Die Hochzeitsschwestern - Jamie Brenner - E-Book

Die Hochzeitsschwestern E-Book

Jamie Brenner

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Beschreibung

Das war das Problem an Hochzeiten: Sie zwangen sämtliche Mitglieder einer Familie dazu, miteinander umzugehen, ob es ihnen passte oder nicht.

Meryl Becker freut sich zwar, dass ihre Töchter Meg, Amy und Jo den Mann fürs Leben gefunden haben. Andererseits übersteigen drei Hochzeiten das Familienbudget. Die Lösung: eine große gemeinsame Feier. Und natürlich will Meryl es allen recht machen – ihren Töchtern, ihren zukünftigen Schwiegersöhnen und deren Familien. Bald wächst Meryl alles über den Kopf. Sie ahnt nicht, dass auch die drei Paare mit Spannungen zu kämpfen haben. Und dass vor dem großen Fest ein paar handfeste Überraschungen auf die Familie warten ...

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Seitenzahl: 510

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Buch

Das war das Problem an Hochzeiten: Sie zwangen sämtliche Mitglieder einer Familie dazu, friedlich miteinander umzugehen, ob es ihnen passte oder nicht.

Für Meryl geht ein Traum in Erfüllung, als sich Meg, die älteste ihrer drei Töchter, verlobt. Natürlich soll die Hochzeit ein rauschendes Fest werden – wer könnte es Meryl verdenken, dass sie für den schönsten Tag im Leben ihrer Tochter weder Kosten noch Mühen scheuen möchte. Aber auch die beiden Schwestern von Meg haben ihren Mann fürs Leben gefunden und wollen demnächst heiraten. Drei Hochzeiten übersteigen das Familienbudget allerdings beträchtlich, sodass man auf eine so simple wie geniale Lösung verfällt: eine große gemeinsame Feier. Doch davon sind nicht alle Schwestern begeistert. Geschwisterrivalitäten und alte Konflikte brechen auf und gefährden den Familienfrieden. Außerdem hat Meryl den Aufwand für die Feier erheblich unterschätzt. Schließlich will sie es allen recht machen – ihren Töchtern, ihren zukünftigen Schwiegersöhnen und deren Familien. So bemerkt sie kaum, wie ihre eigene Ehe in die Krise gerät. Bald wächst Meryl alles über den Kopf. Dabei ahnt sie nicht, welche Katastrophen noch auf ihre Familie warten …

Autorin

Jamie Brenner wuchs in Philadelphia auf und entdeckte schon als Kind ihre Liebe zu Büchern. Jeden Samstag besuchte sie gemeinsam mit ihrem Vater die örtliche Buchhandlung und begab sich auf Entdeckungsreise nach interessanter Lektüre. Später studierte sie Literaturwissenschaften an der George Washington University und ging dann nach New York, um in der Verlagsbranche zu arbeiten. Heute ist sie selbst Autorin und kann sich keinen schöneren Beruf vorstellen. Mit ihren Kindern stöbert sie in Buchhandlungen, sooft sich die Gelegenheit bietet. Jamie Brenner lebt mit ihrer Familie in New York.

Jamie Brenner

Die Hochzeitsschwestern

Roman

Aus dem Englischenvon Astrid Mania

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
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Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel»The Wedding Sisters«bei St. Martin’s Press, New York
Copyright © der Originalausgabe2016 by Jamie BrennerPublished in agreement with the authorc/o BARORINTERNATIONAL, INC., Armonk, New York, U.S.A.Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2017by Wilhelm Goldmann Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 MünchenCovergestaltung: UNO Werbeagentur, MünchenCovermotiv: Katy Noelle Charlton/arcangelRedaktion: Regina CarstensenHerstellung: kwSatz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad AiblingISBN 978-3-641-20567-6V003
www.goldmann-verlag.dewww.penguinrandomhouse.de

Eines hat mir mein Mann über das Schreiben – und das Leben – beigebracht: Zu jeder guten Geschichte gehört auch eine Hochzeit. Dieses Buch ist ihm gewidmet.

Prolog

Vergnügtes Gekicher riss Meryl aus der Lektüre. Sie sah zu Hugh, ihrem Mann, und grinste.

Er erwiderte das Lächeln rasch. »Fluch und Segen der Heimarbeit.«

»Ich habe mich noch immer nicht an all den Platz gewöhnt«, sagte Meryl. Erst durch den Umzug in das Apartment an der Upper East Side, das ihnen Hughs Arbeitgeber, eine nahe gelegene Privatschule, zu Sonderkonditionen zur Verfügung stellte, fühlte sie sich wirklich erwachsen – und das, obwohl sie drei kleine Töchter hatte.

Hugh vertiefte sich erneut in seine Tätigkeit, eine Biografie über die Schriftstellerin Louisa May Alcott. Er machte sich auf einer der zahlreichen Karteikarten auf dem Esstisch einige Notizen und schüttelte sich das dunkelblonde Haar aus dem Gesicht. Meryl mochte es, dass er auf althergebrachte Art und Weise recherchierte. Und mehr noch, dass er seine Zeit manches Mal lieber in ihrem gemeinsamen Zuhause als in der Einsamkeit der Bücherei verbrachte.

Seine Arbeit wurde jäh gestört. Ein Kreischen, dann ein Poltern.

Meryl legte ihr Buch beiseite. »Ich schau mal nach.«

Der Flur vor dem Kinderzimmer wirkte, als ob ein Tornado eine Schneise der Verwüstung hinterlassen hätte: Ballettröckchen, drei Paar verschieden große Kinderschuhe, Nachthemdchen mit Disney-Prinzessinnen-Motiv, Sommerkleider … und eine lange Bahn Toilettenpapier, die sich durch den gesamten Korridor zog.

Meryl biss sich auf die Lippen und stieß leise die Tür zum Kinderzimmer auf. Ihre drei kleinen Töchter rangelten giggelnd um einen Platz vor dem hohen Spiegel. Die achtjährige Meg stand sehr ernst in ihrem weißen Lieblingskleidchen da, einem unpraktischen Spitzenetwas, das ihre Großmutter in einem Geschäft auf der Madison Avenue erstanden hatte. Die sechsjährige Amy zappelte in weißem T-Shirt und weißem Ballettröckchen umher, während Jo, noch im Kleinkindalter, lediglich ihr Windelhöschen, verschmierten roten Lippenstift und eine Tiara trug, an der eine Papierserviette hing.

»Hugh!«, rief Meryl. »Hol die Kamera!«

Sie verfolgte, wie Meg ihrer Schwester Amy gewissenhaft eine Papierserviette im Haar befestigte und dann bei sich dasselbe tat.

»Eure Schleier sehen viel schöner aus!«, heulte Amy auf.

Hugh trat zu Meryl, in einer Hand die Kamera, die andere wanderte zärtlich Meryls Rücken entlang. »Was ist denn?«

Sie legte einen Finger auf die Lippen. »Das musst du dir ansehen«, flüsterte sie.

»Zieh dein Kleid an!«, drängte Meg ihre kleine Schwester Jo.

»Nein!«

Meg, eine Hand am Kopf, um die Serviette festzuhalten, in der anderen ein weißes Sommerkleid, jagte Jo durchs Zimmer.

»Neeeiiin!«, schrie Jo.

Meryl stieß die Tür weit auf. Drei kleine Gesichter mit riesigen Augen schauten ihr entgegen.

Meg hielt im Laufen inne, doch Jo stürmte weiterhin unbeirrt durch das Zimmer. »Nein! Nein! Nein!«

»Wir spielen Hochzeit, und Jo will keine Braut sein!« Megs Gesicht war vor Empörung dunkelrot.

»Und Meg gibt mir ihr anderes weißes Kleid nicht. Und ich hab doch keins!«, klagte Amy.

Jo begann zu weinen.

»Okay, okay, Mädchen, beruhigt euch. Josephine, Schatz, komm her.« Meryl schloss Jo in ihre Arme und küsste sie auf runde Wangen, die nach Salz und Tränen schmeckten.

»Daddy«, sagte Meg, »kannst du mich bitte zum Altar führen?«

»Mich auch!«

»Mädchen, es wäre mir eine Ehre, euch zum Altar zu führen«, sagte Hugh und bot ihnen galant den Arm. Meg ergriff ihn feierlich. Damit war die Krise abgewendet. Meg und Amy traten in den Flur. Meryl trug Jo auf dem Arm hinaus.

Meg richtete ihren Schleier, die Stirn andächtig gefurcht. Meryl setzte Jo zu Amy; beide warteten, bis sie an die Reihe kamen.

Hugh grinste. Dann ging er, kopfschüttelnd und den Hochzeitsmarsch summend, langsam durch den Flur. Meg schaute hingerissen zu ihrem Vater auf.

Meryl ging in die Knie, die Kamera vor dem Gesicht, und drehte an der Linse, bis Hugh und Meg im Fokus waren. Meryl wurde es warm ums Herz.

Sie musste diesen Augenblick, diese unschuldige Freude, bannen. Die Zeit konnte sie nicht anhalten, auch nicht durch ein Foto. Dieser Tag würde vergehen, die Mädchen würden größer werden, Hugh und sie älter. Es würde sich so vieles ändern, eines aber, so ihr Trost, bliebe bestehen: das Band der Familie. Sie und Hugh und ihre Töchter.

Hugh sah auf und, als hätte er ihre Gedanken gelesen, zwinkerte ihr zu.

Meryl machte das perfekte Bild und lächelte.

