Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein spannendes Historiendrama um die aussichtslose Liebe der Tochter einer Hebamme und dem Henkerssohn - Romeo und Julia in den Zeiten der Hexenverfolgungen! Schongau 1592: Die grausamen Hexenprozesse haben ihren Höhepunkt erreicht. Das Pflaster in der Stadt ist heiß geworden. Irrsinn und Aberglaube eskalieren unterm Volk, seiner Obrigkeit und der Kirche. Johanna, die auffallend schöne Tochter einer verurteilten Hebamme gerät ins Visier des gefürchteten »Hexenmeisters von Schongau«. Als sie sich in den Sohn des Henkers verliebt, nimmt das Schicksal seinen dramatischen Verlauf. Zusammen fliehen die Liebenden auf der Hexenfuhre ...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 388
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Das Buch
Der Roman basiert auf einer alten Legende und erzählt die dramatische Liebesgeschichte von Johanna und Hannes – eine gefährliche Liebe in ketzerischen Zeiten, die zum Scheitern verurteilt ist.
Schongau anno 1592: In der bayerischen Grenzstadt haben die grausamen Hexenverfolgungen ihren Höhepunkt erreicht.
In den Jahren zuvor vernichtet ein verheerendes Hagelunwetter in der Schongauer Gegend die Ernte und veranlasst den hier amtierenden Landrichter Hörwarth, sich an seinen Gerichtsherrn zu wenden: Herzog Ferdinand, ein Bruder des regierenden Herzog Wilhelm V. von Bayern. Der „Wartenberger“, der von den Steuereinnahmen seiner Stadt Schongau fürstlich lebt, weist Hörwarth in seinem Schreiben vom 24. Juli 1589 an, „die Geistlichkeit zu veranlassen, das Volk zu Buße und Besserung zu ermahnen und selbst Nachforschungen nach Leuten anzustellen, die verdächtig sein konnten, Schadenzauber ausgeübt zu haben, diese verhaften zu lassen und darüber Bericht zu erstatten.“ Einen besseren Erfüllungsgehilfen hätte er nicht beauftragen können. Hörwarth, bald berühmtberüchtigt im Ausforschen vermeintlicher Hexen, wird vom Volk als der „Hexenmeister von Schongau“ geachtet wie gefürchtet. Innerhalb zwei Jahren werden 63 unschuldige Frauen ausgeforscht, der „Hexerei“ überführt und hingerichtet. Die erforderlichen Geständnisse werden durch die peinliche Befragung (Folter) erpresst, mit Unterstützung der Kirche und ihren Beichtvätern, die „Seelenrettung“ versprechen. Aufgrund seiner erfolgreichen Tätigkeit in der „Bekämpfung der Hexenplage“ und durch die Einnahmen hoher Prozesskosten, die er persönlich bei den Hinterbliebenen der Opfer eintreibt, erhofft sich Richter Hörwarth von der Obrigkeit Anerkennung in Form eines Denkmals zur ewigen Erinnerung und Mahnung an künftige Generationen. Erst als Johanna in sein Visier gerät, zeigt der ehrgeizige Mann Gefühle. Deren Mutter wird als Hexe bezichtigt und in den Faulturm gesperrt. Landrichter Hörwarth verspricht Gnade, wenn Johanna ihm zu Willen ist. Doch die schöne Hebammentochter weist ihn ab. Ihr Herz gehört Hannes, dem Sohn des Schongauer Scharfrichters. Damit ist Johannas Schicksal besiegelt. Die beiden Liebenden wagen die Flucht auf der Hexenfuhre, dem Gefährt, das die Verurteilten zur Hinrichtungsstätte verbringt …
Der Autor
Unter dem Pseudonym Blanchefleur veröffentlichen die Verfasser ihren historischen Roman, für den sie sorgfältig recherchierten. Das Werk entspringt einer Novelle von Joseph Friedrich Lentner.
Im Gedenken an die Opfer
der Schongauer Hexenprozesse
1589–1592
Auszug aus der „Hexenfuhre“ von Joseph Friedrich Lentner
„Durch die Nacht rasselt mit einemmale laut und flüchtig ein leichtes Fuhrwerk, schneller als ein Gedanke ist das Geräusch entstanden, gleich schnell verschwunden. Die Hexenfuhre! – sagte da meine alte Kinderfrau. – Habt ihr gehört, wie sie vorüberrasselt auf Teufelsflügeln? Seit über 400 Jahren rollt das Fuhrwerk, wenn die Nacht hereingebrochen ist, hier durchs Dorf, nichts Natürliches ist es und kein guter Christ hat es je gesehn‘, nur sein lärmendes Gepolter hört man und die Alten kennen die Geschichte jenes Tages, an dem zum ersten Mal das nächtliche Fuhrwerk gehört ward.“
Joseph Friedrich Lentner
Prolog
Die Engelmacherin
Der Landrichter
Eine schicksalshafte Begegnung
Auf dem Markt in Schongau
Ein Gewitter zieht auf
Auf der Burg
Eine weitere Anzeige
Im Haus der Hebamme
Die Hebamme wird denunziert
Adelheid
Im Gasthof zum Goldenen Stern
Johanna und Hannes träumen von einander
Ein heimliches Stelldichein
Die Verhaftung der Hebamme
Gefangen im Faulturm
Zwei Vertraute
Vater-Sohn-Konflikt
Das erste Verhör der Hebamme
Pater Anselm
Ein unerwarteter Besucher
Die peinliche Befragung der Hebamme
Das Geheimnis der Hebamme
Sprung von der Stadtmauer
Ein ungewöhnliches Versteck
Eine Familientradition
Entdeckung im Haus der Hebamme
Die Flucht auf der Hexenfuhre
Das Amulett
Ein unmoralisches Angebot
Eine unruhige Nacht
Im Zwiespalt
Zwist zwischen den Schongauern und den Peitingern
Das Verhör
Eine grausige Entdeckung
Ein unerwartetes Geständnis
Das Familiengeheimnis
Eine verhängnisvolle Intrige
Das Urteil aus München
Mit dem Herzen einer Mutter
Drei Tage später – die letzte Gunst
Debakel beim Sternwirt
Prima nocte
Ein bedeutender Fund
Böses Erwachen
Johannas Traum
Der Tag der Hinrichtung
Eklat im Schloss
Ein Wettlauf mit der Zeit
Die Hinrichtung
Epilog
Dramatis Personae
Historisch erwähnte Persönlichkeiten
Auszug „Der Schongauer Hexenprozess und seine Opfer“ von Dr. Hubert Vogel:
Glossar
Quellen und Literatur
Nachwort und Dank
eine kleine Stadtgeschichte, vorher oder nachher zu lesen
Pfaffenwinkel, so nennt man den Landstrich im bayrischen Voralpenland, der seinen Namen von den zahlreichen Kirchen und Klöstern erhalten hat, die von den berühmten Söhnen des Landes erbaut wurden wie etwa die Wieskirche von den Brüdern Zimmermann, die schmucken Dorfkirchen in Ingenried, Burggen und Bernbeuren oder ebenfalls ganz in der Nähe die Klöster Polling und Wessobrunn mit der tausendjährigen Tassilo-Linde, die Wallfahrtskirche am Hohenpeißenberg, das Kloster und Welfenmünster in Steingaden – die letzte Ruhestätte der Welfen, die zwischen Schongau und Peiting ihre mächtige Stammburg hatten.
