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Eine atemberaubende Reise in eine vergangene Zeit Nell, eine moderne junge Frau, findet sich nach einem Sturz vom Pferd im 12. Jahrhundert wieder und ist mit einem Mann verheiratet, den sie nicht kennt. Trotzdem fühlt sie sich der Zeit und den Menschen merkwürdig verbunden. Sie verliebt sich in ihren Ehemann Rhys, mit dem sie auf einer Burg in Wales an der windumtosten Küste von Llyn lebt. Ihr Familienglück ist gefährdet, als der englische König John je einen Sohn sämtlicher walisischer Lords als Geiseln einfordert. Nell weiß aus dem Geschichtsunterricht, dass die Geiseln nicht überleben werden ...
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Seitenzahl: 656
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Jane Watt
Die Herrin von Llyn
Aus dem Englischen von Adelheid Zöfel
Ihr Verlagsname
Eine atemberaubende Reise in eine vergangene Zeit
Nell, eine moderne junge Frau, findet sich nach einem Sturz vom Pferd im 12. Jahrhundert wieder und ist mit einem Mann verheiratet, den sie nicht kennt. Trotzdem fühlt sie sich der Zeit und den Menschen merkwürdig verbunden. Sie verliebt sich in ihren Ehemann Rhys, mit dem sie auf einer Burg in Wales an der windumtosten Küste von Llyn lebt. Ihr Familienglück ist gefährdet, als der englische König John je einen Sohn sämtlicher walisischer Lords als Geiseln einfordert. Nell weiß aus dem Geschichtsunterricht, dass die Geiseln nicht überleben werden ...
Jane Watt wurde in Usk, Südwales, geboren. Nach ihrer Hochzeit zog sie mit ihrem neuseeländischen Mann John nach Auckland in Neuseeland. «Die Herrin von Llyn» war ihr Debütroman.
«Manche Dinge kann man nur durch einen
entschlossenen Sprung in das Gegenteil
erreichen. Man muss in die Fremde gehen, um die
Heimat, die man verlassen hat, zu finden».
Franz Kafka (1883–1924
C:
wie ein K (z.B. Ceinwyn – Keinwin)
DD:
wie TH im Englischen (Dafydd – Dawith, Maredudd – Maredith, Rhaeadr Ddu – Rhyadr Thie)
F:
wie ein W (z.B. Dafydd – Dawith)
Doppel-F:
wie ein F (z.B. Gruffudd – Grifith)
LL:
wie HL oder CHL (Llywelyn- Hlewelin)
R:
stark gerollt, RH wie HR (Rhiannon – Hreeanon)
U:
wie i (z.B. Gruffudd – Griffith), lang wie in Ddu – Thie
W:
wie ein kurzer oder langer O/U-Vokal (z.B. Cadwgan – Caduhgan, Gronw – Gronoh), als Konsonant bleibt das W als W bestehen (z.B. Gwilym – Gwilim, Gwenllian – Gwenhliean); bei Gwladys: stumm wie beim englischen Gladys
Y:
langes oder kurzes I (z.B. Llyn – Hlien, Rhys – Rhies, Gwydion – Gwidion)
Nell konnte vor Aufregung kaum still sitzen. Die Reise hatte ihr bisher großen Spaß gemacht. Sie waren mit dem Auto von England her nach Wales gefahren, durch grüne, lichtdurchflutete Täler, die sich abwechselten mit den dunklen, geheimnisvollen Erhebungen, die immer noch Zeuge des massiven Abbaus von Bodenschätzen waren. Dunkle, abgeflachte Schieferberge waren Mahnmale, die an den Raubbau am Reichtum dieses atemberaubenden Landes zwischen Schafen, Schiefer und Kohle erinnerten. Aber jetzt kam die Krönung, jedenfalls für sie: die Heimkehr nach Llyn, zum Ort ihrer Kindheit, der windverwehten Landzunge, die sich aus Nordwales ins Meer erstreckte. Sie schaute zu ihrem Mann hinüber, der mit konzentrierter Miene die gefährlichen Kurven der schmalen Landstraße meisterte. Langsam näherten sie sich dem Dorf, in dem Nell aufgewachsen war: Es lag am Fuße eines Hügels, auf dem sich ihr früherer Lieblingsspielplatz befand: die alte Burg.
«Die Burg taucht ganz plötzlich auf, wenn man’s am wenigsten erwartet», erklärte sie. «Das ist typisch für die Burgen hier in Wales, zumindest wenn man, wie wir jetzt, vom Landesinnern kommt. Die Burgbewohner hatten einen weiten Blick übers Land, aber die armen Schlucker, die durch die Gegend reisten, ahnten nichts Böses, bis sie buchstäblich direkt davor standen. Unsere Burg hat zwar keinem Fürsten gehört, aber immerhin irgendwelchen wohlhabenden Adligen.»
Grant warf ihr einen kurzen Blick zu. «Ich mache mir im Moment mehr Gedanken um Farmer Joe! Wenn der plötzlich mit einem großen Traktor um die nächste Kurve getuckert kommt, haben wir keine Chance – wir können ihm nicht ausweichen. Ganz zu schweigen von den Schafen», sagte er etwas schroff, aber um seine Lippen spielte ein Lächeln. Er wusste ja, wie sehr Nell sich darauf gefreut hatte, endlich zurückzukommen. Nur ihm zuliebe hatte sie sich darauf eingelassen, vorher noch durch England zu reisen, weil ihn die Landschaft und die Städte dort so faszinierten.
Nell war eigentlich noch nie in ihrem eigenen Land herumgefahren, ihre Reisen hatten sie immer ins Ausland geführt. Aber England hatte in historischer, kultureller und landschaftlicher Hinsicht viel zu bieten, und Nell war wahnsinnig stolz auf alles, wie jeder, der viele Jahre fern von seiner Heimat gelebt hat. Aber die Gegend hier, die Strecke von der englischen Grenze durch Nordwales, war ihr so unendlich vertraut, dass sie manchmal einen Kloß in der Kehle spürte, weil es sie so glücklich machte, endlich wieder zu Hause zu sein. Und jetzt waren sie tatsächlich auf Llyn, mit seinen Fischerdörfern, Schieferhäuschen und weiten Stränden.
«Na, man kann nicht meckern – das Wetter hat sich echt gebessert!», sagte Grant mit einem kurzen Blick zum Himmel, an dem immer mehr blaue Flecken auftauchten.
«Ja, hier auf der Halbinsel regnet es nicht halb so viel wie in Snowdonia», erklärte Nell stolz. Sie dachte daran, wie Grant vor Schreck geflucht hatte, als sie durch das Minenstädtchen Blaenau Ffestiniog fuhren. Dort waren sie von einem Hagelsturm begrüßt worden, mit Blitz und Donner, und der Himmel war mindestens so dunkel gewesen wie die Schieferberge rings um sie herum. Grant hatte sofort aufgehört zu schimpfen, als er die winzigen Häuschen am Fuß der riesigen Berge sah, und hatte den Wagen angehalten, weil er beobachtete, wie eine Frau verzweifelt versuchte, schnell noch ihre Wäsche in Sicherheit zu bringen. «Tolles Motiv! Das muss ich unbedingt fotografieren», hatte er angesichts der schneeweißen Laken vor dem dunklen Schieferberg gerufen. Aber da sich auf der schmalen Straße augenblicklich eine Schlange hinter ihnen bildete, hatte Nell ihn davon überzeugt, dass es vielleicht doch nicht der günstigste Zeitpunkt für künstlerische Experimente sein dürfte, und widerstrebend war er weitergefahren.
Grant holte sie aus ihren Erinnerungen. «Wie weit ist es von deinem Dorf bis zur Küste?», fragte er.
«Etwa sechs Kilometer in beide Richtungen. Die Halbinsel Llyn ist nur ungefähr zwölf Kilometer breit, und es gibt ganz phantastische Strände – also keine Bange!»
Grant grinste zufrieden. Er hatte immer an der Küste gewohnt, und das Wasser gehörte zu seinem Leben, es war so selbstverständlich wie Atmen und Essen. Nell wusste, dass er es nie lange ohne das Meer aushalten konnte.
«Gar nicht übel hier», murmelte er anerkennend, während sie durch die erstaunlich grüne Landschaft fuhren.
Nell nickte. «Ja, das hier ist eine der schönsten Gegenden von ganz Wales. Wobei ich natürlich total objektiv bin!», sagte sie grinsend. «In den Touristenbroschüren heißt es immer, Llyn sei ‹von berückender landschaftlicher Schönheit›!»
Riesige Buchen bildeten ein Dach über der Straße, durch das die Sonnenstrahlen gefiltert wurden. Grant bedauerte es nicht im Geringsten, dass sie den dunklen Schiefer und die erdrückend majestätischen Berge von Snowdonia hinter sich gelassen hatten. Er entspannte sich, da nun auch die Straße breiter wurde und zwei Wagen mühelos aneinander vorbeikommen konnten. Als sie aus dem Baumtunnel herausfuhren, schaute er sich neugierig um.
«Ist sie das da?», fragte Grant.
Nell blickte von der Landkarte auf, die sie gerade studierte. «Ja, gut aufgepasst!» Vor ihnen erhob sich die imposante Burgruine mit ihrem wuchtigen Turm. Nell wurde ganz wehmütig zumute.
