Die Heimkehrer - Sana Krasikov - E-Book

Die Heimkehrer E-Book

Sana Krasikov

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Beschreibung

Diese fesselnde Familiengeschichte fängt ein wichtiges Stück Weltgeschichte ein und erzählt von Idealismus und Verblendung, von der Sehnsucht nach einer Heimat, von den Geheimnissen, die jeder für sich behält, und von der Kraft der Liebe und der Freundschaft.

Die junge Florence Fein beschließt in den 1930ern, der Großen Depression in Amerika den Rücken zu kehren und nach Moskau zu gehen. Wie viele Amerikaner hofft sie, dort nicht nur Unabhängigkeit und Freiheit zu finden, sondern auch eine bessere Welt mit aufbauen zu können. Die politische Aufbruchstimmung begeistert das Mädchen aus Brooklyn, sie hat das Gefühl, sinnvolle Arbeit zu leisten, sie verliebt sich. Doch schon bald muss sie erfahren, was es heißt, in einem totalitären Staat zu leben. Jahrzehnte später erst entdeckt ihr Sohn Julian in inzwischen freigegebenen KGB-Akten die Wahrheit über seine Mutter; da lebt er bereits in den USA und ist nach Moskau gereist, um seinen Sohn Lenny, Florences Enkel, nach Hause zu holen.

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Seitenzahl: 963

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Zum Buch

Die junge Florence Fein beschließt in den 1930ern, der Großen Depression in Amerika den Rücken zu kehren und nach Moskau zu gehen. Wie viele Amerikaner hofft sie, dort nicht nur Unabhängigkeit und Freiheit zu finden, sondern auch eine bessere Welt mit aufbauen zu können. Die politische Aufbruchstimmung begeistert das Mädchen aus Brooklyn, sie hat das Gefühl, eine sinnvolle Arbeit zu leisten, sie verliebt sich. Doch schon bald muss sie erfahren, was es heißt, in einem totalitären Staat zu leben. Jahrzehnte später erst entdeckt ihr Sohn Julian in den inzwischen freigegebenen KGB-Akten die Wahrheit über seine Mutter; da lebt er bereits in den USA und ist nach Moskau gereist, um seinen Sohn Lenny, Florences Enkel, nach Hause zu holen.

Sana Krasikovs packende Familiengeschichte fängt ein wichtiges Stück Weltgeschichte ein und erzählt von Idealismus und Verblendung, von der Sehnsucht nach einer Heimat, von den Geheimnissen, die jeder für sich behält, und von der Kraft von Liebe und Freundschaft.

»Ein mitreißendes, groß angelegtes Kaleidoskop aus Familie, Glaube, Identität, Idealismus und Vertreibung. Krasikov ist eine der außergewöhnlichsten Schriftstellerinnen unserer Zeit.« (Khaled Hosseini)

Zur Autorin

Sana Krasikov wurde in der Ukraine geboren und wuchs in der ehemaligen Sowjetrepublik Georgien und in den Vereinigten Staaten auf. Für ihren Erzählungsband »In Gesellschaft von Männern« wurde sie 2009 für die Shortlist des Hemingway Foundation/PEN Award nominiert und mit dem Sami Rohr Prize for Jewish Literature und dem 5 Under 35 Award der National Book Foundation ausgezeichnet. Sana Krasikov lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in New York City.

Zur Übersetzerin

Silvia Morawetz, geb. 1954 in Gera, ist die mit mehreren Stipendien ausgezeichnete Übersetzerin von u.a. Janice Galloway, Paul Harding, James Kelman, Hilary Mantel, Joyce Carol Oates, Anne Sexton und Ali Smith.

Sana Krasikov

Die Heimkehrer

Roman

Deutsch von Silvia Morawetz

Luchterhand

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel The Patriots bei Spiegel & Grau, einem Imprint von Random House, einem Verlag von Penguin Random House LLC, New York.

Copyright © der Originalausgabe 2017 Sana Krasikov

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2018 Luchterhand Literaturverlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Es konnten nicht alle Rechteinhaber ausfindig gemacht werden. Berechtigte Ansprüche mögen bitte dem Verlag gemeldet werden.

Umschlaggestaltung: buxdesign | München

Covermotiv: © Hulton-Deutsch Collection/ CORBIS/Corbis via Getty Images

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-22866-8V002

www.luchterhand-literaturverlag.de

Für T. Friedman

Inhalt

Prolog

Buch I

1.Qualitative Sprünge

2. Agnosie

3. Brooklyn

4. Graphomanen

5. Gefährliche Liebschaft

6. Stahl

7. Abfahrt

8. Ankunft

Buch II

9. Der große Kommunikator

10. Unabhängigkeitstag

11. Heimkehr

12. Kleine Feinde

Buch III

13. Die magnetische Stadt

14. Gold

15. Ein Mann aus dem Volk

16. Der Glutvogel

17. Eine neue Mentalität

18. Sozialistischer Realismus

19. Verschwörungstheorien

20. Sa nas, sa was

21. Tragische Behördengänge

22. Eine saubere Akte

23. Quittungen

Buch IV

24. Der Altar der Utopisten

25. Hausputz

26. Unsere Freunde aus Genf

27. Leben auf dem Mississippi3

28. Ein würdevoller Rückzug

29. Geheimnisse

30. Aus Wolgaland

31. Kleine Birke

Buch V

32. Unsichtbarer Mann

33. Zweite Chancen

34. Life vs. Prawda

35. Flucht

36. Unter Dampf

37. Wilde mit Chronometern

38. Genosse Brink

39. Mushtschina

Buch VI

40. Der Pilot

41. Die wundersame Flucht

42. Die Dialektik der Florence Fein

43. Avalon

44. Brooklyn

Danksagung

Glossar

Quellen

Prolog

An einem Sonntag im August erschienen ein Junge und ein einarmiger Mann auf dem Bahnsteig des Saratower Bahnhofs. Der Zug, auf den sie warteten, sollte um sechs einlaufen. Zu dieser späten Stunde wurde es langsam kühler. Die Sonne sank, ihr Licht wurde dunkler, und ihre letzten Strahlen färbten den von den Schuhen dahineilender Reisender aufgewirbelten Staub golden. Der durch das Gewühl vorausgehende Mann zog eine selbstgedrehte Zigarette aus der Tasche seines Jacketts und klemmte sie sich zwischen die Zähne. Mit seiner einen Hand zog er ein Streichholz aus der Schachtel, entzündete es und beugte sich über die Flamme. Beim ersten Zug an seiner Zigarette vergewisserte er sich mit einem Blick über die Schulter, dass der Junge nicht von der Menge verschluckt worden war.

Den ganzen Sommer hindurch herrschte auf den Bahnhöfen ein Ansturm, wie es ihn seit dem Krieg nicht mehr gegeben hatte. Um den Gestank der öffentlichen Toiletten zu bekämpfen, streuten die Reinigungskräfte Bleiche in die Latrinengruben. Der Mann verbot dem Jungen, so eine Einrichtung allein aufzusuchen, da dort urki herumlungerten, die einem für das Geld, das man in der Unterwäsche bei sich trug, die Kehle durchschnitten. Zwei Jahre zuvor war eine Welle des Verbrechens auf die Städte zugerollt, denn als Erstes hatte man die Taschendiebe und die Prostituierten, die Mörder, Diebe und Onanisten begnadigt und aus den Gefängnissen entlassen. Erst jetzt, drei Jahre nachdem der Tyrann abgekratzt war, kamen die anderen frei – die Achtundfünfziger, die Konterrevolutionäre und Volksfeinde –, deren Zahl so lächerlich groß war, dass die Herrschenden mit ihrer dauernden Furcht vor Chaos nicht alle auf einmal entließen.

Sie kamen aus Workuta, aus Petschora und Inta, aus Kolyma, Kengir und Perm. Kamen in diesem Sommer mit den Zügen, die nach Süden fuhren, trieben heran wie Baumstämme auf einem geschwollenen Fluss, ganze Wälder von Menschen, gefällt, zusammengebunden und gestapelt und im steigenden Wasser der Strömung überlassen. Ein Winterschlag, in erschreckendem Tempo davongetragen.

Ein Signal ertönte von der Lokomotive an der Spitze des Zugs. Beim Klicken und Umspringen der Gleise wurden die letzten Samoware befüllt. Als das zweite Tuten kam, hätte der Junge es am liebsten nicht gehört, schalt sich aber gleich für seinen feigen Wunsch. Die ganze Woche über war es ihm nicht gelungen, ihr Bild im Kopf heraufzubeschwören. Und nun, als er sich darauf vorbereitete, seine Mutter unter den Fremden zu erkennen, die dem Waggon entströmten, erfasste ihn Verzweiflung. »Wagen neun«, sagte der Mann und ließ den Jungen vorausgehen.

Sein Haar, frisch geschnitten, fiel ihm in einem Pony über die Stirn, mit dem er jünger aussah als die dreizehn, die er war. Seine Kleider waren nicht neu, aber gebügelt und gestärkt.

Eine Frau stieg aus dem Zug, ihr Mund erstarrt in flehentlichem Lächeln. Ihre olivgrüne Wattejacke erinnerte den Jungen an die des Bauern, der die Kartoffeln zu seinem Waisenhaus geliefert hatte. Ihr dicker Pullover hing über einem Kleid mit schlampigem Saum. Der Koffer, den sie auf den Bahnsteig stellte, war aus Pappe, mit Metallecken verstärkt und so klein, dass er außer ein paar Blättern Papier nichts enthalten konnte. Bei dem Licht, das ihr Gesicht erhellte, als sie ihn erkannte, spürte er einen Anflug von Übelkeit in der Kehle.

