Die heilende Zeit - Nadja Solenka - E-Book

Die heilende Zeit E-Book

Nadja Solenka

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Beschreibung

Während eines Griechenland-Urlaubs in Kalambaka lernen sich Tanita und Georgios kennen und lieben. Nach Tanitas Idee, erzählt sich das Paar ihre Lebensgeschichten in Tagebuchform. Darüber lernen sie sich näher kennen. Tanita spricht mit Georgios ab sich nach der Schrift auf Kreta zu treffen, um die Tagebuchgeschichten zu besprechen. Sie erklären sich gegenseitig, dass das Leben so mit ihnen gespielt hat. Aber es hält sie nicht ab, im weiteren aufeinander zu zugehen. Bei einem Familienfest wird ihre Liebe noch auf die Probe gestellt. Das Ende lässt nichts offen.

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Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Nadja Solenka

Die heilende Zeit

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

Impressum neobooks

Vorwort

Und wenn der Mensch ein Mensch ...

Und wenn der Mensch ein Mensch bleibt, der sich an anderen nicht mehr reibt?

der mehr als andere fühlt

noch ist kein innerer Kern verglüht

Ein Mensch, der sich kein Leben misst?

weil keiner weiß, wer er als Mensch doch ist?

1. Kapitel

Kennenlernen in einem Restaurant

Die Sonne verdunkelte sich durch Wolken, vorher verwandelte sie noch das Bergdorf Kalambaka in sanftes Licht. Trotzdem war es ein warmer Tag, der schwül anmutete. Man dachte sogar, es könnte Regen aufkommen.

Tanita zog sich ihre beige Windjacke zu und wunderte sich, dass sich das Wetter so schnell änderte. Aber es war ja April.

Der Mann, der ihr gegenüber saß, schaute konzentriert die Speisekarte an. Er sah aus wie ein Grieche, mit seinen dunkelbraunen Haaren und seinen schwarzen Augen. Georgios taxierte, nachdem er ein Essen gewählt hatte, ihre außergewöhnliche Schönheit. Es überraschte ihn ihre etwas ungelenke Art.

Tanita schaute auch die Speisekarte durch und überlegte sich ein Gemüsegericht zu bestellen. Fleisch war ihr in der letzten Zeit nicht gut bekommen. Ein „griechischer Salat“ würde bestimmt reichen sie satt zu machen, dachte sie. Die meisten ihrer Freunde waren sehr besorgt gewesen, sie hatte mehr als dreißig Kilos abgenommen – von achtzig Kilos bis an die neunundvierzig Kilogramm runter. „An sich nichts außergewöhnliches“, hatte ihr Arzt versucht sie zu beruhigen. Auch eine Therapieform, man denkt sich das einfach alles anders, überlegte Tanita. Ein wenig unkonzentriert trank sie von ihrem Wein.

Georgios versuchte die schwarz-aschblonde Erscheinung mit den blauen Augen einzuschätzen. Die Frau, die ihm gegenüber saß, wirkte etwas fahrig und gleichermaßen zentriert in ihrer Mitte. Durch ihre Art sich zu kleiden kam er durch seine Reflexionen darauf, dass sie vielleicht Mutter sein könnte.

Alle anderen Tische waren besetzt, er hatte sich also zu dieser Frau hinzu gesellt, als hätte Gott ihm diesen einzigen noch möglichen Platz zugewiesen.

Tanita sah in dem Mann gegenüber, der sie so unauffällig ansah, eine gewisse Ähnlichkeit mit ihrem ursprünglichen Vater. Ein Mann, den sie früh verloren hatte. Da war sie vierzehn Jahre alt gewesen. Ihr Altvorderer, der Industriekaufmann war, hatte sie stets belassen in ihrer Ähnlichkeit zu ihm. Aggressiv und fordernd zugleich war er aber, wenn sie Gott nicht ein Gemäß geben sollte, wenn Tanita zu beflissen ihr eigenes für andere und nicht für den Himmel abgrasen wollte. Sie wurde jedoch früh zur Selbstständigkeit erzogen, dazu entwickelt für andere da zu sein.

