Ella rasch zurück und tupfte sich dann über die Augen. »Nein, ich muss allein sein. Es war –« Stockend berichtete sie von dem Morgen mit Robert, dem Brief des Anwalts und dem Streit mit Robert. Als sie geendet hatte, ließ sich Ella in den kleinen Sessel neben der grauen Couch fallen und streckte die Beine aus. Für einen Moment blieb Karla still. Helenas Klappern mit Schüsseln und Rührgeräten im Hintergrund war verstummt.
Sicher saß Karla wieder im Badezimmer ihrer Vierzimmerwohnung, so wie sie es immer tat, wenn sie ernste Gespräche führte, bei denen sie weder von ihrer Tochter Helena noch ihrem Sohn Malte gestört werden wollte. Ella schloss die Augen, und die Vorstellung, dass ihre beste Freundin genau dort auf dem geschlossenen Klodeckel saß, die Füße angezogen, das Kinn auf ihre Knie gestützt und das lange dunkle Haar auf dem Kopf nachlässig zusammengesteckt, beruhigte sie seltsamerweise ein wenig.
»Und jetzt«, fing Karla vorsichtig an, »jetzt willst du auf die Hallig fahren?«
»Ja, ich … es ist so viel auf einmal in meinem Kopf.« Sie rieb sich die Stirn. Ein pochender Schmerz stieg in ihrem Hinterkopf auf. »Ich … natürlich werde ich Montag als Erstes mit dem Anwalt telefonieren, aber … nein, eigentlich kann ich auch gleich hinfahren. Es macht keinen Unterschied. Ich –« Sie brach ab. Ich will nicht allein fahren. Das war es, was sie eigentlich hatte sagen wollen. Als könnte Karla Gedanken lesen, fragte sie: »Und Robert ist einfach so gegangen?«
Ella antwortete nicht gleich. Sie räusperte sich und sagte dann: »Nicht einfach so. Erst nachdem ich sagte, dass wir wohl eine Pause brauchen.«
»Ist eine Pause wirklich nötig?«
»Offensichtlich.« Ella zupfte einen imaginären Fussel von ihrer flauschigen beigefarbenen Strickjacke. »Wenn nicht jetzt, wann in meinem Leben hätte ich ihn je nötiger an meiner Seite gebraucht?« Sie lachte bitter auf. »Aber es stellt sich heraus, ich bin dann eben nicht wichtiger als seine Mandanten.«
»Ich kenne Robert jetzt genauso lange wie du. Und ich weiß, er liebt dich, Ella. Herrje, er wollte dich heute Abend fragen, ob du ihn heiratest!«
»Ja.« Jetzt klang Ellas Stimme so tonlos, dass sie selbst erschrak. »Ja, ich weiß. Deshalb habe ich ihn ja um die Pause gebeten. Wie kann ich jemanden heiraten, der mir dann nicht beisteht, wenn ich ihn brauche?«
Karlas Antwort war ein tiefes Seufzen. »Vielleicht hätte er einfach ein bisschen mehr Zeit gebraucht, um zu verstehen, wie wichtig dir das ist, und noch mehr Zeit, um seine Woche neu zu organisieren.«
»Du weißt nicht, wie es sich angefühlt hat, Karla, wie allein ich mich fühle, weil –« Niemand mehr da ist.
»Bist du sicher, dass ich nicht kommen soll?«
»Nein, ich … ich brauche Zeit für mich. Kann ich dich denn ein paar Tage in der Apotheke allein lassen?«
»Natürlich, Ella! Das wollte ich gerade sagen.«
»Ich mache mir nur Sorgen, weißt du? Wegen des neuen Übernahmeangebots von Heilsam-Apotheken.« Ella schloss die Augen und legte sich eine Hand an die Stirn. Diese Kette saß der Apotheke seit Jahren im Nacken. Zwei Apotheken im Umkreis hatte sie bereits geschluckt, und Ellas Apotheke sollte die nächste sein, zumindest, wenn es nach dem dynamischen Mark Scheuer, dem Geschäftsführer, ging, der alle paar Wochen mal hineinspazierte und so tat, als würde ihm Ellas Apotheke bereits gehören.
»Wir werden es ablehnen wie immer, und es kann auch mal drei Tage warten, Ella. Willst du am Montag fahren?«
»Ja, ich …« Ella dachte einen Moment lang nach. Wie lange würde sie nach Husum brauchen? »Ja, ich schaue später mal nach Bahnverbindungen, oder ich rufe doch vorher an.«
Sie konnte hören, dass Karla scharf Luft durch die Nase einzog. »Fahr hin. Es wird dir besser gehen, wenn du vor Ort bist. Und du bist sicher, dass du heute allein sein möchtest?«
»Ganz sicher«, bekräftigte Ella, obwohl sie sich jetzt, mit Karlas Stimme im Ohr, etwas besser fühlte. Vielleicht wäre es doch keine schlechte Idee, wenn sie zusammen noch ein Glas Wein trinken würden?