Sie war älter, natürlich, ihr Gesicht blass und aufgedunsen. Die feinen Züge von früher wirkten völlig anders durch den seltsamen kurzen Haarschnitt, zwei taubengraue Streifen, an der Seite gescheitelt. Nur die Augen, die mit ihrem Blau unter schweren Lidern immer der markante Mittelpunkt ihres Gesichts gewesen waren, kamen ihm verstörend bekannt vor.

Der Mann gab ihm einen Schubs.

Die Frau ging in die Hocke und legte die Hände um Julians Gesicht. »Lass mich dich anschauen, mein süßer Junge.« Er erfasste den Sinn ihrer Worte im letzten Moment. Sie hatte sie auf Englisch gesagt – eine Sprache, die er sieben Jahre lang nicht gehört und nicht gesprochen hatte. Wie um ihn zu necken, sagte sie: »Du erkennst mich wohl nicht?«

»Doch, natürlich, Mama!«, antwortete er auf Russisch.

»Ist schon gut. Ich bin alt und hässlich geworden, nicht?«

Darauf wusste er nichts zu antworten und sagte deshalb in einem Ton, der ganz unecht klang: »Lass mich deinen Koffer tragen, Mama!«

Der Zug fuhr ab. Himmelsfetzen blitzten zwischen den Waggons auf. Wo war ihr Haar geblieben? Die langen dicken Locken, in die er sein kleines Gesicht gedrückt, die er sich jahrelang im Schlaf vorgestellt, das Einzige, was er von ihr im Gedächtnis behalten hatte; dieser Verlust fühlte sich an wie Verrat. Er hielt ihren Koffer, als sie auf Mark Pawlowitsch zuging, den Direktor des Kinderheims, und seine eine Hand mit beiden ergriff. Sie dankte ihm für alles, was er in diesen Jahren für ihren Sohn getan hatte. Jetzt, wo sie zum Russischen zurückgekehrt war, staunte Julian: Ihre überraschend laute und klare Stimme war mit einem schweren amerikanischen Akzent behaftet.

Wie konnte es sein, dass er das vergessen hatte?

»Wir lassen ihn nur ungern gehen«, sagte der Direktor. »Julik war uns eine echte Hilfe.« Er warf einen Blick auf den ausfahrenden Zug. »Sie werden selber sehen, was für ein feiner Junge er ist. Ein ausgezeichneter Arbeiter.«

»Ganz bestimmt«, sagte sie und legte Julian die Hand auf die Schulter. Sein Körper versteifte sich unwillkürlich. Er musste nun seine Schule verlassen, auf die Spiele hinter dem Kuhstall verzichten, von seinen Freunden Abschied nehmen, von seinem ganzen Leben. Bei der Vorstellung, künftig bei dieser Frau wohnen zu müssen, hätte er in zornige Tränen ausbrechen können. Der Direktor, der seine Gedanken zu lesen schien, sagte jedoch: »Ich hoffe, Sie haben nichts dagegen, dass wir ihn noch eine Weile bei uns behalten …« Es war weniger eine Frage als ein Versprechen, sich um ihn zu kümmern, bis sie wieder auf die Beine gekommen war. Schon zuvor war alles in die Wege geleitet worden. So verfuhr man mit allen Kindern von Häftlingen.

In die Augen seiner Mutter trat ein Ausdruck von bitterer Dankbarkeit, doch sie sah weiter Julian an und vergewisserte sich, dass er einverstanden war. Es gab ihm einen Stich vor Scham. Sie besaß gar nicht die Mittel, ihn mitzunehmen, das war klar. Mark Pawlowitsch fragte sie, ob sie über Nacht bleiben wolle, doch sie sagte, sie werde auf den Nachtzug nach Moskau warten. Dort wollte sie ihr Leben ordnen – die Rehabilitationsdokumente beantragen, sich nach Arbeit umsehen und ein Zimmer suchen, in dem sie beide wohnen konnten. »Bis Dezember sollte das erledigt sein«, sagte sie mit einem bemühten, leicht rasselnden Lachen. »Dann feiern wir zusammen Neujahr. Wäre das nicht schön?«

Jahrelang hatte er geübt, was er sagen konnte, wenn sie wieder zusammen waren. (Setz dich, Mama, ruh dich aus, ich kümmere mich um dich.) Nun kam er sich vor wie ein Wehrdienstpflichtiger, der um die Einberufung herumgekommen war.

»Was sind schon ein paar Monate mehr nach der langen Zeit?«, sagte sie. Und mit diesen Worten trat seine Mutter – das Phantom seiner erschöpften Phantasie – neu in sein Leben.

Buch I

1.––––––––––Qualitative Sprünge

Die eigene Familie unglücklich zu machen war der Preis, den man bezahlte, um sich nicht selbst unglücklich zu machen. Florence hielt sich an dieses Credo, stand die quälenden letzten sechs Wochen damit durch und war umso überraschter, als sie auf dem Oberdeck der Bremen spürte, wie ihre Zuversicht schwand. Sie spähte auf die Menschenmenge am Kai. Die Maisonne entbot dem Hafen ihren Gruß und tauchte alles in einen blendenden Schein. Es roch nach Kohle und verfaultem Fisch. Kleine grüne Wellen liefen vom Rumpf des Schiffs zurück an den Pier, wo ihre Eltern und ihr kleiner Bruder eingekeilt zwischen Fremden standen. Florence hätte ihnen gern etwas zugerufen, wusste aber, dass ihre Stimme das Geschrei der Möwen und das Fagott der gewaltigen Schiffssirene nicht übertönt hätte.

Erst als sie sich das Ticket gekauft hatte, sagte Florence ihren Eltern, dass sie fortging. Dann machte sie sich auf den Ausbruch des familiären Vulkans gefasst.

»Cleveland war wohl nicht genug!« Das Gebrüll ihres Vaters erschütterte das Wohnzimmer in Flatbush. »Russland! Du willst in ein Land, in dem sie Leute totschießen, weil sie ihr eigenes Korn essen?«

Sie wehrte sich: »Niemand, der dorthin gefahren ist, hat jemals berichtet, dass er so etwas gesehen hat.«

Er sah ihre Mutter an. »Nicht berichtet! Die werden hinters Licht geführt, Florie. So wie du.«

»Sicher, und in den Fabriken verbrennen sie bloß Stroh, damit Rauch aus den Schornsteinen aufsteigt?«

»Meinst du, ich wäre so dumm, dass ich nicht wüsste, was für einem verlogenen Land mein eigener Vater den Rücken gekehrt hat? Ein junger Mensch wie du und bereit, sich anwerben zu lassen …«

»Mich hat niemand angeworben!«

Doch in seinen Augen funkelte ein irrsinniges Misstrauen. »Zeig mir deinen Parteiausweis!«

»Ich hab keinen!«, schrie sie mit tränenerstickter Stimme. »Um Himmels willen, ich bin keine Kommunistin!«

»Warum dann, Florie? Sag mir nur, warum. Was ist das für ein Wahnsinn, wenn ein Mädchen seine Familie verlassen will, sein Zuhause, die Menschen, die es lieben. Ans andere Ende der Welt!«

Sie konnte ihm nicht die Wahrheit sagen. Konnte es ihm nicht zeigen, das Foto des Mannes mit den dunklen Augen und den Wangen eines Apachen, das in ihrer Kommode ganz hinten lag. Lieber sollten sie sie für eine Kommunistin halten als für eine nafka. »Ich geh doch nicht für immer, Papa!«, sagte sie, schon heiser vom Schreien.

»Dann sag uns, für wie lange?«

»Das kann ich dir nicht sagen. Für ein Jahr, vielleicht mehr.«

»Und noch ein Jahr deines Lebens wegwerfen?«

»Ich möchte mein Leben leben.«

»Dann geh doch! Ich hab genug von dir«, sagte ihr Vater. »Möge der Tag nie kommen, an dem du den Schmerz fühlst, den wir jetzt fühlen.«

Trotz ihrer Drohungen hatten Florences Eltern sie zum Schiff gebracht. Ihre Mutter gab Florence ihren Pelzmantel, damit sie den schneereichen russischen Winter überstand. Ihr Vater hatte ihr einen Reisekoffer gekauft. Sie standen dabei, als ein Schauermann ihn in den Frachtraum des Schiffs warf, wo er neben all der anderen Fracht – riesigen Kisten und Fässern, verchromten Automobilen, Klavieren – auf Streichholzschachtelformat schrumpfte. Ihr Bruder Sidney hatte ihr seinen geliebten Pfadfinderkompass gegeben, dessen abgeschrägte kalte Kanten sich Florence nun mit lustvollem Schmerz in das weiche Fleisch ihres Daumens drückten. Florence hatte ihn erst nach dem Besteigen des Schiffs in ihrer Handtasche gefunden. Am liebsten wäre sie noch einmal von Bord gegangen und hätte ihn Sidney zurückgegeben, dessen biberglattes, glänzendes Haar zwischen den Menschenleibern auf dem Kai manchmal noch aufblitzte. Aber es war zu spät, die Passagiere der dritten Klasse kamen an Bord und blockierten mit sperrigen Bündeln die Gangway: Dänen, Polen, Deutsche, stämmig in ihren Wintermänteln und Gummistiefeln. Ihre amerikanischen Kinder im Schlepptau, kehrten sie als Arbeitsuchende in ihre Heimatländer zurück. Beim Anblick der an Bord drängenden Menschen meinte Florence auf einmal einen alten Film über Ellis Island zu sehen, der durch die Wirtschaftskrise auf Rücklauf gesprungen war: Massen von Einwanderern, die aufs Schiff zurückkehren, durch das riesige Menschenlagerhaus rückwärtsgetrieben werden, von Lady Liberty winkend verabschiedet.

