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Mit dem sehnsüchtigen Blick durch das Schaufenster eines Blumengeschäfts beginnt die erste Episode aus dem Leben des liebenswerten Beamten. Hansens Leben ist vollkommen normal, doch dessen Alltäglichkeit bekommt immer kafkaeskere Züge. Als Ehemann, Sohn, Vater und Referent im Wirtschaftsministerium, später als Witwer und Pensionär tastet er sich auf leisen Sohlen durchs Leben, riskiert nie zu viel, und doch lauert überall die plötzliche Eskalation. Mit zunehmendem Alter fühlt er sich immer fremder. Melancholisch, aber nicht trübsinnig beobachtet er seine Welt, Flüchtlingsströme im Fernsehen, er kämpft mit den Tücken des Internet und imaginiert den vernetzten Menschen. Erst gegen Ende verlässt ihn wirklich der Mut. Er steht vor dem Abgrund seines durchschnittlichen, vorsichtigen Lebens - doch ein Freund lässt ihn die Schwermut vergessen. Herr Hansen startet in ein neues Leben. Hansens Melancholie erheitert häufiger als dass sie ansteckt. Ein Erzählzyklus, so scharfsichtig und geistvoll geschrieben, so nah an uns allen, erschreckend nah. Herr Hansen steckt in uns, und zuweilen spüren wir die Sehnsucht, mit ihm auszubrechen.
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Seitenzahl: 283
Veröffentlichungsjahr: 2019
„Wünsche sind schließlich nicht dazu da, um erfüllt zu werden."
„Bist du immer so misstrauisch?", will sie wissen.
„Nein, nur gegenüber Frauen, die mich treffen wollen", erwidert Herr Hansen. „Wer ein offenes Herz hat, kann leicht verbluten."
„Wenn das Abendland so lautlos unterginge wie die Sonne, wäre ich zufrieden", meint Herr Hansen zu seinem Schulfreund Christian. „Ach Dieter", erwidert dieser, „du hast deine Tabletten wieder nicht genommen!"
Prolog
Wie lange blühen die dunklen Rosen?
Ein Hund zieht ein
Angst vor dem Sieg
Ein Flüchtling taucht unter
Betrüger und Betrogene
Auf der Suche nach Kafkas Sohn
Begegnung mit einer Heiligen
Gefangen in einer vergessenen Stadt
Wohin mit Mutters Stühlen?
Mutter Hansen kreuzt im Mittelmeer
Ein kurzer Abschied am Ende eines langen Lebens
Streit um ein Steak
Lässt Herr Hansen sich verführen?
Wie sich Zeit gewinnen lässt
In der Bibliothek der ungedruckten Bücher
Der alte Chef lädt zum Diner in sein neues Haus am See
Musen küssen nicht so schnell
Elchtest im Schnee
Immer schneller dreht sich die Welt
Herr Hansen fürchtet die Fremden
Ist Herr Hansen noch zu retten?
Flug in die Wolken
Totholz am Baum des Lebens
Hansen im Glück
Epilog
Das erste Mal sah ich Herrn Hansen, als er vor einem Blumengeschäft stand. Dieser damals 35-jährige, gut aussehende Mann blickte so sehnsüchtig durch das Schaufenster, dass es mich rührte. Natürlich war mir sofort klar, dass diese Blicke nicht den Rosen, sondern der jungen Verkäuferin galten. Ich bin von Berufs wegen neugierig und als Autor immer an Liebesgeschichten interessiert. Um dieses Brennen in der Brust sollen uns sogar die Engel beneiden!
Herrn Hansen habe ich gleich gemocht. Er ist ein scheuer Charakter, fleißig und von guter Wesensart. Obwohl er zur Melancholie und zu Tagträumen neigt, wird er als Referent im Wirtschaftsministerium sehr geschätzt.
Ich habe ihn über die nächsten dreißig Jahre durchs Leben begleitet. In dieser Zeit ist er mir ans Herz gewachsen. Ich habe seine Eltern, seine Lebensgefährtin und seine Frau, den Adoptivsohn Richard mit dessen Freundin Olga und den alten und neuen Chef kennen gelernt. Er hat einige Schicksalsschläge einstecken müssen, doch er hat sie überstanden, weil es Menschen gab, die ihm halfen.
„Welch herrliche Rosen!", schwärmt eine Frau im Treppenhaus und wirft Herrn Hansen einen sehnsüchtigen Blick zu.
„Ja!", erwidert er und hätte ihr beinahe eine geschenkt, so glücklich ist er. Doch vielleicht bringt es Unglück, den Strauß zu zerpflücken, schießt es ihm durch den Kopf, außerdem könnte dies Verwirrung stiften.
„Die sind bestimmt für Eva", sagt die Frau.
Ja, die sind für Eva", antwortet er und stapft an ihr vorbei die Treppe hoch.
Seine Freundin schaut ihn verwundert an: „Das ist das dritte Mal, dass du mir in diesem Monat Rosen bringst, Dieter. Und immer dieselbe Sorte, diese dunklen, die so aussehen, als bluteten sie."
„Gefallen sie dir nicht?"
„Doch, doch! Aber sie verblühen so schnell."
„Du musst sie schräg anschneiden und ihnen täglich frisches Wasser geben. Da sie so große Blüten haben, sind sie besonders durstig." So hat die Blumenverkäuferin es ihm erklärt.