Der bislang letzte berühmte Bauherr mit visionären Ideen war König Ludwig II., dessen Lieblingsplatz auf dem Tegelberg gewesen war, wo er schon als Knabe spielte, wenn er auf dem elterlichen Schloss Hohenschwangau weilte. Als er dann selber König wurde, verwirklichte er seine Träume. Und anstatt das Geld in Waffen und grausame Kriege zu stecken, baute er die Attraktionen, die schon zwei Jahre nach seinem mysteriösen Tod im Starnberger See unzählige Besucher anzogen, so dass Land und Leute heute nicht mehr von Königen, sondern vom Tourismus beherrscht werden.
Wir konzentrieren uns jedoch auf die Stadt, in der unsere Geschichte spielt: Schongau am Lech. Von den Staufern quasi auf dem Reißbrett entworfen und geplant, entstand eine wehrhaft befestigte Handelsstadt mit einem geschlossenen Mauerring, der die Stadt nach allen Himmelsrichtungen hin schützte, sechzehn Wehrtürmen und einer Kirche, die nach der Gottesmutter Maria „zu Unserer Lieben Frau“ benannt wurde.
Und so zog ein Großteil der Bevölkerung samt ihrer Mobilie, also mit ihrer gesamten Haus- und Hofstatt im 13. Jahrhundert auf den ehemaligen Umlaufberg des Lechs, wo sie ein Grundstück und die damit verbundenen Bürgerrechte erwarben, denn Stadtluft macht ja bekanntlich frei. Den Namen Schönachgau nahmen sie mit und die alte römische Siedlung an der Schönach wurde zu Altenstadt; die romanische Basilika mit der Triumphkreuzgruppe hatte man den übrigen Bewohnern gelassen. Zwischen der alten und der neuen Stätte verliefen zwei große Straßen, die Salzstraße und die Reichs- oder auch Heerstraße genannt, die teilweise ihren Ursprung in der römischen Via Claudia Augusta hatte. In der Mitte auf einem Hügel prangte der Galgen, wo man die Straßenräuber aufhängte, um vorbeiziehende Fremde, die nichts Gutes im Schilde führten, gleich abzuschrecken.
Die neue Stadt wurde durch ihre vorteilhafte Lage am Lech, einem damals wilden Fluss, ein bedeutender Handelsumschlagplatz. Ihre zentrale Lage auf einer Höhe von 711 m ließ sie zu einer reichen Handelsstadt werden.
Im Mittelalter führte der Handelsweg von den Städten Verona und Venedig mit Fuhrwerken entweder über den Brenner oder über den Reschenpass nach Füssen. Von dort wurde die sogenannte Orientware vorwiegend mit Flössen auf dem Lech transportiert und hatte in Schongau zwischengelagert und verzollt zu werden, bevor sie ihren weiteren Weg nach Augsburg nahm. Mit der Entdeckung des Seewegs nach Indien durch die Portugiesen ergaben sich dann andere Verkehrsverbindungen und der florierende Handel entwickelte sich allmählich zurück.
Von Asien wurde über den Schiffverkehr die Beulenpest eingeschleppt und raffte ein Drittel der Bevölkerung dahin. Im Jahre 1493 vernichtete ein verheerender Stadtbrand zahlreiche Gebäude, den Rest besorgten 1632 die anstürmenden Schweden, die ganze fünf Tage lang erfolgreich abgewehrt wurden, um aber auf dem Rückzug 1646 die vom Pesttod ihrer Bürger geschwächte Stadt letztendlich doch einzunehmen. Am nachhaltigsten zerstörten die Österreicher 1704 im Spanischen Erbfolgekrieg einen Teil der mittlerweile militärisch nutzlos gewordenen Stadtmauer und neun Wehrtürme.
Die Schongauer Münze wurde Mitte des 16. Jahrhunderts bedeutungslos; heute hat man die Möglichkeit, den Schongauer Pfennig im Stadtmuseum zu bestaunen.
In Altenstadt finden sich heute Zeugnisse der Templer und Römer. Letztere erbauten auf einem Moränenhügel eine befestigte Garnison samt Friedhof; später errichteten die Welfen eine Burg auf dem Burglachberg, die leider nicht mehr erhalten ist und deren letzte Spuren durch den Bau einer Kaserne, der heutigen Luftlandeschule der Bundeswehr, endgültig verwischt wurden.
Im Schwarzlaichmoor bei Peiting wurde eine spätmittelalterliche Moorleiche gefunden und ein Stück weiter in der Nähe vom Weinland die Villa Rustica ausgegraben, ein ehemals römischer Gutshof.
Von der einstigen Welfenburg, einem umzäunten Wohnturm auf dem Schneckenbichl und der imposanten Burganlage auf dem Schlossberg zeugen seit dem Erdbeben und den Schweden nicht einmal mehr Fundamente; die wurden von den Bewohnern der Umgebung geschleift und für den Bau ihrer Häuser verwendet.
In der Altstadt von Schongau stehen heute die schmucken Patrizierhäuser als steinerne Zeugen vergangener Glanzzeiten. Die Mauern und Tore sind größtenteils erhalten, zwar wurde nach Norden und nach Osten hin die Ringmauer aus verkehrstechnischen Gründen durchbrochen, das heutige Münztor und das Bahnhofstor, und das für die Durchfahrt zu eng gewordene Lechtor gesprengt, aber zum Glück fand im 20. Jahrhundert ein Umdenken und rechtzeitiger Denkmalschutz statt.
Doch weder Pest noch Feinde von außen übertrafen das Grauen, das innerhalb der Stadtmauern seinen Anfang nahm: Die Schongauer Hexenprozesse in den Jahren 1589 bis 1592. Schwere Unwetter mit Regen, Hagel und einer für die Jahreszeit ungewohnten Kälte, die vermutlich durch eine kleine Eiszeit ausgelöst wurde, vernichteten die Ernten der Bauern. Die abergläubische Bevölkerung gab die Schuld den Hexen, unschuldigen Frauen, die schonungslos vom berühmten Hexenmeister von Schongau verfolgt wurden. Am Ende waren es 63 Frauen, denen allein durch die Folter Geständnisse abgepresst und die daraufhin hingerichtet wurden.
Hiervon handelt der Roman, dessen Handlung, Figuren und Namen frei erfunden und Ähnlichkeiten mit verstorbenen oder lebenden Personen rein zufällig sind. Historisch belegte Namen wurden zwar verwendet, deren Charaktere und Lebensläufe sind jedoch spekulativ.
Falscher Aberglaube existiert bis heute in den Köpfen vieler Leute. Bei meiner Großmutter auf dem Bauernhof ist es vorgekommen, dass eine ansonsten gute Melkkuh plötzlich ohne erklärbaren Grund keine Milch mehr gegeben hat; man sagte ihr, dass derjenige, der die Kuh heimlich melkt, am nächsten Tag bei ihr Salz ausleihen würde, was dann ihre Schwägerin, die Schwester meines Großvaters und meine Großtante war. Die Großmutter hielt das kopfschüttelnd für Zufall. Dennoch wurde man wachsam und traf Vorkehrungen, wie zum Beispiel ihre Schwiegertochter, der man geraten hatte, um ihr Kind in der Nacht zu beruhigen, keine Babywäsche mehr hinauszuhängen, wenn die Leute vom Kirchgang kamen.
Im 21. Jahrhundert fasziniert die Stadt Schongau vor allem durch ihre mittelalterliche Geschichte und hat sich zu einer Industriestadt im Grünen entwickelt, wie sie heute genannt wird.
Der Lech wälzt sich mittlerweile träge in seinem durch zahlreiche Staustufen beruhigten Bett und die historische Altstadt schläft ihren Dornröschenschlaf und wartet auf den Prinzen, der sie wieder wach küsst.
Diese dramatische Geschichte basiert auf einer alten Geisterlegende, die besagt, dass das schaurige Geräusch der Hexenfuhre, dem Gefährt mit dem die verurteilten Frauen zur Hinrichtungsstätte verbracht wurden, heute noch auf der alten Straße von Peiting nach Schongau zu hören sei.