Georgios begann das Gespräch: „Es wird wohl heute noch Regen geben. Eigentlich schade, man kann sich nicht so einfach auf den Weg in die Berge machen, um seiner Langeweile zu entrinnen.“ Tanita zuckte zusammen. Er sprach so vertraut mit ihr, als würden sie sich immer schon kennen. „Ich bin gar nicht mal so schade damit, die Sonne war doch viel zu drückend. Irgendwie musste wohl mal die Spannung raus. Es wird mit Sicherheit ein Gewitter geben müssen.“ Er lächelte, trank an seinem Rotwein und erklärte, dass er ja Unterschlupf finden könnte bei seinen Eltern, die aus diesem Bergdorf stammen würden. Sie hätten sich in Deutschland eine Ferienwohnung erarbeitet. Man könnte letztendlich nichts dagegen haben, außer dass sie weder heimatliche Gefühle für das griechische Land, noch für ihr Leben in deutschen Gefilden hätten. Und dann stellte er sich mit Namen vor: „Ich heiße übrigens Georgios.“ Auch Tanita benannte sich. Er fand ihren Vornamen interessant und selten, aber passend zu ihrer Melange in der Haut, was er nicht laut sagte.

Dann drehte sie nervös an dem Knopf ihrer dunklen Bluse herum, die aus ihrer Jacke hervorschaute. Überrascht war Tanita, dass er so persönliche Worte über sein Leben zum Ausdruck brachte, man kannte sich doch gerade erst. Sie öffnete ihre Windjacke, ohne sich großartig dessen bewusst zu sein.

Als der Kellner kam, errötete Tanita und Georgios schmunzelte in sich hinein. Nachdem sie das Essen bestellten, lächelten sie sich zu, der Kellner war schon außer Sichtweise. Natürlich duzten sie sich, sie waren beide ja erst Anfang um die dreißig.

Georgios aß bedächtig seine Souflakia und Tanita war froh, dass ihr der „griechische Salat“ mundete. Beim Essen sprachen sie wenige Worte. Nachher zündete sich Georgios eine selbst gedrehte Zigarette an.

Tanita, die etwas aufgelockert war durch den Wein, erzählte auch sie würde ihre Familie besuchen. Sie sagte: “Meine Mutter, eine Griechin, ist ebenso hier, mit meinem Stiefvater, einem Deutschen. Vavroula hatte sich im Bergischen viel Geld angespart, zunächst mit meinem leiblichen Vater, der auch Deutscher war und früh verstarb. Es war soviel Geld, dass sie mit meinem Stiefvater so viel ansammelte, dass sie sich hier in Kalambaka ein Häuschen erstehen konnten.“ Georgios meinte: „Komisch, dass mir deine Mutter mit ihrer Familie nie so ins Auge gefallen ist.“ Tanita antwortete: “Ach so, ich war oft bei meiner deutschen Tante untergebracht. Ich war ein schwieriges Kind, musste um meinen Stand in der Schule kämpfen. Meine Mutter war mit meinem Vater und im späteren mit meinem Stiefvater bei den Großeltern mütterlicherseits in Kalambaka. Irgendwie scheint man sich verpasst zu haben, aber die Schulferienzeiten sind ja zumeist unterschiedlich in Deutschland.“ Er nickte. Tanita meinte weiterhin: „Vielleicht war es auch so vorherbestimmt, dass ich die Schule durch meine Tante Hermine schaffte. Sie war halt strenger und kannte sich mit deutschen Schulaufgaben besser aus als meine Mutter, und dann war mir das lieber so. Bestimmt hätte ich mich sonst nicht so zurecht gefunden.“ Georgios meinte zustimmend: „Das ist bei halb-griechischen Migranten nichts seltenes. Vielleicht wollte man dir nur helfen.“

Im weiteren vertrauten Gespräch kam heraus, dass er Physiker und Mathematiker wäre, in Berlin studiert hätte und im Lehramt sein Einkommen haben würde. Tanita erklärte dazu: Sie hätte trotz Kind, einem Sohn mit Namen Stephanos, Soziologie und Germanistik studiert und im weiteren keine Anstellung gefunden. Später wäre sie dann einfach Bäckerei-Fachverkäuferin geworden. Georgios schluckte enttäuscht, dachte seine neue Bekannte wäre schon vergeben, aber im Gespräch stellte sich dann heraus, dass sie alleinerziehend wäre. Er atmete erleichtert auf. Schließlich wurde er aufgrund ihres müden Blickes neugierig und schlug eine Wanderung zu einem der Meteora-Klöster vor. Und Tanita sagte nicht nein, sie hatte gedacht, er würde sie für lebensuntüchtig halten. Laut sagte sie: „Warum nicht.“

Georgios bezahlte für sie mit und Tanita war das etwas peinlich, kannten sie sich doch kaum, aber sie wollte ihm nicht vor dem Kopf stoßen. Nachdem sie das Restaurant verlassen hatten, schien die Sonne wieder heiß. Ein angenehmer Wind blies.