„Das tue ich doch!", verteidigt sie sich. „Aber vielleicht mache ich es nicht richtig." Sie reicht ihm ein Obstmesser und hält ihm die Stiele entgegen. „Bitte sehr, zeig es mir!"
Mit Hingabe zieht er die Klinge zwei Daumen breit schräg über die festen Stengel. Bei der letzten Blume rutscht er ab und schneidet sich in den Finger. Er steckt die Rosen in die gläserne Vase, die Eva ihm bringt. Dabei tropft Blut ins Wasser. Er schaut zu, wie es nach unten sinkt und sich auflöst. Vielleicht ist das die richtige Nahrung, die die Blumen länger am Leben erhält, denkt er und wundert sich über diesen seltsamen Einfall.
Sie klebt ihm ein Pflaster auf die Wunde und einen Kuss auf die Lippen. „Du kommst immer mit Blumen, als wolltest du mein Herz erobern. Aber das gehört dir schon! Du würdest mich mehr erfreuen, wenn du eine Wohnung für uns findest."
„Ich weiß", sagt er, „aber das ist schwierig. Wir wollen ja nicht irgendeine Wohnung. Sie soll sonnig sein, gut geschnitten, nicht zu laut, möglichst mit Grünanlage in der Nähe, dabei zentral gelegen mit schicken Restaurants, Kino, Theater - und nicht zu teuer. Ich halte die Augen und Ohren offen. Nun, wir haben ja keinen Zeitdruck, oder?"
„Na ja. Wir sind beide fünfunddreißig, und ich möchte bald ein Kind."
„Ich weiß", sagt er wieder. Nachdenklich schaut er zu Boden. Was hat die Wohnung mit den Rosen zu tun? „Ich suche eben erst die Blumen aus und dann die Wohnung, die dazu passt", witzelt er. Welche Frau freut sich nicht über Blumen? Manchmal ist sie so rational. Vielleicht spüren das die Rosen und können deshalb bei ihr nicht blühen. Auf die Verkäuferin lässt er jedenfalls nichts kommen. Die hat gewiss keine Schuld. Sie ist doch keine Betrügerin, die Blumen verkauft, die verblühen, sobald man sie zu Hause in die Vase steckt! Das kann sich keiner leisten, erst recht nicht die Afrikanerin, die das Geschäft mit ihrer Tochter übernommen hat. Zugegeben: In diese Rosen hat er sich verliebt! Ist Eva auf sie etwa eifersüchtig?
Auch Eva fragt sich, was es mit diesen Rosen auf sich hat. Damit kommt er daher wie ein Schauspieler, der die Liebe nur spielt, weil er verliebt sein will. Will er mit ihr überhaupt zusammenziehen? Will er Kinder? Er wird immer so still, wenn sie davon spricht. Was will er ihr durch die Blume sagen?
Ihre Blicke treffen sich.
„Manchmal weiß ich gar nicht, ob du mich ... richtig liebst. Die Blumen, nimm es mir nicht übel, kommen mir wie eine Entschuldigung vor."
„Eine Entschuldigung? Wofür, bitte sehr, sollte ich mich denn entschuldigen?"
„Das weiß ich eben nicht. Vielleicht fehlt dir bei mir etwas, ohne dass du es selber weißt."
„Oh, du denkst wieder so kompliziert, wie eine Psychologin eben. Schalte mal ab von deiner Arbeit. Ich bin nicht dein Patient. Mich brauchst du nicht zu analysieren."
„Das ist nicht Psychologie, sondern weibliche Intuition."
„Was soll ich als Mann dagegen sagen?"
„Nichts. Sag einfach die Wahrheit!"
„Das ist ja ein richtiges Verhör!", schimpft er. „Und das nur, weil ich dir Rosen geschenkt habe. Am besten nehme ich sie gleich wieder mit. Sie scheinen uns kein Glück zu bringen."
Je länger sie reden, desto trüber wird die Stimmung. Obwohl sich beide bemühen, finden sie keinen Ausweg. Bevor noch mehr Unheil entsteht, will er die Nacht lieber alleine zu Hause verbringen. Die Rosen gibt sie ihm mit.
Am nächsten Morgen sind alle Knospen auf einmal aufgeblüht. Ob sich schnell blühende Rosen züchten lassen? Das müsste er die Tochter der Verkäuferin fragen. Er fasst einen Plan. Durch das Schaufenster sieht er sie im Gespräch mit einem Kunden, auf den er sofort eifersüchtig ist. Der Mann lässt sich von ihr die verschiedenen Sorten zeigen, die gelben, die orangenen, die hellroten und zuletzt die blutroten, die (ist es ein Zufall?) dieselbe Farbe haben wie ihre Lippen. Sie freut sich, als der Kunde auf die dunkelroten deutet. Um nicht gesehen zu werden, tritt Herr Hansen ein paar Schritte zur Seite. Er kritzelt etwas in sein Notizbuch, reißt die Seite heraus und faltet sie zusammen. Dann tritt er ein. Als erstes begrüßt er die Mutter, die an der Kasse steht und die Tochter beobachtet. Auch die Mutter muss früher sehr hübsch gewesen sein, denkt er. Wie verlebt sie jetzt aussieht! Er bedauert, dass sie noch arbeiten muss. „Ich möchte zu den Rosen", erklärt er ihr. Sie nickt ihm freundlich zu. Wie eine Biene auf der Suche nach dem süßesten Nektar nähert er sich im Zickzack dem Bottich mit den fleischigen Blüten. Tausendfach leuchtet ihr Lippenrot. Ungeduldig wartet er, bis der Käufer mit seinen Rosen zur Kasse geht. In diesem Moment drückt er ihr den Zettel in die Hand und bittet sie, ihm eine Rose auszusuchen. Wortlos reicht sie ihm eine mit besonders vielen Knospen. Er bedankt sich, zahlt und verlässt das Geschäft.