»Ach Ella, ruf mich an, wenn du es dir anders überlegst, ja?«
Nachdem Ella aufgelegt hatte, stand sie auf und ging zum Esstisch, auf dem das Geschirr sie anklagend ansah. Du hast uns aus der Sicherheit des Schranks geholt! Ganz umsonst?
Langsam stellte sie alles an seinen Platz. Gläser, Tassen, Besteck. Die Gleichförmigkeit ihres Tuns tat ihr gut und beruhigte ihr Gemüt, das sich vorhin angefühlt hatte wie ein Meer bei Sturm. Aufgewühlt, brausend, tobend. Gerade als sie den letzten Teller weggestellt hatte und eine der Tassen wieder herausnahm, um sich noch einen Kaffee zu machen, fiel ihr Blick auf das geschlossene Kuvert mit ihrem Namen darauf und das dünne Lederbüchlein, das dem Brief des Anwalts beigefügt war. Beides lag da, als würde es auf sie warten.
Ob Robert schon zu Hause war? Unwahrscheinlich. Wahrscheinlich befand er sich gerade irgendwo auf der Autobahn, irgendwo in diesem Nirwana zwischen Berlin und Frankfurt am Main.
Er hatte sie fragen wollen, ob sie ihn heiraten wollte. Wie hatte er sich das eigentlich vorgestellt? Als Long-Distance-Ehe? Seufzend häufte Ella einen Löffel Zucker in ihre Tasse, goss Milch dazu und stellte sie unter die Kaffeemaschine, die bald darauf zischend und gurgelnd ihr Elixier ausspuckte. Für Robert war klar, dass er nicht nach Berlin ziehen würde, und für sie war klar, dass sie die Apotheke ihrer Mutter nicht aufgeben würde.
Das war das Thema, das sie beide immer vermieden, das Thema, das auch heute wieder unausgesprochen zwischen ihnen gestanden hatte.
Wenn sie ehrlich war, dann schwebte es seit Anbeginn seines Umzugs nach Frankfurt über ihnen, und zu Ellas Überraschung mischte sich in die Traurigkeit des heutigen Tages noch die Erkenntnis darüber, dass ihre Beziehung daran zerbrechen würde. Oder vielleicht schon zerbrochen war?
Sie schob den Gedanken ganz weit weg und sah sich noch einmal um. Die kleine Küchenzeile, der aufgeräumte Esstisch und auf der anderen Seite die blaue Couch und das Bücherregal. Nur noch die Vasen mit den Sonnenblumen, die auf jeder freien Fläche standen, zeugten jetzt davon, dass Ella eigentlich Geburtstag hatte, und auch diesen Gedanken schob sie weit weg, griff nach dem Lederbüchlein und dem Kuvert und mit der anderen Hand nach ihrer Kaffeetasse, dann kuschelte sie sich auf die Couch, zog die helle Wolldecke über ihre Füße und starrte auf den Briefumschlag.
»Ella« stand in geschwungenen Buchstaben darauf. Die Handschrift war der ihrer Großmutter gar nicht so unähnlich, fiel ihr auf.
Das Briefpapier, das sie dem Umschlag entnahm, wirkte weder elegant noch edel. Die Schwere des Bogens und die grauweiße Farbe fühlten sich in Ellas Händen sehr bodenständig an. Ein Papier für alle Fälle, dachte sie. Darauf kann man einer Bank genauso schreiben wie einer guten Freundin und würde immer unabhängig vom Inhalt des Briefes verraten, dass man das Leben eben eher pragmatisch nahm.
Liebe Ella,
wir kennen uns nicht. Wir haben es beide wohl auch eben nie für nötig befunden, dies zu ändern.
Und jetzt fehlt mir der Mut, dir eine sterbende Frau aufzudrängen, der das Leben langsam aus den Händen rinnt.
Wenn du die Warft und alles, was sich darauf befindet, erbst, brauchst du dich um mich nicht mehr zu kümmern. Meine Asche wird dann verstreut sein. Ich werde eins sein mit dem Meer und dem Wind. Beides habe ich gleichermaßen geliebt und gehasst. Ich möchte, dass du das weißt, auch wenn du nicht verstehen kannst, was das bedeutet.
Was du mit dem Erbe anfängst, bleibt dir überlassen. Du kannst alles verkaufen oder behalten, ich bin tot, wenn du das liest.
