Die Herrin des Gestüts - Brigitta d'Orazio - E-Book

Die Herrin des Gestüts E-Book

Brigitta D'Orazio

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Beschreibung

Pferdezüchterin Franziska muss um das Fortbestehen ihres Gestüts in der Lüneburger Heide kämpfen, denn der vermeintlich wahre Erbe will ihr alles streitig machen. Doch es kommt alles anders: Sie setzt sich durch und findet die Liebe ihres Lebens.

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Seitenzahl: 391

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Brigitta D‘Orazio

Die Herrin des Gestüts

Roman

LangenMüller

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www.langen-mueller-verlag.de

© für das eBook: 2016 LangenMüller in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

© für die Originalausgabe: 2010 Edition Tosca in der F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH

Covergestaltung: Atelier Seidel – Verlagsgrafik, Teising

Titelmotiv: © Thinkstockphoto

eBook-Produktion: F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

ISBN 978-3-7844-8296-5

Für Alice und Virginia. Ihr seid die besten Töchter, die sich eine Mutter nur wünschen kann.

Prolog

Ostpreußen, Februar 1945

Ein lautes, panisches Wiehern ließ den Reitburschen im Sattel herumwirbeln. Gleichzeitig hörte er das unverwechselbare laute Knacken von splitterndem Eis. Ernst Deicher schaute direkt in die angstvollen, großen Augen der Stute Samira. Sie war von der markierten Route abgedrängt worden und auf eine brüchige Stelle geraten. Er konnte ihr nicht helfen. Verzweifelt kämpfte die Stute um ihr Leben, doch je mehr sie um sich trat, desto schneller versank sie in den eisigen Wassern des Frischen Haffs. Diese Lagune an der Ostseeküste war in den letzten Kriegsmonaten der einzige noch offene Fluchtweg für die Zivilbevölkerung Ostpreußens. Von Osten und Süden drängte die Rote Armee heran, und der Weg über das zugefrorene Haff bis zu dem schmalen Landstreifen, der Frischen Nehrung, und dann von dort in Richtung Westen nach Danzig war die letzte Rettung für Tausende Menschen.

Für Menschen und Pferde, dachte Ernst Deicher bitter, während ihm die Tränen in die Augen traten und auf seinen Wangen gefroren. Sofern es uns gelingt, sie in Sicherheit zu bringen.

Samira versank nicht vollständig im Eis, ihr großer edler Kopf und der lange Hals blieben über der Oberfläche. Ihr Blick brach, und für den Bruchteil einer Sekunde glaubte Ernst Deicher sie zu sehen, wie sie als langbeiniges Füllen über die Weiden des Trakehnergestüts galoppiert war. Dann wandte er sich wieder um und trieb Carina an. Am Morgen hatte er entscheiden müssen, welche der fünfzehn Stuten er reiten würde. Seine Wahl war auf Carina gefallen, eine Urenkelin des großen Hauptbeschälers Tempelhüter und somit eines der wertvollsten Tiere in der Herde. Unter seinem Sattel war sie am wenigsten gefährdet.

Folgsam setzte Carina nun den beschwerlichen Weg fort, die übrigen Pferde folgten ihr. Seit drei Tagen hatten sie kaum geruht und nur wenig zu fressen und zu trinken gehabt. Doch sie gehörten einer zähen, robusten Pferderasse an, und der junge Reitbursche begann zu hoffen, dass die Flucht gelingen könnte. Falls, ja, falls nicht noch mehr Tiere verendeten, falls sie heil die zwanzig Kilometer über das Eis schafften, falls die Russen nicht mit Tieffliegern angriffen, falls sie später weit genug nach Westen kamen ...

Zu viele Risiken, zu wenig Gewissheit.

Ernst Deicher stieß einige unterdrückte Flüche aus, die allesamt den Nazis galten. Bis zum allerletzten Moment war es den Menschen in Ostpreußen unter Todesstrafe verboten gewesen, vor den heranrückenden Russen zu fliehen. Bis es für viele zu spät war. Ernst Deicher und die übrigen Angestellten des Gestüts Brosin hatten es allein dem Mut ihres Gutsherrn zu verdanken, dass sie gerade noch rechtzeitig aufbrechen konnten. Als realistischer, weitsichtiger Mann hatte Hugo Brosin in aller Heimlichkeit den Treck vorbereiten lassen. So konnten sie, als endlich die Erlaubnis zur Flucht kam, innerhalb von einer Stunde aufbrechen.

Doch es war spät, verdammt spät. Die dicke Eisschicht auf dem Haff, die noch vor zwei Wochen unzählige Trecks getragen hatte, schmolz dahin.

Aber wir werden es auch schaffen, schwor sich Ernst Deicher. Wir müssen einfach.

Minuten später wurde er von einem anderen Reitburschen gerufen. Hugo Brosin müsse ihn dringend sprechen. Er solle warten, bis die Kutsche des Gutsherrn ihn erreicht habe. Der zweite Reitbursche übernahm die Führung der Herde, und Ernst Deicher ließ Carina äußerst vorsichtig ein kleines Stück zur Seite treten. Weg vom Uferbereich, wo das Eis zuerst brach. Mit klopfendem Herzen wartete er auf seinen Herrn. Er spürte, dass ihm womöglich eine noch größere Prüfung als alle bisherigen bevorstand.

1

Lüneburger Heide, Gegenwart

Hugo Brosin knallte seinen Stock laut und heftig auf den Steinfußboden der großen Diele. Es klang wie Gewehrschüsse, und Franziska zuckte unwillkürlich zusammen. Wie hatte sie als Kind diese Wutausbrüche gefürchtet! Dann war sie aus dem Haus in den Stall geflüchtet, hatte sich hinter einem warmen, riesigen Pferdekörper versteckt und abgewartet, bis das Gewitter vorüberzog. Doch sie war schon lange kein Kind mehr, und Flucht war keine Lösung. Also straffte sie die Schultern und wappnete sich für die Auseinandersetzung.

»Das kommt überhaupt nicht infrage!«, donnerte ihr Großvater. »Die gesamte Familie ist eingeladen, und die gesamte Familie wird erscheinen!«

»Ich habe dir aber eben erklärt, dass ...«

»Interessiert mich nicht. Du findest neuerdings immer gute Gründe, um dich vor deinen Verpflichtungen zu drücken.«

Franziska hasste es, wenn ihr jemand ins Wort fiel, aber sie zwang sich zur Ruhe.

»Meine Verpflichtungen«, sagte sie, und betonte jede Silbe einzeln, »gelten einzig und allein den Pferden. Das ist so üblich, wenn jemand ein Zuchtgestüt leitet.«

Hugo Brosin verlor unmerklich ein wenig von seinem Schwung. Sein Stock kam zur Ruhe, seine Hände schlossen sich Halt suchend um den Griff. Es trifft ihn immer noch, dachte Franziska überrascht. Nach all diesen Jahren hat er es immer noch nicht verkraftet, dass er nicht mehr der Chef ist.

»Da irrst du dich«, erwiderte er jetzt, und für einen Moment verriet ihn auch seine Stimme. Die gehörte plötzlich nicht mehr dem gefürchteten ehemaligen Herrn des Hauses, sondern einem fast neunzig Jahre alten, müden Mann.

»Für die Pferde gibt es schließlich auch die Stallburschen, aber eine Einladung des Grafen von Calsin kann nur die Familie annehmen.«

Die Familie. Es gab Tage, da wünschte sich Franziska, zu keinerlei Familie zu gehören, sondern ganz allein auf der Welt zu sein. Tage wie diesen. Nervös trat sie von einem Fuß auf den anderen. Draußen tobte ein Wintersturm um das große niederdeutsche Hallenhaus. Die Pferdetränken in den Ställen mussten dringend enteist werden, und der Hufschmied hatte sich für vier Uhr nachmittags angekündigt. Und was tat sie, anstatt sich um diese Probleme zu kümmern? Sie ließ sich nach einem schnellen Kaffee von ihrem Großvater in der Diele abfangen und zur Rede stellen. Als hätte sie nichts Wichtigeres zu tun!