Aufgeregt wartet er in einem nahe gelegenen Weinlokal auf sie. Die Rose liegt schräg vor ihm auf dem Tisch. Er schaut auf die Uhr. In einer halben Stunde, um achtzehn Uhr, schließt das Geschäft. Dann könnte sie zehn Minuten später hier sein. Was soll werden, wenn sie seiner Einladung folgt? Er ist doch kein Verführer, und von Eva trennen will er sich auf keinen Fall. Sie sind jetzt schon sieben Jahre zusammen. Eva ist rein wie ein Bergkristall. Sie ist hübsch, klug und treu. Mit ihr kann er getrost eine Zukunft aufbauen und später einmal eine Familie gründen. Worum ging es überhaupt bei dem Streit? Wenn einer von ihnen daran Schuld trägt, dann er. Das gesteht er sich ein. Wieso waren ihm die Rosen plötzlich wichtiger als die gemeinsame Wohnung? Will er denn nie erwachsen werden, immer das Hänschen bleiben?
Andere Gedanken drängen sich dazwischen. Ob die junge Rosenfrau einen Freund hat? Hoffentlich, denkt er und wünscht zugleich das Gegenteil. Ihr Deutsch ist akzentfrei, so dass sie wohl hier geboren ist. Unter welchen Umständen mag die Mutter herübergekommen sein, und wo ist der Vater? Wann haben sie den Blumenladen eigentlich eröffnet? An solchen Geschäften geht er normalerweise achtlos vorbei. Für sich selbst würde er niemals Blumen kaufen. Es war reiner Zufall, dass sein Blick durch die Scheibe fiel. Als er diese Frau sah, wäre ihm fast das Herz stehen geblieben. Im Laden konnte er nur stammelnd um einen Strauß Rosen bitten.
Der Ober bringt die bestellte Karaffe mit zwei Gläsern und füllt das eine. Herr Hansen nippt abwechselnd am Wein und schaut auf die Uhr. Pünktlich um zehn nach sechs sieht er sie kommen. Die Schlagzahl seines Herzens verdoppelt sich. Es erleichtert ihn, wie ungezwungen und unschuldig sie ihn begrüßt. Schnell sind sie beim ,Du' und stoßen darauf an. Sie heißt Anna und lebt noch bei ihrer Mutter. Als er nach ihrem Alter fragt, lacht sie kokett und lässt ihn raten. Obwohl er sie eher auf dreißig schätzt, sagt er „fünfundzwanzig". Sie schüttelt heftig den Kopf, so dass ihre schwarzen Locken umherfliegen. Er zählt, als wäre es ein Spiel, in Zweier-Schritten abwärts, bis sie ihm zuflüstert: „Siebzehn!" Er schaut sie ungläubig an.
„Weißt du, ich bin wie eine der dunklen Rosen, die du so magst. Sie blühen schnell auf ..." Sie bricht ab und schluckt. Ob Eva doch Recht damit hat, dass sie so schnell verblühen? Da sie schweigt, fragt er nach, wobei er sich möglichst unbefangen gibt:
„Wie lange blühen sie denn?"
„Wie lange blühen sie denn bei dir?" Sie schaut ihn erwartungsvoll an.
„Ach, ich weiß nicht, lange genug jedenfalls."
„Das freut mich. Aber was ist lange genug? Ist es nicht immer zu kurz?"
„Nun ja, aber das ist doch nicht deine Schuld!" Wie seine Wangen brennen.
„Das zwar nicht, aber ... ach, ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll."
„Versuch es!"
„Also, ich glaube, diese Rosen haben etwas mit mir gemeinsam. Es mag seltsam für dich klingen: Ich denke, wir sind aus demselben Stoff gemacht. Erklären kann ich dir das nicht. Ich glaube ja nicht mehr an die Geister, von denen meine Großeltern und auch meine Mutter noch erzählten, aber ... irgendeinen Stoff oder eine Energie muss es doch geben, aus dem alles wächst und entsteht, was uns verbindet. Es muss etwas mit meinem Blut zu tun haben. Das Blut könnte mit ihrem Saft in Verbindung stehen. Glaubst du, dass Pflanzen eine Seele haben?"
Er zuckt die Schultern. Unter anderen Umständen hätte er die Frage sofort verneint, hätte sie gleich als esoterisch abgetan. Doch jetzt zögert er. Er weiß gerade nicht mehr, was er denken soll. Er hätte in diesem Moment wohl auch nicht widersprochen, wenn sie sich selbst als Pflanze bezeichnet hätte. Ihm fällt ein, was er vor kurzem gelesen hat: Man hat einer Blume das Geräusch des Flügelschlags einer Biene vorgespielt. Als Reaktion darauf hat man bei ihr einen süßeren Nektar gemessen. Wenn Blumen hören können, warum dann nicht auch fühlen wie ein beseeltes Wesen?
