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Mircea ist eines von vielen Kindern in einem Waisenhaus in der Sowjetunion. Die Herkunft des kleinen Jungen ist unklar. Nur sein Vorname scheint gewiss, denn diesen trägt er als Tätowierung auf seinem Unterarm. Als eines Tages ein Mann namens Mihai Ulmu auf der Bildfläche erscheint und behauptet, Mirceas leiblicher Vater zu sein, beginnt für den Leser eine Reise in die Tiefen der bessarabischen Historie (heute Republik Moldau), verbunden mit der Sowjetunion am 28. Juni 1940. Nicolae Dabijas Roman "Die Hausaufgabe" ist ein literarischer Geniestreich. Fesselnd, ergreifend und authentisch schafft er es, durch die Beschreibung eines ganz besonderen Liebespaares die Geschichte einer ganzen Kriegsgeneration zu erzählen.
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Seitenzahl: 492
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Der bessarabischen Intelligenz aller Zeiten gewidmet.
Vorwort
Das Waisenhaus
Das Getreidefeld
Die Literaturstunde
Der Lehrer Mihai Ulmu
Das erste Verhör
Auf dem Weg in den Fernen Osten
Maria Reseschu
Der erste Tag im Lager
Mendelstam
Oberst Kudreawzew
Sarjanka
Geburtstag im Gulag
Maria gelangt nach Sarjanka
Das Geschenk
Auf dem Berg Alalai
Der erste Kuss
Hochzeit in der Taiga
Einsamkeit zu zweit
Der Alte Mazai
Durchs Kolymagebirge
Der siebente Tag
Das Verhör
Maria im Lager
Liebe hinter Gittern (Maria)
In Handschellen liebend (Mihai)
Gehasst für die Liebe
Liebe, die aufersteht
Der „Philosophenkreis“
Lagerwelt
Schicksale
Hritzko
„Seine Majestät“
Dresda
Schagow
Huditsch
Galin
Nekrasow
Stephan
Lott
Die Flucht des Gelehrten Sorokin
Menschen und Hunde
Vera
Der zweite Ausbruch
Gesang des Auerhahns
Die Geburt
Gefangen
Aufs Neue eingekerkert
Politische Seminare
Die Post
Tätowierungen
Liebesbriefe
Apokalyptische Schneefälle
Auf der Krankenstube
Typhus in Jasnoje
Die Auferstehung
Schorsch Odessa
Pfarrer Ioan
Das Gebet
Die Zigaretten Gottes
Die Beichte des Pfarrers Ioan
Winter in Kolyma
K0-666
Baro
Von Beruf Henker
Der letzte Sprecher der jugrischen Sprache
Der Ameisenhirt
Der erste Tag in Freiheit
Das Frauengefängnis
In Nadretschnoje
Tschüs, Sarjanka!
Die Heimfahrt
Am Institut für Linguistik
Es ist Zeit für alles
Die Hausaufgabe
Im Sommer des Jahres 2007 bin ich gestorben. Es war der Monat, in dem ich 59 Jahre alt geworden bin. Unweit des Klosters Ţipova, das oberhalb des Nistrus liegt, war ich von einem Felsvorsprung gestürzt. Und damals, in jenen Momenten zwischen Leben und Tod, oder genauer: zwischen dem Tod und dem Leben, hat man mir dieses Buch gezeigt: Zunächst habe ich es – als Ganzes! – in einigen Sekundenbruchteilen erblickt, dann, so wie die Zeit verging, erschloss es sich mir Seite um Seite, Satz für Satz, Wort für Wort in seinen gesamten Ausmaßen.
In jenen Augenblicken sah ich vom Grunde der Felsschlucht aus und wie im Strahle eines Scheinwerfers einige Männer, Frauen und Kinder, die sich um mich herum versammelt hatten, um mir Mut zuzusprechen, mich zu unterstützen, mir die Hand zur Hilfe zu reichen und mich aus der dunklen Tiefe, in die ich gestürzt war, emporzuziehen: Es waren unbekannte Wesen, die später ebenso umrisshaft wiederkehrten, sowohl im Operationssaal als auch während der Genesungsphase, um mir nicht mit Worten, sondern eher mithilfe von Bildern die nachfolgende Geschichte zu erzählen.
Sie erwies sich mir auf ihre Weise als Erinnerung aus dem Leben eines anderen, als Darlegung von Vorkommnissen, die lange vor meiner Geburt stattgefunden haben, als Rache, als Pflichterfüllung.
Das Verfassen dieses Buches schulde ich jenen Unbekannten, die mich ins Leben zurückgeholt haben.
Es ist ihres.
Ich habe nichts anderes getan, als das zu Papier zu bringen, was sie mir erzählt haben.
Der Autor
Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen,
weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht.
Joh. 3,8
Es war Mittwoch und regnete.
Getroffen zerstoben die Tannennadeln in alle Richtungen.
Die schweren Regentropfen schlugen auf das Gras, um es in die Erde zurückzudrücken.
Es war ein Vorhang aus Wolken, aus dem lange Fransen herabhingen und der sich bei seiner Berührung mit der Erde zerknitterte.
Obwohl es Mittag war, wurde es schlagartig dunkel.
Es gefällt mir, wie düster es in Sibirien wird.
Nachdem ich den Fußboden unseres Klassenzimmers geputzt hatte, da ich an jenem Tage zum Dienst eingeteilt war, machte ich es mir auf der Fensterbank so bequem wie möglich, um hören zu können, wie der Regen einem Schlachtruf gleich auf das Dach trommelte, und um von oben, vom Obergeschoss aus, zu verfolgen, wie die Regentropfen, eilig wie die Schritte von Soldaten, die zum Angriff antreten, auf den Hof unseres Kinderheims prasselten.
Damals habe ich zum ersten Mal jenen sonderbaren Mann gesehen, der in einen dünnen Mantel gehüllt war und einen Fes aus Wolle über das Gesicht gezogen hatte. Er kam aus unserer Schule, und mich wunderte der Umstand, dass er nirgends hineilte: Er hielt inmitten des Schulhofs inne, als ob er nicht von oben wie mit Kübeln zugeschüttet würde, dann blickte er lange zurück, und wahrscheinlich entdeckte er mich dabei, wie ich ihn durch das Klassenfenster beobachtete, woraufhin er wieder losging, dann neuerlich stehen blieb, etwas später durch das Schultor schritt, um im Regen zu verschwinden …
Jener Unbekannte sollte auch am nächsten, am übernächsten und am darauf folgenden Tag wiederkommen.
Niemand wusste, wer er war, noch, was er in unserem Kinderheim suchte.
Hier in Nadretschnoje habe ich, als ich zwölf Jahre alt war, zum ersten Mal meinen richtigen Namen gehört.
Bis dahin nannte man mich Iwan Iwanow 15, als ob ich eine Adresse gewesen wäre, nicht eine Person.
Warum 15? Alle Kinder von Nadretschnoje trugen auf den Vorschlag eines fernen Chefs hin ein und denselben Namen: Iwan Iwanow. Um uns unterscheiden zu können, fügten unsere Lehrer noch jeweils eine Nummer hinzu: Iwanow I.-1, Iwanow I.-2 …
Und so weiter, bis 300. So viele Kinder waren wir in Nadretschnoje.
Man nannte uns „Stalinkinder“. Wir wussten, dass unser Vater uns unsagbar liebte und dass er uns nur aus dem Grunde niemals besucht hatte, dass er ein überaus großes Land regierte und er nicht auch noch Zeit für uns hatte, seine Jungs. Wir warteten jedoch tagaus, tagein auf ihn, in der Hoffnung, dass er eines Tages, ob mit Geschenken oder ohne, auch in Nadretschnoje vorbeischauen würde.
Unser Kinderheim sollte uns lehren zu arbeiten, aber vor allem anderen – den Genossen Stalin zu lieben.
Sein Porträt – ein bärtiger Mann mit Pfeife in der Hand und festem Blick – hing in jeder Klasse, in unseren Schlafsälen, in der Kantine – überall.
Für ihn war ein jeder von uns bereit, sein Leben zu geben, für ihn und für Ljubow Herbertowna Walewa, die Direktorin unseres Waisenhauses. Auch wenn sie uns fast jede Woche einmal windelweich prügelte, so trug doch gerade sie – und darüber waren wir uns alle im Klaren – die größte Sorge dafür, dass wir unsere Muskeln für das Vaterland stählten und dreimal täglich etwas zu essen hatten.
Wir ärgerten uns nicht, weil wir wussten, dass die Schuld nur bei uns lag, die wir nicht ganz so waren, wie sie es wünschte: diszipliniert sollten wir nur dann sprechen, wenn wir gefragt wurden, und im Gleichschritt über den Hof des Kinderheims oder zur Schule und zurück gehen …
Das heißt, in Nadretschnoje schlugen uns eigentlich alle: die Lehrer, die Wärter, die Köchinnen, die älteren Schüler verprügelten die jüngeren, und unsereins – wir schlugen die noch kleineren.
Wir ertrugen die Schläge mit Stoizismus, weil wir uns auf den Krieg vorbereiteten.
So sagten es unsere Erzieher, dass der Krieg komme, den wir gewinnen würden. Dafür müssten wir jedoch widerstandsfähig sein, um jeden Schmerz, jeden Mangel, jede Erniedrigung ertragen zu können.