Grant fuhr an den Straßenrand. «Willst du gleich raufgehen?», fragte er.
Nell saß eine ganze Weile schweigend da und blickte ergriffen den Berg hinauf, an dessen Fuß sich das Dorf und ein kleiner Wald befanden. Die Steine der Burgruine waren von der Witterung dunkel, fast schwarz, aber erstaunlich intakt für die acht Jahrhunderte, die sie schon auf dem Buckel hatten. Die letzten dreihundert Jahre hatte das Bauwerk leer gestanden und war verfallen, aber ein großer Teil der Außenwand war erhalten geblieben, und der Turm hatte nichts von seiner beherrschenden Würde verloren.
«Hallo, Erde an Nell, sollen wir gleich raufgehen?» Nell war so in Gedanken, dass sie nun fast erschrocken aufblickte. Nein, sie wollte die Vorfreude auf die Burg noch weiter auskosten. «Ich finde, wir fahren erst ins Dorf und suchen uns ein Zimmer. Morgen ist auch noch ein Tag.» Sie schaute auf die Uhr. «Und jetzt ist es sowieso schon zu spät für eine richtige Besichtigung – sie schließen bestimmt gleich.»
Nell dirigierte ihn zu einer Pension im Zentrum, durch das sich – am Dorfplatz vorbei – die so genannte Hauptstraße schlängelte, von der zu beiden Seiten kleinere Sträßchen abgingen. Nell konnte sich nicht satt sehen an den alten, verwinkelten Gebäuden, die sie noch so gut kannte, und sog begierig den Anblick einiger neuer oder renovierter Häuser auf. Was hatte sich verändert, was war gleich geblieben? Jedenfalls war sie beruhigt, dass einige der reetbedeckten Fachwerkhäuser noch standen. «Wartest du hier? Ich gehe kurz rein und frage, ob sie ein Zimmer für uns haben. Bin gleich wieder da.»
Tatsächlich kam sie wenig später strahlend die ausgetretenen Stufen des Bed and Breakfast heruntergehüpft. Noch bevor Grant aussteigen konnte, zerrte sie bereits das Gepäck aus dem Kofferraum.
«Ich habe das beste Zimmer bekommen, das mit der tollsten Aussicht», verkündete sie. «Das B & B gehört inzwischen anderen Leuten, aber ich habe ihnen erzählt, ich sei die verlorene Tochter, die nach endlosen Jahren im Exil in ihre Heimat zurückkehrt – da sind sie dahingeschmolzen. Garantiert hat auch mein erstklassiges Walisisch geholfen, selbst wenn es etwas eingerostet ist.»
Lachend zog sie mit zwei Koffern los, zurück in die Pension, die mit ihrem schieferbedeckten Spitzdach und den Häkelgardinen in den Fenstern urgemütlich wirkte. Grant folgte ihr mit einem resignierten Lächeln. Wenn Nell in dieser Stimmung war, war jeder Widerstand zwecklos. Aber das machte sie gleichzeitig umso anziehender.
Sie hatte Recht – das Zimmer war wunderschön. Wesentlich geräumiger als ihre sonstigen Quartiere und mit einem anständigen Bad, nicht dem üblichen kleinen Kabuff.
«Du musst dir unbedingt diese Aussicht ansehen!», rief sie vom großen Erkerfenster herüber.
Grant war beeindruckt: Man überblickte das ganze Dorf, mit all seinen Gassen und Winkeln.
«Ich finde diese Steinhäuschen unglaublich hübsch. Und dass sie keine Zäune um die Gärten haben, sondern kleine Steinmauern, das gefällt mir auch. Es wirkt irgendwie so –»
«Dörflich?», half Nell nach.
«Eigentlich wollte ich ‹einladend› sagen, aber dörflich ist auch nicht schlecht.» Er schlang die Arme um ihre Taille. «Stimmt es, dass der Dorfplatz mit der Wiese so eine Art Trennlinie war? Die größeren Gasthäuser und Pubs waren zunächst nur hier auf dieser Seite, und die Einheimischen wohnten auf der anderen.»
«Ja, und auf der Wiese trifft man sich!», erklärte Nell vergnügt. «Heute ist das alles etwas anders, aber früher wurde diese Trennung zwischen Wohnen und Vergnügen streng eingehalten.»
Grant trat ans andere Fenster, von dem man eine unverstellte Sicht auf die alte Burg auf der Anhöhe hatte. Dass das Meer keine sechs Kilometer entfernt war, merkte man nur an der frischen Brise, sehen konnte man es nicht.
«Von hier aus hat man das Gefühl, es gäbe nur dieses eine Haus und die Burg», sagte er.
«Ach, Grant – ich wette, dass es dir hier gefällt. Nachher gehen wir in den Pub. Ich bin gespannt, wie viele Leute ich noch kenne. Garantiert sind auch ein paar von meinen Verwandten da. Ich habe keinem verraten, dass wir kommen. Es soll ja eine Überraschung sein. Und sonst hätten sie sich garantiert verpflichtet gefühlt, uns bei sich aufzunehmen, und das wäre vielleicht ein wenig unpraktisch gewesen. Hier können wir kommen und gehen, wie wir wollen.» Sie war ganz atemlos vor Neugier und Ungeduld. So hatte Grant sie noch nie erlebt.
«Meinst du denn, sie erkennen dich? Du warst doch erst zehn, als du von hier weggegangen bist», sagte er.
«Ja, aber danach war ich doch wieder hier!» Sie überlegte einen Moment. «Das heißt – eigentlich nur einmal. Mit fünfzehn. Und das ist jetzt zehn Jahre her.»
Es war noch hell, als sie auf dem Weg zum Pub den Dorfplatz überquerten. Unvermittelt ließ Nell Grants Hand los und rannte einer alten, grauhaarigen Frau entgegen.
«Mrs. Little!», rief sie erfreut. «Wie geht es Ihnen? Kennen Sie mich noch? Ich bin Nell Griffiths, Margarets Tochter.»
Die Frau, die fast einen Kopf kleiner war als Nell und dabei mindestens so breit wie hoch, musterte sie zuerst fragend, doch dann leuchteten ihre blassblauen Augen auf, und ein strahlendes Lächeln erschien auf ihrem faltigen Gesicht. «Nell! Na, so was! Schau dich nur an – richtig groß bist du geworden! Und immer noch die schönen blonden Locken.»
Nell umarmte sie lachend. «Sie sehen aber auch gut aus, Mrs. Little. Und wie geht’s Mr. Little? Trägt er immer noch die schönen altmodischen Hosenträger? Ich glaube, ich habe ihn nie ohne sie gesehen.»
«Ja, das tut er, aber du weißt ja, wie’s ist im Alter, er kommt kaum noch aus dem Haus.» Sie hob ihre Tasche hoch. «Ich hab gerade bei Dai ein paar Flaschen Bier für ihn geholt. Nicht beim alten Dai, den gibt’s nicht mehr, sondern bei seinem Sohn. An den erinnerst du dich bestimmt noch, ihr seid doch zusammen in die Schule gegangen. Er hat den Pub übernommen, als die Arbeit für seinen Vater zu anstrengend wurde, und seit der alte Dai von uns gegangen ist, Gott hab ihn selig, führt er den Laden weiter.» Ihr Blick fiel auf Grant, der etwas ratlos dabeistand – er verstand kein Wort, weil sich die beiden Frauen auf Walisisch unterhielten.
«Aber, aber, Nellie, willst du mich nicht mit diesem attraktiven jungen Herrn hier bekannt machen, der so geduldig wartet?»
Nell lächelte verlegen. «Entschuldigen Sie, Mrs. Little. Darf ich Ihnen meinen wunderbaren Ehemann Grant vorstellen? Er kommt aus Neuseeland und spricht leider kein Wort Walisisch. Noch nicht.» Sie wandte sich Grant zu. «Mrs. Little hat mir auf die Welt geholfen – mir und fast allen hier im Dorf.»
Mrs. Little reichte ihm die Hand und sagte auf Englisch: «Nell war schon immer ein bisschen vorlaut. Ich freue mich, dass ich Sie kennen lerne. Ich glaube, Sie werden sich hier bei uns sehr wohl fühlen.» Und nach einem Moment des Zögerns fügte sie an Nell gerichtet hinzu: «Es tut mir so Leid wegen deiner Mam. Wie fühlst du dich?»
Nells Lächeln verschwand. Der Schmerz war noch zu frisch. «Vielen Dank, Mrs. Little. Es war ein schrecklicher Schock, aber ich komme schon einigermaßen klar.»
Die alte Frau tätschelte ihr die Wange. «Du bist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten! Sie war bestimmt sehr stolz auf dich.» Sie hielt ihre Tasche hoch. «Aber jetzt muss ich wirklich los – sonst schickt Mr. Little noch ’nen Suchtrupp los. Geht ihr in den Pub? Dein Onkel Gwilym ist schon dort. Weiß er überhaupt, dass ihr hier seid? Er hat gar nichts gesagt.»