„Ich glaube an die Seele meiner Rosen", bekennt sie. „Ich spüre, dass sie mit mir verwandt sind."
Die Poesie ihres Denkens gefällt ihm. Wie beruhigend muss es sein, die Welt als ein Geflecht zu betrachten, in dem kein Ding für sich alleine existiert, kein Wesen einsam ist. Dann gäbe es keinen Zufall, nicht diese grausame Gleichgültigkeit des Schicksals. Nach diesem Weltbild musste er sie hier treffen und hat sich nichts vorzuwerfen.
Um das zu glauben, ist er gerne bereit, sich naiver zu stellen als er ist. Nun stockt das Gespräch. Wie geht es jetzt weiter, was steht im Drehbuch? Hilfe, wo ist der Regisseur? Vor seinem inneren Auge fliegt eine Biene, landet auf einer Blüte und steckt ihren Rüssel hinein. Alles würde er dafür geben, sie jetzt zu umarmen, wenigstens einen Atemzug lang ihre dunkle Haut zu riechen und über ihr fein gekräuseltes Haar zu streichen. Dieser Gedanke erregt ihn. Doch bloß nichts überstürzen! mahnt eine innere Stimme. Wer den Kopf in den Wolken trägt, sollte nicht gleich das Blaue vom Himmel versprechen. Nicht nur die Blumen brauchen Zeit zum Blühen, auch die Liebe. Aber das stimmt ja gar nicht, denkt er. Die Liebe ist plötzlich da wie ein Überfall. Sie ist ein wildes Tier, das in seiner Brust tobt und heraus will aus dem knöchernen Verlies.
Diese gemeine Stimme hat ihn ganz aus dem Konzept gebracht. Er bringt kein Wort mehr heraus. Mit letzter Kraft zwingt er sich zur Selbstbeherrschung und hält ihr mit einer Geste, wie von Charlie Chaplin abgeschaut, stumm die Rose hin. Dann bittet er stockend um ein Wiedersehen. „Ich freue mich, wenn du die Rosen nur bei mir kaufst", erwidert sie und lacht.
Sie stehen draußen vor dem Lokal. Jetzt wäre die Gelegenheit zu einem Abschiedskuss. Doch er zaudert. Da öffnet sie mit einer winzigen Drehung ihres Körpers, so zart, wie es nur eine Frau kann, das Feld. Sie wendet sich ihm ganz zu und deutet, sichtbar nur für den, der dafür empfänglich ist, ein Ausbreiten der Arme an. Ein Zucken nur, eine Hingabe en miniature. Da strecken sich seine Arme, ohne auf seine Erlaubnis zu warten, und seine Hände, die auf einmal Flügel haben, drücken die schöne Gestalt vorsichtig wie ein zerbrechliches Vögelchen gerade so dicht zu sich heran, dass er ihre Brüste spüren kann. So verharrt er mit geschlossenen Augen, die Lippen an ihrem Haar. Ein Hauch von Rosenwasser umweht ihn. Nach einem Moment, einer seligen Ewigkeit, spürt er einen sanften Gegendruck. Sofort gibt er sie frei. War er zu aufdringlich, zu unbeherrscht? Sie schenkt ihm noch ein Lächeln, dann gehen sie in entgegengesetzten Richtungen davon. Nach ein paar Metern dreht er sich nach ihr um. Ihre Hüften, die nicht so ausladend sind wie bei Eva, nicken ihm bei jedem Schritt zu.
Zu Hause stellt er verblüfft fest, dass seine Uhr um 18 Uhr 10 stehengeblieben ist, genau in dem Moment also, als sie ins Lokal trat. Er fasst sich an den Kopf. Die Uhr hat doch kein Bewusstsein. Sie kann doch nicht auf seinen Wunsch reagiert haben, die Zeit anzuhalten. Oder ist hier eine höhere Macht im Spiel?
In den nächsten Tagen fühlt er sich wie betrunken. Anna ist so rätselhaft, fremd und exotisch. In Gedanken erzählt er ihr aus seinem Leben und zeigt ihr alles, was er sieht. Es erregt ihn, wenn er sich vorstellt, wie sich ihre Lippen berühren. Wie Carmen, die Opernfigur, könnte sie, wenn sie nur wollte, die Männer reihenweise um den Finger wickeln. Doch etwas scheint sie daran zu hindern. Ihr junges Alter sicherlich und die Mutter, die über sie wacht, aber er spürt bei ihr noch etwas anderes, eine untergründige, samtige Traurigkeit. In ihrem Herzen muss es eine Kammer geben, in der dunkles Blut fließt, so dunkel wie seine Lieblingsrosen. Dieses Schwermütige zieht ihn besonders an. Sein Leben würde er für sie geben, dieses Leben, das er auch Eva versprochen hat. Aber kann er es doppelt vergeben? Annas und Evas Kosmos schließen sich aus. Eva ist die Intellektuelle, die Menschenkennerin von Berufs wegen, die einen Menschen schnell durchschaut. Er will sie nicht verlieren, er liebt sie genauso, ihre kleinen Brüste, die er mit den Händen zudecken kann, ebenso wie die großen von Anna. Annas Körper ist so üppig und verschwenderisch wie eine Orchidee im tropischen Regenwald mit ihren vollen Wangen, den fleischigen Lippen und den grünlich verfärbten, mit einigen Schrunden versehenen Blumenhänden. Eva hingegen ähnelt eher einem Alpenveilchen, das am Boden vor sich hin blüht und darauf wartet, entdeckt zu werden. Sie kann sich weit in sich zurückziehen. Dann friert ihre Miene ein und hinter den riesigen, schwarz eingefassten Brillengläsern wird sie zu einer Maske, einem Ameisengesicht. Doch ein Wort, ein Zeichen genügt, um das Eis zu brechen, um sie zurückzuholen und ihre Augen zum Leuchten zu bringen. Sie hat nicht das Offene wie Anna, lacht nicht wie sie mit dem ganzen Gesicht. Bei ihr lachen nur die Augen, aber wie schelmisch sehen sie dabei aus! Annas Leidenschaft und Evas Nachdenklichkeit ergänzen sich großartig, ihre Säfte würde er gerne mischen.