Wir ersehnten alle diesen Krieg, auf dass wir unser Leben für Josef Wissarionowitsch Stalin geben könnten, der uns zu jedem Feiertag seinen Gruß durch die Lehrer entbot; wir waren bereit, uns für ihn mit unseren Körpern über die feindlichen Schützengräben zu werfen, wie es Alexander Matrosow getan hatte, der auch ein Kinderheim wie das unsrige durchlaufen hatte, oder uns in den Munitionsbunkern der Feinde selbst anzuzünden, wie es der Partisane Alexei Liocha getan hatte, der auch ohne Eltern aufgewachsen war.
Wir wurden älter, aber der Krieg wollte zu unserer Enttäuschung nicht mehr ausbrechen.
So gab es auch in unserem Leben keinerlei Möglichkeit, jenen höheren Sinn zu erlangen, den uns unsere Lehrer wünschten und den auch wir selbst uns erträumten.
In unserer Schule, wo man nur überleben konnte, wenn man den Schwächsten erniedrigte, war ich stolz darauf, niemals zu weinen. So groß der Schmerz auch gewesen sein mag, so sah man mich, im Gegensatz zu anderen „Heulsusen“, niemals je eine Träne verdrücken.
Zum ersten Mal habe ich geweint, als Genosse Stalin gestorben ist. Der es nicht geschafft hatte, uns zu Lebzeiten zu besuchen. Im Wissen, dass wir alle miteinander zu Waisen geworden waren, weinte damals die ganze Schule, von Klein bis Groß, und ließ die Taiga tagelang von unseren Seufzern widerhallen.
Ab jenem Tage waren unsere Lehrer apathisch, als ob ihr Leben abrupt jeden Sinnes beraubt worden wäre, sie bestanden nicht mehr darauf, dass wir im Gleichschritt zur Kantine und zum Unterricht gingen, die Wärter stiegen von ihren hölzernen Wachtürmen zur Erde herab, die Tore wurden weit geöffnet, wir wurden nicht mehr getadelt, wenn wir in der Taiga verschwunden waren oder in den eiskalten Seen gebadet hatten, und nach dem Unterricht und sonntags blieben wir unbeaufsichtigt.
Vor allem die Sonntage verliefen äußerst heiter. Jeder Schüler fand an diesem Tag seine Beschäftigung: die einen überquerten die Kolyma von einer Eisscholle zur anderen hüpfend bis zum anderen Ufer, die anderen hängten Fallen mit Ködern zwischen den Dächern der Werkstätten aus, um Krähen zu fangen und sie dann zu rupfen und zu grillen. Nach einer Woche völlig geschmacklosen Maisbreis kam ihnen deren Fleisch unbeschreiblich köstlich vor. Wir ließen uns alle rund um die Feuer nieder: die Großen aßen, die Kleinen standen lechzend um sie herum, in der Hoffnung, dass vielleicht auch für sie etwas abfalle. Dies ist das Gesetz des Lebens: Übers Jahr werden sie größer sein und essen, und andere Knirpse werden um sie herumlungern und die Geduld aufbringen müssen, ihrerseits zu wachsen.
Das Waisenhaus war unser Elternhaus.
Ich war dort zur Welt gekommen, wuchs dort auf, kannte niemand anderes als die Frauen und Männer von Nadretschnoje, die wir liebten und die wir, alle zusammen, „Mama“ und „Papa“ nannten.
Unsere Erzieher und Lehrer, die bis zum Tode Josef Wissarionowitschs mit einer Pistole am Gürtel zum Unterricht kamen, ohne dass wir gewusst hätten, warum, wie auch die Aufpasser, die ebenfalls mit Karabinern bewaffnet auf den Wachturm stiegen, um uns zurückzuholen, wenn wir uns auf die angrenzenden Wälder voller Bären und entlaufener Banditen aus den umliegenden Gefängnissen zubewegten oder wenn wir zum Fluss gingen, um Fische zu fangen, Frösche zu rösten oder Eulen aufzuscheuchen, waren unerbittlich streng mit uns, weil sie uns liebten.
Bis ich zwölf wurde, hatte ich genauso wie meine Kameraden geglaubt, dass die gesamte Welt unserem Internat ähnlich sei: umgeben von hohen Mauern, über die Stacheldraht gespannt war, durch den Strom floss, mit vergitterten Fenstern und Stahltüren, die abends von außen verriegelt und verschlossen wurden, mit Raufereien im Inneren – „Wer der Stärkste ist, diktiert!“ –, mit einem Bett aus Eisen, mit einem Nachttischchen für zwei, mit einem langen Kleiderschrank aus morschem Holz, mit einem gemeinsamen Handtuch für diejenigen, die sich nicht mit dem Ärmel abtrocknen wollten – aber jeder mit seinem Löffel und seiner eigenen Schüssel. Wir trugen nicht nur alle den gleichen Namen, sondern auch die gleiche Kleidung, die gleichen Stiefel, den gleichen Haarschnitt.
Außerdem glaubte ich, dass die Leute jenseits der Mauern auch im Gleichschritt zur Arbeit und zurück gehen würden, so wie wir zur Kantine oder zum Schlafen gingen, dass sie genauso hasserfüllt wie wir Lieder ohne jeglichen Sinn singen würden.
Wir traten in Reih und Glied in den Hof, brachen in Marschkolonnen zu Ausflügen auf. Allein zu sein, allein herumzustehen, allein zu bleiben galt als Anmaßung, als Herausforderung der Gemeinschaft. Sogar dann, wenn wir eine Dummheit angestellt hatten, an der wir alle mitgewirkt hatten – einmal hatten wir einen schleimtriefenden Hund erhängt, ein andermal hatten wir mit Knüppeln einen Bären erschlagen, nachdem wir die Höhle entdeckt hatten, wo er überwinterte –, wurden wir nicht bestraft. Wenn aber einer allein eine gute Tat vollbracht hatte – so wie der Rotschopf, wie wir einen Kameraden aus den oberen Klassen nannten, als er ein Mädchen vor dem Ertrinken gerettet hatte, deren Kahn auf der Kolyma gekentert war –, dann wurden wir hart bestraft. Dies deshalb, um nicht den Egoismus in uns zu fördern. Niemand hatte jemals das Recht, allein zu bleiben – weder in der Klasse noch auf dem Schulhof noch im Schlafsaal. „Der Mensch kann nicht existieren außer mit anderen zusammen. Nur dann ist er ein Er“, erklärte uns Ljubow Herbertowna.
Die Allerverabscheuungswürdigsten, so sagten es uns unsere Erzieher, seien diejenigen, die etwas dachten, da dieses Etwas gleichbedeutend sei mit Dummheiten, mit der Vorwegnahme einer späteren Verderbnis der Sitten. „Nirgends könnt ihr der Gesellschaft entkommen.“ Dieses letztere Diktum bedeutete unsere Kollektivität, unsere Familie, unser Waisenhaus.
Ich aber war der Verachtung der Pädagogen und meiner Kameraden würdig: es gefiel mir, allein zu sein. Ich hatte gelernt, fast unter allen Umständen allein zu sein. Sowohl beim Unterricht als auch beim Sport, sogar während unserer Spiele – ich war in Gedanken woanders. Ich hatte entdeckt, dass mich dies, wenn es mich schon nicht glücklich machte, so doch davor bewahrte, unglücklich zu sein.
Ich versteckte mich manchmal auf dem Dachboden der Schule, oder ich kletterte, wenn es sonnig war, auf das flache Dach einer unserer Werkstätten, um allein mit meinen Gedanken sein zu können. Woran ich dachte? An vieles: an die Zukunft, an die Taiga, an meine Kameraden, an nichts. Ja, ja! Ich fand Genugtuung darin, nur dort zu sitzen und an nichts Bestimmtes zu denken.
Eine andere Forderung unserer Pädagogen war es, dass niemand das Recht haben sollte, ein Geheimnis außerhalb des Kollektivs zu haben.
Ich aber hatte eines …
Ich war drei oder vier Jahre alt, als ich auf der Innenseite meines rechten Arms eine Tätowierung bemerkte. Sosehr ich mich auch bemühte, sie abzuwaschen, sie abzukratzen, bis ich blutete, sie verschwinden zu machen – sie ließ sich nicht entfernen.
Instinktiv, vielleicht auch deshalb, da ich beobachtet hatte, dass keiner meiner Kameraden ein ähnliches Zeichen trug, bemühte ich mich stets, es für mich zu behalten und vor den Augen der anderen zu verbergen.
Wenn wir in Marschkolonnen zum Bad gingen, wenn wir an Sportwettbewerben teilnahmen, wenn wir die Sommer über in unseren Werkstätten arbeiteten, wenn man unsere Unterwäsche wechselte, dann bemühte ich mich, den Unterarm so nah wie möglich am Körper zu halten, damit niemand die Tätowierung bemerke. War es ein Bilderrätsel, war es ein Kryptogramm, waren es Hieroglyphen?! Ich verstand es nicht. Erst als ich Lesen gelernt hatte, wurde mir klar, dass es Buchstaben waren, die richtig aneinandergereiht ein Wort ergaben: MIRCEA. Was es bedeutete, wusste ich nicht, und ich hatte auch niemanden, den ich hätte fragen können. Auch wusste ich nicht, ob ich damit geboren worden war oder ob es mir jemand ins Fleisch geritzt hatte. Die Tinte, mit der es geschrieben war, war mir tief in die Haut gedrückt worden. Ich wusste nicht, wer es getan hatte, warum, wann, wie? Diese Fragen stellte ich mir nicht nur einmal.