«Nein, er hat keine Ahnung! Wir wollten euch alle überraschen, und außerdem haben wir nicht genau gewusst, wann wir nach Wales kommen, deshalb sind wir einfach hierher gefahren, in der Hoffnung, dass schon ein paar Leute aus der Familie da sind.»
«Ach, ich glaube, sie sind alle da – und wenn nicht, dann kommen sie spätestens dann, wenn sie hören, dass du hier bist», sagte Mrs. Little mit einem Schmunzeln. «Also, meine Liebe, dann mach dich mal auf den Weg. Wir sehen uns ja bestimmt in den nächsten Tagen. Das hoffe ich zumindest!»
«Unbedingt!» Nell drückte ihr einen Kuss auf die Wange. «Wir schauen bei Ihnen und Mr. Little vorbei und bringen ein paar Fotos von Mam mit.»
Ganz gerührt schaute Nell ihr nach. «So eine tolle Frau! Ihr Mann ist auch ein Phänomen. Die beiden müssen schon weit über achtzig sein. Mrs. Little ist eine echte Landhebamme, sie hat schon meine Mutter auf die Welt geholt, kannst du dir das vorstellen?» Sie nahm Grants Hand. «So, und jetzt wirst du den Rest der Sippschaft kennen lernen. Bist du bereit?»
Wie in Dorfpubs so üblich, drehten sich die Anwesenden nach den neuen Gästen um, schielten mehr oder weniger verstohlen zu ihnen hinüber, unterhielten sich dann aber ungestört weiter. Grant flüsterte Nell zu: «Die reden ja alle Walisisch!»
«Ja, klar», antwortete Nell leise. «Das ist hier die Muttersprache. Englisch lernen die meisten erst in der Schule.»
Während sie an der Theke die Getränke bestellte, schaute Grant sich um. Der Pub unterschied sich kaum von denen, die er in England gesehen hatte, zwei Räume, klein, gemütlich und verraucht, mit dunklem Deckengebälk, dicken Steinmauern und einem grün gemusterten Teppich. Es gab einen Kamin, in dem jetzt im Sommer allerdings kein Feuer brannte; die Tür stand offen, um die milde Abendluft hereinzulassen. Drei Generationen waren hier versammelt, Jung und Alt, bunt gemischt, jeder redete mit jedem – für Grant ein ganz ungewohnter Anblick.
Nell holte ihn aus seinen Betrachtungen. «Onkel Gwilym sitzt nebenan», sagte sie und deutete in den anderen Raum. «Komm, wir begrüßen ihn.»
In der Tür blieb sie stehen. «Da drüben.» Mit einer Kopfbewegung wies sie auf eine Gruppe von Männern, die am anderen Ende des Raums saßen. «Er dreht uns den Rücken zu – der in dem blauen Hemd und mit den dunklen Locken.»
Grant gab es zwar nur ungern zu, aber ein bisschen aufgeregt war er schon, Nells Verwandtschaft nun zum ersten Mal zu sehen. Und seine Nervosität ließ keineswegs nach, als er nun den massiven Mann vor sich sah, den Nell als ihren Onkel bezeichnete. Er trank schnell noch einen kräftigen Schluck Bier und folgte Nell. Die Männer blickten auf, als sie sich ihnen näherte.
«Hallo, Onkel Gwilym», sagte Nell leise.
Er drehte sich um und musterte sie fragend. Nach einigen Sekunden erkannte er sie, doch er starrte sie immer noch ungläubig an.
«Nell! Meine süße kleine Nell! Ich glaube es nicht», flüsterte er, während er langsam aufstand. «Du liebe Güte, hast du mich erschreckt! Du siehst haargenau aus wie deine Mutter, als sie noch jung war. Ich dachte im ersten Moment, vor mir steht ein Geist – so plötzlich, wie du aufgetaucht bist! Komm her und sag deinem Onkel guten Tag!»
Er drückte sie fest an sich. Nell konnte gerade noch ihr Weinglas in Sicherheit bringen.
«Onkel Gwilym, fast wäre der ganze Wein auf meinem Kleid gelandet. Ich würde ihn aber lieber trinken!», protestierte sie lachend.
«Ach, Mädchen, was für eine Überraschung, ich freu mich so, dass du hier bist.» Gwilym legte ihr den Arm um die Schulter und schaute Grant an. «Und du bist bestimmt Nells Mann, oder? Herzlich willkommen, mein Junge, herzlich willkommen.» Er nahm Grants Hand in seine Riesenpranke und schüttelte sie. «Setzt euch doch hin, ihr beiden.»
In Richtung Tresen rief er: «Dai – noch ’ne Runde, hier gibt’s was zu feiern. Die Tochter von unsrer Margaret ist endlich heimgekommen.»
Den nächsten Tag verbrachten sie mit Nells Familie. Alle versammelten sich in Onkel Gwilyms Haus. Grant stand ihr bei, während sie den entsetzlichen Autounfall, bei dem ihre Mutter und ihr Stiefvater ums Leben gekommen waren, noch einmal durchlebte. Aber er spürte, dass sie mit ihrer Familie ganz anders darüber reden konnte als mit ihm. Die Tränen flossen, doch gleich huschte wieder ein wehmütiges Schmunzeln über ihr Gesicht, weil Kindheitserinnerungen aufgefrischt wurden.
Wie gut, dass wir hierher gekommen sind, dachte Grant. Er entdeckte eine ganz neue Seite an Nell, sozusagen ihr walisisches Ich. Ihre Onkel, Tanten und die unzähligen Vettern und Cousinen waren sehr freundliche, warmherzige Menschen, sie hielten zusammen. Und genau diese Menschen brauchte Nell jetzt. Grant schämte sich fast bei dem Gedanken, dass er sich anfangs gegen die Reise gesperrt hatte, und es machte ihn traurig, dass er ihr nie dasselbe würde geben können wie ihre Familie.
«Wir sind ganz schön anstrengend, was, Grant?»
Er hatte gar nicht bemerkt, dass Nells Tante Margie zu ihm ans Fenster getreten war. Sie war eine lebhafte, kleine, mollige Frau. Man musste sie einfach mögen. Mit seinem bewährt charmanten Lächeln erwiderte er: «Ach nein, im Gegenteil. Ich hab gerade gedacht, wie schön es ist, Nell endlich wieder lachen zu sehen.»
«Das arme Kind. Es war sicher sehr schwer für sie», sagte Margie.
«Ich glaube, es war für die ganze Familie sehr schwer», sagte Grant leise.
«Das stimmt. Wir haben Margaret nicht mehr gesehen, seit sie damals von hier weggegangen ist. Fünfzehn Jahre! Wenn man sich das vorstellt! Natürlich, wir haben Kontakt gehalten, uns Briefe geschrieben und regelmäßig telefoniert, und ich bin fest davon überzeugt, dass sie in ihrem neuen Leben sehr glücklich war – obwohl Margaret natürlich nie zugegeben hätte, wenn’s anders gewesen wäre.» Sie wirkte plötzlich sehr verletzlich. «Es war schlimm für uns, dass wir so weit weg waren, als wir von dem Unfall erfahren haben. Wir haben uns so hilflos gefühlt, weil wir Nell bei den ganzen Dingen, die zu erledigen waren, nicht unter die Arme greifen konnten. Wir haben eine Messe für die Toten lesen lassen, aber das ist natürlich nicht das Gleiche, wie wenn man sich richtig verabschieden kann.» Verstohlen wischte sie sich eine Träne weg und tätschelte Grants Hand. «Danke, dass du sie zu uns nach Hause gebracht hast.»
«Das ist nicht mein Verdienst. Es war allein Nells Entscheidung. Sie wollte unbedingt hierher kommen, und dieser Wunsch war stärker als alle meine Einwände.»
Als er sah, wie sich das Gesicht von Gwilyms Frau verdüsterte, fügte er rasch hinzu: «Ich fand, sie sollte sich noch ein bisschen Zeit lassen, bevor sie wieder an die Wunden rührt. Aber jetzt weiß ich, dass ich mich geirrt habe. Der Heilungsprozess beginnt hier, bei den Menschen, die ihre Mutter so geliebt haben wie sie selbst. Sie muss ihren Schmerz mit anderen teilen, und das kann sie nur hier. Eigentlich muss ich mich bei euch bedanken, nicht umgekehrt.»
Margie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn auf die Wange zu küssen. «Du bist ein guter Junge – genau der richtige Mann für unsere Nell.»
«Na, hat sich Tante Margie in die Liste deiner Verehrerinnen eingereiht?», fragte Nell neugierig, als sie sich zu den beiden gesellte. Sie reichte Grant ein Glas Bier und sagte zu ihrer Tante: «Mit seiner Silberzunge verzaubert er sogar die Vögel auf den Bäumen.»
«Gutes Aussehen und Silberzunge – was für eine gefährliche Mischung!», erklärte Tante Margie mit ernster Miene, doch dann schaute sie Nell an, und die beiden prusteten los. Nach kurzem Zögern stimmte auch Grant in das Gelächter ein.
Sie gesellten sich nun wieder zu dem Rest der Familie, die sie mit endlosen Fragen nach ihrem Leben in Neuseeland bestürmte.