Allerdings würde ich mir wünschen, dass du auf die Hallig fährst und dir ansiehst, wo ich gelebt habe, wo deine Vorfahren gelebt haben. Vielleicht sagt es dir etwas über dich selbst, genauso wie mir die Hallig jeden Tag meines Lebens aufs Neue meinen Platz gezeigt hat.
Ich lege dir eines der Tagebücher deiner Urgroßmutter Charlotte bei. Es beginnt, kurz bevor sie auf die Hallig kommt. Die nachfolgenden Bände findest du auf der Sönkenswarft in den Schubladen der Büchervitrine im Döns.
Hab ein schönes und gutes Leben, wie auch immer es aussehen mag!
Ines
Ratlos ließ Ella den Brief sinken. Ines’ Zeilen warfen mehr Fragen auf, als sie beantworteten, aber hatte sie eigentlich etwas anderes erwartet? Ein seltsamer Brief.
Dass sie auf die Hallig fahren würde, war ihr von Anfang an klar gewesen. Warum, wusste sie nicht. Es war eine feststehende Tatsache, so wie die Sonne eben morgens aufgeht. Vielleicht hatte sie es deshalb so aus der Bahn geworfen, dass Robert daran gerüttelt hatte.
Und was war eigentlich ein Döns? Ein Raum, ein Zimmer?
Leichte Kopfschmerzen breiteten sich in Ellas Hinterkopf aus. Kein Wunder nach diesem Vormittag!
Trotzdem angelte sie ihr Tablet vom Beistelltisch. Wenn sie am Montag gleich morgens den ICE nach Hamburg nehmen würde, wäre sie um kurz vor zwölf in Husum. Sie könnte den Anwalt von unterwegs aus anrufen und fragen, ob er Zeit für sie hätte.
Sie schob Ines’ Brief wieder in den Umschlag zurück und griff nach Charlottes Tagebuch und blätterte darin, ohne wirklich zu lesen. Eine sehr klare und schöne Handschrift. Sütterlin. Nicht ganz leicht zu lesen, aber als Apothekerin war sie seit Jahren merkwürdigere Handschriften von Ärzten gewöhnt.
Vor vier Tagen habe ich also Berlin verlassen und seitdem keine Zeile mehr geschrieben. Ist es ein Zufall, dass ich ausgerechnet heute ein neues Büchlein beginne? Heute, da ich ein neues Leben beginne?
Es gibt viel zu erzählen, und ich frage mich, wo ich anfangen soll.
Vielleicht am Tag vor meiner Abreise.
Der Tag, an dem ich mich mit klopfendem Herzen morgens in der Bank an meinen Schreibtisch gesetzt und auf Sebastian gewartet habe. Ich hatte unter dem Tisch eine Hand auf die kleine Wölbung meines Bauches gelegt und gedacht, dass jetzt alles anders wird. Ich habe von einer Hochzeit geträumt, davon, dass wir zusammen in ein kleines Haus oder eine Wohnung ziehen und eine Familie werden.
Wie jeden Montag streifte mich sein flüchtiges Lächeln, als er eintrat und an mir vorbei in sein Büro ging. In seiner Abteilung war ich eine von drei Stenotypistinnen, die jüngste von drei Frauen, die Korrespondenzen tippten, Akten pflegten und Termine im Auge behielten, hinter der geschlossenen Tür seines Arbeitszimmers dagegen war ich seine Geliebte. Die Frau, die seine warmen Hände auf ihrer Haut spürte. Mich hielt er dann in seinen starken Armen, bedeckte mein Gesicht mit Küssen und flüsterte in mein Haar, wie glücklich wir werden würden, wenn er endlich seine Frau verlassen konnte, wenn sie endlich nach ihrer langen Krankheit wieder gesund genug wäre, um eine Scheidung zu verkraften.
An diesem Montag waren meine Handflächen ganz feucht vor Aufregung, als mich Sebastian unter dem Vorwand, seine englischsprachige Korrespondenz mit mir durchgehen zu wollen, zu sich ins Büro rief.
Als Einzige in der Abteilung sprach ich fließend Englisch, da ich viele Sommer als Heranwachsende bei Verwandten meiner Mutter in Cornwall auf dem Land verbracht hatte.
Zu Anfang war es ja auch kein Vorwand gewesen. Nach und nach war aus Sebastians Respekt mir gegenüber und meiner Bewunderung für ihn eine zarte Zuneigung erwachsen, aus der Liebe und später Leidenschaft wurde. Zu Anfang haben wir uns beide gegen die Gefühle gewehrt. Er war verheiratet, und für mich, als Tochter aus gutem Hause und vor allem noch als Tochter eines guten Bankkunden, war es doch unmöglich, mich auf ein derart unmoralisches Verhältnis einzulassen! Aber mit jeder Minute, die ich während meiner Arbeitszeit in Sebastians Gegenwart verbrachte, bröckelte mein Widerstand. Er war, im Gegensatz zu meinen Eltern, jemand, der mich als Frau wahrnahm, nicht als die brave Tochter, die meine Eltern immer noch in mir sahen.