Es war ein Zeichen, das ich eine Zeit lang hasste, weil es meinen Arm entstellte, weil es dafür sorgte, dass ich mich vom Rest des Kollektivs unterschied, und das ich innerlich als Verkrüppelung auffasste, an das ich mich dann aber gewöhnen sollte, und allmählich gefiel mir sogar der Umstand, ein Geheimnis nur für mich zu haben.
Am Tag nach jenem sibirischen Regenguss befand ich mich gerade im Schulflur, als ich zum zweiten Mal jenen sonderbaren Mann, der uns nicht ähnelte, erblickte, wie er aus dem Kabinett unserer Direktorin herauskam. Er war traurig und abgemagert, hatte ein blasses Gesicht, graue Haare und einen warmen Blick, aus dem große Güte und Menschlichkeit sprachen. Wie aus dem des Genossen Stalin.
Ich sah ihn auch am dritten Tag. Die Direktorin trat ihm auf der Schwelle entgegen und schrie ihn vor allen Kindern an: „Der, den Sie suchen, ist nicht bei uns!“ „Er ist bei Ihnen“, erwiderte der Unbekannte mit tränenerstickter Stimme. „Ich weiß, dass er bei Ihnen ist. Er muss hier sein.“ „Ich habe Ihnen gesagt, dass er es nicht ist.“ „Es kann sein, dass er einen anderen Namen trägt.“ „Fahren Sie nach Moskau, vielleicht wird man Ihnen dort weiterhelfen“, schlug Ljubow Herbertowna einen versöhnlichen Ton an.
Wie liefen um sie herum und spitzten neugierig die Ohren, um zu hören, was sie besprachen, und blickten verstohlen auf den Unbekannten, der sich weigerte, den Hof unseres Kinderheims zu verlassen.
Er begab sich hinter den Zaun und blieb bis zum Anbruch der Nacht wartend neben dem Eingangstor stehen. Sorgfältig blickte er in das Antlitz eines jeden Schülers, so als suche er etwas, jemanden …
Er kam auch am nächsten Tag wieder …
Wie hüteten uns vor ihm und taten so, als ob er uns nicht kümmere. Dann aber begann uns seine Anwesenheit zu verstören. Auf gewisse Weise, vermute ich, fürchteten wir uns auch vor ihm. Dies vor allem, nachdem uns Isidor Isidorowitsch von der Wache gesagt hatte, dass es sein könne, dass er irgendein Verrückter sei, der aus der Irrenanstalt von Magadan entflohen sei, oder irgendein amerikanischer Spion, der militärische Geheimnisse in unserer Schule suche.
Es war fast eine Woche vergangen, und der Fremde ging nicht fort.
Er stand dort am Tor und schob Dienst, als ob er der Bewacher des schiefen Turms von Pisa sei, der darauf achtete, dass er nicht umstürze.
Wir hatten uns so sehr daran gewöhnt, dass wie ihn jeden Morgen am Schultor sahen, dass er uns die Bälle aus Stofffetzen, die über den Zaun geflogen waren, zurückwarf, dass er die Wachleute mit süßen Pflanzenwurzeln versöhnlich stimmte, welche er im umliegenden Gebüsch gesammelt hatte, und dass er wie ein Geist zwischen uns wandelte, dass wir ihn beinahe nicht mehr wahrnahmen.
Wir spielten vor ihm unsere Lieblingsspiele, jene, in denen es wahrhaftig ums Sterben ging: Spiele mit Sklaven und Räubern oder solche, in denen es galt, Kohlensäcke mit den Zähnen zu heben, wie auch unser Sonntagsspiel: das Springen vom Dach eines der beiden dreigeschossigen Blöcke unserer Schule auf das Dach des gegenüberliegenden Blocks, deren Abstand, von den älteren Jungen nicht nur einmal vermessen, bei genau drei Meter zwanzig lag.
Sonntags, wenn wir für gewöhnlich mit den Wärtern allein blieben, die, angeheitert vom Alkohol, ihre Augen vor all unseren Streichen verschlossen, mehr noch, die uns mit allerhand Zureden und Kommentaren geradewegs dazu ermunterten, amüsierten wir uns mit dem „Sonntagsspiel“, das die aus der Oberstufe erfunden hatten. Diese waren die Härtesten unter uns – wofür sie auch am meisten geliebt wurden. Vor ihnen fürchteten sich auch die Lehrer. Sie hatten sich diesen Jux ausgedacht, „um die Angsthasen aufzuspüren“. Der von ihnen Auserkorene sollte Anlauf nehmen und mit geschlossenen Augen von einem Block der Schule auf den anderen springen. Wer die Augen während des Sprungs öffnete, wurde bestraft: Er erhielt von der gesamten Jungenschaft je eine Ohrfeige.
Das Spiel dauerte seit einigen Wochen an.
Fast unsere gesamte Klasse hatte die Mutprobe bereits durchgemacht.
An jenem Sonntag war auch ich an der Reihe.
Über die Seitentreppe stieg ich aufs Flachdach und nahm Anlauf, um auf das andere Dach zu gelangen. Im Flug aber öffnete ich unfreiwillig die Augen. Das bemerkten die Schiedsrichter unten sofort: die fast 300 Kameraden, die mich einstimmig ausbuhten. Dies umso mehr, als mein Schwung nicht mehr ausreichte, um auf dem Dach zu landen, und ich um ein Haar zwischen den beiden Blöcken in die Tiefe gestürzt wäre. Zum Glück gelang es mir, mich mit den Fingerspitzen, besser gesagt mit den Fingernägeln, am Gesims festzuklammern, und so schlingerte ich zur Gaudi meiner Kameraden eine Zeit lang über ihnen, in zehn Metern Höhe.
Ich hätte jeden Moment abstürzen können. Aber keiner von denen auf dem Dach reichte mir eine Hand zur Hilfe.
Dies war auch einer der Bedingungen unserer Spiele: Was auch immer einem passierte, man sollte sich allein zurechtfinden, wie ein echter Partisane.
Die Wächter vergnügten sich ob meiner Hilflosigkeit wie über einen Streich: „Diese Teufelskinder!“ Der Unbekannte verfolgte neben dem Tor ebenfalls meine Anstrengungen, starr vor Staunen.
Wahrscheinlich hatte er noch nirgends einen solchen Unfug wie in Nadretschnoje gesehen.
Mit übermenschlicher Anstrengung gelang es mir, mich mit der Brust auf das Dach zu hangeln, und nachdem ich von dort herabgestiegen war, kamen alle meine Kameraden, einer nach dem anderen – das war die andere Regel des Spiels – zu mir, dem „Angsthasen“, um mir jeweils eine Ohrfeige zu verpassen.
300 Ohrfeigen sind nicht gerade wenig.
Die Seite des Kopfes, an der ich sie gefangen hatte, wie auch die Arme, mit denen ich mich zu verteidigen gesucht hatte, vor allem aber die vom misslungenen Sprung blutigen Finger taten mir die ganze Nacht über weh. Aber all das ließ mich weniger leiden als der Tod des Genossen Stalin, und ich habe keine einzige Träne verdrückt.
Tags darauf tat mir immer noch alles weh. Als ich beim Frühstück wie üblich Nachschlag vom Koch forderte, knallte mir dieser, als ob er gewusst hätte, was ich am Vortag durchgemacht hatte, den Schöpflöffel mit den Worten auf den Kopf: „Das ist genug für dich!“
Danach zog ich mich auf das Flachdach unserer Schusterei zurück, um mich in der Sonne zu wärmen, meinem geschwächten Körper Erholung zu gönnen und um allein zu sein.
Von dort oben aus sah ich erneut den Unbekannten. Er ging zwischen den Kindern auf und ab, die verschiedene Spiele improvisierten, blickte lange in die Augen eines jeden und sprach etwas.
So ging er also herum, näherte sich mehreren Schülergruppen, die ihm scheinbar zuhörten, dann aber den Rücken zuwandten und ihn mieden, kaum hörbar kicherten und ihre Spiele fortsetzten.
Ich konnte nicht hören, was er zu ihnen sagte.
Er war ein sonderbarer Mann mit übermüdetem und unrasiertem Gesicht. Seine Kleidung, die in den ersten Tagen noch recht gepflegt gewesen war, war nun auch heruntergekommen.
Auch ich sah ihm mit einer Art kindlicher Geringschätzung von meinem Versteck auf der Werkstatt aus zu.
Dann habe ich ihn vergessen.
Ich dachte an meine eigenen Dinge: an die paar Freunde, die ich hatte und vor deren Angesicht ich mich am Vortag zum Gespött gemacht hatte und die gezwungen gewesen waren, mich ebenfalls mit je einer Ohrfeige zu bestrafen, und an anderes.