Ein Streit an Deck unterbrach ihren Tagtraum. Jemand forderte lautstark, einen Brutkasten für Geflügel mit an Bord nehmen zu dürfen, statt ihn im Frachtraum zu lassen. Mitten in dem hitzigen Wortgefecht krähte ein Hahn gegen das dritte Tuten der Schiffssirene an. Ein Pole nutzte den Tumult prompt und machte mit einer Sammelbüchse die Runde. Als er eine großgewachsene junge Frau in einem grünen Schneiderkostüm erblickte und Florence fälschlicherweise für eine wohlhabende Dame hielt, wandte er sich an sie und hielt mit starkem Akzent eine Rede über mittellose Deportierte. Beim Klatschen der Taue und den vom Ufer herangetragenen Echos war die Geschichte nicht zu verstehen. Florence meinte, sie hätte ihren Namen rufen hören – die Stimme ihres Vaters eine von den Windböen erzeugte Halluzination. Sie öffnete ihre Handtasche und gab dem Mann einen Penny.

Wenn es nach ihr ginge, hätte das Schiff endlich ablegen können, doch noch einmal hatte Unruhe die Menge ergriffen. Eine junge Frau von vielleicht achtzehn hatte ihre Brille auf der Gangway verloren, tastete hilflos herum und unterbrach ihre Suche nur, um sich verärgert vor denen zu rechtfertigen, die hinter ihr warten mussten. An der Miene der Kurzsichtigen erkannte Florence die wilde Gegenwehr eines Menschen, der gelernt hatte, sich trotz seiner Unbeholfenheit tapfer zu behaupten, einer jungen Frau, die es gewohnt war, fehl am Platz zu sein. Am meisten jedoch verblüffte Florence ihr Aussehen: Die junge Frau hätte sie selbst sein können – jünger, kleiner und rundlicher, aber sonst fast familiär ähnlich. Sie war ebenso blass, ihre Locken, nur minimal dunkler als Florences, hatten die starke Naturkrause, die sie ihrem Haar mit Glättungsmitteln und Kämmen ausgetrieben hatte. Vom Boot wurde der jungen Frau jemand zu Hilfe geschickt, und bald fand sich ihre Brille zwischen den Planken der Gangway. Ein letztes Signal der Schiffssirene machte der Unruhe ein Ende. Die Schornsteine spien Ruß aus, die Motoren der Schleppschiffe sprangen an. Unmerklich zuerst, glitt die Bremen rückwärts hinaus in den Hudson.

Ein Schwarm von Möwen mit schwarzen Flügelspitzen kreiste um das Schiff, das das Wasser aufwühlte und teilte. Allmählich wich die Menschenmenge auf dem Pier und mit ihr Florences Familie zurück. Nur die Möwen blieben da. Sie folgten der Bremen, stiegen auf und ab in einem Windkanal, der das Schiff und alle, die sich darauf befanden, auf einen Kurs zu lenken schien, der unumkehrbar hinausführte auf die weite, unheilvolle See.

Am nächsten Morgen standen der Sonne keine Gebäude und keine Bäume mehr im Weg. Die Kühle des Ozeans trieb Florence Schauer über die Arme, als sie sich auf einem Liegestuhl im gebogten Schatten eines Vordachs niederließ. Sie setzte ihre runde Sonnenbrille auf und begann in dem Buch zu lesen, das sie für die Reise eingepackt hatte: Rote Tugend. Menschliche Beziehungen im Neuen Russland von Ella Winter. Bei Winters Stil hatte Florence Mühe, über Seite zwei hinauszukommen. Und es warb noch eine menschliche Beziehung um ihre Aufmerksamkeit: In der ersten Klasse flanierte eine sehr große Madam mit eingefallenen Wangen und dem sehnigen Körper eines Windhunds am Arm eines wesentlich jüngeren Gentleman mit wesentlich dunklerer Haut über das Oberdeck. Der Mann trug das Haar zurückgegelt wie Valentino. Er hielt sich kerzengerade wie ein Militär, sogar dann noch, als seine Begleiterin ihm die Schulter tätschelte und ihm mit den Lippen übers Ohr strich.

»Und, was hältst du von ihr?«

Florence blickte auf und hatte die junge Frau vom Vortag vor sich. Die Schildpattbrille ruhte nun fest auf dem kurzen Nasenrücken. Auf dem lockigen Haar saß eine Stoff-Baskenmütze gefährlich schräg.

»Wie bitte?«

»Ella Winter. Ihr Buch. Noch eine Möchtegern-Margaret-Mead, wenn du mich fragst.«

Florence runzelte die Stirn und schaute kurz auf den Umschlag.

»Dürfte eine herbe Enttäuschung für sie gewesen sein, als sie feststellte, dass ihre Russen keine analphabetischen Wilden sind wie die Samoaner«, fuhr die junge Frau ohne weitere Vorrede fort.

»Hast du es gelesen?«, sagte Florence misstrauisch.

»In dem Auszug im American Magazine stand schon alles, was ich wissen muss. Die drucken jede oberflächliche Pseudowissenschaft, solange sie aus der Feder von Mrs. Lincoln Steffens stammt. Dir gefällt es wohl?«

Es war weniger eine Frage als eine prophylaktische Abwertung ihres Geschmacks, und das, befand Florence, verdiente keine Antwort. Das Buch war in der Tat frappierend öde. Doch mit ihrer aggressiven Plattheit nötigte die seltsame junge Frau sie nun dazu, es zu verteidigen. »Und weil Dorothy Thompson Mrs. Sinclair Lewis ist, liest du sie wohl auch nicht?«

»Was ist denn das für ein schiefer Vergleich?« Die junge Frau ließ sich in den Liegestuhl neben Florence plumpsen. »Thompson ist die Königin des Pressekorps. Winter ist bloß eine Suffragette mehr, allerdings zwanzig Jahre zu spät geboren.«

In den Augen der jungen Frau – blau wie Florences eigene – funkelte ein Widerspruchsgeist, den Florence umso ärgerlicher fand, als sie früher selbst eine gehörige Portion davon besessen hatte. Wenn sie sich auf eine Unterhaltung mit diesem Wesen einließ, kämen wieder Züge von ihr zum Vorschein, die sie mühsam überwunden hatte. An der Highschool und am College hatte sie zwar gute Noten bekommen, insgeheim aber gewusst, dass die von ihr bewunderten Pädagogen sie umgekehrt nicht bewunderten. Ihr Geschichtslehrer hatte sie vor anderen Studenten einmal als die Sorte Mädchen angepriesen, »die mit einem Baseballschläger eine Eiche zu Fall bringt«. Florence wand sich vor Pein bei der Erinnerung daran, wie blind und taub sie für dieses zweischneidige Lob gewesen war.

»Wieso Suffragette?«, fragte sie nun betont beiläufig.

»Eine Frau aus der Arbeiterklasse hat ihrem Mann zur Seite zu stehen, nicht anderen Frauen aus anderen Klassen. Das ist bei Marx Grundwissen, falls sie sich überhaupt ernsthaft mit ihm befasst hat.«

»Wenn du dich ernsthaft mit ihr befasst hättest, wüsstest du, dass sie Marx insofern zustimmt, als das, wie er sagt, nur für Gesellschaften gilt, in denen die Klassen bereits überwunden sind. Außerdem lese ich sie nicht wegen der Theorien.«

»Ich wusste es! Du fährst nach Russland, genau wie ich.« Das Mädchen streckte die Hand aus. »Essie Frank.«

»Florence Fein.«

Im Nu prasselte ein ganzer Hagel von Fragen auf Florence nieder. In welcher Klasse reiste sie auf dem Schiff? Woher kam sie? Wo war sie zur Schule gegangen? Wo wollte sie nach ihrer Ankunft in Moskau wohnen?

»Im Intourist Hotel?« Essie war entsetzt. »Da wirst du übers Ohr gehauen. Ausländern knöpfen sie da immer zu viel ab.« Essie wollte offenbar in einem Arbeiterwohnheim des Fremdspracheninstituts wohnen, an dem sie bereits eine Stelle in Aussicht hatte.

»Ich bleibe nur so lange in Moskau, bis ich eine Fahrkarte nach Magnitogorsk bekomme«, sagte Florence und hoffte, dass das geheimnisvoll klang und Essie auch von weiteren Fragen abhielt. Die Bremen hielt in Kopenhagen, Danzig und Libau, und Florence musste erst noch jemanden auftreiben, der wie sie in Lettland ausstieg und mit dem Zug nach Moskau weiterreiste. Ihren Äußerungen nach hatte Essie ihre Reise gründlicher vorbereitet und zusätzliche Passfotos und Gegenstände mitgenommen, die sie zum Tauschen oder als Geschenke verwenden konnte. Ihre Umsicht kam Florence wie eine Kritik an ihrem Vertrauen auf die Zukunft vor.

»Nach Magnitogorsk, bis in den Ural!«, sagte Essie, entweder beeindruckt von Florences Mut oder verblüfft von ihrer Tollkühnheit. »Hast du da eine Stelle oder so was?«

Florence war sich nicht sicher, was sie antworten sollte. Sie wusste selbst nicht genau, was für einen Traum sie da verfolgte: den des Sowjetmenschen oder den eines sowjetischen Mannes mit dunklen Augen.

In dem Moment erschien ein Trupp von Passagieren vom Zwischendeck auf dem Sonnendeck. Einer der Männer winkte Essie zu.

»Ist das da drüben deine Gruppe?«, sagte Florence.

Essie wirkte verlegen. »Nein, nein, ich gehöre eigentlich nicht dazu …« Eben war sie noch in Florences Privatsphäre eingedrungen, doch ihre eigene schien Essie jetzt eifersüchtig zu schützen. »Die hatten noch einen Platz frei, da hab ich auf die Schnelle ein billiges Ticket bekommen … die steigen alle in Danzig aus.«

»Oh.« Florence richtete den Blick wieder auf das Paar aus der ersten Klasse. Die Windhündin im Seidenschlafanzug reckte in verzücktem Lachen den langen Oberkörper, während der braungebrannte Buhle mit dem Plastron ihre Taille umfasste, als wolle er verhindern, dass sie auch noch mit dem Hintern wackelte. »Als würden sie für Fotografen posieren«, sagte Florence.

