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Conrad Grebel, Sohn eines mächtigen Zürcher Ratsherrn, verliebt sich nach Beginn der Reformation in eine Novizin des städtischen Klosters Oetenbach. Er brennt mit ihr durch, gegen den Willen seiner Eltern heiraten sie. Zunächst begeistert von Zwingli, geht Conrad immer mehr auf Distanz zu dessen obrigkeitlichem Kurs und wird Mitbegründer einer radikalen, gewaltfreien Gemeinschaft, in der alle predigen dürfen, auch Frauen. Auf der Flucht vor Zwingli und im Besitz eines geheimnisvollen Manuskripts stirbt Conrad Grebel 1526 bei seiner Schwester Barbara in Maienfeld an der Pest. Sie hatte einst seine Liebesbriefe ins Kloster gebracht, jetzt reist sie mit der Todesnachricht nach Zürich. Dort gerät sie in die Terrorphase der Reformation: Der Vater wird hingerichtet und Conrads bester Freund in der Limmat ertränkt. Strenge Sittenmandate werden erlassen, ein Tanzverbot verkündet, für Ehebruch die Todesstrafe verhängt. Dieser Roman liefert ein lebendiges Bild des größten Umbruchs der Zürcher Geschichte – einer Zeit von neuer Freiheit, unerbittlichem Glaubenskampf und Klosterbesetzungen durch Bauern und Bäuerinnen vor 500 Jahren.
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Seitenzahl: 398
Veröffentlichungsjahr: 2025
Conrad Grebel, Sohn eines mächtigen Zürcher Ratsherrn, verliebt sich nach Beginn der Reformation in eine Novizin des städtischen Klosters Oetenbach. Er brennt mit ihr durch, gegen den Willen seiner Eltern heiraten sie. Zunächst begeistert von Zwingli, geht Conrad immer mehr auf Distanz zu dessen obrigkeitlichem Kurs und wird Mitbegründer einer radikalen, gewaltfreien Gemeinschaft, in der alle predigen dürfen, auch Frauen.
Auf der Flucht vor Zwingli und im Besitz eines geheimnisvollen Manuskripts stirbt Conrad Grebel 1526 bei seiner Schwester Barbara in Maienfeld an der Pest. Sie hatte einst seine Liebesbriefe ins Kloster gebracht, jetzt reist sie mit der Todesnachricht nach Zürich. Dort gerät sie in die Terrorphase der Reformation: Der Vater wird hingerichtet und Conrads bester Freund in der Limmat ertränkt. Strenge Sittenmandate werden erlassen, ein Tanzverbot verkündet, für Ehebruch die Todesstrafe verhängt.
Dieser Roman liefert ein lebendiges Bild des größten Umbruchs der Zürcher Geschichte – einer Zeit von neuer Freiheit, unerbittlichem Glaubenskampf und Klosterbesetzungen durch Bauern und Bäuerinnen vor 500 Jahren.
Foto Karoline Wolf
Peter Kamber, 1953 in Zürich geboren, begann nach dem Studium der Geschichte mit freiem Schreiben. Sein Debüt von 1990, die Doppelbiografie «Geschichte zweier Leben» über Wladimir Rosenbaum und Aline Valangin, ist in 5. Auflage lieferbar. Er publizierte zahlreiche weitere Bücher, zuletzt «Fritz und Alfred Rotter. Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil».
Peter Kamber
Roman
Limmat Verlag
Zürich
ERSTER TEIL
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ZWEITER TEIL
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DRITTER TEIL
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VIERTER TEIL
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FÜNFTER TEIL
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Ich glaube ein kommendes grausames und blutiges Jahrhundert zu sehen (…).
Erasmus von Rotterdam an Martin Bucer, Basel, 11. November 1527
Als Schwester Conrad Grebels bekenne ich, Barbara, ohne Umschweife: Das Leben meines geliebten, zuzeiten melancholischen, dann wieder überschießend heiteren, dem unausschöpf baren Zauber der Bücher verfallenen Bruders Conrad Grebel stellte mich nicht nur einmal, sondern wiederholt vor ein Rätsel. Eben noch ein humanistischer junger Dichter, wurde er ein Aufrührer und Mitbegründer der Tauf bewegung, die sich von Zürich aus in zahlreiche Länder verbreitete. Als sich 1525 die bäuerliche Bevölkerung erhob, zog er predigend und taufend über die Lande, ständig auf der Flucht.
Aus Liebe und Zuneigung möchte ich ihn zwar verteidigen, aber fände ich nicht genauso Worte der Nachsicht für seine machtvolleren Gegenspieler, wenn ich diese ebenso gut und von klein auf gekannt hätte wie ihn?
Meinen ersten Mann verlor ich Anno Domini 1520 durch die Pest. Jahre später lebte ich mit meinen drei Töchtern aus jener ersten Ehe bei meinem neuen Mann, Beatus, im Bündner Weinbaustädtchen Maienfeld, als die Pestilenz gewaltsam wiederkehrte. Täufer und Täuferinnen predigten nunmehr auch im Rheintal – obwohl die Gerichte ihnen mit der Todesstrafe drohten.
An einem jener Tage, es mochte gegen Ende Juni 1526 gewesen sein, war Beatus schon in der Morgendämmerung mit meiner ältesten Tochter nach Ilanz geritten. Grellsilbern und drückend lagen die Wolken über der Flussebene. Da meinten plötzlich die zwei bei mir gebliebenen kleinen Töchter übereinstimmend, sie hätten eine seltsam leise Stimme und ein Klopfen gehört. Kaum hatte ich die Tür, die sich nach außen hin öffnete, aber sonderbaren Widerstand leistete, aufgestoßen, ertönte ein dumpfes Geräusch, als ob ein schwerer Gegenstand umstürzte. Da erst erkannte ich meinen Bruder Conrad in weißen Kleidern am Boden liegen.
Er gab keinen Laut von sich. Die beiden Mädchen schrien auf. Was war mit ihm? Er öffnete die Augen. Wollte er auch wie Beatus nach Ilanz?
Dort hatte bereits Anfang des Jahres eine Glaubensdisputation zwischen den katholischen Anhängern des Fürstabts von Chur und seinen evangelischen Herausforderern stattgefunden – jedes der beiden Lager stellte sich nachträglich als Sieger hin. Nun aber sollten für ganz Graubünden sogenannte Artikel aufgestellt werden, die den Fürstabt endlich seiner weltlichen Macht berauben, die Klöster unter Kontrolle stellen und die Leibeigenschaft der Bauern abschaffen oder mildern würden. Beatus wollte, dass wenigstens eine meiner Töchter diesen Triumph mit eigenen Augen sähe, und sie beide beabsichtigten, mehrere Tage wegzubleiben.
«Barbara», stammelte Conrad und suchte meinen Blick. Müde, fiebrig, schwankend musste sein Schritt gewesen sein, ehe er vor dem Haus, das ihm bekannt war, umsank. Die Lippen wirkten ausgetrocknet. Er klammerte sich an ein Bündel, aus dem die Kante eines Buches und lose Papiere ragten.
«Ich bin auf dem Weg nach … wo sich große Dinge tun … ich darf da nicht fehlen», flüsterte er stockend und kaum verständlich. Er müsse sich nur kurz ausruhen, er fühle sich nicht gut, in ihm drehe sich alles … sein Kopf drohe zu zerspringen – wie er meinte: wegen der Sonne, die hinter dem dünnen Schleier der Wolken in seltsam mattem Glanz, aber umso durchdringender strahlte.
Den Bart hatte er sich lange nicht mehr geschoren, und das Haar war struppig und lang. Ich beugte mich über ihn und rief der mittleren Tochter zu, einen Wasserkrug und ein Tuch zu holen.
Doch da trat von hinten plötzlich unser Knecht hinzu und zog mich mit einem Warnruf weg. Er war früher als Söldner Graubündens durch zahlreiche italienische Städte gezogen, die Adern an seinem sehnigen Hals waren so dick wie Schilfrohre und die dünnen Beine vom Reiten gekrümmt.