Dann erblickte ich den Unbekannten gleich nebenan, unten, neben dem Eingang zur Werkstatt, wie er zwischen den Kindern hin und her schlenderte. Gerade in dem Moment hatte ich ein paar Ameisen dabei geholfen, sich in einer Dachritze zu verbergen. Ich fuhr zusammen, als der Fremde sich meinem Klassenkameraden Iwan Konserve näherte, in seine schmalen Augen blickte und leise zu ihm sagte: „Mircea!“ Der schaute ihn erschrocken an, kehrte ihm den Rücken zu und ging eilig zu einer anderen Kindergruppe hin. Darauf blickte der Unbekannte einem langen Schlacks aus den höheren Klassen in die Augen und sagte zu ihm dasselbe Wort ohne jeglichen Sinn in der Sprache, die auch die meine war: „Mircea!“ Der lange Schlacks lächelte aus seinen Mundwinkeln, dann ging auch er zur Seite.
Und dann, auf einmal, fiel mir mein Geheimnis ein, das auf meinem Arm eingezeichnet war. Mir war, als sei der Himmel auf mich herabgestürzt. Ich wollte schreien und konnte es nicht. Ich war stumm geworden. Ich sprang sofort auf, in einem Sekundenbruchteil hatte ich den Hemdsärmel bis zum Ellbogen hochgezogen und hielt meine rechte Hand zur Faust geballt über meinen Kopf, sodass der beschriftete Teil von dort aus gesehen werden konnte, wo der Fremde stand.
So stand ich einer Statue gleich auf dem Dach, die Zähne zusammengepresst, den Hals zugeschnürt vor Aufregung, bis er mich wahrnahm.
Er schaute mich an und begann wie von Sinnen zu schreien: „Mircea! Mircea! Mein Junge!“
Ich weiß nicht mehr, wie ich vom Dach der Werkstatt herabgekommen bin, ob ich selbst heruntergestiegen bin oder in seine kräftigen Arme gesprungen bin, doch sobald ich bei ihm war, zog er mich an seine Brust und begann zu weinen, ständig jenes rätselhafte Wort wiederholend, von dem ich damals nicht sicher war, was und ob es überhaupt etwas bedeutete: „Mircea! Mircea! Mircea!“
Meine Kameraden hatten sich um uns versammelt wie zu einer Schauspieldarbietung, ohne zu verstehen, was sich zutrug. Dann brachte mich der Unbekannte beinahe auf seinen Schultern in das Kabinett unserer Direktorin, der er darlegte, dass ich Mircea sei, sein Sohn, und er mein Vater.
Ich reagierte in keiner Weise auf die Hysterie des Fremden, wusste ich doch, dass mein Vater gestorben war und Josef Wissarionowitsch Stalin geheißen hatte. Und hier jetzt, sieh an: noch ein „Väterchen“.
Letzten Endes händigte ihm die Direktorin eine Übergabebestätigung aus und wies mich an, meine Sachen aus dem Internat zu holen (in meine Matratze hatte ich ein Buch über Matrosow, ein finnisches Messer und ein riesiges Schneckenhaus, das ich in der Taiga gefunden hatte, eingenäht) und mit diesem Unbekannten fortzugehen.
Ich habe gehorcht wie ein Soldat, so wie wir es in Nadretschnoje von klein auf gewohnt waren. Ohne zu fragen, warum.
Es war ein Befehl, ich hatte ihn auszuführen.
Als ich mit jenem Mann, der mich fest an der Hand hielt, so als ob er fürchtete, mich zu verlieren, durch die Tür unserer Schule ging, begleiteten uns alle der fast 300 Schüler des Waisenheims von Nadretschnoje schweigend und mit verärgerten Blicken, so als ob ich sie verraten hätte, bis wir zum großen Tor hinausgegangen waren.
Jenseits des hohen Zauns des Kinderheims angelangt, hat der Unbekannte mir gesagt, er heiße Mihai Ulmu.
So habe ich meinen Vater kennengelernt.
Das, was ich zu Papier gebracht habe, habe ich von ihm erfahren. Ich war der Ansicht, dass auch andere davon wissen sollten, in Anbetracht dessen, dass es – und das sind seine Worte – die Pflicht und Schuldigkeit eines Menschen ist, der in die Hölle hinabgestiegen und lebend von dort zurückgekehrt ist, Kunde zu geben: Sobald er die Stimme erhebt, spricht er auch mit der Stimme derjenigen, die nicht mehr reden können, er sieht die Welt mit den Augen derjenigen, die sie nicht mehr sehen können; nichts von dem, was er gesehen hat, kann verborgen bleiben, nichts von dem, was er ersehnt hat, kann nicht auch in Erfüllung gehen. Selbst mit einer Verspätung von tausend Jahren.
Es gibt eine Würde der Schlichtheit …
Gilbert Keith Chesterton
Jener Morgen war wie kein anderer.
So ist er in die Geschichte eingegangen, und so muss er erzählt werden.
Das ganze Dorf war seit dem Morgengrauen in die Weizenfelder ausgeströmt.
Dort befindet sich auch Stefan Reseschu mit all seinen Verwandten.
Bevor sie die Sensen niedersausen lassen, stehen die Männer am Rande des Kornfeldes wie vor einem Altar, der ihnen hilft, mit dem blauen Himmel, den Kornblumen und der pechschwarzen Erde zu kommunizieren.
Einem von seinen Eltern übernommenem Ritual folgend streichelt Stefan Reseschu die reifen Körner zunächst, körnt eine Ähre aus, zerreibt sie zwischen den Handflächen, um die ganze Wärme der Erde zu spüren, während sie durch seine Finger rinnt.
Die Weizenhalme reichen ihm bis zur Brust.
Die Ähre ist schwer.
In seinem Inneren spürt er eine verborgene Genugtuung, die er noch niemandem mitteilen kann.
Mit einem „Gott steh uns bei!“ treibt er die Sense unter dem trockenen Rascheln des Strohs in das Feld.
Die Bauern fürchten sich zu dieser Jahreszeit am meisten vor Regen.
Deshalb legen sie sich auf dem Feld zur Ruhe und stehen im Feld auf.
Abends betten sich die Männer zwischen den Garben, unter irgendeinem Strohschober, um morgens auch hier zu erwachen.
Die Frauen und Kinder schlafen in Fuhrwagen.
„Wenn der Himmel seine Schleusen öffnet, geht unsere ganze Arbeit den Bach runter“, sagen sie.
Die Hofbesitzer von Poiana haben die Hunderte, vielleicht gar Tausende Jahre alte Sitte, an Stellen zwischen den Wäldern auszusäen.
Sie nennen diesen Ort „Zum Korn“.
Es handelt sich um eine Hochebene, die „der Welt entrückt ist“, wie die Alten sagen, von der aus man an klaren Tagen die Berge sehen, an stürmischen Tagen hingegen das Meer riechen kann.
Ein Landstrich von ein paar Kilometern Breite, eingeschlossen von zwei Eichenhainen, der vom Himmel aus betrachtet aussieht wie ein langer goldener Teppich, der auf der Erde ausgebreitet ist und sich vom Răut fast bis nach Orhei erstreckt.
Es ist eine jener Morgenstunden, in denen man sich an der frischen Luft berauschen kann.
Die Männer atmen sie tief ein und führen die Sense, mit großen und entschlossenen Schritten gehen sie voran ins Feld. Die Frauen folgen ihnen nach, sammeln die geschnittenen Ähren und binden sie zu Schobern zusammen.
Allen voran schreitet Stefan Reseschu.
Das Weizenfeld trägt reiche Frucht in diesem Jahr. Gelänge es nur, sie einzubringen, bevor der Regen kommt.
Maria, seine Tochter, geht ein paar Schritte hinter ihm und bindet Garben.
Er hat sie von klein auf daran gewöhnt, sich nicht der Arbeit zu schämen. Und es freut ihn, dass sie auch in der Schule die Beste ist.
In diesem Jahr absolviert sie das Gymnasium von Poiana. Und da ihre Unterrichtsstunden vor der großen Prüfung nachmittags stattfinden, ist sie schon im Morgengrauen auf den Beinen, um ihren Eltern bei der Ernte zu helfen.
Hoch im Äther hört man eine Lerche wehklagen.
Hie und da wiegt sich eine Mohnblume oder Kornblume im Wind.
Ausgespannte Pferde weiden am Waldrand.
Mit einem Mal beginnt Maria zu singen.
Alle anderen, Mädchen und Jungen, Männer und Frauen, singen mit.
Es ist ein gutes Zeichen, die Schnitter wissen: Das Lied treibt ihnen die Sense voran.
Ihr Gesang ertönt bis weit in die Ferne. Auch der im Wind wogende Weizen scheint darein einzustimmen, die Sensen, die sich ins Feld voranbeißen, die Eichen, die am Feldrand rauschen, der zarte Hauch, der den Duft von Feldblumen nach oben trägt.
Es ist ein Lied, das eine Generation von Schnittern an die nächste überlieferte:
„… Stolz steht sie beim Küssen –
Wie die Ähre beim Schnitte
O du Sehnsucht!“
Plötzlich: ein Grollen am Himmel. Doch man sieht kein Wölkchen am Firmament. Das Lied hebt wieder an:
„Wohin mein Sehnen entschwindet,
kann kein Vogel ihm folgen …“
Das Zischen der Sensen, das Zusammenfügen der abgemähten Ähren zu Garben, die gute Laune der Frauen, die Scherze der Männer, das Lachen der Mädchen und Jungen, das Schnauben der Pferde, die neben den Fuhrwerken unter Baumkronen weiden, all dies vermischt sich mit den Klängen dieser ebenso uralten wie immerzu neuen Weisen.
