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Die Ghostwriterin Allie bringt sich und ihren Sohn Cass gerade so durch. Von ihrem Idealismus in Bezug auf Mutterschaft und feministische Erziehung musste sie sich längst verabschieden, zu Gunsten der pragmatischen Frage, wo eigentlich die Miete für den nächsten Monat herkommen soll. Doch dann ergattert sie einen hochkarätigen Auftrag: Sie soll ein Buch für die bekannte Aktivistin Lana schreiben. Die ist ebenfalls Mutter, kennt jedoch keine wirtschaftlichen Nöte und hat zudem Ambitionen auf ein politisches Amt. Die Zusammenarbeit der beiden ungleichen Frauen birgt ungeahnten Zündstoff ...
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Seitenzahl: 474
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Über das Buch
Über die Autorin
Titel
Impressum
Widmung
Hinweis
TEIL 1: 2016
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
TEIL 2: Dezember 2016 – März 2017
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
TEIL 3: April – November 2017
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Danksagung
Über das Buch
Die Ghostwriterin Allie bringt sich und ihren Sohn Cass gerade so durch. Von ihrem Idealismus in Bezug auf Mutterschaft und feministische Erziehung musste sie sich längst verabschieden, zu Gunsten der pragmatischen Frage, wo eigentlich die Miete für den nächsten Monat herkommen soll. Doch dann ergattert sie einen hochkarätigen Auftrag: Sie soll ein Buch für die bekannte Aktivistin Lana schreiben. Die ist ebenfalls Mutter, kennt jedoch keine wirtschaftlichen Nöte und hat zudem Ambitionen auf ein politisches Amt. Die Zusammenarbeit der beiden ungleichen Frauen birgt ungeahnten Zündstoff …
Über die Autorin
Heidi Pitlor ist Autorin der Romane Drei Tage im Sommer, The Daylight Marriage und Die Heldin der Geschichte. Seit 2007 fungiert sie als Herausgeberin der Reihe The Best American Short Stories und ist Programmleiterin bei Plympton. Ihre Texte sind u.a. in der New York Times, dem Boston Globe, Lit Hub, Ploughshares und der Huffington Post erschienen. Sie lebt in der Nähe von Boston.
HEIDI PITLOR
DIE HELDIN DER GESCHICHTE
ROMAN
Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea O’Brien
Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Titel der amerikanischen Originalausgabe:»Impersonation: A Novel«
Für die Originalausgabe:Copyright © 2020 by Heidi PitlorPublished by arrangement with Algonquin Books of Chapel Hill, a division of Workman Publishing Co., Inc., New York
Zitat Virginia Woolf, aus: Zum Leuchtturm. © 1927 Angelica Garnett, Virginia Bell and Cressida Bell. Aus dem Englischen von Karin Kersten. © S.Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 1991.
Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2022 by Bastei Lübbe AG, KölnLektorat: Ann-Catherine Geuder, Lübeck Umschlaggestaltung: Manuela Städele-Monverde unter Verwendung eines Designs von © Workman Publishing; Illustration: © Patrick LegerEinband-/Umschlagmotiv: Illustration © Patrick LegereBook-Erstellung: two-up, Düsseldorf
ISBN 978-3-7517-2059-5
luebbe.delesejury.de
Für Amelia und Milo
Hinsichtlich sonstiger Nutzungsrechte verzichtet der AUTOR/die AUTORIN auf Anerkennung aller »Urheberpersönlichkeitsrechte«, die am WERK entstehen.(Vertrag Ghostwriting, § 5 »Geistiges Eigentum«)
2016
In einer Bibliothek habe ich mal gesehen, wie eine Frau die Biografie von Mutter Teresa in die Hand nahm und sie Sekunden später ins Regal zurückstellte. Als Nächstes griff sie zu den Memoiren von Peter Kennedy, JFKs Neffen. The House That Uncle Jack Built, stand in pseudokrakeliger Schrift auf dem Cover, darunter prangte der Autorenname in fetter Baskerville, doppelt so groß wie der Titel. Das Buch hätte genauso gut Warum ich Hosen mag heißen können, ausschlaggebend für die Verkaufszahlen war nicht, wie das Buch hieß, sondern wer es geschrieben hatte. Die Frau überflog den Klappentext auf der Rückseite, strich sich elegant eine Strähne hinters Ohr und blätterte schließlich darin herum.
Ich schätzte sie auf Anfang vierzig, ungefähr in meinem Alter also. Sie trug Jogginghose, Fendi-T-Shirt und rosa Sneakers, machte also vermutlich in den Berkshires Sommerurlaub. Ich blieb ein paar Meter vor ihr stehen, denn ich wollte ihre Reaktion sehen, wenn sie las, wie der kleine Peter Kennedy »die Hand an die Ewige Flamme hielt« und sich dabei drei Finger verbrannte. »Der Friedhofsverwalter kam angelaufen, nannte mich einen ungezogenen Rotzlöffel und verwies unsere kleine Gruppe des Ortes. Offensichtlich hatte er keine Ahnung, dass ich mit dem Verstorbenen verwandt war.«
Welche feinstofflichen Eigenschaften muss ein Text haben, um seine Leserschaft nach nur einem oder zwei Sätzen zu fesseln? Als ich mir diese Frage stellte, las ich selbst gerade einen dieser Ratgeber, wie man Babys zum Schlafen brachte. Meine Erwartung daran war klar: Mein Sohn und ich sollten nachts mehr als drei Stunden Nachtruhe bekommen, und das am Stück. Parallel dazu hatte ich mich schon zur Hälfte durch ein Buch für Alleinerziehende durchgeackert.
Wie es der Teufel wollte, spuckte mein Sohn just in diesem Moment seinen Schnuller aus und begann zu zetern, ein rhythmischer Klagelaut, der mich stark an das Meckern einer Ziege erinnerte. Die Frau blickte von ihrem Buch auf und musterte mich, eine kompakte Person mit schulterlangem, wirrem, bräunlich-grauem Haar, die einen jammernden, nur mit Red-Sox-T-Shirt und Windel bekleideten Säugling auf dem Arm hielt. Mein linkes Hosenbein war nass, weil Cass mir kurz zuvor auf die Jeans gespuckt und ich auf der Toilette versucht hatte, den Fleck zu entfernen. Die Frau starrte uns an, während ich krampfhaft versuchte, Cass zu beruhigen, ihn wiegte, ihm ins Ohr pustete, alles vergeblich.
Um sie nicht weiter zu belästigen, hastete ich ins Foyer, wo ich glücklicherweise den Schnuller im Ausschnitt meines Kapuzenpullis wiederfand und ihn meinem Sohn erleichtert in den Mund stopfte. Als Cass sich wieder beruhigt hatte, sah ich, wie die Bibliothekarin an der Ausleihe der Frau die Kennedy-Memoiren zurückgab. Das erfüllte mich mit großem Stolz, ein kleiner Triumph. Auf dem Weg zum Ausgang wich sie einem Mann aus und stieß dabei gegen mich.
»Verzeihung«, sagte ich, als wäre es meine Schuld gewesen. »Ich hoffe, das Buch gefällt Ihnen. Es soll gut sein, habe ich gehört.«
»Ich habe kein Geld dabei«, erwiderte sie, den Blick fest auf meine ausgelatschten Flipflops gerichtet.
»Was?«
»Ich kann Ihnen nichts geben.«
»Was? Nein!« Ich lachte kurz auf, was Besseres fiel mir in diesem Moment nicht ein.
Die Frau zog ihr Handy aus der Tasche und verschwand durch die Tür.
Ich sah ihr verdattert hinterher, Cass auf dem Arm.
Hätte ich keine Geheimhaltungsvereinbarung unterschrieben, wäre ich der Frau vielleicht anders begegnet, hätte sie womöglich gebeten, ihre Vorurteile zu überdenken, vor allem, was meine vermeintliche Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht betraf. Keine Ahnung, was genau ich ihr gesagt hätte, aber zumindest hätte ich sie darauf hingewiesen, dass ich die Autorin des Buches war, das sie da gerade in Händen hielt.
Allerdings hätte sie mir wohl kaum geglaubt, wieso sollte sie auch? Und überhaupt: Begegnete ich ihr nicht ebenfalls mit Vorurteilen? Vielleicht gehörte sie sogar selbst zur Familie der Kennedys oder hatte in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit Bettlerinnen gemacht. Möglicherweise hatte sie selbst finanzielle Probleme, wobei das eher unwahrscheinlich war – kurz darauf sah ich sie in einem Mercedes SUV vorbeigleiten.
Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits ein halbes Dutzend Bücher für diverse zweitklassige VIPs geschrieben, die allesamt unter ihrem Namen erschienen waren, darunter ein reicher Ölbaron, einige Verwandte von echten Berühmtheiten und ein paar abgehalfterte Stars. Die wenigsten meiner Autorinnen und Autoren besaßen schriftstellerisches Talent, aber sie waren mir alle auf ihre ganz eigene Weise ans Herz gewachsen. Sie hatten sich mir anvertraut, ein paar hatten sogar intimste Geheimnisse preisgegeben, und im Gegenzug dafür hatte ich mich bemüht, weniger schmeichelhafte Charakterzüge zu kaschieren und alles zu betonen, was ihr Image verbesserte. Mit manchen hatte ich noch Jahre später Kontakt. Nach dem Tod des ehemaligen Astronauten Clyde Elliott schickte ich seiner Frau einen Strauß Schwertlilien, ihre Lieblingsblumen. Sie bedankte sich mit einer herzlichen Karte: Sie haben aus den ausschweifenden Erinnerungen eines alten Mannes eine wohlklingende Ballade gemacht. Ich antwortete ebenfalls mit einer Karte: Ihre Worte haben mich sehr bewegt, genau wie meine Zeit mit Elliott. Natürlich verschwieg ich ihr, dass ihr Mann, trotz meiner Abfuhren, beharrlich mit mir geflirtet und einmal zu mir gesagt hatte, er sei dafür, dass man seiner Gattin zur Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmer das Fahren verbieten solle. »Frauen am Steuer«, hatte er kopfschüttelnd gemurmelt. Wenn ich im Zuge meiner Arbeit die Wahrheit verschleierte oder sie neu erfand – was mir mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen war –, musste ich mich oft über die Grenzen des gedruckten Wortes hinausbewegen.
Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass sich die im Folgenden geschilderten Ereignisse lange vor der #MeToo-Bewegung und Brett Kavanaughs höchst umstrittener Bestätigung als Richter am Obersten Gerichtshof der USA ereigneten. Das alles fand statt, bevor man unzählige Kinder an der mexikanischen Grenze von ihren Eltern trennte und vier weibliche Kongressabgeordnete of Colour vom Präsidenten der Vereinigten Staaten dazu aufgefordert wurden, »dahin zurückzukehren, wo sie hergekommen sind, und zu helfen, ihre total kaputten und von Kriminalität verseuchten Länder wieder in Ordnung zu bringen«. Im Rückblick betrachtet sehen viele Dinge natürlich oft anders aus, so auch jetzt, im Jahr 2018, da ich diese Worte schreibe. Obwohl das alles noch nicht so lange her ist, lebten wir damals doch in einem anderen Land. Das soll allerdings keine Rechtfertigung sein.
Im Januar 2016 rief mich mein Agent an, es ging um ein neues Buchprojekt. Für mich war dieser Auftrag wie ein Lottogewinn, denn das angebotene Honorar überstieg alles, was ich je für ein solches Buch bekommen hatte. Dazu kam, dass Nick Felles locker mein berühmtester Autor sein würde. Ich konnte meinem Agenten deshalb anfangs kaum glauben.
»Es stimmt aber«, sagte Colin. Er selbst würde ebenfalls fünfzehn Prozent einstreichen. »Und jetzt gönn dir erst mal ein Wellness-Wochenende.«
Ich verriet ihm nicht, dass es in meinem Leben Dringenderes gab als eine Maniküre und Gesichtsmassage. Mein letztes Buchprojekt, die Memoiren der Kongressabgeordneten Betsy McGrath, lag schon fast zwei Jahre zurück, und mein Erspartes war nahezu aufgebraucht. Ich arbeitete zwar nebenbei noch bei einer Landschaftsgärtnerei und als Aushilfslehrerin, aber es fiel mir trotzdem schwer, meine laufenden Kosten zu decken. Mein Wagen hatte vor Kurzem den Geist aufgegeben. Jeden Morgen erwachte ich mit dem unheilvollen Gefühl, dem Untergang geweiht zu sein.
Als ich aufgelegt hatte, lief ich sofort zu Cass. »Wir können dir endlich ein Bett für große Jungs kaufen!« Ich schloss ihn fest in die Arme, als könnte ich meine Erleichterung in seinen kleinen Körper drücken, in sein weiches Gesicht.
»Okay. Das tut weh. Ich muss Pipi«, sagte er.
Wir versuchten gerade, die Windeln wegzulassen, daher war Eile geboten. Ich sauste mit ihm ins Bad.
Ungefähr einen Monat später fuhr ich mit einem wunderschönen gebrauchten Toyota Tacoma mit Rückbank vom Parkplatz eines Autohändlers, und Janis Joplin röhrte »Get It While You Can« aus dem Lautsprecher. Zehn Jahre zuvor hatte ich mich von der Festanstellung als Texterin bei einer Agentur in Manhattan befreit, um in meine Heimatstadt in den Berkshires zurückzuziehen und als Freiberuflerin mein Glück zu versuchen. Ich arbeitete am Küchentisch, wann und wie ich wollte. Wenn mir der Sinn danach stand, trug ich einfach nur T-Shirt und Schlafanzughose. Mit einer mittelmäßigen Beziehung hatte ich mich nie aufgehalten, stattdessen erzog ich meinen süßen, liebenswerten Sohn ganz allein. Ich war die Herrin in meinem Leben. Und jetzt, als ich mit meinem neuen Wagen an einer roten Ampel hielt, hatte ich das Gefühl, das Blatt würde sich endlich zu meinen Gunsten wenden.
Offenbar war ich die Einzige in meinem Bekanntenkreis, die Nick Felles’ Erfolgsserie Skinwalker Ranch über Gestaltwandler, UFOs, geopferte Rinder und supersexy Hexen noch nie gesehen hatte. Vor unserem Treffen zog ich mir also gleich die ganze Staffel rein und war tatsächlich gefesselt von der Ranch, wie Nick sie nannte. Die Serie war zwar brutaler als meine übliche Fernsehkost, überzeugte jedoch durch Cliffhanger, die besondere Mischung von Archaik und Futurismus und die attraktiven, oft nackten Darsteller – vor allem Darstellerinnen.
»Woher hatten Sie die Idee für die Serie?«, fragte ich ihn bei unserem ersten Telefonat.
»Ich habe mich schon immer für Übernatürliches interessiert«, sagte er. Wie vereinbart, zeichnete ich unser Gespräch auf. »Als Kind war ich völlig gebannt von Tolkien. Den Aspekt der primitiven Gewalt fand ich schon immer faszinierend. Damit meine ich tatsächlich diese nackte Brutalität zwischen zwei Menschen, Unterwerfung, Bestrafung, wissen Sie? Mich reizt die Frage, ob jemand ein echter Krieger ist oder nur den Knopf drückt beziehungsweise den Befehl erteilt, eine Bombe abzuwerfen. Also habe ich gedacht: Lass die Waffen weg, die Bomben und die Drohnen. In meiner Serie geht es um die rohe Gewalt zwischen Menschen. Auge um Auge. Und ich fand es wichtig, Gewalt mit einer Menge Sex zu verflechten.« Eigentlich hätte ich ihn gern gefragt, warum, aber er sprach einfach weiter. »Darf ich ehrlich sein? Rein objektiv betrachtet … was ist ästhetischer als zwei attraktive Menschen, die’s miteinander treiben? Hallo? Warum malen wohl so viele Künstler Akte? Picasso hat einmal gesagt, dass Sexualität und Kunst praktisch dasselbe sind. Er ist übrigens eine meiner Musen.« An dieser Stelle legte Nick eine kurze Pause ein, als wollte er mir die Gelegenheit geben, zu fragen, wer die anderen waren, doch dann gab er die Antwort einfach selbst. »Picasso, Tolkien, Bukowski, Kerouac. Ach ja, und natürlich auch Frauen. Kann ein ganzes Geschlecht als Muse gelten? Warum nicht? Aber ich bin nicht blöd. Wenn Sie mich fragen, mit welcher Schauspielerin ich’s treiben würde, wäre es auf keinen Fall eine von denen, die heute so in Filmen zu sehen sind, also klare Absage an Dakota Fanning und Kristen Stewart, bevor die zum anderen Team gewechselt hat, selbstverständlich. Her mit Linda Harrison als Nova in Planet der Affen. Her mit Mia Farrow in Rosemarys Baby.« An dieser Stelle räusperte er sich.
Ich tat dasselbe, während ich mir krampfhaft überlegte, wie ich ihn dazu bringen könnte, ein bisschen weniger ungefiltert über solche Dinge zu plappern. Vielleicht hätte ich es mit Humor versuchen sollen, aber er schien mir nicht der Typ, der über sich selbst lachen konnte.
»Ich glaube, ich wollte einfach diese Grenze zwischen Sex und Gewalt ausloten, weißt du, Liebe und Hass. Mir geisterte eine Geschichte im Kopf herum, Mann gegen Frau gegen Tier gegen sich selbst gegen das Okkulte in einem wilden, heißen Durcheinander. Ich hatte am Anfang so eine Idee für die Ranch: Altes Rom trifft auf so eine Art futuristisches Grenzgebiet. Die Bilder hatte ich schon genau vor mir, bevor ich mich mit den Schlipsträgern im Studio getroffen habe. Der Rest, wie man so schön sagt, ist Geschichte.«
Ich dachte an Cass. Wir brauchten was zu essen und ein Dach über dem Kopf. Von dem Honorar für dieses Buch würden wir ein Jahr leben können, und zwar gut, selbst wenn ich sparsam wäre. Außerdem sprach Nick schon jetzt mit mir wie mit einer guten Freundin, und diese Offenheit würde meine Arbeit erheblich erleichtern.