«Vorsicht, Meisterin! Nicht berühren! Wenn er die Pest hätte?»
Ich überredete Conrad, die Kleider selbst auszuziehen. Schuhe trug er keine. Nur Lappen hatte er sich um die Füße gebunden. Während der Knecht mit Stroh und Holz an Ort und Stelle in der Gasse Feuer entfachte und, nur mit einem Ast hantierend, auch Wams, Hose mitsamt der wenigen Münzen verbrannte, überlief Conrad ein Kälteschauer.
Der Knecht holte starken Essig und Wein, goss beides in einer Schale zusammen und reichte diese meinem Bruder. Der schien plötzlich Bescheid zu wissen, ließ den Stoffbeutel mit dem Buch zur Erde sinken und unterzog sich der Reinigung.
Mit wässrig-glänzenden Augen sah er mich seltsam entrückt an und murmelte:
«Erster Korintherbrief, Paulus: Wie zum Tode Verurteilte, zum Schauspiel – théatron – sind wir geworden für die Welt, für Engel und für Menschen, … leiden … Hunger und Durst, entblößt … Auswurf der Welt …»
Der Knecht fluchte:«Er redet wirr, ein schlechtes Zeichen!»
Rasiermesser und eine Schale mit aus Asche gewonnener Lauge folgten; die jüngste Tochter brachte auch einen kleinen Spiegel.
«Hier, Onkel», sagte sie.
Ich schob Conrad die Schere hin. Im Feuer verbreiteten die abgetrennten Haarsträhnen einen beißenden Geruch. Das verbliebene, ungleich geschnittene Haar wusch er sich mit dem Rest der Lauge und spülte es mit Essig und Wein, von dem er zuerst begierig trank. Am Finger blieb ihm nur der Siegelring – das Wappen der Grebel mit den Initialen cg, und er wankte, mir folgend, ins Haus. Auf der Schwelle blieb er stehen und streckte seine Hand nach der liegen gebliebenen Stofftasche. «Das letzte Exemplar …», flüsterte Conrad, «ein Buch, es darf nicht verloren gehen …»
«Lasst, Meisterin», wehrte der Knecht ab,«ich werde mich darum kümmern und es ausräuchern – für den Fall, dass die Pest den Weg bis in das Papier hineingefunden hat.»
Er holte die Feuerzange. Drinnen sank Conrad auf einen Strohsack nieder und verdeckte seine Scham mit einem Leintuch. Unruhig fragte er:«Wo ist es? Alle anderen Drucke wurden abgefangen und vernichtet …» Kaum lag er ausgestreckt, verließ ihn das Bewusstsein.
Ich schickte die beiden Töchter los, um dem Bruder meines Mannes, der in Maienfeld Landvogt war, eilig Bericht zu geben. Sie kehrten nicht zurück. Dafür kam einer von seinen Bediensteten schwer bewaffnet herangeritten und zog, als er den Knecht und mich am Feuer sah, die Zügel straff an, um das Pferd auf Abstand zu halten. Vor die Nase presste er sich einen tropfenden Schwamm.
Mit einem Stecken hatte ich inzwischen das Buch durchgeblättert, und der Knecht hielt es mit der langen Zange in den Qualm. Es war nicht dick und in großen Buchstaben gedruckt. Als der Knecht auf blickte, löste sich ein eingelegter Brief und entzündete sich. Fluchend wollte er ihn mit dem Schuh retten, doch vergeblich.
Laut und mit halb verdecktem Gesicht überbrachte der Reiter den Befehl des Landvogts: Der Knecht, mein Bruder und ich dürften das Haus nicht mehr verlassen. Alle Fenster und Türen würden mit Nägeln und Brettern zugesperrt. Was wir an Nahrung benötigten, würde uns durch die kleine Öffnung beim Fenster hereingereicht. Das Feuer vor dem Haus müsse weiter brennen, die Nachbarn hätten es der verpesteten Luft wegen mit Wacholder und anderen Hölzern und Kräutern stets neu zu entfachen. Oberhalb der Tür werde ein Büschel Stroh befestigt, als Zeichen für jede Person, zurückzuweichen.
Dann lenkte er sein Pferd zu uns, zog sein Schwert und schlug dem Knecht die Zange mit dem Buch aus der Hand. «Nein, nicht!», rief ich. Doch sofort begannen die Seiten zu brennen. Vor mir lag der Stoff beutel mit Briefen und Aufzeichnungen. Auf Anordnung des Landvogts sei alles zu verbrennen, befahl er, beugte sich über den Hals des wiehernden Pferdes, spießte mit der Klinge den Beutel auf und schleuderte ihn ebenfalls ins Feuer. Das Schwert drückte er in die Flamme, bis Stoff und Papier vollkommen verkohlt waren.
Schon einige Tage nach der Ankunft Conrads hatten sich unter seinen Armen rötliche, beulenartige Geschwüre gebildet, die viel größer waren als Karfunkel. Wenn er die Augenlider aufschlug, beschrieb er mir die grässliche innere Hitze und den unstillbaren Durst.
«Pestilenz», sagte der Knecht und begann sich von da an schon frühmorgens zu betrinken – was auch auf den Kriegszügen seine bevorzugte Schutzmaßnahme gewesen sei, meinte er.
Die Pillen aus Rhabarber, Sauerampfer, Enzian, Bibernelle, Baldrian, Knoblauch und Safran, die mir mein Mann Beatus nach seiner Rückkehr aus Ilanz durch die Öffnung hineinschob, nahm ich dankbar. Der Knecht ließ sie unberührt. Auch dem Bettlager mit Stroh, auf dem Conrad zitternd und unruhig, aber tapfer und ohne je zu klagen lag, näherte sich mein Knecht nur unter einem kräftigen Schluck aus dem Weinkrug oder kniff sich die Nase zu und drehte sich gleich wieder schimpfend ab, denn Conrads Atem roch im Wortsinn pestilenzialisch: Die Innenseite der Lippen war voller Blasen und seine Zunge verfärbte sich allmählich schwarz. Den schleimigen Nachttopf, der vom Pestgift über alle Maßen stank, vermochte auch ich nicht auszuschütten und zu spülen, ohne mir dabei ein mit Essig getränktes Tuch ans Gesicht zu pressen. Der Harn war bleifarben schwärzlich – um meine Beschreibung auf das auszudehnen, was andere, Gott bewahre, vielleicht einmal auf diese schwere Aufgabe vorbereiten kann.
Conrad wollte nur trinken, verweigerte auch wohlriechende Speisen, etwa mit Thymian, Basilikum und Myrrhe gefüllte gekochte Äpfel. So bemühte ich mich, ihm das Gemüt und das Herz zu stärken, mit klarem Wein und meinem Spiel auf der Laute, und hörte ihm zu, wenn er denn zuweilen, vom Fieberdelirium wie erlöst, mir anvertraute, was er sonst noch keinem anderen Menschen berichtet hatte.
Dadurch kamen wir einander wieder so nahe, wie als wir Kinder waren, in Zürich, beide im Spiel am Bach hinter unserem Wohnhaus, dem Bilgeriturm – und er sich vor den Gespenstern fürchtete, die er in Großmutters Haus jenseits des schmalen Gewässers zu erblicken glaubte. Denn in dem Gebäude mit dem großen Säulensaal war einst der Gebetsraum der Zürcher Juden gewesen – vor ihrer Vertreibung und Ermordung im Vorfeld der Großen Pest fast zwei Jahrhunderte früher –, und obwohl Conrad jedes Mal danach schlecht schlief und im Traum sprach, bat er meine Großmutter Anna Elisabetha immer wieder von Neuem, ihm diese Geschichte zu erzählen, von der sie ihrerseits aus dem Munde der Ahnen gehört hatte: wie die an das Gesetz von Moses Glaubenden von Zunfthandwerkern, die Brandfackeln schleuderten und plünderten, aus den Zimmern geholt und zwischen den Grabreihen ihres eigenen Friedhofs auf Scheiterhaufen vom Leben zum Tod gebracht wurden, sofern sie nicht schon vorher unter Verlust all ihrer Habe aus der Stadt geflüchtet waren. Alles nur, weil übelmeinende Gerüchte ihnen andichteten, sie seien Verbreiter der heranrückenden Pest, über deren Ursachen doch überhaupt keine Gewissheit bestand und die dort, wo sie ausbrach, Christen und Juden gleichermaßen ereilte.
