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Aufgrund eines Kuraufenthalts beschließt die Erzählerin ihre Geschichte aufzuschreiben. Sie entscheidet sich für die Darlegung ihrer inneren und äußeren Geschichte. Beleuchtet die Gründe für ihr "Krank-Sein" und die Findung ihrer Berufung als "Überlebenskünstlerin".
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Seitenzahl: 103
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Nadja Solenka
Traumtanz und Alltagsclinch
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
Impressum neobooks
Der Kuraufenthalt - Ein Blick in die Zukunft.
Ich sah mich noch wie ich vor kurzem bei meinem Hausarzt in der Praxis saß. Das frühe Licht tauchte den Garten vor dem Fenster in diffuses Licht. Dr. Martens fuhr sich durch seinen dichten Bart und spielte mit seinem Stethoskop. „Es ist an der Zeit für dich ein wenig Ruhe zu finden. Die Erkrankungen in der letzten Zeit stimmen mich zu bedenklich, auch die Haushaltsunfälle lassen darauf schließen, dass du einfach nicht mehr mitmachst.“
Ich zuckte unmerklich zusammen, durfte man doch von Haus aus kaum eine Schwäche zeigen, die darauf schließen ließ, dass irgendetwas fehl geschlagen war. Dann nickte ich meinem Arzt zu und meinte: „Warum nicht, es kann ja nicht schaden.“
Ich sah mich auch noch vor drei Wochen von der Fensterbank stürzen, während ich die Gardinen aufgehängte, und wie mir ein Regalbrett, zwei Wochen später, aus einer gewissen Höhe, auf dem Kopf fiel. Das ganze war also fünf Wochen her. Bei beiden Fällen war ich mit dem Leben davon gekommen.
So entschied Dr. Martens, mich in eine Kurklinik für Kreislaufkrankheiten einzuweisen.
„Ich werde alles in die Wege leiten, kommt Zeit kommt Rat,“ meinte mein Hausarzt.
Ich verabschiedete mich und dann ließ ich mir ein Rezept ausdrucken bei der Arzthelferin, war eigentlich wegen einer chronischen Magen- Darmgeschichte vorbei gekommen. Nach diesem Prozedere ging ich ein wenig erschöpft aus der Praxis.
Zu Hause kochte ich mir einen Gesundheitstee, den ich mir noch in einem Drogeriemarkt eingekauft hatte. So richtig eigenständig war ich zwar nicht erzogen, aber ich fühlte, dass nach einem Arztbesuch nur noch ein Tick fehlte, um mich vor Gott gnädig zu stimmen. Vielleicht war ich wirklich einfach zu gestresst, denn als Mutter mit zwei Kindern und der Karriere meines Mannes war ich oft überfordert, kam längst nicht mehr hin. Auch wenn die Kinder längst groß und er im Beruf fest gesattelt war.
Nikolas war Manager einer großen Firma, fiel wie tot schon am frühen Abend vor dem Fernseher um. Auch ich war zumeist müde, ließ dann aber gerne fünf gerade sein. Bloß die Krankheiten, die sprachen eine andere Sprache. Und so freute ich mich dann doch auf die Kur, wollte wieder einmal an mir und meinen Schwächen arbeiten.
In den vier Wochen, zwischen den eisigen schneebedeckten Wipfeln und den schweigenden Mienen hin und her gerissen, erlebte ich mich dann zum ersten Mal als extrem ruhebedürftig und aufgehoben von der ärztlichen Riege. Man wurde bei den Anwendungen verwöhnt, in den therapeutischen Gruppen z.T. aufgefangen und tanztherapeutisch aufgefordert alles aus sich herauszutanzen. Das bedeutete mir sehr viel. Zum ersten mal seitdem die Kinder groß waren, fühlte ich, dass es um mich ging.
Aber Gott wollte mir wohl einen eitrigen Zahn ziehen. Nämlich den, dass es immer die anderen sein sollten, die mir etwas zu beschaffen hätten. So fühlte ich, dass es ohne mich selbst nicht weitergehen konnte. Kam mir aber wie so oft wieder auf mich selbst zurückgeworfen vor. Für einen tausendsten Anfang bei mir selbst war das sicherlich nicht falsch.
Als hätte der Herr im Himmel ein Sprachrohr bei einem der Therapeuten für sich selber gefunden, benahm er mich lange Zeit danach, mein mich heilender Gott. Und der therapeutische Arzt meinte, ich sollte Zustimmung finden zu meiner eigenen Seele, womit er mit Sicherheit auch die Annahme meines eigenen, schon länger währenden Lebens meinte.
Im Rauchzimmer erklärte zudem eine Mitrauchende, dass ich aufhören sollte, mich nur als heitere Indifferente und bloß durch andere zu benehmen. Um in Kontakt mit mir zu kommen, sollte ich versuchen alles aufzuschreiben. Dann hatte ich eine verstärkte Empfindung, dass es schon noch stimmte. Man konnte ja nicht Kurende für immer sein. Das schenkte ich ihr und mir.