»Dabei ist sie doch gerade auf der Flucht vor der Presse«, sagte Essie unerwartet.

»Du weißt, wer sie ist?«

»Das weiß doch jeder auf dem Schiff. Mary Woolford, die Unternehmenserbin, und er ist ihr neuer Alfonse, ein argentinischer Polospieler von legendärer Tüchtigkeit. Nun guck doch nicht so schockiert, für einen Amerikaner ist seine Haut viel zu dunkel. Für sie ist er Ehemann número tres.«

Aber Florence war schockiert, wenngleich nicht über den Teint des neuen Gatten, sondern über Essies intime Kenntnis des Schiffsklatschs. »Sieh mal, sie hat ihm gerade wieder das Hemd glattgestrichen.«

»Hoffentlich kriegt er keinen Fettfleck, sie war ja eben noch mit der Hand in seinem Haar«, schoss Essie zurück.

»Iih!«, entfuhr es beiden, und sie verschluckten sich fast vor Lachen.

»Du kennst ja das Sprichwort«, sagte Essie, »von hinten gut erhalten, von vorne lauter Falten.«

»Tja, er kann halt gut mit Alten«, sagte Florence, worauf beide, hochrot im Gesicht, bei einem neuen Lachanfall auf ihren Stühlen zusammensackten. Essie setzte die Brille ab und wischte sich über die Augen, und Florence wehrte sich heftig gegen das Gefühl, dass diese Essie sie doch für sich eingenommen hatte, auch wenn ihre Grübchen aussahen wie mit dem Bohrer ins Gesicht gedreht.

»Nicht hinsehen jetzt«, sagte Essie und packte Florence am Handgelenk, »aber gleich kommen zwei College-Knaben angewalzt.«

Beim Blick über die Schulter erkannte Florence zwei junge Männer in Zopfpullovern, die schon seit dem Frühstück das Deck umkreisten. »Wohl eher Mittelschule«, sagte sie und streckte – jeder Zentimeter Sonne mehr war kostbar – die Beine weiter nach vorn, damit die jungen Männer gute Sicht darauf hatten. Die zwei wechselten unter sich leise ein paar Worte, bevor sie die Frauen ansprachen.

»Wir wollen uns nicht aufdrängen, Mädchen«, sagte der Kleinere der beiden, der ein fröhliches Gesicht und große Ohren hatte, »aber mein Freund hier ist überzeugt, dass du Norma Shearer sein musst.«

Es war nicht das erste Mal, dass ein Mann diesen Vergleich zog. An guten Tagen sah Florence die Ähnlichkeit im Spiegel selber: an den tiefliegenden blaugrauen Augen, an dem von anderen schon mal »königlich« genannten Adlerprofil – Züge, die irgendwo zwischen Unschuld und Hochmut changierten. »Wenn du willst, bin ich sogar Al Jolson für dich, Schatz«, sagte sie, »sofern du eine Lucky für mich hast. Wie du siehst, haben wir nichts mehr zu rauchen.« Von der Seeluft beflügelt, klang ihr Flirten sehr routiniert.

Der junge Mann stülpte die Taschen nach außen. »Leider, Miss Shearer, keine Glimmstängel vor dem Turnier, Befehl des Trainers. Wir könnten euch aber ein paar Wüstenschiffe aus dem Restaurant heranschaffen …«

Das taten sie auch. Sie stellten sich als Jack und Brian vor und erzählten, dass sie mit dem Tennisklub von New Haven nach Deutschland fuhren, eingeladen vom Tennisklub Rot-Weiß. Mit dem Fingernagel öffnete Florence das Päckchen Camel, das die beiden gekauft hatten, und teilte sich eine Zigarette mit Essie.

»Russland! Ihr geht ja wirklich aufs Ganze«, sagte Brian, als sie ihm ihr Reiseziel genannt hatten. »Auf zum Bau des roten Paradieses?«

»In der Tat«, erwiderte Essie gänzlich unkokett.

Die jungen Männer warfen ihr einen verdutzten Blick zu und wandten sich wieder an Florence. Ganz gleich, wann Essie den Mund aufmachte, man sah deutlich, bemerkte Florence, dass sie die Aufmerksamkeit eines Mannes nicht halten konnte. Kurz danach mussten sich die Jungs zum Training verabschieden (irgendwo im Labyrinth des Schiffs befand sich ein echter Tennisplatz), fragten die Mädchen aber noch, ob sie sich nach dem Abendessen auf einen Drink mit ihrer Mannschaft treffen wollten. »Wenn es nicht nach unserer Schlafenszeit ist«, sagte Florence und winkte ihnen mit der Zigarette zwischen den Fingern zum Abschied.

Nachdem die Glocke am Abend zum zweiten Mal zum Essen geläutet hatte, trafen sich Florence und Essie in dem mit Teppich ausgelegten Korridor vor der Kronprinzen-Lounge. Ein Blick auf Essies Rock und Schuhe, und Florence sagte: »Komm mit.«

Essie sah sich von der unteren Koje in Florences Kabine mit unverhohlenem Neid um. »Das hast du alles für dich allein?«

»Die Tickets zweiter Klasse sind in der Regel nicht ausverkauft. Was hast du für eine Schuhgröße?«

»Sechsunddreißigeinhalb. Uns quetschen sie zu acht in einen Raum, genau genommen sind wir aber zu neunt, weil auch noch ein vierjähriges Kind dabei ist, und die anderen sind alle Sozialdemokraten und debattieren die ganze Nacht auf Polnisch. Man kann kein Auge zutun.«

»Ich hab Größe achtunddreißig. Wir müssen die Zehen ausstopfen. Hier, probier mal, ob das passt.« Florence warf ihr ein locker fallendes Kleid mit Kimonoärmeln zu.

»Was stimmt denn nicht mit den Schuhen, die ich anhab?«

»Nichts, wenn dir egal ist, ob man den linken vom rechten unterscheiden kann, so klobig, wie die sind.« Sie warf einen kritischen Blick auf das Kleid und sagte: »Wir müssen es in der Taille einhalten«, obwohl Essie keine nennenswerte Taille besaß.

»Das Schwierige sind meine Haare«, sagte Essie verzagt. »Von dem vielen Salz in der Luft sehen sie aus wie ein Vogelnest. Wenn ich deine Locken hätte …«

»Kannst du haben. Du musst sie bloß um die Brennschere wickeln. Zeig ich dir hinterher«, sagte sie. »Wir sind spät dran.«

Die Tennisspieler aus New Haven, ein halbes Dutzend etwa, saßen an einem der hohen Tische in Barnähe. Alle miteinander strahlten sie etwas einschüchternd Gesundes aus. Essies und Florences Ankunft weckte, abgesehen von Brian, der gut gelaunt noch zwei Stühle heranzog, kein sonderliches Interesse. »Zwei Joe Rickeys hierher, bitte«, sagte er und tippte an sein Glas. »Angeblich ist ihnen der Gin ausgegangen, deshalb trinken wir ihn mit Bourbon.«

»Drei Rickeys«, verbesserte der eins achtzig große Rotbackige neben Florence.

»Du hast schon so viel intus, dass du damit das Deck wischen kannst, Kip«, sagte jemand. Das focht Kip nicht an, und er gab dem Kellner ein Zeichen.

»Der Davis Cup ist inzwischen ausgeufert, meine Meinung«, sagte ein junger Mann namens Leslie. »Niemand hört mehr seinen eigenen Namen, sondern nur noch ›Vorteil USA‹, oder ›Frankreich vier, England zwei‹. Man trägt das Schicksal des ganzen Landes auf den Schultern.«

Florence hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon die Rede war, und war froh, als Brian fragte, ob sie beide wirklich nach Russland fuhren. »Wir sehen wohl nicht so aus?«, fragte sie zurück.

Kip warf ihnen einen gelangweilten Blick zu und sagte: »Die Franzmänner merken anscheinend nicht, dass es ernst wird.«

»Die Deutschen schon«, entgegnete Leslie, »das kann ich dir versprechen. Und sie haben Hitler, der ihnen dauernd ihre körperliche Überlegenheit einbläst.«

»Solange sie von Cramm haben, können sie den Cup locker gewinnen. Ein Spitzenpferd, mehr braucht man nicht.«

»Welcher ist denn von Cramm?«, sagte Essie, die sich spät in das Gespräch einschaltete, aber die Männer unterhielten sich weiter.

»Falls von Cramm antritt.«

»Warum sollte er denn nicht?«

»Er und Hitler sind nicht gerade dicke Freunde. Voriges Jahr hat Cramm den Herrn Führer einen Anstreicher genannt.«

»Ich hab gehört, Ribbentrop wollte ihn überreden, für die Deutschen an den Start zu gehen, aber von Cramm hat gesagt, er soll sich zum Teufel scheren.«

»Zu aristokratisch für die, was?«

»Nein, er ist sauer, weil sie seinen Freund Daniel Prenn aus der Mannschaft rausgeschmissen haben.«

In Essies Augen trat ein zorniges Funkeln. »Es ist empörend«, sagte sie, »wie sie überall jüdische Sportler ausschließen.«

»Ohne Prenn schaden die sich nur selbst«, sagte Brian.

»Prenn spielt schon gut«, räumte Kip ein, »aber niemand ist unersetzlich.«

Florence suchte noch nach einer schlauen Erwiderung, aber Essie kam ihr zuvor. »Es ist mir einfach unbegreiflich«, fuhr sie fort, »wieso Deutschland die Olympiade überhaupt ausrichten darf, wenn sie die jüdischen Spieler nicht starten lassen …«

»Einfach unbegreiflich …«, äffte Kip sie hämisch nach. »Prenn kann doch für wen anders spielen, wenn es ihm nicht passt.«

»Die Briten schnappen ihn sich.«

»Oder die Russkies. Der ist doch selber einer, nicht?«

»Man sollte Deutschland von den Spielen ausschließen«, erklärte Essie.