Das Grollen, das aus jenem heiteren Himmel kommt, wird allmählich durch ein dumpfes Dröhnen wie von Motoren abgelöst, das von irgendwo aus dem Unsichtbaren heraus anschwillt.
Plötzlich erfriert der Gesang auf den Lippen der Mädchen, die Männer lassen vom Mähen ab, die Sensen fest in ihren Händen wie zur Verteidigung, die Frauen halten mit den Garben in den Armen wie versteinert inne, den Blick starr dorthin gerichtet, von wo das dumpfe Grollen zu hören ist.
Dann sehen sie alle mit an, wie sich ein paar dicke Rohre aus dem Tal kommend und gen Himmel zielend durch das mannshohe Getreidefeld vorwärts bewegen.
Sobald diese näher kommen, offenbart sich den Schnittern, dass es die Rohre von Panzern sind, die schwerfällig und bedrohlich grollend durch das Feld voranrollen und mit ihren Raupenketten die reifen Ähren niederdrücken.
Die Männer weichen entsetzt vor diesen riesigen Ungetümen zurück, die mit Kanonen und Maschinengewehren ausgerüstet sind und die auf sie zielen, während die Frauen, nachdem sie rasch, wie auf ein Signal hin, die Weizengarben in die Strohhaufen geworfen haben, zu den Fuhrwerken eilen, in denen sich die Kinder aufhalten, auf dass sie sich nicht erschrecken.
Es sind sechs Kampfwagen mit roten Sternen auf den Geschütztürmen.
Unerbittlich rollen sie vorbei an den Bauern, die auf ihre Sensen gestützt dastehen, vorbei an den Pferdewagen, in denen in mit Heu gefüllten Körben die Säuglinge, vom Höllenlärm aus dem Schlaf gerissen, zu wimmern beginnen …
Während sich Stefan Reseschu niederbeugt, um einige Büschel zerdrückter Ähren emporzuheben, hält ein stählernes Mastodon, das die Nachhut bildet, unversehens an, als es die Schnitter erreicht. Ein Soldat steckt seinen Kopf aus der geöffneten Luke des Geschützturms und grüßt sie bis über beide Ohren grinsend:
„Guten Morgen, Genossen! Freut euch! Von jetzt an seid ihr frei!“
Er spricht diese Worte mit einer unbeherrschten Jovialität aus, wonach er neuerlich im eisernen Bauch des Panzers verschwindet, welcher rasch Fahrt aufnimmt, um die anderen einzuholen, die sich einander auf dem Feld voll reifen Weizens überholen und die schweren Ähren zur Erde niederdrücken, ehe sie aus den Blicken in Richtung der Gemeinde Poiana entschwinden.
… Es war der Morgen des 28. Juni des Jahres 1940.
Man schießt nicht mit Gewehren auf Ideen.
Antoine de Rivarol
An jenem Morgen fand am Gymnasium von Poiana eine der letzten Literaturunterrichtsstunden des Schuljahres statt.
Der Lehrer Mihai Ulmu hatte das ganze Jahr über mit seinen Schülern Eminescu behandelt. Nur in einigen wenigen Stunden hatte er mit ihnen über andere Autoren gesprochen. Er war sehr ambitioniert darin, die Kunst des Wortes zu behandeln, und so glich der Raum für den Literaturunterricht einem wahrhaftigen Salon, den die Schüler gemeinsam mit ihrem Klassenlehrer mit Porträts von Dichtern, Wandteppichen und Ausstellungen von Büchern und Zeitschriften ausgestattet hatten.
Ulmu war ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren und von zierlicher und eleganter Gestalt. Sein blasses Gesicht war umgeben von schwarzen Haarbüscheln, die üppig auf seine Schultern herabfielen, und erhellt von zwei braunen Augen, die die Mühsal des Lesens scheinbar noch tiefer gemacht hatte und deren Traurigkeit im Kontrast stand zum ironischen Lächeln, das seine Mundwinkel kaum wahrnehmbar andeuteten, ein Lächeln, das ihn immerzu und immerfort begleitete.
Vor einem Jahr hatte er die Universität absolviert.
Zwischen seinem Katheder, hinter dem er stand, und den Bänken der Schüler lag eine Distanz, die er respektierte.
Obwohl er sich darüber im Klaren war, dass sie schon reife Menschen waren, verhielt er sich ihnen gegenüber aus einer inneren Trägheit heraus noch so, als ob sie noch Kinder wären.
Sie saßen auf ihren Plätzen, eine Gymnasiastenklasse wie alle anderen, mit Spickzetteln und Büchern, in denen sie heimlich unter der Bank nachsahen, und in der die Tafelkreide verschwand, wenn das Thema schwer war.
Im Vorfeld der Abiturprüfung hatte die ganze Klasse etwas vom Säuseln eines Obstgartens im April, von dem man spürt, dass er in Kürze erblühen wird.
Eine seiner Unterrichtsstunden war interessanter als die andere.
Er verknüpfte die Unterrichtsthemen, die Gedichte oder die Novellen, die er behandelte, mit Themen, von denen er wusste, dass sie sie interessierten.
So hatte er zunächst mit Kreide an die Tafel geschrieben:
„Zum Stern …“
Dann begann er vorzutragen:
„… Das Abbild des gestorbenen Sterns
zeichnet sich schwach am Himmel ab,
einst war er, als man ihn nicht sah,
nun sehen wir ihn, doch er ist nicht mehr …“
Er sprach ihnen über die Parallele, die der Dichter zwischen dem Stern und der Liebe zieht …
„So wie unsere Augen das Licht eines Sterns am Himmel noch für lange Zeit erblicken, nachdem er untergegangen ist, so folgt die Erinnerung an eine vergangene Liebe noch lange Zeit dem nach, der von ihrem Glanze erleuchtet wurde …“
„Wie das?“, fragte einer der Schüler.
Doch bevor Ulmu es erklären konnte, hob die Schülerin Maria Reseschu, die direkt vom Feld zum Unterricht gekommen war, die Hand.
„Was willst du uns sagen, Maria?“
„Wir möchten Sie bitten, uns über die Liebe zu sprechen … Es ist ein Anliegen aller meiner Klassenkameraden.“
Alle Schüler lachen. Der Lehrer misst sie mit einem Blick – diese Kinder sind jeweils 17 bis 18 Jahre alt, sie sind wie Schwalbenjunge vor ihrem ersten Flug, sie schließen in diesem Jahr das Gymnasium ab, sie befinden sich allesamt an der Schwelle zu ihrer ersten Liebe, doch hat er mit ihnen noch nie über dieses wahrlich nicht zu vernachlässigende Gefühl diskutiert, obwohl er es vielleicht schon längst hätte tun sollen.
„Einverstanden, das werden wir gleich in der nächsten Stunde tun. Aber dafür formuliert jeder von euch bis dann eine Definition der Liebe. Damit nicht nur ich spreche.“
Neben das Datum, 28. Juni 1940, schreibt Lehrer Ulmu das Thema der Hausaufgabe an die Tafel:
„Was ist Liebe?“
Er wendet sich zur Klasse zurück und findet sie vor, wie sie allesamt mit starren Blicken aus den Fenstern schauen.
Er sah zwei Lastwagen mit Soldaten, auf deren Fahrerkabinen jeweils ein roter fünfeckiger Stern gemalt war. Sie hielten vor dem Schultor. Aus einer der Fahrerkabinen sprang ein Offizier. Er machte den Soldaten ein Zeichen, auf das sie sich umgehend in zwei Richtungen aufteilten: ein Trupp bewegte sich auf das gegenüberliegende Rathaus zu, wo einer von ihnen die Trikolore am Eingang herunterriss und sie zu Boden warf, um sie sogleich durch eine rote Fahne mit Hammer und Sichel zu ersetzen; der andere Trupp eilte unter der Führung eines Offiziers im Laufschritt auf den Schulhof.
Ihr Gleichschritt hallte vom zementierten Korridor der Schule wider. Dann öffnete sich jählings die Tür und einer der Soldaten drang in ihre Klasse ein. Sie waren es gewohnt, sich allesamt zu erheben, wenn eine ältere Person die Klasse betrat.
„Guu-ten Ta-ag!“, bellte der Gast auf militärische Art und Weise. „Setzt euch!“
Niemand antwortete, niemand setzte sich. Der Besucher fuhr strahlend fort:
„Von heute an seid ihr frei, liebe Genossen! Der große Stalin, der Vater der Völker, hat euch befreit. Er gebietet euch, glücklich zu sein!“
Nach dieser Phrase blickte er ausforschend über die Tafel, wo er das Porträt Eminescus sah.
Umgehend zog er den Hocker vom Lehrertisch heran, stieg mit seinen staubigen Stiefeln darauf, riss das Bild des Dichters von der Wand und befestigte an seiner Stelle ein Porträt von Josef Wissarionowitsch Stalin.