Während der Wanderung schwiegen sie eine Weile und Tanita wurde diese Wortlosigkeit schon unangenehm, da durchbrach Georgios die Stille und fragte fast unmotiviert: „Bist du eigentlich Einzelkind?“ Tanita antwortete direkt, froh, dass man einen Gesprächsstoff gefunden hatte: „Nein, meine Halbschwester Kassie ist auch hier, sie ist siebzehn Jahre alt.“ Georgios wich einem Stein, der auf dem Boden lag, aus und meinte: “Die habe ich bestimmt noch nicht großartig hier bemerkt.“ „Dieses Dorf hat augenscheinlich einen anonymen Charakter. Schon zwei Straßen weiter und man weiß nicht genau, wer wer ist“, entgegnete sie. Tanita duckte sich dann vor einem herunter hängendem Ast und fragte: „Aber mal was anderes, hast du eigentlich auch noch eine Schwester oder einen Bruder?“ Georgios sagte: „Ja, ich habe Geschwister, die aus einer zweiten Ehe meines Vaters stammen. Meine beiden Schwestern sind diesmal nicht dabei. Und dazu, dass man sich nicht so traf, ist zu sagen, dass ich mit meiner Familie nach Frankfurt kam, als ich noch klein war. Auch ich war seltener bei den Ferien dabei, aber erst in späteren Jahren. Da war ich schon älter. Ich kam dann wenig hierhin. Ging mehr in die Jugend-Freizeiten. Das wurde damals gesellschaftsfähig in Deutschland und außerdem wollte ich nicht ständig mit meinen Eltern und den Großeltern zusammen sein.“ Tanita nickte verständnisvoll. Sie war erstaunt über sein Vertrauen und seine persönliche Ausdrucksweise. Georgios sagte dann, als sie so gar nichts dazu sagen wollte: „Dann haben meine Eltern die Mietwohnung erst erstanden, als ich siebzehn war. Sie sind sehr stolz auf ihren Besitz. Ich kann damit weniger anfangen, aber ich gönne es ihnen. Sie haben es sich schließlich hart erarbeitet.“ Tanita, die nicht ahnte, dass dieser beinahe Vortrags-artige Monolog seine Art war zu werben, antwortete begeistert über seine Redeweise: „Das tun die Griechen in Deutschland zumeist, das arbeiten bis zum Umkippen, hier kennt man sie anders.“

Tanita erzählte während ihrer Wanderung durch das Tal, dass sie viel zu früh Mutter geworden war. Stephanos wäre ein „Betriebsunfall“ gewesen, als sie ihn gebar wäre sie gerade mal fünfzehn Jahre alt gewesen.

Georgios atmete nervös aus, ein wenig enttäuscht war er, dass ihr das Leben so etwas angetan hatte. Laut sagte er hingegen, als sie durch ein Dickicht gingen: „Eine junge Mutter zu sein, damit hat man wenigstens eine Aufgabe und ist früher wieder aus der Kiste raus.“ Tanita lächelte und sagte: “Stephanos ist ein wissbegieriger Junge, und es macht mir viel Spaß ihn großzuziehen. Außerdem habe ich schon noch Hilfe mit ihm. Momentan ist er bei Bertine, meiner Großmutter, in Deutschland. Sie ist gerne mit Stephanos, weil er der einzige Enkelsohn ist, ist sie ganz vernarrt in ihn.“ Georgios antwortete einfühlend: „Dann kannst du dich von der schweren Verantwortung immer mal erholen.“ Schließlich stellte er beiläufig die Frage: „Und gibt es einen sozialen Ersatzvater?“

