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Ausgezeichnet mit dem Klopstock-Förderpreis für neue Literatur von 2018. Ein Roman über den deutschen Wissenschaftsbetrieb. Alex will Ethnologin werden, doch das Orchideenfach, in dem am Bedarf vorbei Massen ausgebildet werden, erweist sich als Sackgasse. Dabei hat sie früh gelernt, sich durchzuschlagen. Ein Abrisshaus ist preiswerte Bleibe, Ausgrabungen finanzieren ihr Studium und ihre Forschungen in Sibirien. Männer trudeln durch ihr Leben, bis sie sich für ihr Kind entscheidet. Da hangelt sie sich schon von Projekt zu Projekt, während Anträge zum Lottospiel verkommen. Sie wird von Stipendien und Drittmitteln finanziert, lebt von Sozialleistungen. Eine unbefristete Stelle ist unerreichbar, und wenn sie ihrer Tochter ein halbwegs normales Leben bieten will, muss sie zur Sozialbetrügerin werden. Anna Sperk erzählt als Insiderin von der erschreckenden Situation junger Wissenschaftler heute. In einem Kaleidoskop von Einzelfällen zeigt sie die Auswirkungen deutscher Wissenschaftspolitik, die Sehnsucht nach einem erfüllten, selbstbestimmten Leben und die Begrenztheit dieses freiheitlichen Lebensdrangs.
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Seitenzahl: 764
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Der Roman „Die Hoffnungsvollen“ wurde 2018 mit dem Klopstock-Förderpreis für neue Literatur des Landes Sachsen-Anhalt ausgezeichnet.
Die Handlung dieses Romans ist frei erfunden. Die Personen, wie sie geschildert werden, leben in der Vorstellung und haben mit tatsächlich existierenden Menschen so viel gemein wie Kupferplatten und Radiernadeln mit einer Druckgrafik.
Den Hoffnungsvollen
und ihren Kindern
Prolog
Erstes Buch: Auf dem Weg
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Zweites Buch: Erfüllung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Drittes Buch: Akademia
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Dank
Die Autorin
Strahlender Sonnenschein und purpurblauer Himmel begleiteten den 1. Mai, zu dem sich die 6a der POS „Hans Beimler“ versammelt hat. Die Leute reden, dass die ‚Freunde‘ oder Sowjets, wie sie offiziell hießen, mit ihren Flugzeugen Kondensationsmittel in die Luft sprühen, um vor der Stadt den Regen auszulösen, der dann den „Internationalen Kampf- und Feiertag“ nicht mehr stören kann. Obwohl nicht anzunehmen war, dass diese Prozedur auch in der Industrie- und Arbeiterstadt durchgeführt wurde, in der Alex lebte, hielt sich das Gerücht hartnäckig. Die Demonstranten freute der Sonnenschein. Der Marsch vorbei an der Tribüne kostete nur den Vormittag, der Nachmittag gehörte den Kleingärten.
Der Treffpunkt lag gegenüber dem Centrum-Warenhaus in der Otto-Grotewohl-Straße und die Schüler standen in losen Gruppen zusammen. Auf dem Boden lagen rote, zusammengerollte Fahnen, blaue Tücher in Tüten und im Werkunterricht aus Holzleisten und Krepppapier gebastelte Nelken, für die sich die Schüler viel zu erwachsen fühlten und die ihre Lehrerin, zum Spaß aller, Wink-Elemente nannte. Nach und nach strömten weitere Klassen zum Sammelpunkt und vor der Runden Ecke wurde es enger.
Alexandra Sanger war gerade zwölf Jahre alt. Ihre Pionierbluse hatte sie unter ihrem schönsten Pullover mit Fledermausärmeln versteckt, sodass nur der weiße Kragen heraussah. Gut sichtbar musste das rote Halstuch der Thälmannpioniere mit einem Pionierknoten gebunden sein. Ihre Jacke hatte sie lässig über die Schultern gehängt. Sie fühlte sich gut, wenn nur die Karottenjeans nicht wären, die sie inbrünstig hasste. Im Gegensatz zu einigen Mädchen in der Klasse, die auch zur Mai-Demonstration in Westjeans erschienen, hatte sie drüben keine Verwandten. Ihre Sachen waren aus der „Jugendmode“.
Alex stand mit zwei Freundinnen, die auch blaue Karottenjeans trugen, abseits der Klasse. Zu dritt verhandelten sie den Austausch neuer Bücher, die Anjas Vater besorgt hatte und die man, wenn überhaupt, nur unter dem Ladentisch bekam. Er war Parteisekretär bei der Wismut und Offizier der Staatssicherheit, weshalb er in speziellen Läden einkaufen durfte, die für Normalbürger nicht zugänglich waren. Und hin und wieder bedachte er seine Tochter mit Geschenken, auf die nicht nur Anja, sondern auch Andrea und vor allem Alex spitz waren.
Die aktuellsten Bände von Erich Wustmann und Miloslav Stingl standen in ihren Regalen, Bücher, die es noch nicht einmal in der Stadtbibliothek auszuleihen gab. Wenn sie darin blätterte, fesselten sie die exotischen Bilder. Farbexplosionen, die Kontraste setzten zum schlichten Grau-Braun, in das die DDR gekleidet war, als würde der ‚real existierende Sozialismus‘ das Bunt aus der Landschaft saugen. Selbst das Grün der Bäume wirkte vor den Plattenbauten ihres Wohngebietes fade. Die Kleider einer Afrikanerin vor ihrer Lehmhütte oder die nackte, rot bemalte Haut eines Amazonasindianers im Urwald leuchteten dagegen so intensiv, als wäre die Sonne nur dafür geschaffen, um von ihnen reflektiert zu werden. Sie träumte davon, einmal in die Farben der Welt einzutauchen, und wenn sie es schaffte, dann wollte sie sie beschreiben und zu Menschen tragen, die zu wenig davon hatten. Wie sie selbst.
Ihr blieben nur die Abbilder dieser Welt, das Leuchten der Fotos, und wenn sie nach der Schule nicht las und sich Notizen machte, zeichnete sie die Motive der Abbildungen nach. Erst letzte Woche hatte sie die melancholischen Gesichter eines Mannes und einer jungen Frau vom Amazonas skizziert. Beide hielten die Blicke gesenkt, als würden sie stumm über die Abholzung des Regenwaldes klagen. Und dabei waren sie von einer verletzlichen Schönheit, dass Alex sich nicht mehr von ihnen lösen konnte. Wollten die beiden nicht einfach nur leben? Aber die Welt, in der sie wohnten, wurde gerodet. Und sie begann über das Leben nachzudenken, über ihr eigenes und über das anderer. Es schien in einen steinernen Tunnel gegossen, in dem Abzweigungen und die Wahl eines eigenen Weges nicht vorgesehen waren. Sie mussten in der steinernen Röhre entlanglaufen. Wer stehen blieb, wurde von der Menge geschoben.
Die farbenfrohen Bücher brachten dagegen Licht in ihr Leben. Ihr schillerndes Bunt, wie gern würde sie es einfangen und vervielfältigen. Doch es blieb in den Büchern, die sie irgendwann zuklappen musste, um sie zurückzugeben.