Hugo Brosin deutete ihr Schweigen falsch. Seine einst klaren, vom grauen Star inzwischen eingetrübten Augen leuchteten auf. »Siehst du«, sagte er und nickte heftig. »Ich wusste doch, dass du ein vernünftiges Mädchen bist.«

»Großvater, ich ...«

»Franziska!« Seine Stimme klang jetzt wieder schneidend. »Muss ich dich wirklich daran erinnern, wie viel Mühe es mich gekostet hat, hier in der Gegend eine neue Existenz aufzubauen? Hast du eine Ahnung, wie schwer es war, auch in der Gesellschaft anerkannt zu werden?«

O nein!, dachte sie. Nicht diesen Vortrag! Nicht jetzt! Wie oft hatte sie sich den schon anhören müssen.

Als kleines Mädchen hatte sie an Opas Lippen gehangen, wenn er vom großen Treck, damals nach Kriegsende, erzählt hatte. Wie er mit den wertvollsten Pferden aus der familieneigenen Trakehnerzucht von Gumbinnen in Ostpreußen nach Westen gezogen war. Wie er gehungert und gefroren hatte. Wie seine junge Frau auf halber Strecke an Entkräftung gestorben war. Wie er um das Leben seines erst zweijährigen Sohnes gebangt hatte. Wie er schließlich mit dem abgemagerten Kind und neun Trakehnern auf einem Bauernhof in der Lüneburger Heide Unterschlupf fand.

Als Heranwachsende hatte Franziska die Leistung ihres Großvaters bewundert. Ganz auf sich allein gestellt, hatte er seinen Sohn und die Pferde durchgebracht, indem er jede Art von Arbeit annahm. Auch die wertvollen Tiere wurden auf den Feldern der umliegenden Höfe zur Arbeit eingesetzt. Erst als sein Sohn Herbert älter wurde und mit anpacken konnte, ging es langsam aufwärts. Gemeinsam bauten sie die Zucht wieder auf, und es folgten gute, ja sogar goldene Jahre. Mit dem Wirtschaftswunder ging es in der Bundesrepublik auch mit der Reiterei bergauf. Viele Pferdefreunde begeisterten sich für die temperamentvollen und ausdauernden Trakehner. Sogar in Niedersachsen, wo die Konkurrenz durch die Hannoveranerzucht beinahe übermächtig war.

Als junge Frau schließlich war es Franziska leid geworden, sich immer wieder dieselbe heldenhafte Geschichte anzuhören. Sie selbst war bereits auf dem Gestüt Brosin geboren worden. Ihr Großvater und ihr Vater hatten das große Gehöft unweit von Walsrode in halb verfallenem Zustand gekauft und zu einem ansehnlichen Gutshof umgebaut. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie schwer die Anfänge gewesen waren. Wie jeder junge Mensch hasste sie es, von den Alten Sätze zu hören wie: »Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast. Du bist undankbar.«

Inzwischen war Franziska zweiunddreißig Jahre alt, und die goldenen Jahre waren schon längst vorbei. Schlimmer noch: Im Augenblick lasteten auf dem Gestüt große Geldsorgen, und Franziska würde bald eine schwierige Entscheidung treffen müssen.

Einzig ihr Großvater schien all das nicht zu bemerken. Er war mit seinen Gedanken offenbar vor ungefähr zehn Jahren stehen geblieben, und ein gesellschaftliches Ereignis bei ihren Nachbarn gehörte für ihn zu den wichtigsten Dingen im Leben.

Franziska warf einen Blick auf die Uhr. Viertel vor vier. Sie musste wählen: Entweder ein Vortrag, der sie für mindestens eine weitere halbe Stunde von der Arbeit abhalten würde, oder ihre Zustimmung.

»Also gut«, murmelte sie. »Ich komme heute Abend mit. Worum geht es noch mal?«

»Graf Olaf von Calsin lädt zur Verlobungsfeier seiner Tochter Annette ein. Das habe ich dir doch schon vor Tagen gesagt.«

»Ach ja«, erwiderte sie und wünschte sich plötzlich, sie hätte nicht nachgegeben. Bestimmt würde auch Ferdinand Sommerkamp zu diesem Fest erscheinen. Er war so ungefähr der letzte Mensch, den sie sehen wollte.

»Wann müssen wir losfahren?«

»Um Punkt acht. Und zieh dir was Hübsches an.«

Auch das noch!, dachte sie. Laut sagte sie aber: »In Ordnung!« Schließlich konnte sie schlecht in alten Jeans und Männerhemd auf einer gräflichen Verlobungsfeier erscheinen. Eilig verließ Franziska die Diele, schlüpfte an der Tür wieder in ihre alten Gummistiefel und die wattierte Jacke. Dann stapfte sie hinaus in den eisigen Winternachmittag.

Ein Jammer, dachte Hugo Brosin, während er durch ein schmales Fenster zusah, wie seine Enkelin auf das Stallgebäude zuging. So ein bildschönes Mädchen, aber alles, was sie im Kopf hat, sind die Pferde.

Er selbst kannte zwar auch nichts anderes, wenn man mal von seinen Bemühungen um gesellschaftliche Anerkennung absah. Aber er war ja auch ein alter Mann, während Franziska in der Blüte ihrer Jugend stand. Kopfschüttelnd wandte er sich ab. Was sollte aus der Kleinen bloß werden? Für ihn war sie immer noch die Kleine, obwohl sie ihm schon vor vielen Jahren über den Kopf gewachsen war. Würde sie sich für den Rest ihres Lebens hier auf dem Hof verkriechen und sich wie ein Kerl kleiden? Sie hatte wundervolle Haare, doch sie versteckte sie unter einer hässlichen Mütze. Ihre grünen Augen schauten viel zu ernst in die Welt. Ihr hübscher Mund, wie bei ihrer Großmutter einen Hauch zu groß, lachte viel zu selten. Während er dem warmen Ofen in der Küche zustrebte, schüttelte Hugo ratlos den Kopf. Er wünschte, Franziska würde endlich einen guten Mann kennenlernen, heiraten und glücklich werden. Gleichzeitig fragte er sich, wie er ohne sie zurechtkommen sollte, wenn sie fortziehen würde. Es war eine vertrackte Situation, und weder seine weltfremde Schwiegertochter noch sein nichtsnutziger Enkel waren ihm da eine Hilfe.

»Was machst du denn hier?« Misstrauisch beäugte Franziska ihren Bruder Frido. Er war nur zwei Jahre jünger als sie, aber manchmal hatte sie den Eindruck, eine ganze Generation läge zwischen ihnen. So pflichtbewusst und ernsthaft wie sie selbst war, so leichtfertig und gedankenlos war er.

Frido grinste seine Schwester an. »Och, nichts Besonderes, Schwesterherz. Wollte nur mal nach Abendsonne sehen.«

»Seit wann interessierst du dich für ein krankes Pferd?«

Sie trat näher und strich der Stute liebevoll über die Nüstern. Abendsonne fühlte sich heiß an. Ihr beinahe schwarzes Fell glänzte unnatürlich, und tief aus ihrer Kehle kam ein trockener Husten. Franziska wurde das Herz schwer. Die Abstammung der Stute ließ sich lückenlos auf den berühmten Trakehnerhengst Abglanz zurückverfolgen. Sie war schon fünfundzwanzig, ein Greisenalter für Pferde, und als Zuchtstute seit Jahren nicht mehr zu gebrauchen. Dennoch wäre es Franziska nie in den Sinn gekommen, das Tier wegzugeben. Abendsonne hatte dem Gestüt im Laufe ihres Lebens zwölf Fohlen geboren, eines prächtiger und wertvoller als das andere.