Tanita erbleichte, dann sagte sie: „Momentan nicht. Ich möchte auch weniger einen Mann, der meinen Sohn mit anderen Vorstellungen erzieht, da bin ich ganz eigen. Dann finde ich es auch spannend einen Sohn groß werden zu sehen, der dann später etwas besonderes wird. Ich musste mir bei allem, was ihm und mir im Leben so geschah, sehr viel selber einfallen lassen.“ „Und was war das alles?“, fragte Georgios interessiert. Denn er konnte sich nicht vorstellen, dass einem dies oder das schwer sein könnte, wenn man wirkliche Hilfe hatte, was er dann auch laut thematisierte. Tanita zog die Stirn kraus, fast wirkte es so, dass sie etwas wütend werden wollte, weil er ihr vielleicht schweres unterstellen wollte. Aber sie lenkte innerlich ein, sie wollte nichts laut sagen. Und Tanita erinnerte sich daran, dass ihre Mutter zumeist in so einem Zusammenhang erklärte, dass man selber Kinder haben müsste, um über die Aufzucht etwas zu wissen. Tanita überlegte deswegen, dass sie Georgios nicht erklären würde, was genau das Schwere an der Erziehung von anspruchsvolleren Kindern wäre. Sie bevorzugte es zu erzählen, dass sie des öfteren mit Stephanos zu den Meteora gegangen wäre. Und ihr Sohn ihr eines Tages eine schwierige Frage stellte, die sie merkwürdigerweise direkt beantworten konnte, als hätte Gott seine Hand dabei im Spiel gehabt. „Und welche Frage war das?“, fragte Georgios gespannt. „Er wollte wissen, wie die Monolithen entstanden wären“, antwortete Tanita direkt.

„Und dann konntest Du also antworten, auch nicht schlecht“, meinte Georgios irgendwie überrascht.

Dann nickte er innerlich, als hätte er gar keine Frage mehr zu stellen. Dachte er wohl an Gottes Fügungen? Georgios wirkte vertraut und unnahbar zugleich. Tanita erzählte weiter: „So konnte ich Stephanos erklären, dass die Monolithen Ablagerungen eines Binnenmeeres sind. Und das durch tektonische Verschiebungen vor zehn Millionen Jahren ein Bergmassiv nach oben gedrückt wurde. Dabei sind dann Risse entstanden an den Flanken des Bergmassivs, die sich nach und nach zu Spalten ausweiteten. So hatten die weichen Gesteinsschichten verloren. Im Laufe der Jahrhunderte wurden diese Gesteinsschichten dann von kontinuierlicher Korrosion durch Wind und Regen abgetragen.“ Georgios schmunzelte, und dann sagte er: „Dann weißt du ja was Jungen wissen wollen.“ Tanita meinte lächelnd: „Na, ja.“

Als sie eine Weile stillschweigend so daher wanderten, war auch Georgios bemüht, die Stimmung etwas aufzulockern, noch kannten sie sich ja kaum. Er kam auf ihr Tief, weil Tanita etwas heiser meinte, dass die Klöster uneinnehmbar schienen. Man könnte sie betrachten, ohne das Gefühl zu haben, man hätte etwas darauf gepachtet. Deswegen antwortete Georgios gestikulierend: „Geschichtlich lässt sich zu diesen Himmels-nahen Bauten sagen, dass im vierzehnten Jahrhundert die damalige byzanthinische Macht bröckelte. So flohen viele der thessalischen Mönche in die Meteora-Berge. Und als die Gewalt sich steigerte, sahen die Mönche sich gezwungen, die Klöster weiter oben zu errichten, was eigentlich den Bau der spektakulären Gebäude erklärt.“ Tanita erwiderte: „So in etwa habe ich das von meinen Eltern auch beschrieben bekommen.“

Nachdem Georgios dann im weiteren Gesprächsverlauf aufgrund von Tanitas Argwohn versicherte, noch rechtzeitig auf Aghia Triada ankommen zu können: „Die Klosteranlage hat bis siebzehn Uhr geöffnet“, zog Tanita ihre Jacke aus. Georgios zuckte unmerklich zusammen. Und Tanita fuhr sich durch die verschwitzen Haare.

