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Die Hetärenbriefe des Alkiphron gehören zu den wenig beachteten Perlen der antiken Literatur. Mit Witz und Einfühlungsvermögen - und gewürzt mit einer Prise Erotik - erzählen sie vom Leben der berühmt-berüchtigten griechischen Kurtisanen. Sie lassen den Leser teilhaben an ihren Liebesfreuden und Vergnügungen, aber auch an ihren Sorgen und Eifersüchteleien. Aus dem Griechischen neu übersetzt sowie mit Anmerkungen und einem Nachwort versehen von Frank Zinn.
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Seitenzahl: 97
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Einleitung
Die Hetärenbriefe
Brief I Phryne an Praxiteles
Brief II Glykera an Bakchis
Brief III Bakchis an Hypereides
Brief IV Bakchis an Phryne
Brief V Bakchis an Myrrhine
Brief VI Thaïs an Thettale
Brief VII Thaïs an Euthydemos
Brief VIII Simalion an Petale
Brief IX Petale an Simalion
Brief X Myrrhine an Nikippe
Brief XI Menekleides an Euthykles
Brief XII Leaina an Philodemos
Brief XIII *** an ***
Brief XIV Megara an Bakchis
Brief XV Philoumene an Kriton
Brief XVI Lamia an Demetrios
Brief XVII Leontion an Lamia
Brief XVIII Menander an Glykera
Brief XIX Glykera an Menander
Brief XX Die Hetären von Korinth an die Hetären in der Stadt Athen
Anmerkungen
Nachwort – Das griechische Hetärenwesen
Literaturhinweise
Abbildungsnachweis
Die Hetärenbriefe des Alkiphron gehören zu den wenig beachteten Perlen der antiken Literatur. Mit Witz und Einfühlungsvermögen ‒ und gewürzt mit einer Prise Erotik ‒ erzählen sie vom Leben der berühmt-berüchtigten griechischen Kurtisanen. Sie lassen den Leser teilhaben an ihren Liebesfreuden und Vergnügungen, aber auch an ihren Sorgen und Eifersüchteleien.
Die zwanzig Hetärenbriefe, von denen der letzte wohl nicht von Alkiphron selbst verfasst wurde, sind Teil einer 123 Briefe umfassenden, in vier Büchern angeordneten Sammlung. Sie beinhaltet neben den Hetärenbriefen noch 22 Schreiben von Fischern, 39 von Bauern sowie 42 von Parasiten (Schmarotzern, die an den Tafeln ihrer Gönner ihr Auskommen suchen). Über ihren Verfasser wissen wir außer seinem Namen so gut wie nichts, seine Person und sein Leben bleiben für uns im Dunkeln. Die brauchbarsten Hinweise, um Alkiphron zeitlich einordnen zu können, liefern die von ihm verfassten Kunstbriefe, auch wenn er selbst darin nicht in Erscheinung tritt.
Die Sprache, in der Alkiphron schrieb, war ein bewusster Rückgriff auf das attische Griechisch, wie es im Athen des 5. und 4. Jh. v. Chr. gesprochen und geschrieben wurde. Die dort zu jener Zeit verfassten Werke galten schon in der Antike als klassisch, als Blüte der hellenischen Literatur. Eswar die Sprache der großen Tragödiendichter wie Sophokles, der bedeutenden Redner wie Demosthenes, der wegweisenden Philosophen wie Platon. Alkiphrons sprachlicher Attizismus findet seine Entsprechung im Inhalt seiner Briefe, die voll sind von Bezügen zu attischen Bräuchen und Örtlichkeiten. Sie lassen das Bemühen des Autors erkennen, dem Leser sein attisches Vokabular und seine profunden Kenntnisse vom klassischen Athen zu demonstrieren, ohne dass er dabei der Versuchung erlag, mit seiner Gelehrsamkeit aufdringlich zu wirken.