»Ich lasse noch mal den Tierarzt kommen«, meinte Franziska.

»Das kostet doch gleich wieder einen Haufen Geld«, meinte Frido. »Warte lieber bis morgen.«

Franziska strich noch einmal sanft über die Nüstern der Stute, wandte sich dann um und ließ den Blick über ihren Bruder gleiten. Bewusst starrte sie eine halbe Minute lang auf sein linkes Bein, bevor sie antwortete: »Wenn du das nächste Mal mit zerschmetterten Knochen im Graben liegst, warten wir besser auch mit dem Rettungswagen. Es könnte ja ziemlich ins Geld gehen, oder?«

»Lass mich in Ruhe«, brummte Frido. Endlich zog er ab und Franziska sah ihm mit gemischten Gefühlen nach. Sie liebte ihren Bruder, aber sie empfand nicht besonders viel Achtung für ihn. Seit einiger Zeit hatte sie außerdem das sichere Gefühl, dass er etwas im Schilde führte. So wie sie Frido kannte, konnte das nichts Gutes sein.

Die Auffahrt zum Herrenhaus des Grafen von Calsin war an diesem eisigen Februarabend hell erleuchtet. Im Schritttempo steuerte Franziska den dreißig Jahre alten Mercedes ihres Großvaters hinter den Luxuskarossen anderer Gäste her. Sie mochte diesen Wagen nicht, aber in ihrem Jeep hätten nicht alle Platz gefunden. Hugo saß im Fond neben Franziskas Mutter Bernadette, Frido auf dem Beifahrersitz starrte, noch immer beleidigt, nach draußen.

Das wird ein richtig fröhlicher Abend, dachte Franziska bei sich und warf ebenfalls einen Blick aus dem Seitenfenster. Wer noch nie im Sommer hier gewesen war, hätte die weitläufige Landschaft rund um die gewundene Auffahrt für langweilig halten können. Struppig wirkendes Kraut, niedrige Büsche, ein paar Findlinge, nichts Besonderes. Doch wenn dann im Frühsommer der Ginster hellgelb aufleuchtete, wenn im August das Heidekraut seinen violetten Schleier über das Gelände legte und der Wacholder würzig duftete, dann entfaltete sich die ganze Pracht dieser Heidelandschaft. Seinen staunenden Besuchern sagte Graf Olaf von Calsin gern: »Wozu wollen Sie nach Wilsede in den Naturschutzpark? Die schönste Heide finden Sie hier bei mir. Die Heidschnucken bekommen Sie sogar frisch aus dem Ofen.«

Beim Gedanken an den Grafen verbesserte sich Franziskas Laune. Sie mochte ihn, weil er keinerlei Standesdünkel hatte. Außerdem tat er ihr manchmal leid, da an seinen drei Töchtern jeglicher Versuch einer Erziehung offenbar spurlos vorübergegangen war. Seine Frau, Gräfin Carlotta von Calsin, war schon vor vielen Jahren gestorben, und der Graf war mit der weiblichen Übermacht eindeutig überfordert gewesen. Nun, heute würde wenigstens Annette einen Schritt ins erwachsene Leben tun.

Das Herrenhaus selbst war 1810 in klassizistischer Form erbaut worden und befand sich seitdem in Familienbesitz. Die geraden, schnörkellosen Linien strahlten Klarheit aus. In der großen Eingangshalle sammelten sich die Gäste, um von der Familie begrüßt zu werden.

»Franziska!«, rief Graf Olaf erfreut, als er sie entdeckte. »Du siehst bezaubernd aus. Jedes Männerherz wird dir heute Abend zu Füßen liegen.«

Sie spürte, wie sie unter dem Kompliment rot wurde, und zupfte verlegen an ihrem eng anliegenden Abendkleid aus grün changierender Seide. Sie hatte sich dafür entschieden, um ihrem Großvater eine Freude zu machen. Aber ein gewisser Ferdinand Sommerkamp sollte ruhig auch sehen, wie gut es ihr ging! Das Kleid betonte ihre weiblichen Formen, gab den Blick auf ihr verführerisches Dekolleté frei und unterstrich die Farbe ihrer Augen. Franziskas Haare fielen locker auf die Schultern und gaben ihr etwas Anziehendes, was sie im Alltag stets zu verbergen suchte. Viel Make-up brauchte sie nicht. Ihre Haut war makellos, obwohl sie Wind und Wetter ausgesetzt war. Ein wenig Lidschatten, Wimperntusche, ein kräftiger roter Lippenstift. Fertig war die Femme fatale.

Franziska musste über ihre Gedanken lächeln. Femme fatale! Ausgerechnet ich!

Doch bald verging ihre Fröhlichkeit. Nach dem Dinner, als im Ballsaal bereits die Band spielte, tauchte Ferdinand auf. Seine Frau wirkte selbst in festlicher Aufmachung unscheinbar, dennoch ließ Ferdinand sie nie aus den Augen. Nicht ein Mal, nicht ein einziges Mal schaute er zu Franziska hinüber.

Wütend, enttäuscht, traurig ging sie nach draußen. Sie wollte nur ein wenig Luft schnappen und dann versuchen, nach Hause zu kommen. Franziska beschleunigte ihren Schritt, stolperte auf der Außentreppe über ihren Kleidersaum, fiel und wurde aufgefangen. Zwei kräftige Armen hielten sie fest und eine tiefe, melodische Stimme sagte: »Haben Sie sich wehgetan, Signorina?«

Es dauerte einen Moment, bis Franziska begriff, dass der Mann italienisch sprach. Sie sah auf und blickte in ein Paar Augen, schwarz und geheimnisvoll. Voller Glut, voller Leidenschaft.

Was dachte sie da? Das musste am Sekt liegen. Franziska senkte verwirrt den Kopf, sah wieder auf, verlor sich erneut im Blick dieser Augen, spürte den fremden Körper an ihrem. Ein Schauer überkam sie. Plötzlich hatte sich der norddeutsche Winter in eine laue, südliche Sommernacht verwandelt.

2

Paolo della Ravere spürte ein Zittern in seiner Brust und wusste es nicht zu deuten. Diese Frau! Wer war sie? Aus welchem Traum hatte sie sich hierher in seine Arme geflüchtet? Dies war doch nur ein Traum, konnte nichts anderes sein. Seine Fingerspitzen ertasteten knisternde Seide und darunter warme, weiche Haut. Er blickte in ihre Augen und brauchte einen Moment, bis er deren Farbe einzuordnen wusste. Wie das Meer, dachte er. Aber nicht das Meer an einem strahlenden Sommertag, sondern mitten in einem Gewitter. Wenn das Wasser von hohen Wellen aufgewühlt wird, wenn die dunkelgrünen Algen vom Grund nach oben gespült werden.

Sie ist so schön, dachte er. La mia sirenetta. Meine Meerjungfrau.

Paolo begriff nicht, warum ihm plötzlich solche Gedanken durch den Kopf schossen. Er hielt diese bezaubernde fremde Frau für wenige Sekunden in seinen Armen, und die Welt sah plötzlich anders aus. Hell, strahlend, glücklich. Das passte so gar nicht zu ihm!