Man konnte nicht gerade behaupten, dass es Nick Felles an Risikobereitschaft oder Glück mangelte. Zuerst hatte er einen Riesenerfolg mit seinem Videospiel Honor Code, das sogar einige Megaseller wie Grand Theft Auto überholte, dann war er kurz darauf beim Fernsehen eingestiegen. In der Hoffnung, bei meinem neuen Kunden eine Seite mit etwas mehr Tiefgang zu finden, hatte ich mich bei einem Freund an der PlayStation seines Sohnes an Honor Code versucht, war aber nicht mal übers erste Level hinausgekommen. Innerhalb von Sekunden erschien die erste Soldatin in schwarzem Bikini auf der Bildfläche – die Worte sexy cherry572 waberten über ihrem Kopf – und riss mir die Arme aus, knallte meinen Kopf gegen die Festungsmauer, wo er wie eine reife Melone explodierte. Danach stampfte sie auf meiner Hirnmasse herum.
»Deine Eltern erlauben dir dieses Spiel?«, fragte ich Connor, gerade mal elf Jahre alt. »Wie kann man dabei gewinnen?«
»Vielleicht musst du länger üben oder einfach jünger sein?«, lautete seine Antwort.
Im Alter von siebenundzwanzig besaß Nick bereits drei Video Game Awards, drei Emmys und zwei Hugos und hatte sich eine moderne Villa in Malibu gekauft, mit Infinity-Pool und Blick über die Santa Barbara Islands bis nach Point Dume.
Als Rohmaterial schickte er mir einen extrem schlanken Entwurf zu, in dem er noch schamloser rüberkam als am Telefon. Ich machte mich an die Arbeit, versuchte ihn liebenswürdiger zu machen, wo ich konnte, stattete ihn mit einer gewissen Dankbarkeit für sein Riesenvermögen aus, betonte seine Beziehung zu seiner Mutter und spielte die vielen öffentlichen Skandale mit einem südamerikanischen Model herunter. Seinen Monolog über die ideale Größe von Brustwarzen ließ ich weg.
In den darauffolgenden Wochen entdeckte ich zu meiner Erleichterung tatsächlich eine andere Seite an Nick, eine erstaunlich großzügige sogar. Wie sich herausstellte, spendete er größere Summen an die schwarze Bürgerrechtsorganisation NAACP und an Non-Profits wie Boys Town und Planned Parenthood. Er begegnete mir mit Interesse, wollte wissen, wie ich zur Ghostwriterin geworden war, erkundigte sich sogar nach Cass. Schon bald unterhielten uns ausgiebig darüber, wie wichtig es für manche Kinder wäre, mehr Diversität in ihrem Leben zu haben. Meine Kundschaft behandelte mich oft wie eine Therapeutin, eine Person ohne Eigenleben, der man getrost seine intimsten Geheimisse offenbaren konnte. Die wenigsten erkundigten sich nach meinem Sohn oder meinem Leben.
Nachdem ich ihm ein paar Kapitel gemailt hatte, um sicherzugehen, dass meine Arbeit in seinem Sinne war, bekam ich eine Nachricht: Alter, bei dir klinge ich wie ein echter Lauch.
Darf ich fragen, was genau du mit ›Lauch‹ meinst?
Seine Antwort kam prompt: Ein Weichei. Loser. Ich bin ehrlich, Allie, wir sind doch Freunde, oder? Du würdest nie so was wie Lauch sagen, ich weiß, aber genauso wenig würde ich Sachen sagen wie: »In meinem Leben habe ich viele unschätzbare Geschenke erhalten« oder »Während ich mit einem Glas Wein in der Hand den Sonnenuntergang auf dem Meer betrachte …« Hab dir doch erzählt, dass ich auf Whiskey steh. Kannst du mehr auf dicke Hose machen?
Rückmeldungen zum eigenen Schreiben, die nicht gerade Begeisterung ausdrücken, können ziemlich verletzend sein. Nachdem ich seine wenig subtile Kritik einigermaßen verarbeitet hatte, dachte ich über eine angemessene Antwort nach. Ich hatte in der Vergangenheit für Bob Smelnick gearbeitet, dessen Ölunternehmen später dafür verklagt wurde, wissenschaftliche Erkenntnisse über den Klimawandel vertuscht zu haben. War Nick so viel schlimmer als dieser unehrliche Unternehmer? Nach einer Weile schrieb ich zurück: Dicke Hose, schon in Arbeit.
Nick und ich hatten so gut wie nichts gemein: Ich war eine neuerdings solvente Dreiundvierzigjährige und mochte lieber britische Fernsehkrimis als die Ranch, lieber Gras als Whiskey, lieber Dylan als Kanye, lieber Bücher als Videospiele, lieber Privatsphäre als Selbstdarstellung. Aber Ghostwriting ist eher so was wie Theater, Method Acting oder Improvisation. Du übernimmst die Hauptrolle, spielst Kennedy, eine Kongressabgeordnete oder einen Typen, der auf Anarcho-Primitivismus und jugendliche Hipstersprache steht.
Ich musste einfach denken wie ein Mann. Niemand erwartete Anmut oder Bescheidenheit. Ich hatte einen Sohn durchzufüttern, und mich selbst dazu. Außerdem hatte ich noch nie mit Nicks Lektor gearbeitet, und womöglich war der aus demselben Holz geschnitzt.
Also trank ich meinen Kaffee und kehrte zurück an meinen so genannten Arbeitsplatz.
Ich lebe so, wie ich es mir immer gewünscht habe. Man hat mich als Wunderkind bezeichnet, als Quotenkönig. Meine Sendung wird in Japan ausgestrahlt, in Australien, in Flugzeugen und auf US-Militärstützpunkten im Irak. Ich besitze einen kirschroten Ferrari Enzo, eine Erstausgabe von Dracula, und Axel, meine Netzpython, hat ein eigenes klimatisiertes Zimmer mit atemberaubendem Blick über den Pazifik. Aber für mich war dieser Reichtum nie selbstverständlich. Ich nehme mir für jeden Fan Zeit, jeder bekommt von mir ein Autogramm. Es ist wichtig, am Boden zu bleiben.
Das ganze Buch über auf dicke Hose zu machen, wäre eine ziemliche Herausforderung. Vielleicht sollte ich mich nochmal bei Nick melden und ihm vorschlagen, ab und zu den Lauch raushängen zu lassen, denn damit täte er seinen Memoiren einen echten Gefallen. Natürlich war die dicke Hose ein Teil seiner Persönlichkeit, und ob man es nun mochte oder nicht, der Mann hatte damit Erfolg.
Ich dachte reumütig an andere Persönlichkeiten zurück, für die ich geschrieben hatte. Viele von ihnen hatten mich aus Angst vor unschönen Enthüllungen komplett an die Kette gelegt. Sie alle hatte auch nur die Vorstellung, sie könnten zu großspurig wirken, zu erfolgreich, vulgär oder eingebildet, bereits in helle Aufregung versetzt. Unsichtbare Elektrozäune, überall. Die Memoiren der Kongressabgeordneten Betsy McGrath hatten mich am meisten frustriert. Ihren Reichtum musste ich herunterspielen, ihre Schwester durfte ich tunlichst nicht erwähnen, denn die hatte betrunken am Steuer jemanden totgefahren, ihre ersten beiden Ehen sollte ich unbedingt aussparen, und eine langatmige Kritik des Prostituiertenschutzgesetzes musste ich ersatzlos streichen. Es war mir vorgekommen, als würde ich eine Marketingbroschüre für den Bundesstaat Connecticut verfassen.
Offen gestanden fand ich die dicke Hose nach einer gewissen Gewöhnungsphase ziemlich befreiend. Es gab eigentlich keinen Bereich in Nicks Leben, der für mich tabu war; meine Arbeit erschöpfte sich weitestgehend darin, seine Aussagen während unserer Unterhaltungen zu Papier zu bringen. Er war enthusiastisch, gesprächig und so authentisch, dass ich seine Antworten bald vorhersagen konnte. Es gefiel ihm, mit mir über die Natur des Menschen zu philosophieren, und zwar unter inflationärer Verwendung der Begriffe »primitiv« und »transformativ«. Wir hatten lange Gespräche über Abraham Lincoln, Kreativität, Familienbeziehungen, Hautpflege und die Vielseitigkeit von Avocados.
Ich kam so schnell voran, dass ich schon nach einigen Wochen mehrere Kapitel fertig hatte. Vor lauter Begeisterung schickte Nick mir eine pinke Handtasche von Gucci und ein Samuraischwert für Cass, und obwohl ich Rucksäcke benutzte, und zwar in allen Farben außer Pink, und mein Sohn sich mit dem Schwert fast enthauptete, war ich von dieser Geste gerührt.
Als die erste Hälfte seines Buches fertig war, lud Nick mich zum Kaffee ein. Die Leute, für die ich schrieb, traf ich so gut wie nie persönlich, aber Nick war zufällig wegen einer Gaming-Konferenz in Albany, ungefähr eine Stunde Fahrzeit von mir entfernt.
Wann und wo?, schrieb ich.