Abschließend fällt mir ein Spruch von Wilhelm Busch ein: „Nicht allein in Rechnungssachen soll der Mensch sich Mühe machen, sondern auch der Weisheit Lehren muss man mit Vergnügen hören!“ Ernstes sollte man unterhaltsam darbringen – in diesem Sinne wünsche ich den Lesern eine spannende Lektüre!
B.F. im Oktober 2017
Die Augenbinde war verrutscht und Johanna sah den Schatten des Schwertes auf sich zu kommen; sie versuchte zu schreien und sich zu winden, doch kein Laut kam aus ihrer Kehle.
Das flirrende Sonnenlicht blendete und die Menschenmenge johlte: „Nieder mit der Hexe!“ Blut, alles war voller Blut.
Johanna erwachte schweißgebadet aus diesem Albtraum, der sie seit einiger Zeit quälte.
Das erste Mal, als sie von ihrer Hinrichtung träumte, in einer Vollmondnacht, drei Monate vor ihrem sechzehnten Geburtstag, schrak sie aus dem Bett hoch und es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass sie nur geträumt hatte. Ein Zittern durchlief ihren Körper und sie verspürte ein Ziehen im Unterleib. Etwas Warmes, Feuchtes lief ihre Schenkel hinunter und als sie die Decke zur Seite zog, schrie sie gellend auf. Blutflecken zeigten sich auf dem groben Leinen und sie geriet außer sich vor Angst.
Ihre herbeieilende Mutter hingegen brummte nur mürrisch und gab ihr wortlos einen Lappen. Sie klärte Johanna widerwillig auf, dass diese nun ein Weib geworden sei und sie dieses monatliche Übel auf sich zu nehmen habe. Sie band ihr eine Alraune um den Leib, die nach der Heiligen Hildegard gegen Unkeuschheit helfen würde und mahnte ihre Tochter, den Männern fern zu bleiben. Eine Mahnung, die Johanna nicht verstand, denn die Burschen wagten sich eh nicht in ihre Nähe. Sie war die Tochter einer Hebamme, die keinen Mann hatte und außerhalb der Gemeinde in der Lexe wohnte, einer einsamen und sandigen Gegend. Man munkelte, die Hebamme verkehre mit dunklen Mächten, manche hielten sie sogar für eine Hexe. Wenn Johanna in Begleitung ihrer Mutter war, traute sich niemand, sie zu belästigen. Die Leute im Dorf hatten Angst vor ihr und waren vorsichtig. Sie fürchteten den bösen Blick und glaubten, dass die Alte sie verwünschen könne. Da sie die einzige Hebamme am Ort war, wagte man nicht, sie zu vergraulen. Dass sie einmal von einem Mann berührt worden war, schien unvorstellbar, hässlich wie sie aussah. Man schob es ebenfalls auf ihre Zauberkräfte. Und dass die Tochter so schön geworden war, ging nicht mit rechten Dingen zu, da war man sich sicher. Manch einer scheute den Umgang mit ihnen, schon gar nicht bei Tageslicht. So kam es, dass Johanna an keiner Gesellschaft mit Gleichaltrigen teilnahm. Die Mädchen des Dorfes tuschelten und zeigten mit dem Finger auf sie und so vermied es Johanna, ihnen zu begegnen. Die Dorfburschen johlten und glotzten nur blöd. Der Hebammentochter war das egal, zumindest gab sie es vor, sie hatte schon früh gelernt, sich mit sich selber zu beschäftigen, liebte Tiere und streifte gerne durch die nahen Wälder und Auen. Ihr kleines Reich lag zwischen Ammer und Lech. Dort sammelte sie runde bunte Kieselsteine, die sie am Ufer fand und einige davon stets in einem Stoffbeutel bei sich trug. Sie genoss die Natur, das Rauschen des Windes in den Wipfeln der Bäume, das Plätschern des dahinfließenden Wassers, das Zwitschern der Vögel, alles war wie Musik in ihren Ohren. Stundenlang saß sie nur still da und hing ihren Gedanken nach. Oft träumte sie von ihrem Vater, den sie nie gekannt hatte, da er vor ihrer Geburt verstorben war.
Johannas erste Lebensjahre waren ohne größere Ereignisse vergangen. Sie war als einziges Kind ihrer Mutter ohne Geschwister aufgewachsen und fühlte sich oft einsam. Die Hebamme hatte nie mehr geheiratet und Johanna vermisste einen Vater. Sie flüchtete sich in Tagträume und ihre Mutter schalt sie deswegen. Dennoch war sie ein fleißiges und wissbegieriges Mädchen, und als sie älter wurde ging sie ihrer Mutter geschickt zur Hand. Von ihr lernte sie früh haushalten und kochen, und fieberte dem Tag entgegen, es ihr gleichzutun. Die Wildkräuter, die sie auf Gottes weiter Flur fand, weckten Johannas Forscherdrang. Sie zeigte eine große Begabung darin, sie zu bestimmen und einzuordnen, was ihre oft fassungslose Mutter nur zu einem Kopfschütteln veranlasste. Das Mädchen begriff rasch Zusammenhänge. Schon bald war sie imstande, die Namen auf den Tongefäßen zu entziffern und zu beschriften. Die wenigen Bücher, welche die Hebamme ihr Eigentum nannte und die Abbildungen darin, faszinierten Johanna. Ein kostbarer Schatz, den ihre Mutter da besaß, die weder lesen noch schreiben konnte und die Rezepturen nur nach Bildern und mündlichen Überlieferungen zusammenbraute. Oft rätselte die Hebamme selber, was sie da alles zusammenmischte und zweifelte an ihren Fähigkeiten, doch die Leute, die zu ihr kamen, glaubten an ihre magischen Kräfte und Worte, denn auf das Abbeten verstand sie sich ebenfalls. Wenn es dann half, wunderte sie sich selbst am allermeisten. Die Leute empfahlen sie unter der Hand weiter, und wenn nicht, hielten sie trotzdem den Mund, schon allein aus Schamgefühl. Die Hebamme war sich in ihrer Sorglosigkeit der Gefahren gar nicht bewusst, die da lauerten. Ihre Mischung von Liebestropfen, die eine enttäuschte Witwe ihrem zweiten Ehegatten in hoher Dosis unter die Kost gab, um dessen Manneskraft zu steigern, ließ diesen fast das Schicksal seines Vorgängers ereilen, hätte er nicht das Herz eines Stieres besessen.
Johanna agierte geschickter, sie erkannte bald das Prinzip von Ursache und Wirkung und mischte gezielt Kräuter, Beeren und Wurzeln. Mit Frösche Fangen verdiente sie sich bei den Bauern ein paar Heller zusätzlich. Sie entwickelte eine Falle, in der sie die quackende Schar in ein feinmaschiges, von Hand gefertigtes Netz trieb, dieses fest zusammenzog, um die Frösche dann in einem kleinen Handwagen weit in den Wald zu karren und dort wieder in Freiheit zu entlassen. Sollten sie doch über die Schongauer Fluren herfallen, Johanna kümmerte das nicht.
Sie wuchs zu einem schlanken, grazilen Mädchen heran, von hoher Gestalt und kastanienbraunen Haaren. Sie bekam kleine feste Brüste und rundere Hüften. Die Burschen aus dem Dorf, die sie vorher, als sie wie eine abgemagerte Katze ausgesehen hatte, keines Blickes gewürdigt hatten, fingen an, sie zu beäugen und ihr sogar auf dem Markt nachzustellen, so als röchen sie, dass sie ein Weib geworden war. Johanna bemerkte mit einer gewissen Genugtuung die begehrlichen Blicke erwachsener Männer. Mit ihrer aufkeimenden Schönheit fühlte sie eine ungewohnte Macht.
