Die hässlichste Tanne der Welt - Annette Bluhm - E-Book

Die hässlichste Tanne der Welt E-Book

Annette Bluhm

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Beschreibung

Geschenke kann man umtauschen. Familie nicht. Gänsebratenkalorien, die für immer auf den Hüften bleiben, Weihnachtsgedudel in Dauerschleife, die endlose Suche nach dem perfekten Christbaum: Witwe Ursel würde Heiligabend am liebsten ausfallen lassen. Als sie ihrem alten Bekannten Friedrich ihr Leid klagt, ist klar: Auch er hat keine Lust auf Feiertagsstress. Spontan macht er Ursel ein hochromantisches Angebot: gemeinsam dem Weihnachtswahn entfliehen. Wie wäre es etwa mit einer Reise nach Paris? Doch die beiden haben die Rechnung ohne ihre Familien gemacht. Kinder und Enkel hängen schließlich an Traditionen. Und wenn die Tanne noch so schief steht ...

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Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Annette Bluhm

Die hässlichste Tanne der Welt

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

Geschenke kann man umtauschen. Familie nicht.

 

Gänsebratenkalorien, die für immer auf den Hüften bleiben, Weihnachtsgedudel in Dauerschleife, die endlose Suche nach dem perfekten Christbaum: Witwe Ursel würde Heiligabend am liebsten ausfallen lassen. Als sie ihrem alten Bekannten Friedrich ihr Leid klagt, ist klar: Auch er hat keine Lust auf Feiertagsstress. Spontan macht er Ursel ein hochromantisches Angebot: gemeinsam dem Weihnachtswahn entfliehen. Wie wäre es etwa mit einer Reise nach Paris? Doch die beiden haben die Rechnung ohne ihre Familien gemacht. Kinder und Enkel hängen schließlich an Traditionen. Und wenn die Tanne noch so schief steht ...

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, November 2013

Copyright © 2013 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Umschlaggestaltung any.way, Barbara Hanke/Cordula Schmidt

(Illustration: Kai Pannen)

ISBN 978-3-644-48461-0

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Motto

14. Dezember, Samstag, 10 Tage und 2 lange Samstage bis Weihnachten

15. Dezember, Sonntagvormittag, 3. Advent, noch 9 Tage!

15. Dezember, Sonntagnachmittag, 3. Advent, noch 8,5 Tage bis Weihnachten

15. Dezember, Sonntagabend, 3. Advent, noch 8,25 Tage bis Weihnachten

16. Dezember, Montag, noch 8 Tage bis Weihnachten

17. Dezember, Dienstag, noch 7 Tage bis Weihnachten

18. Dezember, Mittwochnachmittag, noch 6 Tage bis Weihnachten

19. Dezember, Donnerstag, noch 5 Tage bis Weihnachten

20. Dezember, Freitag, noch 4 Tage bis Weihnachten

21. Dezember, Samstag, noch 3 Tage bis Weihnachten

22. Dezember, Sonntag, 4. Advent, noch 2 Tage bis Weihnachten

23. Dezember, Montag, noch 1 Tag bis Weihnachten

24. Dezember, Dienstag, Heiligabend

Frau Janatschecks Eierlikör

Danksagung

Weihnachten ist ein Fest der Freude. Leider wird dabei zu wenig gelacht!

Jean-Paul Sartre

14. Dezember, Samstag, 10 Tage und 2 lange Samstage bis Weihnachten

Christmas is all around … dudelt aus den Lautsprechern. Uff stöhne ich lautlos, als eine Kundin ihre großen Einkaufstüten auf den Tresen wuchtet.

«Als Geschenk verpackt», verlangt sie mit nervösem Zucken um den Mund.

Wäre ich von alleine nie drauf gekommen. Aber diese unhöflichen Kommandos ignoriere ich inzwischen. In den letzten Tagen vor dem größten Fest des Jahres sind die meisten Kunden im totalen Dauerstress, da verteilen sie keine netten Worte mehr, geschweige denn ein freundliches Bitte.

«Welches Papier darf’s denn sein, gnädige Frau?» Lächelnd deute ich zu den Folien-Rollen mit Weihnachtsmotiven, die an der Wand befestigt sind.

Die nerzmantelumhüllte Dame rümpft die Nase. «Wie, das ist alles?» Ihr schrill-vorwurfsvoller Ton klingt, als wollte ich ihre Präsente in die vergilbte Weihnachtsausgabe der Süddeutschen Zeitung vom letzten Jahr einwickeln und mit ordinärer Paketschnur zusammenbinden.

Aber ich muss zugeben, die Geschenkfolien-Auswahl ist in den letzten Jahren tatsächlich immer bescheidener geworden. Dunkelblau mit hellblauen Streifen. Rot mit weißen Schneeflocken. Weiß mit lustigen roten Weihnachtsmännern. Nicht hässlich. Aber banal. Absichtlich. Wie sagt der Chef immer: «Wir sind schließlich nicht die Heilsarmee, sondern ein gewinnorientiertes Unternehmen und führen ein respektables Sortiment allerfeinsten Geschenkpapiers. Zum Kaufen!» Das sollen die Kunden bitte schön erwerben und nicht Verpackungen schnorren. Der kostenlose Service war ursprünglich mal ein Angebot für Menschen, denen am 24. Dezember kurz vor Ladenschluss siedend heiß einfällt, dass Weihnachten ist und man an diesem Tag seine Lieben beschenkt. Inzwischen nutzt jeder Zweite das Geiz-ist-geil-Angebot (auch so eine Formulierung meines Chefs), kaum jemand wickelt seine Einkäufe noch selbst ein, und der Service verursacht längst zu viele Kosten. An den Samstagen packen wir hier ohnehin schon immer zu zweit und in den letzten Tagen vor Weihnachten teilweise sogar zu viert. Anders ist der Ansturm nicht zu bewältigen. Damit die vermeintlichen Schnorrer nicht überhandnehmen, wurde die Auswahl auf drei mickrige Motive nebst scheußlicher Zwirbelbänder reduziert. Dafür stecken wir Packengel jetzt in rot-grünen Kostümen und tragen rote Mützen, unter der mir heute ziemlich heiß ist.