Dann stieg der Kommissar herunter, warf das Porträt Eminescus irgendwo hinter den Katheder, rieb sich zufrieden die Hände und sagte:
„Genosse Stalin hat uns befohlen, den Klassenfeind erbarmungslos zu liquidieren. Wer nicht für uns ist, so hat es uns der Lehrer gewiesen, ist gegen uns! Also seht zu, dass ihr gut lernt!“, wies er sie freundlich zurecht.
Der Kommissar ging mit der an seiner Hüfte baumelnden Pistolentasche hinaus und warf die Tür zu. Die ganze Klasse blieb weiterhin aufrecht und wie versteinert stehen. Der Gleichschritt der abrückenden Soldaten war noch auf dem Flur zu hören, als die warme Stimme des Lehrers Ulmu erklang:
„Setzt euch, Kinder.“
Im nächsten Augenblick erscholl unten im Hof ein Schuss, und die Kinder sahen, wie der Kommissar seine Pistole in den alten Schulhund entlud, den die Schüler den „Stummen“ nannten, da er niemals bellte. Er hatte sich zwischen die Beine der Soldaten gezwängt und sich angeschickt, heimlich und still in den Stiefel eines der Soldaten zu beißen. Man vernahm das Lachen der Soldaten, die von dem Geschehenen sichtlich amüsiert waren.
Dann stiegen sie alle auf die beiden Lastwagen und fuhren weg.
Ulmu umfasste seine Klasse mit einem Blick und sagte dann gelassen, um die angespannte Stimmung zu lockern:
„Wir werden in der nächsten Stunde damit fortfahren, über Eminescu zu sprechen … und über die Liebe. Wir werden diese Themen gemeinsam behandeln. Denn Eminescu ist auch ein großer Dichter der Liebe …“
Er sprach es, und zum Beweis hob er von seinem Lehrerpult einen Band mit Gedichten empor.
„In diesem Buch stehen die Antworten auf viele eurer Fragen.“
Da erklang die wagemutige Stimme von Maria Reseschu:
„Herr Professor, könnten Sie mir das Bändchen für ein paar Tage ausleihen?“
Obwohl Mihai Ulmu von seinen eigenen Lehrern wusste, dass ein verliehenes Buch einem verlorenen Buch gleichkommt, legte er es ihr auf den Tisch:
„Unter der Bedingung, dass du es nicht verlierst.“
„Ich verspreche es Ihnen“, sagte die Schülerin erfreut und verbarg es wie einen Schatz zwischen den Büchern in ihrem Ranzen.
Lehrer Ulmu beseelte die Wissbegierde seiner Schüler. Alles wollten sie wissen, alles wollten sie erfahren.
„Auf Wiedersehen!“
„Auf Wiedersehen!“, rief die ganze Klasse.
Der Lehrer ging hinaus. Es war die letzte Stunde. Aber keiner der Jungen und keines der Mädchen beeilte sich, nach Hause zu kommen. Eine gespenstische Unruhe hatte angehoben, sie in Sorge zu versetzen. Sie blieben noch eine Zeit lang auf ihren Bänken, in ihrer Klasse, wo sie sich gemeinsam behüteter und sicherer fühlten.
Man lehrt nicht, was man möchte, ich würde sogar behaupten,
man lehrt nicht, was man weiß oder zu wissen glaubt, sondern
man lehrt nur und kann nur lehren, was man ist.
Jean Jaurès
Herr Professor!“, hörte Ulmu jemanden am Tor nach ihm rufen. Als er hinausging, sah er einen Dorfbewohner mit hagerem Gesicht und dicker Nase, der wie im Winter eine Lammfellmütze trug und sich in einen Schafspelz eingemummelt hatte.
„Herr Professor! Sie werden in der Schule erwartet!“ Sodann dämpfte der Gebrechliche seine Stimme und flüsterte:
„Dort ist etwas passiert.“
Während er diese Worte aussprach, schaute er verängstigt umher und verschwand dann in einer Seitengasse.
Ulmu zog sich schnell an und ging aus dem Haus. Bis zur Schule traf er auf niemanden, das Dorf schien wie ausgestorben.
An der Schwelle der Schule nahm er seine Skimütze ab und ließ seine langen, kohlenschwarzen Haare frei herabhängen. Er ahnte Schlimmes, bevor er die Klassentür öffnete: die Ruhe im Inneren schien ihm unnatürlich. Ihm fiel das Sprichwort ein: „Wenn das Kind zu brav ist, dann hat es sicher etwas angestellt.“
Als er unter der Tür erschien, stand die ganze Klasse aufrecht, während vor ihr der Kommissar vom Vortag mit der an seiner Hüfte baumelnden Pistolentasche nervös hin und her ging und dabei die Arme von sich gestreckt hielt, als ob er sich einen unsichtbaren Feind zur Brust genommen hätte.
„Aaa, auch der Herr … Genosse Professor!“, brüllte er ihm nahezu entgegen. „Auch du wirst dich gemeinsam mit diesen Bengeln vor dem Tribunal der Arbeiterklasse verantworten müssen! Sieh nur an, was deine Zöglinge angerichtet haben …!“
Erst dann sah Ulmu das hinter den Katheder geworfene Porträt Josef Stalins. Jemand hatte ihm über seinen grau melierten Bart mit Kohlen einen anderen, lustigeren Bart gemalt, der sich bis zur Stirn aufschwang, wo sich noch die Konturen zweier Hörnchen abzeichneten … Das Bildnis Eminescus hingegen hing an seinem Platz vor der Klasse. Ulmu deutete den Hauch eines Lächelns an, und vielleicht hätte er losgeprustet, wenn nicht dieser Soldat wutschnaubend zwischen ihnen Stellung bezogen hätte.
„Ich möchte gern wissen, wer das gewesen ist?!“, tobte und fauchte der Soldat. „Sonst wird die ganze Klasse nach Sibirien geschickt! Alle miteinander, ihr unglückseligen und undankbaren Lausbuben! Wer hat sich über unseren Vater lustig gemacht??! Raus damit, Schlangenbrut!“, brüllte der Kommissar, während er wuterregt vor den Schülern auf und ab ging.
„Du?!“, wandte er sich an Stefan Albac und nahm ihn sich zur Brust.
Dieser sagte nichts.
„Du etwa?“, näherte er sich Liviu Dragu.
Auch Dragu antwortete nichts.
Es war seine Klasse. Erst jetzt wurde es Mihai Ulmu bewusst, dass er sie nicht wirklich kannte. Es waren große Kinder, er hatte es nicht einmal bemerkt, wie sie gewachsen waren. „Vernünftige, würdevolle Menschen mit Charakter“, dachte er bei sich und staunte über sie, während das Individuum, das den heutigen Unterricht an seiner statt begonnen hatte, mit Schaum vor dem Mund zwischen den Bänken umherwanderte. Bald schon sollten sie sich trennen. Es waren die letzten Unterrichtstage. Die meisten von ihnen würden Landwirte werden (er sagte zu ihnen: „Der gebildete Mensch hält den Pflugsterz fester“), Lehrer, Ingenieure, Ärzte, dachte er stolz, aber vor allem – Menschen. Menschen, wie sie im Buche stehen, so wünschte er sie sich. Der Gast wurde immer aufgebrachter. Er hatte seine groben Finger in die Schulter von Maria Reseschu, der Klassenbesten, gebohrt.
„Hast du das gemacht?“
Maria sah ihn voller Verachtung an, ihre Lippen öffneten sich halb, wie zu einem Vorwurf oder um etwas auszuspucken:
„Gestern haben Sie …“
Aber der Lehrer erlaubte ihr nicht, den Satz zu vollenden. Er nahm Anlauf in Richtung des Kommissars und riss dessen Hand von der Schulter der Schülerin Reseschu.
„Zurück von ihr, du Drache! Was verhöhnst du die Kinder?! Sie tragen keine Schuld. Ich, ja ich habe all das getan. Und jetzt verschwinde sofort aus der Klasse!“
„Aha!“, stieß der Kommissar verwundert hervor. „Du also! Hab ich’s mir doch gedacht! Dafür bekommst du eine Kugel in den Nacken, du Zersetzer!“
Dann sprang er zur Seite, als ob er sich fürchte, dass Ulmu ihn mit seinem Blick durchbohre.
Mit hochrotem Kopf, wie ein Krebs beim Kochen, drehte er sich zur Klasse um, die wie versteinert dastand: „Wespennest! Wir werden es euch schon zeigen!“, schrie er wutentbrannt, nahm das „profanierte“ Porträt unter den Arm und ging die Tür zuwerfend hinaus.
Eminescu war über der Tafel ihrer Klasse Sieger geblieben. Ulmu bestieg den Katheder, setzte sich auf seinen Stuhl, stützte den Kopf auf seine Hände und sagte nach einer Pause:
„Setzt euch, Schüler! Lasst uns den Unterricht fortsetzen. Was hatte ich gestern angekündigt, worüber wir heute sprechen?“
Es fiel ihm äußerst schwer, die Schüler wieder in die rechte Stimmung zur Aufnahme des Unterrichts zu bringen, auf den sie, dessen war er sicher, sich vorbereitet hatten wie nie zuvor. Doch er sollte sich als Erster besinnen und sich so verhalten, als ob nichts geschehen wäre.
„Ich hatte gesagt, dass wir heute über die Liebe sprechen werden. Ja, ja, über die Liebe. Maria Reseschu, lies das Gedicht ‚Zum Stern‘ vor“, sagte er zur Klassenbesten, die, wie er beobachtet hatte, das Bändchen des Dichters auf ihren Tisch gelegt hatte.