Kaum hatte ich die Nachricht abgeschickt, überkam mich so ein zwiespältiges Gefühl. Ich würde ihn persönlich kennenlernen, aber er ebenfalls mich. Peinlicherweise hatte ich mein wahres Alter etwas kaschiert – ja, ich weiß, nicht toll, aber ich dachte, er wäre mir gegenüber offener, wenn er mich für jung und möglicherweise sexy hielte. Als er vorgeschlagen hatte, mit mir zu skypen, hatte ich behauptet, meine Webcam sei kaputt. Eine Google-Suche hätte ihn auch nicht weitergebracht, dafür sorgte ich schon seit zehn Jahren, also seit ich mit dem Ghostwriting begonnen hatte. Davor hatte ich als Marketingtexterin für ein Private-Equity-Unternehmen in New York gearbeitet. Damals führte ich ein komplett anderes Leben, und jemand wie Nick hätte wunderbar hineingepasst.
Zu der Zeit zog ich oft mit meinen männlichen Kollegen um die Häuser, denn mit denen kam ich erheblich besser klar als mit den Frauen im Büro. »Meine« Jungs und ich, wir gingen regelmäßig aus und tranken um die Wette. Irgendwann luden sie mich sogar mal zum Mittagessen in ein nobles Bistro ein. Ich war die einzige Frau am Tisch. Während sie sich über klassische Setlists bei Bruce-Springsteen-Konzerten, die Fickwürdigkeit berühmter Schauspielerinnen, Enron, die Achse des Bösen und die New York Knicks unterhielten, verdrückte ich still und leise mein Club Sandwich mit Süßkartoffelpommes.
»Du bist das erste Mädel in meinem Bekanntenkreis, das nicht nur Salat zum Mittagessen bestellt«, sagte einer anerkennend.
Eine von den »Jungs« zu sein, verschaffte mir eine besondere Sicherheit, denn in meinem Beisein würden sie sich wohl kaum über meine Fickwürdigkeit unterhalten. Außerdem muss ich zugeben, dass ich es genoss, sie bei ihren Männergesprächen zu belauschen. Als mich die anderen Frauen im Bistro verstohlen musterten, wurde ich gleich einen Kopf größer, denn ich besaß etwas, das sie begehrten. Dieses Gefühl war so neu für mich, dass ich es möglicherweise zu sehr auskostete, die Annäherungsversuche zwar abwehrte, aber nicht mit der nötigen Deutlichkeit. Sie verpassten mir den Spitznamen Little Tiger, denn so hieß der Gin, den ich gern trank. Nicht mal einen Monat später bekam ich eine Gehaltserhöhung, ein eigenes Büro und durfte sogar die Korrespondenz und kleinere Rechercheaufgaben für einen der Geschäftsführer erledigen. Mein Leben war ziemlich klasse, zumindest in jenem Moment.
Am heranbrechenden Morgen meines Treffens mit Nick in Albany trug ich meinen schlafenden Sohn durch meinen Vorgarten. Allerdings scheiterten meine Versuche, Cass nicht zu wecken, beinahe daran, dass ich über eine Baumwurzel stolperte und der Nachbarshund prompt losbellte. »Bitte schlaf weiter!«, flüsterte ich, denn mein Sohn würde mit Sicherheit ein Mordsgeschrei anstimmen, wenn er merkte, was anlag. Mit Trennung konnte er überhaupt nicht umgehen.
Bertie empfing uns an ihrer Fliegengittertür. »Ich nehm ihn«, sagte sie leise, noch ohne Gebiss, und streckte die Arme aus. Sie war zu gebrechlich, um ihn zu tragen, daher bedeutete ich ihr, die Tür aufzuhalten, damit ich Cass ins Haus bringen und ihn aufs Sofa legen konnte.
Ich ließ meinen Sohn nicht gern bei meiner Nachbarin zurück, aber es gab keinen Vater, der auf ihn hätte aufpassen können. In Berties Haus stank es nach Urin, und in ihrer Fliegengittertür prangte ein großer Riss. Aber mein Haus war auch nicht besser in Schuss: An der Treppe vor meiner Haustür bröckelten die Stufen, es war nur eine Frage der Zeit, bis sich jemand verletzte, außerdem regnete es durchs Dach. Jimmy Pryor, mein Vermieter und Nachbar, ließ sich frustrierend viel Zeit mit solchen Reparaturen. Dank Nicks Buch konnte ich mich jetzt vielleicht nach etwas Besserem umsehen.
Cass sah so verletzlich aus in seinem zu kleinen Tigger-Sweatshirt. Ich strich ihm sanft über die Wange. »Bertie, du bist ein Goldschatz«, sagte ich.
Wieder zu Hause, verzwirbelte ich mein Haar zu einem halbwegs ordentlichen Knoten und schlüpfte in das Profi-Outfit, das ich mithilfe meiner Freundin Maggie bei Ann Taylor ergattert hatte. Der Futterstoff streichelte meine Haut wie Seide, das Knopfloch war robust gearbeitet, der Reißverschluss funktionierte einwandfrei. Das alles erinnerte mich an exklusivere Kleidungsstücke, die ich in New York getragen hatte. Wieder ärgerte ich mich darüber, die edlen Teile zu Beginn meines Freiberuflerinnendaseins kurzerhand der Altkleidersammlung übergeben zu haben. Aber damals war ich heilfroh gewesen, die steifen, engen Businesskostüme und zwickenden Absatzschuhe loszuwerden, die mir zunehmend fremd erschienen waren und am Ende überhaupt nicht mehr zu mir gepasst hatten.
Nach fast einer Stunde traf ich endlich in Albany ein und fand Nick in einer privaten Nische im Hinterzimmer vom Wellington’s, dem edlen Restaurant seiner Nobelherberge. Ein bulliger Typ in Nicks Alter saß neben ihm, beide tippten auf ihren iPhones herum. Mit seiner Lakers Cap auf dem Kopf wirkte Nick erheblich jünger als auf allen Fotos, die ich von ihm gesehen hatte, und sein Gesicht war flacher, breiter. Ein blonder Dreitagebart spross auf seinem Kinn. Er betrachtete mich mit blitzenden blauen Augen und sagte: »Bist du Allie?«
Ich nickte. »Hi, Nick.«
»Setz dich doch!«
Der Gorilla neben ihm sah nicht mal von seinem Handy auf, hustete aber in seine Faust.
»Nette Location«, sagte ich und versuchte, es mir auf dem seltsamen Stuhl bequem zu machen, der aussah wie eine Metallschüssel.
Nick musterte mich mit schmalen Augen. »Alter, du bist ja noch heißer, als ich dachte!«
»Oh, danke.« Gut möglich, dass ich kicherte und an meinen Fingernägeln herumzupfte. »War dein Flug okay? Wann bist du gelandet?«
»So vor einer Stunde. Hab die meiste Zeit geschlafen.« Nicks Blick ruhte immer noch auf mir. »Es ist so krass! Ich hatte mir dich irgendwie trutschig vorgestellt. Größer und, du weißt schon, rundlicher. Vielleicht, weil ich die ersten Sachen, die du geschrieben hast, so lahm fand. Tja, der erste Eindruck bleibt wohl hängen.« Er schüttelte den Kopf.
Ich spähte zu ihm rüber und rang mir ein Lächeln ab. Auf keinen Fall wollte ich verklemmt wirken.
»Aber nichts für ungut.«
»Kein Problem. Vielleicht sollten wir mal zusammen ein Buch schreiben«, scherzte ich.
Unser Geplänkel verstummte, als eine klassische Schönheit mit rotem Bob und jadegrünen Augen an unseren Tisch trat, um meine Bestellung aufzunehmen.
»Nur einen Kaffee, bitte«, sagte ich.
»Soso, du heißt also Shannon«, sagte Nick mit Blick auf das Namensschild unterhalb ihrer rechten Brust. »Shannon, hast du noch ein bisschen Heißes für mich?« Er hielt sich den Becher an die Lippen und schleckte mit einer kleinen Zungenbewegung über den Rand.
»Aber gern doch.« Sie strahlte ihn an, ihr Gesicht leicht gerötet, dann wandte sie sich einem anderen Tisch zu.
Der Gorilla nickte anerkennend. »Lecker«, sagte er.
Nick wandte sich wieder mir zu. »Also, Allie. Ich habe die Kapitel gelesen, die du mir geschickt hast. Ziemlich krass. Fast, als hätte man mich geklont und dieser Klon hätte ein fantastisches Buch über mich geschrieben. Hat mich richtig angeturnt, wie du mir in den Kopf gekrochen bist. Dabei ist mir fast einer abgegangen.«
»Super«, sagte ich, den Blick auf die Tischplatte gerichtet, während ich meinen Notizblock hervorkramte.
Er schlug ein paar kleinere Änderungen vor; ich sollte die Geschichte von dem cholerischen Nachbarn streichen, der ihn als Kind auf dem Kieker hatte, und auch sein Kaninchen namens Buttercup wollte er nicht mehr im Buch haben. Den genauen Namen seines Geburtsortes, ein Spießerkaff in der Nähe von Chicago, bräuchte auch niemand zu wissen. »So langweiliges Zeug interessiert keine Sau«, meinte er.
Ich notierte mir alles.
Danach unterhielten wir uns über seinen Python, die nächste Staffel der Ranch und die neugeborenen Zwillinge seiner Schwester. Am Tag zuvor hatte ich eine Szene zwischen ihm und seiner Mutter angefangen, die gerade ihren Job verloren hatte. Nick wollte ihr eröffnen, dass er ihr ein Apartment kaufen würde.