«Haben Sie denn nicht etwas … Wie soll ich sagen …» Ihre Stimme klingt nun wesentlich freundlicher, und sie überlegt sichtlich angestrengt. «Etwas Eleganteres?», presst sie dann zwischen den pinkfarben bemalten Lippen hervor. «Man möchte schließlich ein repräsentatives Geschenk unter den Baum legen. Nicht so ein Nullachtfünfzehn-Päckchen mit Plastikbändchen. Da erkennt doch jeder gleich, woher die Verpackung stammt.»

Ach, da wäre ich nie im Leben drauf gekommen, feixe ich im Stillen und schlucke das Genörgel runter wie ein staubtrockenes Weihnachtsplätzchen vom letzten Jahr. Zu gerne würde ich entgegnen, dass es auf den Inhalt und nicht auf die Verpackung ankommt. Ihre lieblos ausgesuchten SOS-Geschenke, eine phantasielose Barbiepuppe und ein grausliches Videospiel, kann keine noch so güldene Hülle aufwerten.

Natürlich verkneife ich mir jegliche Bemerkung und sage: «Verstehe, gnädige Frau», während ich auf die große Bodenvase deute, in der wir diverse Rollen Geschenkpapier bereithalten. «Hier hätten wir einige sehr edle Papierbogen, echte Stoffbänder und diverses Dekorationsmaterial. Leider müsste ich Ihnen dafür aber etwas berechnen.»

Sie stutzt einen Moment. «Frechheit!», faucht sie dann entrüstet. «Dem Kunden auch dafür noch das Geld aus der Tasche ziehen.»

Na, die paar Euros extra werden sie wohl nicht gleich aufs Sozialamt treiben. Der Nerzmantel, die protzige Krokotasche und vor allem die schweren Goldkugeln an den Ohren verraten nur allzu deutlich, dass sie nicht im Pappkarton unter einer Brücke haust. Aber wie heißt es so schön? Von den Reichen muss man Sparen lernen!

Wortlos lächelnd, wie ich es jeden Morgen vor dem Spiegel übe, bleibe ich ruhig und schiele unauffällig auf meine Armbanduhr. Noch knapp zehn Minuten, dann ist meine heutige Packengel-Schicht zu Ende. Bis um sechzehn Uhr die Ablöse kommt, muss ich aber noch mindestens zwanzig Päckchen fabrizieren, wenn ich den nächsten vollbeladenen Kunden betrachte, der ungeduldig in der Schlange steht.

Nach kurzem Überlegen lässt Madame Nerzmantel doch eine Verpackung springen. Tannengrünes Samtpapier mit geprägten Glitzersternen, passend zum grünen Schlips, dazu eine pistaziengrüne Satinschleife, sowie das weihnachtlich duftende Bouquet aus getrockneter Orangenscheibe, Nelken und Zimtstange, umwickelt mit Messingdraht.

«Bitte sorgfältig einpacken, das ist für meinen Sohn, der gerade seine eigene Kanzlei eröffnet hat», verrät sie und blickt sich stolz um. Fehlt nur noch, dass sie Visitenkarten vom Filius verteilt. «Das Spielzeug ins Nikolauspapier. Die verwöhnten Gören reißen sowieso gleich alles auf, da ist jeder Euro zu schade.»

Das kenne ich allerdings auch. Für Jan und Eric, meine Enkel, ist Verpackung lediglich dazu da, sie als Papierball durchs Zimmer kicken zu können. Und die Oma kickt fröhlich mit, was wiederum ihre Mutter, meine Tochter Katja nervt, die es auch nicht leiden kann, wenn ich die Doppelnamen unterschlage. Aber Jungs im Kindergartenalter Jan-Georg und Eric-Anton zu rufen, finde ich einfach zu albern.

«Wie lange dauert das denn hier noch? Egal, wo man hinschaut, unfähiges Personal. Servicewüste Deutschland!» Der junge Mann im tannengrünen Lodenmantel wird ungeduldig. Er gehört in die Schublade «bayrischer Schnösel», ist vermutlich Besitzer einer noblen Skihütte im österreichischen Kitzbühel, in die er an den Wochenenden mit seinem BMW düst. Er hält zwei große, prall gefüllte Tüten unseres Hauses in den Händen, die er nun leicht anhebt, um mir zu signalisieren, warum er hier ist. Als würde irgendjemand hier nur zum Spaß in der Schlange rumstehen.

Madame Nerzmantel dreht sich um. «Wenn S’ drängeln, geht’s auch nicht schneller», schnauzt sie ungnädig.

In der Schlange bei der Kollegin kichert ein junges Pärchen mit gleichfarbigen Strickmützen: «Eilt doch nicht. Weihnachten ist erst in zehn Tagen.»

«Genau!», bestätigt Madame Nerz und schnappt sich ihre fertig eingepackten Geschenke, ohne sich zu bedanken. Für sie bin ich nur Personal – das vom Kaufhaus bezahlt wird.

«Frohes Fest», wünsche ich ihr noch, aber das nimmt sie schon nicht mehr zur Kenntnis. Begleitet von einer rockigen Jingle-Bells-Version aus dem Hintergrund stöckelt sie davon.

Noch bevor ich die Verpackungsreste wegräumen kann, knallt der Jungschnösel seine Tüten auf den Tresen. «Ich hab’s eilig!»