»Du bist so schön«, murmelte er zwischen zwei Küssen in meinen Mund und hielt mich dann eine Armlänge von sich ab. »Und du leuchtest heute besonders strahlend. Ich habe dich vermisst!« Seine Lippen umspielte ein feines Lächeln.
»Ja, ich …«, begann ich ruhig, doch mein Herz pochte und klopfte vor Glück. Oh, dieses Glücksgefühl! Niemals zuvor hatte ich es so verspürt. Es war, als wäre mein Herz wie ein prall gefüllter Ballon. »Sebastian, wir … wir sind nicht mehr allein«, platzte es ungeschickt aus mir heraus. »Ich erwarte ein Kind. Unser Kind«, setzte ich atemlos hinzu, und ganz langsam ließ Sebastian seinen Arm sinken.
»Ein Kind?«, wiederholte er nach schier endlosen Sekunden, in denen ich es schon längst in seinem Blick gesehen hatte. Kälte hatte sich in seine grauen Augen geschlichen, sie verfinstert – und, so schien es mir, sie für immer für mich verschlossen.
Der Rest des Vormittags ist mir nur mehr in schemenhafter Erinnerung. Mein Herz war geplatzt wie ein ungedeckter Scheck. Es war in Splitter zerborsten, die sich jetzt schmerzhaft in meine Brust bohrten. Mein Leben, meine Zukunft an Sebastians Seite, die Familie, die wir werden würden, all das gab es nicht, hatte es nur in meinen Gedanken gegeben, nie als reale Möglichkeit.
Zwei lange Jahre hatte ich ausgeharrt, gehofft, geliebt, gewartet. Ich hatte uns und unsere Liebe vor allen geheim gehalten. In der Bank und vor allem auch vor meiner Familie. Und allein dies hier aufzuschreiben beschwört das Elend der letzten Tage wieder in mir herauf.
Ich erinnere mich, dass ich sein Büro mit Geld und meiner Kündigung später am Tag verließ.
Dem prüfenden Blick meiner Mutter, als ich nach Hause kam, wich ich aus. Sie sah wohl, dass ich geweint hatte, aber ich entschuldigte meinen Zustand mit schrecklichen Kopfschmerzen, die mich plagten, und es war nicht einmal gelogen. In meinem Zimmer im ersten Stock konnte ich gerade noch so lange an mich halten, bis Else, unser Dienstmädchen, die mir auf Geheiß meiner Mutter eine Tasse Tee gebracht hatte, leise die Tür hinter sich ins Schloss zog, dann warf ich mich auf mein geschwungenes weißes Schleiflackbett und brach in Tränen aus.
Ich hatte nichts mehr. Niemals würde ich die Schwangerschaft meinen Eltern offenbaren können. War es nicht genau das gewesen, was sie gefürchtet hatten, als ich damals nach der Handelsschule den Arbeitsplatz in der Bank angetreten hatte?
Meine Mutter hatte es mir verboten. Ich solle heiraten und eine Familie gründen. Bewerber gäbe es genug. In unseren Kreisen arbeiten Frauen nicht, sie wissen, wo ihr Platz ist. An der Seite ihres Mannes, als Mutter ihrer Kinder. Nur der Fürsprache meines Vaters hatte ich es zu verdanken, dass ich arbeiten gehen durfte. »Lass sie, Katharina, bis sie heiratet, kann sie doch ein wenig auf eigenen Füßen stehen. Das tut ihr gut! Da bin ich sicher.«
Widerwillig hatte meine Mutter gelächelt. Dieses Lächeln, das nur um den Mund herum stattfand. Ihre Augen waren schmal geblieben. Ich sah die Missbilligung darin.
Und jetzt? Was jetzt?
Ich habe gelegen und geweint. Ich habe mich zum Abendessen von Else entschuldigen lassen. Und ich glaube, damit kam ich auch nur durch, weil meine Eltern Geschäftsfreunde meines Vaters zum Abendessen erwarteten und meine Mutter sicher keinen Wert darauf legte, mich mit verweinten Augen und Kopfschmerzen unten am Tisch zu haben.
Mein Elternhaus, in dem wir seit meiner Geburt lebten, war eine Jugendstilvilla am Rande des Grunewalds. Mein Vater hatte sie kurz vor meiner Geburt von einem kinderlosen Onkel geerbt, und plötzlich wurde mir klar, dass dieses schöne Haus, der große Garten mit den alten Kastanien, der Wohlstand, in dem ich aufgewachsen war, keine Selbstverständlichkeit mehr war.