Acht Monate bis zur Hochzeit

Eins

Vor ihr lag ein Abend, bei dem alle Kräfte nötig waren. So empfand es zumindest Meryl. Denn wenn sie sich ihre Familie besah, beschlich sie das ungute Gefühl, dass sie die Last allein stemmen musste.

Es war erst Mittag, doch in ihrer nervösen Vorfreude konnte sie es nicht erwarten, das gute Service hervorzuholen und den Tisch zu decken. Eigentlich wollte sie sich nicht derart unter Druck setzen, doch sie kam nicht dagegen an. Bei diesem Dinner musste absolut alles stimmen. Sie musste es ein wenig übertreiben.

»Denk daran, Schatz, hierbei geht es nicht um dich«, hatte Hugh am Morgen auf dem Weg zur Tür gesagt. Dieser Satz verfolgte sie. Er war Erleichterung und Ärgernis.

»Ich mache das für Meg«, hatte sie eingeschnappt erwidert.

Hugh hatte ihr mit wissendem Lächeln einen Kuss auf die Stirn gegeben und die Hand gedrückt.

Endlich würden sie die Eltern des Mannes kennenlernen, den ihre Tochter heiraten würde. Meryl hatte einiges schon über sie in der New York Times und der Vanity Fair gelesen, sie sogar auf CNN gesehen, doch gelassener hatte sie das nicht gemacht. Auch das sind nur Menschen, rief sie sich zur Ordnung. Und außerdem gehören wir bald alle zu einer Familie.

Sie wählte die Handynummer ihrer Mutter, auch wenn der Versuch bestimmt vergeblich war. Mit ihren sechsundachtzig Jahren war sie für neue Technologien nicht mehr zu begeistern, und sie sah auch nicht ein, sich für ihre Unlust zu rechtfertigen. Meryl war es trotzdem lieber, dass ihre Mutter ein Handy hatte, auch wenn diese Tatsache gerade ihren Missmut nur noch steigerte.

»Mutter, ich bin’s. Ich will nur sicherstellen, dass du um drei fertig bist. Ich hole dich dann für das Dinner ab. Bitte. Dieser Abend ist für uns sehr wichtig.«

Sie zögerte. Sollte sie ihre Nachricht mit »Ich hab dich lieb« oder »Ich freu mich auf dich« beschließen? Solche Worte gehörten nicht zu ihrem Umgangston, und es hätte seltsam geklungen, sie nun anzubringen – verzweifelt. So als ob sie ihre Mutter an diesem Abend gebraucht hätte. Doch das tat sie. Gegen alle Vernunft hoffte Meryl, dass sie sich, wenn auch nur an diesem einen Abend, als ganz normale Familie präsentieren könnten. Wenn schon nicht um ihretwillen, so wenigstens um ihrer Tochter willen.

Das war das Problem an Hochzeiten: Sie zwangen sämtliche Mitglieder einer Familie dazu, friedlich miteinander umzugehen, ob es ihnen passte oder nicht.

Meryl zog die Gardinen beiseite und schaute auf den Fluss. Der Ausblick auf den East River war selbst nach zwanzig Jahren das, was sie an ihrem Heim am meisten schätzte. Das Wasser beruhigte sie. Ein anderes Manhattan, ohne diese Szenerie, konnte sie sich gar nicht vorstellen. Andererseits hatte sie sich früher auch nicht vorstellen können, dass ihre Mädchen einmal groß werden und das Nest verlassen würden. Und nun war es Alltag, dass sie ihre Töchter manchmal wochenlang nicht sah. Meryl hatte immer häufiger den Eindruck, dass sie einen Vorwand brauchte, wenn sie ihre Töchter sehen wollte – einen Grund, der sie alle aus ihrem hektischen Leben riss.

Sie fehlten ihr.

Meg, Amy, Jo. Wie die Figuren aus Hughs Lieblingsbuch Betty und ihre Schwestern von Louisa May Alcott. Der Roman hatte nicht nur den Kurs für sein Berufsleben bestimmt – wenn Meryl ehrlich war, auch den für ihr Eheleben.

Den gleichnamigen Schwestern aus diesem populären Jugendbuch gerecht zu werden war wirklich viel verlangt, doch Meryl fand, dass ihre Mädchen das gut gemeistert hatten. Auch sie hatten sehr verschiedene Persönlichkeiten – Meg, die pflegeleichte Tochter. Amy, die ewig Unzufriedene. Und Jo, der rebellische Tomboy mit dem Herz aus Gold.

Meryl hatte fasziniert verfolgt, wie sie sich entzweit und ergänzt, in einem Tanz der elementarsten Gefühle – Liebe, Hass, Neid und Hingabe – umkreist hatten. Meryl war Einzelkind, und es war ihr eine große Freude zu erleben, dass ihre Töchter als Geschwister aufwuchsen. Sie hatte sich als Kind oft allein gefühlt, kaum anders als jetzt auch.

Wenn es nur nicht so verdammt schwierig geworden wäre, sie alle an einen Tisch zu bringen.

Wenigstens auf Amy war bisher Verlass gewesen. Auf Amy, die auch heute noch nach der ungeteilten Aufmerksamkeit ihrer Mutter verlangte. Doch selbst sie kam nicht mehr regelmäßig heim; vor einigen Wochen hatte Amy, als Meryl sie mit ihrem Freund wie jeden Sonntag zum Abendessen eingeladen hatte, abgesagt, weil sie mit Andy eine weitere Nacht in East Hampton hatte bleiben wollen. Seither ruhte ihre Abmachung.

Amys Partner war der Sohn des Modedesigners Jeffrey Bruce. Amy lebte ein Leben, das – zumindest in Meryls Augen – ausgesprochen glamourös wirkte; sie bereiste im Auftrag des Unternehmens die Fashionevents der internationalen Modewelt. Dennoch, das war Meryl sehr bewusst, spielte Amy weiterhin Aufholjagd mit ihrer großen Schwester Meg.

Amy hatte immer das Gefühl gehabt, dass Meg der Liebling, die perfekte Tochter war, die, der alles in den Schoß fiel. Zugleich verehrte Amy ihre Schwester insgeheim. Meryl hatte gehofft, dass sich diese Dynamik ändern würde, wenn Amy älter und selbstbewusster wurde – sich eine Identität erschuf, die sie nicht mehr nur als eine der Becker-Schwestern auswies. Doch bislang sah es nicht danach aus.

Seit einiger Zeit beschlich Meryl eine leise Panik. Ihr Verstand widersprach, doch ihr Gefühl sagte ihr, dass ihr die Mutterrolle zusehends entglitt. Was aber war sie, wenn nicht Mutter? Sah so die Zukunft aus? Ein gelegentlicher Anruf? Ab und zu ein Treffen mit den Mädchen und einmal im Jahr ein Essen im Familienkreis? Unglücklicherweise hatte sie eines Abends einen taktischen Fehler begangen und ihre Enttäuschung vor Amy geäußert. Amy hatte nur geschnaubt. »Mom, also bitte. Du kochst doch nicht mal richtig.«

Dieser Kommentar hatte Meryl tief verletzt, auch wenn sie den wahren Grund dafür nicht greifen konnte. Ja, sie kochte »nicht mal richtig« – aber ging es nicht darum, dass sie einen schönen Abend miteinander verbrachten?

Ihr Handy klingelte. Meg.

»Hi, Mom! Wo steckst du?«

»Zu Hause, Liebes. Wo steckst du?«

»Bin seit eben in der Stadt.«

»Ich dachte, ihr kämt erst am späten Vormittag in Washington los?«

Eine Pause. »Stimmt. Aber wir sind nicht mit dem Auto gefahren. Stowes Dad hat uns im Heli mitgenommen.«

»Tja. So kann man den Stau auf der Brücke auch umgehen!«, erwiderte Meryl lachend. Sie versuchte es mit Humor, doch in Wahrheit fühlte sie sich mit der Prominenz und dem außerordentlichen Reichtum ihres künftigen Schwiegersohnes nicht wohl.

Megs Verlobter, Stowe Campion, entstammte einer Stahl-Dynastie aus Philadelphia. Sein milliardenschwerer Vater Reed saß für die Republikaner im Senat von Pennsylvania. Die Republikaner!

»Reed muss heute Abend kurzfristig zu einem dienstlichen Event«, schob Meg verlegen nach. »Tippy will sich nach dem Essen mit ihm treffen. Ist es okay, wenn wir etwas früher bei euch sind?«

»Moment – Reed kommt nicht zum Dinner?« Das war nicht zu fassen! Ein dienstliches Treffen war diesen Leuten wichtiger als die erste Begegnung mit den Eltern ihrer Schwiegertochter in spe? Sie mussten doch, in Herrgotts Namen, über die Hochzeit reden! Es war schlimm genug, dass Meryl bei den Campions seit einem Jahr mit jedem ihrer Auftaktversuche auf taube Ohren gestoßen war. Die Campions waren sehr eingespannt, das war ihr bewusst. Aber so etwas? Ihre Mutter hätte ein solches Verhalten »Spott und Hohn« genannt. Und damit hätte sie, ausnahmsweise, recht gehabt.

»Es tut mir leid, Mom! Ehrlich. Ihm ist es wirklich unangenehm, und es klappt bestimmt ein anderes Mal. Aber geht es heute etwas früher … ja?«

»Kein Problem.« Meryl hoffte, dass sie entspannt klang. Ihr Zeitplan war nun offiziell dahin.

Außerdem musste sie vorher ihre Mutter abholen – und das war jedes Mal eine Herausforderung.

»Was sollen wir mitbringen?«

»Nur euch selbst«, sagte Meryl in einem Singsang, der selbst in ihren Ohren fremd klang.