Doch das Bemerkenswerteste an Johanna waren ihre leicht schräggestellten, von langen Wimpern umschatteten grünen Augen, die sie immer etwas melancholisch aussehen ließen, trotz ihrer leicht nach oben gezogenen Mundwinkel.
Johanna schüttelte ihren Albtraum ab und schaute aus dem kleinen Dachfenster hinaus. Im Osten zeigte sich vom Hohen Peißenberg her, hinter den dunklen Wäldern, das schönste Morgenrot; von den feuchten Wiesen stiegen Nebelschwaden auf und in der Ferne erhoben sich die Alpen, dunklen Wächtern gleich reihten sie sich aneinander. Johanna liebte diese mystische Stille.
Ein Rabe landete krächzend auf dem Dachfirst. Wachsame Rabenaugen blickten um sich. Ein Geräusch ließ den Vogel erschreckt auffliegen. Ein Schatten an der Hauswand erregte Johannas Aufmerksamkeit und sie bemerkte einen buschigen Hundeschwanz, der um die Ecke verschwand. Unten öffnete sich der Fensterladen und schloss sich sogleich wieder. Sie hörte das vertraute Geräusch der schlurfenden Schritte der Mutter und leise Stimmen. Die Hebamme hatte Besuch. Lauschend presste das Mädchen ihr Ohr fest an die Bodendiele und wurde prompt von einem Klopfen aufgescheucht.
„Johanna!“, klang die Stimme der Hebamme von unten herauf. „Trödle nicht herum, komm endlich herunter, der Tag ist keine Woche!“
Hastig zog Johanna Rock und Mieder an und stieg die schmale Holzleiter hinunter, dabei schwang ihr brauner Baumwollrock hin und her und ließ einen leinenen Unterrock hervorblitzen. Ohne einen Guten Morgen Gruß und mit einem herzhaften Gähnen drehte sie sich zu den beiden Frauen um. Schlaftrunken rieb sie sich die Augen. Um das überschulterlange Haar unter einem roten Kopftuch zu bändigen, langte sie nach einem kleinen verzierten Handspiegel und zupfte verspielt an einzelnen Strähnen herum.
Die Hebamme nahm ihr den Spiegel unwirsch aus der Hand. „Lass das, Eitelkeit schickt sich für unsereins nicht, beeil dich besser, der Markt wartet nicht auf dich!“ Sie drehte ihre Tochter energisch zu sich herum und schnürte ihr mit geübten Griffen die Rückseite des Mieders zu.
Der düstere Raum war nur von etlichen Talglichtern erhellt. Das Mädchen öffnete den Fensterladen und schaute schmollend hinaus. „Morgenrot, Schlechtwetter Bot‘. Es wird regnen, Frau Mutter. Wollt Ihr mich bei diesem ungewissen Wetter den weiten Weg nach Schongau schicken?“
Die Besucherin, eine Magd, die wartend auf dem Hocker saß, meldete sich keck zu Wort. „Du wirst ja wohl nicht aus Zucker sein.“
Johanna musterte sie mit einiger Verwunderung. Was führte die Magd zu so früher Stunde ins Haus der Hebamme? Sie bemerkte, dass diese sich unter ihrem aufmerksamen Blick sichtlich unwohl fühlte und ungeduldig ihr molliges Hinterteil auf dem kleinen Hocker hin und her schob.
Johanna erkannte die Schongauerin, die schon einmal hier gewesen war und auf den Namen Babette hörte.
Die Magd hatte blonde Locken, eine füllige Figur und strotzte vor Gesundheit, doch heute wirkten ihre Wangen wie eingefallen und blass. Als ältestes Kind einer zehnköpfigen Bauernfamilie war Babette seit ihrem zwölften Lebensjahr in fremden Diensten und bis heute mit ihren knapp sechsunddreißig Jahren unverheiratet geblieben. Dabei war sie schon ein frühreifes Mädchen gewesen und lockte die Männer an wie der Nektar die Bienen. Und heute verstand sie sich insbesondere auf die Vorlieben und Begehrlichkeiten des starken Geschlechts und war beliebt. Aber wie lange noch? Babette wusste, dass ihre besten Tage gezählt waren.
Wortlos schlurfte die Hebamme zu einem Wandregal mit losen Brettern. Darin standen Tontöpfe von unterschiedlicher Größe und mit eingeritzten Zeichen in sorgfältiger Anordnung nebeneinander. Gezielt holte sie ein paar davon herunter und trug alles schwerfällig zum Herd, wo ein großer Wasserkessel über dem offenen Feuer brodelte.
Gundula Gruber, genannt Gundel war 46 Jahre alt. Ihr untersetzter, aber stämmiger Körper war von jahrelanger harter Arbeit zu einem Rundrücken verformt und ihre linke Hüfte machte ihr zu schaffen. Graue Haarsträhnen hingen ihr von beiden Seiten aus dem verblichenen Kopftuch. Sie hatte eine Knollennase und eine Warze am Kinn, vor der sich die Kinder des Dorfes fürchteten. Ihre kleinen flinken Augen schielten immer wieder misstrauisch zum Fenster, so als fühlte sie sich beobachtet. In ihrem kärglichen Häuschen gab es nur einen einzigen Raum, der Wohnraum und Küche zugleich war. Auf dem Speicher darüber waren zwei kleine Schlafkammern, eine nach Osten, in der Johanna schlief und eine nach Westen, in der Gundel ihre meist schlaflosen Nächte verbrachte.
Die Hebamme hatte hinter dem Haus einen Garten angelegt, mit Obstbäumen, Beerensträuchern und verschiedenen Beeten, in denen sie Gemüse und ausgesuchte Kräuter zog, die sie zur Herstellung von Salben und Tinkturen benötigte. Da wogte der buschige Salbei in Gesellschaft mit dem zartduftenden Lavendel, der bekömmliche Rosmarin an der Hauswand mit dem Efeu, der bis zum Dach emporkletterte. Im Schutz der Hecke wuchsen Wurmfarn und Giersch, letzterer im Volksmund Zipperleinskraut genannt, da er gegen Gicht, Rheuma und Arthritis helfen sollte. Allerdings wucherte er derart, dass er fast das echte Barbarakraut verdrängte, dessen junge Blätter wie Kresse schmeckten und deren überwinternde Rosetten noch bis zum Tag der Heiligen Barbara am 4. Dezember gesammelt werden konnten. Sorgsame Pflege erfuhr die krause Petersilie, deren aphrodisierender und abortiver Wirkung man nachsagte: „Sie helfe dem Manne aufs Pferd, dem Weibe unter die Erd‘.“ Gewöhnliche Küchenkräuter wie Schnittlauch, Dost, Dill, Liebstöckel, Kerbel fanden sich ebenfalls im Gärtchen, und damit waren noch lange nicht alle Kräuter aufgezählt, die unter dem grünen Daumen der Hebamme gediehen. Und das, was ihr Garten nicht hergab, fand sich in der freien Natur und war meist mit Vorsicht zu behandeln.
Gundel vermischte das Mutterkorn mit den getrockneten Kräutern und zerstieß alles mit dem Mörser. Dann füllte sie die Mischung in ein Leinensäckchen, das sie sorgsam mit einem Bindfaden verschnürte und es Babette mit den Worten reichte. „Das nimmst, dann ist es weg und überleg dir nächstes Mal vorher, bevor du die Beine breitmachst!“ Die Worte hatten forsch geklungen, doch Johanna war nicht entgangen, dass die Hand ihrer Mutter leicht zitterte. Babettes Blick fiel zögerlich auf das Kruzifix, das im Herrgottswinkel hing, dennoch konnte sie sich eine freche Antwort nicht verkneifen. „Was soll’s, du lebst ja schließlich auch davon.“ Aus dem Stoffbeutel, den sie unter ihrer Schürze hervorholte, wickelte sie vorsichtig zwei Eier und ein Stück harter Wurst aus und legte alles auf den wackligen Holztisch, der mitten im Raum stand.