Dieser gesuchte Attizismus, diese Rückbesinnung auf die klassische und spätklassische Epoche, war das charakteristische Merkmal einer geistigen Strömung der Kaiserzeit, die von der Mitte des 1. Jh. n. Chr. bis ins erste Drittel des 3. Jh. n. Chr. verbreitet war und als Zweite Sophistik bezeichnet wird. In diesem Zeitraum muss Alkiphron tätig gewesen sein, ohne dass eine genauere Eingrenzung möglich wäre. Sehr reizvoll, aber in höchstem Maße spekulativ ist die Gleichsetzung des Epistolographen Alkiphron mit einem Philosophen gleichen Namens, den u. a. der römische Kaiser Mark Aurel (reg. 161‒180 n. Chr.) in seinen Selbstbetrachtungen (10, 13) erwähnt.
Einige Gelehrte haben die Vermutung geäußert, Alkiphrons Hetärenbriefe seien von den bekannteren Hetärengesprächen des großen Satirikers Lukian (um 120–nach 180 n. Chr.) beeinflusst worden. Fraglos ist Lukian der bedeutendere Literat von beiden, aber wer auf wen (wenn überhaupt) mit seinem Werk Einfluss genommen hat, lässt sich unmöglich mit Gewissheit sagen. Beide stehen in der gleichen literarischen Tradition, und auch inhaltliche Berührungspunkte sind angesichts der gleichen Thematik nicht verwunderlich. Wie auch immer man die Frage einer möglichen Abhängigkeit beantworten möchte, Alkiphrons Hetärenbriefe verdienen es auf jeden Fall, als eigenständiges Werk beachtet und gewürdigt zu werden.
Der besondere Reiz der Hetärenbriefe liegt darin, dass ihr Verfasser ‒ anders als in seinen Fischer-, Bauern- und Parasitenbriefen ‒ aus antiken Quellen wohlbekannte Personen als Schreiber und Empfänger auftreten lässt. Dem Leser begegnen nicht nur berühmte Hetären wie Phryne, Thaïs oder Glykera, sondern auch namhafte Persönlichkeiten wie der Bildhauer Praxiteles, der Redner Hypereides, der Philosoph Epikur, der Komödienschreiber Menander und sogar der Feldherr und König Demetrios Poliorketes. So wird die Illusion vermittelt, durch die Lektüre der Briefe einen kurzen, intimen Blick auf das Privatleben historischer Berühmtheiten werfen zu dürfen.
Historische Korrektheit war allerdings nicht Alkiphrons Absicht und darf von ihm auch nicht erwartet werden. Mag er auch auf reale Personen und Ereignisse Bezug nehmen, so bleiben seine Briefe doch immer literarische Fiktionen, in denen er für seine Zeitgenossen das Bild einer Epoche malte, die mehr als ein halbes Jahrtausend in der Vergangenheit lag. Aber das schmälert keineswegs den Wert dieser literarischen Vignetten.
Die Hetärenbriefe sind kunstvoll geordnet und untereinander eng verknüpft. In einigen Fällen sind sie zu kleinen Gruppen mit einem eigenen Erzählstrang zusammengefasst, etwa der Prozess gegen Phryne (Briefe III‒V) oder die Beziehung zwischen Glykera und Menander (Briefe XVIII‒XIX). Alkiphron bedient mit dem Hetärenbild, das er vermittelt, durchaus die gängigen Konventionen. Die Frauen werden als schön und kultiviert geschildert, oft aber auch als eifersüchtig, berechnend, flatterhaft und raffgierig. Aber der Autor lässt die Briefe nicht im Konventionellen erstarren. Reizvolle Miniaturen wie ein Ausflug aufs Land (Brief XIII) oder die unterhaltsame Beschreibung eines Schönheitswettbewerbs (Brief XIV) lockern das Szenario immer wieder auf und verleihen den Briefen eine noch heute wirksame Unmittelbarkeit und Lebendigkeit. Wo es sich anbietet, kommt auch die Erotik nicht zu kurz, auch wenn Alkiphron dabei keine besondere Originalität erkennen lässt.