Na ja, wenigstens Tippy würde sie nun endlich kennenlernen.

Sie wusste, wie Stowes Mutter aussah, sie hatte sie gegoogelt, doch zuvor hatte sie sich Tippy wie eine zweite Barbara Bush vorgestellt: bodenständig, robust, weiße Haare, Perlenkette. Doch während sich in Barbara Bushs Gesicht das Leben eingeschrieben hatte, besaß Tippy Campion den glatten und alterslosen Teint obszönen Reichtums, ein Gesicht, das ab einem bestimmten Alter nur noch durch ein strenges Regime aus chemischen Peelings und Botox und Fillern und Prozeduren erhalten werden konnte, die Meryls Fantasie vermutlich weit überstiegen. Tippys Haar war butterblond, ihr Körper schlank und stets in Tory Burch (am Tage) und St. John (am Abend) gehüllt. Sie war eine Schönheit – keine einstige, verblichene, sie hielt locker mit, selbst jetzt. Ihr Ehemann Reed sah wie ein Filmstar aus, und seine Attraktivität hatte sich voll und ganz auf seinen Sohn übertragen. Kein Wunder, dass sich die Medien für die Campions begeisterten.

Meryl griff nach ihrem Handy und eilte auf die Straße. Nun musste sie ein Taxi nehmen, sie hatte keine Zeit mehr, auf den Bus zu warten. Sie wählte die Festnetznummer ihrer Mutter. Zu ihrer Erleichterung ging Oona, die Pflegerin, an den Apparat.

»Ich bin schon auf dem Weg, Oona. Könnten Sie bitte dafür sorgen, dass meine Mutter fertig ist? Es tut mir leid – ich weiß, ich komme früher als geplant.«

Eine Pflegekraft war Luxus, aber auch, wie Meryl es Hugh gegenüber erläutert hatte, pure Notwendigkeit. Meryl wollte nicht, dass ihre Mutter Rose nach dem Tod ihres Mannes – Meryls Vater war vor zehn Jahren verstorben – allein lebte, auch wenn sie einen ziemlich rüstigen und gesunden Eindruck machte. Dass sie zu ihnen zog, war ausgeschlossen, denn Hugh und Meryls Mutter waren wie Feuer und Wasser. Und auf ein Heim hätte Rose sich niemals eingelassen, was in ihrem Fall auch gar nicht nötig war. Eine Pflegerin war der perfekte Kompromiss. Leider hatten die Frauen bisher im Halbjahresrhythmus gewechselt. Ihre Mutter hatte eine nach der anderen gefeuert. Oona machte den Job nun schon seit acht Monaten und war damit die bislang aussichtsreichste Kandidatin. Meryl hatte Grund zu der Hoffnung, dass Oona es womöglich bis zur Rekordmarke von zwölf Monaten schaffen würde.

»Ich soll Ihnen ausrichten, sie will nicht gehen, Mrs Becker«, sagte Oona. Ihr karibischer Akzent war so melodisch, dass selbst diese unerfreuliche Nachricht beschwingt in Meryls Ohren drang.

»Was? Wieso nicht?«

»Sie sagt, Sie wissen, wieso.«

»Ich bin in einer Viertelstunde da.« Na, toll.

Ihr Handy vibrierte. Auf dem Display erschien, zu Meryls Erstaunen, die Nummer ihres Mannes.

Hugh, der in der zwölften Klasse Englisch unterrichtete, war für gewöhnlich in der Zeit zwischen halb neun und fünfzehn Uhr nicht zu erreichen. Wenn er hinter den steinernen Mauern von Yardley verschwand, einer Privatschule an der Upper East Side, die noch elitärer als Harvard war, dann lebte er ganz und gar und sehr beglückt in seinem kleinen Universum.

»Hugh? Bist du nicht in der Schule?«

»Doch – es ist Mittagspause.«

Natürlich. Sie war nicht bei der Sache. »Ist alles in Ordnung?«

»Nicht bei Janell«, sagte er. »Sie steuert immer mehr dagegen, wenn ich ihr helfen will. Es ist, als ob sie Angst hätte zu versagen und sich deshalb selbst sabotiert.«

Janell South war aktuell Hughs vielversprechendste Schülerin.

Meryl seufzte. Ungeduld war ihr zuwider, doch sie hatte in diesem Moment wirklich nicht die Zeit für eines von Hughs Schülerdramen, nicht an diesem Tag.

Dass Hugh sich für seine Schüler einsetzte, gehörte zu seinem Selbstverständnis und den Dingen, die Meryl an ihm liebte – schließlich hatte auch sie einst von seinem Einsatz profitiert. Und sie hörte sich gern seine Geschichten an und bot ihm einen Resonanzboden. Doch an diesem Tag reichte ihre geistige Kapazität nicht für Hugh und seine Schüler. Die Campions kamen zum Dinner. Oder zumindest Tippy. Endlich!

»Hugh, ich muss dich zurückrufen«, sagte sie. »Oder ruf du mich zurück. Oder wir sehen uns einfach nachher zu Hause, Schatz, und dann reden wir darüber. Versprochen. Die anderen kommen früher als gedacht, und ich bin schon auf dem Weg zu meiner Mutter.«

Meryl bat den Taxifahrer, an der Ecke Seventy-second und Broadway anzuhalten. Den restlichen Weg in Richtung West End wollte sie zu Fuß gehen. Sie war zwar in Eile, doch es war Oktober, und dem Anblick des orange-goldenen Laubs auf der Straße und des herbstlichen Lichtspiels konnte sie sich nicht entziehen. Die schönen Tage waren gezählt. Außerdem nutzte Meryl jede Gelegenheit, durch die Straße zu gehen, in der sie aufgewachsen war, an dem Ladenlokal vorbei, in dem ihre Lieblingsbuchhandlung gewesen war. Die Upper West Side – damals war das Viertel nicht im Ansatz hip oder begehrt gewesen – hatte Meryl ein ganz besonderes Refugium geboten: das Eeyore’s auf dem Broadway in der Nähe der West Seventy-ninth Street. Zwischen all den Regalen mit Jugendliteratur hatte sich ihre Liebe für das geschriebene Wort herausgebildet.

Das erste Buch, das sie verschämt-diskret mit dem Gesicht nach unten neben die Kasse gelegt hatte, war Fifteen von Beverly Cleary gewesen. Meryl war zehn und damit fünf Jahre jünger als die Titelheldin gewesen. Es war das romantischste Buch, das sie je gelesen hatte – es stammte aus den Fünfzigern. Damals, sie hatte die Grundschule bereits verlassen und durfte schon ganz allein in die Buchhandlung gehen, hatte sie auch die Romane von Barbara Cartland und Victoria Holt bebend und stapelweise heimgetragen.

Im College waren die Schmachtfetzen von den Klassikern und obligatorischer Lektüre wie Betty Friedans Weiblichkeitswahn und Mary McCarthys Die Clique verdrängt worden. Ihre Obsession für Liebesromane jedoch war erst erloschen, als sie im wahren Leben auf die große Liebe getroffen war – eine Liebe, die aufgrund des schrecklichsten Englischseminars ihres gesamten Studiums entflammt war.

Meryl hatte drei Semester warten müssen, bis sie endlich einen Platz im begehrten Seminar »Amerikanische Literatur II: 1865 bis zur Gegenwart« bei Professor Dunham ergattert hatte. Jeder Student, der das Lesen liebte – dafür lebte –, wollte Dunham. Er galt als hart und anspruchsvoll, doch auch als charismatisch und brillant. Für die Jünger der Literatur war er der einzig vertrauenswürdige Weggefährte von Whitman bis zu Roth.

Allerdings hatte sich Meryl stärker engagieren müssen als gedacht. Sie hatte mit Faulkner gekämpft und bei Thomas Pynchon aufgegeben. Die zusätzlichen Sprechstunden, die Dunhams Hiwi abhielt, wurden für ihr studentisches Überleben unverzichtbar.

Zu Beginn hatte Hugh Becker, die wissenschaftliche Hilfskraft mit der sanften Stimme, keinen Eindruck auf sie gemacht. Sie hatte in ihm ein Mittel zum Zweck gesehen, den Rettungsanker in einem Seminar, in das sie so unbedingt gewollt und das sich als ihre ganz persönliche Titanic erwiesen hatte. Becker – groß, schlank, blond, blauäugig – war überhaupt nicht ihr Typ. Aber er hatte die feingliedrigen Hände eines Pianisten oder Malers, und wenn er über Henry James’ Kurzgeschichte »Das Tier im Dschungel« sprach, war er so leidenschaftlich wie Neil Young an der Gitarre. Und ihr fiel auf – völlig blind war sie schließlich nicht –, dass er, wann immer er über James’ Figur der May Bartram sprach, zu ihr sah. Jedes Mal.

Zu ihrer Enttäuschung schloss Meryl das Seminar mit einem »Gut« ab. Eine schlechtere Note als ein »Sehr gut« hatte sie noch nie erhalten. Niemals. Sie war wütend auf Dunham und sich selbst. Sie sehnte das neue Semester herbei, damit sie das Kapitel »Amerikanische Literatur II« ein für alle Mal beschließen konnte. Und so hatte sie keinen Gedanken mehr an Dunham oder seinen Flachskopf Hugh Becker verschwendet, bis sie drei Wochen vor Ablauf des vierten Semesters eine Einladung per Post erhielt. Hugh Becker hatte sie zu einer Party eingeladen – seiner Buchparty.