Gundel nahm mürrisch die Wurst in ihre prüfende Hand und schnüffelte missbilligend daran, dann legte sie das Stück auf den Tisch zurück, absichtlich zwischen die beiden Eier platzierend und bemerkte zynisch. „Man zahlt dich wohl auch nur mit einem Sack voll Eier und einem Stück ranziger Wurst, Babett‘?“
Die Magd hielt vor Empörung die Luft an, ihre drallen Brüste hoben und senkten sich merklich, dennoch entschloss sie sich, den Mund zu halten. Man wusste ja nie, woran man in diesen Zeiten war.
Die Kirchturmglocke läutete zum Morgengebet.
Johanna nahm sich vom Tisch einen Ranken Brot, an dem sie hungrig nagte.
Gundel drängte ihre Tochter zum Aufbruch. „Jetzt mach schon, Mädel!“ Sie drückte ihr einen Weidenkorb, gefüllt mit getrockneten Kräutern und irdenen Töpfchen in die Hand. Dann fiel ihr noch etwas ein und sie holte aus einer Truhe in der Ecke etliche verschieden farbige Tücher, die sie oben auf den Korb legte. „Die nimmst noch mit, lassen sich bestimmt gut verkaufen. Sind gegen Albträume oder Halsweh.“ In einem etwas leiseren Tonfall fügte sie hinzu. „Sag, was du willst, dir wird schon was einfallen.“
Johanna seufzte und wandte sich zur Tür. Trotz des anstrengenden Fußmarsches freute sie sich auf den Markt und die willkommene Abwechslung. Sie feilschte und verhandelte besser mit den Händlern, und wer kaufte nicht lieber bei einem hübschen Mädchen, als bei einer mürrischen Alten. Babette drängte sich an Johanna vorbei. „Geh auf die Seiten, Mauerblümchen. Gepflückt wirst schon noch werden, aber pass auf, dass du keinen dicken Bauch bekommst. Bei deiner Herkunft nimmt dich eh kein Mann zum Eheweib.“
Johanna sah verstört zu ihrer Mutter, die sich sogleich helfend einmischte. „Lass sie in Ruhe, Babett‘! Da redet die Richtige. Bist ja selber nicht unter die Haube gekommen und dem Brautbett bald ferner als dem Grabe.“
Wie eine Schlange zischend drehte sich Babette zu Gundel herum. „Halt‘ bloß deine Zunge im Zaum, Gruberin! Über dich wird so manches gemunkelt …“
Gundel schnitt ihr das Wort im Munde ab. „Jetzt scher dich weg! In der Öffentlichkeit bin ich Luft für euresgleichen, aber wenn was zwickt und der Bader kann es nicht richten, dann kommt ihr doch heimlich zu mir …“
„… und zu deiner schwarzen Magie. Sag es nur laut, du Hex‘!“, vollendete Babette den Satz.
Mit einer raschen Bewegung griff sich die Hebamme die überraschte Magd und verdrehte ihr den Arm, so dass diese vor Schmerz aufschrie. Drohend raunte sie ihr ins Ohr. „Mach ich dir Angst, du Luder? Dann bleib anständig, sonst misch ich dir nächstes Mal ein Pulver, dass dir Hören und Sehen vergeht, bis dir der Leibhaftige in Person erscheint!“
Babette schüttelte das widerliche Weib ab und spuckte vor ihr aus. „Pass auf, dass man dir nicht dein teuflisches Handwerk legt, du du …“
Gundel verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln und spottete mit diabolisch funkelnden Augen. „Na, was wohl, und wo will so eine wie du dann hin? Willst deine unehelichen Bälger ausbrüten und gar selber zur Welt bringen, ha? Weißt du denn nicht, was auf Unzucht steht oder willst dich gar versündigen und sie bei Seite schaffen?“
Babette stockte der Atem, ein Zittern durchlief sie, dennoch nahm sie allen Mut zusammen und konterte. „Wenn du mich hinhängst, bist auch dran!“
Das alte Weib lachte schrill auf. „Vorher schau ich noch zu, wie sie dich im Katzenweiher vor der Stadtmauer ertränken, als Kindstöterin!“
Die Magd warf der Alten einen letzten argwöhnischen Blick zu, dann verschwand sie nach draußen.
Fragend hob die Hebammentochter ihre Schultern und Hände in hilfloser Geste zu ihrer Mutter. „Warum helft Ihr bloß solchen Weibern, Frau Mutter? Das wird Euch noch zum Verhängnis werden.“
Diese antwortete, ohne den Blick von der Tür zu lassen. „Was bleibt mir anderes übrig. Allein vom Kinder auf die Welt helfen kann eine Hebamme heutzutage nicht leben.“
Johanna zögerte, bevor sie ihrem Herzen Luft machte. „Ihr macht dem Medicus Konkurrenz, das erzeugt Unmut in der Stadt.“
„Jetzt halt dein vorlautes Mundwerk, Kind und mach dich endlich auf den Weg!“
„Wie haltet Ihr so ein Leben bloß aus, Frau Mutter?“
Als diese daraufhin nicht antwortete, nahm Johanna ihre Sachen und ging kopfschüttelnd zur Tür hinaus.
Der Reiter gab seinem feurigen Ross die Sporen und galoppierte quer über die Dornauer Felder. Erdklumpen wurden von den schnellen Pferdehufen losgetreten und aufgeworfen. Sein Jagdhund, eine Deutsche Dogge folgte ihm in weiten Sprüngen. Es war früh am Morgen und die Sonne am Aufgehen. Doch die friedvolle Stimmung trügte, denn die Wintergerste, die im Frühjahr so hoffnungsvoll zu sprießen begonnen hatte, lag völlig verwüstet auf dem schlammigen Boden.
Der Landrichter zog die Zügel an und seufzte. Er war ein Mann in mittleren Jahren, trug einen Spitzbart und war nach der Mode des spanischen Hofes entsprechend nobel gekleidet. Seine beginnende Stirnglatze wurde von einem schwarzen Barett verdeckt, unter den gewölbten Augenbrauen stachen ein paar dunkle Augen hervor und eine schmale, gekrümmte Nase. Der ebenmäßige Mund mit fast feminin wirkenden weichen Lippen und das gespaltene Kinn verliehen seinem Aussehen einen widersprüchlichen Reiz, der von Abenteuerlust und Sinnesfreuden zeugte. Trotz einem deutlichen Bauchansatz gab er eine gute Figur zu Pferde ab und war sich dessen – nicht ohne Eitelkeit – durchaus bewusst. Lässig schwang er sich aus dem Sattel und brach eine Ähre ab; sinnend zerrieb er sie zwischen Zeigefinger und Daumen, dabei schloss er die Augen und seufzte ein zweites Mal. Er liebte es, über die Felder und Wiesen zu reiten, konnte sich nicht sattsehen an dem Grün und den im Wind sacht wogenden Gräsern. Wie oft hatte er in einem Anflug von Zärtlichkeit, seine Fingerkuppen über die Ähren gleiten lassen, seidenweich hatten sie sich angefühlt und erinnerten ihn schmerzlich an das Haar seiner verflossenen Liebsten. Rasch schüttelte er die Gedanken daran ab, das gehörte einer Vergangenheit an, die längst vorbei war. Wut kam in ihm hoch, als er die am Boden liegenden, vom Unwetter vernichteten Halme betrachtete. Das war schon der dritte Hagel im Jahr. Die Bauern maulten und erwarteten von ihm Abhilfe. Schuld an den Unwettern waren natürlich, wie immer: die Hexen – Unholdinnen, die ausgeforscht und überführt werden mussten.