»Wie geht es deiner Mutter mit ihrem Lupus?«, fragte ich.
»Sie hatte letzte Woche wieder einen Schub, hat ein paar Tage auf meinem Sofa verbracht. Jetzt hab ich einen Masseur für sie engagiert. Maurice kümmert sich sonst um die älteren Damen am Set. Er ist mein Geburtstagsgeschenk für sie.«
Als Nächstes fragte Nick mich nach Cass’ Trennungsangst und wollte wissen, ob ich sein Rezept schon ausprobiert hatte: Avocadotoast mit Koriander und Spiegelei.
Sein Kumpel machte unvermittelt den Mund auf. »Felly, ich mach mal ’nen Abgang. Bin mit Jim und Jim am Stand.« Sie verabschiedeten sich mit Ghettofaust, einen Moment später waren Nick und ich allein.
Er erklärte mir, dass Curtis und die beiden Jims angereist seien, um Honor Code: Execution Time zu promoten, den sechsten Teil der Serie. »Momentan tue ich nicht genug für mein Game«, sagte Nick und klang dabei wie ein geschiedener Vater, der von seinem Sohn spricht. »Ich bin völlig am Rotieren. Aber hey, ich hab dir was mitgebracht.« Er öffnete eine Ledermappe. »Ich hab Cass ein Autogramm von Fufu Muhammad besorgt. Das ist die Schauspielerin, die Doc McStuffins spricht.« Er drückte mir eine handgeschriebene Nachricht an Cass in die Hand: Lieber Cass, immer schön dehnen und strecken! Deine Freundin Doc.
»Wow!«, sagte ich.
»Kein Ding.«
Mein Sohn glotzte täglich mindestens drei Folgen von Doc McStuffins, Spielzeugärztin und sang andauernd die Titelmusik vor sich hin. Cass sah nicht oft Leute im Fernsehen, die aussahen wie er, aber ich glaube, es lag vor allem an den Stofftieren, dass er die Sendung so liebte. »Nick! Der wird sich nicht mehr einkriegen vor Freude! Unglaublich, echt.«
Nick zuckte die Achseln.
»Das ist der verdammte Hammer«, sagte ich.
Er strahlte. »Jetzt klingst du wieder wie ich.«
»Hm, ja, ich bin wie ein Schwamm. Das ist schließlich mein Job.«
Zwei Monate nach unserem Treffen in Albany sah ich Cass zu, wie er mit seinem neuen Laufrad auf dem leeren Schulparkplatz hin und her gurkte. Wir hatten gerade ein frisch renoviertes Haus mit zwei Schlafzimmern und zwei Bädern in Stockbridge besichtigt: Es hatte eine überdachte Veranda und einen Dachboden, den wir als Spielzimmer oder Büro nutzen konnten, und lag in unmittelbarer Nähe zum Beartown State Forest. Sogar eine süße kleine Pergola an der Hausmauer gab es, mitsamt üppiger Clematis. »Ich bin verliebt«, sagte ich zur Maklerin, die mir versicherte, sie würde sofort den Mietvertrag aufsetzen.
»Du schaffst das! Lehn dich nicht zu weit zur Seite!«, rief Kurt Cass zu und ergriff meine Hand. Kurt und ich waren seit ungefähr vier Monaten so gut wie zusammen. Er hatte seine Fehler – zum Beispiel hatte er dem Ehrgeiz und dem Streben nach Geld vollkommen abgeschworen –, konnte aber prima mit Cass umgehen, der lieber malte und Musik hörte, als mit seinen Freunden zu raufen oder Fangen zu spielen. Kurt war außerdem eine echte Augenweide und offen gestanden eine ziemliche Granate im Bett, weswegen ich ihm auch erlaubte, kostenlos in meinem Keller zu wohnen. Momentan arbeitete Kurt ein paar Stunden die Woche bei seinem Freund Pete im Eisenwarenladen und versuchte sich nebenbei als Bildhauer.
»Nicht so schnell!«, brüllte ich, als Cass direkt in den Fahrradstand bretterte.
Sofort flitzten wir los, um ihn zu trösten. Da klingelte mein Handy. Es war Colins Nummer, also musste ich rangehen. Kurt bedeutete mir, dass er sich allein um Cass kümmern würde.
»Ich glaube, du solltest dich setzen«, sagte Colin statt einer Begrüßung. »Ich hab schlechte Nachrichten.«
»Oh … ja, okay.« Ich sah mich um, fand aber keine Bank.
»Nick Felles hat ein ziemliches Problem.«
Kayla Hokin war aus der Ranch bekannt, wo sie die Hauptrolle spielte, aber die anderen sagten mir nichts. Gegen Nick gab es mehrere Anzeigen wegen sexuellen Missbrauchs, und drei anonyme Opfer bezichtigten ihn des versuchten sexuellen Missbrauchs.
»Moment mal«, sagte ich. »Vergewaltigung?«
Colin erklärte mir, dass Nicks Buch abgesagt wurde. Die Dreharbeiten zur nächsten Ranch-Staffel wurden bereits eingestellt, und gerade lief eine Pressekonferenz mit den Anwälten der Klägerinnen.
Instinktiv fragte ich mich, ob die Polizei den Richtigen erwischt hatte. Das war zwar unverzeihlich, lag aber daran, dass ich nicht nur für Nick, sondern vor allem als Nick geschrieben hatte – und das seit fast sechs Monaten. Nur deshalb empfand ich neben dem ersten Schock zunächst auch eine Art Mitgefühl, das allerdings zusehends verflog.
»Die Titelseite der New York Post willst du morgen nicht sehen«, sagte Colin.
Ich stöhnte gequält auf. Vor meinem geistigen Auge sah ich Kayla, in ihrer Rolle als Mai, die älteste Tochter von Ahiga, eine der beiden Gestaltwandler. Eine sehr hübsche junge Frau mit schwarzen Kringellocken und gelbgrünen Augen. Kayla war sicher nicht älter als dreiundzwanzig. Mir fiel die Kellnerin namens Shannon aus dem Nobelrestaurant in Albany wieder ein und Nicks anzügliche Bemerkung, ihm sei »einer abgegangen« bei der Vorstellung, wie ich mich in seine Denkweise einfühlte. Ich wünschte mir mit jeder Faser meines Körpers, dass das Offensichtliche nicht wahr sein möge.
Neben meinem Fuß lag ein Stein, den ich jetzt aufhob und mit voller Wucht über den Parkplatz schleuderte. Ich hatte das seltsame Gefühl, an der ganzen Sache eine gewisse Mitschuld zu tragen, aber welche genau, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht festmachen. »Geht es Kayla einigermaßen?«, fragte ich vorsichtig. »Und den anderen? Wie geht es ihnen?«
»Keine Ahnung. Ich glaube, das alles ist vor ein oder zwei Jahren passiert.«
»Ach, na dann geht es ihnen jetzt bestimmt wieder blendend«, ätzte ich.
»Hey, ich kann doch auch nichts dafür«, erwiderte Colin, was mich nur noch mehr ärgerte.
Ich war nicht naiv, natürlich wusste ich, dass Nick weder Unschuldslamm noch Kostverächter war. Welche Männer im Showbusiness konnten das schon von sich behaupten? Eigentlich in jedem Business. Sogar Clyde Elliott mit seinen sechsundachtzig Jahren hatte mir mitten in seinem Vortrag über seine erste Mondumkreisung Komplimente gemacht, ich würde am Telefon klingen wie Lauren Bacall, und er würde wetten, dass ich genauso eine Figur hatte wie sie. Männer reizten gern Grenzen aus. Aber Nick hatte jemanden vergewaltigt? Mehrere Frauen? Mir drehte es den Magen um.
»Wir bezahlen dich natürlich für das, was du bis jetzt geschrieben hast, Allie«, fuhr Colin fort.
»Das Buch war fast fertig.«
»Ah, okay. Na, wir zahlen dir die Hälfte. Ich wusste nicht, dass du schon so weit warst. Aber das ist doch trotzdem nicht schlecht, oder? Assembly hatte das Buch als Spitzentitel im Frühjahrsprogramm eingeplant. Die machen jetzt einen Riesenverlust. Wir sollten dankbar sein, dass sie dich überhaupt bezahlen, findest du nicht?«
»Dankbar? Assembly kann das locker verkraften.« Ich hingegen konnte mich gleich mal von dem Haus in Stockbridge verabschieden.
In der vergangenen Woche hatte ich Cass in einem privaten Kindergarten angemeldet, den er bald besuchen sollte, und endlich eine gute Krankenversicherung für uns abgeschlossen. Sogar eine Reise nach Disney World hatte ich gebucht, weil ich davon ausgegangen war, dass das eingehende Honorar solche Extravaganzen locker abdecken würde. In ein paar Tagen ging der Flug nach Orlando. »Ich habe Mordfantasien«, sagte ich.
»Ja«, erwiderte Colin nur. »Aber Kopf hoch. Ich verhandle gerade ein neues Buchprojekt für dich. Ist noch zu früh, um dir Genaueres zu verraten, aber wenn es klappt, wirst du froh sein, dieses Schlamassel hinter dir zu lassen. Und damit meine ich nicht nur das Geld.«
»Für ein neues Buch habe ich jetzt wirklich nicht den Kopf.«
»Jetzt reiß dich zusammen«, sagte er, halb im Scherz.