Er hatte ein Buch publiziert! Ein Sachbuch. Abby May Alcott. Eine amerikanische Mutter. Meryl war überaus beeindruckt. Was für eine Leistung! Sie spielte selbst mit dem Gedanken, eines Tages etwas zu verfassen – einen Roman. Oder eine Sammlung von Kurzgeschichten, so wie Susan Sontag. Aber Hugh Becker hatte es getan – er galt nun offiziell als Autor.

Die Party fand in einem Haus in einer Seitenstraße der südlichen Fifth Avenue statt. Meryl hatte ihre Zimmergenossin mitgeschleift – sie waren mit Abstand die Jüngsten. Also spielten sie Weltläufigkeit, tranken Weißwein und aßen Cracker mit Käse. Meryl fühlte sich gelangweilt, fehl am Platz und beschloss, wenigstens so viel zu verzehren, dass sie sich das Abendessen sparen konnte. Doch dann entdeckte sie Hugh Becker und er sie, im selben Augenblick, und wenn es im wahren Leben das viel beschriebene »Knistern« gab, dann spürte Meryl es in jenem Moment – den erregenden Funken.

Hugh Becker erwies sich als nicht annähernd so verklemmt, wie er im Seminar gewirkt hatte. Er kannte sich in dem Haus (es gehörte seinem Agenten) bestens aus und führte Meryl mit großer Selbstverständlichkeit in ein kleines Zimmer, das verwaist war, seit der Sohn des Hausbesitzers auf das College ging. Dort gestand ihr Hugh, dass er sich unwiderstehlich zu ihr hingezogen fühlte, sie begehrte – dass er sich während des gesamten Semesters kaum hatte zügeln können und noch nie so froh gewesen war, dass ein Seminar zu Ende ging. Meryl fragte fassungslos: »Wieso?«

»Na ja«, sagte er und überlegte so ernsthaft, als ob er auf die Frage eines Studenten antworten müsste. »Du bist schön. Hast Temperament. Und Werke, die mich erst nach Jahren nicht mehr sonderlich beeindrucken, haben dich von Anfang an schon nicht beeindruckt.«

Dann fragte er, ob er sie küssen dürfe. Meryl war von diesem schockierenden Wandel der Ereignisse ganz hingerissen. Hugh Becker war noch nie in ihren Fantasien aufgetaucht, und nun musste sie feststellen, dass sie nichts dringender als seine Hände an ihrem Körper spüren wollte. Sie hatte zuvor erst mit zwei Männern geschlafen, doch sobald sich Hugh Beckers Mund auf ihren legte, wusste sie, dass er am selben Abend noch der dritte sein würde. Und es sehr wahrscheinlich blieb.

Meryls Mutter lebte seit zehn Jahren in einem sechsstöckigen Haus mit einer kleinen Lobby. Die anderen Mieter kannte Meryl nicht. Ihre Mutter war noch im selben Monat, als sie Witwe geworden war, in das Apartment gezogen und hatte sich nie um Kontakt zu ihren Nachbarn bemüht. Meryl war nicht überrascht, sie kannte es nicht anders: Schon in ihrer Kindheit, als sich andere Mütter befreundet und zusammengeschlossen, sich bei den Fahrten zur Schule oder den Treffen der Elternvertreter abgesprochen hatten, hatte Rose sich stets bedeckt gehalten. So hatte sie es formuliert. Bedeckt. »Es ist mir lieber«, hatte sie gesagt.

In ihrer Jugend hatte Meryl das Verhalten ihrer Mutter einfach hingenommen und nie hinterfragt. Ihre Mutter war anders als die Mütter ihrer Freundinnen, doch Osteuropäer waren eben anders. Ein tief sitzender Argwohn war ihnen zu eigen, so hatte sie geglaubt.

Ihre Mutter hatte schon immer an Magenproblemen gelitten. An Schlaflosigkeit. Doch all das gehörte zu ihrer Mutter, so wie die blauen Augen, das aschblonde Haar und der polnische Akzent.

Der Aufzug war eng und hatte eine Schiebetür mit rundem Gitterfenster. Meryl hatte stets das Gefühl, dass die nächste Fahrt mit einem freien Fall in Richtung Keller enden würde, also nahm sie jedes Mal die Treppe.

Außer Atem und mit dem festen Vorsatz, irgendwann im Laufe der Woche (des Monats?) in den Fitnessclub zu gehen, klingelte sie im dritten Stock.

»Es ist mir unangenehm, doch die Fahrt war vergeblich, Mrs Becker.« Oona öffnete die Tür und schüttelte den Kopf.

»Ich breche nicht ohne sie auf, Oona. Also, wo ist sie?«

Oona führte Meryl zum Schlafzimmer, klopfte einmal forsch und öffnete die Tür.

Rose war vollständig zurechtgemacht, mit weißer Bluse, grauem Tweed-Rock, Make-up, der für sie typischen Brille mit übergroßem schwarzem Rahmen, robustem Schuhwerk und transparent lackierten Nägeln. Sie sah sich eine Folge von Reich und Schön an, was sie in jüngster Zeit nur noch murrend tat, da die männliche Hauptfigur, Ridge Forrester, mit einem neuen Schauspieler besetzt worden war. Als Teenager hatte sich Meryl Soaps wie Schatten der Leidenschaft oder Jung und Leidenschaftlich– Wie das Leben so spielt zusammen mit ihrer Mutter angesehen. Das Vokabular der Seifenoper hatte ihnen eine gemeinsame Sprache geboten. Tiefschürfende Gespräche hatten ihrer Mutter nie gelegen. In ihrer Welt gab es nur Schwarz oder Weiß. Und wenig Spielraum für Debatten.

»Hi, Mom. Meg kommt früher, wir müssen los.«

Ihre Mutter schüttelte den Kopf und machte ein missbilligendes Ts-ts. Meryl bezog den Tadel auf sich, auf ihr Drängen, doch dann verstand sie, dass die Äußerung gegen den Fernseher gerichtet war.

»Den Mann der eigenen Schwester«, murmelte Rose.

»Mom, hast du mich verstanden? Wir müssen gehen.«

Rose drehte sich zu ihrer Tochter. »Ich gehe nirgendwohin.«

»Was? Wieso nicht?«

»Das weißt du ganz genau.«

Nicht das schon wieder. Meryl holte tief Luft. Sie brauchte eine kleine Atempause, um sich von der Sturheit ihrer Mutter zu erholen. Sie nutzte die Gelegenheit, sich Rose’ Gemälde anzusehen, die überall im Zimmer hingen. Ihre Mutter hatte ihre Kunst immer nur im Schlafzimmer zur Schau gestellt, so als ob sie nicht wollte, dass irgendjemand sie als Künstlerin sah. Meryl hatte ihrer Mutter mehrfach vorgeschlagen, einen Versuch zu wagen und die Bilder zu verkaufen. Doch die Antwort war stets ein verächtliches Schnauben gewesen. »Das ist ein Hobby. Mehr nicht. Deine Generation will jeden Spaß gleich zum Beruf machen, anstatt sich eine ernsthafte Beschäftigung zu suchen.« Meryl stimmte es traurig, dass ihre Mutter die Freude, die das Malen ihr bereitete, nicht wirklich auskosten konnte. Wahre Freude schien ihre Mutter ohnehin nur an wenigem zu finden – wenn überhaupt. Warum das so war, hatte Meryl nie verstanden.

»Willst du Meg das wirklich antun?«

»Ich tue gar niemandem etwas an. Das alles ist die Folge deiner Entscheidungen, Meryl.« Wenn ihre Mutter wütend war, brach der polnische Akzent viel stärker durch. »Was hast du denn erwartet, nachdem du einen Mann von minderem Charakter geheiratet hast? Natürlich kennt deine Tochter es nicht anders.«

Meryl seufzte. »Mom, es ist bloß ein Abendessen. Ich bitte dich ja nicht, sie zum Altar zu führen. Es ist ein Essen im Familienkreis, und ich möchte, dass du daran teilnimmst. Willst du Megs Verlobten und seine Eltern nicht kennenlernen?«

»Das ist nicht nötig. Ich weiß alles über diese Leute. Über diesen Haufen von Antisemiten.«

»Das sind doch keine Antisemiten, Mom.« Nur Republikaner. Schluss jetzt, rief sie sich zur Ordnung.

»Ich kann nachts nicht schlafen.«

»Wegen Megs Verlobung?«, fragte Meryl fassungslos.

»Juden war der Zugang zu dem Club, in dem die Hochzeit stattfinden soll, früher untersagt. Ich hätte wirklich mehr von Meg erwartet«, sagte Rose. »Andererseits – was sollte ich erwarten. Du hast ja nichts dafür getan, dass deine Kinder ihre Identität und Herkunft ehren.«

Meryl seufzte. Die Kritik war ihr nicht neu, doch sie kam aus dem Mund einer Frau, die niemals über ihre Heimat sprach, ihr nie Fotografien aus der Kindheit zeigte und ihre Tochter nicht einmal jüdisch erzogen hatte – und die dennoch Meryls Ehe außerhalb des eigenen Glaubens mit unverhohlenem und dauerhaftem Groll begegnete. Als die Hochzeit nahte, hatte ihre Mutter sich verhalten, als ob Meryl von einem reichen geistigen Erbe Abstand nehmen wollte – als ob sie Meryl in einem Paralleluniversum zu der Welt, in die sie nun eintreten wollte, aufgezogen hätte.