Hanns Friedrich Hörwarth von Hohenburg hatte lange auf so eine große Aufgabe gewartet, seit er vor siebzehn Jahren den langweiligen Posten des Landrichters in dieser ländlichen Gegend fernab von München übernommen hatte, wo der Großteil der Bevölkerung ungebildet und abergläubisch war und die Bürger der Stadt sich auf ihren gut gepolsterten Hintern ausruhten und zu stolz waren, um über ihren Tellerrand zu schauen. Der Landrichter wusste, dass er nur geduldet wurde, einer der ihren war er in all den Jahren nicht geworden. Bis jetzt nicht, das würde sich ändern, bei all den vielen Hexen, die er in letzter Zeit erfolgreich ausgeforscht hatte. Dankbarkeit erwartete er nicht, aber Ruhm und Ehre waren ihm gewiss, daran glaubte er sicher.
Ein Kichern in der Nähe ließ ihn aufhorchen und augenblicklich war er mit seinen Gedanken wieder in der Gegenwart zurück. Er wendete sein Pferd und kniff die Augen zusammen, um schärfer zu sehen. Rauchschwaden stiegen in der Nähe auf und bildeten mit der Morgenröte eine mystische Stimmung.
Am Rande des Feldes standen zwei Bauernmädchen, nicht älter als vierzehn Jahre. Sie wedelten mit langen schwarzen Vogelfedern über einer Schale mit Räucherwerk, dabei riefen sie: „Anna Susanna, schick’s Wetter von danna!“
„Anna Marie, schick’s Wetter von hi!“
Ein Mädel mit gesunder Gesichtsfarbe und einer Menge Sommersprossen darin, erkannte den Landrichter und puffte das andere mahnend in die Seite, so dass es ebenfalls verstummte. Beide Mädchen knicksten höflich, ihre frischen Münder standen leicht offen.
„Was treibt ihr da?“ Der Landrichter kam auf seinem Rappen näher und zog grimmig die schwarzen Augenbrauen zusammen.
„Die Bäuerin hat uns aufs Feld geschickt. Das Räuchern soll die Unwetter vertreiben“, antwortete das Mädel mit den Sommersprossen arglos.
„Das ist Teufelswerk, hört’s sofort auf damit und lasst’s euch nicht mehr bei solchem Tun erwischen!“
Die beiden jungen Mägde senkten schuldbewusst den Blick und nickten brav, dabei pochte ihnen das Herz bis zum Halse, was dem gestrengen Herrn Landrichter nicht entging. Sie waren so blutjung und rosig wie die ersten Blütenknospen im Mai.
Hanns Friedrich Hörwarth entschloss sich, hier Gnade vor Recht ergehen zu lassen. Er erkundigte sich nach dem Namen der Bäuerin, den ihm die forschere von den beiden mit der gleichen Arglosigkeit nannte, und notierte ihn gedanklich.
Zufrieden nickte er und wendete sein Pferd. Ein schriller Pfiff holte den Hund zurück, der in den zahlreichen Maulwurfhügeln auf dem Feld herumgestöbert hatte. Der Landrichter ließ den Friesen angaloppieren und verlor dabei fast seine Kopfbedeckung.
Als der Reiter sich in ausreichender Entfernung befand, bekreuzigten sich die Mädchen und ließen sich erleichtert ins Gras fallen. „Da haben wir nochmal Glück gehabt!“, keuchte das Mädel mit den Sommersprossen.
Diesmal puffte die andere ihre Gefährtin in die Seite. „Ich hab‘ geglaubt, vor uns steht“ – sie bekreuzigte sich abermals – „der – Gott sei bei uns – mit der roten Feder auf dem Hut.“
Johanna war inzwischen auf der Anhöhe angekommen, die Nebelschwaden lösten sich langsam auf und letzte Tautropfen glitzerten auf den Bäumen und Sträuchern. Der steile Anstieg brachte sie etwas außer Atem. Sie machte eine kleine Pause und atmete tief die köstliche klare Luft ein. Hinter ihr lag der beschauliche Ort Peiting, vor ihren Augen grüßten die stolzen Türme und Kirchturmspitzen der Stadt Schongau im goldenen Morgenlicht. Dazwischen tobte der wilde Lech, der zu dieser Jahreszeit Schneeschmelze, Schlamm und Sand vom Gebirge mit sich führte, was seine sonst so grünen Wasser trübte. Das Mädchen stand völlig versunken da und betrachtete ehrfürchtig die Landschaft und das Treiben der Flößer, die schon unterwegs waren auf dem reißenden Fluss.
Der warnende Ruf eines Eichelhähers und plötzliches Rossgetrappel beunruhigten Johanna. Als sie sich umdrehte, sah sie ein schwarzes Pferd im Galopp auf sich zukommen. Der Rappe scheute und bäumte sich vor ihr auf, und nur mit einem beherzten Sprung zur Seite schaffte sie es, den bedrohlichen Hufen auszuweichen.
Der Reiter brachte sein Pferd in den Stand. Besänftigend tätschelte er das nervöse Ross am Hals und pfiff energisch seinen Hund zurück, der das am Boden liegende Mädchen stellte, als wäre es ein Stück Wild. „Ho, Ho, Tassilo! Bei Fuß, Artus!“
Johanna, die sich mittlerweile von dem Schrecken erholt hatte, richtete sich empört auf. „He, wohl toll geworden?“ Als sie an der noblen Kleidung erkannte, dass sie es mit einem hochwohlgeborenen Herrn zu tun hatte, verbesserte sie sich schnell. „Oh, verzeiht mir, edler Herr. Wollte Euch nicht im Weg sein.“ Sie stand auf und sah dem Fremden direkt ins Gesicht. Ihre grünen Augen schillerten im hellen Licht der Sonne wie Smaragde.
Landrichter Hörwarth verlor die Fassung und sprang mit einem Satz vom Pferd, packte das Mädchen an den Schultern und rüttelte es. „Marie! Um Gotteswillen, Marie.“
Johannas Kopftuch rutschte herunter, ihr langes, kastanienbraunes Haar kam zum Vorschein und umrahmte in wilden Locken ihr ovales Gesicht. Das Mädchen schien so verwirrt wie sein Haar, bis es begriff, dass hier ein Missverständnis vorliegen musste und beeilte sich um Aufklärung. „Lasst mich los, Herr! Ich bin nicht Marie!“
Hanns Friedrich Hörwarth kam augenblicklich zur Besinnung. Er stammelte etwas von einer Verwechslung, dann brach er hilflos mitten im Satz ab.
Johanna musterte den fremden Herrn erstaunt. Der Edelmann schien völlig durcheinandergebracht zu sein und es hatte ihm offensichtlich die Sprache verschlagen. Ein peinlicher Moment entstand und Johanna getraute sich nicht, etwas zu sagen. Ein vorsichtiges Lächeln umspielte ihre Lippen, dann gewann der Schalk die Oberhand und ließ sie forsch werden. „Wer’s glaubt! Eine Schwester hab‘ ich nie gekannt, Herr!“
„Du treibst dich besser nicht so allein im Wald herum!“ Der Landrichter hatte sich wieder unter Kontrolle und lächelte zurück. Das Mädchen bot in seinem leicht zerzausten Zustand einen reizenden Anblick.