„Mein Gott, tun mir die Beine weh. Wann geht es endlich los?“ Andrea, die Christin im Bunde, riss sie aus ihren Gedanken. Das Warten zerrte an den Nerven, und genau dies stand den Schülern ins Gesicht geschrieben. Die Straße hatte sich dicht gefüllt. Neben der Klasse 6a umstand eine Gruppe mit den blauen Halstüchern der Jungpioniere ihre Lehrerin, die streng, aber mit freundlicher Stimme Anweisungen gab und dabei immer wieder ordnend ihre Hand auf die Schulter des einen oder anderen Schülers legte. Einige Arme reckten sich in die Luft. Die Jüngeren strahlten die freudige Pflichterfüllung aus, die auch Alex noch aus der Zeit kannte, als die Teilnahme an der Demonstration ein Zeichen dafür war, dass sie zu den Großen gehörte.
Endlich unterbrach Frau Rudolf ihr Gespräch und blickte über die Runde der sechsten Klasse. „Kinder“, gab sie das Kommando und wartete ab, bis die Pioniere sie ansahen. „Es geht los!“
Dann rief sie einige Jungen zur Ordnung und traf Anweisungen, sich zu einem Block zu formieren. Sie verteilte die ‚Wink-Elemente‘ nach einem geometrischen Plan an die Schüler. Der Marsch begann. Im Reißverschlusssystem verband sich nun ihre Klasse mit weiteren Schülerblöcken, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite arrangiert hatten. In einem geschlossenen Marsch bogen sie in die Karl-Marx-Allee ein. Die Marschmusik wurde immer lauter und der Schritt der Marschierenden fester, bis sie den 13 Meter hohen und 40 Tonnen schweren Karl-Marx-Kopf vor der „Parteisäge“ erreichten, der dieser Stadt ihren Namen gegeben hatte. Vor dem „Nischel“ war eine schlichte, circa 20 Meter breite Tribüne gezimmert worden, deren Stufen aus Stegen und Bänken bestanden. Blumengirlanden an den Seiten verdeckten nur teilweise die helle Farbe frisch gesägten Fichtenholzes. Die Männer darauf waren wohl die wichtigsten Leute der Stadt. Bedeutungsvoll winkten sie in die Menge. Laute Marschmusik aus Dutzenden Lautsprechern schwappte über Alexandras Formation, und vor der Tribüne durchströmte sie ein angenehm-euphorisches Glücksgefühl. Willig ließ sie sich davon treiben. Sie waren einzelne Sandkörner in einer wogenden Menge, in der jedem sein Platz zugeordnet war, mit dem einzigen Ziel, diese Menge zu bewegen.
Der Vorbeimarsch an der Tribüne dauerte nur wenige Sekunden. Alex sah, wie sich die Teilnehmer am Ende der Prozession schüttelten, als wären sie aus einem Traum erwacht. Einige Transparente flogen auf die Bürgersteige, wo sie Haufen mit roten Fahnen, Mainelken und Tüchern sah. Dann zückten die Leute ihre Teilnehmermarken und stellten sich an einer der Schlangen an, um sich eine kostenlose Bratwurst abzuholen. Wer seine hatte, lief mit hastigen Schritten davon. Der Spuk löste sich so schnell auf, dass am Ende der Karl-Marx-Allee gähnende Leere herrschte.
Alex beschloss, noch eine Weile zu bleiben. Mit ihrer Bratwurst in der Hand mischte sie sich unter die Leute und lief die Treppe zum Interhotel hinauf. Das Kongreß war mit seinen 29 Etagen und 97 Metern das höchste Haus der Stadt. Direkt gegenüber der Tribüne fand sie einen Platz auf einer von Zuschauern eng besetzten Mauer am Fuß des Hotelbaus. Von dort hatte sie einen guten Blick über das Spektakel. Im Rhythmus der Musik wippte sie mit den Beinen und aß die Wurst, dabei beobachtend, wie die laute Marschmusik die vorbeiziehenden Massen für kurze Zeit in Verzückung versetzte.
‚Was für ein komischer Zauber ist das, der die Leute da derart in Stimmung bringt?‘, fragte sie sich. ‚Für die meisten‘, das wusste sie, ‚ist die Teilnahme eine lästige Pflicht. Dennoch scheinen sie begeistert.‘
Menschen, die aus Überzeugung für den Aufbau der sozialistischen Gesellschaft kämpften, hatte sie kaum erlebt. Die meisten meckerten und klagten über Mangel und die Sprüche ihrer Vorgesetzten. Die Bevölkerung rebellierte hinter vorgehaltener Hand, aber so umfassend, dass Alex über ihr sozialistisches Vaterland kaum ein gutes Wort hörte, außer in der Schule, wo die Zufriedenheit im Lehrbuch stand. Aber selbst Anjas Vater, der Stasioffizier, hielt ihr keine Vorträge. Nie machte er Stimmung für das System. Er begrüßte sie hemdsärmelig an der Tür, ließ sie ein und verschwand im Wohnzimmer vor dem Fernseher.
Alex amüsierte sich über die deutlichen Erschöpfungserscheinungen der Parteioberen auf der Tribüne, als sie plötzlich einen Schrei hörte. Sie sah nach rechts, blickte in die Richtung, von der sie den Lärm gehört hatte. Einige Meter von ihr entfernt beugten sich Leute über eine liegende Gestalt.
„Da ist jemand die Mauer runtergestürzt!“, hörte sie die Stimme einer Frau. Tumult entstand am Fuß der Mauer, und um den Gestürzten bildete sich ein Kreis von Neugierigen.
„Ist er gesprungen?“, fragte jemand.
„Es springt doch niemand von einer fünf Meter hohen Mauer“, erwiderte ein Mann. „Dann hätte er schon vom Kongreß springen müssen!“
„Das hat er sich vielleicht nicht getraut.“ Ein anderer Mann lachte. Und noch ein anderer erklärte: „Da oben lassen sich die Fenster nicht öffnen. Das hat schon seinen Sinn.“
Alex wollte etwas sehen und beugte sich weit nach vorn. Die Diskussion der Leute irritierte sie.
Der Zug fuhr ihrer Zukunft entgegen, wäre da nicht die Angst vor dem Unbekannten, wie immer, wenn durch eine Zäsur ein Lebensabschnitt von einem neuen abgelöst wurde.
Mit ihrer Reisetasche in der Hand und einem kleinen Rucksack auf dem Rücken hatte sie 16 Uhr den Zug aus ihrer Heimatstadt nach Linden bestiegen und eine halbe Stunde vorher hatte sich die Tür der elterlichen Wohnung hinter ihr geschlossen. Noch nie war ihr so bewusst gewesen, dass sie nun erwachsen war, endgültig, unwiderruflich.
In Linden fuhr der Zug in eine riesige Halle ein, wohl um das Doppelte größer als der provinzielle Bahnhof, den sie gewohnt war. Beim Aussteigen zögerte sie auf der Treppe. Ihr neugieriger Blick überflog den Bahnsteig von links nach rechts. Dann erst wagte sie den Schritt in die Freiheit.
Ein erfrischender Luftzug durchwehte die Halle und streifte ihr Gesicht. Tief atmete sie ein. Der Duft eines der letzten regnerischen Septembertage. Einige Schritte weiter blieb sie stehen und spürte, wie sie mit beiden Beinen fest auf dem Boden stand. Kurz schloss sie die Augen und genoss ihre Unabhängigkeit. Fast hätte sie die Arme ausgebreitet und ihren Kopf in den Nacken gelegt, um zu fliegen, wie die Tauben in den riesigen Eisenbögen des Kopfbahnhofs.