Schon früh zeigte sich bei meinem Bruder ein Abscheu vor Grausamkeit und Ungerechtigkeit. Ihn belastete der Gedanke, dass Großvater Ulrich Grebel lange Zeit später eben diese ehemalige Synagoge, das Haus zur Judenschule, wie die Leute sagten, billig erwarb. Nach dem Tod der Großmutter vermochte mein Vater, Ratsherr Jakob Grebel, das Gebäude, dessen Herkunft inzwischen nur noch den wenigsten bekannt war, mit erheblichem Gewinn weiterzuverkaufen. Zwar war der erste Grebel nicht eher als ein halbes Jahrhundert nach diesen Morden in Zürich angekommen und zuvor Schultheiß in einer kleinen deutschen Reichsstadt gewesen. Wegen eines Umsturzes dort, in Kaiserstuhl am Rhein, hatten er und andere entmachtete Familien die Flucht ergriffen und das Recht erlangt, in Zürich ansässig zu werden. Doch wann hört Schuld auf? Und wo beginnt sie?
Als Conrad so dalag, mit einem sanften Lächeln, musste ich unwillkürlich an sein plötzliches Auftauchen in Zürich sechs Jahre zuvor, Anfang Juli 1520, denken. Das Studium in Paris hatte er kurzerhand abgebrochen. Damals war er zweiundzwanzig.
Die Liebe bringt in uns eine plötzliche Veränderung, auch in dem, was wir über uns selber wissen. Dieser Wandel vollzog sich bei Conrad nicht etwa in der Form einer zum Gefühl drängenden philosophischen Einsicht, nein, die Glut der Liebe selbst ergriff meinen Bruder sogleich nach seiner Rückkehr aus Frankreich – und dies in der quälendsten Gestalt: wenn die Erfüllung unerreichbar scheint. Denn er lernte die Frau, die ebenso jung war wie er, ausgerechnet im Zürcher Kloster der Frauen am Oetenbach kennen.
Einen ungewöhnlicheren Ort für das Zusammentreffen zweier Personen, denen die Sterne oder über ihnen welche Mächte auch immer die Liebe versprachen – so redete Conrad zu der Zeit noch –, habe sich die missgünstige Fortuna kaum je ausgedacht. Denn wie hätte sich mein verzweifelter Bruder vorstellen sollen, dass unter den gegebenen Umständen diese Klosternovizin und er jemals Frau und Mann werden könnten?
Es mag merkwürdig erscheinen, dass ich diese junge Frau nicht von Anfang erwähnte. Denn natürlich sprach er in den durch die Glut der Pest verursachten Fieberträumen andauernd von ihr. Obwohl sie sich von jedem Besitz gelöst hatte – und später dem Kloster entlief, wie der abschätzige Ausdruck damals lautete –, wurde sie zur Schlüsselgestalt in der Lebensgeschichte Conrads. Meine Hemmung, von ihr zu sprechen, rührt daher, dass sie denselben Vornamen wie ich trug, Barbara. Erst nach und nach wählte Conrad für sie die Kurzform Bärbel, um uns zu unterscheiden.
In jener noch katholischen Zeit der Entsagung fand mein Bruder nur Trost in alten griechischen Klagegesängen, den Epigrammen auf Tote. Da stand etwa über einen in Trauer Umherirrenden:… eine Wunde verbirgt der Fremdling. Fremd kam Conrad sich vor, in der eigenen Stadt. Melancholie wurde zum bestimmenden Gefühl – gerade wegen dieser unerfüllbaren Liebe.
Zugetragen hat sich alles so: Meine Mutter löste sich sofort in Tränen auf, als Conrad nach seiner vorzeitigen Rückkehr aus Paris sauber gebadet in seiner ausgesuchten französischen Kleidung unter ihre Augen trat. In ihren Schluchzern vermischten sich untrennbar der Kummer über die kurz zuvor verstorbene zweitjüngste Tochter Euphrosyne und der feuchtsalzige Groll über ihn und sein ruhmloses, verschwenderisches, uneinsichtiges Leben. Daraufhin hatte Conrad umgehend Tante Agathe, die Klosterfrau, aufgesucht, um von ihr persönlich geschildert zu bekommen, wie Euphrosyne unter den letzten empfangenen Segnungen der Religion hinübergegangen war an jenen Ort, von dem es keine Rückkehr gab, wie Conrad sagte.
Bei dieser Gelegenheit sah er jene Unbekannte erstmals, mit der ihn das Leben zusammenbrachte – sie holte ihn an der Klosterpforte ab, um ihn zu Agathe zu führen. Die Tante bemerkte das verwirrte Augenspiel der beiden, ließ sich aber nichts anmerken und stellte ihm die junge Frau als Novizin vor, die aus dem Elsass komme, aber eigentlich, was die Familie betreffe, von noch weiter her, nämlich aus Finlandia stamme, und dass sie sich durch große Bildung auszeichne – während die Novizin umgekehrt erfuhr, dass er Agathes Neffe war. Doch dann entschwand sie schon seinen Blicken.
Die engelhafte Erscheinung sollte er indessen viel früher wieder zu Gesicht bekommen, als er annahm. Auch ich konnte weder ahnen, dass der tiefgehende Umbruch der kirchlichen Verhältnisse die zwei trotz der Klostermauern zueinanderbringen würde, noch dass die beiden sich gemeinsam davonstehlen und, wieder zurück, sich in einen Ehebund ohne Wissen und Erlaubnis meiner Eltern stürzen würden. Hätte gar jemand vorausgesagt, dass Conrad, nachdem ein drittes Kind den zwei ersten gefolgt war, sich von dieser Frau trennen würde, um als aufrührerischer Laienprediger über die Lande zu ziehen, hätten wir uns alle nur entsetzt auf die Brust geschlagen.
Tante Agathe mochte als Einzige verstanden haben, dass die aufrichtige Geradlinigkeit der Novizin in vollkommenem Gegensatz zu den Eigenschaften Conrads stand, der zwischen Schwermut und unsäglicher Begeisterung ständig hin und her schwankte – und dadurch zu unvorsichtigen Entscheidungen neigte. Ja, es sollte so weit kommen, dass Mutter nach anfänglicher Feindschaft in stillen Stunden sogar froh um diese junge Frau war. Doch wiederum, es möge mir dies nachgesehen werden, erzähle ich dies besser vom Ende her, weil ich mich nur wundern kann, wie sich das Schicksal unserer Familie entschied.
Denn diese Fügung, die wollte, dass Bärbel als Conrads Frau nach und nach anstelle der toten Euphrosyne zu Mutters neuer Tochter wurde, blieb nicht ohne Rückwirkung auf Conrad selbst: In diesem Familienbild schien ihm unter den mächtig wie Mond und Sonne erstrahlenden Eltern nur die Position des ewigen Sohns zu bleiben, und je mehr meine Mutter Bärbel an sich zog, umso mehr redete Conrad sich ein, sie werde ihm weggenommen. Mir hatte er einmal anvertraut: Mit Bärbel habe er geglaubt, die Frau zu finden, die in allem anders als seine Mutter wäre, aber wie als Fortunas Rächerin habe Mutter es darauf angelegt, sie, Bärbel, sich so ähnlich wie möglich zu machen.