Johanna klopfte ihre Kleidung vom Staub aus und meinte augenzwinkernd. „Ihr seht mir nicht so aus, als wenn Ihr mich gleich fressen wolltet, edler Herr.“
Hanns Friedrich Hörwarth betrachtete sie wohlwollend und amüsiert zugleich. Auf dem Gesicht des Mädchens zeigte sich ein Ausdruck von Unschuld und Neugier, jener Reiz, den nur junge Mädchen ausstrahlten, die in Sachen Liebe noch ahnungslos waren, aber mit dem Feuer bereits zu spielen begonnen hatten. „Du fängst an, mich zu unterhalten. Wohin zieht es so eine schöne Maid wie dich am frühen Morgen?“
Johanna wurde verlegen und streichelte vorsichtig den Hund, der um sie herum schnüffelte. „Wohin? Überall hin, wenn es mich nur fort von Peiting führt.“
Der Landrichter zog fragend seine Augenbrauen hoch und hob mit einer Hand ihr Kinn an.
Johanna begegnete seinem intensiven Blick mit einem lasziven Augenaufschlag.
„Was für Augen, so grün wie der Lech. Ich habe dich hier in der Gegend noch nie gesehen. Wessen schönes Kind bist du?“
Johanna errötete und drehte hastig ihr Gesicht zur Seite. Sie bückte sich, um die aus dem Korb herausgefallenen Sachen aufzusammeln. „Ich muss weiter, Herr! Der Markt wartet nicht auf mich.“
„Na, dann sitz auf! Kannst ein Stück mit mir mit!“
„Oh, nein Herr, das schickt sich nicht.“
Hanns Friedrich Hörwarth gestattete sich einen tiefen Blick in ihren hübschen Ausschnitt, wo sich die kleinen weißen Brüste bebend hoben und senkten. Er lachte lauthals auf. „Haben wir da ein sittsames Jungferlein?“ Er bückte sich ebenfalls und half Johanna die tönernen Töpfchen, Tücher und Kräuterbüschel vom Boden aufzuklauben, dabei ergriff er ihre Hände und grinste anzüglich. „Was hat sie denn alles zu verkaufen …?“
„Allerlei Kräuter und Salben für sämtliche Zipperlein.“ Johanna erschauderte und spürte, dass die Lage zusehends unangenehm für sie zu werden drohte.
Plötzlich schlug der Hund ein freudiges Gebell an und verschwand im Unterholz.
Eine weibliche Gestalt tauchte aus dem Gebüsch auf. Der Hund wedelte mit dem Schwanz und sprang an ihr hoch. Es war Babette mit einem Korb voller Pilze. Sie hatte das Gespräch offenkundig belauscht und konnte sich eine spöttische Bemerkung nicht verkneifen. „Verzeiht, mein Herr, ich wollte nicht lauschen, aber so ein Tränklein für Eure volle Manneskraft könntet Ihr wohl gebrauchen. Die Peitinger Hebamme hat dafür bestimmt das richtige Mittel, ihre Künste sind ja im ganzen Umkreis bekannt.“
Des Landrichters Gesicht gefror zu einer Maske, er hatte Johannas Hände losgelassen und erhob sich eilig. „Babette! Was hast du hier zu suchen?“
Die Magd knickste kokett. „Nun, mein Herr, das will ich Euch gerne sagen. Ich suchte ein paar schmackhafte Pilze für Euer Abendbrot und fand schon die ersten Sommer-Steinpilze, wenn es recht ist …“
„So? Bißchen früh für die Jahreszeit, aber lass sie sich nicht aufhalten!“, unterbrach der Landrichter das vorlaute Weib schroff. Mit einem Seitenblick auf das fremde Mädchen nahm er die Zügel und stieg grußlos in den Sattel. Er gab seinem Pferd heftig die Sporen und galoppierte Richtung Stadt, ohne dem Hund zu pfeifen, der ihm folgsam hinterher sprang.
Das Mädchen und die Magd sahen ihm solange nach, bis er an der nächsten Wegbiegung verschwunden war. Johanna, erstaunt über Babettes Auftritt, zog ihre eigenen Schlüsse. „Du bist ganz schön frech, wenn das eben dein Dienstherr war.“
Babette zuckte gleichgültig die Achseln. „Ich kann es mir erlauben.“
Johannas Neugier war geweckt. „Ist er die Ursache, warum du schon zweimal bei uns warst?“
Die Magd warf ihr einen warnenden Blick zu. „Pscht, du schweigst besser! Der Landrichter ist ein gefährlicher Mann …“, sie vollendete den Satz nicht.
„So? Ich habe noch nie von ihm gehört.“ Johanna runzelte nachdenklich die Stirn.
Babette gab sich erstaunt. „Was, du kennst den Landrichter von Schongau nicht? Er ist doch berühmt-berüchtigt im Ausforschen von Hexen. Es gibt im ganzen Umkreis kaum mehr eine Hebamme, die er nicht als Hexe verurteilt hat. Was glaubst du, warum ich den beschwerlichen Weg zu euch machen muss?“
„Ehrlich? So sieht er gar nicht aus. Er hat mich mit jemandem verwechselt. Mit einer Marie.“
Die Magd horchte auf. „Marie? So, so …“
„Kennst du sie?“
Babette zögerte einen Augenblick zu lange mit ihrer Antwort. „Nicht dass ich wüsste und wenn, dann ist das schon lange her.“ Sie warf einen neidischen Blick auf das junge Mädchen. „Du gefällst dem Herrn Landrichter wohl. Nimm dich in Acht vor ihm, Johanna. Er pflückt gern schöne Blümchen, du erinnerst dich ja, was ich dir heute früh gesagt habe.“
Johanna zahlte es ihr mit gleicher Münze heim. „Dann hat er bei dir wohl Scheuklappen auf!“
Babette hob arrogant den Kopf und drehte sich im Gehen zu dem Mädchen um. „Und ich sage es nochmal, nimm dich in Acht, sonst bist du schneller als Hexe verbrannt, als dein kleines Spatzenhirn denken kann!“
Verstört sah Johanna ihr nach, sie spürte wie eine plötzliche Kälte an ihr Herz griff und ihr ständig wiederkehrender Traum bedrohlich wie ein Drache vor ihrem inneren Auge aufstieg, eine Vorahnung? Sie schüttelte ihr langes Haar, wie um die bösen Geister wie lästige Bremsen zu verscheuchen, band sich ihr rotes Kopftuch um und straffte die Schultern. Dann nahm sie den Korb vom Boden auf und folgte Babette mit sicherem Abstand.
Der Platz zwischen Ballenhaus und Stadtpfarrkirche glich einem großen Festsaal; umrahmt von den schmucken Patrizierhäusern bildete er den Mittelpunkt des Geschehens, das Zentrum. Die altehrwürdige Stauferstadt blickte von ihrer exponierten Höhenlage und im Schutz ihrer dicken Mauern wie eine Königin auf Land und Fluss herab, wo der Handelsweg von Venedig und Verona nach Augsburg vorbeiführte und ein buntes Gemisch von Besuchern aller Herren Länder mit sich brachte. Darunter waren viele Kaufleute, fahrende Handwerker, Künstler und Edelleute, die für ein paar Tage und Nächte in der Stadt logierten.