Dass es nur mit mir selber weitergehen würde, war mir gar nicht mal so unbequem. Außerdem war es eh immer schon mein Wunsch gewesen, mal alles autobiographisch aufzulisten, was mich ein Leben lang bedrückte. Ja, es fehlte sie, eine ultimative Auflistung der Gründe meiner „Krankheitsgeschichte.“ Auch wenn ich Zeit meines Lebens immer mal biographisch beschrieben hatte wie es mir so ergangen war mit meinen Schwierigkeiten im Dasein. Ja, ich war sogar mittlerweile damit eine bekannte Autorin geworden. Und doch würde ich meinen bisherigen Krankheiten bald auf die Spur kommen müssen. Aber auch meinen bislang vonstatten gegangenen Heilungen, um das Gute auch herauszufiltern. Immerhin hatte ich einen weiten Weg zurückgelegt. War vor Jahren noch sehr viel kränker mit meinem Alltag gewesen, ja ich konnte schon noch auf etwas sinnvolles zurückblicken. Doch ich würde diese Erinnerungsarbeit vor mir selbst ablegen, da war ich mir gewiss.
Als ich wieder nach Hause kam, fühlte ich nur für kurze Zeit die Auswirkungen meiner Erholung, denn Nikolas war in diesen Wochen auf dem Zahnfleisch gegangen. Das Rauchen, das man mir therapierte, nahm ich wieder auf. Und alles weitere war nur für wirklich einen Tag eine neue Empfindsamkeit.
Dann bemerkte ich, dass er nicht zum Werwolf wurde, weil er nachspüren konnte, dass ich nicht fremd gegangen war.
Reminizenzen vor dem Hauskauf.
Nach meinem Kunststudium malte ich so meine Bilder, sie wurden in der letzten Zeit immer dunkler, doch Dr. Martens empfand es als ein Medium, „um in gradliniger Weise meine Facetten als Frau auszuloten.“ Doch ich fühlte, dass ich in eine Schwärze hineinzurutschen drohte.
In einer von meiner Heimatstadt im Kohlenpott weit entfernten Stadt an der Mosel, fristete ich einfach nur mein Dasein. Hatte kaum außerhäusigen Kontakt und fühlte, dass sich andere Hausfrauen auch nur so durchschlugen. Weil man Mann da die Flamme ihres Herzens war, ließ man mich nicht in ihre Leben. Was mir allerdings nicht mehr soviel ausmachte. Was sollte ich denn dagegen tun? Mich bei Kaffee und Kuchen bloß dazusetzen und sie weiter gewähren lassen?
Irgendwann wurde ich aber aufgrund meines Vakuums immer kränker.
Selena und Marius, meine Kinder, gingen zwar in der Nachbarschaft aus und ein, brachten auch immer mal wieder Kinder mit in unsere große Wohnung, aber ich definierte mich Zeit meines Lebens nicht durch andere.
In meiner Kindheit im Kohlenpott gab es immer mal wieder, wenn auch im engen Raum, eine private, innere Sphäre. Wenn der Opa auf der Couch saß und es z.B. Kaffee und Kuchen gab, durfte man eine Weile dabeisitzen, dann war man sogar richtig aufgefordert seine eigenen Sachen zu machen. So ging ich oft mit meinen Freundinnen spielen, rackerte so durch die Gegend.
Ein Muster, das ich in diesem Dorf nicht wiederholen konnte, aber auch nicht gerade beabsichtigte auf `s neue zu beleben.
Als meine Alten so nach und nach starben, wurde ich mir da wirklich bewusst, wer ich noch war? Merkwürdigerweise fühlte ich mich nicht allein gelassen, war aber lange Jahre indifferent, was meinte, dass ich nur noch wusste, dass ich weiter ohne sie meinen Weg gehen wollte.
Der Opa auf dem Sofa mit seinem Zuspruch fehlte, und als der Vater und die Großmütter starben, saß ich einige Zeit nur so für mich zwischen meinen eigenen Möbeln herum, fühlte mich fast als Faktotum.
Merkwürdig fand meine Mutter immer mal wieder, wie ich mich zu Leben und Tod stellte. Meine Auffassung war in buddhistischer Manier, dass ein jeder für seine Fehler und seine Schwächen bezahlen musste. Manchmal erst im Leben nach dem Tod, dann eventuell als Baum, vielleicht als Katze und dann erst mal in einer anderen Lebensform, bis man dann vielleicht wiederkommen würde als eine menschliche Reinkarnation, um etwas bewusst aufzuarbeiten. Was? Das sollte Gottes Bier sein dürfen.