Der Bahnsteig leerte sich unter den eiligen Schritten der Menschen. Jetzt musste sie selbst den Entschluss fassen, vorwärtszugehen. Ihr war plötzlich bewusst, dass sie bislang niemanden kannte, der ihr Leben fortan prägen würde. Sie musste sich mit Menschen umgeben. Dann würde sich vielleicht das Gefühl einstellen, auch an diesem Ort angekommen zu sein.
Doch erst einmal stand sie hier, sie hatte ein Ziel, sie war zum Studium nach Linden gekommen. Und sie wollte sich nicht entscheiden. Ihre Eltern, Ingenieur und Informatikerin, hatten ihr ein technisches Studium nahegelegt. Informatik war ein zukunftsfähiges Fach, ein sicherer Arbeitsplatz, Einkommen, Familie. An Begabung mangelte es auch nicht, Mathematik und Physik waren ihre Lieblingsfächer gewesen. Aber eigentlich wollte sie doch etwas anderes, mehr als nur Beruf und Familie, den vorbestimmten und sicheren Weg.
Alex blickte auf ihre Reisetasche, in der sich die Mappe mit den völkerkundlichen Abschriften befand, ihre Sammlung von Texten und Zeichnungen aus Büchern, die sie sich jahrelang über viele Umwege organisiert hatte. Heute, im Jahr 1992, könnte sie sich die Bücher einfach kaufen. Auf allen Märkten standen Antiquariatstische und boten all die Werke feil, die zu DDR-Zeiten nicht zu bekommen gewesen waren. Die handgeschriebene Mappe war kommerziell gesehen sinnlos geworden; doch sie war eine eigenwillige Form eines Tagebuches, ein Zeugnis ihrer Träume davon, die Welt zu bereisen. All die Bücher, aus denen sie abgeschrieben hatte, die Fenster in die Ferne, die ihr enges Kinderzimmer in der Platte eines Neubaugebietes aus den Siebzigerjahren unerreichbar umgaben.
Die Wende vor drei Jahren hatte alles geändert. Jetzt stand ihr die ganze Welt offen. Wer sollte sie jetzt noch daran hindern, sie zu bereisen – wie in den Sechziger- und Siebzigerjahren Erich Wustmann? Sie könnte nun Völker studieren, wo immer sie lebten, eigenes Material sammeln und Bücher veröffentlichen, wenn sie am Institut für Ethnologie studieren würde, an demselben Institut, an dem die „Völkerkunde für Jedermann“ entstanden war, die sie als Kind im Schrank ihrer Großmutter gefunden hatte.
In ihrem achtzehnten Lebensjahr war Deutschland seit zwei Jahren wiedervereinigt, und sie fühlte, dass ihr Leben mit allen Chancen vor ihr lag. Noch nichts war unumgänglich. Sie konnte ihre Zukunft wählen. Nur der innere Streit, zwischen Traum und Vernunft, Hoffnung und Angst, blockierte sie. Zur Sicherheit hatte sie sich deshalb für zwei Studienfächer entschieden, und diese konnten gegensätzlicher nicht sein – Informatik und Ethnologie.
Sie nahm energisch ihren Rucksack auf den Rücken und ihre Reisetasche in die rechte Hand, um ihren Weg zum Wohnheim zu finden, für das sie bereits im Juli einen Platz ergattert hatte. Damals hatte sich das Gerücht verbreitet, dass jährlich zu Semesterbeginn die Plätze ausgingen und Studenten, die zu lange zögerten, in Turnhallen untergebracht werden mussten.
Sie verließ den Bahnhof durch einen der zwei Hauptausgänge. Stadtlärm schlug ihr entgegen und sie stand direkt vor den Haltestellen der Straßenbahnen.
Fröstelnd wartete sie. Ihr Blick hing an dem imposanten Bahnhofsgebäude mit seiner symmetrischen Fassade, die von zwei riesigen Bögen dominiert war. Die Straße vor dem Bahnhof war mehrspurig und die Autos fuhren zügig, für ihren Geschmack viel zu schnell vorbei. Die Gebäude rund um die Haltestelle waren um mehrere Etagen höher als sie es kannte und verrieten mit ihren üppig verzierten Fassaden den bürgerlichen Reichtum der einstigen Handelsmetropole. Kein Vergleich mit der Arbeiterstadt, aus der Alex kam.
Die abendliche Kühle ließ die Menschen zittern. In ihren hochgeschlossenen Jacken und Mänteln traten sie von einem Fuß auf den anderen. Neben ihr standen zwei Frauen, die sich laut unterhielten. Mehr und mehr zog ihr breiter Dialekt ihre Aufmerksamkeit auf sich. Die Mundart, eine Variante des Sächsischen, sprach auch sie seit ihrer Kindheit. Doch die Tönung in ihrer Aussprache nahm sie wahr, obwohl man doch kein Ohr für seinen eigenen Dialekt hatte? Warum harmonierte der sächsische Klang nicht mit ihrem eigenen, gewohnten Klang, sodass er in ihr unterging, für sie unhörbar wurde?
Naja, das Sächsische war farbenfroh, auch wenn es sich nur in den dunklen Tönungen bewegte. Und weil sie sich langweilte, gab sie dem Städtedreieck ihrer Heimat spontan neue Namen und ergänzte die verräterische Floskel „Nicht wahr?“. Als Kind hatte sie „nor“ gesagt, in der Handelsmetropole, die sie nun Linden nannte, sagten die Menschen „newor“ und in der Kulturstadt hörte man allenthalben das kleine Wörtchen „nu“. Aber in einem waren alle Dialektvariationen gleich, in der Verdunkelung fast aller Vokale hin zum „O“. Nicht umsonst war die Mundart sprichwörtlich in der DDR gewesen. Alexandras Heimatstadt hieß kurz die Stadt mit den drei „o“-s, Korl-Morx-Stodt, worüber sich die ganze Republik lustig gemacht hatte.
Diese Republik und den Namen ihrer Heimatstadt gab es nicht mehr. Ihr Dialekt dagegen hatte nichts von seinem dümmlichen Klang verloren. Peinlich hatte sie die überschwänglichen Sachsen im Westfernsehen gefunden, die sich lauthals freuten, endlich Tempotaschentücher benutzen zu dürfen. Warum nur hatte sie nicht die klingende, melodische Sprache ihrer Großeltern gelernt, die im tiefen Vogtland lebten? Stattdessen hatte sie sich in der Schule blamiert, damals, als sie in Deutsch ein Gedicht aufsagen sollte, und ihre Lehrerin dies mit den Worten kommentierte: „Für das Erlernen gebe ich dir eine Eins, aber für die Deklamation kann ich dir nur eine Drei geben.“ Danach hatte sie von ihr verlangt, vor der versammelten Klasse einen Satz mit einer Ansammlung von Zischlauten aufzusagen, die Sachsen regelmäßig zu einem breiten „sch“ verzerrten. Mit hochrotem Kopf hatte sie bei jedem auszusprechenden Wort angestrengt dessen Schreibweise in Erinnerung gerufen: „In der Küche auf dem Tisch, steht ein Schälchen Milch.“ Bei dem Wort „Milch“ waren ihr die Nerven durchgegangen und sie hatte ihre Deklamation mit einem wütenden „Mülsch“ abgebrochen, um puterrot zu ihrem Platz zu laufen und unter dem Gekicher ihrer Mitschüler hinter ihrem „Tisch“ zu verschwinden.