In dieser Ruhe nach dem Sturm erklang ihre kristallklare Stimme wie in einer Kanzel:
„Zum Stern, der aufgegangen ist,
ist es ein so weiter Weg,
dass sein Licht tausende Jahre brauchte,
um zu uns zu gelangen …“
Die ganze Klasse folgte ihr ergriffen. Das Gedicht Eminescus half ihnen, jene Umgebung voller Zutrauen und Aufrichtigkeit zu schaffen, die unerlässlich ist für ein vertrauliches Gespräch.
„Der Dichter Eminescu glaubt“, sagte Ulmu, „dass die Liebe einen Menschen besser, schöner, stärker machen kann. Denn nur derjenige hat an der Liebe teil, der Liebe schenkt. Denn durch Liebe erfährt der Mensch die Unsterblichkeit. Du aber, Maria Reseschu, was glaubst du über die Liebe?“, wandte sich der Lehrer an die Schülerin, die noch immer aufrecht stand.
„Ich dachte mir, dass wenn man ein paar Vorkommnisse aus der Bibel herausnehmen würde, ein paar Psalmen, einige Seiten oder gar die Bücher einiger Propheten, es trotzdem die Bibel bleibt; aber wenn man aus ihr die Liebe entfernte, würde sie ein gewöhnliches Buch …“
Sie war ein schlankes, hochgewachsenes Mädchen, mit langen schwarzen Zöpfen, blaugrünen Augen, einem hellen Antlitz und immerzu feurig roten Wangen. Sollte sie jenen unerhörten Mut aufgebracht haben, dem Größten der Welt die Stirn zu bieten?
Liviu Dragu ergänzte sie:
„Wenn in einer Ehe nur einer glücklich ist, dann sind beide unglücklich …“
Sollte er etwa diese Wahrheit entdeckt haben, bevor er sie erfahren hatte?! Er war ein Bauernsohn. Es gefiel ihm, den Boden zu pflügen und zu säen. Sein Haupt war sonnengebrannt, sein Haar rabenschwarz, man erkannte schon ein kleines Schnurrbärtchen. Sollte er es etwa gewesen sein, der es gewagt hatte, seinen geliebten Dichter zu verteidigen?!
„Ob du liebst oder nicht?! Das ist, als ob es dir gleich wäre, ob du lebst oder nicht. Wenn er liebt, wird der Mensch mit den anderen oder dem anderen eins, und erst dann ist er in Wahrheit stark. Neben die Liebe setzte der Apostel Paulus unter allen göttlichen Gnaden die Geduld. Mögen wir die Geduld aufbringen, unsere Mitmenschen zu lieben, selbst diejenigen, die es weniger verdienen.“
Costin Radu, der „Klassenpfarrer“. Er träumte davon, Theologie zu studieren. Er strahlte eine Ruhe aus, die Vertrauen erweckte. Sollte sein Gerechtigkeitssinn gerade ihn dazu bewegt haben, es mit der neuen Macht aufzunehmen?!
„Woher wissen sie diese Sachen?“, fragte sich Ulmu. Er hatte sie immer wie Kinder behandelt, und nun sieh an, wie sie dachten – wie Erwachsene. Einer nach dem anderen hob die Hand … Worauf spielten sie an? Was wollten sie glauben machen? Was regten sie an?!
„Liebeskummer ist der schönste Kummer der Welt …“
Oana Răutu, ein Mädchen mit rötlichem Haar, Sommersprossen und grauen Augen. Sie wollte Lehrerin werden. Ein Lehrer musste für die anderen ein Vorbild an Gerechtigkeit sein. Sollte sie es gewesen sein?!
Ana Ionescu:
„Die Liebe hilft dir, das Tor zum Verständnis der Dinge, der Menschen, der Welt, der eigenen Gefühle zu öffnen. Doch auch bei Licht kann es dunkel sein, wie auch in der Traurigkeit Freude liegen kann. Eine Freude kann dich erhöhen, aber sie kann dich auch niederwerfen. Die wahre Liebe ist die, die dir Flügel verleiht …“
Şerban Brad:
„Ich würde eine wahre Liebe, weil um die geht es hier, mit einem Sturm vergleichen, der aus heiterem Himmel über einem stillen Meer ausbricht, mit riesigen Wogen, die Deiche brechen lassen, in Städte vordringen, sich über hohe Mauern ergießen, steile Ufer wegreißen, Felsklippen umwerfen …“
Alecu Stan:
„Wer behauptet, die Menschheit zu lieben, ohne zumindest einmal jemanden aus dieser Menschheit geliebt zu haben, lügt …“
Dumitru Gusti:
„Glückliche Ehen haben keine Geschichte. Wenn Romeo und Julia glücklich gewesen wären, hätte niemand von ihnen erfahren.“
Petru Diac, der „Klassenclown“, hatte immer den passenden Witz zur passenden Situation parat:
„Und dennoch ist die gegenseitige Liebe eine Seltenheit, wie eine Mohnblume inmitten eines Weizenfeldes. Bisweilen färben wir Menschen eine Krähe, auf dass sie uns weiß scheine, nicht weil uns ihre Farbe gefällt. Einen Menschen muss man lieben für das, was er ist, nicht für das, was uns gefiele zu glauben, dass er sei …“
Das klang ziemlich traurig.
Viorica Niţă:
„Wir suchen es uns aus, aus Liebe zu leiden, weil das Liebesleid uns hilft zu verstehen, warum wir leben, was wir erleben und welchen Wert unser Leben hat …“
Die Schüler ergänzten einander, widersprachen sich hie und da, dachten lauthals nach … woher könnten sie all dies wissen? Er hatte sie immer als kleine Jungen und Mädchen behandelt. Es waren dieselben, die, die er seit jeher kannte. Und doch hatte sich etwas in ihnen verändert, in ihrer Art zu sein, die Dinge aufzufassen, versank Lehrer Ulmu in Gedanken. Sie hatten viel gelernt in ihrer Schulzeit. Das Wichtigste aber war, dass sie gelernt hatten zu denken. Damit sie sie selbst sein konnten.
Er wurde aufmerksamer bei jeder Nuance, er war in Erwartung eines jeden Wortes, das er hören sollte. Dieses Verlangen kam der Krönung seiner Lehrtätigkeit an dieser Schule gleich. Die Klasse, deren Klassenlehrer er auch war, sollte in ein paar Tagen die Reifeprüfung ablegen. Nach der ein jeder seines Weges ziehen würde. Was erwartete sie?! Sie wussten es selbst nicht. Und auch er hatte keine Vorstellung davon.
Aber indem er hörte, wie sie dachten, freute es ihn, dass sie völlig frei seien, und es wäre auch so gewesen, wenn man ihnen Handschellen und Fußfesseln angelegt hätte, weil er sie gelehrt hatte, als freie Menschen zu denken und handeln. Sie würden sich niemals mit der Lüge zufrieden geben, sie hatten dem geliebten Dichter zu seinem Recht verschafft, sie hatten es nicht erlaubt, dass er erniedrigt werde.
Am meisten aber schätzte er die menschliche Würde, die in jedem von ihnen auszubilden ihm gelungen war. Die Horde hat keine Würde, auch wenn sie angreift oder sich verteidigt. Dem Menschen ist sie gegeben, und solange er nicht von ihr ablässt, kann er nicht überwunden werden.
So war bereits geraume Zeit vergangen, und doch hatten sie sich noch so viel zu sagen.
„… Die Liebe, welche Sonnen und Sterne bewegt …“
Das Gedicht Dantes. Sein Schüler Bogdan Brusture, der Bauernsohn schlechthin, las aus dem Buch der Bücher. Aber der Rhythmus des Vortrags strahlte Beunruhigung aus, und Beunruhigung entnahm er mit einem Male auch den Gesichtern seiner Schüler. Sie schauten zum Fenster hinaus. Neben dem Rathaus, das zum „Dorfsowjet“ geworden war, sahen sie, wie ein Lastwagen mit Soldaten anhielt. Diese sprangen rasch von der Ladefläche – es waren etwa dreißig Soldaten, die, wie bei einem riskanten Manöver, mit den Fingern am Abzug ihrer Waffen das Gebäude, in dem sie sich befanden, umstellten. Einige Soldaten drangen unter der Führung eines jungen Leutnants in die Schule vor. Obwohl er in die Augen seines Lehrers blickte und nicht sah, was im Schulhof vor sich ging, begann Bogdan zu stammeln.
„Ja …“, sagte er und hielt an.
„Um es kurz zu machen, letztlich bleibt von der Menge an Wörtern, von den endlosen Sätzen eine einzige Silbe, die alles zu sagen vermag“, dachte Ulmu.
Ja, die Liebe kann nichts außer einer Bekräftigung sein.
Die Soldaten klopften nicht an der Tür. Einer von ihnen stieß sie mit dem Gewehrkolben auf.
Zwanzig Kinder, die über die Liebe sprachen, zuckten verschreckt zusammen. Vierzig Augen richteten sich auf die Eindringlinge und hielten sie an der Schwelle zurück.