Er war ein blendend aussehender Mann von achtunddreißig Jahren. Der Kontrast zwischen seinen blonden Haaren und den nachtschwarzen Augen war umwerfend. Die Herzen der Frauen flogen ihm zu, und es war ihm nie schwergefallen, eine Eroberung zu machen. Doch erst in diesem Moment, in dieser eisigen nordischen Nacht, schlich sich eine Ahnung in sein Herz: Ich habe noch niemals eine Frau wirklich geliebt.

Diese Erkenntnis verwirrte ihn zutiefst und er ließ die Sirenetta los.

»Haben Sie sich wehgetan?«, wiederholte er und war froh, dass seine Stimme so normal klang. Das kleinste Zittern wäre inakzeptabel gewesen.

»No, tutto a posto«, erwiderte sie in seiner Muttersprache. »Alles in Ordnung.«

»Sie sprechen italienisch?«, erkundigte sich Paolo überrascht.

»Mein Kindermädchen Evelina stammt aus Palermo. Sie hat es mir beigebracht. Ich fürchte nur, meine Sprachkenntnisse reichen nicht mehr aus.«

»Wie wundervoll. Ich meine ... Sie ...« Er verhaspelte sich und verstummte, entsetzt über sein tölpelhaftes Verhalten. Er war kein Mann, der zum Stottern neigte. Ganz im Gegenteil. Paolo della Ravere war in seiner Heimat Italien ein erfolgreicher Pferdezüchter, in Fachkreisen geschätzt und auf dem gesellschaftlichen Parkett erfahren. In seinem ganzen Leben war er noch nicht um die richtigen Worte verlegen gewesen. Und nun stand er hier und brachte keinen vernünftigen Satz heraus. Wie konnte ihm das nur passieren!

Um seine Verwirrung zu überspielen, zog er seine Steppjacke aus und legte sie der jungen Frau um die Schultern. Sie schien nicht zu bemerken, wie sehr sie in der kalten Luft zitterte. Ihre Lippen waren schon blau vor Kälte.

Dann erinnerte er sich an seine gute Erziehung und sagte: »Darf ich mich vorstellen? Ich bin Paolo della Ravere aus Pesaro. Das ist eine Stadt in den italienischen Marken an der Adria.« Erleichtert stellte er fest, dass er wieder normal reden konnte.

»Ich weiß«, erwiderte die Schöne zu seiner Überraschung. »Mit meinen Eltern bin ich einmal bis hinunter nach Ancona gefahren. Ihre Heimat ist sehr schön.«

Er nickte. »O ja. Die Marken haben den Slogan ›Italien in einer Region‹. Bei uns finden Sie nämlich nicht nur das Meer, sondern auch hügeliges Hinterland und sogar hohe Berge.«

Noch immer wurde Paolo das Gefühl der Unwirklichkeit nicht los. Stand er tatsächlich in dieser kalten Nacht vor einer fremden jungen Frau und plauderte über seine Heimat? Ihm fiel auf, dass ihm die Sirenetta ihren richtigen Namen noch nicht verraten hatte. Gerade als er sie danach fragen wollte, sagte sie: »Ich nehme an, Sie sind auch ein Gast des Grafen Olaf.«

Mit dem Namen konnte Paolo nichts anfangen. »Von wem bitte?«, fragte er.

»Olaf Graf von Calsin.« Sie wies mit dem Kopf zum erleuchteten Portal hinter sich. »Der Gastgeber dieses Abends. Es ist die Verlobungsfeier seiner Tochter Annette.«

Jetzt verstand er und er schüttelte den Kopf. »Nein. Ich habe mich verfahren. Da ich hier Licht gesehen habe, wollte ich nach dem Weg fragen.«

»Wo müssen Sie denn hin?«

Dio mio! Mein Gott! Wenn sie nicht aufhörte, ihn mit diesen verwirrend grünen Augen anzuschauen, dann würde er ... ja, was dann? Sie in seine Arme reißen und sie küssen? Sie so lange festhalten, bis seine Hitze auf sie übersprang? Pazzesco! Er war ganz verändert. Kein Zweifel.

Paolo räusperte sich umständlich und zog dann einen Zettel aus seiner Hosentasche. »Das Gestüt Brosin. Das müsste nicht weit von hier sein, aber mein Navigationssystem scheint heute Nacht überfordert zu sein.«

»Das Gestüt Brosin?«

Täuschte er sich, oder änderte sich die Farbe ihrer Augen? Wirkte ihr Blick nicht plötzlich dunkler? Zum ersten Mal, seit er seine Jacke ausgezogen hatte, spürte er die Winterkälte durch seinen Pullover kriechen.

»Was haben Sie dort zu tun?«

Paolo zögerte mit der Antwort. Doch dann erinnerte er sich daran, dass er hier ein Fremder war. Möglicherweise gehörte es in dieser Gegend zum guten Ton, die Leute auszufragen.

»Ich betreibe in Italien eine Pferdezucht«, erwiderte er daher höflich.

»So?« Ihre Augenbrauen wanderten in die Höhe, eine Welle des Fröstelns überkam sie.

Paolo fühlte sich wie ein Schuljunge, der bei einem Streich ertappt worden war. Er schluckte, bevor er weitersprach. »Es mag Sie vielleicht verwundern, aber ich züchte Trakehner. Das ist in Italien eher ungewöhnlich, und manche Kollegen schmunzeln wohl auch über mich. Doch ich habe die Leidenschaft für diese herrliche Rasse von meiner deutschen Mutter geerbt. Sie hat zu ihrer Zeit auf einem Trakehnerhengst beachtliche Erfolge im Dressurreiten erzielt. Anfangs in Deutschland und später, als sie zu meinem Vater nach Italien gezogen ist, auch in ihrer neuen Heimat. Der Hengst war ein Nachkomme von Jagdheld, der wiederum ein Sohn des legendären englischen Vollbluts Perfectionist war ...«

»Danke«, wurde er unterbrochen. »Ich kenne mich selbst ganz gut in der Abstammungsfolge aus.«

Paolo nickte. »Sicher, bitte verzeihen Sie. Ich wollte Ihnen nur erzählen, dass Fluvio, so hieß der Hengst meiner Mutter, der Begründer unserer Zucht war.« Er verstummte und fragte sich verzweifelt, was er noch sagen konnte, um den hart gewordenen Blick der jungen Frau wieder fortzuzaubern. Ihm fiel nichts Vernünftiges mehr ein, daher schloss er nur: »Ich bin hier, um zwei trächtige Stuten zu kaufen.«

»Ach ja?« Ihre Stimme klang plötzlich schneidend. »Und Sie haben die weite Fahrt von Pesaro bis hierher einfach so auf gut Glück gemacht?«

Langsam verlor er die Geduld. »Natürlich nicht«, gab er kühl zurück. »Ich habe eine Anzeige im Internet und in Fachzeitschriften aufgeben. Jetzt bin ich auf Einladung eines gewissen Frido Brosin hergekommen, dem Gestütsleiter.«

»Interessant«, sagte die junge Frau, die schlagartig alle Lieblichkeit verloren hatte. Mit einer heftigen Bewegung riss sie sich seine Jacke von den Schultern und schleuderte sie ihm vor die Füße. »Dann wünsche ich Ihnen viel Spaß bei Ihren Verhandlungen mit dem Gestütsleiter!«

Sie lief davon und stieß noch ein paar Flüche und Beschimpfungen aus, die Paolo nicht verstand. Dem Tonfall entnahm er allerdings, dass es sich nicht um freundliche Worte handelte. Eine halbe Minute später sah er einen museumsreifen Mercedes mit quietschenden Reifen die Auffahrt in Richtung Straße hinunterbrausen.