Bei den Stufen hin zum Kloster vergegenwärtigte sie sich die vielen Stufen und dachte nur, sie würde es schon schaffen. Er hielt ihr sensitiv seine Hand hin, als es auf den Stiegen unwegsamer wurde. Tanita schlug sie aber aus, er sollte nichts falsches über sie und ihre Ängste denken. Nur um etwas interessantes zu sagen meinte sie, dass auf Triada im Jahr 1981 ein James Bond Film gedreht worden wäre: „In tödlicher Mission“. Georgios sagte dazu: “Ja, davon habe ich gehört.“

Er half ihr dann doch, um Tanita weiter nach oben zu bringen, weil sie schlapp machte mit ihrer Höhenangst. So meinte er, um sie von ihrer Furcht abzulenken: „Die Treppe soll es erst seit 1925 geben.“ Sie nickte nervös, aber sie sagte dann, auch nur um etwas von sich zu geben: „Das Hinaufziehen der Mönche per Seilkraft gibt es übrigens heute noch.“ „Ja, das fand ich als Kind immer so spannend“, entgegnete er etwas belustigt.

Als sie den schwierigen Aufstieg geschafft hatten, machten sie sich besinnlich daran, das Kloster der Dreifaltigkeit, das immer noch bewohnt war, zu besichtigen. Ein kühler, stiller Raum beruhigte Tanitas Sinne. Und als sie sich draußen an das Kreuz stellten, das direkt vor dem Abgrund fest gemacht worden war, und sie in das tiefe Tal schauten, schauderte es ihr unmerklich. Doch der warme Wind schmeichelte Tanitas Verliebtheit, während der Wanderung hatte sie sich immer mehr in Georgios warme Stimme und in seine Seele verguckt. Seine direkte Nähe ließ sie an die Reinkarnation glauben. Er sah sie konzentriert an, auch er fühlte sich im siebten Himmel der Verliebten, dann zog Georgios sie von dem Kreuz weg und sagte: „Lasse uns den Weg zurück ins Dorf finden.“

Während des Rückwegs ins Dorf erzählten sie sich von ihren Empfindungen, die sie hatten, wenn sie das griechische Land bereisten. Sie sprachen miteinander als hätten sie sich schon immer gekannt.

Wieder in Kalambaka angekommen, beschlossen sie die Eltern von Georgios aufzusuchen. Tanita war überrascht, wie das Leben auf einmal mit ihr spielte. Und er dachte, dass er zum ersten Mal eine Frau seinen Eltern vorstellen wollte.

2. Kapitel

Besuch bei Georgios Eltern

Als sie im späteren gemeinsam durch die Stadt zogen, überlegte Tanita, warum sie mit einem Mal sah, dass die Ladenbesitzer kein Dasein fristeten. Sie lebten vielmehr für sich, als wäre der nächste Tag ihr letzter. Falls nicht ein Tourist z.B. eine Spiel-Kette kaufen würde, um den Gleichmut von Griechen in irgendeinem Cafe nachstellen würde, um sich glaubwürdig als kultureller Kenner der griechischen Innerlichkeit zu geben, könnten sie schon dicht machen. Schon der letzte Tourist, der bummeln würde ohne ein Souvenir für zu Hause zu erstehen, könnte schon ihr finanzieller Ruin sein, sinnierte Tanita im weiteren die finanzielle Komponente. Doch sie sagte es ihm nicht. Georgios sollte sie nicht für einen Blaustrumpf halten.

Er wollte seinen Eltern noch ein Ofen-warmes Brot vorbei bringen. Und so zählte er sein Geld nach. Merkwürdig Georgios wirkte nicht gerade geizig, aber wie viele Griechen schien er nicht gerade mit Geld umgehen zu können. Sie als Halbgriechin fand es immer schon erfüllender inneres Geld in sich zu bergen, und das Geld, das man hat ruhig ausgeben zu wollen. Die Deutschen wollten ja eher etwas besonderes darstellen, was über das finanzielle hinausging. Deutschland hieß nicht umsonst das Land der Dichter und Denker.

Als sie sich so schweigend auf die Ferienwohnung von Georgios Eltern zu bewegten, fragte er: „Warum so still und schweigend?“ „Ach ich dachte gerade über die Unterschiede zwischen deutschen und griechischen Menschen nach. So viel sie hier manchmal darstellen wollen, sie wirken irgendwie ziemlich gestresst und dann wieder so bedächtig, fast schizophren. „Und die Deutschen?“, fragte er nickend.