Und während die Nacht sich über das Haus senkte, mir Else noch ein Stück Brot und etwas Brühe brachte und mich seltsam ansah, wurde mir klar, dass ich gehen musste.
Meine Mutter wäre außer sich, sollte ich ihr die Schwangerschaft beichten. Entweder sie würde mich sehr rasch an den nächstbesten Kandidaten verheiraten, der zur Tür hereinkam, oder sie würde mich für das nächste Jahr einsperren, genau wie sie die Dinge in die Hand genommen hatte, als meine Cousine Selma sich damals in Schwierigkeiten gebracht hatte. Offiziell war Selma mit schwachen Nerven zur Kur gefahren, tatsächlich hatte man sie in ihr Zimmer eingesperrt und das Kind nach der Geburt weggegeben, damit sie »unbeschädigt« den Sohn eines reichen Fabrikanten heiraten konnte.
Und doch, das wusste ich sicher, ich wollte dieses Kind. Mit aller Macht. Jetzt erst recht. Jetzt, da Sebastian mich weggeschickt hatte. Jetzt war dieses Kind die einzige Verbindung zu dem Mann, den ich so sehr liebte, dass mein Herz zu einem schmerzenden Klumpen in meiner Brust geworden war.
Gegen zwei Uhr morgens zog ich meinen Lederkoffer unter dem Bett hervor. Diesen Koffer packte ich sonst, wenn wir zu den Verwandten meiner Mutter nach England fuhren, und ich begann leise und auf Zehenspitzen das Nötigste hineinzulegen.
Ich wusste, da ich immer Sebastians Reisen für das Bankhaus organisiert hatte, dass gleich in der Früh ein Zug nach Hamburg ging, und Sebastians Geld würde nicht nur dafür reichen, sondern mich so lange über Wasser halten, bis ich eine Anstellung gefunden hätte. Das war mein Gedanke. Für eine günstige Unterkunft würde es reichen, ich würde vielleicht für eine der großen Reedereien arbeiten können, und dann hätte ich genug Geld, um weit wegzugehen. Ich würde gern auf ein Schiff steigen und mindestens auf einen anderen Kontinent. Amerika, Australien. So stelle ich mir das vor. Weg von allem, was mich an Sebastian erinnerte, und noch sehr viel weiter weg von meiner Mutter.
Der feine Ledereinband des Tagebuchs schmiegte sich seltsam tröstlich und warm in Ellas Hand. Beinahe widerwillig legte sie das Büchlein zur Seite und nahm stattdessen ihr Tablet in die Hand, um nach Bahnverbindungen zu suchen.
Genau wie Charlotte würde sie früh am nächsten Morgen nach Hamburg fahren. Und niemals in ihrem Leben konnte sie besser nachvollziehen, dass sich Charlotte nach einem Leben weit weg gesehnt hatte. So erging es ihr nämlich auch gerade. Eigentlich würde sie gern noch sehr viel weiter wegfahren als auf die Hallig. Weg von Robert, der möglicherweise gerade Frankfurt erreicht hatte.
Unsinn, sagte sie sich selbst und tippte auf den Zug, der Hamburg gegen zehn erreichen würde. Mit dem passenden Anschluss wäre sie gegen Mittag in Husum.
Ja, genau, eine Platzreservierung noch. Nur für sie.
Fröstelnd zog Ella die Schultern zusammen und zupfte die Decke noch ein Stückchen höher.
Verlangte sie von Robert wirklich so viel? Zu viel?
Ihre Gedanken glitten zu Charlotte zurück, die sich, jung und naiv, wie sie war, eben genau in den falschen Mann verliebt hatte. Er hatte sie mit dem Kind alleingelassen und ihr lediglich Geld gegeben – Geld, das sicherlich für eine Abtreibung bestimmt war. Eine Überlegung, die Charlotte nicht einmal erwähnt hatte.
Ella kam nicht umhin, Charlotte dafür zu bewundern. Hatte Charlotte nicht für dieses Kind und damit für die Erinnerung an diese Liebe, die nicht erwidert wurde, alles, ohne zu zögern, aufgegeben?
Niemals hatte ihr jemand das von Charlotte erzählt. Vielleicht, dachte Ella, haben das nicht einmal ihre Mutter und Großmutter gewusst.
Alles, woran sie sich erinnern konnte, war, dass sich Charlotte auf Reisen unsterblich in einen Halligfischer verliebt hatte. Und jetzt stellte sich diese Reise ganz anders dar. Wie viel von dem, was wir für die Vergangenheit halten, stimmt eigentlich?, fragte sich Ella und stand auf.