»Guten Abend«, ertönte hinter ihm eine tiefe Stimme. »Kann ich Ihnen helfen?«

Paolo wandte sich um und blickte in das freundliche Gesicht eines etwa sechzigjährigen schlanken Mannes mit vollem grauen Haar und feinen Gesichtszügen. Seine vornehme Haltung strahlte Autorität aus, und Paolo vermutete, dass es sich bei ihm um den Hausherrn handelte. Der Mann war ihm auf den ersten Blick sympathisch.

»Guten Abend«, erwiderte er auf Englisch, hob seine Jacke auf und klopfte sie notdürftig ab. »Ich fürchte, ich habe mich verfahren.«

»Und zu allem Übel hatten Sie auch noch einen Zusammenstoß mit unserer streitbaren Franziska«, erwiderte der Graf augenzwinkernd in derselben Sprache.

»Franziska?«, fragte Paolo interessiert.

»Genau. Franziska Brosin. Die junge Dame, die Sie gerade als unverschämten, eingebildeten und selbstgerechten Typen bezeichnet hat.«

»Ach, hat sie das.« Paolo musste trotz seiner Verwirrung grinsen, und der Graf lachte laut.

»Kommen Sie herein, mein Lieber, bevor Sie da draußen erfrieren. Ein heißer Glühwein wird Ihnen guttun.« Er machte eine einladende Handbewegung.

Paolo zögerte nur kurz, dann folgte er der Einladung. »Mille grazie. Vielleicht können Sie mir ein Hotel hier in der Nähe empfehlen? Ich habe mich verfahren und muss irgendwo übernachten.«

Graf Olaf hob die Brauen. »Ein Hotel? Kommt überhaupt nicht infrage. Sie sind natürlich mein Gast, oder wollen Sie mich beleidigen?«

»Nichts läge mir ferner.« Froh, endlich ins Warme zu kommen, folgte Paolo dem Grafen durch das Portal. Dann fragte er: »Franziska Brosin, sagten Sie? Etwa vom Gestüt Brosin?«

»Ganz genau.«

Eine vage Ahnung befiel ihn. »Hat sie auch mit der Trakehnerzucht zu tun?«

»Sagen wir mal so: Sie ist die Chefin.«

»Dann wird mir einiges klar«, meinte Paolo niedergeschlagen. »Und ich dachte, ich könnte mit dem Gestüt ins Geschäft kommen.«

Plötzlich fühlte er sich furchtbar müde. Er war zu Hause morgens um vier aufgestanden, um die Strecke von knapp tausendvierhundert Kilometern zu schaffen. So groß war seine Vorfreude gewesen, dass er nur kurze Pausen eingelegt hatte und so schnell, wie es gerade noch erlaubt war, gefahren war.

Zwei trächtige Zuchtstuten von einem der besten deutschen Trakehnergestüte! Er hatte sein Glück kaum fassen können, als letzte Woche die Einladung in die Lüneburger Heide gekommen war. Seine eigene Zucht würde in den nächsten Generationen dadurch einen Quantensprung an Qualität erleben. Und nun das! Nun geriet er offenbar in einen Familienstreit, den er nicht durchschauen konnte. Paolo wurde mit einem Mal klar, dass er die weite Reise möglicherweise vergeblich unternommen hatte.

Der Graf unterbrach seine Gedanken: »Im großen Saal wird gefeiert, aber Sie sehen nicht so aus, als ob Sie Lust auf Gesellschaft hätten.«

Paolo nickte dankbar. »Das stimmt. Es war eine recht lange Fahrt.«

»Dann lasse ich Sie jetzt in ein Gästezimmer bringen. Ein Imbiss und ein Glas Glühwein werden nachgereicht.« Er hob abwehrend die Hand, als sein italienischer Besucher zu einer Dankesrede ansetzte. »Morgen können wir uns in Ruhe unterhalten. Ich habe nämlich auch eine sehr schöne Pferdezucht.« Mit einem Augenzwinkern verabschiedete er seinen Überraschungsgast und ging wieder auf den Ballsaal zu.

Für einen Moment erhaschte Paolo einen Blick auf feiernde und tanzende Menschen. Gelächter und laute Stimmen klangen zu ihm herüber, Musik erfüllte den weitläufigen Raum. Beinahe wäre Paolo dem Grafen nachgegangen. Doch er blieb, wo er war. Ihm war nicht nach Feiern zumute. Er musste allein sein, sich ausruhen und nachdenken.

Ein Mann im schwarzen Frack, so steif und vornehm, wie es nur ein Butler sein konnte, trat auf ihn zu. »Wenn Sie mir Ihre Autoschlüssel geben möchten, Sir, lasse ich Ihr Gepäck holen.«

»Danke. Der schwarze Alfa Romeo gleich in der Auffahrt ist mein Wagen.«

Der Butler nickte, reichte den Schlüssel weiter und begleitete Paolo dann nach oben.

Eine Stunde später lag Paolo auf der burgunderroten Brokatdecke seines großen Bettes und hielt nur mit Mühe die Augen auf. Das gesamte Zimmer war mit herrlichen Möbeln im Empirestil ausgestattet. Doch Paolo nahm nichts von der Einrichtung wahr. Vor seinen Augen sah er wieder die wunderschöne junge Frau, seine Sirenetta. Den zweiten, eher unangenehmen Teil ihrer Begegnung verdrängte er aus seiner Erinnerung. »Franziska«, flüsterte er, dann auf Italienisch: »Francesca.« Er fand, das klang noch schöner. Er stellte sich vor, wie ihr voller Mund sich unter seinen Lippen anfühlen mochte, und daraufhin brauchte er sehr lange, bis er einschlafen konnte.

Franziska schreckte hoch. Es dauerte einen Moment, bis sie wieder wusste, wo sie war. Dann stand sie von der schmalen Pritsche im Stallgang auf, um nach Abendsonne zu sehen. Die Stute wieherte ein zweites Mal leise, und es klang wie eine Aufforderung. Franziska lächelte.

»Du vermisst deine Freunde, nicht wahr?«, murmelte sie und schlüpfte rasch in die Box. Gestern Nachmittag noch hatte der Tierarzt angeordnet, das Pferd von den anderen zu trennen.

»Verdacht auf Druse«, hatte er in seiner üblichen unterkühlten Art gemurmelt. Franziskas Herz hatte vor Angst einen Schlag ausgesetzt. Druse! Diese hoch ansteckende Infektionskrankheit konnte die gesamte Zucht gefährden. Ihr Instinkt sagte ihr allerdings, dass der Tierarzt sich irrte. Abendsonne hatte einen fiebrigen Husten, mehr nicht! Dennoch hatte sie den Rat von Dr. Michaelis befolgt und das Tier von den anderen abgesondert. Hier, in dem kleinen Nebengebäude gleich neben der Reithalle, befand sich die Isolierbox, die für solche Notfälle gedacht war.

Kaum zurück von dem Fest auf Gut Calsin und von der Begegnung mit diesem unmöglichen Italiener, war sie nur schnell ins Haus gelaufen. Oben in ihrem Zimmer hatte sie sich umgezogen, das Seidenkleid auf den Bügel gehängt und war wieder in ihre geliebten Jeans geschlüpft. Ein Flanellhemd, ein dicker Schafwollpulli, Stiefel und Jacke gehörten zu ihrer Verwandlung. Mit jedem gewohnten Kleidungsstück schwand ein wenig von ihrer Verwirrung, und Franziska schlüpfte wieder in die Rolle, die sie kannte. Sie war Franziska Brosin, Chefin über eine in Fachkreisen anerkannte Trakehnerzucht, selbstständig, emanzipiert, unantastbar.

Derart gestärkt hatte sie sich zur Isolierbox aufgemacht, um nach der kranken Stute zu sehen. Zu ihrer großen Erleichterung stellte sie fest, dass es dem Pferd besser ging. Die Augen blickten klarer, der Husten klang weniger trocken.