Ulmu kam hinter dem Katheder hervor und ging auf die Fremden zu, die vor der offenen Tür Stellung bezogen hatten. Er ging in den Flur hinaus und schloss die Tür hinter sich.
„Bist du der Lehrer Mihai Ulmu?“, fragte ihn der Leutnant mit ernster Stimme.
„Der bin ich. Was wünschen Sie?“
„Im Namen der Sowjetmacht und der Regierung der UdSSR bist du als Feind des Volkes verhaftet.“
Die anderen Klassen hatten schon Sommerferien. Nur die Schüler der Oberstufe hielten sich noch im Schulgebäude auf und warteten auf ihre Prüfungen. In einer Klasse nebenan hatten sich mehrere Schüler zu einer Vorbereitungssitzung eingefunden. Als diese auf das Poltern der Stiefel auf dem Flur hin die Ohren spitzten, öffnete der pensionierte Lehrer Spiridon Cocea die Tür, um nachzusehen, was dort vor sich ging, doch näherte sich rasch ein Soldat, schob ihn in die Klasse zurück und flüsterte ihm zu:
„Es hat noch nicht zur Pause geklingelt. Geh brav in deine Klasse zurück, Alter.“
Kreideweiß im Gesicht und mit schwacher Stimme versuchte jener zu protestieren.
„Aber meine Herren …“
Mit lautem Krachen schlug man ihm die Tür vor der Nase zu.
Ulmu musterte den Leutnant mit prüfendem Blick.
„Sind Sie der Vorgesetzte?“
„Exakt.“
„Wie ich sehe, steht vor jedem Fenster unten ein Posten, ich kann also nicht entkommen. Ich bitte Sie nur darum, mir zu erlauben, den Unterricht zu beenden. Ich geben den Schülern eine Hausaufgabe und dann komme ich mit Ihnen, wohin Sie es wünschen.“
Ein Soldat versuchte ihn zu schlagen, aber der Leutnant, ein junger Mann mit sich noch kaum abzeichnendem Schnurrbart und engen mongoliden Augen, gab ihnen ein Zeichen, einzuhalten.
„Gut, wir warten auf dich … Fünf Minuten.“
Ulmu ging in die Klasse zurück und schloss die Tür hinter sich. Was konnte er ihnen in nur fünf Minuten noch sagen von dem, was er über die Monate hinweg nicht geschafft hatte, ihnen zu sagen?! Er überwand das Zittern seiner Hände und suchte so ruhig wie möglich aufzutreten und gut aufgelegt zu scheinen.
„Oh! Meine Lieben! Mir scheint, ihr seid alle miteinander verliebt … Ihr habt euch gut für die heutige Stunde vorbereitet. Ich freue mich für euch. Als Fazit möchte auch ich festhalten: Unser Volk ist dazu verdammt, zu lieben. Es hat sich niemals auf die Welt bezogen, sondern hat die Welt immer auf sich bezogen. Es hat sie geliebt, ohne immerfort zu erwarten, dass diese Liebe im gleichen Ausmaß entgegnet werde. Die Liebe ist der Geist, der die Materie durchzieht, um sie zu beseelen und zu spiritualisieren, auf dass auch sie derart die Fähigkeit erlange, zu lieben …“
Er sprach ohne Hast, mit einer suspekten Sanftmut in der Stimme, als ob die Schüler nicht von den Soldaten gewusst hätten, die ihn draußen vor der Tür erwarteten, als ob jene fünf Minuten, die ihm vom Leutnant gewährt worden waren, mit der Ewigkeit gleich wären.
„Jetzt aber tragt in eure Hefte das Thema der Hausaufgabe ein. Liviu Dragu, geh zur Tafel und schreibe …“
Dragu stand auf und nahm die Kreide in die Hand.
Ulmu diktierte:
„… Als Mensch zu leben – eine Kunst oder eine Bestimmung?“
„Bereitet dieses Thema vor – für das nächste Mal, wenn wir uns sehen.“
Er sagte ihnen weder „Auf Wiedersehen!“ noch „Bis bald!“, umfasste sie mit seinem Blick und ging, ein vertrauensvolles Lächeln andeutend, aus der Klasse. Auf dem Flur erwartete ihn der knabenhafte Leutnant. Er flüsterte zum Offizier:
„Verstehen Sie mich bitte, ich bin ihr Literaturlehrer … Ich flehe Sie an. Ich wollte nicht, dass sie mich in Handschellen oder mit auf den Rücken gebundenen Händen sehen, wie einen Häftling …“
„In Ordnung. Ich verstehe Sie. Denn auch ich war ein paar Jahre lang Lehrer für russische Literatur in Kasan …“
Als sie aus dem Schulhof heraustraten, sahen die Schüler, die sich hinter den Fenstern zusammengedrängt hatten, wie ihr Lehrer friedlich mit dem Offizier diskutierte und ihnen dreißig Soldaten ungeordnet nachfolgten. Die Soldaten erklommen die Ladefläche des Lastwagens, während der Leutnant dem Lehrer Ulmu einen Platz neben sich in der Fahrerkabine anbot. Als er seinen Fuß auf das Trittbrett zur Fahrerkabine setzte, drehte Ulmu seinen Kopf um und sah, wie sich seine ganze Klasse an den Fenstern zusammengepfercht hatte. Er gab ihnen kein Zeichen mit der Hand, damit seine Geste nicht falsch ausgelegt werde. Er lächelte noch einmal, lächelte breit, während er seinen Platz in der Kabine neben dem Offizier einnahm, dessen gewiss, dass sein Lächeln von den Schülern unmöglich nicht wahrgenommen werden konnte, denen er viel mehr als ein Lehrer und Klassenlehrer, denen er ein Freund gewesen war.
Der Lastwagen setzte sich in Bewegung. Durch Poiana fuhren nicht mehr als vier, fünf Autos im Jahr. Gänse und Kinder beeilten sich nicht, ihm aus dem Weg zu gehen. Die Dorfbewohner liefen zu ihren Zäunen und verfolgten den Wagen mit neugierigen Blicken. So sah das ganze Dorf, wie Lehrer Ulmu zwischen dem Fahrer und dem Leutnant saß wie bei einem Ausflug und sich mit ihnen fröhlich unterhielt.
Poiana überbordete vor Grün. Die Obstgärten schimmerten vor reifen Kirschen. Die Felder rauschten golden.
Der Weg zur Kreisstadt führte einen langen Berg von etwa zehn Kilometern Länge hinauf.
Inmitten des Anstiegs hielt der Lastwagen keuchend an. Lehrer Ulmu wurde aus der Kabine geworfen wie ein Sack Kartoffeln. Nachdem man ihm Handschellen angelegt hatte, wurde er von den rohen Armen der Soldaten hinter die Wagenplane gestoßen und zu Boden geworfen.
Davon bekam niemand etwas mit außer Safta, einer Alten, die an jenem Tage zufällig Reisig in einem am Wegesrand gelegenen Robinienwäldchen sammelte. Diese erzählte es furchtergriffen einer Klatschtante aus dem Dorf, die es wiederum einer anderen erzählte, die ihrerseits bis zum Abend dem ganzen Dorf berichtete, was sie vernommen hatte.
Niemand aber schenkte ihr Glauben, da der Offizier, der an jenem Tage zur Schule gekommen war, ein Freund des Lehrers Ulmu war und ihm den Platz neben sich in der Fahrerkabine überlassen hatte.
Nachdem Mihai Ulmu bis zum Abend des Tages nicht mehr nach Poiana zurückehrte, vermuteten die Leute, dass er zur Armee eingezogen worden sei, wo zu dieser Zeit großer Bedarf an Kennern der deutschen Sprache bestand, oder dass er nach Rumänien geschickt worden sei, wo er eine soziale Revolution in die Wege leiten würde, oder dass er als Militärarzt eingestellt worden sei, eine Tätigkeit, die er von seinem Vater erlernt habe …
Es gab viel Gerede, das sich aus dem Umstand nährte, dass sich die Rückkehr des Literaturlehrers ins Dorf verzögerte …
… Mihai Ulmu sollte erst nach dreizehn Jahren in seine Schule in Poiana zurückkehren.
Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt.
Fjodor Dostojewski
Das erste Verhör fand in der Kreisstadt am Sitz des NKWD in der ehemaligen bischöflichen Residenz statt. Die Bilder der von Raubtieren zerfleischten oder auf Scheiterhaufen geworfenen Märtyrer waren noch nicht von den Wänden gekratzt, was dem Saal, in den Ulmu gebracht wurde, eine bizarre Schlichtheit verschaffte. Zwischen Heiligen, die predigten, und Engeln, die mit ihren Flügeln schlugen, fixierte ihn der Staatschef mit strengem Blick aus einem riesigen Porträt heraus, das an der Wand gleich hinter dem Tisch des Ermittlers hing. Es war dasselbe Porträt wie in seiner Klasse, nur von viel größeren Ausmaßen.
Am Tisch saß ein Mann von rund dreißig Jahren. Man sah, dass er von feinem Gemüte war: seine Haltung war die eines Aristokraten, elegante Kleidung hing über seinen Schultern, sein Gesicht war bleich, wie mit einer Theatermaske bedeckt, auf die in feinen Nuancen Schminke aufgetragen war, seine Blicke – melancholisch. Ohne sich zu beeilen, feilte er seine Fingernägel.