Nell erzählte ihnen, wie sie Grant an der Universität getroffen hatte. Sie berichtete von ihrem Job als Layouterin und Designerin bei einer angesehenen Werbeagentur und dass sie manchmal sogar die Möglichkeit hatte, mit Grant zusammenzuarbeiten, wenn ihre Firma einen Fotografen benötigte. Schon bald fachsimpelten Grant und Nells zahlreiche Onkel über Rugby und diskutierten, wie sie Wales oder die All Blacks trainieren würden, um die Mannschaften wieder in Form zu bringen. Nell konnte den Blick nicht von Grant wenden. Manchmal empfand sie eine Spur von Neid, weil er immer so locker und ausgeglichen wirkte und sich jeder in seiner Gegenwart wohl fühlte. Frauen wie Männer. Bei Frauen war das kein Wunder, fand sie, denn er sah toll aus – blonde glatte Haare, die ihm in die Stirn fielen, blaue Augen, die immer fröhlich zu sein schienen, und ein hinreißendes Lächeln. Obwohl sie ihm im vergangenen halben Jahr mit der Trauer um den Tod ihrer Mutter wenig Anlass zum Lächeln gegeben hatte. Aber sein gutes Aussehen war im Grunde gar nicht so wichtig – daran lag es nicht, dass er überall sofort akzeptiert wurde. Er bewegte sich ganz unverkrampft, nichts schien ihn aus der Ruhe zu bringen. Sieh ihn dir an, dachte sie, ich habe ihn aus seiner gewohnten Umgebung in Auckland herausgeholt und ihn in eine völlig fremde Welt geschleppt, wo die Leute nicht mal richtig Englisch reden, und schon scharen sich alle um ihn und hängen an seinen Lippen, lauter Leute, die er gerade erst kennen gelernt hat. Er ist mit sich selbst im Reinen. Ja, genau das ist es, das macht ihn aus, er ist ein Mensch, der mit sich selbst eins ist. Während ich ständig mit mir kämpfen muss und das Gefühl habe, als läge es nie in meiner Macht, was mit mir passiert. Nicht, als ich mit zehn Jahren von Wales nach England zog, weil meine Mutter mit ihrem neuen Partner zusammenleben wollte. Nicht, als ich dann nach Neuseeland ging, um zu studieren, obwohl es doch meine Entscheidung gewesen war. Und auch nicht, als meine Mutter und mein Stiefvater bei dem Autounfall starben.
«Na, Nellie – immer noch die kleine Träumerin?» Vor ihr stand ihr Cousin Gareth, mit dem sie als Kind immer gespielt hatte. «Dein Mann ist echt in Ordnung. Du hättest ihn ruhig schon früher mal nach Hause bringen sollen. Ich mag ihn.»
«Dann macht es dir also nichts aus, dass er dich verdrängt hat?», neckte sie ihn. Früher hatte Gareth nämlich immer verkündet, wenn er groß sei, werde er Nell heiraten, und damit war er in der Familie oft aufgezogen worden.
«Ach, ich glaube, mit Grant könnte ich es nicht aufnehmen. Ich hab viel zu viel Ähnlichkeit mit meinem Dad», meinte er grinsend. Und es stimmte, Gareth wirkte tatsächlich wie eine jüngere Ausgabe von Onkel Gwilym, der gleiche dunkle Lockenschopf, die pechschwarzen Augen und die korpulente Erscheinung. Aber er strahlte sehr viel Sicherheit und Ruhe aus, war erstaunlich sanft und einfühlsam, weshalb er auf Frauen extrem anziehend wirkte, das wusste Nell.
«Ich weiß gar nicht, was du meinst», murmelte Nell.
«Na, hör mal, Nellie – schau dich doch nur an! Der Inbegriff einer großen, schlanken Blondine – für meinen Geschmack vielleicht einen Tick zu schlank. Dazu die riesigen hellblauen Augen – klar suchst du dir einen aus, der so aussieht wie du.»
«Ach, lass den Quatsch», Nell stupste ihn lachend in den Bauch. «Fang du nicht auch noch an! Tante Margie hat die ganze Zeit nichts Besseres zu tun, als allen Leuten vorzuschwärmen, was für ein phantastisches Paar wir sind und was für wunderschöne Kinder wir haben werden! Aber jetzt mal Scherz beiseite – sag doch bitte auch den anderen, wie supernett ich es finde, dass ihr alle die ganze Zeit Englisch redet, damit Grant sich nicht ausgeschlossen fühlt.»
Gareths pechschwarze Augen funkelten übermütig. «Ehrlich gesagt, wir tun das nicht Grant zuliebe, sondern weil wir gedacht haben, du kannst kein Walisisch mehr.»
«Ach so ist das? Da musst du aber zugeben, dass ihr euch gewaltig geirrt habt.»
Er beugte sich zu ihr hinunter. «Ich finde gar nicht, dass wir uns so geirrt haben – du hast nämlich einen wahnsinnig komischen Akzent bekommen.»
Als Nell ihn gerade in den Arm kneifen wollte, ertönte eine dröhnende Bassstimme.
«Na, was steckt ihr zwei die Köpfe zusammen? Hier wird nicht geflüstert, und schon gar nicht auf Walisisch!» Onkel Gwilym zog drohend die buschigen Augenbrauen zusammen. «Wo bleibt der Anstand? Schließlich haben wir einen Gast, der nur Englisch spricht!» Er schaute Grant an und grinste verschmitzt. «Ich entschuldige mich in aller Form für meinen Sohn und meine Nichte, aber wenn die beiden zusammen sind, vergessen sie den Rest der Welt. Das war schon immer so.»
«Bitte, macht meinetwegen keine Umstände», entgegnete Grant. «Ich höre Walisisch ausgesprochen gern, und es ist gar nicht so schlecht, wenn es zur Abwechslung mal freundlich klingt und nicht so wütend wie sonst.»
Nell bemerkte den verständnislosen Blick ihres Onkels. «Ob du’s glaubst oder nicht, Onkel Gwilym – aber wenn ich sauer auf ihn bin, dann beschimpfe ich ihn immer auf Walisisch. Aber Gareth und ich sind doch gar nicht so schlimm, oder?»
«Na, ich weiß nicht!», mischte Tante Margie sich ein, die gerade eine riesige Platte mit Schnittchen auf den Tisch stellte. «Wie war das denn damals an Weihnachten, als ihr Onkel Gwilym betrunken gemacht habt, und das ausgerechnet in der Kirche?»
Gareth und Nell sahen sich verschwörerisch an.
«Es war die Kinderweihnachtsfeier», erklärte Gareth, «und der Pfarrer –»
«Father Thomas», warf Nell ein.
«Ja, genau, Father Thomas. Also, der Pfarrer war noch ziemlich jung und dachte, er müsste den Eltern, die ihm bei der Feier helfen, was zu trinken spendieren.» Gareth nahm sich eine Schnitte mit Corned Beef und fuhr noch mit vollem Mund fort: «Aber weil er selbst nie was getrunken hat, wusste er nicht, was er anbieten sollte, und entschied sich für Cola mit Rum. Allerdings schenkte er fast nur Rum ein, und wir haben Dad immer wieder ein volles Glas gebracht, sobald er ausgetrunken hatte.»
«Ja, und am Ende der Feier konnte Onkel Gwilym nicht mehr aufrecht stehen, weil er so kräftig gebechert hat!» Vor lauter Lachen brachte Nell kaum noch ein Wort heraus.
Grant schaute von Gareth zu Nell. Die beiden waren ein eingespieltes Team, das spürte er, und zum ersten Mal empfand er eine Art Eifersucht. «Und was ist dann passiert?»
«Na ja, Gwilym war nicht mal mehr imstande, die Autotür aufzuschließen», erzählte Tante Margie. «Deshalb hat Father Thomas nach mir geschickt, um mir auszurichten, ich solle kommen und alle abholen.»
«Du hättest Tante Margies Gesicht sehen sollen. Unvergesslich!», rief Nell mit leuchtenden Augen. «Onkel Gwilym lehnte an der Hauswand und schaute ganz verlegen. Sie hat ihm einfach die Schlüssel abgenommen, dann hat sie Gareth und mich gepackt und uns ins Auto bugsiert. Father Thomas war fassungslos. ‹Aber Mrs. Griffiths!›, hat er gerufen. ‹Was ist mit Ihrem Mann?›» Nell sah ihre Tante liebevoll an. In dem Moment spürte sie so richtig, wie sehr sie ihre Familie vermisst hatte. «Und Tante Margie hat hoch erhobenen Hauptes erwidert: ‹Er ist nicht mehr mein Mann›, ist eingestiegen und hat den Motor angelassen. Jetzt wusste Father Thomas sich gar nicht mehr zu helfen, er klopfte ganz aufgeregt ans Fahrerfenster und zeterte: ‹Mrs. Griffiths, Sie haben doch gar keinen Führerschein!› Aber Tante Margie hat ganz lässig geantwortet: ‹Kein Problem, fahren lerne ich unterwegs›, und ist mit uns die Straße runtergehoppelt.»
«Ja, und Dad kam hinter uns hergetorkelt!», ergänzte Gareth.
Nell konnte nur noch amüsiert den Kopf schütteln. Tante Margie streichelte Onkel Gwilyms Hand, der so stolz war, als hätten sie gerade eine seiner großen Heldentaten zum Besten gegeben. In diesem Moment kam es Nell zum ersten Mal so vor, als wäre ihre Mam bei ihnen.