Am Abend geht er wie verabredet zu Eva. Er ist ja nicht verliebt in Anna, sagt er sich, er liebelt nur, so wie man schnäbelt anstatt zu küssen. Sie hat ihn sehnsüchtig erwartet. Es rührt ihn, wie sie ihn umwirbt. Sie hat Fischratatouille gekocht, sein Lieblingsgericht. Doch heute schmeckt es ihm nicht wie sonst. Die Kräuter, die Soße und das Filet verbinden sich nicht miteinander, auch die Karotten, Auberginen, Zucchini und Tomaten bleiben für sich, so als äße er alles getrennt.
Und den Pinot Grigio, so scheint es ihm, trinkt er gar nicht, sondern er erinnert sich nur an das fruchtige Aroma, das er so schätzt. Er sieht sich am Tisch sitzen und hört sich etwas Lobendes über das Essen sagen. Doch seine Stimme klingt eigenartig tonlos. Ihre Blicke nimmt er wahr, als gälten sie einem anderen. Vielleicht ist alles nur ein Film, und man hat ihm eine mehrdimensionale Brille aufgesetzt, die alle Sinne imitiert.
„Blühen übrigens deine ... ich meine, meine Rosen noch?"
Diese Frage durchdringt seinen Gedankennebel.
„Sie stehen noch in voller Blüte", prahlt er, obwohl sie die Köpfe schon hängen lassen.
„Nun", erwidert Eva, „dann muss es eine andere Sorte sein."
„Vielleicht war es mein Blut", bemerkt er schmunzelnd.
Eva blickt ihn irritiert an. Er lacht darüber hinweg.
Das zweite Treffen mit Anna hat er zuvor hundertmal durchgespielt. Er möchte kein langes Versteckspiel, sondern ihr seine Liebe ohne Umschweife erklären, um dann zu sehen, was daraus entstehen kann. Er weiß ja nicht einmal, ob sie einen Freund hat. Er bildet sich nicht ein, der einzige Mann zu sein, der ein Auge auf sie geworfen hat. Wartet sie auf den Märchenprinz, will sie lieber eine Prinzessin oder gibt die Mutter sie nicht frei?
Nach Ladenschluss sitzen sie im selben Lokal, sogar am selben Tisch. Er hält das für ein gutes Omen. Es ist alles wie beim ersten Mal, nur dass er sie diesmal ohne Rose empfängt. Heute will er nicht durch die Blume sprechen. Sie scheint sich auch über dieses Treffen zu freuen. Er lässt sie erst einmal das Aktuelle vom Tag erzählen. Sie macht sich über den einen oder anderen Kunden Luft, klagt über die gestiegene Ladenmiete und gewisse Lieferengpässe und berichtet von einem kleinen Streit mit der Mutter, die sich beim Verschieben der schweren Blumenkübel nicht von ihr helfen lassen wollte. Ungeduldig wartet er auf eine Gesprächspause. Endlich hält sie inne. Er blickt sie fest an und spricht seinen auswendig gelernten Text:
„Anna, es brennt in mir!" Wie geht der Text bloß weiter? „Ich brenne ... brenne für dich ... hast du es geahnt?", wiederholt er stockend. Jetzt brennen vor allem seine Wangen. Er will noch mehr sagen, sich entschuldigen (aber wofür?), dass er nichts dafür könne und sie auch nicht, dass es eben Schicksal sei, dass sie keine Angst haben müsse, dass sie es nur zu sagen brauche, wenn er zu aufdringlich sei, und dass er sich jederzeit eine Eisenkette um die Brust legen könne mit einem Vorhängeschloss davor, so dass nichts mehr hinein- und nichts mehr herauskomme aus seinem Herzen. Wäre jetzt der rechte Moment, um sie um einen Kuss zu bitten, um einen mit Leidenschaft? Nein, erst darauf hinweisen, dass es so schade wäre, dieses Gefühl einfach zu unterdrücken, denn schließlich erlebe er das so selten, jawohl, er sei kein Casanova, kein Verführertyp. Höchstens alle zehn Jahre breche ein solches Feuer in ihm aus. Wie oft sie denn schon ...
„Ja, ich habe mir schon so etwas gedacht", unterbricht sie seine Gedankenflut.
„Hast du einen Freund?", platzt es aus ihm heraus.
Sie schüttelt den Kopf. Er kann sein Erstaunen, ja seine Zweifel nicht verbergen. „Die Mutter ... wacht sie über dich?"
„Es ist komplizierter", erwidert sie. „Würdest du mich noch lieben, wenn meine Brüste welk sind?"