Ein wiederkehrendes Motiv ist die Habgier der Hetären, am pointiertesten in Brief XV zu Ausdruck gebracht, in dem Philoumene ihren Liebhaber mit wenigen Worten vor die Wahl stellt, ihr Geld zu schicken oder sie in Ruhe zu lassen. Der Kampf um eine lukrative Einnahmequelle ist hart und unerbittlich: Gefährliche Magie kommt zum Einsatz (Brief X), aus Freundinnen werden erbitterte Konkurrentinnen (Brief VI) und weniger zahlungskräftige oder zahlungswillige Liebhaber werden ohne viel Federlesens abserviert (Briefe VIII‒IX).
Doch Alkiphrons Hetärenbild ist keineswegs eindimensional. Er zeigt durchaus Verständnis für die Sorgen der Liebesdienerinnen, für die Ungewissheit, ob und wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können (Brief IX), oder für die Angst, einem böswilligen Liebhaber hilflos ausgeliefert zu sein (Brief III). Er beschreibt die für ihre Selbstsucht und Empfindungslosigkeit oft gescholtenen Kurtisanen als Frauen, die durchaus zu echten Gefühlen, aufrichtiger Treue und tiefempfundener Liebe fähig sind. Zeugnis dafür legen vor allem Brief XI, in dem Menekleides bitterlich den Tod der schönen Bakchis betrauert, sowie die gefühlvolle Korrespondenz zwischen Menander und Glykera (Briefe XVIII‒XIX) ab. Die beiden Menander-Briefe sind ohne Frage der Höhepunkt der Sammlung und bilden aus gutem Grund ihren sorgfältig gewählten Abschluss. Zugleich sind sie eine Reminiszenz Alkiphrons an den großen attischen Komödiendichter, dessen Bühnenwerke und Rollencharaktere wichtige Inspirationsquellen für den Verfasser der Hetärenbriefe waren.
Grundlage der Übersetzung war die Edition des griechischen Textes von Patrick Granholm, Alciphron. Letters of the Courtesans, Diss. Uppsala 2012.
Hab keine Furcht! Denn du hast ein wunderbares Werk geschaffen, wie es noch niemand von Menschenhand gemacht sah: Du hast ein Bildnis deiner Gefährtin in einem heiligen Bezirk aufgestellt. In der Mitte stehe ich nun vor den Statuen der Aphrodite und des Eros, die beide gleichfalls deine Schöpfungen sind. Missgönne mir nicht die Ehre; denn die, die mich sehen, preisen Praxiteles. Und weil ich deiner Kunstfertigkeit entstamme, halten mich die Bewohner von Thespiai nicht für unwürdig, zwischen Göttern zu stehen. Doch eines fehlt dem Geschenk noch: Dass du zu mir kommst, damit wir im heiligen Hain beieinanderliegen. Wir werden uns schon nicht gegen die Götter versündigen, die wir ja selbst geschaffen haben. Lebe wohl!
Unser Menander hat beschlossen, nach Korinth zu reisen, um den Isthmischen Spielen als Zuschauer beizuwohnen. Mir gefällt das nicht; denn du weißt, wie es ist, auf einen solchen Liebhaber verzichten zu müssen – und sei es auch nur für eine kurze Zeit. Aber ich konnte ihn nicht davon abbringen, weil er ja nicht oft zu verreisen pflegt.
Ich weiß nicht, was ich machen soll: Kann ich ihn deiner Gastfreundschaft anvertrauen, wenn er zu Besuch kommen will? Oder lieber nicht, wenn er doch selbst hofft, von dir umworben zu werden? Ich schätze, auch das gereicht mir zur Ehre; ich bin mir nämlich der engen Freundschaft wohl bewusst, die zwischen uns beiden besteht. Ich fürchte dich, Liebste, doch nicht so sehr wie ich ihn fürchte, denn dein Charakter ist anständiger als dein Lebenswandel. Er aber ist von einer unglaublichen Leidenschaft erfüllt, und einer Bakchis könnte nicht einmal der Missmutigste widerstehen. Dass er die Reise nur wegen der Isthmischen Spiele, nicht aber auch deinetwegen unternimmt, fällt mir schwer zu glauben.