»Dein Mitgefühl bewegt mich, ehrlich. Für mich, für Kayla und die anderen.«
»Ich glaube, du musst die Nachricht erst mal in Ruhe verdauen.«
»Ja.« Innerlich verfluchte ich mich dafür, ausgerechnet den Menschen angepampt zu haben, der für den Löwenanteil meines Einkommens verantwortlich war. »Danke, und … ’tschuldige wegen, du weißt schon. Bitte ruf mich an, wenn du mehr weißt über den neuen Auftrag.«
Ich schob mein Handy in die Hosentasche. Mit Schaudern erinnerte ich mich plötzlich an eine bestimmte Szene aus Skinwalker Ranch. Sie fand auf einer Hochebene statt: Kayla, in Menschengestalt, hatte bei einer Orgie mit Hexen und Werwölfen so gut wie alle Hüllen fallen lassen müssen. Das Auge der Kamera wanderte über jeden Zentimeter ihres Körpers, widmete sich mit besonderer Hingabe der sanften Wölbung ihrer Hüfte und der Rundung ihrer Brust, tastete sich weiter vor bis zur Kehle und landete schließlich auf Kaylas jungem, vor Angst und Ekstase verzerrtem Gesicht, während sich ein Werwolf und eine höchst attraktive, weißhaarige Hexe im durchsichtigen Kaftan über sie hermachten. Das Kameraauge wanderte zu Kaylas Fingern, die sich fest an die Hand ihrer Mutter Ahiga klammerten, dann weiter zum unteren Rücken der Hexe, dem flachen Bauch eines Beteiligten und zurück zu Kayla und Ahiga, die sich gerade in knurrende Füchsinnen verwandelten.
Ich musste an all die von mir geschriebenen Passagen denken, in denen ich Nicks Auslassungen über die Schönheit des nackten weiblichen Körpers verarbeitet hatte, seine Bemerkungen über Picasso und Bukowski, die Schauspielerin in Planet der Affen, die enge Verbindung zwischen Sex und Gewalt (hatte ich das wirklich so übernommen?), den ganzen Mist über seinen Reichtum, den er unbedingt drin haben wollte, seine Model-Freundin, seine verwöhnte Schlange. Diesen ganzen Müll hatte ich tatsächlich geschrieben, freiwillig.
»Alles klar bei dir?«, fragte Kurt. »Du siehst seltsam aus.«
»Ja.« Gern hätte ich ihm erzählt, was gerade passiert war, aber ich hatte schon vor langer Zeit gelernt, Geheimhaltungserklärungen zu respektieren. Außerdem war es besser, wenn Kurt nicht wusste, dass ich für einen Typen wie Nick schrieb, ja sozusagen seine Stimme war. »Ich habe nur gerade einen lukrativen Auftrag verloren.«
Cass fuhr im Kreis herum, brummte dabei wie ein Motor und drückte auf die Hupe am Lenker. Bald würde ich ihm sagen müssen, dass das neue Haus und Disney World abgeblasen waren. Er hatte schon genau geplant, wo seine Stofftiere in seinem neuen Zimmer wohnen würden. Wir hatten eine Papiergirlande gebastelt, die einzelnen Glieder waren die Tage bis zum Flug nach Orlando. Wahrscheinlich wäre es einfacher, ihm zu eröffnen, dass ich an einer fleischfressenden Krankheit litt.
»Du kriegst das schon hin, Süße«, sagte Kurt.
»Kann sein.« Vielleicht sollte ich Kayla einen Brief schreiben und mich bei ihr entschuldigen, aber diese Idee war natürlich Blödsinn. »Ich muss erstmal durchrechnen, ob ich mir die neue Krankenversicherung trotzdem noch leisten kann.«
»So schlimm wird’s schon nicht sein«, sagte er. »Wie wär’s, wenn ich heute Abend koche? Ich könnte euch Pizza machen oder so was.«
Später, als ich Cass ins Bett gebracht hatte und Kurt zu einem Treffen mit seinem Kumpel Pete verschwunden war, lief ich unruhig in der Küche auf und ab, aß dabei noch ein paar Pizzareste und schob zwei Eis-Sandwichs hinterher, bedauerte es prompt, verschlang dann aber trotzdem noch das letzte Lieblingseis meines Sohnes. Wie widerlich konnte man eigentlich sein? Ab jetzt war Schluss mit Zucker, ich würde mir einen richtigen Job suchen, und zwar in Festanstellung, ich würde Sport treiben, mit Cass ins Museum gehen, ihm mehr Gemüse vorsetzen, selbst mehr Gemüse essen und öfter lesen. Wann hatte ich das letzte Mal ein gutes Buch in der Hand, irgendwas, das mir Bodenhaftung vermittelte? Wahrscheinlich, bevor mein Sohn in mein Leben getreten war. Ich zog mein Lieblingsbuch aus dem Regal, Die Fahrt zum Leuchtturm von Virginia Woolf. »Doch, bestimmt, wenn es morgen schön ist«, sagte Mrs Ramsay. »Dann musst du aber schon ganz schön früh aus den Federn«, setzte sie hinzu. Doch meine Gedanken wanderten sofort zurück zu Nick und Kayla Hokin und der Orgie auf dem Hochplateau. Ich würde die Gucci-Handtasche verbrennen. Oder noch besser, ich würde die Tasche und das Schwert an eine Wohltätigkeitsorganisation spenden, die Frauen und anderen Opfern häuslicher Gewalt ihre Hilfe anbot. Aber das Autogramm von Doc McStuffins hing schon in einem Rahmen in Cass’ Zimmer, und ich war deswegen in seinem Ansehen erheblich gestiegen. Vielleicht würde ich das einfach hängenlassen.
Am nächsten Morgen erfuhr ich durch einen Anruf bei der Fluggesellschaft und im Hotel, dass die hohen Stornogebühren einen Rücktritt von der Reise wenig ratsam machten. Ich ging meine Ausgaben durch: Den Toyota brauchte ich für meine Arbeit als Landschaftsgärtnerin, doch das abgespeckte Honorar für Nicks Buch würde kaum reichen, um meine Schulden, die laufenden Unterhaltskosten und die monatlichen Gebühren für Cass’ neuen Kindergarten zu decken. Und auf Colins angekündigten neuen Auftrag konnte ich mich auch nicht verlassen.
Dank Nicks Buch hatte ich Kurts mangelnden Beitrag zur Miete kompensieren können. Er entschädigte mich auf vielerlei andere Weise, nicht zuletzt, indem er unser Leben mit Ruhe erfüllte und stets ein Auge auf Cass hielt. Ich dachte zurück an den Morgen, als ich Kurt das erste Mal gesehen hatte, auf einer Bank in der Nähe der Bushaltestelle in Great Barrington. Damals war ich mir sicher gewesen, dass dieser langbeinige Mann in Nadelstreifenanzug und burgunderroter Krawatte entweder ein Geschäftsmann oder ein Meth-Dealer war. Als er ein Auge öffnete, sagte ich: »Sie sind aber sehr fein angezogen für diese Bank.« Er hatte makellose Zähne und strahlend blaue Augen. Auf meine Bemerkung hin erzählte er mir, dass er gerade seinen Job als Finanzberater bei einem New Yorker Unternehmen verloren hatte. Er und seine Frau hatten seit mehr als zehn Jahren dort gearbeitet, aber nur Birgitte war zur Leiterin der Abteilung für Globale Marktstrategien ernannt worden, ihm hatte man lediglich eine minderwertige Stelle in einer Tochterfirma in Newark angeboten. Seine Kunden hatte ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit auf dem Handy vollgejammert, schon bei kleinsten Kursschwankungen. Sein aggressiver, perfektionistischer Vorgesetzter hatte ihm nach und nach sämtliche Boni gestrichen. Dann hatte Kurt seinen wichtigsten Kunden verloren, und zwar am selben Tag, als er erfuhr, dass Birgitte seit sechs Monaten mit dem CIO Globale Investitionsgeschäfte schlief. Da hatte der arme Kurt die Fassung verloren, hatte seinen Chef als Geizkragen, Gierschlund und Arschloch beschimpft, bis man ihn aus dem Gebäude komplimentiert hatte. Am selben Tag verließ er nicht nur sein Apartment in Murray Hill, sondern auch seine Siamkatze, fast all seine Besitztümer und schließlich auch Birgitte und nahm den nächstbesten Greyhound-Bus nach Port Authority, stieg an der letzten Haltestelle, Great Barrington, aus und irrte ziellos durch die Nacht. Sein Geld überließ er Birgitte, »um von der Wall Street und dieser kranken Gier nach Reichtum loszukommen. Ich will nichts mehr zu tun haben mit diesem fragwürdigen Konsum, der unser Land zerstört«, sagte er damals auf der Bank zu mir. Ich hatte genickt und ihm zu dieser Entscheidung gratuliert.
Mittlerweile wünschte ich allerdings, er hätte ein wenig von seinem Besitz behalten.
Ich rief die Maklerin an und teilte ihr mit, dass wir das perfekte Haus in Stockbridge nun doch nicht mieten würden. Dann packte ich unsere Koffer.
