Die Hochzeit des Buddha - Karin Oeljeklaus - E-Book

Die Hochzeit des Buddha E-Book

Karin Oeljeklaus

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Beschreibung

Der Mönch Sarath in Sri Lanka ist ein scheinbar Verlorener, der gewinnt. Sein Doppelleben im Schatten der Nacht bleibt nicht unentdeckt. Doch er wird begleitet, beschützt und geliebt. Auch seine Wegbegleiter werden Grenzgänger. Gemeinsam installieren sie ein Netz. Verfolgen und bestrafen die Männer, die ihre Kinder missbrauchen und deren beschützenswertes Leben zerstören. Ihre Sicherheitszone ist ihre bedingungslose Freundschaft. Ihr Lachen. Ihre unversiegbare Lebensfreude und Kampfbereitschaft. Trotz alledem.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 316

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Karin Oeljeklaus

Die Hochzeit des Buddha

© 2013 Karin Oeljeklaus

Das Gemälde des Umschlages: Susanne Dittler

Umschlaggestaltung: Jochen Volland

Lektorat: Hartwig Struckmeyer

Agnes Knelangen

Textgestaltung: Helmut Kersting

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-9503-6

Printed in Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Karin Oeljeklaus

Die Hochzeit des Buddha

Roman

www.tredition.de

Ihre windschiefe, kleine Hütte lag abseits des Dorfes, dem von Palmen, Buschwerk und Platanen bedeckten Hinterland zugewandt.

Saraths Zuhause. Hier lebte er glücklich und beschützt mit seiner Mutter und drei kleinen Geschwistern. Zu kurz bemessen war diese gemeinsame Zeit.

So unendlich weit liegt sie zurück. Die schöne Zeit, als Mutter ihn mit ihren Erzählungen zum Lachen und Weinen gebracht hat. Alle ließ sie lebendig werden. Die verstorbenen Verwandten, Freunde und Bekannten.

Sie imitierte deren Gesten, fabulierte, trällerte und gluckste in Sprachbildern. Sarath konnte sich nicht satt hören, besonders an den wunderbaren Geschichten und Erlebnissen mit seinem Vater, und versuchte mit kleinen Tricks diese schöne Zeit möglichst weit in die Nacht hinein auszudehnen.

Jeden Abend saß Mutter ganz nah an seinem Bett. Strich sanft verschwitzte Locken aus seiner Stirn. Suchte unter dem weißen Laken die kleine versteckte Hand. Dann lachte und erzählte sie den Vater in seine Träume. Vater war ein Zauberer. Seine Lebensleichtigkeit ließen ihre großen und kleinen Probleme davonschweben.

Lachend füllte er ihre kleine Hütte mit Leben. Er verführte und verzauberte mit immer neu erfundenen Geschichten und verrückten Ideen. Er war die Lebensquelle für ihr armes, aber glückliches Leben.

Er hat sie mitgenommen. Für immer. Ins Meer zu seinen Geistern und Wassergöttern.

Nur Weniges hat er zurückgelassen. Für Sarath Lebenswichtiges. An langen, unendlich langen Tagen am Strand und in durchweinten Nächten haben sie auf ihn gewartet.

Ihr Leben verlor sich. Langsam und unermüdlich geriet es ins Wanken. Verrutschte. Rutschte ab.

Hunger und Traurigkeit waren ihre ständigen Begleiter. Eine luftschwere, ungewöhnliche Stille legte sich über alles. Sickerte ein durch kleinste Ritzen und Poren.

Nie fand Mutter Ruhe. Von Tag zu Tag wurde sie weniger und verschwand in ihren Sorgen. Zu stolz, um bei Verwandten um Hilfe zu bitten, sah sie keine Zukunft mehr.

Ihre einst anmutigen Bewegungen verschoben sich ins Schwere. Aller Leichtigkeit enthoben ließen sich ihre schmalen Hände immer häufiger, wie ein ermüdeter Schmetterling, auf Sarath nieder, so als wollten sie ihn festhalten. Ihren Sohn Sarath.

Eines Tages tauchte er auf. Der große Mann ohne Namen. Eine Strandbegegnung.

Freundlich bot er seine Hilfe an. Immer wieder lud er Sarath zum Eis essen ein. Zum Toben im hauseigenen Pool. Oder zu Autofahrten mit Saraths behindertem Freund Aril.