Vor dem Fenster pickte eine Taube in der Erde zwischen den Kartoffelrosen, die ihre Mutter vor vielen Jahren gepflanzt hatte. Berlin war immer ihre Heimat gewesen und Ellas.
Ella rieb sich die Oberarme, drehte den Thermostat an der Heizung bis zum Anschlag auf. Die Wärme dieses goldenen Herbsttages war verschwunden, die Sonne hatte sich hinter Wolken versteckt.
Eine Wärmflasche. Wärmflaschen waren das Allheilmittel in ihrer Familie. Egal ob Liebeskummer, Sorgen oder der Anflug einer Erkältung, ihre Mutter hatte dem dickwandigen Beutel, eingepackt in einen sonnengelben Frotteebezug, immer eine Magie zugesprochen, an die Ella zwar nie wirklich geglaubt hatte, aber dennoch immer wieder selbst heraufbeschwor, wenn sie sich bedrückt fühlte. Der heiße Dampf wärmte ihr Gesicht, während sie das Wasser in den Beutel laufen ließ. Während sie den Beutel an sich gedrückt nach oben trug, wogte das Wasser darin glucksend hin und her, als wäre ein Teil des Meeres abgefüllt. Der vertraute Waschmittelduft des Frotteebezugs stieg ihr in die Nase, und Ella schloss für einen Moment die Augen, während sie die Wärmflasche noch etwas fester an ihren Körper drückte.
Sie sollte jetzt wirklich ein paar Sachen packen. Besaß sie eigentlich irgendwelche Kleidung, die Wind und Wetter an der Nordsee trotzen könnte?
Ihr weißer dreitüriger Kleiderschrank gab nicht viel her. Ein paar Wollpullover wanderten in ihren Rollkoffer, zwei Paar Jeans, eine gefütterte Winterhose. Stiefel, eher schick als zweckmäßig. Der Herbst auf der Hallig wird ein anderer sein als der Herbst in Berlin, dachte sie.
*
Hamburg empfing Ella am nächsten Morgen kühl, windig und regnerisch. Da sie noch eine Stunde Zeit hatte, bis der Regionalzug nach Husum ging, verließ sie das Bahnhofsgebäude schnellen Schrittes, überquerte eine breite Straße und fand sich rasch in genau der Fußgängerzone wieder, die ihr die nette ältere Dame, die auf der Zugfahrt neben ihr gesessen hatte, empfohlen hatte.
Tatsächlich erstand Ella, nach kurzer Beratung einer freundlichen und sehr blonden Verkäuferin, einen mittelbraunen Funktionsmantel aus festem Stoff, der ihr nicht nur bis zu den Knien ging, sondern sie auch noch warm und trocken hielt.
Zurück in der quirligen Fußgängerzone starrte Ella einen Moment unschlüssig auf ihr Smartphone, dann tippte sie auf die Nummer des Anwalts, die sie bereits eingespeichert hatte.
»Kanzlei Aumüller«, meldete sich eine näselnde weibliche Stimme.
Ella holte tief Luft. »Mein Name ist Bramen, Ella Bramen. Herr Aumüller hat –«, setzte sie an und kam nicht weiter.
»Ah ja, Frau Bramen. Wir haben Ihren Anruf schon erwartet. Leider ist Herr Aumüller gerade unterwegs. Kann er Sie später zurückrufen?«
»Ich –«, fing Ella wieder an. Warum fiel ihr das so schwer? »Ich treffe gegen Mittag in Husum ein und würde gern heute noch mit Herrn Aumüller sprechen.«
»Gern«, näselte die Stimme nicht unfreundlich. »Gegen vierzehn Uhr?«
Nachdem Ella zugesagt hatte, verabschiedete sie sich höflich, legte auf und steckte das Handy in die Tasche ihres neuen Mantels. Zufrieden sah sie an sich herunter, bevor sie nach einem kurzen Blick auf ihre Armbanduhr in Richtung Bahnhof zurückbummelte. Der Mantel war eine gute Wahl. Elegant und sportlich zugleich, fand sie, auch wenn das auf der Hallig wahrscheinlich niemand sehen würde.
*
Ella wusste gar nicht genau, was sie erwartet hatte. Vielleicht so einen richtigen Friesen. Ein blonder Mann, breit wie ein Baumstamm, der jeder Sturmflut trotzen kann. Na, eben das Bild, das Berliner von Küstenbewohnern haben.
Christian Aumüller hingegen war kleiner als sie, hatte ein rundes Gesicht mit geröteten Pausbacken und dunkelblondes wirres Haar, das gut mal wieder einen Schnitt vertragen könnte. Er war einer dieser alterslosen Männer, die wahrscheinlich bis Mitte vierzig noch so wirkten, als hätten sie gerade eben Abitur gemacht, und dann auf einen Schlag wie hundert aussehen.