Meinem Bruder Conrad war etwas Drängendes eigen. Unermüdlich versuchte er etwa auch, mir das Griechisch der alten Philosophen näherzubringen. Aber wenn bei denen die Bezeichnung für eine vorgelegte Streitfrage próblema hieß, so stand das Wort zugleich auch für Klippe – und über diese drohte Conrad zu stürzen! Die Schärfe seines Geistes paarte sich nicht mit einer Seelenklugheit, wie Bärbel sie für sich erreicht hatte.
Je rascher die Reformation voranschritt, umso deutlicher wurde, dass wir die Folgen des eigenen Tuns weder verstehen noch voraussehen. Die aufrührerischen Gedanken und Taten Conrads machten den Streit im Hause Grebel zu einer Affäre des ganzen Staates. Und wenn diese darin gipfelte, dass Zwingli die Hinrichtung meines Vaters Jakob erzwang, so lag darin jene Tragik, bei der sich die Schuld auf so viele Menschen und in einer solchen Gleichmäßigkeit verteilt, dass wir desto eher ein Verhängnis am Werk sehen, je mehr wir meinen, arglos und mit besten Absichten zu handeln.
Die alten griechischen, persischen und arabischen Gelehrten nahmen an, die Pest verbreite sich durch üble Dünste aus der Erde und faulige Luft – weswegen die Stadt Zürich festschrieb, dass Misthaufen von Vieh – auch von Kleinvieh – jeden Monat abgetragen und der Mist auf die Felder hinausgebracht werden müsse.
Unter den Büchern, die in unserem Hause in Maienfeld standen, befand sich auch eine Schrift über diese schreckliche Krankheit und Geißel der Menschheit. Geschrieben hatte sie mein Schwager, der St. Galler Arzt Joachim Vadian. Er machte mir das kurze Werk 1519 gleich beim Erscheinen zum Geschenk. Das war noch vor dem Tod meines ersten Mannes im darauffolgenden Jahr – doch der Kummer lässt mich wieder unnötig vorgreifen.
Die Pest komme infolge «eines verborgenen Gifts aus der Luft in den Menschen», betonte auch Vadian, und zwar durch eine «schädliche Konstellation oder Verfügung der Gestirne», welche die «Luft in ihrem Wesen schwäche».
Vadian war viel gereist, ein bekannter Humanist und sogar poetus laureatus des Kaisers. Als Doktor der freien Künste und der Medizin an der Wiener Universität hatte er einige Jahre die Ehre gehabt, deren Rektor zu sein, ehe er als Stadtarzt in seine Heimatstadt St. Gallen zurückkehrte, die mit Zürich eng verbündet war.
Mein Bruder Conrad lernte eine Zeit lang bei Vadian, im kaiserlichen Wien – ehe er das Studium aufgab, da bereits unter ähnlich unrühmlichen Umständen wie später in Paris.
Doch noch vor der Abreise nach Frankreich verwendete mein Bruder viel Geschick, Witz und Geist darauf, Vadian, diesen damals noch unverheirateten gelehrten Mann, als Freund in unser Zürcher Haus einzuladen – wo sich eine meiner Schwestern, Martha, in ihn verliebte.
Martha war ein wortreich heiteres, unbeschwertes Geschöpf, und wenn mein Vater, der Ratsherr, hohe Gäste empfing, glänzte eher sie mit ihrem Verstand und klaren, ruhigen Blick – und nicht etwa Conrad, der seiner stockenden Redeweise wegen in angespannt schweigender Beobachtung verharrte.
Martha blieb uns stets eine treue ältere Schwester, auch meinem jüngeren Bruder Andreas und der von uns allen vergötterten und deshalb zuweilen närrisch vorlauten und eigensinnigen Dorothea, der Jüngsten.
Als die Vermählung im Sommer 1519 stattfand, zeigte sich Vadian sehr um Martha besorgt. Der besseren, frischeren Luft wegen, auf die auch mein Vater, nicht nur Medicus Vadian schwor, wurde die Feier wegen der ausgebrochenen Pest ins Schloss Wädenswil hoch über dem See verlegt, wo ein Onkel von uns Amtmann war – eine gute Reitstunde außerhalb der Stadt Zürich. Martha und ihr Ehemann sollten in der Folge mehrere Monate dort verbleiben.
Um wenigstens aus der Ferne etwas gegen die Seuche zu unternehmen, hatte Vadian anschließend dieses Traktat über die Krankheit der Pestilenz verfasst und gleich in Basel drucken lassen. Es wurde in alle Städte ausgeliefert.
Die Pest fand stets neue Wege, um sich zu verbreiten. Wir anderen zogen uns nach der Hochzeit in den Wohnturm meiner Eltern am Neumarkt in der Stadt Zürich zurück, auch meine beiden ersten Töchter. Mein erster Mann Leonhard, über den zu reden mir aus Kummer noch immer schwerfällt, reiste trotz meiner flehentlichsten Bitten erneut zu seinem Landsitz außerhalb der Bäderstadt Baden bei Zürich, weil er die Aufsicht über die Ernte nicht anderen überlassen wollte, und starb im Sommer danach, 1520. Von meiner dritten Tochter, die damals schon in meinem Körper ruhte, ahnten wir beide noch nichts. Vielleicht hätte wenigstens dies ihn umgestimmt. Als mich die Nachricht von seinem Tod erreichte, war ich so betrübt, dass ich Vadians Schrift nicht mehr anzurühren wagte. Gerade dadurch wurde mir dieses Büchlein – Ejn kurtz und trüwlich underricht, wider die sorgklich krancheyt der Pestilentz – zu einem Gegenstand scheuer Andacht, als bewahrte dieser Druck mein tiefstes Geheimnis auf.
Nun erst, mit Conrad auf dem Krankenlager, zog ich das schmale Bändchen mit angehaltenem Atem wieder hervor.
Schon bei den Hochzeitsfeierlichkeiten 1519 in Wädenswil hatte Vadian die merkwürdigsten Schutzvorkehrungen gegen die Pest angeordnet. Das Schloss mit weitem Blick auf den lang gezogenen Zürichsee war damals noch im Besitz des Johanniterordens. Ein geistliches Leben fand nicht mehr statt, es wurden nur die Abgaben der abhängigen Bauern eingetrieben, die spürbar unzufrieden waren und wenige Jahre später in einem Aufstand sogar das Schloss belagerten, mit kräftiger Unterstützung übrigens von Conrad und seinen Freunden.
Als Verwalter oder Schaffner des Schlosses Wädenswil erwies sich der junge Stief bruder meines Vaters Jakob, unser Onkel Hans, als großzügiger Gastgeber. Ich betone das auch, um zu zeigen, wie selbstverständlich die Teilhabe an Macht und Herrschaft für unsere Familie damals war.
Vadian ließ duftstarke Blüten und Kräuter sammeln und, wo sie fehlten, für teures Geld aus den Apotheken Zürichs heranführen. Braut und Bräutigam waren im luftigsten Zimmer untergebracht, zuoberst im runden Turm, der schlank wie ein Federkiel in die Höhe ragte.
Martha saß mit gemischten Gefühlen, zugleich belustigt und verängstigt, auf dem Bett, während Vadian junge Weidenblätter auf dem Boden ausstreute und die Wände mit einem Gemisch aus Essig und Rosenwasser besprengte. Dann verfeuerte er im offenen Kamin des Brautgemachs – trotz der Sommerhitze – Wacholderholz, um anschließend, lateinische Namen vor sich her sagend, Kräuter, Apfel-, Birnen- und Quittenstücke sowie Duftessenzen auf die Glut zu werfen, die zischend oder knisternd im Qualm verbrannten. Der Rauch ließ Marthas Augen tränen und sie hustete, worüber er sich freute, denn das bewies ihm die reinigende Wirkung. Sie sah das anders, riss das Fenster auf und rief:
«Hast du nicht gesagt, stetes Lüften der Zimmer sei das Allerwichtigste?» Darin pflichtete er ihr bei und freute sich einmal mehr über Marthas wachen Geist: Es gebe keine bessere Arznei, als schnell vor der vergifteten Luft zu fliehen, so weit wie möglich, um möglichst spät erst zurückzukehren, wenn das große Sterben vorüber sei.