»Dir gefällt wohl seine Politik nicht. Tja, und ich mag die Bolschies und ihre Politik nicht«, sagte ein Junge mit spitzer Nase und Bürstenschnitt. »Schmeißen wir die doch raus. Und die Ziegenschnüffler-Griechen gleich mit, wenn wir schon mal dabei sind?«

Essie schluckte den Köder und stürzte sich in den Kampf gegen solche Intoleranz, es hörte ihr nur niemand zu. Sogar für Florence sah sie aus wie der Schnauzer unter Dobermännern. »Deine Freundin ist wie ein Fisch auf dem Trockenen …«, flüsterte Brian Florence zu. Florence schämte sich, weil sie schwieg – und es zuließ, dass diese schkotzim Essie verspotteten.

»Kommt, Jungs, keine Politik heute Abend«, bat jemand. »Soll sich das Olympische Komitee darum kümmern.«

»Hat es schon«, sagte Kip. »Brundage hat gesagt, das ganze Gerede über die jüdischen Sportler sei purer Blödsinn.«

»Und Komitees regeln die Dinge doch immer aufs Beste.« Florence ergriff die sich bietende Gelegenheit. Sie trank den letzten Rest ihres Cocktails aus. Ihr kalter Blick fiel auf Kip. »Es ist kein Blödsinn, wenn die halbe Welt sich für einen Boykott ausspricht.«

»Nicht die halbe Welt, bloß ein paar Juden und Kommunisten, die uns in einen neuen Krieg treiben wollen. Gute Nacht allerseits«, sagte er und erhob sich zu seiner vollen arischen Länge.

»Auf Wiedersehen!«, rief Florence ihm auf Deutsch nach und griff nach Essies Hand, bevor ihre neue Freundin noch mehr Öl ins Feuer gießen konnte.

»Und so was gilt heute als loyale Patrioten, Florence! Fahnenschwenkende amerikanische Erste-Klasse-Heuchler. Die haben das Sagen, und deswegen bin ich fertig mit den feinen Vereinigten Staaten von Amerika.«

Essie schniefte hörbar vor Zorn. Sie hatte seit dem Betreten von Florences Kabine pausenlos geredet.

»Mir brauchst du das nicht zu sagen«, versicherte Florence ihr vergnügt. Warum gab Essies Entrüstung ihr so viel Auftrieb? Dann kam sie darauf, dass sie zum ersten Mal seit der Trennung von ihrer Familie und dem Besteigen des Schiffs absolut sicher war, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Amerika hatte ihr nichts zu bieten.

»Blasierte Schweine, die den Rüssel in ihre schicken Getränke und den Kopf in den Sand stecken … Pharisäer, die den Faschisten schöntun, während sie gegen ganz Europa aufrüsten«, fuhr Essie fort. »Es sind genau diese Leute, die als Erste meine Eltern als Verräter beschimpfen würden.«

»Nicht weinen, Essie, oder wenigstens vorher mein Kleid ausziehen.«

»Entschuldige«, sagte Essie und wischte sich die tropfende Nase mit dem bloßen Arm ab. Sie zog Florences Kleid aus, und dabei kamen die Träger ihres vergilbten Büstenhalters und ihr Schlüpfer zum Vorschein. »Ach, sieh mich an«, sagte sie weinend. »Ich konnte mir nicht mal neue Schlüpfer und einen anständigen Hüfthalter leisten. Wenn meine Mutter noch leben würde, wäre sie mit mir einkaufen gegangen, aber meinen Vater wollte ich nicht um das Geld bitten. Ach, Florence, er hat mich nicht mal zum Schiff gebracht. Und das Schlimmste ist, daran bin ich selber schuld. Weil ich ihm gesagt habe, er soll nicht kommen. Ich dachte nicht, dass er auf mich hört … Mach nicht so ein Gesicht!«

»Tu ich nicht.«

»Ich dachte, er kommt trotzdem. Aber ich hab ihm so viele hässliche Dinge an den Kopf geworfen. Grässliches Zeug … Wir hätten nämlich alle zusammen auf dem Schiff sein sollen, weißt du. Mein Papa, Lilly, meine kleine Schwester, und meine Mutter … Du wirst mich für ein Ungeheuer halten, wenn ich dir das erzähle.«

»Schätzchen, nein.« Florence hob Essies alte Kleider vom Boden auf und setzte sich neben sie. »Was immer es war, es liegt jetzt hinter uns.«

2.––––––––––Agnosie

Ich wurde den längsten Teil meines Lebens Julik genannt, höre heute allerdings auf Julian. Obwohl ich an den schwarzen Ufern der Wolga zur Welt kam, gibt meine Geburtsurkunde als Nationalität zweifelsfrei »amerikanisch« an. Diese Ehre verdanke ich Florence Fein, meiner Mutter, die es damals wohl für gescheiter hielt, mich als Yankee und nicht als Jid eintragen zu lassen. (Sie konnte für ihre eigene Herkunft beides in Anspruch nehmen.) 1943, in der entscheidenden Phase des Kampfs gegen die faschistischen Eindringlinge, als der Sieg noch längst nicht sicher war, mag für sie dieselbe Logik den Ausschlag gegeben haben, die dafür sorgte, dass die männlichen Juden meiner Generation mit intakter Vorhaut durchs Leben gingen. Denkbar allerdings auch, dass nicht die vorrückenden Nazis Florence nervös machten, sondern ihre sowjetischen Genossen.

Wer zum Teufel soll das wissen?

Ich habe meine Mutter nie nach dem Grund für ihre Entscheidung gefragt, und ich bezweifle, dass sie mir eine ehrliche Antwort gegeben hätte. Bestimmte Dinge zu verschweigen und auszulassen war eine eherne Regel bei ihr und ist es ja bei vielen, die trotz unerwiderter Liebe an einer guten Sache festhalten, auch wenn sie aussichtslos ist. »Amerikanisch« taugte als Tarnung für »Jude« freilich so viel wie ein Pullover für einen Chihuahua. In einem wichtigen Punkt jedoch beeinflusste die Nationalität mein Leben: Sie gab meinem Gefühl, abseits zu stehen, eine klare Kontur (eine souveräne Grenze, könnte man sagen). Heute ist das vielleicht nichts Besonderes, wo einem Kind nichts Schlimmeres widerfahren kann, als ganz gewöhnlich zu sein. Zu meiner Zeit aber war ein bescheidenes, unauffälliges Dasein noch ein nützliches Gut und mein Amerikanertum ergo der Portweinfleck, der mich zum Monstrum und zum Aristokraten machte. Sogar im staatlichen Kinderheim, wo ich panische Angst davor hatte, dass die anderen Jungen von meinem Defekt erfuhren, nährte ich einen bitteren Stolz auf meine heimliche Verbindung zu dem großen avocadogrün kolorierten Teil auf der Landkarte, über den unsere Lehrer mit so viel inbrünstigem Abscheu sprachen.

Erst als ich 1979 tatsächlich amerikanischen Boden betrat, wurde aus mir schlagartig ein sowjetischer Simpel. Die Mischung aus Höflichkeit und Konfusion auf den Mienen meiner Gönner sagte mir, dass das Englisch, das ich seit meiner Kindheit sprach (größtenteils still im Kopf), für sie so verständlich war wie Mandarin. Ich bilde mir ein, dass ich es in meinen drei Jahrzehnten als amerikanischer Staatsbürger in der Zurückgewinnung des elterlichen Erbes weit gebracht habe. Ich trinke mein Bier mit Eis. Ich putze mir jeden Abend die Zähne mit Zahnseide. Ich gebe mindestens fünfzehn Prozent Trinkgeld. Die Herkunft meines Akzents ist nun nicht mehr lokalisierbar. Wenn ich gelegentlich wieder nach Russland reisen muss, stelle ich erfreut fest, dass meine ehemaligen Landsleute mich zuerst und vor allem an meinem blauen Pass erkennen.

Warum ich wieder dorthin reise? Die einfachste Antwort lautet, dass ich nun in einer Branche tätig bin, die mehr für die Förderung von Kooperation und Freundschaft zwischen unseren beiden ruhmreichen Nationen geleistet hat als Jahrzehnte von internationalen Friedensgesprächen und Atomsperrverträgen. Ich spreche von Big Oil. Seit gut vier Jahren bin ich nun Angestellter eines Öl- und Gasunternehmens, von denen es ein halbes Dutzend gibt und deren Büros in Washington, D.C., die Hauptstadt unserer Nation in einem engen Halbkreis (oder einer Schlinge, sagen manche) umschließen. Mein eigentliches Fachgebiet sind Eisbrecher – jene tausend Tonnen schweren Megalosaurier, die sich durch Gletscher fressen, damit Sie und ich uns den Tank mit dem Bodensatz aus paläozoischen Friedhöfen füllen können. Nachdem nun mehrere solche Friedhöfe in der russischen Arktis entdeckt worden sind, mangelt es mir nicht an Arbeit. Alle paar Monate packe ich meinen Rimowa und besteige die Nachtmaschine nach Moskau. Am Morgen gehe ich in Scheremetjewo unter dem wortlosen Blick einer Matrone durch den Zoll, die mit erlesener Verachtung erst mir ins Gesicht und dann auf das Verbrecherfoto in meinem Pass schaut und mir in Erinnerung ruft, dass ich in Russland, genau wie alle Angehörigen aller anderen Nationen, ein Niemand bin. Für diese erfrischende Demütigung werde ich großzügig entschädigt.