Gut, dass er es erwähnt, ich hätte mir sonst eingebildet, wir trinken vorher ein Tässchen Glühwein zusammen und philosophieren über Sinn und Zweck von Verpackungen.

Stumm nickend reiße ich die von ihm ausgewählten Folien ab, verpacke gewissenhaft seine Geschenke und ziehe dann das Kräuselband über die Schere.

Dreißig Minuten später kann ich mir endlich die dämliche Mütze mit den Blinksternchen vom Kopf reißen. Den Blick in den Spiegel der Personalgarderobe vermeide ich. Dass mein kinnlanges braunes Haar scheußlich angeklatscht am Kopf liegt, weiß ich ohnehin. Es lässt mich diesen befreienden Moment aber trotzdem genießen.

Auf der Straße atme ich tief durch, sauge gierig die kalte Winterluft ein und blicke versonnen den weißen Atemwölkchen nach. Endlich Frischluft. Würde mich nicht wundern, wenn ich demnächst graue Wölkchen ausatme. Auf Dauer kann die von der Klimaanlage umgewälzte Luft nicht gesund sein, mal abgesehen davon, dass der Kaufhausmief, das ständige Weihnachtsgedudel und die gestressten Kunden meinen Job nicht gerade zu Wellnesstagen machen. Aber was tut man nicht alles für seine Lieben. Für meine lieben Enkelsöhne, um genau zu sein. Normalerweise komme ich mit der Witwenrente gut über die Runden. Ich kann sogar ein paar Euros zur Seite legen. Für den alljährlichen Weihnachtsgeschenke-Tsunami muss ich aber etwas dazuverdienen. Ich persönlich könnte auf das ganze Brimborium gut verzichten. Am meisten auf die zwei Millionen Knödel-Gänsebraten-Kalorien, die dann bis zum Muttertag auf meinen Hüften sitzen. Allein Jan und Erics wegen beteilige ich mich an dem Weihnachtswirbel und freue mich an ihren strahlenden Kinderaugen.

 

Mein Heimweg führt über den großen Weihnachtsmarkt am Marienplatz, der an den Samstagen noch voller ist als unter der Woche. Wer keine Angst vor dichtem Gedränge, hektischem Geschiebe oder gar Taschendieben hat und das eigenwillige Duftgemisch aus Bratwurst-Glühwein-Lebkuchen köstlich findet, der wird sich hier wie im Paradies fühlen.

Um den appetitanregenden Gerüchen zu entkommen, schlängle ich mich möglichst schnell durch die Menschenmassen Richtung Sendlinger Tor. Im Blumenladen, Ecke Stephansplatz, wartet das bestellte Grabgesteck für meinen verstorbenen Mann. Ein teurer Luxus, aber morgen ist Hermanns Geburtstag, und ich möchte seine letzte Ruhestätte festlich schmücken.

Als ich in die Pestalozzistraße einbiege, freue ich mich auf mein Appartement. Zimmer mit Schlafnische, eine in den Wohnraum integrierte offene Küche und ein Minibad, das zumindest über eine Badewanne verfügt. In dem winzigen Flur kann ich bei ausgestreckten Armen links und rechts die Wände berühren. Verglichen mit der großzügigen Vierzimmerwohnung, in der wir über fünfundzwanzig Jahre als Familie gelebt haben und täglich in der großen Wohnküche saßen, gleicht meine jetzige Behausung einer Schuhschachtel. Aber sie liegt zumindest im selben Haus.

Kurz nachdem ich Witwe geworden war, konnte ich unsere Wohnung in der ersten Etage mit einem frisch verheirateten Paar gegen deren gemütliches Appartement unterm Dach tauschen. Inzwischen haben die beiden ein kleines Mädchen, das zweite Baby ist unterwegs. Für mich alleine genügen die zweiundvierzig Quadratmeter vollkommen. Nur wenn mich meine lebhaften Enkel besuchen, bricht regelmäßig das Chaos aus.

Heute ist es mal wieder so weit. Jan und Eric bleiben sogar über Nacht. Ich freue mich sehr auf die Racker. Auch auf das geplante Plätzchenbacken morgen, um das Katja mich gebeten hat. Sie selbst ist beruflich zu sehr eingespannt und kommt einfach nicht dazu. Aber es ist ihr wichtig, dass die beiden möglichst viele Weihnachtsrituale mitbekommen. Und für mich gehört die Weihnachtsbäckerei zu den schönsten Bräuchen.

Zu Hause angekommen verstaue ich das Grabgesteck zur Sicherheit auf dem Kleiderschrank. Da reichen die Jungs garantiert nicht ran. Anschließend schlüpfe ich in eine graue Jogginghose plus hellblauen Pulli und setze Teewasser auf. Mit dem herrlich duftenden Tee auf dem Tablett begebe ich mich zur Sitzecke und lasse mich aufatmend auf die Schlafcouch fallen, wo ich heute auch nächtigen werde. Eigentlich wollte ich noch den hellen Teppich wegräumen, den ich erst vor kurzem angeschafft habe. Doch ich bin einfach zu erschöpft. Nur fünf Minuten die müden Beine ausstrecken, bis morgen Vormittag werde ich kaum mehr dazu kommen. Der Teppich wird das Wochenende schon heil überstehen.

Die zweite Tasse Tee ist noch halb voll, da schrillt die Türklingel derart fordernd, als stünde irgendwo im Haus ein Adventskranz in Flammen. Ich haste durch den Flur und höre Katjas mahnende Stimme durch die Tür: «Es reicht, Jan-Georg. Schluss damit, Eric-Anton, die Oma kriegt noch einen Herzkasper.»

Als ich öffne, stürmen die Jungs mit fröhlichem Gekicher auf mich zu.