Manche warfen dies Vadian als Verrat vor. Die Stadt St. Gallen werde ihm vergeben, hoffte er, wenn er alles, was gegen die Pestilenz vorzukehren sei, samt Rezepten für die Apotheker niederschriebe und den Ratsherren gedruckt zuschicke.«Gott verlangt nicht, dass wir uns in unnütze Gefahr des Todes begeben, wenn wir dies durch den Gebrauch der Vernunft und des freien Willens – und der Gnade des Himmels – vermeiden können.»
Täglich musste eine Magd auf den Knien den Holzboden mit Essig fegen, ehe er von Neuem seine Weidenblätter verstreute. Ich stand oft, mit Martha kichernd, in der Tür. Doch das Lachen sollte mir bald vergehen.
Abgesehen vom Turm wirkte das Schloss Wädenswil eher wie ein vornehmes Stadthaus, war aber von einer hohen, gezackten Mauer umgeben. Das Wirtschaftsgebäude mit den Ställen und der Scheune stand innerhalb der Umfriedung auf einem von Reben und Obstbäumen gesäumten Hügel. Das Dorf selbst mit der Kirche lag unten am See, gegen wilde Tiere durch einen aus dünnen Ästen und Ruten geflochtenen Zaun eingehegt. Nachts war das Ächzen einer Mühle zu hören, deren Rad sich am Bach drehte. Doch die dörfliche Bevölkerung – Leibeigene des Johanniterordens – hielt recht abscheulich klingende Reden über die Leute aus der Stadt, die hier selbstsüchtig vor der Krankheit Zuflucht suchten und denen nichts für ihre Vergnügungen zu teuer sei. Die Kosten der medizinischen Kräuter ausgenommen, hatte sich Vadian vergeblich gegen das Gepränge des Schlossherrn und die offen zur Schau getragene Prunksucht meines Vaters Jakob und meiner Mutter Dorothea gewandt. Nur wenige Jahre später, im Januar 1524, brach der Aufstand los, und die Bauern sollten das Schloss und meinen Oheim belagern.
Mein Vater Jakob Grebel gehörte dem Kleinen Rat der Stadt Zürich an, der die täglichen Regierungsgeschäfte besorgte. In diesem engen Kreis der Mächtigen nahm Vater auf Geheiß der zwei sich halbjährlich ablösenden Bürgermeister die Aufgaben der äußeren Politik wahr. Deshalb kannte er die Kaiser- und Königshöfe. Wenn er als Delegierter meist wochenlang unterwegs war, dann stets mit einem Tross Berittener in den Farben der Stadt: Blau und Weiß.
Meine Mutter Dorothea indessen kam aus dem kriegerischen Land Uri, das einst die Eidgenossenschaft mit begründet hatte und nicht von ungefähr einen Stier im Wappen trug. Dickköpfig war auch sie, und es fiel ihr schwer, Zornaufwallungen zu beherrschen. Wo Worte nichts halfen, erstickte sie ihre Stimme in noch vorwurfsvolleren Tränen. Ihr eigener Vater hatte als Ammann einst die Staatsgewalt in diesem kleinen Staat am Fuße des Gotthardpasses verkörpert. Deshalb war sie Seide und Schmuck gewohnt, hatte eine ansehnliche Bildung genossen und fand Freude am Lesen.
Das Ansehen der herrschenden Geschlechter in Zürich und anderswo war eng daran geknüpft, bedenkenlos Geld auszugeben. Deshalb fruchteten Vadians Bitten, für die Hochzeit geringeren Aufwand zu treiben, nichts – obwohl mein Vater Jakob Grebel Grund gehabt hätte, auf seinen neuen Schwiegersohn zu hören. Zwar hatte Vater als Eisen- und Waffenhändler lange Zeit beachtliche Gewinne erzielt, aber die Geschäfte lagen wegen der Pestilenz danieder. Das wollte er nicht zu erkennen geben.
«Kein schlechterer Moment zu sparen, als wenn die Leute denken, dass du kein Geld mehr hast!», vertraute er mir an. Seinen Besitz hatte er in früheren Jahren erweitert, als er von der Stadt Zürich zum Landvogt von Grüningen gewählt worden war. Mein Vater – und nicht nur er allein – empfing auch jahrelang persönliche Gaben und Zahlungen des französischen Königs. Denn mit Frankreich unterhielten Zürich und die übrigen Eidgenossen Solddienstverträge. Über diese geheimen Gelder wahrte mein Vater ebenso wie seine Ratskollegen Stillschweigen – denn sie flossen auch vonseiten des Kaisers, bis die Stadt es klüger fand, sie allesamt zu untersagen.
Nur mein Bruder Conrad ahnte etwas davon. In Wien hatte er mit einem üppigen kaiserlichen Stipendium studieren können – vielleicht aus diesem Grund verschwendete er es sträflich. Das wurde ihm beinahe zum Verhängnis.
Conrad sah sich als Dichter und mochte sich auf kein Examen vorbereiten. Stattdessen ließ er sich, vom Wein betrunken, auf Schlaghändel ein. Mir war lediglich bekannt, dass er ohne Vadians medizinische Künste 1518 in Wien vermutlich an einer schweren Armverletzung gestorben wäre, nach einem mit Degen ausgetragenen Streit unter Studierenden. Als er aus Wien zurückkehrte und noch im selben Jahr nach Paris weiterzog, hat er dies verharmlost.
Bei der Feier in Wädenswil spürte ich, dass Vadian darauf brannte, von mir zu erfahren, warum Conrad in Paris blieb und nicht zur Hochzeit kam. Als sich mir die Gelegenheit bot, den Medicus auf einem Spaziergang zu begleiten, wollte ich ihm umgekehrt Fragen über den damaligen blutigen Vorfall stellen.
Vadian schien zu bescheiden, um es wirklich auszusprechen: dass damals in Wien nur wenig fehlte, und der bis auf den Knochen fast abgetrennte Arm Conrads wäre verloren gewesen. Unter Vadians Aufsicht nähte ein Chirurgus die klaffende Wunde zu. Im selben Gefecht hatte Conrad auch eine Verletzung am Rücken erlitten, als er sich von einem Stoß seines nachstechenden Gegners wegdrehte. Trotz Salben und Umschlägen heilte die Schramme nicht aus und quälte Conrad, wie er mir in den Briefen aus Frankreich schrieb, noch immer.
In Paris lebte Conrad diesmal mit einem königlich-französischen Stipendium. Zwar hatte mein Bruder Besserung gelobt. Als misstrauischer Kaufmann zahlte Vater dieses neue Geld nur in Raten aus, sosehr Conrad auch um mehr bettelte. Aus Berichten fahrender Studenten erfuhren wir in Zürich das eine oder andere über Conrads Lebenswandel. Es übertraf alle Befürchtungen. Vielleicht übertrieben die Scholaren, denn je blumiger sie erzählten, umso tiefer griff Vater in seinen Geldbeutel, und das sprach sich offenbar herum. Conrad schenke, so hieß es, ob wahr oder nicht, dem Wein, der Dichtung und nicht besonders gut beleumdeten Frauen mehr Aufmerksamkeit als den Studien und lebe als humanistischer Poet in Paris noch bedenkenloser als in Wien.