Meryl hatte geglaubt, dass sich das Verhältnis zu ihrer Mutter mit Megs Geburt verbessern würde. Gab es einen stärkeren Bund zwischen einer Mutter und einer Tochter als ein Baby – die erste Enkelin? Doch jede Hoffnung auf einen Neubeginn war dahin, als ihre Mutter gehört hatte, welchen Namen Meryl und Hugh dem Kind gegeben hatten. Rose hatte sich darüber derart aufgeregt, dass sie sich einen ganzen Monat lang geweigert hatte, das Kind zu sehen, und auch nicht mit Hugh und Meryl gesprochen hatte. Nach einer Weile hatte sie zu Meryl nur gesagt, sie habe ihre Großeltern »entehrt«, weil sie das Baby nicht nach ihnen benannt hatte, »auf dass ihre Seelen in Frieden ruhen können«. Meryl war es gar nicht in den Sinn gekommen, der jüdischen Tradition zu folgen und ihr Kind nach einem verstorbenen Familienmitglied zu benennen. Da hatte sie sich längst für Hughs Vorschlag begeistert, ihre Tochter nach einer Figur aus Betty und ihre Schwestern zu taufen. Aber damals hatte sie sämtliche von Hughs Marotten und Obsessionen mit Begeisterung romantisiert.

Ihre Mutter schaute wieder stur auf den Fernseher, die Lippen zusammengepresst, die Fernbedienung derart fest umklammert, als wäre es der Steuerknüppel eines Flugzeugs, das sich im Sturzflug befand.

Meryl dachte an das Essen, das sie hastig in den Kühlschrank geschoben hatte, die Blumen, die sie noch besorgen musste. Und wie schrecklich es wäre, wenn Meg, Stowe und Tippy vor ihr eintreffen und auf sie warten würden!

»Mom, hör zu, mir liegt wirklich viel daran, dass du mitkommst.«

Das war stark untertrieben. Sie staunte selbst, wie dringend sie ihre Mutter bei diesem Dinner an ihrer Seite wissen wollte. Ja, sie hatte drei erwachsene Töchter. Dennoch sehnte sie sich manches Mal nach ihrer Mutter. Doch sie hatte längst gelernt, Rose’ Grenzen hinzunehmen. Wie sie stets zu Meg, Jo und Amy sagte: »Es kommt, wie es kommt, und man muss es nehmen, wie es kommt.«

Meryl holte noch einmal tief Luft, damit sie nicht emotional wurde. »Und ich weiß, dass die Mädchen dich auch gern dabeihätten. Es würde uns wirklich viel bedeuten. Aber ich kann dich natürlich nicht in ein Taxi zwingen. Daher frage ich ein letztes Mal: Würdest du dir bitte Schuhe und Mantel anziehen und mit mir zu einem netten Essen im Kreise der Familie kommen?«

Ihre Mutter fuhr herum, die blauen Augen so grell und wütend wie an jenem Tag, als Meryl ihre Verlobung mit Hugh verkündet hatte. Diese Wut hatte Meryl damals dazu veranlasst, ihre Hochzeit still und heimlich abzuhalten, und diese Wut war selbst nach drei Jahrzehnten nicht verebbt. Da wusste Meryl, was ihre Mutter sagen würde.

»Nein.«

Sie war selbst schuld. Immer schuld gewesen. Denn in den ersten heiklen Tagen ihrer Beziehung mit Hugh hatte sie ihrer Mutter ein Geheimnis anvertraut, das sie ihr niemals hätte anvertrauen dürfen.

Und seither zahlte sie den Preis dafür.

Zwei

»Ich bin nervös«, sagte Meg Becker mit gepresster, leiser Stimme. Sie saß auf einem großen Doppelbett in ihrem Hotelzimmer mit Blick auf den Columbus Circle. Es war ein seltsames Gefühl, in ihrer Heimatstadt New York in einem Hotel zu wohnen.

Die Unruhe trieb Meg dazu aufzustehen. Sie ging auf das Fenster zu, bis sie sich selbst darin erblickte: Ihr blondes Haar lag auf den Schultern auf, ihre zierliche Gestalt steckte in einem Kaschmirpullover mit V-Ausschnitt und einem schwarzen Pencilskirt. Im Spiegel hatten sie immer schon vornehme, symmetrische Gesichtszüge angeschaut – große blaue Augen, markante Wangenknochen, ein sinnlicher, schöner Mund. An diesem Tag jedoch täuschte die äußerliche Gefasstheit über ihr Inneres hinweg. Sie war so durcheinander wie ein weit verstreutes Puzzlespiel.

»Was macht dir solche Sorgen?« Stowe, ihr Verlobter – Verlobter! An diesen Ausdruck konnte sie sich nicht gewöhnen! –, sah von seinem Laptop auf.

»Deine Mutter. Meine Mutter. Meine Großmutter«, sagte Meg und ließ sich wieder auf das Bett fallen.

»Du wirst nie nervös«, sagte Stowe, rutschte zu ihr und griff nach ihrer Hand. Er küsste ihren Hals. Ein wohliger Schauer lief über Megs Rücken. »Und es gibt keinen Grund, jetzt damit anzufangen, Schatz.«

»Irrtum! An dem Tag, an dem wir uns begegnet sind, war ich sehr nervös«, sagte sie mit einem Lächeln. Denk daran, wie alles angefangen hat, mahnte sie sich selbst. Konzentrier dich auf deine Gefühle. Schieb das Abendessen in den Hintergrund!

»Das stimmt. Aber das war vor deinem ersten Live-Auftritt im Fernsehen.« Er erwiderte ihr Lächeln mit einem schalkhaften Grinsen. »Das können wir also streichen.«

Zum ersten Mal hatte sie ihn im Green Room vor der Sendung Real Time with Bill Maher gesehen. Meg war als Redakteurin von Poliglot, einer politischen Nachrichtenseite, mit einem Bericht über den Angriff der demokratischen Senatorin Elizabeth Warren auf die Lobbyisten des US-amerikanischen Bankenverbands zu Ruhm gekommen und daraufhin in die Sendung eingeladen worden. Die beiden anderen Talkgäste hatten gemeinsam mit ihr gewartet, ein lauter Schauspieler mit liberaler Einstellung, neuem Film und zahlreichen Komplexen, und Reed Campion, Senator aus Pennsylvania und aufgehender Stern der Republikanischen Partei. Reed Campion und der Schauspieler hatten sich gegenseitig vollgequatscht, sodass Meg nervös ihre E-Mails gecheckt hatte und im Geist noch einmal ihre Standpunkte durchgegangen war. Noch nie war ein Mitarbeiter von Poliglot in eine derart prominente Sendung eingeladen worden, und ihre Bosse hatten ihr eingeschärft, sie solle ja keine Scheiße bauen – so der Wortlaut.

In dem Moment hatte Stowe, ein Mitglied aus der Campion-Entourage, sie angesprochen. Wenn sie wegen ihres Auftritts nicht so nervös gewesen wäre, hätte sein umwerfend gutes Aussehen ihr sicher Angst gemacht. In der Situation jedoch war sie bloß erleichtert gewesen, dass sich ihr bis zum Beginn der Sendung eine Ablenkung bot.

Erst im Anschluss an die Talkshow, erst nachdem er sie schon auf einen Drink eingeladen hatte, erfuhr sie, dass er der Sohn des Senators war.

Sie waren beide fremd in L.A., und zumindest das machte sie einander gleich. Da sie nicht wussten, wohin sie gehen sollten, waren sie der Empfehlung eines Mitarbeiters aus dem Sender gefolgt und im Standard Hotel auf dem Sunset Boulevard gelandet.

Sie hatten am Swimmingpool gesessen, unter Sternen. Megs erster Gedanke war, dass ihre Schwester Jo mit ihrem langen Haar und ihren Folkloreblusen, Jeansshorts und ewigen Flip-Flops perfekt an diesen Ort gepasst hätte. Aber Meg, mit Pferdeschwanz, Perlenkette und Chanel-Ballerinas, wirkte wie ein Fisch an Land. Zu ihrem Glück war Stowe – glatt rasiert, dunkles kurzes Haar, die Haut so blass, als hätte sie noch nie den Strand gesehen, Krawatte und Jackett – gleichermaßen fehl am Platz. So aber verstärkte der Kontrast zwischen ihnen beiden und L.A.s seltsamen exotischen Nachtvögeln den Eindruck, dass sie perfekt zueinanderpassten.

Nun erst, da Meg ihren Fernsehauftritt hinter sich gebracht und zu ihrem Selbstbewusstsein zurückgefunden hatte, bemerkte sie, dass Stowe Campion das reinste GQ-Cover-Model war. Und klug. Und ehrgeizig.

Und sein Bein sehr dicht an ihrem war.

»Wie ist es dir gelungen, ein paar Tage freizunehmen?«, fragte sie und lächelte verspielt. »Werden Leute deines Schlages nicht bis mindestens fünfzig an den Schreibtisch angekettet?« Stowe war mit dreißig der jüngste Partner in der Washingtoner Anwaltskanzlei Colby, Quills, McGinty und Dean.

»Die Götter des Timings waren auf meiner Seite«, sagte er und beugte sich zu ihr. »Ich bin hier, weil ich am Montag einige eidesstattliche Aussagen aufnehmen muss. Dadurch konnte ich ein paar Extratage rausschlagen.«

»Timing ist alles. Sagt man zumindest.« Meg schluckte. So sehr hatte sie noch keinen Mann gewollt. Ihr Verlangen brachte sie aus dem Konzept. In den vergangenen anderthalb Jahren hatte sie sich derart intensiv auf ihre Arbeit konzentriert, dass sie kaum Zeit für Dates gefunden hatte.

Als es auf ein Uhr morgens zuging, brach sie widerwillig auf. Sie hätte die ganze Nacht lang mit ihm reden können, doch der Kontrollfreak in ihr verlangte, dass sie den Schlusspunkt unter diesen Abend setzte.