„Was soll diese Frage? Das werde ich wohl nicht mehr erleben oder meine Augen werden so schlecht sein, dass ich das nicht mehr erkennen kann."
„Diesen Test hast du nicht bestanden. Aber da du von falschen Voraussetzungen ausgehst, stelle ich dir noch eine Zusatzfrage: Wärest du bereit, für mich zu bluten?"
„Wie bitte?"
„Ja, würdest du für mich dein Blut vergießen? Das wird meine Mutter von dir wissen wollen."
„Ich würde mein Leben für dich geben", erklärt er ritterlich. „Aber wie kommt deine Mutter auf diese Frage? Ist das in ihrer Kultur so üblich?"
„Ich will dir gleich zu Beginn die ganze Wahrheit sagen, damit du entscheiden kannst, ob deine Liebe für mich ausreicht. Wenn nicht, so ist jetzt Zeit, um sich schmerzlos zu trennen. Ich habe nämlich keine Zeit zu verlieren. Also höre: In mir schlummert eine Krankheit, die mich schneller altern lässt. Die habe ich geerbt. Deshalb hattest du mich beim letzten Mal auf fünfundzwanzig geschätzt. Ich wette, damit wolltest du mir noch schmeicheln. In Wirklichkeit hieltest du mich für dreißig, stimmt's?"
„Eigentlich für vierzig", scherzt er, doch sie verzieht keine Miene.
„Die Sache ist ernst. Meine Mutter sagt, die Krankheit sei im Blut. Man könne mich nur heilen, wenn ich das Blut von dem Mann trinke, der mich liebt."
Herr Hansen zuckt zusammen.
„So reagieren alle Männer", sagt Anna. Ein paar dicke Tränen tropfen auf ihre Wangen.
„Das ist nur Aberglaube. Wir haben hier Ärzte, die das genau untersuchen können."
„Wenn sie nicht nur untersuchen, sondern auch behandeln können, dann gerne", erwidert sie wenig hoffnungsvoll.
Später führen sie das Gespräch mit der Mutter weiter. Er erschrickt, wie gebeugt die Mutter geht und wie ihre Hände zittern. Es gelingt ihm mit einiger Mühe, sie dazu zu bewegen, einer genetischen Untersuchung ihrer Tochter zuzustimmen.
In den Wochen bis zu dem Termin treffen sie sich oft. Bevor Anna mit ihm ausgeht, betrachtet sie sich lange im Spiegel. Strähne für Strähne durchsucht sie nach grauen Haaren, und mit der Lupe prüft sie ihren ganzen Körper auf Flecken und Falten. Immer wieder probiert sie neue Cremes gegen die Alterung. Im Badezimmer hat sie eine Armada von Salben und Lotionen gegen den körperlichen Verfall in Stellung gebracht.
„Was glaubst du wohl, warum die dunklen Rosen kürzer als die anderen blühen?", fragt sie ihn. „Weil sie meine Krankheit haben."
Herr Hansen träumt seine Hochzeit mit Anna. Als die beiden aus dem Standesamt treten, streuen Blumenmädchen Rosenblätter auf ihren Weg. Aus den Blättern sprießen Rosenstöcke, die zu einer dichten Hecke zusammenwachsen. Sie bilden einen Korridor, der das Paar vor den Blicken der Hochzeitsgesellschaft schützt. Die Stimmen werden leiser. Immer stiller wird es um sie herum, und immer langsamer werden ihre Bewegungen, bis sie schließlich reglos dastehen, wie vom Schlaf überfallen. Die Totenmaske der Brautmutter schwebt über ihnen.
Heute haben sie den Termin im Humangenetischen Institut. Anna schwant nichts Gutes, als der Professor, ein kleinwüchsiger Mann in grauem Anzug, zunächst mit ihr alleine sprechen will.
„Können Sie die Wahrheit vertragen?", fragt er unverblümt, nachdem er sie körperlich untersucht und ausgiebig befragt hat. Über seine Brillengläser hinweg blickt er sie durchdringend an.
„Oh ja!", erwidert sie tapfer und kämpft mit den Tränen.
„Das Karyogramm, also die Analyse Ihres Erbguts hat ergeben, dass ein Stück von Ihrem achten Chromosom fehlt."
„Ich habe es geahnt. Und was bedeutet das?", fragt sie und zwingt sich mit aller Kraft zur Ruhe.
„Sie haben es wohl schon vermutet: Ihre Lebensuhr läuft schneller als die der anderen Menschen. Progerie nennen wir das, auf Deutsch vorzeitiges Altern."
„Was – was kann ich dagegen tun?", stammelt sie.
„Offen gestanden: gar nichts! Alle Salben, Tropfen und Kräuter nützen nur denjenigen, die sie verkaufen. Die Wissenschaft ist leider noch nicht weit genug, um die Gene zu reparieren, nur zerstören kann sie sie schon."
„Aber", kreischt sie, „kann man mein Blut nicht erneuern, es austauschen oder wenigstens verdünnen, es mit gesundem vermischen?"
Der Professor schüttelt bedauernd den Kopf. Jede Zelle in Ihrem Körper müsste ausgetauscht werden", erklärt er so verständnisvoll, wie ein Vater zu seinem Kind spricht.
„Aber das passiert doch sowieso ständig, habe ich gelesen. Alte Zellen gehen zugrunde und neue bilden sich, in uns sind Geburt und Tod von Anfang an verbunden."