Nikolas, der aus einem griechischen Dorf stammte, in dem man seit jeher in engem Kontakt zu Leben und Tod stand, wie die Bienen zu ihren Waben, war der naturellste mit dem Kreislauf der Wiedergeburt, auch wenn ihm der Tod seiner Großeltern mal sehr naheging. Wie ich dachte er, man ist halt einfach nur nochmal da, und das reichte ihm.
Mir ging es nach den letzten vegetativen Schwächen nur noch mau. Sah meine Felle davonschwimmen. Nikolas war ein attraktiver Mann und konnte sich eine Frau im Dorf an der romantischen Mosel aussuchen. Und ich? Ich wollte einfach bloß nicht schlappmachen.
Wenn ich meine Innerlichkeit betrachtete … .
Als ich vor langer Zeit mein Haus zum ersten Mal begutachtete, empfand instinktiv, dass es nur so für uns weitergehen würde, und so drang ich auf Nikolas ein, das Haus zu erstehen. Es war meine Villa Kunterbunt.
Dort ging ich meinen Weg als Hausfrau weiter und die Mutter zu sein, ohne mein eigenes Ich-Erleben zu stärken, das musste ich erst in Eigenständigkeit lernen. Es sollte nichts umsonst gewesen sein, schon gar nicht meine Häuslichkeit.
Durch das Verhalten der Frauen meinem Mann gegenüber im Dorf war beinah jeglicher Kontakt abgerissen, aber nur durch die Hilfe meines Hausarztes nicht zu mir selbst.
Wenn ich meine Innerlichkeit und mein Äußeres bezogen auf mein Haus ansah, weinte ich nicht über mich. Weil ich mich kannte. Denn schon lange wollte ich kein wallendes Haar mehr zum Entwicklungsweg schön finden. Man sollte ruhig in Ruhe und Würde älter geworden sein, nicht nur durch seinen Stress. So trug ich mein Haar mit Reifen zum Bob, fand nur gelebte Falten vor, und dachte erst später, dass meine Rundungen doch egal waren, wer sich liebt lacht trotzdem. Dachte aber auch, dass ich mir meinen Alltagsclinch nicht selber ersann. Die grauen Haare überdeckte ich noch mit Farbe, man könnte mich damit als ich-fixierte Malerin schimpfen oder als lonesome-dancer, es wäre mir egal. Auch das ich schließlich immer molliger wurde, trug ich mit Gleichmut. Aber durch so was musste ich mich dann doch jeden Tag hindurchfinden.
Manchmal drang durch mein kleines Malzimmer ein wenig Sonnenschimmer in den Flur ein, das Licht wirkte dann dämmrig, aber nicht für mich, denn ich kannte meinen Meister im Himmel schon noch recht gut. Und wenn ich diesen Lichteinblick fühlte, hatte ich immer etwas für mich und ihn da, das waren z. B. Fotos, die ich später im Flurschrank über die Kindheit meiner Kinder aufbewahrte. So fand ich auch mal einen Teppich vor, den ich zur Verschönerung meines Heimes erstand, der zwar ziemlich unerschwinglich für mich war, aber ich nahm ihn für mein Gemüt. Der Läufer wirkte im kleinen Flurgang richtig luxeriös, so empfand ich das eben. Kaufte ich mir doch selten etwas, was wirklich teuer war. Das teuerste war als Bekleidungsstück eine braune Lederjacke gewesen, die kostete damals fünfhundert D-Mark. Weil ich selten wegging für die Ehe, erinnerte ich nur, dass Nikolas mich dazu als Ehefrau wollte. Ich konnte nicht mal mehr sagen, wohin ich damals mit ihm ging. Aber ganz ehrlich gesagt hörte das auf, als ich das Haus für uns und unsere Familie wollte. Fast schien es, dass ich durch seine Berufsarbeit gefühlsmäßig erpressbar wurde, trug ich doch nichts zum Lebensunterhalt bei. Mein Wunsch war es jedoch, meinen Kindern eine Kindheit zu bieten, die sie auf ihre beiden Füßen stehen ließ.
Und als Malerin hätte ich eh nur einen ideelen Erwerb mein eigen nennen können, und meine Kunst war für mich sowieso keine Broterwerbsoption gewesen. Hatten Nikolas und ich - wir lernten uns während unserer Studien kennen und lieben - doch miteinander abgemacht, dass ich nach der Geburt der Kinder für sie da sein sollte. So wie er und ich es nie erfahren hatten.
Als es im Haus mit der Ehe schwieriger wurde, weil der Druck nun auf ihn lastete das Haus abzutragen, wurde ich böse wach, stellte fest wie wenig ich als Tochter erzogen worden war.
Und dann begann ich, weil ich nie eine Mutter in der Häuslichkeit erfahren hatte – sie war ein Leben lang berufstätig – mich zu hinterfragen.