In der Pension kuschelten sich Nell und Grant aufs Sofa, um noch eine Weile fernzusehen.
«Ich hab mich blendend unterhalten heute», sagte Grant und spielte mit Nells kurzen Locken, die er nach all den Jahren immer noch genauso attraktiv fand wie am Anfang. «Deine Familie ist echt nett. Ich habe den Eindruck, sie mögen dich alle sehr.»
«Ja. Das habe ich auch gespürt. Und mir ist klar geworden, wie sehr ich sie alle liebe. Es ist ein Gefühl, als wäre ich nur ein paar Wochen weg gewesen.»
«Du und Gareth, ihr versteht euch gut, stimmt’s?»
«Ja, schon immer.» Dann erst fiel ihr der merkwürdige Unterton in Grants Stimme auf. Sie musterte ihn. «Du bist doch nicht etwa eifersüchtig, oder?»
«Nein, natürlich nicht, er ist doch dein Cousin.»
Aber Nell konnte ihm ansehen, dass er selbst nicht ganz glaubte, was er sagte.
«Ach, Grant – wir sind zusammen aufgewachsen. Man hat uns sogar immer zusammen in die Badewanne gesteckt! Gareth ist für mich wie ein Bruder, und ich liebe ihn wie einen Bruder. Bei dir ist das was anderes.» Sie boxte ihn spielerisch auf die Brust, bevor sie ihm einen langen, zärtlichen Kuss gab. «Komm ins Bett», flüsterte sie. «Dann zeige ich dir, wie anders das mit dir ist.»
Am nächsten Tag erkundeten Nell und Grant die alte Burgruine. Sie wanderten auf einem ausgetretenen Pfad den Hügel hinauf; rechts und links war der Weg gesäumt von Ginsterbüschen, die im Frühsommer leuchtend gelb blühten. Grant liebte mittelalterliche Bauwerke und wollte alles von Nell erfahren. Nach dem steilen Aufstieg blieben sie etwas außer Atem im Eingang stehen.
«Ich wusste gar nicht, dass es damals schon Zement gab», meinte Grant mit einem belustigten Blick auf den Weg, der durch den Burggraben führte.
«Du Idiot!», schimpfte ihn Nell liebevoll. «Du weißt doch so gut wie ich, dass hier eine hölzerne Zugbrücke gewesen sein muss, mit der man sich unliebsame Besucher vom Hals halten konnte. Und der Graben war damals bestimmt viel tiefer und mit Wasser gefüllt.»
Durch die Reste der Schutzmauer betraten sie das, was früher der Innenhof gewesen sein musste, und Nell erklärte ihm, wie das Areal aufgeteilt gewesen war und wie man die einzelnen Teile genutzt hatte. Sie standen vor den Mauerresten, die eine rechteckige Form bildeten. Hier war die so genannte große Halle. Sie bestand aus zwei Stockwerken. Die Holzböden und das Dach waren natürlich längst vermodert. «Oben befanden sich die Räume, in denen man lebte und feierte, und darunter die Vorratsräume, die Küche und die Speisekammer», sagte sie.
«Ich bin beeindruckt! Du kennst dich echt gut aus», sagte Grant.
«Ja, klar – ich bin ja als Kind immer hierher gekommen, nicht nur mit der Schule, sondern ganz oft auch allein», erzählte sie, während sie, der Halle den Rücken zugewandt, den Burghof überquerten. «Ich habe gespielt, ich wäre eine Prinzessin, und habe mir lauter Freunde ausgedacht, mit denen ich hier leben würde.» Sie lachte übermütig. «Du weißt ja, es war kein Königsschloss, die Burg gehörte irgendwelchen Adligen. Sie befand sich viele Jahrhunderte im Besitz derselben Familie. Viele walisische Burgen sind erst nach der Normanneneroberung im 11. Jahrhundert gebaut worden. Sie durften nicht zu sehr nach Abwehr aussehen, um den Eroberern nicht das Gefühl zu geben, dass sie provoziert werden. Aber allein die schwierig zugängliche Lage auf Hügeln hat sie geschützt. Oft waren es walisische Prinzen, die untereinander Erbstreitigkeiten hatten und sich eine Burg bauten, um ihren Anspruch deutlich zu machen und beliebte Handelswege zu kontrollieren. Unser Geschichtslehrer hat Nachforschungen angestellt und sogar ein kleines Buch über diese Burg und die Geschichte des Dorfes veröffentlicht. Wenn du Lust hast, kannst du’s dir ja aus der Bibliothek ausleihen.»
Grant konnte den Blick nicht von dem mächtigen Turm lösen, auf den sie jetzt zusteuerten. Er stand gegenüber der großen Halle. «Ach, du weißt doch, wie ungern ich lese … erzähl mir einfach die besten Geschichten.»
«Also gut. Ein Mitglied dieser Adelsfamilie war angeblich Pirat und hat den ganzen Reichtum hierher geschleppt. Und weil die Familie nun so wohlhabend war, besaß sie auch viel Macht. Ich glaube, das ging mindestens zweihundert Jahre so. Ab Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts gibt es eigentlich keine Informationen mehr – man weiß nicht, ob die Familie ausgestorben ist oder ob sie nur ihr Vermögen verloren hat. Eine Theorie besagt, dass Mitglieder des Clans in den letzten walisischen Aufstand verwickelt waren und dadurch all ihren Besitz verloren haben. Der Aufstand war Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts. Fürst Owain Glyn Dwr hat gegen Heinrich den Vierten revoltiert. Bei Shakespeare heißt der Fürst übrigens Glendower, wie findest du das? Und es könnte ja sein, dass die Nachfahren des Clans noch im Dorf wohnen und keine Ahnung von ihrer vornehmen Abstammung haben.»
Grant nahm ihre Hand, um den Redefluss zu stoppen. «Komm – ich würde mir gern anschauen, was der alte Pirat von seinem Turm aus gesehen hat. Eigentlich irre, dass er nach all dieser Zeit noch so gut erhalten ist. Ich dachte immer, Türme sind rund, aber der hier ist genauso rechteckig wie die Halle.»
«Genau, und wie die Halle auf der gegenüberliegenden Seite ist er direkt an die Mauer angebaut. Die hintere Längsseite und die kürzere rechte Seite sind quasi der Schutzwall.»
Nell war außer Puste, als sie nach dem Aufstieg über die steinernen Turmstufen oben ankam. An die Brustwehr gelehnt schaute sie hinaus ins weite Land. Die Schönheit dieses Ausblicks verschlug ihr jedes Mal den Atem – das grüne Tal, die sanften Berge und Hügel, die sich schützend dahinter erhoben, und rechts und links konnte sie das Meer ahnen, schließlich war das hier nur eine Landzunge … Unwillkürlich hielt sie die Luft an, um nicht von Gefühlen überwältigt zu werden. Es war fast so, als gehörte ihre Seele nicht ihr, sondern dieser Landschaft.
«Mann, ist das anstrengend!», keuchte Grant, als er hinter ihr auftauchte. «Aber ich muss sagen – es lohnt sich.» Er trat hinter Nell und stützte die Hände rechts und links von ihr auf. «Kannst du mir erklären, was man hier sieht?»
«Klar! Schau dir die Seen in der Ferne an. Llyn ist nämlich das walisische Wort für ‹See›. Und da unten ist das Dorf. Du erkennst sicher den Pub auf der anderen Seite vom Dorfplatz, oder? Onkel Gwilym und Tante Margie wohnen in dem kleinen Klinkerhaus da drüben – in dem mit dem neuen roten Dach.»
«Ich finde, die Steine hier oben sind ganz ähnlich wie die, aus denen die Häuser im Dorf gebaut sind», unterbrach Grant sie und strich über die Zinnen.
«Wahrscheinlich ist es der gleiche Stein», antwortete Nell. «Als die Burg im siebzehnten Jahrhundert verlassen wurde, sahen die Dorfbewohner keinen Grund, das Baumaterial verfallen zu lassen. Wenn sie ein neues Haus brauchten oder einen Anbau, dann sind sie einfach hierher gekommen und haben sich geholt, was sie brauchten.»
«Wirklich?», sagte Grant mit dem Staunen eines Menschen, der aus einem Land stammt, in dem vieles kaum etwas älter als hundert Jahre ist.
Nell deutete nach rechts. «Und siehst du den Fluss auf unserer Seite vom Dorfplatz? Wenn du ihm nach links folgst, kommst du in ein Waldgebiet. Dort entspringt er, am so genannten Rhaeadr-Ddu. Das heißt so viel wie Schwarzer Wasserfall. Frag mich nicht, warum. Da ist nämlich überhaupt kein Wasserfall, der Fluss sprudelt einfach nur aus dem Boden. Und wenn du geradeaus schaust, kannst du ganz hinten auf dem ‹Festland› die Berge von Snowdonia erkennen. Wir haben Glück, heute ist die Luft sehr klar, normalerweise hat man nämlich keine so gute Fernsicht.»
Sie drehte sich um und schlang zärtlich die Arme um seinen Hals. «Ich bin so froh, dass du mit mir hierher gekommen bist und das alles siehst. Jetzt weißt du, wo ich herkomme.»