Erst zögerlich, doch bald wurden, wie selbstverständlich, die kleinen Geldgeschenke angenommen.

Hintergedanken waren Mutter ebenso fremd wie unsinnige Zukunftsgedanken. Auch als Vater noch lebte, gab es solche und solche Zeiten.

Das waren sie gewohnt.

Lange Zeit konnte Sarath das Unheimliche verheimlichen.

Es begann langsam. Wie zufällig blieb die Männerhand auf Saraths Oberschenkeln, Rücken oder Po liegen.

Immer häufiger wollten ihn die Hände abtrocknen. Intensiv mit Sonnencreme einreiben oder eng umschlungen mit ihm im Schwimmbecken toben und untertauchen.

Schluss mit den Ausflügen im Auto oder den Bootsfahrten in der Lagune.

Auch sein Freund Aril durfte nicht mehr mitkommen.

Saraths anfängliche Freude wich einem miesen Gefühl.

Nur weg von diesem Mann. Diesem ekligen Betatschen. Diesem falschen Lächeln.

Sarath war nicht allein. Zuhause warteten hungrige Mäuler. Er war zehn Jahre alt.

Zweimal wöchentlich musste sich Saraths Seele vom Körper trennen. Sich befreien. Davon fliegen. Den Körper erstarrt zurücklassen, um das Schreckliche aushalten zu können.

Beim tollkühnen Spiel mit den Wellen. Beim gefährlichen Klettern und Stöbern in unwegsamer Natur entfloh er für kurze Zeit dem Ekel und der Scham.

Er wollte seine Mutter schützen. Vor ihr verheimlichen das Unsägliche.

Wich jeder liebevollen Berührung, körpernahen Zuneigung aus. Erst im Dunklen wusch er sich hastig. Ging sofort schlafen, um zu vermeiden, dass sie die eingesunkenen, blau verfärbten und vernarbten Hautverletzungen sah.

Mit jedem Tag wurden ihre Worte kleiner und brüchiger. Bis sie ganz verstummten. Sie wollte nicht wahrhaben, was sie ahnte. Wagte nicht zu fragen. Ihre Gedanken klebten fest. Und Worte fanden ihren Ausgang nicht mehr.

Von Palmen und dichtem Buschwerk umgeben, von weißem Mauerwerk eingezäunt, lag ein Bungalow.

Auf dem Terrassentisch ein Sektkübel, Gläser, ein überquellender Aschenbecher.

Vereinzelt stilvolle Korbstühle und Liegen.

Eine aufgeblasene, bunte Wasserente trieb verloren im Swimmingpool.

In der Terrassentür stand ein Mann um die 40. In der Hand ein Sektglas. Ein weit fallender blassrosa Bademantel kaschierte den unförmigen Körper. Er blickte auf seine Rolex.

Saraths Mutter, eine schlanke Singhalesin, das schwarze Haar zu einem Knoten hochgesteckt, begleitete ihn zum Gartentor.

Sie drückte auf den Klingelknopf und versteckte sich im nahen Buschwerk.

Ihre Augen brannten sich fest an der fleischigen Hand des Mannes, die ihren Sohn in den Garten schob.

Sarath, zartgliedrig, die großen, dunklen Augen in dem fein geschnittenen Gesicht starrten blicklos.

Wie ein kleiner Vogel lag die schmale Kinderhand leblos in der großen Männerhand. Sarath drehte sich noch einmal um.

Zwei schwere Hände umfassten seinen schmalen Rücken und schoben ihn ins Haus. Das Geräusch einer mit Eile zugezogenen Gardine durchschnitt die Stille an diesem Nachmittag.

Sarath wurde auf einen Stuhl gestellt und langsam ausgezogen.

Unter der samtweichen, feucht glänzenden Haut, so als sei sie mit schokoladenbraunem Seidenstoff überzogen, wurden die Rippenbögen sichtbar.

Reglos stand er da. Die schmalen Hände krampfhaft zu Fäusten geballt.

Ein leichtes Schütteln. Der blassrosa Bademantel rutschte von den Schultern des Mannes.

Er beugte sich über den nackten Jungen und trug ihn, dem Spiegel zugewandt, wie eine Trophäe, mit erigiertem Penis, in das angrenzende Zimmer. Platzierte ihn aufs Bett.