Der dreijährige Eric sieht mich mit fragenden Augen an. «Oma, wie lange dauern zehn Tage?»

«Mal überlegen», sage ich ausweichend.

«Macht nix, Oma», beruhigt er mich. «Ich weiß es auch nicht. Aba die Mama hat gesagt, noch zehn Mal schlafen, dann bringt das Christkind gaaanz viele Geschenke …» Sein kleines Gesicht leuchtet vor Freude.

«Der Weihnachtsmann bringt viiiel schönere Sachen, du Baby», entgegnet der zwei Jahre ältere Jan, der durch den Wachstumsschub im Sommer sichtlich schulreif geworden ist.

«Hallo, Mama.» Katja begrüßt mich mit einem flüchtigen Kuss auf die Wange. «Kinder, Schuhe aus, Jacken, Mützen, Schals … Los, trödelt nicht rum … flotti Karotti …»

Kichernd reißen die beiden sich die buntgemusterten Strickmützen von den Köpfen, pfeffern sie samt den Schals in die Ecke, lassen ihre dunkelblauen Anoraks fallen und setzen sich zum Schuheausziehen auf den Fußboden. Katja behält ihren grauen Mohairmantel, den lila Schal und die grau-lila Strickkappe auf den blonden Haaren, als wäre sie lediglich der Kinderlieferservice.

«Und du?», frage ich meine Tochter, die mit Schatten unter den Augen ziemlich gehetzt aussieht. «Willst du eine Tasse Tee mit mir trinken?»

«Liebend gerne, Mama, aber ich muss leider gleich wieder los», seufzt sie. «Bernd hat …»

«Ich will aber bei der Oma bleiben», schreit Jan trotzig dazwischen und saust auf Socken ins Zimmer, als wolle er sich vor seiner Mutter verstecken.

«Ich auhauch», ruft der kleine Eric und läuft ihm nach.

«Schon gut, ihr bleibt ja hier», beruhigt Katja sie und stellt den Rucksack ab. «Da sind Zahnbürsten, Schlafanzüge, die Stoppersocken und zwei alte Herrenhemden fürs Plätzchenbacken drin. Ich düse gleich wieder los. Katastrophen-Notdienst.»

«Was ist denn los?», frage ich.

Sie zieht eine Grimasse. «Mein geliebter Gatte hat den falschen Christbaum gekauft», zischt sie leise, damit es ihre Söhne nicht hören.

Oh, oh, dicke Luft, und das bereits zwei Wochen vor dem Fest. Na, super. Meine tatkräftige Tochter kann sehr ungemütlich werden, wenn irgendwas nicht nach Plan läuft. Vor allem, wenn Bernd querschießt. Katja wusste schon als Teenager, wie ihr Leben verlaufen würde, wann sie heiraten und wie viele Kinder sie haben wollte. Aber wieso ein Baum falsch sein kann, verstehe ich nicht.

«Falscher Baum?»

«Er hat die hässlichste Tanne der Welt angeschleppt», erklärt sie mit zornblitzenden Augen. «Jan-Georg, Eric-Anton, setzt euch nicht so dicht ran», ruft sie durch die Tür zum Wohnraum, wo die Jungs den Fernseher eingeschaltet haben.

«Wie, hässlich?», wiederhole ich irritiert. Schließlich sehen die gezüchteten Bäume bis auf die Größe alle ziemlich gleich aus.

Katja dreht sich wieder zu mir. «Na ja, es ist einer von diesen scheußlichen Allerweltsbäumen. Obwohl ich ihm genau erklärt habe, dass es eine Coloradotanne sein muss und wo er sie bekommt. Angeblich waren sie ausverkauft. Völliger Quatsch.» Sie tippt sich an die Stirn. «Zwei Wochen vor Weihnachten. Jetzt muss ich selber los. Dieses grässliche Gewächs werde ich auf den Müll befördern.» Sie wendet sich zum Gehen. «Noch was, Mama … Ich wollte dich bitten, sparsam mit Zuckerguss und Farbstoffperlen umzugehen. Ich war neulich mit den Jungs beim Zahnarzt, er war nicht begeistert. Milchzähne sollten kariesfrei sein, hat er mir erklärt, sie seien der Grundstock fürs spätere Gebiss.»

«Dann verstecke ich die Zuckerperlen am besten sofort. Oder hast du erst gar keine gekauft?»

«Ähm … also der Einkauf …», stammelt sie mit betretener Miene. «Ich muss doch jetzt den Baum besorgen und noch die Geschenke für die Nachbarn und einen Kuchen für den Kiga backen und … Danke, dass du die Jungs nimmst. Du bist die Beste.» Sie küsst mich auf die Wange und greift nach der Klinke. «Jetzt muss ich aber los.»

«Ach Katja, laste dir doch nicht immer so viel Arbeit auf. Eigentlich kommt es doch nur darauf an, dass wir Weihnachten gemütlich zusammensitzen und …»

«Apropos zusammensitzen», unterbricht sie mich hektisch. «Hat Madeleine dich schon angerufen?»

«Nicht in den letzten Tagen. Hat sie den neuen Job schon wieder verloren?», erkundige ich mich besorgt nach meiner Zweitgeborenen.

«Im Gegenteil!», schnaubt Katja. «Ihr Chef will sie mit in die Karibik nehmen, wo er irgendwelche Rituale fotografieren will.»

«Das ist doch wunderbar!» Ich freue mich für meine Kleine, die ein Praktikum bei einem renommierten Werbefotografen absolviert, der viel in der Weltgeschichte rumreist.

«Aber doch nicht ausgerechnet über Weihnachten!» Katja ist sichtlich aufgebracht. «Wer macht denn so was? Ein selbstsüchtiges Biest ist sie. Will unser Familienfest boykottieren. Papa hätte das niemals gutgeheißen. Da bin ich mir ganz sicher.»