Er strich sich die blonden Haare aus der hohen Stirn, die seinem Gesicht etwas Entschlossenes gab, ohne ihn kaltherzig wirken zu lassen. «Ja, das ist mir auch sehr wichtig. Und ich finde es wirklich atemberaubend schön hier oben!»
Eine Weile schaute er über ihren Kopf hinweg und nahm die Landschaft in sich auf, dann küsste er Nell auf die Nasenspitze.
«Komm, Schatz, lass uns was essen gehen. Ich habe einen Bärenhunger von der sportlichen Betätigung und der ganzen Heimatkunde.»
Er machte sich an den Abstieg, während Nell noch eine Weile auf die Ruine der «großen Halle» hinunterschaute, wo sie als Kind so oft gespielt hatte. Jeder einzelne Stein war ihr vertraut. Und wie viele spannende Geschichten hatte sie sich damals ausgedacht! Sie liebte diese Burg, diesen Turm, und wenn sie in Neuseeland an ihre Heimat zurückdachte, erschien vor ihrem inneren Auge immer dieses alte Gemäuer. Mein Zuhause! Wie habe ich es vermisst. Plötzlich hörte sie unten Geräusche. Was war das? Sie stieg die Treppe hinunter und schaute zwischendurch immer wieder in den Burghof hinab. Als sie unten ankam, versperrte ihr die Schutzmauer zunächst die Sicht. Von der anderen Seite hörte sie Stimmen und Hufgeklapper. Eine Männerstimme kommandierte: «Owain, mach alles zum Abmarsch bereit. Ich bin gleich da.»
Als Nell um die Mauer herumging, zuckte sie zusammen. Der Mann, den sie gehört hatte, kam auf sie zu. Eine große, imposante Gestalt mit dunklem Haar – doch am verblüffendsten war seine Kleidung. Mit seinem sandfarbenen Leinenumhang, der rostbraunen Tunika und den hohen Lederschnürschuhen, in die er die Hosenbeine gestopft hatte, sah er aus wie ein Ritter aus dem Mittelalter, samt Schwert an der Seite. Vermutlich wurde hier für irgendeine Aufführung geprobt. Aber davon hatten die anderen gestern gar nichts erzählt! Sie würde den Ritter einfach fragen, was es mit seinem Kostüm auf sich hatte. Aber die Worte blieben ihr im Hals stecken, als sie seinen Blick bemerkte – er schien durch sie hindurchzuschauen. Seine grauen Augen, wie das Meer an einem bewölkten Tag und genauso unergründlich. Sein fast magischer Blick war auf sie gerichtet, doch er nahm sie nicht wahr – als wäre sie unsichtbar. Er steuerte direkt auf sie zu. Nell trat schnell zur Seite, aus Angst, er würde sie anrempeln. Am liebsten hätte sie laut losgezetert, aber sie traute sich nicht so recht. Sobald der geheimnisvolle Mann hinter dem Eingang zum Turm verschwunden war, ging ihr Temperament doch mit ihr durch, Aufführung hin oder her. «So eine Unverschämtheit!», schimpfte sie, und obwohl ihr das alles nicht ganz geheuer war, folgte sie dem Mann, um ihm die Meinung zu sagen. Doch da kam der zweite Schock – er war wie vom Erdboden verschluckt! Nirgends eine Spur. Er konnte unmöglich den Turm verlassen haben, ohne an ihr vorbeizugehen, die massive Eisentür hier war der einzige Zugang.
Plötzlich überlief sie ein kalter Schauder. Hatte sie wirklich gesehen, wie der Mann durch eine Tür ging und dazu noch eine undurchdringliche Eisentür? Sie drehte sich um. Da war nur der leere Torbogen in der brüchigen Mauer. Aber sie hätte schwören können, dass sie eine Tür gesehen hatte! Doch das war unmöglich. Sie rannte zurück in die Mitte des Innenhofs. Wo steckte der Mann nur? Wo waren die Pferde? Außer ein paar Touristen war kein Mensch zu sehen.
«Nell! Nell! Was hast du?» Das war Grants Stimme hinter ihr. Er fasste sie an den Schultern, drehte sie zu sich um und musterte sie besorgt. «Was ist passiert? Du bist gerannt, als wäre dir der Teufel auf den Fersen. Und jetzt bist du leichenblass.»
Sie schaute ihn mit großen Augen an. «Wo sind sie?», fragte sie außer Atem.
«Wer?»
«Die Leute in den alten Kostümen. Hast du sie nicht gesehen?»
«Ich habe keine Ahnung, wovon du redest, Nell», erwiderte Grant sanft. «Ich dachte, du kämst direkt hinter mir her, aber dann warst du auf einmal verschwunden, also bin ich zurückgegangen, um dich zu suchen. Und plötzlich bist du an mir vorbeigesaust. Was ist denn los?»
«Nichts. Ehrlich – gar nichts», antwortete sie gespielt munter. «Ich dachte, hier würde irgendwas geprobt, und du weißt ja, wie sehr ich Theateraufführungen liebe. Ich wollte nichts verpassen.» Sie versuchte, Begeisterung in ihre Stimme zu legen. «Offenbar war der Wunsch der Vater des Gedankens. Komm, wir gehen jetzt etwas essen.» Schon drehte sie sich auf dem Absatz um und strebte dem Ausgang zu.
Nell wusste, dass Grant ihr nicht ganz glaubte. Er spürte immer genau, wenn sie etwas beunruhigte, aber er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie nicht darüber reden wollte, zumindest noch nicht.
Als sie das Dorf erreichten, warf Nell heimlich, sodass es Grant nicht sah, einen nervösen Blick zurück, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken – alles sah aus wie immer. Sie schüttelte sich unwillkürlich. «Beeil dich, es wird kühl», rief Grant von vorne. Sie rannte zu ihm und hakte sich bei ihm unter, in der Hoffnung, dass er die Bilder in ihrem Kopf vertreiben könnte.
Später am Abend trafen sich Nell und Grant mit ihren Verwandten auf einen Drink im Pub. Mit einem der Bauern aus der Gegend, einem stämmigen, rothaarigen Mann namens George, vereinbarten sie, dass sie am nächsten Tag ausreiten würden. Alle wollten natürlich wissen, wie sie den Tag verbracht hatten.
«Na, junger Mann», sagte George zu Grant, «heute haben Sie also unsere Geschichte studiert? Sie waren oben auf der Burg?»
Grant nickte.
«Die hat mal ’nem Piraten gehört, wussten Sie das?» Georges sonnengerötetes Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen.
«Ja, Nell hat es mir erzählt.»
«Hab ich mir gedacht! Und hat dich Nellie auch mit seiner Familie bekannt gemacht?», meldete sich Gareth zu Wort. «Sie ist früher oft stundenlang verschwunden, und wenn sie zurückgekommen ist, hat sie von lauter adligen Herren und Damen berichtet.»
Gareth wollte noch weiter ausholen, merkte aber an Nells Gesicht, dass er lieber das Thema wechseln sollte. Er spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Und da er sich trotz der langen Trennung immer noch sehr eng mit Nell verbunden fühlte, ließ er sich nicht so schnell abwimmeln.
Als Nell auf die Toilette ging, ergriff er die Gelegenheit beim Schopf. Er erbot sich, die nächste Runde zu bestellen, und wartete am Tresen in der Nähe der Toilettentüren. «Hilfst du mir mit den Getränken, Nell?», fragte er, als sie herauskam.
Sie nickte und stellte sich neben ihn. Der Wirt schaute zu ihnen herüber. «Bin gleich da», rief er.
«Kein Problem, Dai, wir haben’s nicht eilig», antwortete Gareth mit einem kurzen Blick auf Nell.
«Also – sagst du mir jetzt, was los ist?», fragte er leise. Er redete Walisisch, aber Nell antwortete ihm auf Englisch. Sie wollte nicht in die Intimität ihrer gemeinsamen Kinderjahre zurückfallen.
«Wie meinst du das – was soll los sein?»
«Du weißt ganz genau, was ich meine, Nellie Griffiths.» Sein Blick ließ sie nicht los. «Du redest mit mir. Vergiss nicht – während alle anderen sich früher über deine Geschichten lustig gemacht haben, habe ich immer geglaubt, dass etwas Wahres an ihnen ist.» Er zupfte sie an den Haaren. «Meine Cousine, die kleine Hexe.» Und mit einem zärtlichen Blick fügte er hinzu: «So, und jetzt spuck’s aus.»
Nell zögerte einen Augenblick, doch dann antwortete sie ihm, nun in der Sprache ihrer Kindheit: «Du hast Recht, da war was. Ich hab was gesehen – aber ich bin mir nicht sicher, was ich gesehen habe.»
Gareth verschränkte die Arme vor der Brust. Nell warf einen prüfenden Blick zu Grant hinüber, und als sie feststellte, dass er in ein Gespräch mit Onkel Gwilym vertieft war, redete sie zögernd weiter.