„Ja, aber das nützt Ihnen nichts, denn bei jeder Zellteilung wird derselbe Defekt reproduziert. Den kriegen Sie nicht mehr raus aus Ihrem Gewebe."
„Es hat nur mit meinem Blut zu tun", schluchzt sie. „Wissen Sie, woran ich das merke? Es klingt vielleicht komisch, ich merke es an meinen Rosen. Die dunkelroten blühen schneller auf als andere – und schöner, dafür aber kürzer.
Sie müssen dieselben Bestandteile in ihrem Saft haben wie ich in meinem Blut."
Der Professor nickt: „Sie beschreiben ein Resonanzphänomen, das uns aus der Physik gut bekannt ist. Wenn zwei Teilchen gleich schwingen, können sie sich gegenseitig beeinflussen, auch wenn sie an verschiedenen Orten sind. Ändert sich die Bewegung des einen Teilchens, so spürt dies das andere und schwingt im selben Rhythmus mit."
„So ist das also!", sagt sie, und es klingt, als habe ihr diese Erklärung ein wenig Hoffnung gegeben.
Auf dem Heimweg erzählt sie Herrn Hansen von dem Gespräch. „Der Professor hat bestätigt, was ich schon wusste: Ich lebe schneller als du und als alle anderen Menschen. Es stimmt auch, dass es mit meinem Blut und den Rosen zu tun hat. Willst du dich nun nicht lieber gleich von mir trennen, bevor du mich in ein paar Jahren sowieso verlässt?" Er schüttelt energisch den Kopf. „Niemals!", erwidert er.
„Gut!", entgegnet sie, „dann tun wir das, was die Medizinmänner meiner Mutter empfohlen haben. So wie dein Blut den dunklen Rosen zu längerer Blüte verholfen hat, wird es auch mir helfen."
In der Nacht liegt Anna auf ihrem Mann. Sie hat ihren Kopf auf seiner Schulter abgelegt, während er mit der rechten Hand über ihren nackten Rücken streicht. Sie saugt an einem dünnen Plastikschlauch, der in seiner linken Ellenbeuge endet. Während sie trinkt, hebt und senkt sich ihr Becken über seinem Schoß wie eine Boje auf wilder See. Schließlich wirft sie den Kopf in den Nacken, so dass ihre verschwitzten Locken nach hinten fliegen. Dabei reißt sie die Nadel aus seiner Ader. Der dunkelrote Saft quillt aus der Wunde. Sie greift nach einem Zipfel der Bettdecke und drückt ihn darauf. „Du Armer, du Guter!", gurgelt sie, während ihr ein paar Blutstropfen aus dem Mundwinkel rinnen. „Du bist mein Jungbrunnen, bist mein Leben!", stöhnt sie. „Wenn zwei Teilchen ein Paar sind, bringt das eine das andere in Schwingung, sagt der Professor."
Herr Hansen ist zu erschöpft, um etwas zu erwidern. Die Farbe ist aus seinem Gesicht gewichen. Er schmeckt nur das Eisen in ihren Küssen.
Anna Hansen kann keine Kinder bekommen. Deshalb hat das Ehepaar einen Jungen adoptiert. Sie sind stolz auf ihn und wollen ihn nach besten Kräften fördern. Er heißt Richard und ist neun Jahre alt. Letztes Jahr haben sie ihn aus einem Kinderheim geholt.
Richard wünscht sich einen Hund. Es beginnt meist damit, dass er auf Vaters Schoß klettert, wenn dieser gerade die Zeitung liest. Dazu schiebt der Junge die Zeitung einfach beiseite und klappt die Schenkel zusammen. Auf den Schoß klettert er eigentlich nur noch, wenn er etwas will. So sind Kinder eben, denkt Herr Hansen und lässt es geduldig über sich ergehen.
„Papa, wäre es nicht schön, wenn wir einen Hund hätten?"
„Ich weiß, dass du dir einen Hund wünschst, aber du bist noch zu klein."
„Ich bin nicht klein. Ich bin neun!"
Er schneidet eine zornige Grimasse.
„Eben. Mit neun kannst du nicht alleine mit einem Hund Gassi gehen."
„O doch!", widerspricht er energisch, „das habe ich in den Ferien mit Odysseus auch gemacht." Tatsächlich hat er den Dackel der Nachbarn alleine ausgeführt. „Na gut, aber das waren Ferien. Da hast du Zeit, musst keine Schularbeiten machen, hast keinen Geigenunterricht, kein Fußballtraining ..."
„Dann lieber keinen Geigenunterricht mehr!", unterbricht er ihn.
Es ist der Wunsch des Vaters, dass Richard Geige spielt, nicht dessen Wunsch, und beide wissen das. Das ist Richards Trumpf. Der Vater knurrt:
„Das würde dir später leidtun."
„Na und. Dann kann ich ja wieder anfangen."
„Richard! Nur wenn du weiter Geige spielst, können wir über einen Hund reden."
Er tätschelt ihm die Wange, rutscht vom Schoß herunter und springt zur Mutter.
„Mutti, Papa hat erlaubt, dass wir einen Hund bekommen!"