Seit ihr Vater gestorben ist, fühlt sich Katja als älteste Tochter verpflichtet, die Familie an Weihnachten zusammenzuhalten. Einerseits finde ich das wirklich schön, und es rührt mich zutiefst, aber es darf nicht in Stress ausarten. Schließlich hat sie mit ihrem anstrengenden Beruf als Simultandolmetscherin und den zwei lebhaften Kindern genug am Hals.

Im Zimmer höre ich das Telefon klingeln.

«Omaaa … Teflon … Teflon», ruft Eric und stürmt einen Moment später zu uns in den Flur. «Tante Leni is dran, sie will aba nua mit dia reden.» Er hält mir das Mobilteil vor die Nase.

Katja verabschiedet sich noch einmal von den Jungs und strubbelt liebevoll durch die aschblonden Köpfe. «Benehmt euch anständig, ärgert die Oma nicht und macht nichts kaputt.» Mir winkt sie beiläufig zu. «Die sollen ihre Stoppersocken anziehen, auf dem Laminatboden ist es gefährlich glatt.» Und schon ist sie verschwunden.

«Alles wird gut!», rufe ich ihr nach.

«Hallooo … Mamilein», begrüßt mich Madeleine fröhlich.

«Grüß dich, Leni», sage ich. «Na, schon aufgeregt?»

Sie lacht. «Ah, die alte Petze hat mal wieder alles ausgeplaudert. Ich hab sie gerade gehört.»

«Es ist nicht nett, seine Schwester Petze zu nennen.»

«Ist doch wahr. Ich wollte dir die tolle Neuigkeit lieber selber erzählen, und jetzt hat die doofe Kuh die Überraschung verdorben», entgegnet Madeleine und sprudelt aufgeregt weiter. «Eigentlich hätte Mikes Assistent mitfahren sollen. Aber der liegt in der Klinik mit einem Blinddarmdurchbruch, und wenn er rauskommt, darf er nichts Schweres tragen. Und die Kamerataschen sind definitiv schwer, deshalb hat Mike mich gefragt, ob ich mitkommen möchte. Stell dir vor Mami, Karibik, da wollte ich immer schon mal hin.»

«Ich freue mich für dich, Kind. Sehen wir uns vorher noch mal, damit ich dir dein Weihnachtsgeschenk überreichen kann, oder sitzt du bereits auf gepackten Koffern?»

«Also … ähm … Ich wollte etwas mit dir besprechen», haspelt sie unsicher.

«Omaaaaa … Omaaaaa …»

«Nun sag schon, Leni, Jan und Eric sind hier und wollen beschäftigt werden … Hast du keinen Koffer oder nichts anzuziehen?»

«Klamotten besitze ich reichlich, Mamilein», antwortet sie kichernd. «Auch einen Koffer …»

«Ooomaaa … Ooomaaa …»

«Die Kinder werden ungeduldig», drängle ich Madeleine. «Hast du vielleicht morgen Zeit, um mit uns Plätzchen zu backen? Dann können wir nebenbei reden.»

«Okay, das ist ne super Idee … Dann bis morgen, Mamilein», antwortet sie fröhlich.

Beim Auflegen wird mir klar, dass ich vielleicht erst einmal nachschauen sollte, was Küche und Kühlschrank in Sachen Zutaten so zu bieten haben.

Eier. Zwei, um genau zu sein. Ein kleines Stück Butter und einen Rest Mehl finde ich auch. Davon kann ich höchstens ein paar Pfannkuchen backen und das auch nur mit Wasser. Für zwei oder drei Sorten Weihnachtsplätzchen reicht das hinten und vorne nicht. Ich brauche Nüsse, ein Pfund Butter, reichlich Eier, Puderzucker, Zitronen, Schokolade und ein paar von den Zuckerperlen. Ganz verboten hat die gestrenge Mama sie ja nicht.

Ich begebe mich zu den Kindern, die mit gekreuzten Beinen vor dem Fernseher sitzen, wo sie auf dem Kinderkanal einen Zeichentrickfilm ansehen. «Hört mal, ihr Lausbuben …», beginne ich und werde von heftigem Lachen unterbrochen.

Sie amüsieren sich jedes Mal köstlich über diesen altmodischen Ausdruck, deuten mit Fingern aufeinander und kichern: «Du bist eine Lauuuhaus … selber Lauuuhaus …», quietschen sie, lassen sich auf den Rücken fallen und strampeln vergnügt mit den Beinen. «Lauuuhaus … Lauuuhaus …»

«So, ihr Läuse», unterbreche ich den Spaß. «Wer will morgen Plätzchen backen?»

Sie springen hoch wie Pingpong-Bälle. «Ich, ich, ich …»

«Gut, dann zieht euch an, wir müssen in den Supermarkt und die Zutaten besorgen.»

Sie stürmen mit Gebrüll in den Flur, Eric kriegt die Kurve nicht, rutscht aus und schlägt sich den Kopf am Türrahmen an. Ich bin sofort bei ihm. Eine Schrecksekunde lang blickt er aus großen Augen zu mir auf. Dann holt er Luft und fängt so laut zu brüllen an, dass ich Angst bekomme.

«Eric, wo tut es weh?» Ich sehe mich schon den Abend in der Notaufnahme verbringen, wo ich mir glaubwürdige Ausflüchte überlege, warum die Kinder ihre Stoppersocken nicht anhatten.

Aber einen Atemzug später ist alles wieder gut.

Er reibt sich über dem Ohr am Kopf. «Tut … nix … weh», antwortet er dann zwischen Luftholen und Tränenwegwischen. «Indianer hat nie Schmerz.»