«Okay, okay – ich hab einen Mann gesehen, aber nur ganz kurz. Höchstens eine Minute, nicht länger. Grant habe ich lieber nichts davon erzählt. Seit ich vor fünfzehn Jahren von hier weggegangen bin, ist mir so was nie mehr passiert. Ich habe gedacht, ich bin aus alldem herausgewachsen und das war immer nur meine lebhafte Phantasie. Aber jetzt fängt es wieder an! Dabei hatte ich mich gerade daran gewöhnt, dass ich normal bin.»
«Weißt du, was, Nell? Ich glaube nicht, dass du auf der Welt bist, um normal zu sein», sagte er.
Diese Szene, dieser Satz kamen Nell bekannt vor, wie eine verschwommene Erinnerung. Plötzlich erfüllte sie eine tiefe Ruhe. Sie empfand den glühenden Wunsch, ihren Cousin zu umarmen, der so weise war und oft genug für sie die Welt wieder zurechtrückte. Doch genau in dem Moment entdeckte sie seine Verlobte Ceri, die mit strengem Blick auf die Theke zusteuerte. Nell winkte ihr zu, und Gareth drehte sich um. Der Zauberbann war gebrochen.
«Hallo, mein Schatz!», rief Gareth. «Was darf ich dir bestellen?»
«Das Übliche», erwiderte Ceri. «Soll ich die hier schon mal mitnehmen?»
Sie nahm zwei der Gläser, die Dai hingestellt hatte, und machte sich auf den Weg zu den anderen. Zögerlich folgten Gareth und Nell ihr.
Grant war schon eingeschlafen, als Nell sich vorsichtig aus seiner Umarmung löste und aufstand. Sie holte sich ein Glas Wasser und schaute auf ihren Mann hinunter. Seine langen hellen Wimpern warfen Schatten auf die hohen Wangen. Sein Gesicht war so sorglos und wirkte fast kindlich in seiner schlafenden Unschuld. Sie trat ans Fenster. Es war eine klare Sommernacht, der Himmel mit Sternen übersät. Wie seltsam ihr das alles vorkam. Die Sterne schienen so lebendig, so hell, so nah, dass man das Gefühl hatte, man müsste nur die Hand ausstrecken, um sie zu berühren. Kaum zu glauben, dass sie Lichtjahre entfernt waren … Nell öffnete das Fenster weit und atmete die kühle Nachtluft ein. Sie blickte auf die blinkenden Lichter des Dorfes, auf die dunkle Silhouette der Berge. Wieder überkam sie dieses tiefe Gefühl, hierher zu gehören, in diese Landschaft, wie schon bei dem Besuch auf der Burg. Ihr wurde beklommen ums Herz, als sie zu der alten Ruine hinaufschaute, zu den jahrhundertealten, massiven Mauern, hinter denen sich aus dem Innenhof der Turm erhob. Der Vollmond tauchte ihn in sein fahles Licht, er sah aus wie ein Traumbild. Warum fühlte sie sich so zu dieser Burg hingezogen? Ach, wie oft schon hatte sie sich diese Frage gestellt!
Der Ruf eines Käuzchens holte sie aus ihren Gedanken. Sie schaute dem Vogel nach, bis er im Dunkel der Bäume verschwunden war. Versonnen lächelnd schloss sie das Fenster und schlüpfte wieder unter die Bettdecke.
Am nächsten Morgen holten sich Grant und Nell bei George zwei Pferde. George führte sie in Gummistiefeln über den kleinen Hof zu den Ställen. Er hatte zwei aufgeweckte Stuten gesattelt, die die Neuankömmlinge interessiert beäugten.
«Na, dann mal viel Glück, und passt auf – Frannie hält sich immer an Olga, die manchmal etwas bockig sein kann, aber das solltet ihr schon schaffen!», sagte er und half Nell aufs Pferd. Für Grant war Frannie vorgesehen, und ganz ohne Hilfe saß auch er erstaunlich schnell im Sattel und sprach beruhigend auf die Stute ein.
Sie ritten einen Spazierweg entlang, den graue Bruchsteinmauern von den grünen Weiden zu beiden Seiten trennten. Dort grasten Schafe, die ihnen nur gelegentlich mild interessiert zuschauten. Ihr Ziel war der Wald, den sie gestern von der Burg aus gesehen hatten. Unterwegs erzählte Nell ihrem Mann ein bisschen Dorftratsch aus ihrer Kindheit und wie sie mit Gareth im Wald Baumhäuser gebaut hatte, von denen die Erwachsenen nichts wussten und die ihnen als Geheimversteck dienten.
Grant grinste. «Durch dich wird das alles hier richtig lebendig!», sagte er und sah seine Frau liebevoll von der Seite an. Sie blühte richtig auf!
Im Wald wurde der Pfad sehr schmal, und sie mussten hintereinander reiten, Nell voraus. Olga trottete unverdrossen dahin, aber Nell hatte das Gefühl, als wäre die Temperatur urplötzlich um ein paar Grad gefallen, obwohl der Himmel über ihnen immer noch strahlend blau und wolkenlos leuchtete. Kam es ihr nur so vor, oder wurde das Unterholz tatsächlich immer dichter, drangen die Bäume von allen Seiten auf sie ein? Auf einmal fühlte sie sich unsicher. Abrupt blieb Olga stehen und wollte auch nicht weitergehen, als Nell sie mit gutem Zureden und leichtem Schenkeldruck auf den Flanken dazu ermuntern wollte.
«Ich glaube, wir sind irgendwo falsch abgebogen, Grant. Ich kann mich nicht erinnern, dass der Wald hier so unwegsam ist.»
Sie erwartete irgendeine witzige Bemerkung von ihrem Mann, und als er nicht antwortete, drehte sie sich zu ihm um. In dem Moment passierte es – ihr Pferd stieg plötzlich, wie in Panik. Sie versuchte gegenzusteuern, sich irgendwie festzuhalten, aber sie stürzte zu Boden. Es fühlte sich an wie in Zeitlupe, aber schon lag sie schwer atmend auf dem Rücken und blickte verwirrt von dem weichen Waldboden, der den Aufprall abgefedert haben musste, durch das Laub der umstehenden Bäume in den Himmel. Konnte sie sich bewegen? Oder sollte sie lieber still liegen bleiben, für den Fall, dass sie sich doch verletzt hatte? Die Welt war weit, weit weg, die Zeit war stehen geblieben. Nell hörte, wie jemand mit ihr redete, aber die Stimme kam aus der Ferne. Eine Hand streckte sich ihr entgegen, doch als sie schon danach greifen wollte, hielt sie jäh inne. Was hatte die Stimme gesagt? Sie konnte sich nicht erinnern. Doch nach und nach wurde sie wieder klarer, und sie konnte verstehen, was gesprochen wurde.
«Mein Gott, Elen! Bist du verletzt?»
Sie kannte diese Stimme nicht. «Grant?», flüsterte sie unhörbar. Dann blickte sie nach rechts – und erstarrte. Es war der Mann von der Burg. Diese grauen, tief liegenden Augen mit den kraftvoll geschwungenen Augenbrauen, die große, markante Nase, der Schnurrbart und die Lippen, die voll und energisch zugleich waren. Der Mann hielt jetzt ihre Hand und musterte sie besorgt. Blitzschnell zog sie ihre Hand weg, als hätte sie etwas Heißes angefasst, und als sie sich nach Grant umschaute, steigerte sich ihr Entsetzen. Der Mann war nicht allein, sondern befand sich in Begleitung mehrerer Männer, die alle so ähnlich gekleidet waren wie er und sich mühten, ihr scheuendes Pferd irgendwie zu beruhigen.
«Was ist nur mit diesen Pferden los?», murmelte er irritiert und wandte sich dann wieder Nell zu. «Elen, bist du verletzt? Kannst du aufstehen?»
«Wer sind Sie?», fragte sie scharf, in der Hoffnung, so ihre wachsende Panik kaschieren zu können. «Was tun Sie hier – und wo ist mein Mann?»
Schon ihre erste Frage hatte den Mann verblüfft, doch jetzt starrte er sie nur noch fassungslos an. Ein zweiter Mann war zu ihm getreten und erwiderte streng: «Nun, Lady, er will Euch doch nur aufhelfen.» Er legte dem anderen die Hand auf die Schulter und fragte mit gedämpfter Stimme: «Was ist geschehen, Rhys?»
Der so angesprochene Mann schüttelte konsterniert den Kopf. «Sie ist gestürzt, vielleicht hat sie sich am Kopf verletzt und ist deshalb verwirrt.» Seine Stimme klang nun besorgt. «Aber das darf jetzt keine Rolle spielen, Owain. Wir müssen dringend weiter, es wird bald dunkel.»
Eine Frau mit einem spitzen Wimpel auf dem Kopf ließ sich von ihrem Pferd helfen und kam herbeigeeilt. Sie trug einen wollenen, am Hals von einer Metallbrosche zusammengehaltenen Umhang, unter dem ein langes Gewand hervorlugte. «Verschwinden Sie – verschwindet alle miteinander!», schrie Nell und funkelte sie böse an.
Die Frau blieb abrupt stehen. «Bitte, Mylady!» Sie warf Rhys einen vorwurfsvollen Blick zu, als wäre er für den Zustand ihrer Herrin verantwortlich.