»Nun denn.« Ihre Blicke trafen sich; ihr Magen geriet in Aufruhr.

Meg war in einem Hotel in Santa Monica abgestiegen, Stowe wohnte bei einem Freund der Familie in Beverly Hills – wie auch sein Vater. Falls sie ihr Beisammensein andernorts hätten fortsetzen wollen, hätte es bei ihr sein müssen. Doch Meg konnte sich nicht dazu überwinden, ihn zu sich einzuladen. Meg Becker machte nicht den ersten Schritt. Niemals. Und wenn sie beim ersten Date mit einem Mann geschlafen hätte, dann hätte es wenigstens ein echtes Date sein müssen.

Ihre Sturheit bereute sie, als sie zwei Wochen später noch immer nichts von ihm gehört hatte – obwohl er ihre Nummer in sein Handy eingegeben und sie zu ihrem Wagen begleitet hatte.

Wieder in Washington, entwickelte Meg ein plötzliches und großes Interesse an der Arbeit eines gewissen Senators aus Pennsylvania. Sie wohnte einigen der nicht ansatzweise berichtenswerten Abstimmungen im Senat bei und begründete ihren Einsatz vor sich selbst – und vor Kevin, ihrem Boss – damit, dass Senator Campion ein Senkrechtstarter sei, ein Politiker, den es im Auge zu behalten galt.

Doch all ihren Bemühungen zum Trotz stieß sie nicht ein einziges Mal auf Stowe – auch wenn sie nie, niemals zugegeben hätte, dass sie versuchte, ihm über den Weg zu laufen.

Und dann begann sie sich zu ärgern. Warum rief er sie nicht an? Damit erlosch, von heute auf morgen, ihr Interesse am Abstimmungsverhalten von Senator Campion. Doch eines Nachmittags, als sie zum Seiteneingang des Kapitols eilte, um rasch ein Interview mit einem der beiden Senatoren aus South Carolina aufzunehmen, kam Stowe aus dem Gebäude.

Er erblickte sie als Erster. »Meg Becker!«, rief er glücklich.

Sie brauchte gar nicht hinzuschauen. Ihr Unterbewusstes, das Animalische in ihr, das längst schon halb in ihn verliebt war, wusste, dass es Stowe war.

Sie tat so, als wäre ihr sein Name entfallen.

Stowe hielt ihr sein Handy entgegen, zeigte ihr den Eintrag mit ihrer Nummer und lächelte schuldbewusst. »Meine Behauptung, dass ich nicht an den Schreibtisch angekettet sei, war wohl etwas vorschnell«, sagte er. »Aber heute habe ich mich den ganzen Tag lang losreißen können. Besteht die aberwitzige Chance, dass du heute Abend Zeit für ein Essen hast?«

Und das, wie es so schön heißt, war es dann. Tief in ihrem Innern, im Grunde ihres Herzens wusste Meg, dass es um sie geschehen war – sie war vom Markt. Ein Jahr später steckte er ihr einen Ring an. Damit war es offiziell.

Und nun trennten sie nur noch Stunden von der ersten Begegnung der Eltern. Oder vielmehr der Begegnung seiner Mutter mit ihren Eltern. Denn sobald New York davon Wind bekommen hatte, dass Reed an diesem Wochenende in der Stadt sein würde, war sein Büro mit Anrufen bombardiert worden. Meg hatte dafür Verständnis; nach einem Jahr mit Stowe wusste sie, dass Reed – der ständig zwischen seinem Wohnsitz in Haverford, seinem Büro in Harrisburg, beide Pennsylvania, und dem Senat in Washington pendelte – schwer zu greifen war, familiäre Verpflichtungen hin oder her. Ihre Mutter aber würde kein Verständnis zeigen. Sie würde sich nur in ihrem Vorurteil bestätigt sehen, dass sich die Campions »nicht bemühten«.

Etwa nach dem ersten halben Jahr ihrer Beziehung mit Stowe war Meg einmal herausgerutscht, dass die Campions am Wochenende nach New York kämen. Großer Fehler. Meryl hatte fest damit gerechnet, dass sich die Campions melden und anregen würden, die Eltern der Freundin ihres Sohnes auf einen Kaffee oder Drink zu treffen. Das war nicht geschehen. Schließlich hatte sich Meryl dazu durchgerungen, die Kränkung zu schlucken, und sich ihrerseits gemeldet. Dem waren zahlreiche vergebliche Anrufe und Rückrufe gefolgt, mit dem Ergebnis, dass sich die Mütter erst kurz nach der Verlobung zum ersten Mal gesprochen hatten. Da hatte Tippy bei Meryl angerufen und gesagt, dass sie »so glücklich für die Kinder« sei und sie bald nach New York kommen und die Beckers zum Dinner ausführen wollten.

Aber Meryl wollte nicht »ausgeführt werden«. Sie wollte in ihrem Heim zum Abendessen laden, damit sich alle kennenlernten. »Schließlich«, hatte sie zu Meg gesagt, »sind wir bald eine Familie.«

Meg hatte es nicht über das Herz gebracht, ihrer Mutter zu erklären, dass sie niemals eine Familie sein würden – jedenfalls nicht so, wie ihre Mutter sich das vorstellte. Die Campions bildeten einen geschlossenen Zirkel, sie machten die Dinge auf ihre Art. Die Campions waren mehr Club als Familie und keineswegs auf neue Mitglieder erpicht. Das Motto, »Je mehr, desto besser«, galt bei ihnen nicht.

Patricia »Tippy« Gaffney Campion entstammte dem Geldadel Philadelphias und war mit einem silbernen Löffel im Mund geboren worden. Kindheit und Schulzeit hatte sie in der exklusiven Atmosphäre der Nobelviertel verbracht – erst auf einer privaten Mädchenschule, der Baldwin School, dann auf dem Bryn Mawr College. Ihre drei Söhne hatte sie in einem burgartigen Anwesen am Waldrand von Villanova großgezogen. Im Sommer ging es nach Jersey ans Meer und in den Country Club, dem Philadelphia Racquet and Hunt. Meg kannte Elitismus – sie war schließlich in Manhattan aufgewachsen und hatte eine der vornehmeren Privatschulen besucht (wenn auch, dank der Position ihres Vaters dort, unentgeltlich). Doch eine Person mit einem derart beschränkten Gesichtskreis wie Tippy Campion war ihr nie zuvor begegnet. Nichts, aber auch gar nichts außerhalb ihres eigenen Interesses und Einflusses war für Tippy von Belang.

Meg graute bereits vor den künftigen Thanksgiving- und Weihnachtsfesten, die sich für sie zu einem Minenfeld entwickeln und sie zwingen würde, zwischen ihren und Stowes Eltern hin und her zu wechseln. Es war nicht ausgeschlossen, dass die Campions ihre Eltern zu manchen Festen einladen würden, aber Meryl hatte an solchen Tagen »die Mädchen gern bei sich«. Und Meg war gern bei ihrer Mutter.

Und Amy und Jo? Ihre Schwestern wollten sicher nicht nach Philadelphia fahren und die Feiertage im Haus der Campions verbringen.

Meg stand erneut auf und ging zum Fenster. Wenn man sein Leben mit dem eines anderen verband, gehörte so etwas dazu. Und irgendwie würde es sich regeln. Ich muss nur diesen Abend überstehen.

»Meine Mutter wird deine Mom nachher auch auf die Hochzeitsplanerin ansprechen.« Stowe näherte sich Meg von hinten und schloss die Arme um ihre Taille.

Meg fuhr herum. Stowe hielt ihren überraschten Gesichtsausdruck fälschlicherweise für Freude und gab ihr einen Kuss.

»Stowe, ich habe dir gesagt, dass meine Eltern keine Hochzeitsplaner-Leute sind«, erwiderte Meg. »Mom wird es nicht gefallen, dass sich eine Fremde einmischen und ihr reinreden will. Meine Mutter will das selbst übernehmen – sie freut sich so darauf. Es würde ihr das Herz brechen, wenn sie das nicht persönlich machen kann. Und, ganz ehrlich, ich würde das Ganze auch lieber nur mit meiner Mom planen.«

»Schatz, natürlich wirst du das Ganze mit deiner Mom planen. Die Hochzeitsplanerin wird euch nur bei der Logistik helfen, bei allem, was euch lästig wäre, bei Verhandlungen mit Händlern oder Lieferanten. Sie wird nur dafür sorgen, dass alles glatt und effizient über die Bühne geht.«

Meg löste sich, verschränkte die Arme vor der Brust und runzelte die Stirn. Das war ein Misstrauensvotum von Tippy. Nicht gegen ihre Mutter, sondern gegen sie. Das Thema Hochzeitsplanerin rief Meg das Einzige ins Gedächtnis, an das sie nicht denken wollte: ihre feste Überzeugung, dass Tippy nicht mit ihr einverstanden war.

Meg Becker wurde niemals abgelehnt. Im Gegenteil, Meg war gefragt, ein Vorbild, alle suchten ihre Nähe, ihre Freundschaft. Sie wirkte zwar manchmal etwas einschüchternd, aber nur, bis man sie kennenlernte; sie war eine Frauenfrau – eine loyale Freundin, eine faire Kollegin und bei ihren Schwestern die Stimme der Vernunft. Sie hatte nie einer anderen Frau den Freund ausgespannt, sich beruflich nie mit fremden Federn geschmückt oder anderen das Wort abgeschnitten. Sie war stets höflich und informiert, vertrat ihre Meinung, aber ohne Vorurteile. Ihre Kleidung war stilvoll, aber nicht aufdringlich. Sie war ehrgeizig, aber nicht überambitioniert. Sie war schön, das ja – aber auf eine zurückhaltende Art. Ihre Schwester Jo verkörperte zwar weniger den Typus klassische Schönheit, doch wenn sie einen Raum betrat, drehte sich alles nach ihr um. Meg konnte, wenn sie wollte, unter dem Radar bleiben.