Blut fließt zum Glück keines, und wenn es einen blauen Fleck geben sollte, dann in den Haaren, wo es Katja nicht sehen kann. Was für eine Erleichterung. Dann mal weiter im Programm.

Bis die zwei auf der Toilette waren, angezogen sind und wir loskönnen, vergehen weitere fünfzehn Minuten.

Kaum treten wir aus dem Haus, beginnt es zu regnen. Es war die letzten Tage und Nächte sehr kalt, die Nässe könnte schnell gefrieren. Besorgt fasse ich meine Enkel bei den Händen und sage streng: «Wer mich loslässt, bekommt weder vom Christkind noch vom Weihnachtsmann ein Geschenk.»

«Ich hab aber mit dem Papa ein Emil an Santa Claus geschrieben, und der hat zurückgeschrieben, dass ich alles kriege, weil ich so brav bin», grinst Jan frech.

«Ich bin viel mehr brav», behauptet Eric.

«Und ich habe die ganz, ganz geheime Geheim-Handynummer vom Oberelfenkönig, der die große Himmels-Spielzeugwerkstatt leitet», entgegne ich mit fester Stimme.

Ungläubig sehen beide zu mir auf. «Echt?»

«Ganz in echt. Die geheime Geheimnummer bekommen nämlich nur Omas», erkläre ich, ein Grinsen unterdrückend.

Ach ja, seufze ich still in mich hinein, wenn meine Enkel nicht wären, würde ich tatsächlich gerne auf den ganzen Weihnachtszauber verzichten. Wie schön wäre es, an Heiligabend nach Arbeitsschluss ins nächste Flugzeug zu steigen und wie Madeleine einfach zu verschwinden. Irgendwohin, wo statt Tannen vielleicht Palmen mit Kugeln behängt werden, wo Weihnachtsmänner nicht Schlitten, sondern Wasserski fahren. Wo ich mich nicht mit schwerem Gänsebraten vollstopfen müsste, sondern stattdessen kühle Fruchtcocktails schlürfen könnte. Das wäre sicher erholsamer als ein deutsches Weihnachtsfest. Obwohl, was sollte ich alleine unter einer geschmückten Palme? Und es macht auch keinen Spaß, mit niemandem darüber lachen zu können, wenn der Weihnachtsmann ins Wasser fällt.

15. Dezember, Sonntagvormittag, 3. Advent, noch 9 Tage!

«Wenn Omaaa die Augen zuhat, dann schläft sie», höre ich Eric zischeln.

«Oder sie ist tot, wie der Opa», überlegt Jan. «Und wer tot ist, kriegt Blumen … Auf dem Schrank ist so ein Kranz, wie der Opa immer auf dem Grab hat … Ich kann ihn mit dem Stuhl runterholen … Den legen wir ihr dann aufs Bett …»

Abrupt fahre ich hoch: «Untersteht euch, ihr Lausejungs.»

Kichernd rennen die beiden Schlafanzug-Helden davon. Ich schmunzle vor mich hin. Tot wie der Opa, auf was für Ideen Kinder kommen!

«Ooomaaa, baaacken …», brüllt Jan auch schon und öffnet den Backofen.

Etwas übermüdet nach dem gestrigen Lesemarathon vor dem Zubettgehen und den Vorbereitungen des Teiges strecke ich mich ausgiebig. «Wir frühstücken erst noch, danach geht’s los», antworte ich, während ich mich von der Schlafcouch erhebe.

Im Morgenmantel schlurfe ich in die Miniküche, wo sich die Jungs inzwischen am offenen Kühlschrank zu schaffen machen. Der kleine reicht dem großen Bruder Milch, Butterdose und Eier. Da sie öfter an den Wochenenden hier übernachten, wissen sie natürlich, wo sie was finden, und dass ich nicht wie sie Haferflocken in Kakaomilch löffle, sondern zwei weiche Eier verzehre.

Mit vereinten Kräften räumen wir noch das Bettzeug weg, schieben die Schlafcouch zusammen und begeben uns danach ins Bad. Als wir am gedeckten Couchtisch sitzen, stelle ich beruhigt fest, dass bis hierhin alles unfallfrei verlaufen und mein Teppich fleckenfrei geblieben ist.

Im Radio läuft Weihnachtsmusik, die dritte Kerze am Adventskranz brennt in sicherer Entfernung auf der Kommode, und meine Enkel essen erstaunlich manierlich. Ich setze gerade das Messer an, um das erste Ei zu köpfen, als es an der Tür klingelt.

«Tante Leni!», ruft Jan.

«Ja, das wird Madeleine sein. Ihr dürft öffnen», erlaube ich. Sie warten schon sehnlichst auf ihre Tante, die wie eine große Schwester für sie ist.

«Leni! Leni!», schreit nun auch Eric.

Ich will noch zur Vorsicht mahnen, aber da springt der kleine bereits hoch, und auch der große Bruder bleibt nicht sitzen. Kein Wunder, dass er in der Hektik die Haferflocken-Schüssel umschubst. Als sich die schokoladigen Flocken über den hellen Teppich ergießen, klingt es passenderweise aus dem Radio: «Schneeflöckchen, Weißröckchen». Hektisch versuche ich, das Malheur mit den Servietten zu beseitigen, als die Kinder mit langen Gesichtern zurückkommen.

«Uiii», staunt Eric und schubst seinen Bruder an. «Guck mal, was die Oma gemacht hat.»

«Wer war denn an der Tür?», frage ich, während ich erfolglos weiterschrubbe.

«Bloß eine Frau», murrt Eric.

«Die will Zucker», erklärt Jan.

«Kommen Sie doch rein», rufe ich über die Schulter, weil ich ahne, wer es ist.

«Na, servus, wie is denn das passiert?», höre ich gleich darauf Frau Janatscheck, meine österreichische Nachbarin aus der zweiten Etage, fragen.