Er deutete auf einen der beiden blau-weiß karierten Sessel am Fenster und setzte sich dann Ella gegenüber, während die freundliche Sekretärin, mit der sie vorhin telefoniert hatte, zwei Tassen mit dampfendem Kaffee brachte und auf dem runden weißen Tisch zwischen ihnen abstellte.
Christian Aumüller lachte und zwinkerte ihr zu. »Ich weiß, was Sie denken … nein, ich bin wirklich kein echter Husumer.«
Ella spürte, dass ihr das Blut in die Wangen schoss, und rührte verlegen in ihrem Kaffee. »War das so offensichtlich?«
»Ja.« Er lachte, griff nach einem der Kekse in der Schale, kaute und sprach gleichzeitig. »Das denken alle. Was macht der kleine Bayer hier an der Küste, und wie hält der das aus?«
Um ehrlich zu sein, interessierte sie das zwar nicht ganz so brennend, aber Ella wollte auch auf keinen Fall unhöflich wirken. »Und was hat Sie hierher verschlagen?«, fragte sie.
»Ich kam der Liebe wegen und blieb der Liebe wegen.« In affenartiger Geschwindigkeit futterte Herr Aumüller zwei weitere Kekse. Er pickte sich die mit dem Marmeladenklecks in der Mitte heraus, die, die Ella besonders abstoßend fand, weil sich diese gallertartige Masse sofort unlösbar mit den Zähnen verklebte und es sich immer anfühlte, als würde man auf ein Insekt beißen. Deshalb mochte sie auch keine Rosinen.
»Die Liebe muss groß sein«, murmelte sie und setzte sofort ein erschrecktes »Tut mir leid!« hinterher.
Aber Herr Aumüller nickte gutmütig. »Ich weiß, was Sie meinen.« Er sah zu dem weiß kassettierten Fenster neben ihnen, und sein Nicken schloss alles mit ein: den grauen Himmel, den Nieselregen und den Wind, der die Äste des fast kahlen Straßenbaums durchschüttelte. »Die Liebe war groß, am Ende aber nicht groß genug. Aber dafür habe ich eine andere Liebe entdeckt. Nämlich die zur Küste und zu ihren Bewohnern.«
Ellas Augen weiteten sich ungläubig. Ihr war, als hätte ihr Husum bereits nach ihrer Ankunft den Rücken zugedreht. Feuchter Nebel war unter ihren neuen Mantel gekrochen, hatte sich auf ihre Knochen gelegt. Eigentlich hatte sie noch ein wenig durch die Gassen bummeln wollen, vorbei an schmucklosen roten Backsteinhäusern, die ihr ebenso karg vorkamen wie die Landschaft, durch die sich der Zug geschoben hatte.
»Warten Sie es ab, Frau Bramen, vielleicht geht es Ihnen ebenso.«
»Wir werden sehen«, sagte Ella rasch. »Aber sagen Sie, Herr Aumüller, was genau habe ich eigentlich geerbt? Mir ist das nicht ganz klar. Gehört mir die ganze Hallig?«
Der kleine Anwalt lehnte sich so weit zu dem Schreibtisch in seinem Rücken herüber, dass der Sessel gefährlich kippelte. Allerdings schien er Übung zu haben, denn er zog die Akte, auf der Ines Nahnsen stand, ziemlich geschickt auf seinen Schoß.
Ella atmete erleichtert auf, hatte sie sich doch schon eine Kopfplatzwunde und einen offenen Bruch erstversorgen sehen.
»Frau Nahnsen gehörte die Sönkenswarft, mit allen Gebäuden darauf. Sie –« Er brach ab und sah Ella nachsichtig an. »Sie wissen gar nicht, was eine Warft ist, oder?«
»Nicht genau«, nuschelte Ella in ihren staubtrockenen Keks und trank rasch noch einen Schluck aus ihrer Tasse.
»Aber Sie wissen, was eine Hallig ist?«
»Eine Insel, die –«
Herr Aumüller unterbrach sie mit gerunzelter Stirn. »Eine Insel«, wiederholte er kopfschüttelnd. »Das hören Halligbewohner gar nicht gern. Pellworm ist eine Insel. Halligen sind schwimmende Träume, wie Theodor Storm sagt.« Der Anwalt griff wieder nach einem Keks. Diesmal jedoch aß er ihn nicht, sondern bröselte ihn in seine Tasse. Ella sah fasziniert dabei zu und fragte sich immer noch, ob Halligen nicht doch einfach Inseln waren.