So erzählte Tanita weiter, weil ihm ihre Art zu gefallen schien: „Die Deutschen sind eigentlich so offensichtlich geschäftstüchtig und interessanterweise strukturierter, als die Griechen, sogar auf den Dörfern, wo noch so viele Alten leben. Und sie lassen sich nicht so treiben, was ihnen nur nicht passt. Kein Grieche kann hingegen wirklich leben mit allem was ist, aber sie leben halt trotzdem, ja irgendwie schon. Sie schenken Liebe und Leben, sind sentimental, fast wie die Spanier und die Russen. Aber sie zerbrechen ungern am stetigen Streben, natürlich wie fast jeder. Und die Deutschen sind da kein bisschen anders. Aber im Heimatland meines Vaters arbeitet man zumindest daran, auch wenn sie dort allzu oft die anderen stehen lassen, mit dem was man selber darstellen will, vielleicht wie hier. Na, ja, aber keiner kann letztendlich damit wegkommen, wenn Gott etwas nicht passt.“

Georgios schmunzelte etwas über diesen leisen Vortrag und dann meinte er: „Das klingt nach studierter Soziologie. Und stimmt das im Ganzen für dich?“ Tanita zog ihre Windjacke zu, die sie wieder angezogen hatte. Dann sagte sie: „Schon noch, auch wenn es private Einschätzungen sind, gespeist aus Beobachtungen.“ Georgios zog die Schultern hoch und sagte nichts mehr. Bei sich bleibend überlegte er, dass sie wohl nicht wusste, was sie ihm damit sagen konnte. Er hatte oft Brücken schlagen müssen hin zu seinem eigenen Leben. Wäre er nicht Physiker und vielmehr noch Mathematiker gewesen, hätte ihm die kopflastige Art der Deutschen und die leichtlebigen Züge seiner Eltern beinah in schizophrene Verhaltensweisen hineingetrieben. Georgios dachte auch an seine von seinem Helfer-Syndrom geprägte Kindheit und wie seine Geschwister mehr bei ihm groß wurden. Gott sei Dank hatte er was für sich gefunden, um auch noch wer zu sein. Er war zwar so erzogen, aber hätte er damals nicht eine gewisse Liebe zu einer Frau erfahren dürfen, er war damals gerade sechzehn Jahre alt gewesen, wäre er heute noch der Hausmann und der Erzieher für seine Mutter und die beiden Gören.

Georgios überlegte, dass er schon früh den Haushalt mitgestalten musste, da war er erst sieben Jahre alt gewesen. Zu Hause blieb zunächst wegen der zu dieser Zeit beginnenden Berufstätigkeit seiner Mutter das meiste liegen. Aber wie es bei vielen griechischen Ehefrauen, die im Ausland arbeiteten der Fall war, ließ seine Mutter, die Paraskevie hieß, durch ihr Kind den Haushalt nach einigen Erklärungen mitgestalten. Doch Georgios fand das nicht komplett falsch, er kannte es ja nicht anders ...

Tanita spürte die graue Stimmung ihrer Ferien-Bekanntschaft und fragte: „Warum bist du so still?“ Er antwortete: „Ach ich dachte auch so persönlich für mich über die Unterschiede der Nationen nach.“ „Und zu welchem Schluss bist du gekommen?“, fragte sie interessiert. „Also ich dachte auch darüber nach, dass ich allzu oft helfen musste bei der Haushaltsführung und dass Griechinnen nun mal so sind“, antwortete Georgios. „Ach, so“, meinte Tanita nur. Dann sagte sie, als sie nachdenklich ihr Haar aus der Stirn strich: „Das kenne ich auch, man wird schnell als Mensch ausgenutzt, wenn man es mitbringt nachgiebig zu sein, darf man traurig und glücklich zugleich sein. „Warum glücklich?“, er hob die Brottüte etwas an und verschloss sie dann mit der linken Hand. Es begann zu regnen und weiße Wolken senkten sich herab. Sie sahen aus wie Wattebäusche.

Tanita, die eine Weile überlegt hatte, meinte: „Glücklich, weil man dann nicht so zerbrochen wird darauf, lieber ein Kind sein zu wollen.“ „Stimmt schon“, sagte Georgios etwas später. „Aber?“, fragte sie überrascht, dass er zustimmte, Tanita hatte ihn für einen typischen griechischen Sohn gehalten, der sich lieber aus dem Haushalt raus gehalten hätte. „Nun, ich denke gar nicht so viel mehr, nur was kann man machen, das ist eben die einzige Philosophie, die ich als Grieche Gott gegenüber nicht vollkommen falsch finde.“