«Jetzt habe ich aber genug!», schimpfte dieser, packte Nell an den Armen und zog sie hoch. «Schluss mit dem Unsinn, Elen, wir haben keine Zeit für solche Spielchen.» Und nur für sie gemeint fügte er hinzu: «Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du dich etwas angemessener verhalten würdest.»
Seine grauen Augen waren so kalt, dass Nell wegschauen musste. Sein untersetzter Begleiter Owain legte ihm besänftigend die Hand auf den Arm. «Nicht so grob, Rhys. Sieh dir deine Frau doch nur an!»
Nell war aschfahl, Schweißtropfen schimmerten auf ihrer Oberlippe, ihr Atem ging stoßweise, und da sie nicht allein stehen konnte, musste sie sich an Rhys’ Arm festklammern. Dessen Wut schien im Nu verflogen zu sein. Mitleidig schaute er sie an und bewegte sich nun so vorsichtig, als hätte er es mit einem wilden Tier zu tun.
Nell blickte nach unten und starrte ungläubig auf das, was sie sah: Sie trug ein dunkelrotes Samtkleid. «Was ist geschehen?», flüsterte sie und schluckte heftig, um nicht laut aufzuschluchzen. Sie wollte sich versichern, dass sie nicht träumte, und strich zaghaft über den Stoff. Nein, sie träumte nicht – es war ein Kleid, das sie nie zuvor in ihrem Leben gesehen oder getragen hatte.
«Komm schon, Kleines», sagte Rhys fast liebevoll. «Ich tu dir nichts. Wir müssen dich nach Hause bringen. Dort können wir uns angemessen um dich kümmern.»
Zögerlich legte er ihr den Arm um die Schulter, als schien er zu erwarten, dass sie sich ihm wieder entziehen würde, doch sie rührte sich nicht. Sie zitterte am ganzen Körper. Das musste an dem Schreck liegen, der jetzt ein wenig nachließ. Behutsam führte er sie dorthin, wo sich seine Männer mit ihren Pferden versammelt hatten. An seinen rothaarigen Begleiter gewandt, erklärte er: «Sie kann nicht allein reiten, Owain. Ich nehme sie zu mir aufs Pferd.»
Mühelos hob er sie mit seinen starken Armen in den Sattel und saß hinter ihr auf. Alle anderen waren schon bereit. Owain nahm das reiterlose Pferd am Zügel und führte den Zug durch den Wald an.
Nell klammerte sich so fest an den Sattelknopf, dass die Ringe an ihren Fingern schmerzhafte Abdrücke hinterließen. Betroffen starrte sie auf den eigenartigen, mit leuchtenden Edelsteinen besetzten Goldring hinab, der die Stelle ihres normalen Eherings eingenommen hatte. Was hatte das alles zu bedeuten? Unter ihrem Kinn scheuerte etwas, und als sie die Hand hob, um sich zu kratzen, ertastete sie eine Schleife. Zwei Bänder waren miteinander verknotet worden, die auf beiden Seiten des Gesichts hoch zu ihren Haaren führten. Sie fasste sich an den Kopf und fühlte etwas Hartes, Rundes, das sich nach oben hin verjüngte. Das musste ein ähnlicher Wimpel sein, wie ihn auch die andere Frau trug. Wieder blickte sie an sich hinab, und nun wurde es ihr bewusst. Sie war gekleidet wie eine wohlhabende Edelfrau im Mittelalter: der Goldring, das dunkelrote Gewand, der tannengrüne Umhang. Das Gewand war am Ausschnitt goldbestickt, sie konnte ein verschlungenes Pflanzenmotiv erkennen. Es war an den Schultern ausladend, wie Puffärmel, die sie als Kind immer so geliebt hatte. Zum Handgelenk hin war es enger gehalten. Eine Art Mieder schnürte ihren Oberkörper zusammen, war aber nicht so eng, dass sie es hätte lösen wollen, im Gegenteil, es fühlte sich an wie ein weicher Schutzschild, der ihr Halt gab, und den konnte sie im Moment wahrlich gebrauchen. Mit einem Griff an den Hinterkopf vergewisserte sie sich nochmals, dass tatsächlich ein Wimpel auf ihrem Kopf saß, doch was war das? Für ihre Kleidung mochte es ja vielleicht noch eine einigermaßen vernünftige Erklärung geben, aber nicht für die zwei dunklen geflochtenen Zöpfe, die so lang waren, dass sie den einen fassen und mit einem schnellen Seitenblick beäugen konnte. Sie war völlig verdutzt. Wie konnten sich ihre kurzen blonden Locken plötzlich in dichtes, langes braunes Haar verwandelt haben?
Nell holte tief Luft und hob den Kopf, um zu sehen, wohin sie ritten. Sie verließen jetzt den Wald. «O mein Gott!» Ihr Atem stockte.
Sie hörte Rhys’ Stimme dicht bei ihrem Ohr. «Nun, Elen – gefällt dir dein neues Heim?»
Vor ihr erhob sich stolz die Burg, ihre Burg, daran gab es keinen Zweifel. Aber es war die Burg in ihrem alten Glanz, so perfekt und vollständig wie an dem Tag, als ihr Bau abgeschlossen wurde. Ein breiter, mit Bruchsteinen gepflasterter Weg, der in eine Holzbrücke mündete, führte das letzte Stück zum großen Eingangsportal hinauf, das mit einem Eisengitter geschützt war. Die Burg war von einem Graben umgeben, der zusätzlichen Schutz bot. Der bestimmt fünf Meter hohe, runde Torbogen war so gewaltig, dass er allein schon jeden Gegner abschrecken musste.
«Wie haben sie das hingekriegt?», murmelte sie kaum hörbar.
«Hier in Wales gibt es mindestens so gute Steinmetze wie in England», antwortete Rhys belustigt.
«Nein, ich meine – wo sind die anderen?» Sie schaute schnell zurück, konnte aber nicht finden, was ihr fragender Blick suchte.
«Keine Sorge, sie kommen alle, um uns zu begrüßen, wenn wir erst da sind.»
«Aber das Dorf – was ist mit dem Dorf?» Seine verständnislose Miene verriet ihr, dass er nicht begriff, wovon sie redete. Als sie sich nun unaufhaltsam dem Burgtor näherten und sie wieder nach rechts hinabblickte, wo das Dorf sein musste, erschrak sie: Alles, was sie sah, war eine kleine, ärmlich und verloren wirkende Ansammlung runder sandfarbener Hütten.
Es dauerte nicht mehr lang, bis sie am Ziel waren, aber während sie auf das Tor zuritten, dehnten sich die Sekunden endlos, die Zeit schien stillzustehen. Ja, da war sie, die hölzerne Zugbrücke, die heruntergelassen war, um ihnen den Zugang zu ermöglichen. Bestimmt klapperten die Pferdehufe ohrenbetäubend, doch Nell hörte nichts – Geräusche und Zeit waren eins, und sie befand sich in einer Art Vakuum, unwirklich und still. Sie blickte hinunter in den tiefen, mit Wasser gefüllten Burggraben. Wo befanden sich die Fische, von denen sie einmal gelesen hatte? Das war die einzige Frage, die ihr im Augenblick von Bedeutung zu sein schien. Doch als sie in den Burghof ritten, war der Bann gebrochen, plötzlich drang hektisches Getöse an ihr Ohr, und ein verwirrender Anblick bot sich ihr. Um sie herum herrschte allgemeines Getümmel, der Innenhof war nicht mehr offen und mit Gras überwuchert, nein, überall Gebäude, Menschen, Tiere und Gerät. Frauen und Männer liefen kreuz und quer durcheinander, Hunde kläfften, Hühner gackerten, und es roch nach Stall, genauer gesagt, nach Mist. Wie vor den Kopf geschlagen blieb Nell sitzen, während Rhys und die anderen absaßen. Sie sah zwei Jungen aus den Stallungen kommen und die Pferde abholen. Diese Ställe hatte sie noch nie gesehen! Aus einem anderen hölzernen Bauwerk trat ein schwitzender Mann mit einer dicken Lederschürze. Er grinste breit, und da er ganz mit Ruß bedeckt war, vermutete Nell, dass es sich um den Schmied handelte. Sie sah nach rechts zu dem Turm hinüber, von dem sie gestern noch auf das Dorf geschaut hatte – aber war es wirklich gestern gewesen?
Alle Anwesenden drängten sich nun um Rhys, überschütteten ihn mit Fragen und musterten Nell mit unverhohlener Neugier.
Rhys hob Ruhe gebietend die Arme, brachte die Hunde mit einem Kommando zum Schweigen und wandte sich dann Nell zu. Er reichte ihr die Hand, um ihr vom Pferd zu helfen. «Ich glaube, es wird Zeit, dass ich dich mit deinem Hofstaat bekannt mache», verkündete er stolz, aber mit spürbarer Wärme in der Stimme.
«Ich …», begann sie, verstummte aber gleich wieder. Was sollte sie sagen? Suchend blickte sie sich um und musterte all die Menschen hier im Burghof, als könnten sie ihr eine Antwort geben. An der Kleidung konnte man unterscheiden, wer welcher Gruppe angehörte, vom barfüßigen Stalljungen in grobem Sacklinnen bis zu Rhys’ Freunden und Gefolgsleuten mit ihren edlen Umhängen.