Aber bei Tippy …

»Stowe, ich will an Effizienz gar nicht denken. Die Planung unserer Hochzeit ist nun wirklich nichts, was ich wie einen Text von meiner To-do-Liste streichen will. In gewisser Weise habe ich mich mein ganzes Leben lang darauf gefreut.« Meg lächelte bei dem Gedanken an die Zeit, als sie und ihre Schwestern Braut gespielt hatten.

Stowe nahm ihre Hand und zog Meg an sich. »So habe ich das nicht gemeint, Meg. Es ist nur, es gibt viel zu tun, wir alle haben viel zu tun – auch deine Mom –, und wir können von Glück sagen, dass wir einen Profi an unserer Seite haben. Warum sollen wir eine Hochzeitsplanerin nicht in Anspruch nehmen?«

Meg wollte keinen Profi. Und dennoch hatte sie Mühe, Nein zu sagen. Sie hatte eine neue und unschöne Seite an sich selbst entdeckt, die sich in etwa parallel zu ihrer Beziehung mit Stowe entwickelt hatte: Sie war zu einer Allen-Rechtmacherin geworden. Doch dieser Drang, es allen recht machen zu wollen, zielte unbestreitbar nur in eine ganz bestimmte Richtung: auf Tippy Campion.

* * *

Meryl befreite das dreieckige Käsestück von seiner Folie und den Plastikbehälter mit den gemischten, entkernten Oliven von seinem Deckel. Ja, sie »kochte nicht mal richtig«. Doch der Tisch war schön gedeckt, mit dem guten Geschirr und den beiden Kristallleuchtern, die sie und Hugh in Irland gekauft hatten. Dazu Megs Lieblingsdecke, schwere bedruckte Baumwolle mit einem rot-grünen Vogelmuster, die Meryl auf der Madison in einem hübschen kleinen Laden erstanden hatte, der längst einem Gucci- oder Alice + Olivia-Shop oder irgendeinem anderen Geschäft hatte weichen müssen, in das Meryl niemals einen Fuß gesetzt hätte. Im Ofen wärmte sie Bruschetta auf, und es roch, als hätte sie den ganzen Tag gekocht. Na also. Ging doch.

In dem Moment kam Hugh nach Hause und ließ Bücher und Tasche laut auf den Tisch im Eingang fallen.

»Hugh, räum das bitte in dein Arbeitszimmer. Unsere Gäste kommen bald. Ach, und meine Mutter wird übrigens nicht mitessen.«

Hugh zuckte mit den Achseln, als ob er sagen wollte: Erzähl mir was Neues.

Er wirkte still und in sich gekehrt. So reagierte er eigentlich nur, wenn er Noten weit unter dem Durchschnitt geben musste, denn solche Fehlschläge nahm er persönlich. Doch es war Oktober – das war zu früh für Zeugnis-Stress. Vielleicht war er mit seinem neuesten Buch wieder in eine »Sackgasse« geraten. Andererseits war es unwahrscheinlich, dass ihm sein ständig stockendes Projekt nach all der Zeit noch an die Nieren ging. Es musste Megs Verlobung sein.

Meryl fand es ebenso beglückend wie bedrohlich, dass ihre Tochter in einen solchen Reichtum einheiraten, dass Geld für sie niemals ein Problem bedeuten würde. So etwas konnte Meryl sich kaum vorstellen. Dabei befand sich ihre Tochter Amy mit ihrem Freund Andy auf einem ähnlichen Weg. Nur ihre jüngste Tochter Jo führte das normale Leben einer Anfang Zwanzigjährigen, inklusive Job in einem Café in Brooklyn und Beziehung zu einer Jurastudentin, die gleichfalls um ihr Auskommen ringen musste.

Meryl versuchte, sich in die ersten Jahre ihrer Ehe zurückzuversetzen. Wirklich arm waren Hugh und sie nie gewesen, und doch hatten sie in der Anfangszeit ihrer Beziehung manchen Monat von Cornflakes leben und auch die Stromrechnung ein wenig später zahlen müssen. Nicht dass es ihnen etwas ausgemacht hätte, solange sie einander hatten. Doch seit Yardley kamen sie ausgesprochen gut zurecht. Die Mädchen hatten die Schule umsonst besuchen können. Meg hatte ein Stipendium für Georgetown, Jo ein Teilstipendium für die New York University erhalten. Nur für Amys vier Jahre in Syracuse hatten sie die vollen Studiengebühren zahlen müssen. In den Sommerferien waren sie Jahr um Jahr für zwei Wochen im August in dasselbe Ferienhaus auf Fire Island gefahren – und in all der Zeit hatte sich die Miete kaum erhöht. Und dann war da natürlich das, was das Leben für Hugh und sie so viel angenehmer als das ihrer meisten Freunde machte: das wunderschöne Vierzimmerapartment aus der Vorkriegszeit mit Blick über den Fluss, das Yardley ihnen zu einem Bruchteil der regulären Miete zur Verfügung stellte.

Sie hatten es wirklich gut getroffen. Doch ihre Töchter würden es noch besser treffen. Von daher hatte Meryl sehr gestaunt, als Hugh eines Tages sagte, dass er sowohl Stowe als auch Andy mochte, »trotz des Geldes«.

»Trotz des Geldes?«, hatte Meryl erwidert. »Träumen nicht alle Eltern davon, dass ihre Kinder einmal reich heiraten?«

»Nein«, hatte Hugh gesagt und die Stirn in Falten gelegt. »Sie träumen davon, dass ihre Kinder glücklich werden.«

»Ja, sicher, aber du musst zugeben, dass Geld dabei hilft.«

Diese Worte hatten bei ihr selbst einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlassen, so als ob sie damit einen gemeinsamen Wert verraten hätte, ihren Beziehungskitt – den Pakt, ihr Leben in den Dienst der Kunst zu stellen. Hinter Hughs Stelle als Englischlehrer, hinter Meryls Job im Verlagswesen stand nicht die Motivation, ein Vermögen zu verdienen. Diese Tatsache machte den extravaganten Reichtum der Partner ihrer Töchter nur noch erstaunlicher.

Und obwohl sie dieses Eingeständnis schmerzte, erschien ihr das Leben mit Hugh mit einem Mal sehr provinziell; manchmal kam es ihr so vor, als ob sie ihre Töchter auf einem Bauernhof großgezogen hätte. Zumindest hatte sie Angst, dass es auf die Campions so wirken könnte.

Vielleicht empfand Hugh ähnlich, denn ihre uneingeschränkte Freude über die Verlobung teilte er nicht.

»Kannst du nicht wenigstens so tun, als würdest du dich auf das Abendessen freuen? Wenn ich dich und meine Mutter ansehe, habe ich das Gefühl, dass ich damit ganz allein dastehe.«

»Tut mir leid. Mich beschäftigen gerade andere Dinge.«

Fast hätte sie gesagt, jetzt reiß dich mal zusammen, doch er wirkte so niedergeschlagen, dass sie eine Hand auf seinen Arm legte und sanft fragte: »Was ist denn los?«

»Nur was bei der Arbeit«, sagte er und schüttelte die Hand ab.

Dann fiel es ihr ein: der Anruf zur Mittagszeit, als sie zu ihrer Mutter gehetzt war. Janell South.

Janell South war vor zwei Jahren mit einem Stipendium nach Yardley gekommen und ging inzwischen in die zwölfte Klasse. Auf Yardley gehörte sie damit zu den Ausnahmen, und von den wenigen, denen so etwas gelang, wurden außergewöhnliche Leistungen erwartet. Janell stammte aus der Bronx, war von einer Pflegefamilie an die nächste weitergereicht worden und erst vor Kurzem zu ihrer erwachsenen Halbschwester nach Harlem gezogen. Laut Hugh war sie eine talentierte Schreiberin und teilte seine Leidenschaft für die Klassiker der amerikanischen Literatur.

»Wo ist das Problem?«

»Janell hat bei einem Aufsatz plagiiert«, sagte Hugh.

»Oh, Hugh, bist du da sicher?«

»Ich habe ganze Passagen aus McKnights Buch über Hawthorne wiedererkannt.«

»Das tut mir so leid! Das muss eine große Enttäuschung für dich sein. Was passiert jetzt, darf sie das Schuljahr trotzdem beenden?«

Yardley verfolgte in solchen Fällen eine strikte und pauschale Null-Toleranz-Politik, die in Folge massiver Täuschungsskandale an anderen Highschools in Kraft gesetzt worden war. Hugh hatte zu dem Beratergremium gehört, das die neue Regel ausgearbeitet und durchgesetzt hatte.

»Das dürfte sie ganz sicher nicht.«

»Du meinst, darf.«

»Nein, ich meine, wenn ich es gemeldet hätte, würde man sie sicher von der Schule werfen.«

Meryls Augen weiteten sich. Erst im Vorjahr hatte Hugh für den Schulverweis von Todd Boswick gesorgt, einem Elftklässler, der bei den Zwischenprüfungen gemogelt hatte.