Die Flößer transportierten die Waren von Füssen bis zur Floßlände, die auf der rechten Seite des Lechs lag. Was nicht im Zimmerstadel Platz fand, wurde von den dort zuständigen Fuhrleuten mit Ochsengespannen den Lechberg hinauf bis zum Ballenhaus gezogen. Der Rottfaktor hatte die Bereitstellung von 24 Lastfuhrwerkszügen zu garantieren. Die Stadt wurde von Ost nach West durchquert, vom Lechtor zum Kuhtor oder in entgegengesetzter Richtung zurück. Im Ballenhaus, das Amtsgebäude und Lagerhaus war, wurden die Waren des Fernhandels umgeladen und gestapelt. Für diese Zwischenlagerung hatten die Händler pro Ballen eine Abgabe an die Stadt zu bezahlen. Vor dem großen Gebäude, das sich in seiner Länge von Süd nach Nord bis zum Marienbrunnen erstreckte, herrschte ein reges Kommen und Gehen. Männer mit Listen in den Händen, darunter schicke venezianische Kaufleute mit großen wippenden Federhüten, die Ballen von feinstem Stoff auf den Schultern ihrer Dienstboten balancieren ließen und temperamentvoll mit Händen und Füßen untereinander feilschten. Die Venezianer nächtigten vornehmlich im Gasthof zum Goldenen Stern, gleich an der Westseite des Ballenhauses gelegen und das erste Haus am Platz. Die deftige Kost in den anderen Wirtshäusern bekam ihren verwöhnten Mägen nicht. Im noblen Stern sprachen sie reichlich dem gutgebrauten Bier, den erlesenen Speisen und den blonden Schankmägden zu, die nicht nur aufreizend, sondern auch willig waren. Letzteres hinter verschlossenen Türen und Augen des Gastgeb Semer, der auf den seriösen Ruf seines Hauses größten Wert legte, zumindest gab er es vor.
„Attenzione, Signore!“ Der Venezianer war geschickt einem korpulenten Bürger ausgewichen. Sein Träger, ein schlaksiger Mohr im Leinenkittel und mit einem Turban auf dem Haupt, hatte das nicht rechtzeitig mitbekommen und drehte ungeschickt den Ballen, so dass er einen flachsblonden Jüngling am Kopf streifte und dessen Kappe herunterfiel.
Als der Bürger den Burschen erkannte, nahm sein Gesicht eine fahle Farbe an und mit ängstlich geweiteten Augen bekreuzigte er sich gleich dreimal. Der venezianische Kaufmann wunderte sich über das Verhalten des dicken Mannes, deutete mit einer leichten Verbeugung eine Entschuldigung an und winkte seinen ungläubig starrenden Lakaien weiter. „Avanti, avanti, stupido!“
Hannes, so nannte sich der Bursche, hob seine heruntergefallene Kappe auf und schlenderte scheinbar unbeeindruckt weiter, so als wäre er solchen Umgang gewöhnt. Einem aufmerksamen Beobachter wäre allerdings nicht entgangen, dass er um die Nasenspitze blass geworden war und seine Schritte merklich beschleunigte.
Eine Bürgerin mit Haube und vornehmer Halskrause erschrak ebenfalls, als er ihr in den Weg trat und bekreuzigte sich rasch; zerrte ihr Kind umständlich auf die andere Seite. Der dickliche, etwa sechsjährige Bub zog Hannes hinter dem Rücken seiner Mutter eine lange Nase und streckte ihm die Zunge heraus.
Hannes verzog daraufhin sein Gesicht zu einer wilden Fratze, so dass der Bengel zu weinen anfing und unter den weiten Rock der Mutter flüchtete. Zufrieden setzte er seinen Rundgang fort. Er mochte den bunten Markt mit den unterschiedlichsten Gerüchen. Da war ein Bäcker mit von der Hitze geröteten Backen, der zähen, klebrigen Teig um einen Holzstecken wickelte und auf dem offenen Feuer so lange drehte, bis er eine goldbraune Farbe annahm und den unwiderstehlichen, köstlichen Geruch von gebackenem Brot verströmte, dabei rief er mit lauter Stimme: „Frisches Brot macht Wangen rot!“
An anderen Ständen boten Bäuerinnen Eier, Rüben, Kohl- und Krautköpfe nicht minder lautstark feil.
Die vornehme Bürgerin mit ihrem aufsässigen Kind rümpfte die feine Nase über eine leicht angefaulte Rübe, doch die Bäuerin zuckte nur die Achseln und meinte, dass bei dieser unnatürlichen Kälte die ganze Saat verdorben wäre und die gnädige Frau deshalb mit der Ernte vom vergangenen Jahr vorliebnehmen müsse. Hochnäsig ließ die Dame die Rübe fallen und zeigte der empörten Bäuerin die kalte Schulter.
In hölzernen Laufställen, die eng beieinanderstanden, tummelten sich grunzende Schweine, gackernde Hühner und schnatternde Gänse – schicksalhaft vereint im letzten Konzert.
Hannes hielt im Vorbeigehen seine Nase an einen geräucherten Schinkenlaib, den auch grüne Schmeißfliegen verlockend fanden und die sofort aufstoben, um seinen Kopf zu umschwirren. Der Bauer beobachtete ihn dabei mit offensichtlicher Geringschätzung und voller Misstrauen. Er bezweifelte, dass der unverschämte Bursche auch nur einen Kreuzer im Säckel mit sich führte. Abwartend stand er da und verlor ihn nicht aus den Augen. Hannes, den dieser Umgang mit einem potentiellen Kunden verdross, ließ mit angewiderter Miene und abwertender Geste den Schinken los, so als würde ihm von dem Gestank übel. Schon lockte der nächste Stand. Da war eine exotisch aussehende Händlerin mit wallender schwarzer Haarmähne, die – in fremdländisch klingender Sprache und von Gebärden unterstützt – Halsketten mit aufgezogenen bunten Glas- und Holzperlen, silbern glänzende Ringe und klirrende Armreifen darbot. Beim Anblick des Burschen mit den hellen Haaren rollte sie die dunklen Augen, so dass das Weiß ihrer Augäpfel sichtbar wurde und einen auffallenden Kontrast zu ihrer dunklen Haut bildete. Sie legte ihm dieses und jenes Schmuckstück in seine Hand, hielt es ans Licht, so dass es in der Sonne funkelte. Er folgte ihrem ausgestreckten Arm mit den Augen, bis sein Blick an einem Mädchen hängenblieb. Mitten im Gewühl richtete es sich mit einer anmutigen Geste auf, schob eine eigenwillig gelöste Haarlocke unter das rote Kopftuch zurück und stand da, als wäre es soeben einer Welt von Feen und anderen Märchenwesen entstiegen.
Hannes war wie vom Blitz getroffen und augenblicklich verzaubert. Er legte den silbernen Armreif zurück und verließ ohne ein Wort den Stand der venezianischen Händlerin, die, nachsichtig lächelnd, ihr prächtiges Gebiss entblößte und ihm, mit der Zunge schnalzend, hinterher sah. „Amore“, seufzte sie und rollte abermals die Augen.
Schüchtern trat Hannes zu dem Mädchen und tat so, als würde er sich für die Sachen interessieren, die ausgebreitet auf einem großen Tuch, zu seinen Füßen lagen.
Johanna ließ ihm ein wenig Zeit und verfolgte aus den Augenwinkeln, wie sein Blick unschlüssig über die angebotene Ware schweifte. Sie durchschaute seine Absichten sofort, und als er sich anschickte, den Platz wieder zu verlassen, hielt sie ihm forsch einen Bund Kräuter unter die Nase.
Der Bursche zuckte zurück, als hätte er sich soeben verbrannt.
„Trau dich nur! Darfst ruhig einmal daran schnuppern, kostet nichts!“, forderte ihn Johanna ungeniert auf.
Vorsichtig senkte Hannes seine Nase an die getrockneten Kräuter, dann drehte er verstört den Kopf zur Seite, da er nahe an das Mädchen herangekommen und einen femininen Duft wahrgenommen hatte, der seine Sinne verwirrte. Verlegen deutete er auf ein Kraut. „Für was soll das helfen?“
„Das da? Sauerampfer – für einen gesunden Appetit.“
Hannes versuchte, Zeit zu schinden. „Und das da?“ Er zeigte auf einen getrockneten Blumenstängel.