Doch nun fuhr sie in der Straßenbahn durch ihr unbekannte, enge Straßen nach Süden und da sie alle paar Minuten anhielten, schien die Fahrt endlos zu sein. Erst als sich die Straßenbahn nach und nach geleert hatte, die Straßen weiter und das Grün der Anlagen üppiger wurden, signalisierte ihr ein Schild die richtige Haltestelle. Sie stieg aus und während das metallische Quietschen der weiterfahrenden Bahn verklang, realisierte sie, dass sie sich am südlichen Stadtrand befinden musste, dort wo eine zehngeschossige Platte den Abschluss der städtischen Bebauung vor einer flachen, öden Wiese bildete, die nur von verwildertem Strauchwerk durchbrochen war. Die heimischen sanften grünen Hügel eines Ausläufers des nördlichen Erzgebirges vor ihrem inneren Auge, erschien ihr die Gegend trostlos.
Alex ging über die Straße auf die Platte zu und musste einige Zeit suchen, bis sie das Schild „Studentenwerk“ fand. Die Tür stand offen und eine ältere Frau, die im Flur das abgescheuerte Linoleum wischte, nannte ihr die Zimmernummer des Hausmeisterbüros im Erdgeschoss.
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Das Institut für Informatik befand sich im Hauptgebäude der Universität, einem rechteckigen Kasten mit Blechverblendungen unter großen Fenstern. Über dem Portal prangte ein riesiges Relief, auf dem das Konterfei desjenigen kommunistischen Vordenkers dominierte, der der Universität zu DDR-Zeiten seinen Namen gegeben hatte. Überlebensgroß überragte er eine Gruppe enthusiastisch kämpfender Arbeiter. Das Gebäude sah direkt auf einen der zentralen Plätze der Stadt herab. Neben dem Hauptgebäude ragte ein riesiger Turm in die Höhe, der einem aufgeschlagenen Buch nachempfunden sein sollte und den die Studenten kurz den Weisheitszahn nannten. Auch das Hochhaus gehörte zur Universität.
Alex betrat die Alma Mater und fragte den Portier nach dem Institut für Informatik.
„Dritte Etage links“, sagte der, nachdem er in einem Buch nachgeschlagen hatte, und Alex stieg in den Paternoster. Der Versuch, den richtigen Moment für den Sprung in die oder aus der Kabine zu finden, ließ ihr Herz auch mit achtzehn Jahren noch klopfen.
Auf den ersten Blick war das Institut für Informatik ein langer grauer Flur. Alexandra studierte die Namensschilder an den verschlossenen Türen. Die Ansammlung von akademischen Graden schüchterte sie ein. Sie klopfte an einem Sekretariat und fragte, ob sie hier richtig sei.
„Was wünschen Sie denn?“, fragte eine freundliche Sekretärin mit blond gefärbten Haaren, die wegen Alex ihre Unterhaltung mit einem älteren Herrn unterbrach.
„Ich möchte Informatik studieren und suche die Stundenpläne.“
„Stundenpläne?“, lachte der graumelierte Herr. „Die gibt‘s nur in der Schule. Sehen Sie in den Vorlesungsplan. Dort finden Sie alle Vorlesungen, Seminare und Übungen.“
Sein Blick wanderte Alex‘ Gestalt auf- und abwärts. Er verstörte sie. Scheinbar schien er zu überlegen, ob ihre Erscheinung im Sekretariat mit richtigen Dingen zugehe. Doch ehe sie ihrem Antrieb folgen konnte, vor seinen Blicken zurückzuweichen, fragte er schon: „Sie wollen wirklich Informatik studieren? Schaffen Sie das denn?“
Wie eine Sprungfeder richtete sich Alex auf. Ihr Vater hatte es ihr beigebracht, Rücken gerade, Brust raus, und sie antwortete etwas zu heftig: „Ich war in den Naturwissenschaften sehr gut.“
Doch der Graumelierte zwinkerte nur belustigt der Sekretärin zu. Alex‘ Bekenntnis schien ihn wenig zu beeindrucken. „Das hat überhaupt nichts zu sagen. Studieren Sie doch lieber Geisteswissenschaften oder Pädagogik, wie alle Frauen.“
„Na!“, wies ihn die Sekretärin zurecht.
„Na gut, ich habe nichts gesagt. Wenn Sie es unbedingt wollen, dann tun Sie es eben.“ Er wendete sich ab und legte seiner Mitarbeiterin ein paar Blätter auf den Tisch: „Wenn Sie damit fertig sind, unterschreibe ich noch.“ Dann sah er sich nochmals zu Alex um: „Man sollte endlich wieder Aufnahmeprüfungen einführen“, und verschwand in dem Raum, der an das Sekretariat angrenzte.
Alex sah auf das Schild neben der Tür und las „Prof. Dr. Hinrich, Direktor“. Die Sekretärin suchte den Semesterplan heraus und sagte sanft: „Machen Sie sich nichts draus. Das Studium haben schon ganz andere geschafft. Wenn Sie fleißig sind, dann schaffen Sie es auch.“
Als Alex wieder unter dem Bronzerelief des Hauptgebäudes hindurchlief, atmete sie auf. Nun musste sie noch das Institut für Ethnologie suchen. Neben einer Litfaßsäule fand sie einen schattigen Platz und studierte ihren Stadtplan. Das Institut musste ganz in der Nähe sein. Nach einigem Suchen sah sie schließlich das grüne Schild mit der Aufschrift „Institut für Ethnologie“ an einem spätklassizistischen Bau. Sie drehte sich um und lief auf die andere Straßenseite, um die Fassade zu betrachten. Das Gebäude schien einem florentinischen Palazzo nachempfunden. Es zeigte selbstbewusst den Stolz einer reichen und mächtigen Bürgerschaft. Und während Alex das Haus betrachtete, musste sie an die schmucklosen Fassaden ihrer Heimatstadt denken. Selbst die Vorkriegsgebäude waren reine Zweckbauten, Unterkünfte für Arbeiter, die in den Fabriken der Stadt geschuftet hatten. Bei der Sanierung zu DDR-Zeiten hatte man den Häusern etwas Farbe gegeben, aber mit den imposanten Stuckarbeiten an den Gebäuden in Linden‘s Zentrum waren sie bei Weitem nicht zu vergleichen. Noch viel deprimierender hatten auf Alex die Plattenbauten gewirkt, mit denen die Stadtarchitekten zu DDR-Zeiten den Zerfall der Innenstädte auszugleichen versuchten. Die „Arbeiterschließfächer“, wie sie genannt wurden, hatten für Alex den Charme von aufeinandergetürmten Karnickelbuchten.
Ein hupendes Auto riss sie aus ihren Gedanken, und sie gab den Weg frei. Dann tastete ihr Blick wieder nach dem grünen Schild. „Dritte Etage“ stand neben dem Institutsnamen. Sie öffnete die schwere hölzerne Tür, die mit Schnitzereien bedeckt war, stieg das Treppenhaus aus Holz hinauf und bewunderte die gedrechselten Geländerstäbe. Auf jeder Etage standen die Flügeltüren zu den Fluren der Institute weit offen. In der dritten Etage endete die Holztreppe in einem weiten Raum, von dem eine kleine Steintreppe weiter nach oben führte. Unter der Treppe sah sie eine Sitzgruppe, in der einige Studenten saßen, rauchten und sich unterhielten. Links und rechts von diesem Raum gingen die Türen zum Institut für Ethnologie ab.
„Wo finde ich das Sekretariat?“, fragte sie, von den offenen Flügeltüren mutig geworden, und bekam prompt Antwort: „Diesen Flur entlang und die letzte Tür links.“ Freundlich wies eine Studentin in die angegebene Richtung und Alex betrat einen langen Flur, von dem mehrere Räume abgingen. Die letzte Tür links stand weit offen.