Endlich war Franziska auf dem unbequemen Feldbett in einen unruhigen Schlaf gefallen. An diesen unverschämten Mann hatte sie keine Sekunde mehr gedacht.

Doch jetzt, im ersten Morgenlicht, kehrte die Erinnerung mit ganzer Kraft zurück. Franziska lehnte sich Schutz suchend an den warmen Pferdekörper und fühlte sich ein wenig wie früher als kleines Mädchen. Damals war sie vor ihrem Großvater geflüchtet, diesmal floh sie vor ihren eigenen Gefühlen. Doch es gab kein Entrinnen. Sie tätschelte die Stute und stellte erleichtert fest, dass sich kein eitriger Nasenausfluss gebildet hatte. Dann setzte sie sich auf die leere Krippe und Abendsonne streckte ihr den großen edlen Kopf hin. Franziska verstand die Aufforderung und kraulte sie sanft zwischen den Ohren. Doch ihre Gedanken waren bei dem Mann, dem sie gestern Abend in die Arme gelaufen war. Paolo della Ravere. Ein Italiener, der hier nur kurz zu Besuch war. »Ich muss mich ausgerechnet in einen Italiener verlieben«, murmelte sie der Stute ins Ohr.

Halt! Was redete sie denn da? Sie war nicht verliebt! Nicht die Spur! Außerdem – und in diesem Moment fiel ihr wieder ein, was Paolo gesagt hatte. Weshalb er nach Deutschland gekommen war. Erneut kochte die Wut in ihr hoch und sie sprang auf. Die Stute machte erschrocken einen Satz zurück, doch Franziska war schon aus der Box. Mit langen Schritten lief sie über den Hof auf das Wohnhaus zu. Noch lag alles im Dunkeln, einzig in der Küche brannte Licht.

Einen Moment lang verharrte sie. Was war das da hinter dem Getreidesilo? Ein Schatten? Oder die Silhouette eines Menschen? Ach, Unsinn, schalt sich Franziska. Jetzt sehe ich schon Gespenster. Niemand, der hier nichts zu suchen hatte, trieb sich um diese Zeit auf dem Gestüt herum. Trotzdem, als sie weiterging, blieb ein unangenehmes Gefühl zurück.

Das Gefühl, aus der Dunkelheit heraus von fremden Augen beobachtet zu werden.

Entschlossen schüttelte sie die aufkeimende Angst ab und widmete sich wieder ganz ihrer Wut. Das half. Zumindest im Augenblick.

Sie stürmte auf die Küchentür zu, die direkt auf den Hof hinausführte, riss sie auf und rief: »Ist mein Bruder schon wach?«

»Wo denkst du hin«, erwiderte Evelina Rossi. »Der ist ja erst vor einer Stunde heimgekommen. Kaffee, meine Liebe? Du siehst aus, als könntest du einen vertragen.«

3

Evelina Rossi kochte den besten Espresso nördlich der Alpen. Davon war sie überzeugt und darauf war sie stolz. Als sie vor beinahe vierzig Jahren in diesen Haushalt gekommen war, hatte sie bei den Mitgliedern der Familie Brosin den italienischen Kaffee eingeführt. Zunächst mit einem kleinen, verbeulten Espressokocher, der auf den Herd gestellt wurde. Damit hatte sie schon als sechzehnjähriges Mädchen zu Hause in Palermo ihrem Vater eine Freude gemacht; morgens um fünf, wenn er zur Schicht in die Papierfabrik musste.

Zwei Angewohnheiten hatte sie aus jenen Tagen beibehalten: erstens das frühe Aufstehen, zweitens den guten Kaffee.

Als ihr Vater sie ins Wirtschaftswunderland Deutschland mitnahm, zog auch der alte Espressokocher mit in den Norden. Mit knapp achtzehn trat Evelina ihre Stelle als Hausmädchen auf dem Gestüt Brosin an. Ihr Vater schenkte ihr zum Abschied einen neuen Espressokocher. Inzwischen kam das fast schwarze Gebräu aus einer modernen Kaffeemaschine, wie sie in jeder italienischen Bar südlich und auch nördlich der Alpen steht.

Zu Evelinas größtem Bedauern war ihre Überzeugungskunst schon vor Jahren nicht wirklich bei der Familie Brosin angekommen. Sie selbst stieg zwar vom Hausmädchen zur Gouvernante und schließlich zur Haushälterin auf. Zu ihrem geliebten Espresso aber hatte sie nur Franziska und Frido Brosin bekehrt. Der alte Herr Hugo weigerte sich standhaft, dieses schwarze Zeug auch nur zu probieren. Er verlangte morgens und nachmittags seinen geliebten Filterkaffee. Sein Sohn, der arme Herbert, hatte manchmal einen Espresso bei ihr bestellt. Nur Evelina nannte ihn so. Il povero Herbert. Das war in ihrer Heimat die übliche Redewendung für Verstorbene. Er war ein guter Mann gewesen, ohne jedoch die innere Kraft seines Vaters zu besitzen. Sein Herz war irgendwann den Ansprüchen des Lebens nicht mehr gewachsen.

Manchmal hatte Herbert sich die Zeit genommen und war in die Küche gekommen, um einen Espresso zu trinken. Aber Evelina hegte den Verdacht, dass er das nur ihr zuliebe getan hatte. Seine Witwe Bernadette trank schon seit Langem nur noch Kamillentee, um ihre Nerven zu beruhigen. Allerdings – Evelina lachte leise vor sich hin – gestern früh hatte sie ihr einen herrlich duftenden Latte macchiato hingestellt, und Bernadette hatte tatsächlich ein paar Schlucke getrunken.

»Was gibt’s zu lachen?«, erkundigte sich Franziska und ging mit langen Schritten durch die große Bauernküche. Ihre Stiefel hinterließen Dreckspuren auf den Holzdielen, doch sie achtete nicht darauf. Vor dem riesigen Buffet aus dunkel gebeizter Eiche blieb sie stehen, drehte sich um, ging zurück.

Evelina stellte sich ihr in den Weg. Obwohl sie sich weit hochreckte, reichte sie Franziska nur knapp bis zur Schulter. »Setz dich hin und renn hier nicht rum wie eine aufgeregte Jungstute, die zum ersten Mal den Deckhengst sieht«, sagte sie energisch.

Franziska lief purpurrot an, kam schlagartig zur Ruhe und ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen.

Das gab Evelina einiges zu denken. Sie drehte sich zur Kaffeemaschine um, und während sie Espressopulver abmaß, dachte sie angestrengt nach.

Nach einer Weile fragte sie: »Ich nehme an, Ferdinand war auf dem Fest?«

»Wer?« Franziska klang dermaßen geistesabwesend, dass Evelina noch mehr ins Grübeln kam. Was ging hier bloß vor?

»Ferdinand Sommerkamp. Der Mann, den du letztes Jahr um diese Zeit heiraten wolltest.«

»Der ... ach ja, richtig.« Franziska zog die Stirn kraus. »Der ist mit seiner Frau gekommen.«

Sie sprach von ihm wie von einem entfernten Bekannten. Strano, dachte Evelina. Seltsam. Es war noch keine vierundzwanzig Stunden her, da hatte Franziska ihr geschworen, sie würde den verdammten Ferdinand bis an ihr Lebensende hassen. Und wer konnte ihr das verdenken? Zwei Jahre lang waren die beiden verlobt gewesen. Die große Liebe, nun ja, die war es vielleicht nicht. Aber sie passten gut zusammen, waren beide von guter Herkunft. Und woran war die Sache letztendlich gescheitert? Evelina seufzte und machte sich daran, einen Schluck Milch aufzuschäumen. Dann gab sie sich selbst die Antwort: am Geld natürlich, wie meistens.