«Die Oma hat eine Schweinsauerei gemacht!», sagt Eric mit bekümmerter Miene.

Sie wirft mir einen amüsierten Blick zu. «Wenn’s Rotwein wär, tät’s mit Weißwein rausgehn», flachst sie.

Jan zupft sie an ihrer mit Mehl und Butterflecken verzierten weißen Schürze. «Kinder dürfen keinen Wein trinken, das musst du doch wissen.»

Lachend fährt sie ihm durchs Haar. «Hast ja recht, Schneckerl! Probieren S’ mal Backpulver», wendet sie sich wieder an mich. «Dick bestreuen, eine Nacht einwirken lassen und dann mit dem Staubsauger drüber.»

Ich bedanke mich für den praktischen Tipp und frage, was ich für sie tun könne.

«Ein Packerl Staubzucker wollt ich ausleihen, falls S’ eins übrig hättn. Grad, wie ich nämlich einen Zitronenguss für die Butterplatzerl anrührn möcht, merke ich, dass zu wenig im Haus ist. Allerweil vergess ich was, vermaledeiter Weihnachtsstress!», stöhnt sie.

Hab ich’s doch gewusst. Alle Jahre wieder. Seit fünfzehn Jahren. «Mit Puderzucker kann ich aushelfen», antworte ich und erhebe mich ächzend. Gut, dass ich gestern ein Extrapäckchen mitgenommen habe.

«Die Mama hat auch ein so viiiel Arbeit, weil … weil …» Eric verzieht sein kleines Gesicht. «Weil sie eine Colortanne sucht.»

«Ach ja, die stade Zeit», sinniert Frau Janatscheck. «Aber bei Ihnen ist es schön ruhig.»

Ich überreiche ihr den Zucker. «Noch», flüstere ich. «Wenn wir nachher Plätzchen ausstechen …» Den Rest lasse ich ungesagt. Sie versteht mich auch so.

«Dann viel Spaß», wünscht sie im Hinausgehen. «Und dank schön für den Zucker. Ich bring ihn morgen zurück. Baba.»

Na, da bin ich mal gespannt, ob sie dieses Jahr ihr Versprechen einhält. Vielleicht bringt sie auch gleich die anderen vierzehn Päckchen mit, die sie mir noch schuldet.

«Was ist daaahann, wenn wir Plätzchen stechen?», will Eric wissen, der die kurze Unterhaltung doch verstanden hat.

«Ähm … dann singen wir Weihnachtslieder und haben gaaanz viel Spaß», improvisiere ich. «Aber jetzt kippen wir erst mal Backpulver auf den Teppich. So viel wie möglich. Vielleicht hat die Frau Janatscheck recht, und der Fleck verschwindet wie durch Zauberei.»

Während die Jungs ein Backpulvertütchen nach dem anderen aufreißen, fragt Eric: «Bekommst du jetzt kein Geschenk vom Weihnachtsmann, weil du so eine Schweinsauerei gemacht hast?»

Ich muss mir ein Lachen verkneifen. «Ach weißt du, der Weihnachtsmann hat sooo viel Arbeit, dass er vielleicht nicht gesehen hat, wie die Flocken auf den Teppich gekippt sind.»

«Aba, wenn du doch nix kriegst, musst du nicht traurig sein, Oma», fährt er fort. «Du darfst mit allen meinen Sachen spielen. Gaaanz lang.»

«Das ist lieb von dir, vielen Dank, mein Schatz.» Ich nehme ihn in den Arm und drücke ihn fest an mich. «Was hast du dir denn gewünscht?», frage ich, obwohl er es mir natürlich längst verraten hat.

«Ein Schwert und eine Ritterrüstung und ein Cowboyhut und noch ein Revolver und eine Drachenburg», zählt er mit großen Augen auf.

«Prima, dann könnten wir Burgfräulein und Ritter spielen.»

«Ich hab mir einen neuen Fußball gewünscht», stimmt Jan in die Aufzählung ein. «Und eine Kakaotasse mit Unterschrift von Thomas Müller und eine Kuscheldecke mit Bayern-Logo und …»

Die Türklingel unterbricht ihn.

Sofort rennen die Jungs mit Gebrüll an die Tür. «Tante Leni! Tante Leni!»

Diesmal ist es tatsächlich meine Tochter.

«Na ihr Helden, was geht ab?», höre ich sie im Flur. «Ärgert ihr die Oma oder seid ihr lieb?»

«Die Oma hat eine Schweinsauerei gemacht», informiert Jan seine Tante.

Als Madeleine auf Strümpfen das Zimmer betritt und mich kniend sieht, lacht sie: «Na so was, die Oma wird doch nicht alt und tatterig werden?»

«Sieht ganz so aus.» Seufzend rapple ich mich hoch. «Heute Morgen wollten mir die Lausejungs schon den Kranz aufs Bett legen», sage ich und liefere einen kurzen Bericht unseres Vormittags, zu dem die beiden Racker ausdauernd kichern. «Aber lass dich erst mal ansehen.»

Madeleines kältegerötetes Gesicht ist noch gebräunt von der letzten Reise und das lange dunkle Haar zu einem schlampigen Dutt gedreht. Sie trägt verwaschene Jeans, dazu einen kunterbunten Pulli und um den Hals einen dicken Schal.

«Wird der nicht beim Backen stören?», sage ich mit Blick auf das Strickgewirr.

«Seit wann brauche ich meinen Hals dazu?», stellt sie lachend die Gegenfrage und setzt sich dann mit den Kindern aufs Sofa. «Was wollt ihr zuerst backen? Herzen, Sterne oder lieber Engel?»

Die zwei ziehen einen Flunsch. «Oooch … Engel und Herzen sind doof …», sagt Eric.