Das sei alles nicht wahr, beteuerte Conrad in stürmischen Briefen. Einmal sei ihm ein Teil des Geldes gestohlen worden, und die andere Rate habe ihn nicht erreicht, weil der Bote sie entweder unterschlug oder unterwegs der Pest oder Wegelagerern zum Opfer fiel. Das klang nach Ausflüchten und machte meinen Vater noch ungehaltener. Aus Furcht um seinen Sohn verweigerte er weiteres Geld. Conrads zerknirschte Bitten, ihm doch wenigstens das Reisegeld für die Hochzeit seiner Schwester Martha und seines verehrten Freundes Vadian zu schicken, ließ Vater unbeantwortet – Conrads Briefe wurden sogleich verbrannt, was ich nun wiederum sehr merkwürdig fand. Enthielten sie hinsichtlich Vaters Finanzen belastende Aussagen? Niemand durfte bei der Hochzeit in Wädenswil den Namen meines Bruders Conrad auch nur erwähnen. Das flüsterte ich Vadian zu, als niemand uns hörte.
Ich könne es mir nur so erklären, sagte ich: «Gefährliche Gerüchte kursieren bereits über die Bestechlichkeit der Franzosenpartei, der mein Vater zugerechnet wird. Das für seinen in Frankreich weilenden Sohn bestimmte Geld könnte ihm angelastet werden …»
«… und darum unternimmt er keinen Versuch mehr, es Conrad zu schicken», folgerte Vadian.
Schweigend kehrten wir um.
Auch deswegen, nicht nur wegen der Pest, lag auf der Feier ein Schatten der Trauer. Mit Martha wechselte ich stumme Blicke. Nur wir und meine beiden anderen Schwestern, das Nesthäkchen Dorothea, genannt Doro, und Euphrosyne, die in einem der drei Stadtzürcher Frauenklöster lebte, aber mit Tante Agathe zu uns stoßen durfte, verstanden, dass Conrad im fernen Paris bittere Tränen weinte.
Mit Vater war nicht zu reden. Sogar meinem jüngeren Bruder Andreas, der seit einigen Monaten als Höfling des österreichischen Erzherzogs in Innsbruck weilte, hatte er verboten, zu der Feier anzureisen, mit der Begründung, die Pest schwinge ihre Sichel erbarmungslos im Feld der Lebenden.
Doch will ich meinem Vater nicht unrecht tun: Bestimmt weil er selbst neben mehreren Schwestern einziger überlebender Sohn des früh verstorbenen Vaters geblieben war, glaubte er, die volle Last der Verantwortung für die Erhaltung der namensgebenden männlichen Linie zu tragen. Seine ganze Ehre legte er in den Gedanken, der ältere Conrad und der jüngere Andreas würden die Nachfolge in Geschäft, Amt und Würden antreten. Wenigstens einen der beiden sah er schon im Bürgermeisteramt.
Der Wunsch, die Ahnen nicht zu enttäuschen, wurde schon mancher Familie zum Fluch. Wer wollte bestreiten, dass mein Vater Jakob es als Eisenhändler weit gebracht hatte; doch je mehr er Conrad bedrängte, desto mehr entzog dieser sich ihm – schrieb in Paris lateinische Gedichte, vertiefte seine Griechischkenntnisse und knüpfte fast vorsätzlich Verbindungen lediglich zu «armseligen Tintenklecksern und Gelehrten ohne Rang», wie Vater sich ausdrückte, statt zu Persönlichkeiten vom Hof und Kaufleuten von Gewicht. Auch sonst gab Conrad auf keine Weise zu erkennen, das zu erreichen, was Vater mit ihm für die Familie Grebel erstrebte. Der Ehrversessenheit Vaters setzte mein Bruder Conrad anscheinend absichtlich eine verstörende Ehrvergessenheit gegenüber und gab sich ganz der Poesie hin, der eitelsten der Künste, wie Vater befand. Das allein schon ließ meinen im Grund gütigen Vater mit einer Härte reagieren, die selbst meine Mutter nicht mehr verstand.
Nach dem festlichen Hochzeitsessen, das in der frischen Luft unter der Linde im Schlosshof, direkt neben der Kapelle, auf langen Tischen gereicht wurde und sich mit immer neuen Gängen bis weit in den Nachmittag hinzog, nahm mich Vadian erneut mit ernster Miene zur Seite und, noch in Hörweite der anderen, brachte das Gespräch zum zweiten Mal auf Conrad.
Kurz vorher hatte Vadian meinen Vater, der sich wegen des Durcheinanders der Speisen und vielen Weins über Leibschmerzen und Hitze im Gesicht beklagte, in dessen Kammer zur Ader gelassen. Der schlief nun friedlich. Auch Onkel Hans, der Schlossherr, zog sich mit seiner Frau zurück. Die zwei Trompetenbläser, die im blau-weißen Zürcher Gewand aufgespielt hatten, waren bereits wieder nach Zürich zurückgeritten: Sie versahen das Amt der Turmbläser der Kirche St. Peter und mussten rechtzeitig zurück sein, um dort wie jeden Abend hoch über den Dächern der ganzen Stadt den Anbruch des Abends zu verkünden.
Gefahr drohte Vaters Schlaf auch nicht von Mutters Seite. Sie war zu beschäftigt. Wenn die Geigen- und Lautenspieler einmal innehielten, fand sie stets Anlass, ihrer jüngsten Tochter Doro Benimmregeln in Erinnerung zu rufen oder die Geladenen, solange sie nicht ausgelassen zechten, gutmütig mit allerlei Scherzen zum Weiterfeiern anzuhalten.
Insbesondere der junge Priester des Nachbarorts, der die Trauung vollzogen hatte und noch Teile des Messgewands trug, forderte Mutter heraus.
Während ich also mit Vadian etwas abseits stand, begann der junge Geistliche munter und gänzlich unbefangen über den Mönch Martin Luther zu reden, dessen Thesen zum Papst auch in unserer Stadt nicht unvermerkt blieben – galt doch Zürich zu der Zeit, es war nachträglich kaum mehr zu glauben, noch als die päpstlichste Stadt nördlich der Alpen und Bastion der Diplomatie für den Heiligen Stuhl.
«Wie zu hören ist, versinkt der Hof des Papstes mehr und mehr in einem unheiligen Sumpf», sagte er.
«Was, Herr Gregor, Ihr seid lutherisch?», entsetzte sich meine Mutter. Sie bekreuzigte sich. «Wo soll das enden? Der Papst ist der Papst, unsere Stadt steht fest hinter ihm, und ein Mönch soll ein Mönch bleiben. Und solltet Ihr, Herr Gregor Lüthi, nur wegen einer Ähnlichkeit des Namens ein Luther werden wollen, dann gnad’ Euch Gott.»
«Ich weiß sehr wohl», gab er zu bedenken,«dass seit einem Dutzend Jahren rund zweihundert helvetische Fußsoldaten in Rom die päpstliche Leibgarde bilden und die meisten davon zürcherisch sind …»
«Das wird wohl gegen diesen Mönch aus Wittenberg genügen», versetzte Mutter befriedigt.
«Doch da auch der Hauptmann dieser Garde seit geraumer Zeit ein Zürcher ist, sollte uns der Makel, der am Papsttum haftet, vielleicht mehr als andere Städte treffen», erwiderte er unbefangen.
«Worauf wollt Ihr hinaus, Herr Gregor? Ihr wollt diese braven Leute doch nicht aufwiegeln?»
«Ich sage nur, wenn die Päpste weiter nach einem Kirchenstaat trachten, der von Neapel bis Mailand reicht, statt das längst geforderte Konzil einzuberufen, sollten sie sich vorsehen! Dem eigenen römischen Adel können die Päpste im Übrigen am allerwenigsten trauen! Auch der französische König macht dem Heiligen Stuhl diese Herrschaft offen streitig …»
«Bei Neid und Zwietracht lacht der Teufel», erklärte meine Mutter.