Aber falls es den Anschein hat, als flöge ich allein wegen des Geldes zurück: Dem ist nicht so. Am meisten zählt für mich, dass ich meinen Sohn Lenny sehen kann, der seit neun Jahren nun auch sein Glück in Moskau sucht. Im wahrsten Sinn des Wortes. Ein paar Dinge, die Lenny mir nicht erzählt hat, weiß ich zufällig trotzdem. Meinen Sohn zu überzeugen, dass er die Verluste in Moskau abschreiben und nach Hause kommen soll, hat sich als noch schwieriger erwiesen, als vor dreißig Jahren meine Mutter herauszuholen. Wanderlust und Eigensinn sind homologe Züge in unserer Familie. Würde Florence noch leben, sie wäre beeindruckt von der Sturheit, die ihr Enkel an den Tag legt. Sie ließ sich damals ebenso wenig umstimmen, ein Meisterstück von würdevoller Meuterei und so imposant wie Gandhis Hungerstreik. Als wir uns 1978 auf die Ausreise vorbereiteten, kam es für sie nicht in Frage, mit dem Rest der Familie zu emigrieren, sie nahm das Wort »Amerika« nicht mal in den Mund. Erst als sie am eigenen Leib erfuhr, was Hinfälligkeit heißen konnte, brachte sie das Thema schüchtern und probeweise zur Sprache. »Habt ihr immer noch vor, … dorthin zu gehen?«, so drückte sie es aus. Dorthin. Vor zwei Jahren las ich von einem neurologischen Folgeschaden, der bei manchen Schlaganfallopfern auftritt: Ein von dieser Erkrankung Betroffener kann zwar die Bestandteile einer Glühlampe – Glühfaden, Draht, Glas – korrekt benennen, kann Form und Eigenschaften beschreiben, sie aber für alles Gold in Arabien weder einschrauben noch einschalten. Der offizielle Name dieser Krankheit lautet »Agnosie«, altgriechisch für »Nichtwissen«. Es handelt sich nicht um eine Störung der Sinnesorgane, auch das Gedächtnis ist nicht beeinträchtigt. Der Betreffende hat schlicht die Fähigkeit verloren, zu erkennen, was er sieht. Ich habe mich oft gefragt, ob Mama ein Opfer dieser Störung geworden war.

Ich wäre vielleicht weniger hart mit meiner Mutter ins Gericht gegangen, wenn sie einfach eine gewöhnliche Russin mit der nationaltypischen Form des Stockholm-Syndroms gewesen wäre, das man Patriotismus nennt. Aber das war sie nicht. Sie war Amerikanerin, wie ich jetzt Amerikaner bin. Sogar mehr als ich, denn sie war in den von Ulmen gesäumten Straßen von Flatbush aufgewachsen, hatte an der Erasmus Hall Highschool über die Föderalistenartikel diskutiert und an einem der ersten gemischten Colleges in Brooklyn Mathematik studiert, hatte im Radio Roosevelts Kamingesprächen gelauscht und auf der Leinwand im Paramount gesehen, wie James Cagney Jean Harlow küsste. Und auch wenn sie vorschützte, all das vergessen zu haben, konnte ich nie glauben, dass sich so eine Jugend in New York aus dem Gedächtnis waschen ließ wie ein paar Farbspritzer von der Wand. Sie hat einmal gewusst, das behaupte ich bis heute, wie Freiheit schmeckt.

3.––––––––––Brooklyn

Sie hätte alles getan, um aus Flatbush herauszukommen, wäre überallhin gegangen für ein sinnvolles und erfülltes Leben, das es jenseits der Grenzen von Brooklyn geben musste – einem Gebiet, das wie Irland oder Polen zu einer Existenz im Schatten einer überlegenen Macht verdammt war.

Als Zweitbeste ihrer Klasse hatte sie es sich an der Erasmus Hall zum Ziel gesetzt, an ein angesehenes privates Frauencollege zu kommen, wo sie vier Jahre mit Gleichgesinnten verbringen würde, die ebenso wissbegierig und unkonventionell waren wie sie. Dass Florence geglaubt hatte, ihr Vater würde dieses Vorhaben finanzieren, sagte weniger über ihre Selbstachtung als über Solomon Feins Gabe, die Familie gegen bestimmte offensichtliche finanzielle Realitäten abzuschirmen. Daher brauchte Florence fast ihr ganzes erstes Jahr am Hunter College, bis sie ihre Enttäuschung überwunden hatte. Im Oktober ihres zweiten Studienjahrs brach die Börse zusammen, und ihre Unzufriedenheit wich dem Erstaunen über den glücklichen Zufall, kostenfrei am College studieren zu können. Im Jahr darauf gab es eine neue unerwartete Wende: Der Brooklyner Ableger von Hunter fusionierte mit dem City College von New York und wurde als Brooklyn College ausgegliedert, der erste beiden Geschlechtern offenstehende staatliche Campus von New York. Der Name »Campus« war, wie Florence feststellte, allerdings übertrieben; da das College noch nicht über eigene Gebäude verfügte, wurden Räume in fünf verschiedenen Bürogebäuden in dem unruhigen Geschäftsviertel rings um Borough Hall angemietet. Während sie den Hindernisparcours der Fulton Street mit ihren Straßenbahnen absolvierte, entdeckte Florence schon bald die Cafés und Cafeterias in Brooklyns Mitte, in die Anwälte aus nahegelegenen Gerichten auf ein Corned-Beef-Sandwich ebenso hereinschauten wie Gruppen von kraushaarigen Studenten, die vielleicht nicht gerade das geistige Zentrum der Studentenbewegung bildeten, aber doch dazugehörten. Florence hatte nicht einmal gewusst, dass es eine Studentenbewegung gab. Aber hier war sie, ihre Vertreter debattierten über Lenin versus Marx, Stalin versus Trotzki oder schrien sich vielmehr, Brotscheiben schwenkend, über die langen Holztische hinweg an. Anfangs schüchterten die jungen Leute von der New Utrecht High Florence ein, hatten sie doch William Fosters Pamphlet Strike Strategy gelesen, wussten, wie man ein Komitee einrichtet, eine Flugschrift druckt, einen Streik auf die Beine stellt. Hatten es sogar schon getan! Während die Jungen und Mädchen an der Erasmus in Gemeinschaftskunde die Lincoln-Douglas-Debatten nachspielten, protestierte die Jugend aus Bensonhurst mit Milchboykotts gegen die hohen Preise für das Mittagessen an ihrer Highschool.

Es kam ihr verrückt vor, dass sie jemals die Absicht gehabt hatte, an ein College zu gehen, an dem die Mädchen sich aufführten wie in einem Pensionat und die Lehrer ihre Moral und ihr Betragen in die richtigen Bahnen zu lenken versuchten. Am Brooklyn College waren die Mädchen genauso kämpferisch wie die Jungen, schnitten sich die Haare ab, trugen sackartige Kleider und Sandalen ohne Strümpfe, gingen von Tür zu Tür und plädierten vor irischen Hausfrauen für Geburtenkontrolle. Sie betraten auch anderweitig Neuland, wohin zu folgen Florence noch vor sich hatte. Mit dem Segen ihrer Schutzheiligen Emma Goldman wollten sie ihre Unschuld lieber großzügig herschenken, als die lässlichere Sünde zu begehen und ihre Jungfräulichkeit unter dem heuchlerischen Gesetz des Kapitalismus zu verkaufen.

Jede Woche schaute Florence am Schwarzen Brett des Campus vorbei und las die Stellenangebote. Da wurde zum Beispiel eine »Stundenweise Beschäftigung für Studenten mit Hauptfach Naturwissenschaften« offeriert, doch wenn sie, die im Hauptfach Mathematik studierte, sich erkundigte, hatte die Arbeit nichts mit Physik, Chemie oder Astronomie zu tun, sondern bestand darin, Mülltonnen wegzubringen oder Schneematsch aus einer Lobby zu fegen. Die Verwaltung wandte sich nur deshalb an Hauptfachstudenten, damit sich nicht das ganze College bewarb.

Nach ihrem Abschluss erfuhr sie von einem Professor, für den sie gelegentlich Sekretariatsarbeiten erledigte, von einer Arbeit bei Amtorg. Ein Büro der American Trading Organisation im Norden von Manhattan, sagte er, suche eine Sekretärin mit Zahlenverständnis. »Ein bisschen Russisch können Sie doch auch, nicht? Könnte hilfreich sein.«

Es war Florences Vater, der darauf gedrungen hatte, dass sie Mathematik studierte, mit der Begründung, dass die Versicherungswirtschaft selbst bei schwersten ökonomischen Stürmen auf ebenem Kiel segelte. Florence war sich jedoch ziemlich sicher, dass die Arbeit, um die es dem Professor ging, nichts mit der Lebensversicherungsgesellschaft gemein hatte, bei der ihr Vater als Statistiker beschäftigt war.

»Die Sowjetische Handelsvertretung?« Sie erinnerte sich dunkel daran, in der Zeitung etwas gelesen zu haben. Sie fungiere praktisch als Botschaft, weil Amerika die bolschewistische Regierung nicht offiziell anerkannte. »Sind das dort nicht alles … Spione?«, sagte sie zweifelnd.