Sarath wurde in obszöne Stellungen gelegt, gesetzt, verrenkt.

Mit angezogenen Beinen und weit geöffnetem Mund.

Ein schneller Griff in die Cremedose.

Die anfänglich leise, sich steigernde Erregung überschwemmte die Stille. Für einen kurzen Moment schwebte Sarath auf den Händen des Mannes, bevor dieser ihn langsam in seinen Schoß sinken ließ.

Sarath wurde aus dem Eingangstor hinausgeschoben. In seiner Hand kleine Geldscheine, die er seiner Mutter in die Plastiktüte steckte.

Hand in Hand gingen sie in ihr Dorf zurück.

Was war anders an diesem schwül-heißen Nachmittag?

War es die unerträgliche Last des Unausgesprochenen?

Die Drohung in diesem sie abschätzig musternden Blick?

Die Geste, die Sarath in den Garten schob?

Das täglich verdrängte Entsetzen, wenn Sarath, wie von einem Roboter gesteuert, verloren aus diesem Haus zurückkam?

Mühelos überwand sie heute die Mauer. Die verdrängte, aus Scham und Verzweiflung geduldete Trennlinie.

Die blickdichte Gardine. Zu schnell, zu brutal wurde der kleine Lichtspalt von der beringten Männerhand zugerissen.

Ihr entsetzlicher Schrei durchschnitt die Stille an diesem Nachmittag und legte sich bleischwer auf alles Lebendige.

Wie von Sinnen stürzte sie zum Haus. Schrie. Trat mit den Füßen. Klopfte mit Fäusten gegen die verschlossene Tür.

Ihr Blick blieb an einem Zierstein hängen.

Mit letzter Kraft geschleudert, zerbarst mit Getöse die große Fensterscheibe.

Gardinenfetzen bauschten sich im Wind.

Halb nackt wurde Sarath aus der Tür geschoben. Er stürzte zu seiner Mutter.

„Sarath, lauf weg. Bitte, lauf weg.“

Ihre Augen spiegelten alles wieder. Ohnmächtige Qual und Verzweiflung.

Behutsam wischte Sarath ihre Tränen ab. Nahm sie hoch. Federleicht und klein.

Trug sie beschützend, wie einen aus dem Nest gefallenen Vogel, nach Hause.

Wenige Tage später bedeckte ihre federleichte Hand, sanft wie der Abendwind, zum letzten Mal den Kopf ihres Sohnes Sarath.

Sarath und Aril sind Freunde. Das waren auch ihre Väter. Der Fischer und der Künstler. Ihre Söhne waren ihre ständigen Begleiter. Nachts beim Fischfang, und beim Angeln oder Schnapsbrennen.

Im Tempel und bei ausgelassenen Festen. Oder in der nach Holz, Leim und Farben riechenden Werkstatt. In alles steckten sie ihre Kindernasen und Hände. Aril mit seinen durch Kinderlähmung verkrüppelten Beinen wurde getragen. Auf Rücken, in Armen, kleinen Wägelchen, auf Rädern und Wolken.

Liebevoll umgeben von väterlicher Liebe schwammen Sarath und Aril mit ihnen durchs wellenbewegte Leben. Nicht nur als aufmerksame Zuschauer. Wie die Alten konnten sie Fische ausnehmen und grillen. Mit Farben und Pinseln hantieren. Holzboote und Luftschlösser bauen.

Kurz bemessen war ihre umschützte Zeit. Zu früh waren die Väter gestorben.

Zu früh. Alles war eigentlich zu früh. Doch die beiden waren wetter erprobt. Sie ergänzten einander. Sarath, wieselflink, geschickt und wagemutig, umsorgte Aril mit Lebensnotwendigem. Er war der umsichtiger Späher und Verkäufer von Arils Schiffen. Und Aril war Saraths nie versiegende Kraftquelle.

„Sarath, fass an dein linkes Ohrläppchen. Dann klingelt es bei mir. Und ich ruf zurück.“

Geschützt im Schattenrand der Palmen beobachteten sie kaufbereite Touristen. In einer Mischung aus Scheu und Stolz bot Sarath die auf seinen Händen schwebenden Holzschönheiten an.

Nicht immer war es das Interesse am Angebotenen, das zum Kauf führte. Sarath konnte Menschen verzaubern, begeistern und für sich gewinnen, ohne Anstrengung.