«Der Ablass und die Ablasskrämer …»
Mutter schnitt dem kecken Geistlichen Gregor Lüthi das Wort ab und setzte, stolz auf ihre Kenntnis der Kirchenväter, selbst zu einer Predigt an, wie es ihre Art war, sobald sich die Gelegenheit bot:
«Der Neid hat fünf Töchter, sagt Gregor der Große: Hass, Verbreitung von Gerüchten, drittens üble Nachrede, viertens Freude, wenn andere Schaden erleiden, und fünftens Missgunst, wenn es diesen anderen plötzlich wieder gut geht. Die größte Todsünde aber liegt vor, wenn wissentlich mit harten Worten gegen die Wahrheit geredet wird. Genau das scheint mir dieser Mönch Luther in Wittenberg auf ärgerliche Weise zu tun. Ermahnt nicht Paulus, dass wir niemandem ein Ärgernis sein sollen? Wer könnte mir das Gegenteil beweisen?»
Gregor Lüthi schien sich an dieser Disputation zu erfrischen. «Wenn es nur um Paulus zu tun wäre: kein Widerspruch», antwortete er.«Im Römerbrief steht wahrlich, es sei denen auszuweichen, die Entzweiung und Ärgernis anrichten. Aber sorgten nicht der verruchte, verblichene Papst Julius ii. – möge ihm das ewige Feuer erspart bleiben – und sein ebenso verweltlichter, Schulden aufhäufender Nachfolger auf dem Heiligen Stuhl, Leo x., dass selbst das Wort heilig zu Schanden kam? Trennt nicht Rom sich in Wirklichkeit längst von uns …?»
Die wortreiche Replik meiner Mutter vernahm ich nicht mehr, sah nur, dass eine Flut von mit Gesten angetriebenen Worten folgte – denn Vadian zog mich hinaus vor das Schloss, wo der Zürichsee glitzernd im Sommerwind vor uns lag.
«Barbara, ich mache mir Vorwürfe wegen Conrad», begann mein Schwager Vadian, «ich hätte ihn in Wien niemals darin unterstützen dürfen, Dichter zu werden. Nicht weil ihm die Gabe dazu fehlte, sondern da er möglicherweise zu viel davon besitzt und zwischen Geschriebenem und in der Natur Vorliegendem nicht mehr unterscheiden kann. Du weißt, er schreibt mir oft und viel, und ich bewahre jeden Brief auf, aber dieses Unernste im Ernst gefällt mir nicht: Wo er verzweifelt ist, will er am heitersten klingen. Ihm gerät alles zum Spiel der Worte, und er scheint zu glauben, es genüge, die Sätze, die wir sprechen, auszuwechseln, und schon werde die Welt eine andere. Noch bevor mein Buch De Poetica letztes Jahr erschien, las ich in Wien deinem Bruder und den anderen Schülern aus diesem Manuskript vor, und ich lehrte Conrad tatsächlich ganz besonders: dass sämtlichen Menschen ein ursprünglicher Funke der Begeisterung für die Dichtung angeboren ist. Aber das hätte ich ihm besser verschwiegen! Barbara, ich hörte soeben von deinem Vater, dass Conrad auch in Paris wieder in ein schweres Degengefecht verwickelt war. Was hat es damit auf sich?»
Nun war die Reihe an mir, und ich erzählte, ohne den Namen zu verraten, von Conrads liebenswertem Freund Johann Jakob Ammann, der in Paris mit ihm studiert hatte, dann aber, nach diesem Streit auf nächtlicher Straße, bei dem Blut floss, Hals über Kopf nach Zürich flüchtete.
«Vor wenigen Wochen hat dieser Freund meine Eltern besucht und die Briefe überbracht, in denen Conrad noch einmal um rasches Zuschicken des Geldes oder wenigstens eines Pferdes bat, um die heutige Hochzeit nicht zu versäumen. Damals half ich Martha gerade bei der Auswahl der Stoffe für ihr Hochzeitskleid. Wortkarg versuchte dieser gute Freund meines Bruders, sich gleich wieder zu verabschieden, aber Vater unterzog ihn einem Verhör. Inzwischen nämlich hatte sich der Lehrer von Conrad in Paris in einem Brief ebenfalls bitter über Conrads Lebensführung beklagt.»
«Ich weiß, mir schrieb dieser Lehrer ebenfalls», versetzte Vadian.
Zögernd fuhr ich fort:«Conrads Freund sagte einsilbig, sie seien überfallen worden. Erst auf Nachfrage meines Vaters rückte er mit der ganzen Wahrheit heraus: Der Streit in einer dunklen Gasse kostete zweien der angeblich französischen Angreifer das Leben. Es werde vermutlich zu einem Prozess kommen, und die ganze Schuld bleibe an Conrad hängen. Er sagte es mit schuldbewusst vornüber geknicktem Kopf. Mehr brachte Vater nicht aus ihm heraus.»
Vadian hatte mich nicht unterbrochen, schüttelte nur grimmig den Kopf.«Ich ahne schon, wer dieser Freund ist: Johann Jakob Ammann.»
Ich konnte es nicht leugnen und vertraute Vadian an: «Als ich ihn hinunter vor die Tür führte, gestand mir Johann Jakob Ammann, er und Conrad hätten beide je einen der tot liegen gebliebenen jungen Franzosen auf dem Gewissen. Kleinlaut behauptete er noch einmal, sie selbst hätten sich nur ihrer Haut erwehrt, der Streit sei ohne ihre Schuld losgebrochen, sie hätten keine herausfordernden schimpflichen Worte benutzt – zu Anfang wenigstens …»
Stumm gingen Vadian und ich eine Weile nebeneinanderher und näherten uns dem Dorf. Ein Müller und sein Knecht luden schwere Mehlsäcke auf einen Pferdewagen. Erst am Seeufer blieben wir stehen.
«Von diesem Freund meines Bruders haben wir auch Näheres darüber erfahren, warum Conrad sich mit seinem dortigen Lehrer, Glarean, überworfen hat …», sagte ich.
«Glarean hat mir in seinem Brief anscheinend nicht alles erzählt», stieß Vadian hervor. «Zwar steht Glarean als einstiger Schüler des Erasmus von Rotterdam in allerbestem Ruf, aber deinem Vater und mir gegenüber beteuerte er, die Schuld liege allein bei Conrad.»
Ich wusste von Conrad, dass Glarean aus dem eidgenössischen Ort Glarus stammte und deshalb so genannt wurde. Studierende unterstanden auch in Paris zu jeder Tages- und Nachtzeit der Aufsicht ihres Lehrers; in seiner Bursa quartierte der sie ein und verköstigte sie. Schon als Conrad im Alter von sechzehn Jahren an die Universität Basel kam, war er bei Glarean untergekommen – verehrte ihn damals noch.
«Was genau erzählte Johann Jakob Ammann über Glarean?», fragte Vadian.
«Glarean habe sich durch den Wechsel von Basel nach Paris hohe Anerkennung versprochen, erlebte aber eine große Enttäuschung; ihm blieben nur seine helvetischen Schüler, denen er Griechisch beibrachte; an der Universität Paris selbst Vorlesungen zu halten, wurde ihm verwehrt.»
«Und was weiter?»
Ich zögerte: «Glarean sei nachtragend und habe geradezu einen Hass auf Conrad entwickelt, meint Johann Jakob Ammann …»
«Das soll ich glauben?», entgegnete Vadian.
«… sodass Conrad angeblich keine andere Möglichkeit sah, als aus der gemeinsamen Unterkunft auszuziehen. Mein Bruder erkor sich hierauf als Universitätslehrer ausgerechnet jenen glänzenden jungen französischen Gelehrten Beraldus, mit dem Glarean in bissigem Wettstreit um einen Lehrstuhl stand. Dies habe Glareans Zorn erst recht entfacht.»
Langsam stiegen wir den Schlossweg wieder hoch. Vadian sagte:«Es würde mich sehr verwundern, dass ein Magister wie Glarean so eitel und empfindlich sein soll. Bitte erinnere dich an jedes Wort von Johann Jakob Ammann, Barbara!»