Weil Disney World unser Traumurlaub sein sollte, hatte ich ein Zimmer in einem Deluxe-Hotel gebucht. Als Cass und ich aus dem Shuttlebus vom Flughafen stiegen, begrüßte uns ein attraktiver Hotelpage und stellte sich als Slate vor – oder war es Slade? Jedenfalls nahm er unser Gepäck und führte uns in die riesige hummersuppenfarbige Lobby. Im Hintergrund lief »There’s a Great Big Tomorrow«. Ich entspannte mich sofort und genoss das behagliche Gefühl, in einem explizit kinderfreundlichen Ambiente gelandet zu sein. Selbst wenn Cass plötzlich einen Tobsuchtsanfall bekommen oder eine Vase zerbrechen sollte, würde sich hier niemand darüber aufregen – zumindest theoretisch nicht. Auf den zahlreichen gemütlichen, aber exklusiven Sitzgruppen tobten Kinder mit Mickey-Maus-Ohren herum und brüllten auf ihre leicht verstrahlten Eltern ein. Riesige Blumengestecke in blauen Schalen standen auf marmornen Beistelltischen. Über allem waberte der Geruch von Zuckerwatte.
Obwohl ich als Kind immer wieder darum gebettelt hatte, war ich noch nie in einem Disney-Resort gewesen. »Sei froh, dass wir uns Disney World nicht leisten können«, hatte meine Mutter stets gesagt. »Es ist kitschig.«
Damals, ich war acht oder neun Jahre alt, hatte ich gleich gefragt: »Warst du denn schon mal da, Mom?«
»Dein Opa ist tatsächlich mit uns zur großen Eröffnung geflogen, da war ich ungefähr so alt wie du jetzt. Es war so laut, sogar in dem geschmacklosen Hotel, und die Warteschlangen waren elend lang. Er hat es lieb gemeint, das muss man ihm zugutehalten.« Sogar damals wusste ich bereits, dass mein Großvater, ein Kleinstadtanwalt, Schürzenheld und professioneller Black-Jack-Spieler, ein mittelgroßes Vermögen angehäuft und es kurz vor seinem Tod wieder verloren hatte. Damals war meine Mom gerade erst achtzehn Jahre alt gewesen. Über die Jahre hatte sie Strategien entwickelt, um die Schande ihrer finanziellen Beschränkungen zu verdrängen, darunter fielen auch Leugnung, Verklärung und Snobismus.
Bis jetzt hatte ich hier nichts entdeckt, das den grässlichen Beschreibungen meiner Mutter entsprach. Unser Hotelzimmer war auf neutrale Weise geschmackvoll eingerichtet, so wie die Wartezimmer gewisser Ärzte. Ich schloss die Tür, um die musikalische Beschallung aus dem Flur zu dämpfen. An den Wänden hingen diverse Aquarelle – schlafende Kinder inmitten von Blumen, die komischerweise alle wie Mohnblumen aussahen. Zwei hohe Betten waren mit weißen Tagesdecken und Federkissen drapiert, und der hellbraune Teppich war so flauschig, dass Cass sofort einen Purzelbaum darauf schlug. »Der Teppich ist klasse. Das Bett ist klasse. Das Zimmer ist klasse«, rief er.
»Ich finde unser Haus genauso schön«, log ich. Wenigstens hatte ich nicht noch mehr Geld für die Aussicht aufs Wasser verpulvert. Unser Zimmer war mit Blick auf Parkplatz und Mülltonnen.
Ich hatte mir vorgestellt, wie Cass und ich Hand in Hand an Cinderellas Schloss vorbeischlenderten, an Eiswaffeln knabberten und Goofy oder Doc McStuffins zuwinkten, während Cass mir versicherte, dass er noch nie so glücklich gewesen sei. Doch kaum waren wir am Magic Kingdom eingetrudelt, stolperte Cass gegen einen blassen, langgesichtigen Jungen mit einem riesigen Putenschenkel in der Hand. Der Junge trat direkt auf Cass zu und knurrte: »Pass auf, wo du hinläufst, Arschloch!«
Cass versteckte sich sofort hinter mir. Ich wies den Jungen darauf hin, dass er sehr unhöflich war und sich mit seinem widerlichen Fleisch vom Acker machen sollte.
Buzz Lightyear kam auf uns zu, wir grüßten ihn, dann schlenderten wir weiter, an den Laden auf der Main Street, USA, vorbei, wo Cass mich nacheinander um einen Lolli, kleine Bonbons, ein T-Shirt, Mickey-Maus-Ohren und Fotos von uns für nur 200 Dollar anbettelte.
»Wir sind hier, um uns zu amüsieren, nicht um lauter Zeug zu kaufen«, erklärte ich ihm.
»Wieso können wir nicht beides machen?«
Ich zeigte auf einen Mann mit Celtics-T-Shirt. »Hey, schau mal, da ist noch jemand aus Massachusetts«, versuchte ich Cass abzulenken. Erst bei genauerem Hinsehen erkannte ich, dass der Typ ebenfalls an einem riesigen Putenschenkel nagte.
Am Abend wollte Cass wissen, warum wir noch immer nicht Doc McStuffins gesehen hatten.
»Gute Frage«, sagte ich und konsultierte gleich mal Google. Bei unseren Runden durch den Park waren uns tatsächlich so gut wie keine Figuren begegnet, und wie ich jetzt erfuhr, verbargen sich die meisten an bestimmten zugeteilten Treffpunkten, weil sie früher ständig von Touristen belästigt worden waren, die zusammen mit ihnen Fotos machen wollten. War das nicht ihr Job? Doc McStuffins konnte man nur treffen, wenn man an einem Riesenfrühstücksevent teilnahm, und das natürlich nur mit Reservierung. Die Ressortleitung empfahl, mindestens sechs Monate im Voraus zu buchen. Die Planungs- und Organisationsfähigkeit anderer Eltern erstaunte mich immer wieder.
Ich beschloss, kurz vor Ende des Einlasses mit Cass zum Riesenfrühstück zu gehen und draußen zu warten, in der Hoffnung, vielleicht doch kurz mit Doc reden zu können, wenn sie das Event verließ.
Aber kaum waren wir am Ausgang angekommen, hastete eine Hostess mit kurzem beigefarbenem Haar auf uns zu und rief: »Hier ist kein Aufenthaltsbereich, Leute!«
Ich entdeckte Doc ganz hinten an der Omelett-Station; ihr großer Plastikkopf, die braunen, geflochtenen Zöpfe und der weiße Kittel waren unverkennbar. Sie umarmte ein kleines Mädchen. Gleichzeitig hörte ich dutzende Babys weinen, die die Sendung wahrscheinlich nie gesehen hatten und sich außerdem nie im Leben an die Begegnung mit Doc erinnern würden.
»Ach, bitte!«, bettelte ich »Wir sind extra wegen Doc McStuffins hergeflogen. Sie ist die Lieblingsfigur meines Sohnes. Schau, Cass, da drüben steht sie!«
»Leider nicht möglich«, sagte die Frau. »Gehen Sie jetzt weiter.« Sie trat hinter ihrem Stand hervor und baute sich vor uns auf, als wollten wir die Veranstaltung stürmen. Ihr Gesicht war viereckig wie ein Karton, und ihre Ohrläppchen erst! Beeindruckend.
»Können wir nicht warten, bis das Frühstück vorbei ist, und kurz Hallo sagen? Wollen Sie uns tatsächlich verbieten, hier zu stehen?«
»Sie könnten eine Reservierung machen, für einen anderen Tag.« Ihr Blick wanderte von Cass zu mir und wieder zurück.
»Das verdammte Frühstück ist bis zum nächsten Jahr ausgebucht.«
Die Frau funkelte mich an.
Cass fing an zu jammern. Mir wurde heiß. »Na gut, was muss ich zahlen?« Ich zog meine Geldbörse hervor. Wir würden sicher nie wiederkommen, was hatte ich schon zu verlieren?
»Sie und Ihr Junge müssen jetzt gehen, Ma’am.«
Nein, sagte meine innere Stimme.
Die Frau wandte sich ab und rief etwas.
»Doc! Hey, Doc!«, brüllte ich.
Aber Doc hörte mich nicht, stattdessen tauchte eine andere Frau neben mir auf, krallte mir ihre Finger in den Arm und stieß mich zurück.
»Blöde Drecksau!«, fluchte ich.
Cass fing an zu weinen.
Ich schubste die erste Frau aus dem Weg, die prompt rückwärts in ihren Stand krachte.
Ihre Kollegin half ihr wieder auf die Beine. »Ma’am«, sagte die zweite Frau, während sie ihren Kragen aufrichtete. »Sie gehen jetzt freiwillig oder wir entfernen Sie und Ihren Sohn mit Gewalt aus dem Park. Haben Sie mich verstanden?«
Später erfuhr ich, dass Fluchen bereits reichte, um aus dem Park zu fliegen. Absurde Regel, wie ich fand, denn es schien mir unmöglich, bei einem Aufenthalt mit kleinen Kindern in einem Vergnügungspark kein einziges Mal »Scheiße!« zu sagen.