Aus dem Sekretariat klang geschäftiges Stimmengewirr, das sie verlegen machte. Verwirrt blieb sie auf der Schwelle stehen und klopfte an den Türrahmen. Vor der Sekretärin stand eine Studentin und redete. Daneben diskutierte eine ältere Frau mit zwei weiteren Studenten. Eine vierte Studentin heftete gerade Blätter in einem Ordner ab. Niemand schien sie wahrzunehmen. Sie wartete und betrachtete die Frau hinter dem Schreibtisch. Sie war vielleicht Ende fünfzig und trug ihre grauen Haare mit einer Föhnwelle, die typisch für Frauen ihres Alters war. Ihr Gesicht und ihre Sprache wirkten gutmütig. Geduldig schien sie der Studentin ihr Anliegen zu erklären. Als diese sich endlich verabschiedete, blickte sie zu Alex. „Kann ich Ihnen helfen?“
„Ich hätte gern den Vorlesungsplan.“ Alex trat an den breiten altertümlichen Schreibtisch heran.
Die ältere Frau beendete das Gespräch mit den beiden Studenten und gab ihnen die Hand, als Zeichen, dass sie nun gehen sollten. Dann öffnete sie einen Schrank und begann etwas zu suchen. „Wir haben keine Karteikarten mehr“, lenkte sie die Sekretärin von Alex ab. Die zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich kann erst nächsten Monat wieder welche bestellen, Frau Dr. Heller, das Geld ist schon wieder alle.“
„Wie soll man denn so arbeiten? Ich muss doch meine Vorlesung vorbereiten“, regte sich die Dame auf. „Es hat sich doch wirklich gar nichts verändert!“ Alex sah ihr nach, als sie empört den Raum verließ.
„Ich kann doch auch nichts dafür!“, rief ihr die freundliche Sekretärin bedrückt hinterher und schüttelte den Kopf. Dann wendete sie sich wieder Alex zu: „Ach so!“ Beflissen stand sie auf und nahm einen Stapel Hefte von einem Tisch an der Wand. „Sind Sie neu hier?“ Doch sie wartete Alex’ Antwort nicht ab. „Wir haben ein Vorlesungsheft“, erklärte sie und drückte ihr eines der Hefte in die Hand. „Das kostet eine Mark.“
Alex zahlte, nahm das Heft und verließ das Institut.
Erleichtert schlenderte sie über das Universitätsgelände, sah sich die Gebäude an und beobachtete die Studenten, die in Grüppchen plappernd oder zielstrebig an ihr vorbeiliefen. Dann stand sie vor unverputzten Fundamentresten, von denen Treppen abwärtsführten. Der Name eines Studentencafés stand in rostigen großen Lettern an einer Mauer und Studenten liefen in den Keller der – wie sie nun bemerkte – ausgebaut war.
Alex folgte ihnen und kam durch die Tür in ein warmes, nach Zigaretten und Kaffee duftendes, weitläufig verzweigtes Tonnengewölbe. Überall saßen sie, an kleinen Tischen und in bequemen Stühlen. An den ziegelroten Wänden hingen Comic-Zeichnungen und die Fronten der Gewölbe waren mit einer großen gläsernen halbrunden Fläche aus Türen und Fenstern verschlossen, die viel Licht in die Räume ließen.
Wohlig warm war es hier, vielleicht einen Kaffee? Sie stützte ihren Kopf auf die rechte Hand und betrachtete ihren Stundenplan. Ihre Gedanken wanderten zurück in das Neubaugebiet ihrer Kindheit. Sie hätte erwartet, dass sie Wehmut fühlen würde. Doch von solcher Nostalgie war sie weit entfernt. Selbst als sie an Jörg dachte, an seine stahlblauen Augen, seine weiße Gesichtsfarbe und seine lockige Mähne, die ihn in ihren Augen stets einem Engel gleichen ließen, blieb sie kalt. Wie lange hatte sie nicht an ihn gedacht? Dabei hatten sie sich doch erst vor einigen Tagen am Bahnhof verabschiedet, und sie hatte versprochen, bald zu schreiben. Und nun schien er weit weg, so weit, dass ihr alle Lust abhandenkam, Kontakt zu ihm aufzunehmen.
Ihm jetzt zu schreiben, das hieße, wieder in der Vergangenheit zu versinken, und dagegen sträubte sich alles in ihr. Ja, es kam sogar so eine Art Widerwillen in ihr auf, als sie an ihn dachte. Hier in Linden sah sie ihn, ihren Freund, plötzlich mit nüchternem Abstand. Kühl betrachtete sie seine schlanke, sportliche Gestalt vor ihrem inneren Auge. Er war engelsgleich in seinem Aussehen, das stimmte, aber er war es nicht in seinem Wesen. Denn konnte ein Engel stolz auf sich sein? Und Jörg war nicht nur stolz auf seine Erscheinung, er war geradezu eingenommen von ihr. Manchmal hatte Alex das Gefühl, er gefiele sich selbst besser, als sie, Alex, ihm jemals gefallen konnte. Dieser Gedanke hatte sie seit ihrer ersten Begegnung gereizt, ihn zu beeindrucken, sein Gefallen zu erkämpfen, und sie hatte sich die verrücktesten Ideen einfallen lassen, um ihm zu zeigen, was sie für ihn sein konnte.
Doch jetzt, hier in Linden schien dieser Reiz taub. Ihr stand deutlich vor Augen, dass Jörg, ihr Abenteuer, sie aus der Bedrückung ihres Alltags hatte befreien sollen. Er war die Lichtgestalt in der Tristesse der Neubaueinöde gewesen. Doch Jörgs Licht verblasste am Horizont.
•
Am ersten Studientag saß sie in einem holzgetäfelten Hörsaal, in dem jeder Schritt der Hereinkommenden hallte. Lange, halbrund geschwungene Stuhlreihen durchzogen das treppenförmige Auditorium, in dessen tiefer gelegenem Zentrum das Pult des Professors vor zwei Tafeln stand. Die Studenten zwängten sich in die engen Gänge zwischen den Stühlen. Mit knarrenden Geräuschen setzten sie sich und klappten ihre Tische hoch. Alexandra suchte ihr Schreibheft heraus, legte es auf ihren Tisch und platzierte einen Kugelschreiber akkurat darüber. Dann sah sie sich um.
Es saßen nur wenige Studenten im Saal. Zwischen ihnen blieben ganze Reihen leer. Alle Studenten schienen männlich zu sein. Mit den Augen suchte sie den Raum ab und entdeckte nur ein weiteres Mädchen. Ihr wurde mulmig. Hatte Professor Hinrich recht? War dieses Fach wirklich nichts für Frauen?
‚Quatsch!‘, dachte sie. ‚Im Kopf unterscheiden sich Männer und Frauen jedenfalls nicht.‘
Dann wurde es still im Raum. Durch eine Seitentür neben der Tafel trat Professor Hinrich ein.
„Guten Morgen, meine Damen und Herren.“ Seine Stimme klang hart und unfreundlich. Hatten die Studenten vorher noch gelacht, herrschte jetzt betretenes Schweigen.