Von der Verbindung mit Franziska hatte sich Ferdinand Sommerkamp eine Verbesserung seiner finanziellen Situation erhofft. Er betrieb einen exklusiven Reiterhof für betuchte Gäste aus Hamburg, der von allein nicht mehr aus den roten Zahlen herauskam.

Als jedoch auf dem Gestüt Brosin auch nicht mehr alles zum Besten stand, löste er kurzerhand die Verlobung mit Franziska. Nur einen Monat später heiratete er die unscheinbare, aber reiche Amerikanerin Loretta Saunders.

Seitdem hatte sich Franziska verändert. Sie kleidete sich wie ein Mann und war oft nicht ansprechbar. Evelina seufzte ein zweites Mal, tat Zucker und Milchschaum in den Espresso und reichte ihrem Schützling die winzige Tasse Caffè macchiato. »Trink erst mal und dann erzählst du mir, was los ist. Wer ist der Mann?«

Franziska tat, als hörte sie nicht richtig. Langsam trank sie einen Schluck Kaffee. »Welcher Mann?«, fragte sie dann scheinbar gleichgültig. Wem wollte sie damit etwas vormachen? Sich selbst vielleicht?

»Der dich so aus der Fassung bringt. Nun sag schon. Wie heißt er?«

»So ein Blödsinn, ich ...«

»Franziska!« Evelina stemmte die Hände in die nur leicht gerundeten Hüften und sah sie genau an. »Ich kenne dich seit deiner Geburt. Vor mir kannst du nichts geheim halten. Das solltest du langsam begriffen haben. Also raus mit der Sprache. Wie heißt der Mann, wo kommt er her und wie sieht er aus?«

»Paolo della Ravere«, sagte Franziska, und in ihre Augen trat ein Leuchten. Sie trank den Kaffee in einem Schluck aus und fuhr fort: »Er kommt aus Italien. Er ist einen halben Kopf größer als ich, hat blonde Haare und schwarze Augen. Nicht dunkelbraun, sondern ganz schwarz. Seine Nase ist ziemlich lang, und im Profil hat sie einen leichten Haken. Aber nicht schlimm. Eigentlich wirkt das sogar besonders interessant, finde ich. Die Ohren sind dafür nicht sehr groß und der Mund könnte vielleicht einen Hauch voller sein. Aber für einen Mann ist er sehr schön, bestimmt sind seine Lippen ...« Sie brach ab und schüttelte den Kopf, als würde sie aus einem Traum aufwachen. Sie war rot geworden beim Sprechen und ihre Unterlippe zitterte.

Evelina betrachtete sie fasziniert. Noch nie hatte sie Franziska in einer solchen Verfassung erlebt.

Ah, l’amore!, dachte sie und seufzte zum dritten Mal. Sie wusste genau, wie sich Franziska in diesem Moment fühlte. Ihr selbst ging es nämlich seit Wochen ganz genauso. Aber das war eine andere Geschichte, die im Augenblick nicht hierhergehörte.

»Und aus welcher Gegend von Italien stammt dieser wunderbare Kerl?«

»Aus Pesaro.«

»Tatsächlich?« Dies hatte nun doch etwas mit ihrer eigenen Geschichte zu tun, und Evelina merkte sich die Information gut. Man konnte ja nie wissen. Pesaro lag schließlich keine zwanzig Kilometer von Riccione entfernt, und dort ... »Was? Was hast du gesagt?«

»Frido, dieser Idiot!«

Das war an sich nichts Neues. Aber irgendetwas musste Evelina verpasst haben. Wo war der Zusammenhang? Da Franziska jetzt in Schweigen verfiel, übernahm Evelina das Reden. »Dein Bruder hat kurz vor Mitternacht deinen Großvater und deine Mutter heimgebracht. Hugo war ziemlich verärgert, weil sie sich von Graf Olaf einen Wagen ausleihen mussten. Mit dem ist Frido dann noch nach Lüneburg gefahren, um irgendwelche Freunde zu treffen.«

Weitere Seufzer erschienen ihr nicht angebracht, deshalb beschränkte sie sich auf die Feststellung: »Zum Glück war er kurz nach fünf wieder hier. Ich hatte mir schon Sorgen um ihn gemacht.«

Franziska stieß einen Laut aus, der nicht besonders freundlich klang. »Frido ist kein Kind mehr, Evelina, auch wenn er sich meistens so aufführt.«

»Du hast ja recht.« Trotzdem. Sie konnte einfach nicht aufhören, sich um den Jungen zu sorgen. Er war schon immer ein Wildfang gewesen, und das hatte sich nie gelegt. Als Erwachsener musste er ausgerechnet Veranstalter von Abenteuerreisen in alle Welt werden. Selbstverständlich begleitete er so viele Reisegruppen wie möglich höchstpersönlich. Mal führte er eine Gruppe durch den Urwald von Borneo, mal ging’s mit Schlittenhunden durch Alaskas Eiswüste. Jedes Mal stand Evelina Todesängste um ihn aus.

Zum Verhängnis wurde ihm jedoch ein ganz banaler Reitunfall. Der dreijährige Hengst Senator war letzten Herbst einen schlammigen Abhang hinuntergerutscht und hatte Frido unter sich begraben. Sein linkes Bein wurde zerschmettert und musste in zwei großen Operationen wieder gerichtet werden. Doch trotz aller Bemühungen der Ärzte blieb es einen Zentimeter kürzer als das rechte. Es durfte keinen schweren Belastungen ausgesetzt werden, und besonders bei schlechtem Wetter litt Frido unter schlimmen Schmerzen. Seine Abenteuerreisen musste er natürlich aufgeben. Seitdem langweilte er sich auf dem Hof, feierte zu viele Nächte durch und ärgerte seine ältere Schwester nach Kräften.

»Was genau hat der Junge diesmal verbrochen?«, fragte Evelina nun.

Franziska holte tief Luft und erzählte es ihr.

»Capisco«, sagte Evelina langsam, als sie geendet hatte. »Und was ist so schlimm daran? Erst vor ein paar Tagen hast du doch selbst gesagt, dass wir uns von ein paar Tieren trennen müssen, um den Fortbestand des Gestüts zu sichern.«

»Das ist ja wohl ein Unterschied«, gab Franziska giftig zurück. »Wenn ich über eine geschäftliche Entscheidung nachdenke, ist das eine Sache. Aber wenn mein Bruder sich hier plötzlich zum Chef aufschwingt, dann kriegt er Ärger. Sehr großen Ärger! Und dieser Paolo Soundso kann gleich wieder umkehren. Von mir kriegt er kein Pferd. Schon gar nicht zwei trächtige Zuchtstuten. Ha! So weit kommt das noch!«

»So weit kommt was?«, erklang von der Küchentür her die zarte Stimme ihrer Mutter. Augenblicklich verwandelte sich Franziskas Zorn in sanfte Besorgnis, und ihr Blick wurde weich.

»Nichts, Mama. Es ist alles in Ordnung. Wieso bist du schon auf? Das Fest hat dich doch bestimmt sehr angestrengt. Willst du nicht noch ein bisschen schlafen? Du bist sicher noch müde.«

Bernadette Brosin lächelte ihr typisches Lächeln. »Ach, nein. Es geht schon, Liebling. Ich fühle mich nur ein bisschen matt.«

»Setz dich hierher, Mama. Soll ich dir einen Kamillentee machen?«

Evelina beobachtete die Szene mit gemischten Gefühlen. Gewiss, Bernadette besaß eine schwache Gesundheit. Sie holte sich leicht eine Erkältung, kränkelte dann wochenlang vor sich hin und blieb oft den ganzen Tag im Bett. Auch hatte sie mindestens fünf Kilo Untergewicht, was sie zerbrechlich wirken ließ. Trotzdem. Evelina hatte manchmal den Eindruck, Bernadette müsse nur wieder eine richtige Aufgabe bekommen, dann würde es ihr auch besser gehen. Doch seit ihr Mann Herbert vor fünf Jahren gestorben war, schien sie sich immer mehr von dem Hier und Jetzt zu entfernen.