»Du hast sie nicht gemeldet? Hugh, das ist nicht dein Ernst! Du kannst doch nicht eigenmächtig eine Ausnahme beschließen. Aus dem Grund habt ihr euch doch für Null-Toleranz entschieden – wegen der Unterstellungen und Begünstigungen.«

»Dieser Fall liegt anders.«

Todd Boswick, der Sohn eines Hedgefonds-Milliardärs, hatte die Versetzungen schon kaum geschafft. Er hatte regelmäßig die Schule geschwänzt, war im Unterricht immer wieder mit seinem Handy erwischt worden und hatte seinen Lehrern patzig widersprochen. Todd gehörte zu den Kindern, die glaubten, dass Regeln nur für andere galten. Und leider traf das, im Wesentlichen, zu. Der Reichtum und die Stellung seines Vaters hatten ihm längst einen Platz auf einer anderen Privatschule gesichert.

Aber eine Janell South hatte kein Auffangnetz.

»Hugh, ich verstehe, warum du so empfindest und dass dir das zusetzt. Doch es ist nicht deine Aufgabe, sie zu decken. Du musst sie melden, du setzt dich sonst selbst ins Unrecht.«

»Tja, dafür ist es zu spät. Ich habe sie nur deutlich verwarnt.«

Meryl sah ihn fassungslos an. »Hugh! Du hast die ethischen Richtlinien ausformuliert, und jetzt setzt du dich darüber hinweg?«

»Spiel bitte nicht den Moralapostel, Meryl«, erwiderte er gereizt. »Ich habe mich den ganzen Tag lang damit rumgequält, aber du hattest ja nicht mal fünf Minuten Zeit, um mit mir zu sprechen. Und ich konnte nicht noch länger warten, ich musste etwas unternehmen. Also habe ich getan, was ich für richtig halte.«

Da verstand Meryl, dass es längst nicht mehr um Janell South ging. Hugh war sauer. Er war sauer, weil ihre Tochter in eine Familie einheiratete, die eine große Hochzeit erwartete. Er war sauer, weil Meryl sich dem fügte, obwohl das eine große finanzielle Belastung für sie darstellte. Und, ja, er war sauer, dass eine Bestimmung, die verzogenen reichen Kindern Grenzen setzen sollte, seiner Lieblingsschülerin – einer armen Schülerin – zum Verhängnis werden konnte.

»Schön. Du hast getan, was du für richtig hältst. Dann zieh dich bitte nicht in deine Grübelei zurück. Bitte, vergiss das jetzt. Wir haben gleich ein Dinner. Lass uns daraus einen schönen Abend machen.« Sie sah ihn flehentlich an. »Meg zuliebe.«

Nach einer Weile seufzte er und ließ die Schultern sinken. »Du hast recht.«

»Wir müssen schließlich eine Hochzeit planen.« Sie lächelte. Damit war das Thema Schule hoffentlich in den Hintergrund gedrängt und Hughs Laune wieder besser.

»Du sorgst dafür, dass die Ausgaben kontrolliert bleiben, okay? Im Rahmen.«

»Werde ich.«

»Versprochen?«

»Versprochen.«

Er küsste sie, und in dem Moment läutete es wie aufs Stichwort an der Tür.

»Da sind sie!«, rief Meryl schrill, und ihr Herz machte einen Satz.

»Meryl, ruhig. Es ist bloß ein Essen.«

Drei

Josephine »Jo« Becker zerbrach sich nie den Kopf darüber, was sie anziehen sollte, doch dieser Abend stellte sie vor ein Problem. Ihr Standardoutfit – Jeans, T-Shirt, High-Top-Sneakers – verbot sich: Die Campions kamen zum Essen. Oder vielmehr: Die Campions. Sie sah den Namen nur noch in Großbuchstaben vor sich.

Jo machte sich einen Latte macchiato aus Sojamilch und ignorierte die wartenden Kunden. Das Café Grumpy wurde nur vom echten Brooklyn aufgesucht. Der Name war pure Ironie, denn im Café ging es nicht grantig, sondern ausgesprochen freundlich zu. Im Innern herrschte eine warme Atmosphäre, mit Ziegelwänden, ornamentierter Decke und Akzenten in leuchtendem Orange, dazu schlichtes Holzmobiliar und ein wilder Mix verschiedener Designelemente – hier ein frei stehendes Bücherregal, dort eine Topfpflanze oder eine runde Wanduhr. An diesem Tag jedoch bewegte sich das gesamte Personal in Zeitlupe, da eine der Baristas am Vorabend ihr Debüt als Burlesque-Tänzerin in einem nahe gelegenen Club gegeben hatte. Jo hatte den Absprung schon um kurz nach drei geschafft – und sich anhören müssen, sie sei eine »Pussy«, eine Spielverderberin. Sie hätte liebend gern durchgemacht, doch ihre Freundin hatte sich den Ausschweifungen der Café-Grumpy-Crew verschlossen. Caroline studierte Jura, und sie lernte Tag und Nacht; lange Partys hatten Pause. Jo klagte nicht – niemals –, selbst wenn jede einzelne Minute ohne Caroline sie mit Unruhe und Sehnsucht erfüllte, und das nach drei Jahren Beziehung.

Allein beim Gedanken an Caroline machte ihr Herz einen Satz. Gott, ich liebe sie.

Sie zog ihr Handy hervor und textete Caroline: Hab bald Feierabend– bist du fertig? Meine Mutter dreht durch, wenn wir heute spät sind.

In früheren Zeiten hätte Jo davor gegraut: an einem Tisch mit ihrer verkrampften Mutter, ihrer irren Großmutter, ihren zänkischen älteren Schwestern und ihrem zerstreuten Dad zu sitzen, der in Gedanken bei seinem Buch, seinen Schülern oder wo auch immer war – er war nie ganz präsent. Die miesen Vibes hatten ihr jedes Mal den Rest gegeben. Nun nicht mehr. Mit Caroline an ihrer Seite überstand sie ihre seltsame Familie. So war das, wenn man mit Haut und Haaren verliebt war.

Jo konnte ihr Glück noch immer nicht fassen; sie hatte sich in ihre beste Freundin verliebt – und wundersamerweise, aufgrund einer höchst unerwarteten und überwältigenden Wendung des Schicksals, hatte sich diese Freundin auch in sie verliebt.

Caroline. Klug, witzig, schön – in einer für Jo bis dahin ungekannten Weise. Caroline.

In den ersten beiden Jahren auf dem College hatte Jo still gelitten. Gleich bei ihrer ersten Begegnung mit Caroline Winter hatte sie erkannt, dass Caroline durch und durch hetero war. Sie stammte aus Vermont, trug Hemdblusen und Outdoorkleidung und sagte, wenn sie sich ärgerte: »Verflixt!«

Im ersten Jahr an der New York University hatte der Zufall sie zu Zimmergenossinnen gemacht. Jo hatte Caroline vom ersten Tag an voller Ehrfurcht angesehen. Mit ihrer durchscheinend milchweißen Haut und ihrem kräftigen herbstlaubroten Haar wirkte sie wie eine fremde Spezies. Sie war noch nie U-Bahn gefahren und hatte noch nie indisch gegessen.

Jo wurde zu ihrer Fremdenführerin. Als Jüngste von drei Schwestern kam es selten vor, dass sie jemandem etwas Neues zeigen konnte. Immer war sie es gewesen, die etwas als Letzte erlebt oder entdeckt hatte. Es hatte ihr einen Kick gegeben, die Erfahrene zu sein, die Wissende. Und ihre Heimatstadt durch die Augen einer Fremden zu sehen, hatte auch ihr New York in einem völlig neuen Licht gezeigt. Jo hatte sich immer als Freigeist verstanden, von ihren Schwestern radikal verschieden, doch manchmal konnte sie kaum sagen, wo der Einfluss ihrer Schwestern aufhörte und sich ihre eigenen, wahren Neigungen und Abneigungen zeigten. Sie gab unumwunden zu, dass viele ihrer Interessen einer bloßen Opposition zu Meg und Amy entsprangen. Aber im Zuge ihrer aufkeimenden Freundschaft mit Caroline schienen sich Jos Leidenschaften und Persönlichkeit zum ersten Mal herauszuformen. Während sie Caroline kennenlernte, entdeckte sie sich selbst. Und unter anderem entdeckte sie, dass sie zum ersten Mal verliebt war.

Jo verwandelte diese Liebe in ein winziges, kristallhartes Geheimnis und begrub es tief in ihrem Herzen. Sie und Caroline waren unzertrennlich, sie trafen sich nach den Seminaren, holten sich eine Pizza und lernten die Nacht hindurch.

Es war das Paradies auf Erden. Dann kam der November, und mit ihm nahten die Weihnachtsferien. Jo konnte die Vorstellung nicht ertragen, zwei Wochen lang von Caroline getrennt zu sein, auch wenn sie das Caroline gegenüber nicht zugeben wollte. Sie konnte weder essen noch schlafen. Sie vermasselte mindestens eine Prüfung allein wegen ihres vorzeitigen Liebeskummers. Keine Frage, sie brauchte dringend Abstand.

Von da an mied sie ihre Freundin. Sie lernte allein, suchte sich neue Freunde, mit denen sie zum Essen ging, und stand am Wochenende früh auf, vor Caroline, um zu joggen und den gemeinsamen Tagesablauf zu durchbrechen.

»Ich sehe dich überhaupt nicht mehr«, sagte Caroline eines Nachmittags in aller Gutmütigkeit.

»Na ja, du fährst in zehn Tagen nach Hause, dann können wir uns schon mal dran gewöhnen«, versuchte sich Jo an einer lässigen Erwiderung und fühlte sich elend.

»Stimmt. Es sei denn, du kommst mit.«