«Alles Mädchenkram», findet Jan. «Voll, voll doof.»

Madeleine angelt eine Tüte aus ihrer gelbgrünen Collegetasche, die sie neben der Couch hat fallen gelassen. «Wie würde es euch gefallen, wenn wir Drachen, Lokomotiven oder Piratenschiffe ausstechen?»

«Jaaaaa!» Begeistert stürzen sie sich auf das Mitbringsel.

Die Packung enthält tatsächlich die angekündigten Formen. Und noch eine Fledermaus, eine Eule und ein Schwert.

«Das ist mein Nikolausgeschenk für euch, weil ich letzte Woche nicht da sein konnte», erklärt sie.

Aber das interessiert die zwei überhaupt nicht mehr. Sie schnappen sich die Ausstecher, wollen Piratenschiffe backen, und zwar sofort.

«Ich muss erst den Tisch abräumen, dann geht’s los.»

Madeleine hilft den Jungs in die abgelegten Hemden ihres Vaters, knöpft rückwärts zu und krempelt die Ärmel hoch. «Und wie geht’s jetzt weiter?», fragt sie, ihre Pulloverärmel hochschiebend.

«Teig ausrollen!» Jan dreht sich mit ausgebreiteten Armen im Kreis. «Ich bin ein Engel.»

«Und wir wollen ein Weihnachtslied singen», erklärt Eric. «Hat die Oma gesagt …»

Madeleine lässt sich aufs Sofa plumpsen. «Gut, dann sing mir mal was Schönes vor.»

Eric baut sich vor ihr auf, holt tief Luft und beginnt mit groß aufgerissenen Augen: «Alle Jahre wiiiedher brennt deeeher Weihnachtsbaum …»

«Ich kann auch eins», unterbricht Jan seinen Bruder. «Kling Glöckchen, klingelingeling, lasset rein den Wiiinter, ist arschkalt ihr Kiiinder …», kräht er aus voller Brust.

Madeleine kugelt sich vor Lachen.

Ich bin einfach nur hingerissen von meinen zwei kleinen Engeln ohne Flügel. Gerührt tupfe ich mir Tränen aus den Augenwinkeln. Das sind die Momente, in denen ich die Weihnachtszeit durchaus genieße. «Wer hat euch denn die lustigen Lieder beigebracht?», frage ich.

Erics Version stammt aus dem Kindergarten. Jan erzählt von einem älteren Spielkameraden, der es auf dem Schulhof kreiert hat.

«Oma muss auch was singen», fordert Eric jetzt.

«Na gut … Lass mich mal überlegen … Oh, ich weiß …» Grinsend klatsche ich den Takt. «Ihr Kinderlein kommet, oh kommet doch all …» Nach einer kleinen Pause wechsle ich in einen Sprechgesang: «… in die Küche zum Teigausrollen!»

Dazu muss ich die Sängerknaben nicht zweimal auffordern. Unter dem Schlachtruf: «Baaackeeen!!!» stürmen sie los.

«Habt ihr schon eure Wunschzettel ans Christkind geschrieben?», fragt Madeleine, während sie ein Stück vom Teig abschneidet.

Jan und Eric haben die Frage nicht gehört, denn sie streiten sich um das kleine Kinder-Nudelholz.

Jan gewinnt, doch Eric entwickelt in seinem Frust übermächtige Kräfte, reißt es ihm aus der Hand und streift seinen Bruder dabei übers Gesicht.

«Aua!», schreit Jan auf, hustet, fasst sich an den Mund und spuckt in seine Hand: «Bluuuhut!»

Eine Sekunde lang glaube ich, mein Herzschlag setzt aus. Gestern Erics Ausrutscher auf dem glatten Boden, heute Jans Verletzung in der Küche.

Madeleine bleibt ruhig. «Ach was, ist bestimmt nur ein Kratzer. Lass mal sehen», sagt sie.

Jan hält ihr die offene Hand hin, in der zwischen ein paar Blutspuren etwas Weißes glänzt. «Das … hab … ich … ausgespuckt!», stammelt er schniefend.

«Ein Zahn!» Madeleine klatscht in die Hände.

«Lach mal», sage ich.

Unsicher grinst Jan uns an. «Der war sson locker.»

Der erste Schneidezahn ist rausgefallen!

Madeleine säubert das Zähnchen unter fließendem Wasser, verpackt es in ein Papiertaschentuch und bindet eine rote Schleife drum. «Das legst du zu Hause für die Zahnfee unters Kopfkissen», erklärt sie.

Jan nickt glücklich. «Ich weiß sson, dann legt die Fee mir ein Geld dafür hin.»

Madeleine und ich sehen uns an und müssen lachen. Nach diesem Schreck benötige ich erst mal einen starken Kaffee. Madeleine möchte Milchkaffee und die Jungs Kakao.

Während ich die Getränke zubereite, schafft Madeleine es tatsächlich, die erste Lage Teig auszurollen, ohne weitere Zwischenfälle.

«Kennt ihr auch schon ein Weihnachtsgedicht?», fragt sie ihre Neffen und beginnt zu rezitieren: «Ich wünsche mir ein Haus aus Marzipan, mit Nüssen und Rosinen dran.»

«Und Schokolade!», schreit Eric.

«Mit einem Pool aus Milch und Honig», fabuliert Madeleine weiter.

«Und Ssokolade!», schreit jetzt Jan.

«Na gut, und einem Teich aus Schokoladenmilch», dichtet die Tante, während die Jungs ihre Ausstecher in den Teig drücken.

Schließlich wandern die ersten Piratenschiffe, die unverzichtbaren Schwerter und ein paar Eulen in den Ofen. Konzentriert füllen wir zusammen ein Blech nach dem anderen, und ich bin angenehm überrascht, dass nichts weiter schiefgeht.