Vielleicht wirst du mich des Argwohns beschuldigen. Bitte vergib einer Hetäre ihre Eifersucht, meine Teuerste! Aber für mich wäre es keine Kleinigkeit, Menander als meinen Liebhaber zu verlieren. Wenn es zu einem Streit zwischen uns oder zu einem Zerwürfnis käme, dann müsste ich es zu allem Übel ertragen, von irgendeinem Chremes oder Pheidylos auf der Bühne bitter geschmäht zu werden. Aber wenn er ebenso zu mir zurückkommt, wie er gegangen ist, so werde ich dir sehr dankbar sein. Lebe wohl.
Wir Hetären sind dir alle dankbar, eine jede von uns nicht weniger, als es Phryne ist. Der Prozess, den der grundschlechte Euthias angestrengt hatte, richtete sich zwar gegen Phryne allein, aber uns allen drohte daraus Gefahr. Denn wenn wir trotz unserer Bitten von unseren Liebhabern kein Geld mehr entgegennehmen dürften oder wenn wir, sollten wir Geld bekommen, von denen, die es uns geben, wegen Religionsfrevels angeklagt würden, dann sollten wir besser dieses Leben aufgeben. So hätten wir keinen Ärger mehr und würden auch unseren Besuchern keinen Ärger bereiten.
Nun aber brauchen wir uns wegen unseres Hetären-Daseins keine Vorwürfe mehr zu machen, weil ja Euthias als boshafter Liebhaber entlarvt worden ist. Wir werden uns vielmehr glücklich preisen, weil Hypereides solch ein anständiger Mann ist. Möge dir für deine Freundlichkeit viel Gutes zuteilwerden! Du hast für dich selbst eine treffliche Gefährtin gerettet und uns ihretwegen zu Dank verpflichtet. Wenn du nun noch die Rede, die du zu Phrynes Verteidigung gehalten hast, niederschreibst, dann werden wir Hetären dir wahrhaftig ein goldenes Standbild setzen, an welchem Ort in Griechenland auch immer du willst.
Groß war meine Angst, als du, meine Teuerste, in Gefahr schwebtest, noch größer aber war meine Freude darüber, dass du einen schlechten Liebhaber losgeworden bist und in Hypereides einen guten gefunden hast. Ich denke, der Prozess hat dir zudem viel Glück gebracht, denn er hat dir nicht nur in Athen, sondern in ganz Griechenland zur Berühmtheit verholfen.
Für Euthias wird es Strafe genug sein, auf deine Gesellschaft nun verzichten zu müssen. Seine angeborene Dummheit erregte seinen Zorn und deswegen hat er, so scheint es mir, die Grenzen der Eifersucht, die einem Liebhaber zusteht, überschritten. Du kannst dir sicher sein, dass er dich jetzt mehr begehrt, als Hypereides es tut. Denn Hypereides erwartet offensichtlich, für seine Verteidigungsrede umworben zu werden, und spielt sich als Liebhaber auf, während Euthias durch das Scheitern seiner Anklage nur noch mehr entflammt wurde. Stelle dich also darauf ein, dass er dir bald wieder Bitten, flehende Klagen und viel Gold schicken wird.
Meine Liebe, rücke uns Hetären nicht in ein schlechtes Licht, indem du Euthias’ Drängen nachgibst und Hypereides dadurch glauben machst, es sei ein Fehler gewesen, dir zu helfen. Und glaube nicht denen, die behaupten, dein Anwalt hätte dir nichts genutzt, wenn du dein Kleid nicht zerrissen und deine nackten Brüste den Richtern gezeigt hättest. Denn nur seine Verteidigung eröffnete dir die Möglichkeit, dies im richtigen Moment zu tun.