Der Professor, ein grauhaariger Progressiver, der nach Tabak und Menthol roch, gab sich Mühe, seine Enttäuschung nicht offen zu zeigen. »Ich hätte nicht gedacht, dass Sie die Boulevardpresse lesen, Florie. Jedenfalls arbeiten dort in der Vertragsabteilung fast nur Amerikaner«, sagte er beschwichtigend. »Und wenn es Sie nervös macht, ob Sie vielleicht einen Parteiausweis vorlegen sollen, keine Bange. Wer als Amerikaner bei Amtorg angestellt ist, darf kein aktiver Kommunist sein. Diplomatische Beziehungen sind ein sehr heikles Gebiet. Hauptsächlich arbeiten sie Import-Export-Verträge für Firmen aus, die Waren an die Russen verkaufen – Traktoren, Autos, Fertigungsanlagen und so weiter.«

»Ich dachte, wir machen mit den Bolschewiken keine Geschäfte.«

Wieder bedachte der Professor sie mit einem säuerlichen Lächeln. »Während der Napoleonischen Kriege pendelten Schiffe zwischen England und Frankreich und transportierten Waren über den Ärmelkanal. Und das, obwohl die beiden Nationen sich schwere Kämpfe lieferten. Befinden wir uns im Krieg mit den Russen?«

Die Sowjetische Handelsvertretung – unter Amtorg bekannt – hatte in der eleganten Fifth Avenue Quartier bezogen und operierte unter der Rechtsfiktion eines Privatunternehmens des Staates New York. In diplomatischen Kreisen war es Allgemeingut, dass die Amerikaner, die dort wichtige Posten bekleideten, so auch Florences Vorgesetzter Scoop Epstein, ihre Anweisungen direkt aus Moskau erhielten. Falls das zutraf, hätte Florence es den Reden allerdings nicht entnehmen können, die Scoop im Finanzdistrikt vor Managern amerikanischer Import-Export-Firmen hielt. Scoop referierte nicht über das Weltproletariat, sondern über das »gesteigerte sowjetische Interesse an amerikanischer Technik und Tüchtigkeit«. Er erzählte den amerikanischen Geschäftsleuten von den Millionen russischer Bauern, die zwar noch nie von Rykow oder Bucharin gehört hatten, aber alle den Namen Henry Ford kannten. Florence war nicht entgangen, dass die amerikanische Regierung der UdSSR die offizielle Anerkennung zwar nach wie vor verweigerte, amerikanische Unternehmen ihren finanzkräftigen neuen bolschewistischen Kunden aber nur zu gern Stahl und Drehbänke lieferten, Wälzlager, Betonstahl und Traktoren, während die heimische Kundschaft nach wie vor knapp bei Kasse war.

Bei Amtorg war sie nicht mehr als eine Sekretärin, fand die eintönige Arbeit wegen ihrer Nähe zu den Schaltstellen der Macht aber trotzdem äußerst reizvoll. Selbst bescheidene Verrichtungen kamen ihr imposant vor. Den Entwurf eines Vertrags über die Lieferung von 9000 Tonnen Stahl in den Ural zu korrigieren war sinnvoller und von größerer Tragweite als das zornige Geschrei von hundert Cafeteriakommunisten. Es konnte sein, dass sie in nur einer Woche einen Auftrag der russischen AMO-Fabrik zur Lieferung von Kaltprägepressen im Umfang von hunderttausend Dollar an die Toledo Machine and Tool Company und einen weiteren über Mehrspindeldrehmaschinen an die Greenlee Company in Rockford, Illinois, vergab oder bei der Hamilton Foundry and Machine Company in Ohio anrief und Gespräche über ein Abkommen zur technischen Unterstützung der Russen bei der Fertigung von zweihunderttausend Chassis für das neue Modell des SIS-Automobils anbahnte.

Nun, da sie aus dem Dunstkreis der College-Speisesäle herausgetreten war, konnte sie sich eingestehen, wie wenig ihr die donnernde Rhetorik gefallen hatte. Das dauernde Geschwätz über die Zerschlagung des bürgerlichen Staatswesens beleidigte ihre Werte von Disziplin und harter Arbeit. Es erschien ihr sinnlos, etwas Altes stürzen zu wollen, wenn man dazu beitragen konnte, etwas Neues aufzubauen. In der pragmatischen Gelassenheit, die trotz des hektischen Alltags in dem Büro herrschte, entdeckte sie eine Welt, die ihre lädierte Haut abstreifte und ihr, Florence, Einlass in ein inneres Heiligtum gewährte – einen Raum, in dem das monotone Summen und Surren der Schreibmaschinen und Telefaxgeräte dem gedämpften Murmeln eines Herzens glich, das Blut durch ein System starker Adern pumpte.

Scoop Epstein, ein rundlicher Junge in den Fünfzigern mit weichen Zügen, vereinte in sich vieles: Er war großzügig und verschlagen, prahlte mit seinen Verbindungen, war vernarrt in seine junge Assistentin und nahm Florence manchmal zu Besprechungen mit Geldgebern aus Manhattan oder Fabrikanten aus Indiana mit. Vor dem ersten gemeinsamen Mittagessen in der Wall Street war er jedoch ohne Umschweife auf ihre Beine zu sprechen gekommen. »Wir müssen etwas anderes zum Anziehen für Sie auftreiben. Wollstrümpfe gehen nicht.«

»Aber es ist noch Winter!«, protestierte sie.

»Tatsächlich? Hab ich gar nicht gemerkt. Sie haben sehr schöne Beine, Florence, warum sie verstecken? Darf ich ganz offen zu Ihnen sein? Wollstrümpfe sind was für Nonnen und für Marktfrauen. Es schadet nicht, wenn Sie sich hübsch machen.« Da Scoops offene Worte weniger nach Anmache als vielmehr wie der vertrauliche Rat eines Mentors klangen, folgte Florence ihm an diesem Vormittag von der Fifth zu einem ihm persönlich bekannten Großhändler in der Seventh Avenue, der sich als sein Vetter erwies. Auf einem Schemel stehend, hob Florence die Arme, während der andere, stillere Epstein ihr ein Maßband um die Taille legte, sie mit energischen Fingern unter dem Busen und über den schmalen Hüften abtastete und ihr steife Stoffe an den Leib drückte. Zu ihrer neuen Garderobe gehörten ein Filzjackett mit Samtpaspeln und ein Bleistiftrock mit hoher Taille, eine Bluse aus cremefarbenem Seidenkrepp und eine zweite in apricotfarbenem Satin. Der Preis für diese Kleider, die sie mit starkem Nachlass erwarb, wurde ihr vom Gehalt abgezogen. Der Anblick der neuen Florence im Spiegel verschaffte ihr das irritierende Vergnügen, schließlich ihr wahres Ich zu sehen.

»Sehr schön«, versicherte Scoop ihr.

»Ha! Die würden mich ans Kreuz nageln, wenn ich so auf dem Campus erschiene.«

»Die Leute, mit denen wir uns verabreden, wollen nicht mit Mother Jones zu Mittag essen.«

»Ich komme mir vor wie ein Bankerliebchen«, sagte sie in einem ärgerlichen Anflug von Selbstbewunderung und drehte sich so zur Seite, dass ihr Spiegelbild noch schmeichelhafter wirkte.

»Florie, Kind, wenn Sie Ihre politische Einstellung schon unbedingt am Revers tragen wollen, kommen Sie mit einem schickeren Revers weiter.«

Zu Hause sagte ihre Mutter aber: »Du glaubst wohl, mit den Sachen wärst du etwas Besonderes? Damit bist du so gewöhnlich wie Dreck.« Ihre Eltern wussten, für wen sie arbeitete, und billigten es nicht. Weil ihr älterer Bruder Harry jedoch arbeitslos war und gerade Vater wurde, konnten sie ihr schlecht raten, die Stelle wieder aufzugeben. Erst am Abend hörte sie, wie ihr Vater ihrer Mutter Vorhaltungen machte; schließlich war es Zelda, die seine Florie zum Brotverdienen in die Welt getrieben hatte, hinaus in die Arbeitswelt mit all ihren moralischen Gefahren. Und warum? Litten sie etwa Hunger? Er war von Anfang an dagegen gewesen. Florence gegenüber drückte er sich vorsichtiger aus. »Florie, wozu brauchst du diese Leute? Es sind Schlangen. Ein Mädchen mit deinem Verstand. Du konntest schon lesen und schreiben, da warst du noch keine fünf«, rief er ihr in Erinnerung. »Und denk mal an die erste Klasse, als alle Eltern in die Schule kamen und den Kindern beim Gedichtvortrag zusahen, da konntest du deins auswendig und die anderen auch alle. Die anderen Kinder vergaßen ihre Zeilen, und du hast flüsternd vorgesagt. Hast ganze Strophen auswendig gelernt.« Er bot ihr Hilfe bei der Suche nach einer Stelle in seiner Firma an. Aber in solchen Zeiten und nachdem Metropolitan Life gerade ein Viertel seiner Angestellten entlassen hatte, wurde eine junge Frau – sogar eine mit abgeschlossenem Mathematikstudium – bestenfalls zum Kaffeeholen und Diktateaufnehmen eingesetzt. Und so ärgerte sie letztlich der Hohn ihrer Mutter weniger als das permanente Lob ihres Vaters, der sie in seiner Sturheit für etwas Besonderes hielt.

Florences kleines Gehalt reichte nicht aus, um das Leck zu stopfen, das die veränderten Verhältnisse in den Damm der Beverly Road gerissen hatten. Eines Abends riss das Geräusch von Geschirr, das im Esszimmer gestapelt wurde, Florence in der Küche aus ihrer Lektüre. Sie hatte schon bei dem zornigen Scheppern innegehalten, das die Handgriffe ihrer Mutter begleitete, deutlich verstand sie aber erst die erhobene Stimme ihres Vaters. »Du hast es ihr noch nicht gesagt?«

»Du hast gesagt, nach Rosch Haschana.«

»Und nach Rosch Haschana kommt Jom Kippur und danach …«

»Ja, Sol, in den Wochen brauche ich Hilfe. Glaubst du denn, deine Tochter wird für deine vielen Verwandten kochen?«

»In Ordnung, aber wir müssen der Frau jetzt Bescheid sagen. Das gehört sich so.«

Das Geschepper hörte auf. »Ich weiß nicht, was ich davon halten soll, Sol.«

»Früher hatten wir kein Hausmädchen, und es ging auch. Jetzt, wo ihre Kinder groß sind, kommt sie eh nur noch dreimal die Woche.«

Florence legte den Apfel weg, den sie aß. Die Erwähnung Sissys – ihrer alten Kinderfrau, die sie praktisch großgezogen hatte und die sie, es war erst ein paar Monate her, während des Bodenwischens bereitwillig abgehört hatte, als sie ihren Text für die Dido-Aufführung am College memorierte – machte ihr das Schlucken zur Qual.