„Ich sehe hier circa zwanzig Erstsemester im Fach Informatik. Sie haben sich einiges vorgenommen und nur ein kleiner Teil von Ihnen wird in zwei Jahren mit dem Vordiplom in der Tasche hier noch sitzen. Wie viele von Ihnen tatsächlich zu einem Diplom kommen, das wage ich nicht zu schätzen. Aber die meisten werden das Studium nicht schaffen. Über diese Prognose können Sie nun nachdenken.“
Alex schluckte. Sie hätte lieber gehört, dass er sich über seine neuen Studenten freute und sie herzlich willkommen hieß. Aber Hinrich schien die Neuen nicht in sein Fach einladen zu wollen. Mit unnachgiebigem Tonfall, als müsste er sie zu einer Strafarbeit verpflichten, dozierte er die nächste halbe Stunde über die Literatur, die für das Studium verwendet werden sollte. Viel zu schnell handelte er die Organisation des Semesterplanes ab und listete die zu besuchenden Vorlesungen und Übungen auf. Wenn er unvermittelt immer wieder auf die Anforderungen des Informatikstudiums zu sprechen kam, wurde sein Ton noch abweisender, als er so schon war. Alex sackte in sich zusammen. Sie sah in die erstarrten Gesichter ihrer neuen Kommilitonen. Angespannte Ruhe herrschte im Saal. Und als sich Hinrich verabschiedete, spürte sie deutlich ein Aufatmen durch alle Stuhlreihen gehen. Schnell packten die Studenten ihre Aufzeichnungen ein und verschwanden durch die Tür. Draußen bemerkte sie eine kleine Gruppe, die sich leise unterhielt. „Das kann ja was werden“, hörte sie einen Studenten, und die anderen nickten stumm. Dann nahm sie ihre Tasche unter den Arm und ging zur Ethnologie.
Der Hörsaal lag in den Räumen des Instituts und hatte eine familiäre Ausstrahlung. Kein treppenförmiges Auditorium trennte die Würde eines dozierenden Professors von der unterwürfigen Unbeholfenheit zahlreicher Studenten. Der Saal war ein schlichter großer Raum, in dem verschlissene Tische und Stühle standen. Dass er nicht renoviert war, verstärkte das Gefühl von Zusammengehörigkeit und Wärme unter den Anwesenden, die sich unverkrampft miteinander unterhielten. Niemand schien zu bemerken, dass der Professor eintrat. Erst als er versuchte, sich Ruhe zu verschaffen, wendeten ihm nach und nach die Studenten ihre Aufmerksamkeit zu. Der grauhaarige Herr am Rednerpult stellte sich als Hans Ulrich vor, und er begann seine Vorlesung ähnlich wie Professor Hinrich: „Bislang (Er meinte wohl, zu DDR-Zeiten.) haben wir hier in der Ethnologie nur nach Bedarf ausgebildet. Immatrikuliert wurde nur jedes zweite Jahr und dann nur zwischen sechs und acht Studenten. Wer bei uns studierte, konnte persönlich in seinem Werdegang betreut werden und bekam später auch einen Arbeitsplatz angeboten, zum Beispiel an einem Museum, an einem Universitätsinstitut, in Verlagen oder Bibliotheken.“
Die eingemauerte DDR hatte wohl nicht mehr gebraucht, dachte Alex, schließlich war das Reisen ins kapitalistische Ausland für die Mehrheit der Bevölkerung untersagt gewesen. Ob das nun anders war? Eines jedenfalls war klar, einen dieser heiß begehrten Studienplätze in der Ethnologie hätte sie vor der Wende nicht bekommen. Ihr, beziehungsweise ihrer Familie, fehlte es eklatant an „Vitamin B“ und nicht zu vergessen, ihre Eltern waren dem DDR-System nicht nützlich gewesen. Es war ein Grund, sich zu freuen. Sie lebte in einer Zeit, in der jeder frei war, sich für einen Beruf zu entscheiden und sich für diesen Beruf auch ausbilden zu lassen. Mit dem Abitur in der Tasche konnte sie alles studieren. Und das fühlte sich richtig an.
Doch Professor Ulrich schien anderer Meinung. „Heute kann jeder hier studieren, der will. Sie sind dreißig Studenten in einem Jahrgang, das heißt zehnmal mehr, als es Bedarf an ausgebildeten Ethnologen in den neuen Bundesländern gibt. Ich kann Ihnen also ankündigen, dass es – optimistisch gesehen! – höchstens ein bis zwei von Ihnen bis zur Promotion schaffen, und Hoffnung auf einen Arbeitsplatz oder sogar auf eine Professur will ich niemandem hier machen. Mit Ihnen konkurrieren Tausende Studenten aus den alten Bundesländern, wo Hunderte jedes Jahr durch das Ethnologie-Studium gezogen werden. Ich lege Ihnen also ans Herz, sich gründlich zu überlegen, ob Sie tatsächlich dieses Fach studieren wollen oder ob Sie nicht doch lieber ein Fach mit Jobaussichten absolvieren, zum Beispiel in den Naturwissenschaften, die zu wenig Studenten haben und die deshalb eine wesentlich bessere Studentenbetreuung leisten können als wir.“ Und wie zum Überfluss folgten Alex‘ Augen seinem aufsteigenden Zeigefinger. „Und wer meint, Ethnologie studieren zu müssen, weil er sich dafür interessiert, weil er einfach nur gern reist oder weil es ein Studium ohne große Mühe sei, der ist hier völlig falsch. Auch das Ethnologie-Studium ist harte Arbeit.“
Ulrich verlieh seiner Rede mit einer nachfolgenden Schweigesequenz zusätzlich Bedeutung. Doch die Stimmung im Hörsaal schien von seiner dramatischen Ansprache völlig unberührt. Gleichgültig und ohne den fröhlichen Optimismus in ihren Augen zu verlieren, verfolgten die Studenten seine Ansprache. Sie saßen auf ihren Plätzen, zum Sprung ins Studentenleben bereit. Was kümmerten sie Zukunftssorgen?
„Hier wird man erst einmal überall demotiviert“, sagte beim Verlassen des Hörsaals eine brünette Studentin und blinzelte Alex an. „In der Soziologie haben sie uns dasselbe gesagt.“ Alex nickte. „Die Argumente dafür scheinen nur überall andere zu sein. Ulrich schickt uns in die Naturwissenschaften, aber in der Informatik hieß es, wir würden das Studium sowieso nicht schaffen.“
„Du studierst Informatik?“, fragte die Studentin.
„Wenn ich es bis zur Zwischenprüfung schaffe“, antwortete Alex und grinste verlegen. „Unser Professor scheint davon auszugehen, dass Frauen da eher weniger Chancen haben.“
„Ach, lass dich nicht entmutigen. Versuch es einfach!“ Die Studentin blieb neben Alex stehen und schenkte ihr ein Lächeln. „Jedenfalls scheint man nirgendwo auf uns gewartet zu haben.“ Alex stimmte ihr zu und stellte fest, dass ihr das Mädchen sympathisch war. Kurz überlegte sie, dann stellte sie sich vor. „Sabine“, erwiderte die, und beide besiegelten ihre neue Bekanntschaft mit einem Handschlag. „Schön, dass es noch andere gibt, die sich hier nicht willkommen fühlen.“ Langsam schlenderten sie durch den Flur entlang zur Sitzgruppe.