»Doc!«, flehte Cass verzweifelt. »Bitte!«
Endlich reagierte Doc McStuffins, sie kam sogar auf uns zu. Wir hatten die herzlosen Frauen besiegt! Doc würde den beiden sicher gleich Bescheid stoßen, und danach würden wir alle über diese kleine Aufregung lachen. Sie würde Cass in die Arme schließen, ich würde ein Erinnerungsfoto schießen, und mein Sohn würde diesen Augenblick nie vergessen, den magischen Tag, als er in Disney World seine Lieblingsfigur getroffen hatte. Doc, in ihrem übergroßen Plastikkostüm, watschelte auf uns zu. Ich beugte mich zu meinem Sohn hinunter und flüsterte: »Mach dich bereit, Cass, gleich ist sie da!« Vor lauter Aufregung sprang er auf und ab. »Was soll ich ihr sagen?«, fragte er.
»Was du willst!« Ich war selbst ganz aufgekratzt. »Sag ihr, dass sie deine Lieblingsfigur ist!«
Doc blieb stehen. Sie hob die Hand, um eine Jugendliche abzuklatschen, doch die wich zurück und hob ihr iPhone. Docs Plastikgesicht erstarrte zu einem Plastikgrinsen, dann wandte sie sich ab und wackelte zurück zur Omelett-Station.
»O Gott«, sagte ich.
Cass rief ein letztes Mal mit tränenerstickter Stimme.
»Doc!«, rief ich mit. »Wir wollen nur kurz Hallo sagen!«
Die zweite Frau hob ihr Walkie-Talkie. »Michael? Code sechs beim Play ’n Dine.«
Ich nahm Cass an die Hand und machte einen raschen Abgang. Vor lauter Wut erklärte ich ihm, dass Doc sowieso nicht echt sei, nur ein verkleidetes Arschloch, und dass es in bestimmten Billigrestaurants Kellnerinnen gab, die sich an ihrer beschränkten Macht aufgeilten.
Ich muss niemandem erklären, dass das die Angelegenheit nicht besser machte.
»Du hast alles kaputtgemacht!«, brach es aus Cass hervor. »Du hast Doc kaputtgemacht, unsere Reise kaputtgemacht, mein ganzes Leben hast du kaputtgemacht!«, schleuderte er mir entgegen. Er war untröstlich, den ganzen Weg zurück zum Hotel. »Ich will nach Hause!«
»Kommt nicht infrage. Wir werden uns hier amüsieren«, sagte ich. »Morgen ist ein neuer Tag«, fügte ich hinzu. Vermutlich hatte mich dieser Song inspiriert, der schon wieder in der Lobby dudelte.
Schweigend trotteten wir zurück zum Zimmer. Allerdings muss ich gestehen, dass wir vorher einen kleinen Abstecher zum Souvenirladen machten, wo ich ihm einen Lolli kaufte, der größer war als sein Gesicht, nur um ihn zu trösten – was wunderbar funktionierte.
In den darauffolgenden Tagen verdarb ich ihm mit ständigen Absagen den Spaß – Nein zur teuren Typhoon Lagoon, Nein zur eigenen Strandhütte am Pool, Nein zu allem, was die Minibar hergab – und riet ihm stattdessen, das zu genießen, was wir hatten. Wir waren schließlich in Disney World. Wie viele Kinder konnten das behaupten? (Er so: »Jedes Kind.« Ich so: »Ich war vorher noch nie da.« Er so: »Du zählst nicht. Du bist kein Kind.«)
Am Ende unseres Aufenthalts kam es dann doch noch zu einem Treffen mit Cinderella. Und mit Dornröschen – es war spontan noch ein Slot freigeworden. Beide Prinzessinnen waren freundlich und liebenswürdig und spielten ihre Rollen.
»Ich bin der einzige Junge hier!«, bemerkte Cass nach der letzten Begegnung. Er hatte recht. Um uns herum tummelten sich massenweise Mädchen mit ihren Freundinnen, Schwestern, Müttern. Sogar die Angestellten waren weiblich.
»Na und?«
»Gibt es hier keine Prinzen?«
»Mal sehen, ob wir welche finden«, sagte ich und wandte mich an eine jüngere Frau in gestärkter weißer Bluse und einem Rock, der aussah wie aus einem Zirkuszelt geschneidert.
»Hm«, machte sie. »Prinz Naveen aus Küss den Frosch hält in Tianas Garten Hof. Oh, und Gaston ist gerade auf Belles Dorfplatz.«
»Aber das liegt alles im Magic Kingdom, oder?« Unsere Pässe für den Bereich waren bereits abgestempelt. »Wir reisen morgen ab. Gibt es hier in Epcot keine Prinzen?«
Sie musterte Cass verständnisvoll. »Wie wäre es mit Chip und Dale? Die kommen später noch hierher.« Sie erklärte, dass es sich um die Ahörnchen und Behörnchen aus älteren Zeichentrickfilmen handelte.
Cass schüttelte gelangweilt den Kopf. Was sollte er mit Figuren aus irgendwelchen uralten, verstaubten Serien bitte schön anfangen?
Als die Frau gegangen war, bettelte er darum, zum Magic Kingdom zurückzukehren.
Ich weigerte mich, aber er quengelte weiter. Irgendwann reichte es mir. »Hör auf, mich ständig anzubetteln! Du musst lernen, mein Nein zu akzeptieren. Hast du mich verstanden?« Als ich sah, dass ihm die Tränen kamen, gab ich nach. »Hast du Lust auf was Süßes?«, fragte ich und manövrierte uns kurzerhand zum Crêpes-des-Chefs-Stand.
Nach dem Mittagessen sahen wir uns den nachgebauten Dogenpalast und die Säulen vom Markusplatz an und landeten schließlich im Bel Cristallo Shop, der aussah wie die Sixtinische Kapelle. »Irgendwann kann ich dir vielleicht die echte Sixtinische Kapelle zeigen«, sagte ich zu Cass. Das war mein größter Traum: Reisen mit meinem Sohn. »Man weiß ja nie.«
Die Stimmung nach unserer Rückkehr war ungefähr so toll wie saure Milch. Ich hatte einen Gartenjob ergattert, aber nur für ein paar Tage. Jetzt, in den Sommerferien, fiel auch mein Nebenverdienst als Aushilfslehrerin aus.
Kurt übernahm mehr Schichten im Eisenwarenladen, was etwas half, aber es dauerte nicht lange, bis er seine Arbeit an einer neuen Skulptur begann und seine Stunden wieder herunterfuhr. Er hatte die Müllcontainer vor ein paar frisch renovierten Häusern nach interessanten Hinterlassenschaften abgesucht und war fündig geworden: Stücke herausgerissener Vinylböden, mehrere abgeliebte Furbies, eine defekte Küchenmaschine, ein altmodischer Fernseher mit Riss im Bildschirm. Aus dem Müll wollte er einen drei Meter hohen Stuhl bauen, der allerdings zu wackelig war, um sich draufzusetzen, was genau der Sinn der Übung sei, wie er mir erklärte. Er nannte sein Machwerk »Müllthron«. Wie bei seinen anderen Skulpturen, die halb fertig in meinem Garten herumlagen, vergab er den jeweiligen Namen schon, bevor er mit der Arbeit begonnen hatte. Eines Abends erklärte er mir beim Essen, dass er mit dem neuesten Projekt gegen den Materialismus, die Erderwärmung und die menschliche Gier Stellung beziehen wollte.
»Okay, cool«, sagte ich beim Tischabräumen. »Aber mal was anderes: Wenn Miete und Nebenkosten rausgegangen sind, ist mein Girokonto leer.«
»Jimmy verlangt eine viel zu hohe Miete für dieses Haus. Wir sollten alle auf Tauschhandel umsteigen. Wusstest du, dass der Wert solcher Tauschgeschäfte letztes Jahr bei fünfzehn Milliarden Dollar lag, allein in den USA? Es dreht sich alles um die Gemeinschaft und um die Wertschöpfungskraft des Einzelnen, nicht um den individuellen Besitz. Geld ist Gift für alle zwischenmenschlichen Interaktionen.«
»Vielleicht sollten wir eine deiner Skulpturen gegen die Miete tauschen, wenn du sie mal fertigstellst?«, rutschte es mir heraus.
»Ich meine, wir könnten …«, setzte er an. »Ich versuche, ein paar Stunden mehr im Laden zu bekommen.«
»Das wäre gut.«
Ich fragte Colin in einer Mail, ob es schon was Neues über das angekündigte Projekt gebe, bekam aber keine Antwort. Eine Woche später schickte ich eine weitere Mail, diesmal unter dem Vorwand, ein bisschen mit ihm plaudern zu wollen. Kannst du dir vorstellen, dass der Moderator von The Apprentice tatsächlich als Präsidentschaftskandidat der Republikaner aufgestellt wurde?, schrieb ich. Tanya hat gesagt, sie sucht schon nach einer Wohnung in Toronto. Vor Jahren hatte ich für Tanya Dawson, Comedienne und Charakterdarstellerin, ein Buch geschrieben, und wir hielten immer noch Kontakt.
Colin antwortete nicht.
Ich startete einen erneuten Versuch, die Fahrt zum Leuchtturm zu lesen. Aber es fiel mir schwer, mich auf die Ramsays zu konzentrieren.