»Ich bin keine zwanzig mehr«, sagte ihre Mutter nun auf der anderen Seite der Küchentür. »Du kannst nicht erwarten, dass ich auf die Knie gehe und diese Treppen scheuere.«

»Florie kann helfen.«

»Florence? Die kann keinen Lappen auswringen. Wenn du nicht immer dagegen gewesen wärst, dass sie mal einen Finger im Haushalt rührt. Aber so, bewahre: ›Stör Florie nicht, sie liest. Lass das Kind lernen.‹«

»Na, meinetwegen«, sagte ihr Vater begütigend, »wenn du auf Sissy nicht verzichten willst, können wir den Beitrag an die Synagoge lassen.«

»Bist du verrückt geworden?«

»Wir gehen doch kaum hin.«

»Sidney hat im April seine Bar Mizwa.«

»Die kann er auch im Gemeindezentrum haben. Und dort hat der Rabbi nicht drei Assistenten, die ihm die Reden schreiben, während er Golf spielen geht.«

»Wie undankbar sieht das denn aus, Sol, nachdem Kantor Kleiner sich so lange bemüht hat, damit Sidney weniger stottert?«

Vonseiten Sols folgte nun Schweigen – ein Schweigen, dem Florence den Groll ihres Vaters über institutionalisierte Religionen im Allgemeinen und die noble Gemeinde von Midwood im Besonderen anhörte. Als Versicherungsmathematiker, der seine Jahre damit zugebracht hatte, die bedeutsamsten Ereignisse im Leben von Menschen – Geburt, Eheschließung, Kinder, Unfälle, Krankheiten und, ganz zuletzt, den Tod – tabellarisch zu ordnen, glaubte Sol an den Gott Abrahams nicht mehr, als er an einen Gott glaubte, der beim Blackjack die Karten gab. Aber auch ein atheistischer Jude war schließlich Jude, und so antwortete er: »Nur bis April, Zelda.«

Zelda entließ Sissy kurz vor den Weihnachtsfeiertagen. Sie gab Florence einen Schuhkarton, gefüllt mit Kleinigkeiten, die Sissy zurückgelassen hatte, und bat sie, ihn mit der Post zu schicken. Der Karton war schockierend leicht und enthielt nur wenig: zwei Haarkämme aus Bakelit, eine Taschenbibel, versehen mit dem Stempel »Aktiver Dienst« des Jahres 1914, und ein Kopftuch aus Crêpe de Chine. Vielleicht hielt das Einsiedlerische, das diese Gegenstände ausstrahlten, oder der Bergamottegeruch von Sissys Haaröl, der dem Kopftuch noch anhaftete – der Geruch von Florences eben erst zu Ende gegangener Kindheit –, sie davon ab, die Schachtel sofort zurückzuschicken. Doch als sie die verwaisten Gegenstände nun in den Händen hielt, fühlte sie sich zu ihrer Überraschung so schuldig, dass es ihr fast den Atem nahm. Ihre Eltern waren außer Haus und besuchten Harry in Riverdale, und Sidney machte sich gerade für seine Haftorah-Stunde fertig. Seinen Kragen richtend, rannte er Florence von einem Zimmer ins andere nach und erzählte ihr von der neuen Spielerliste bei den Cardinals. »Die hätten Grimes nicht an die Cubs verkaufen dürfen«, lamentierte er mit der Schlaumeierei des Amateurs. Er glaubte fest daran, dass die Yankees, die seine geliebten Dodgers vernichtend geschlagen hatten, dafür bezahlen mussten. Die Cardinals waren das einzige Team der Football-Liga, das gegen die Yanks eine Chance hatte, verfolgten aber eine schlechte Strategie. »Von den kleineren Teams holen sie sich die Altgedienten und aus den Klubs die Alten. Ein paar leichte Siege kriegen sie dadurch schon, aber so baut man keine Mannschaft auf.« Er trottete hinter Florence die Treppe hinunter, sein Haar glatt wie eine Maishülse am Kopf anliegend. Sonst fand sie Sidneys pausenloses Geplapper recht amüsant; Sprechen und Denken waren für ihn nicht zwei voneinander getrennte Tätigkeiten, sondern ein und derselbe Vorgang. Heute Vormittag aber klang sein Schwatzen in ihren Ohren wie ein Nebelhorn. Sie schob Sissys Päckchen in ihre Büchertasche und zog den Riemen fest.

»Wo gehst du hin?«

»Ich bring die Sachen für Sissy auf die Post.«

»Wieso kann sie die nicht selber mitnehmen, wenn sie wiederkommt?«

Florence drehte sich zu ihm um, bevor sie weitersprach. Hatte ihre Mutter es ihm nicht gesagt? »Wo hast du gesteckt, Sidney? Sie kommt nicht wieder.«

»Was soll das heißen, sie kommt nicht wieder …?«

»Mom hat sie rausgeschmissen. Was glaubst du denn, wo sie die letzten Tage war?«

»Ich dachte, sie hat Ferien, so wie wir.«

»Ferien?« Florence kramte in ihrer Tasche nach dem Zettel mit der Adresse in Harlem.

»Hat sie was angestellt und Mom damit geärgert?«

»Musst du dich nicht für die Hebräisch-Schule fertigmachen?«

Aber er ließ nicht locker. »Hat sie etwas gestohlen?«

»Nein, Blödmann. Warum sagst du so was?«

»Ich weiß nicht. Warum hat Mom sie rausgeschmissen?«

»Weil wir uns im Moment keine Haushaltshilfe leisten können, capisci? Oder hast du es nicht mitgekriegt? Harry ist arbeitslos, und wir müssen noch das ganze Jahr lang Beiträge an die Synagoge bezahlen, damit du für zehn Minuten vor allen Leuten stehen und dich durch drei Thoraverse durchstottern kannst.«

Die Bestürzung auf seinem Gesicht übertraf alles von ihr Erwartete. Das Grünbraun seiner Augen zerbrach wie das Glas eines Arzneifläschchens. »Ich ka-kann doch nichts daf-f-für. Ich will d-das nicht m-mal.«

Er schrie sie nun fast an.

»Zu spät, Lemming. Du wirst zum Manne gemacht, ob es dir passt oder nicht, auch wenn wir hier alle das ganze Jahr Zwiebeln essen müssen.«

Vielleicht war es gemein, Sidney die Nachricht so zu überbringen, aber er verdiente die Wahrheit. »Ich muss heute arbeiten, ich bin zum Abendessen wieder da«, sagte sie und legte ihm liebevoll, wie sie hoffte, die behandschuhten Hände auf den Kopf. Er rührte sich nicht, und so blieb ihr nichts übrig, als ihn stehen zu lassen wie eine umgekippte Puppe und in den kalten Februarmorgen hinauszutreten.

Sie schloss die Tür zum Büro ihres Chefs auf und rechnete damit, allein zu sein, doch Scoop saß an seinem Schreibtisch und blätterte den neuen Daily Worker durch.

»Sie sind schon zurück!«

»Sieht so aus.«

Er war die ganze Woche unterwegs gewesen, war mit dem Pullman durch den Mittleren Westen gereist und hatte Geschäfte mit Stahlerzeugern gemakelt. Er räumte die Wildlederhandschuhe von der Schreibtischecke und sagte: »Wissen Sie, was ich an Amerika liebe?« Zum Deckenventilator hinauflächelnd, zitierte er Whitman: »Ich bin weiträumig, enthalte Vielheit!« Sie hatten gerade irgendwo in Ohio auf einem Bahnhof gehalten, erzählte er Florence, als eine Frau und ein Kind aus einem Zeltlager jenseits der Gleise kamen. Die Frau führte den Jungen behutsam über die Schwellen, damit er sich hinhocken und sein Geschäft verrichten konnte. Dann hob sie nach kurzem Blick auf den Waggon das Kleid und hockte sich daneben, kehrte den Reisenden frech ihr knochiges Gesäß zu. Florence hörte Scoops Schilderung das Frohlocken über die Verachtung an, die sein geliebtes Amerika so überreich auf sich gezogen hatte.

Er schob den Daily Worker beiseite und legte die Fingerspitzen aneinander. »Florence, ich mache Ihnen einen Vorschlag.« Eine Gruppe sowjetischer Ingenieure kam für acht Wochen nach Cleveland, um sich bei der Maschinenbaufirma McKee und Co. in der Errichtung von Stahlwerken schulen zu lassen. Die russische Delegation sollte Mitte Juni eintreffen. Die Männer benötigten einen Dolmetscher und Vermittler. »Wir wissen beide, dass Sie genug davon haben, bloß Sekretärin zu sein.«

»Sie bitten mich, nach Cleveland zu fahren?«

»Sie würden einen neuen Titel erhalten, Kindchen.« Er hielt die Hände so, als umfassten sie ein Türschild. »Handelsberaterin.«

»Aber Scoop, ich kenne mich mit Stahlwerken nicht aus. Und mein Russisch ist auch nur so lala.«

»Ein paar von denen sprechen Englisch. Und die brauchen keinen weiteren Ingenieur, sondern jemanden, der ihnen im praktischen Alltag des amerikanischen Lebens zur Seite steht. Der aufpasst, dass sie nicht in Schwierigkeiten geraten.«

Sie fragte sich, wie sie verhindern sollte, dass eine Gruppe erwachsener Russen in Schwierigkeiten geriet, wollte aber Scoops Glauben an sie nicht ins Wanken bringen. Also sagte sie: »Wo soll ich denn da wohnen?«

»Wir stellen Ihnen eine Unterkunft zur Verfügung.«

»Eine Wohnung?«