Frau Hansen kommt aus der Küche und schaut ihren Mann missbilligend an. Als dieser abstreitet, etwas versprochen zu haben, rennt Richard heulend in sein Zimmer. Auf die Zeitung kann sich Herr Hansen nun nicht mehr konzentrieren. Das Geheul dringt durch alle Wände. Sie fordert ihn auf, das Kind zu beruhigen. Natürlich ohne falsche Zugeständnisse, denn einen Hund möchte sie nicht im Haus haben. Aber wie soll er mit leeren Händen Verhandlungen führen? Mit neun sehnte er sich genauso nach einem Hund wie der Junge, doch ein paar Jahre später hatte sich dieser Wunsch in ein Motorrad verwandelt. Ein Motorrad bekam er dann tatsächlich, aber nicht das Modell, das er wollte. Es hieß Dax und sah auch so aus, klein wie ein Kinderfahrrad und viel zu langsam. Damit konnte er keinem Mädchen imponieren. So verkaufte er es nach kurzer Zeit und war um einen Wunsch ärmer. Motorräder interessieren ihn seitdem nicht mehr.
Er klopft an Richards Tür. Wenn der Junge wütend ist, schließt er sich ein. Halb widerwillig, halb erwartungsvoll öffnet er. Herr Hansen erzählt ihm von seinen Wünschen als Kind und schließt mit der Mahnung: „Schau, einen Hund kann man nicht wie ein Motorrad einfach weggeben, wenn man ihn nicht mehr mag. Gut also, dass meine Eltern hart geblieben sind, nicht wahr?"
Bis zu diesem Punkt hat Richard ihm aufmerksam zugehört, doch nun setzt sein Heulen lauter als zuvor ein. „Ich bin nicht so wie du!", schreit er. „Ich wünsche mir kein Motorrad, sondern einen Hund!"
„Und ich wünsche mir, dass du dir keinen Hund mehr wünscht!", schreit Herr Hansen zurück.
Wütend stößt ihn der Junge aus dem Zimmer. Der väterliche Vermittlungsversuch ist gescheitert. Jetzt kann nur noch die Mutter helfen. Er berät sich mit ihr.
„Was spräche dagegen, wenn wir ihm einen Dackel schenken, wie den von Frau Müller?", fragt er. „Vorausgesetzt natürlich, er spielt weiter Geige. Kinderwünsche sind etwas Wertvolles und Einmaliges, später lassen sie sich nicht mehr erfüllen. Unsere Wünsche als Erwachsene sind nicht mehr so leidenschaftlich."
„Wie meinst du das?" Sie schaut ihn pikiert an.
„Ich meine, so kompromisslos, so unaufschiebbar, so drängend, so ... Unsere Wünsche sind stiller, es hängt nicht mehr das ganze Leben davon ab. Wir haben schon so viel, vor allem haben wir uns."
Endlich findet er das Zauberwort, das mit einem Kuss belohnt wird. Das Verhandlungsklima hat sich schlagartig verbessert. Doch warum soll er eigentlich für seinen Sohn um einen Hund betteln? Einen Hund möchte er genauso wenig wie seine Frau. Wünsche sind schließlich nicht dazu da, um erfüllt zu werden. Ein Hund kostet Geld, macht Arbeit, bestimmt den Urlaub und ist vielleicht sogar gefährlich. Aber wenn Richard ohne einen Hund nicht leben kann? Vielleicht soll ein Hund ihm einen großen Bruder ersetzen, den sie ihm nicht schenken können. Doch Herr Hansen wünscht sich, dass er gut Geige spielt. Nichts rührt ihn mehr als Kinder auf der Bühne musizieren zu sehen. Mag sein, dass der Junge erfüllen soll, was er nicht geschafft hat. Einmal träumte er – unvergesslich schön war es – wie er selbst virtuos den Bogen streicht, Geige und Arm waren eins, die Saiten liefen direkt ins Ohr, und seine Hand formte den Ton, ein lang gezogenes Vibrato, das sich ausbreitete wie Flügel, die ihn zu den Musen trugen. Er, der musikalisch Unbegabte, der nie eine Geige in der Hand gehalten hat, fühlte sich am nächsten Morgen noch für die Dauer einer göttlichen Minute als künstlerisches Genie. Er überredet seine Frau, bis zum nächsten Geigenvorspiel zu warten und danach eine Entscheidung zu treffen. Mit dieser Aussicht lässt sich Richard schließlich trösten.
So viel wie in den folgenden zwei Monaten hat er noch nie geübt. Als Herr Hansen ihn beim Vorspiel hört, sinkt er in seinen Traum zurück. Nie hat eine Geige sehnsuchtsvoller geklungen als die seines Sohnes an diesem Tag. Die Musik strömt durch ihn hindurch.
Am nächsten Tag fahren die Eltern mit Richard ins Tierheim.
„Eigentlich möchte ich keinen gebrauchten Hund", mault er.
„Gebraucht?", wiederholen die Eltern wie aus einem Munde und schauen ihn entsetzt an.
„Ich möchte ihn kaufen, in einem richtigen Geschäft."
„Du meinst, bei einem Züchter?"
„Ich meine, keiner soll den Hund vor mir besessen haben."
„Wenn du wirklich so tierlieb bist, solltest du einen Hund aus dem Tierheim retten. Das sind arme Tiere, die Schlimmes erlebt haben, Flucht und Gewalt, und sich nach einem guten Zuhause sehnen."
Die Eltern sind besonnen genug, Richard jetzt nicht an seine eigene Herkunft zu erinnern.