Wie eine alte Frau, die vom Leben nichts mehr erwartete, ließ sie sich nun von ihrer Tochter zu einem Stuhl bringen. Dort sank sie nieder, stützte ihre Ellenbogen auf die Tischplatte, legte die Hände ans Gesicht und sagte: »Es gehört sich nicht, in der Küche zu sitzen. Wir sollten in den Salon gehen.«

»Schon gut«, sagte Franziska und setzte sich wieder. »Es sieht uns ja niemand, der daran Anstoß nehmen könnte.« Aus dem Obstkorb nahm sie eine Banane, schälte sie und legte sie ihrer Mutter auf einen Teller. Als diese den Kopf schüttelte, aß Franziska die Frucht selbst mit drei großen Bissen.

»Du solltest mehr essen«, sagte sie dann. »Du bist viel zu dünn.«

Bernadette strich sich müde über die Stirn. »Ach, Kind, ich habe so wenig Appetit. Mir will einfach nichts so richtig schmecken. Hast du dich eben mit unserer lieben Evelina gestritten? Das will ich doch nicht hoffen.«

Franziska schüttelte schnell den Kopf. »Nein, keine Sorge, es ist alles in Ordnung.«

Als wäre Bernadette das Kind und Franziska die Mutter, dachte die Haushälterin.

»Dann ist es gut. Du weißt, dass ich ohne sie nicht zurechtkommen könnte.«

Evelina wandte sich schnell zu ihrer geliebten Kaffeemaschine um, damit keine der beiden anderen Frauen ihren Gesichtsausdruck bemerken konnte. Wenn sie sich da mal nicht täuscht, überlegte sie und presste die Lippen aufeinander. Manchmal war sie es leid, unersetzlich zu sein.

Als sie sich wieder gefangen hatte, bereitete sie einen Latte macchiato für Bernadette vor.

»Ach«, sagte diese, als sie ihr das hohe Glas hinstellte. »Das schmeckt ja wirklich gut, aber ob mir so viel Milch auch bekommt?«

»Ganz bestimmt«, gab Evelina zurück und wechselte einen Blick mit Franziska. Die grinste und vergaß für einen Moment ihren Ärger. »Bald fehlt nur noch Großvater in der Schar deiner Anhänger«, sagte sie.

»Eher trinkt er Abwaschwasser«, meinte Evelina verächtlich.

Die beiden Frauen kicherten und achteten nicht darauf, wie im nächsten Moment hinter ihnen die Küchentür erneut aufgestoßen wurde.

»Franziska!«, donnerte Hugo Brosin. »Ich verlange augenblicklich eine Erklärung!«

Franziska straffte die Schultern. Alle Weichheit verschwand mit einem Schlag aus ihrem Gesicht. »Wofür?«

Hugo Brosin trat einen Schritt näher und stützte sich schwer auf seinen Stock. »Was ist das für eine Geschichte mit diesem Italiener?«

Franziska und Evelina wurden gleichzeitig rot und jede hatte ihre guten Gründe dafür.

Der alte Herr aber bemerkte nichts davon. Er war im Augenblick selbst so über alle Maßen aufgebracht, dass er nicht einmal auf seine zarte, blasse Schwiegertochter Rücksicht nahm.

»Du meinst Paolo della Ravere?«, fragte Franziska vorsichtig.

»Wen sonst, zum Teufel!«

»Vater, ich muss doch bitten«, ließ sich Bernadette mit leiser Stimme vernehmen. Doch niemand in der Küche achtete auf sie.

»Graf Olaf hat behauptet, der Mann wäre hier, um von uns Pferde zu kaufen. Stimmt das?«

Sein Blick war durchdringend, doch Franziska hielt ihm stand.

»Das solltest du besser deinen Enkel Frido fragen«, erwiderte sie kühl. »Die Geschichte hat er uns nämlich eingebrockt.«

»Ich frage aber dich. Du bist hier die Gestütsherrin!« Hugos Stimme überschlug sich vor Zorn. »Du bist hier verantwortlich, Franziska! Seit wann erlaubst du deinem Bruder, über deinen Kopf hinweg Entscheidungen zu treffen? Kann es sein, dass du mit deinen Aufgaben überfordert bist?«

Franziska sprang auf, auch sie wurde jetzt laut. »Ich habe ihm überhaupt nichts erlaubt! Bis gestern Abend hatte ich selbst keine Ahnung von der Sache!«

»Dann bring das jetzt augenblicklich wieder in Ordnung! Keine meiner wertvollen Zuchtstuten wird an irgendeinen fremden Italiener verkauft!«

Evelina überlegte, ob sie beleidigt sein sollte. Sozusagen stellvertretend für ihren Landsmann. Aber dafür war jetzt keine Zeit. Gerade schluchzte nämlich Bernadette laut auf, stieß ihr Glas mit Latte macchiato um und flüchtete nach draußen. Sie hörte noch, wie Bernadette die Tür zu ihrem Zimmer zufallen ließ. Später, dachte sie. Später werde ich mich um sie kümmern.

In der Küche hatte sich inzwischen eisiges Schweigen ausgebreitet. Hugo und Franziska starrten einander böse und unversöhnlich an. Auf Evelina wirkten sie wie zwei Kampfhähne, die in jedem Moment aufeinander losgehen wollten.

Endlich sagte Franziska ruhig: »Du hast ganz recht, Großvater. Ich bin die Gestütsherrin, und ich allein werde eine Entscheidung treffen. Falls mich jemand sucht,« damit wandte sie sich an die Haushälterin, »ich gehe noch einmal nach Abendsonne sehen.«

Eine Minute später verließ auch Hugo die Küche, nicht ohne mehrmals mit seinem Stock aufzuschlagen.

Evelina war wieder allein. Ruhig dachte sie über die Ereignisse nach, ließ sich alle Informationen noch einmal durch den Kopf gehen.

Schließlich nahm ein Plan Gestalt an, und sie kochte sich einen zweiten Espresso, um besser darüber nachdenken zu können. Warum nicht?, überlegte sie schließlich. Es konnte zumindest nicht schaden, sich den Mann aus Pesaro einmal anzusehen. Möglicherweise taten sich da ungeahnte Möglichkeiten auf. Und zwar nicht nur für die Familie Brosin, sondern auch für sie selbst, Evelina Rossi aus Palermo.

4

Seit drei Tagen war Paolo della Ravere schon auf Gut Calsin zu Gast und er fühlte sich ausgesprochen wohl. Einzig das Essen war für seinen italienischen Gaumen gewöhnungsbedürftig. Graf Olaf liebte die deutsche Hausmannskost, und Paolo begann um seine gute Figur zu fürchten. Täglich gab es das Beste, was die regionale Küche zu bieten hatte: Heidschnuckenbraten mit Heidekartoffeln und knackigem Wintergemüse, Buchweizenpfannkuchen mit Heidelbeeren und schließlich, für Paolo der exotische Höhepunkt: Knipp mit warmem Speckkartoffelsalat. Es hatte ziemlich lange gedauert, bis Paolo verstanden hatte, dass Knipp nichts anderes als eine Grützwurst ist, was ihm auch nicht viel mehr sagte, bis ihm der Graf das Rezept aus Schweineschwarte, Fleisch, Leber und Graupen erklärte.