„Warum willst du eigentlich Ethnologie studieren?“, stellte Sabine die unvermeidliche Frage, die hier alle umtrieb. „Was soll man anderes studieren, wenn man aus der DDR kommt und ein Leben lang die Welt vermisst hat?“ Als Antwort grinste Sabine. „Ich komme aus München und will eigentlich Fotografie studieren. Aber ich habe es nicht beim ersten Anlauf geschafft, muss Wartesemester leisten. Da habe ich mir gedacht, ich könnte die Zeit nutzen, um den Osten kennenzulernen. Also habe ich mich in Linden eingeschrieben.“ Nach diesem Bekenntnis strahlte sie Alex an. „Die Welt habe ich nicht vermisst!“, erklärte sie. „Nach dem Abitur bin ich für ein Jahr allein um den ganzen Globus gereist.“
Alex spürte ihre unverhohlene Verblüffung im Gesicht, riss die Augen weit auf und registrierte mit großer Verwunderung, die Normalität, mit der Sabine diese Sätze einfach so dahingesagt hatte. „Das ist ja mutig!“, setzte sie ihr Erstaunen in Worte. „Haben dir das deine Eltern erlaubt?“
„Meine Eltern? Die haben nur gesagt, ich soll meine eigenen Erfahrungen machen.“
War das möglich? Eine Achtzehnjährige, so alt wie sie selbst, reist allein um die Welt? Reist ein Jahr allein, egal wohin, ohne Geld, ohne Führer, ohne schützende Hand, ohne fremde Hilfe und Absicherung? Das war unerklärlich, und sie bewunderte uneingeschränkt Sabines Mut. Doch zugeben wollte sie das nicht, wenigstens nicht sofort. Deshalb leitete sie ihre Frage in eine ganz andere Richtung: „Und wie hast du das bezahlt?“
„Ach“, winkte Sabine ab, „das war kein Problem. Wenn mir das Geld ausging, bin ich eine Weile sesshaft geworden und habe gearbeitet. Meistens habe ich auf der Straße gesessen und den Leuten farbige Zöpfchen verkauft, die ich ihnen aus bunter Schnur in die Haare geflochten habe. Die gingen gut.“ Und Alex hörte ihr zu, als sie von Plätzen in Indien und in England erzählte, die Unterschiede zwischen ihren Kundinnen, der Witterung und ihren Problemen, das farbige Garn zu besorgen. Sabine schien vor unbekümmerter Lebenslust überzulaufen. Mit strahlendem Glanz in ihren braunen Augen schilderte sie ihre Reise. Was für Unterschiede zwischen dem kleinen provinziellen Leben in der Ex-DDR und der westdeutschen Freiheit, in der alles möglich war! Hatte Alex schon genügend vom Leben eingefordert, energisch genug nach dem Glück gegriffen? Woher nahm Sabine ihre Selbstverständlichkeit, mit der sie einfach tat, was ihr gerade in den Sinn kam? Warum zögerte sie nie und warum sagte sie nicht „aber“, wie Alex es stets von ihren Eltern gehört hatte?
Jeden Morgen, wenn er sein Wohnheimzimmer verließ, atmete Tilo an der frischen Luft auf. Die drei Mediziner, mit denen er das kleine Zimmer teilte, hatten ihm früh gezeigt, dass die Flucht aus dem Raum in die Vorlesungen oder in die Bibliothek die einzige Möglichkeit war, der Enge zu entrinnen. Er war froh, wenn das erste Seminar am Morgen begann, und gehörte immer zu den ersten Studenten im Raum. Und auf dem Weg zur Uni machte er stets einen kleinen Umweg, um sich an der frischen Luft noch die Zeit zu vertreiben und hing dabei seinen Gedanken nach.
Auf eine bedrückende Weise war die Enge seines Wohnheimzimmers ein Teil seines Lebens, das schnurgerade verlief. An diesem Morgen wunderte er sich über diese Parallelität und darüber, dass es ihn immer wieder in dieselben Situationen zurückwarf. Warum hatte er bereits in der Schule ein Nischendasein geführt, weit entfernt von der Gruppe der beliebtesten Mitschüler, denen er sich doch so gern angeschlossen hätte? Warum packten ihn andere immer wieder in die Schublade der Bedeutungslosigkeit, genauso wie er sich jeden Abend freiwillig in die untere Hälfte des Doppelstockbettes legte?
In der Schule war er Klassenbester, besonders in den Naturwissenschaften. Die Mathematik hatte er mit Leichtigkeit durchschaut. Die anderen kamen zu ihm, wenn sie Hilfe brauchten. Doch wenn sie Spaß haben wollten, dann ließen sie ihn in der Ecke stehen, und er hatte sich stets gefügt. Er war hilfsbereit, in der Freizeit drückte er sich die Wände entlang. Und nun absolvierte er genauso diszipliniert – wie früher die Schule – sein Studium. Es würde ihn keine große Mühe kosten, ein guter Informatiker zu werden, und wenn er erst einen Job hatte, dann würde er so viel verdienen, dass sich ein gutes Leben ganz von selbst ergab und vielleicht eine Frau, eine Familie und zwei Kinder, für die er dann die wichtigste Person im Leben wäre.
Doch an diesem Morgen überkamen ihn Zweifel. Wo blieb auf dieser vorbestimmten Linie die Lebenslust, das Abenteuer und das Unwägbare, das den Tag zu einem spannenden, flirrenden Ereignis machte? Sollte es einfach immer so weitergehen bis zur Rente? Und was kam danach? Missmutig stieß er eine Weile einen Kiesel auf den Gehwegplatten vor sich her und beobachtete, wie viele Felder er schaffte, ohne nach links oder rechts abzudriften.
Als er den Kopf wieder hob, sah er plötzlich die blonden, locker nach hinten gebundenen Haare einer Studentin vor sich. Die schlanke Mädchengestalt trug Jeans und einen blauen langen Jeans-Parker darüber. Lässig schlenkerte an ihrer Seite eine typische Studententasche, in die Hefter und Bücher passten.
‚Alex!‘, dachte er und betrachtete aufmerksam den burschikosen Gang, mit dem sie auf die Ampel vor der Universität zusteuerte. Die zeigte Rot, und Tilo blieb einige Meter hinter seiner Kommilitonin stehen.
Sie war ihm gleich am ersten Tag aufgefallen, eine für das Fach viel zu hübsche Studentin, die selbstbewusst erzählte, dass sie eigentlich Ethnologie studieren wolle, und dass sie ihr Informatikstudium nur ihren Eltern zuliebe begonnen hatte. Wie zu erwarten, hatte sie Probleme im Studium. Zwar brachte sie in den Mathematikseminaren die Leistungen wie die besten Mitschülerinnen seiner ehemaligen Klasse, aber sie schien überhaupt keinen Zugang zur Informatik selbst zu haben.
Tilo musste über die Naivität, mit der sie das Studium anging, lachen. Er selbst besaß seit mehreren Jahren einen Computer und hatte einige seiner Anwendungen selbst programmiert. Ja, er hatte sogar kleine Programme verkauft. Sein Zimmer zu Hause bei seinen Eltern war ganz auf Computertechnik ausgerichtet. Dort standen aufgeschraubte Gehäuse, es lagen Bauteile und Werkzeuge herum, und jeder sah dem Zimmer an, dass hier jemand wohnte, der seine ganze Freizeit damit verbrachte, an seinem Computer zu basteln und alte mit neuer Technik aufzurüsten. In Alex’ Kinderzimmer stand bestimmt nur Belletristik, und er hatte ihr vor einigen Wochen erklären müssen, wie sie den Computer im Pool hochzufahren hatte. Sie hatte bislang kaum mit Computern zu tun gehabt, außer in der Schule, wo sie einfache Additionsprogramme mit Basic geschrieben hatte. ‚Lächerlich!‘, dachte er.