«Ich fragte ihn selbst, ob es nicht einen anderen Grund für den Kummer dieses Lehrers gebe. Da bekannte Johann Jakob Ammann, die Unstimmigkeiten hätten schon auf der gemeinsamen Hinreise nach Paris begonnen: Glarean widerfuhr ein Ungeschick mit seinem Pferd – es scheute und warf ihn ab, worauf Conrad, der, wie du weißt, ein geübter Reiter ist, losplatzte vor Lachen. Damit nicht genug, habe er gleich aus der Metaphysik des Aristoteles zitiert – Mangel an Erfahrung liefert dem Zufalle aus –, worauf auch die übrigen Schüler sich nicht mehr halten konnten und einen Lachkrampf bekamen. Glarean, der noch lange danach seine Blutergüsse pflegte, fühlte sich beleidigt. Wie sehr er Conrad diesen Spott übelnahm, wurde Johann Jakob Ammann zufolge im ersten Winter 1518/19 ersichtlich. Conrad teilte sich in der von Glarean angemieteten Wohnung ein feuchtes, ungeheiztes Zimmer mit drei andern. Auf Conrads Klage über das Fehlen einer Feuerstelle stellte sich Glarean taub, und in diesen Nächten zog Conrad sich eine Entzündung der Fußgelenke zu …»
«Schon in Wien waren seine Füße in einem schlimmen Zustand», erklärte Vadian, «aber bitte weiter, verheimliche mir nichts!»
«Als Glarean ihm Weichlichkeit vorwarf, ohne dem Übelstand mit der Unterkunft abzuhelfen, begriff Conrad, wie tief Glarean sich noch immer durch den Scherz verletzt fühlte. Erst als sie alle aus ganz anderen Gründen da ausziehen mussten – der Hausherr hatte sich über sie beschwert –, bekam Conrad ein Zimmer mit Ofen. Da dieser aber furchtbar rauchte, sah sich Conrad weiteren schweren Anfeindungen ausgesetzt. Das Zerwürfnis griff auf jeden Lebensbereich über. Es genügte, dass Conrad in Bezug auf die Sprache und den die Landesgrenzen überschreitenden humanistischen Geist behauptete, die Helvetier oder Eidgenossen seien heute Deutsche, und schon attackierte Glarean erbittert diese Meinung: Ob nun die Eidgenossenschaft noch zum Reich gehöre oder nicht, er fühle sich auch hier in Paris als Helvetier und nicht als Deutscher, versetzte Glarean und wies Conrad zurecht. Auch ermahnte Glarean die ihm untergebenen Schüler unablässig zu frommer Keuschheit, wie wenn er geahnt hätte, wo Conrad sich in manchen Nächten aufwärmte. Kaum angekommen, hatte Conrad sich bei einem vornehmen Tuchschneider nach französischer Mode von Kopf bis Fuß neu ausstaffiert, und … im Zeichen der Venus öffnete sich ihm manche Tür. Als Conrad nach einem Besäufnis mit Franzosen, die aber nicht er, sondern ein Cousin von ihm eingeladen hatte, den Fluch Bei Gottes Wunden! ausstieß und am Ende zu seinem Bett getragen werden musste, wo er sich übergab, schloss Glarean ihn angewidert – und um seinen Ruf besorgt – vom Unterricht aus. Eine Entschuldigung Conrads nahm er nicht an, und zwar wiederholt nicht. Erst da bezog Conrad mit anderen eine neue Unterkunft – mit römischer Luftheizung! –, und zwar bei einem Buchdrucker auf der Île de la Cité, dem mein Bruder auch in der Werkstatt zur Hand ging. Von da an gestaltete er seine Studien selbst.»
Vadian bemerkte: «Von dem lästerlichen Fluch habe auch ich gehört. Glarean verunglimpft Conrad deswegen im Kreis seiner humanistischen Bekannten. Mir hat es Zwingli überbracht – mit ihm ist Glarean seit dem gemeinsamen Studium in Basel eng befreundet. Zwingli hat Conrad wegen Glareans Anschuldigung einen Schandbrief nach Paris geschickt!»
Jener noch junge, damals gerade fünfunddreißigjährige Geistliche Ulrich Zwingli, der aus dem höchstgelegenen Ort an der Passstraße stammte, die durch das Toggenburg ins Rheintal führt, hatte im Jahr 1519 als Priester am Zürcher Großmünsterstift zu predigen begonnen. Uns, der Familie Grebel, war Zwingli schon länger eine vertraute Gestalt, da die Stadt Zürich jährlich eine Wallfahrt zum Kloster Einsiedeln im Lande Schwyz durchführte, wo er etliche Jahre als Priester jener der Maria geweihten altehrwürdigen Klosterkirche vorstand. Wortmächtig trat er gegen Krieg und Solddienst auf.
Vadian ließ seinen Blick über die grünen Hügelzüge schweifen, die den See säumten, und sagte:
«Wie unter Humanisten nicht unüblich, hatte Magister Ulrich Zwingli dem begabten jungen Conrad, als der noch in Wien bei mir studierte, brieflich die Freundschaft angetragen. Ich weiß noch, wie geschmeichelt sich Conrad damals vorkam – erfreuliche Briefe, auch jene von Martha und dir, Barbara, pflegte er zu küssen, bevor er sie las. In welch schwermütige Zweifel dein Bruder stürzt, sobald er sich abgewiesen fühlt, weißt du sicher selbst – ich habe es in Wien oft genug gesehen. Conrad ist in allem, was er tut, derart ungestüm! Deshalb befürchte ich für ihn das Schlimmste.»
«Auch in Paris ist nun die Pest ausgebrochen, hörte ich von Vater.»
Vadian wich meinem Blick aus und sagte leise: «Andererseits sind wir von Natur aus so beschaffen, dass wir uns umso glühender mit einer Aufgabe befassen, je schwieriger und ungewisser die Lösung ist.»
Ich ließ gegenüber Vadian unerwähnt, dass meine jüngste Schwester Doro damals mir und Johann Jakob Ammann über die Treppe des Bilgeriturms herab nachrannte. Mit staunenden Augen betrachtete sie den vom halsbrecherischen Ritt noch immer gezeichneten Johann Jakob Ammann:«Von Paris her, auf freien Feldwegen in gestrecktem Galopp», murmelte sie im Gedankenspiel. Doro war erst zehn Jahre alt, hatte aber eine klare Erinnerung an Johann Jakob Ammann, denn er war schon an der Lateinschule mit Conrad zusammen gewesen. Vorsichtig näherte Doro sich ihm, während er sein Pferd losband. Sie begriff, dass er von unserem Vater unehrenhaft, weil ohne Geschenk, verabschiedet worden war – denn rechtmäßig hätte er als wichtiger persönlicher Bote Conrads von meinen Eltern ein paar Goldmünzen erhalten sollen.
Doro selbst mochte das Ritual, wenn der Vater zum schweren hohen Schrank schritt, unter seinen Schlüsseln jenen zum Geheimfach hervorsuchte und eine besondere Schatulle hervorzog. Vielleicht begriff sie von allen die Enttäuschung Johann Jakobs deshalb am besten. Die überstürzte Flucht aus Frankreich erschien zwar alles andere als ehrenvoll, ihm war aber kein Vorwurf zu machen, da er nicht wie Conrad auf die Protektion eines hochstehenden Zürcher Ratsherrn als Vater zählen konnte. Er stammte aus einfachem Haus und ging deshalb dem Scharfrichter von Paris besser aus dem Weg.
Also bestand Doro darauf, zum Dank für die Botschaft dem teuren Freund Conrads ihre kleine Hand zu geben. Sie finde es beeindruckend, sagte sie geziert, dass er mit dem Pferd Tag und Nacht durchgeritten sei.
Wild auszureiten hatte sie selbst auch schon gelernt – am Rand der Rebberge und der Felder unseres Landsitzes Ober