»Halligen haben keinen Deich. Sie werden mehrmals im Jahr überspült. Das nennt sich dann Land unter. Ihre Salzwiesen sind ihr Kapital. Die Warften sind aufgeschüttete Hügel, auf denen die Häuser und Höfe stehen, damit sie nicht überflutet werden. Auf Südfall gibt es zwei Warften. Die ältere ist die Sönkenswarft, die, auf der Ihre Großtante gelebt hat. Die andere hat man Mitte der achtziger Jahre aufgeschüttet. Die Bredenswarft. Dort unterhält der Verein Japsand eine Vogelbeobachtungsstation. Lars Breden war der erste Ornithologe, der dort ein Jahr lang Dienst tat.«
»Ich war als Kind einmal da. Da gab es die andere Warft noch nicht. Ich war noch klein«, sagte Ella nachdenklich. »Wie komme ich denn eigentlich auf die Hallig?«
»Ich habe inzwischen mit Herrn Freerichs in Nordstrand gesprochen. Er kann Sie in drei Stunden, bei Ebbe, mit der Kutsche hinbringen.«
»Und dann später wieder abholen?«, fragte Ella und beugte sich ein Stückchen vor, während Herr Aumüller tiefer in seinen Sessel sank und wieder lächelte.
»Ja, aber nicht mehr heute. Die Gezeiten … Sie verstehen.«
Nicht wirklich, aber nachfragen wollte sie auch nicht. Ella dachte einen Moment lang nach. Es würde wohl ein wenig dauern, bis sie alles gesichtet hatte, bis sie überlegt hatte, was sie wohl behalten wollte, falls es überhaupt etwas gab.
»Vielleicht ist es ganz gut, wenn ich ein wenig bleibe und die Sachen meiner Großtante sortiere.«
»Haben Sie sich schon überlegt, was Sie mit dem Hof anfangen wollen? Ich meine …« Herr Aumüller hob die Tasse zum Mund und trank einen Schluck. »Wollen Sie verkaufen?«
»Ja, natürlich möchte ich verkaufen!«, gab Ella erstaunt zurück. »Ich habe meinen Lebensmittelpunkt in Berlin. Meine Apotheke, mein Haus …«
Der kleine Anwalt nickte freundlich und schob einen Teil der Unterlagen, die er dem Ordner entnahm, zu Ella über den Tisch. »Lesen Sie sich in Ruhe alles durch und unterschreiben Sie. Das alles betrifft die Erbschaft. Und das hier«, er zog ein Dokument hervor, das in einer Plastikhülle steckte, »können Sie sich auch ansehen. Das ist ein Angebot, das Ihnen der Verein Japsand macht. Er würde Sönkenswarft gern kaufen und damit die ganze Hallig dem Vogelschutz widmen.«
»Aha«, machte Ella und sah auf den Papierstapel.
»Überlegen Sie sich das in Ruhe, und vergleichen Sie das mit anderen Angeboten. Der Preis ist für meine Begriffe ziemlich gut, denn es müsste einiges am Haus und in den Nebengebäuden getan werden.«
»Andere Angebote?« Sie sah fragend auf.
Herr Aumüller löffelte mehr Keksbrösel und Kaffee in seinen Mund. »Ja, Südfall wird sicher sehr begehrt sein. Touristen. Ein Ferienhaus, Ferienwohnungen.« Er zuckte mit den Schultern. »Das bringt auf jeden Fall mehr Geld als Schafe.«
Schafe. »Sind denn noch Tiere auf der Hallig?« Ella sah ihn mit großen Augen an. Würde sie sich darum auch noch kümmern müssen?
»Aber nein, keine Sorge!«, sagte er beruhigend. »Ein guter Bekannter Ihrer Großtante hat nach ihrem Tod alle Tiere auf seinen Hof gebracht.«
»Kannten Sie eigentlich meine Großtante?«
Das sonst so heitere Gesicht des bayrischen Auswanderers durchzog jetzt deutliche Trauer. »Ziemlich gut sogar. Als ich die Kanzlei vom alten Peters übernahm, habe ich auch viele Halligbewohner mitübernommen. Zweimal im Jahr bin ich rausgefahren, und wir haben Tee getrunken. Sie war eine beeindruckende Frau, ihre Großtante. Hat immer allem getrotzt. Den Sturmfluten, den Gezeiten und der Einsamkeit natürlich.«
Ella sah wieder zum Fenster. Feiner Regen schlug fast waagerecht gegen die Scheiben, so als würde jemand den Hebel einer Sprühflasche betätigen. »Wenn ich Ihren Brief für mich richtig gedeutet habe, dann ist sie bereits bestattet worden? Eine Seebestattung?«
»Ja, so wie sie es sich gewünscht hat. Letzte Woche.«
Ella schluckte.