Doch dann betrachtete er ihr wildes Haar, und ihm wurde klar, dass sie in den Händen trug, was er so schmerzlich vermisste. Sie war Leben! Die Leidenschaft, mit der sie von ihren Plänen in der Ethnologie berichtete und die Vorstellung, sie würde einst wirklich in einem Dorf irgendwo auf der Welt und weit weg von hier mit den Einheimischen reden und die Geschichten aufschreiben, die sie zu erzählen hatten, reizte ihn plötzlich, dass es ihn wie ein Blitz durchfuhr. In diesem Augenblick schaltete die Ampel auf Grün, eilig folgte er Alex in wenigen Metern Abstand, bis sie plötzlich an der Litfaßsäule stehen blieb und begann, ein Plakat mit einer Konzertankündigung zu studieren. Auch Tilo blieb stehen, dann entschloss er sich.
„Alex!“, rief er und ärgerte sich über die Unsicherheit in seiner Stimme. Sie drehte sich um und sah ihn erst verblüfft und dann über das ganze Gesicht strahlend an.
Sie hatte sein Zittern wohl nicht bemerkt. Kurz entschlossen gab er sich einen Ruck und reichte ihr die Hand: „Na, auf dem Weg zum Pascal-Seminar?“
„Ja, aber wir haben noch Zeit!“
Tilo nickte und betrachtete neben ihr das Plakat. Er selbst war stets an der Litfaßsäule vorbeigeeilt, ohne sich nach den Ankündigungen umzusehen. War das ein Fehler? Und während er mit Befremden das Foto der Band musterte, schien Alex plötzlich das Interesse an dem angekündigten Konzert verloren zu haben.
„Ich kriege schon wieder Bauschmerzen, wenn ich an das Seminar denke. Im Prinzip müsste ich schon programmieren können. Es wird einfach vorausgesetzt.“
Tilo nickte. Er wusste, dass Alex’ Chancen, das Studium zu bestehen, schlecht waren. Doch offen wollte er das nicht aussprechen, deshalb hörte er ihr weiter zu.
„Leider habe ich überhaupt keine Ahnung von den Programmiersprachen, die wir können sollten. Ich habe ja nicht mal einen Computer, um mir selbst etwas beizubringen.“
„Du solltest einfach einen Einführungskurs besuchen“, erwiderte er, obwohl er zweifelte, ob das in ihrem Falle helfen könnte. Ein Mädchen wie sie gehörte nicht in die Informatik. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Alex – mit ihrer Lebenslust – Stunden vor dem Computer sitzen würde, um Programme zu schreiben, die dann auch noch die Qualität hatten, um damit Geld zu verdienen. „Ich habe Rowold schon gefragt. Er hat nur geantwortet, ich solle mich selbst einarbeiten. Einen Anfängerkurs könne er nicht anbieten, weil die meisten Studenten schon programmieren könnten. Er müsse sich nach der Mehrheit richten.“
„Das ist ja eine Frechheit!“ Tilo staunte über Rowolds Ignoranz. Doch dann sah er eine unwiederbringliche Gelegenheit gekommen. Das war seine Chance, Alex kennenzulernen.
„Besuch mich doch mal. Dann können wir die Hausaufgaben durchsprechen. Vielleicht kann ich dir auch irgendwann mal eine kleine Einführung in Pascal geben, die Sprache kenne ich gut. Aber erhoffe dir nicht zu viel. Man muss lange arbeiten, um Programmieren zu lernen, und dazu brauchst du einen Computer.“
Glücklich nahm er ihr Lächeln entgegen, und um seinen Plan zu besiegeln, fügte er hinzu: „Komm doch nächsten Freitag bei mir vorbei. Ich fahre übers Wochenende nicht nach Hause. Ich habe Zeit.“
Zwei Wochen hatte die Entscheidung des BAföG-Amtes gedauert und nun erfuhr sie, dass ihr Antrag auf Bundesausbildungsförderung abgelehnt wurde, da der Betrag, der ihr nach der Verrechnung der Einkommen ihrer Eltern zustehe, fünfzig D-Mark nicht überschreite.
Alex hatte als Kind der DDR nie über Geld nachdenken müssen. Geld war einfach da gewesen, wenn man auch manches dafür nicht kaufen konnte. Wovon sollte sie nun leben? Ihre Eltern hatten ihr zugesagt, ihr monatlich dreihundert Mark zu überweisen und sich darüber hinaus abhängig zu machen, das kam für Alex nicht infrage, sie war zu stolz, um mehr Geld zu bitten.
Nur allzu gut erinnerte sie sich daran, wie sie im Sommer ihre Zukunftspläne gestanden hatte.
„Ich werde in Linden studieren“, hatte sie knapp erklärt und mehr eine Information gemeint als eine Absprache in der Familie.
Mit versteinerten Mienen hatten sich ihre Eltern angesehen, eine Weile geschwiegen, dann hatte der Vater gesagt: „Es ist besser, wenn du hier Informatik studierst und bei uns wohnen bleibst.“
Dieser Satz hatte ihr die Kehle zugeschnürt. Mit achtzehn Jahren wollte sie ihr Elternhaus verlassen.
„Nein, ich werde nach Linden gehen. Ich möchte als Nebenfach Ethnologie studieren!“ Trotzig war ihre Antwort gewesen.
„Ethnologie?“ Wie erwartet, hatte sich ihre Mutter entsetzt gezeigt. „Das Studium ist kein Spaß! Du sollst einen Beruf für deine Zukunft lernen!“
„Wo ich studiere, das ist meine Entscheidung!“
„Mit deinen Träumereien kannst du dich später nicht ernähren!“ Und zu Alex’ Überdruss erklärte sie, wie stets in solchen Diskussionen: „Ich habe Jahre daran gearbeitet, dass ich jetzt einen guten Verdienst habe! Und sicher ist meine Arbeit noch lange nicht. Nichts ist mehr sicher!“
„Ja, Mama, ich weiß, du hast dich selbst weitergebildet und wurdest deswegen genommen. Ich weiß! Du hast mir das schon zwanzig Mal erzählt. Aber ich möchte nun mal Ethnologie studieren, wenigstens als Nebenfach.“
Ihre Mutter, das mathematische Talent der Familie, hatte sich nach einem Pädagogikstudium autodidaktisch das Programmieren beigebracht. Doch Alex hatte ihr Talent nur zum Teil geerbt. „Du hast doch selbst gesagt, heute ist nichts mehr sicher. Selbst wenn ich Informatik als Diplom studiere, muss ich nicht unbedingt einen Job bekommen. Du hattest doch auch nur Glück! Zwei Drittel deiner Abteilung wurden abgewickelt.“
„Gerade deshalb musst du studieren, was auf dem Arbeitsmarkt gefragt ist!“, dozierte ihre Mutter hartnäckig, und wie erwartet, kam ihr der Vater zu Hilfe.
„Was willst du denn mit – Ethnologie?“ In seiner Stimme lag ein abfälliger Ton. „Du studierst etwas Ordentliches, damit du später Arbeit findest. Wir können dich nicht ewig ernähren.“
Müde hatte er mit seinem Finger gewedelt und den Kopf geschüttelt, eine hilflose Geste, wie Alex erstaunt festgestellt hatte.
„Deshalb studiere ich Informatik als Hauptfach.“ Dann war sie vom Abendbrottisch aufgestanden und demonstrativ in ihr Zimmer gegangen.
Kurz darauf hatte ihr der Vater einen Zeitungsausschnitt unter die Nase gehalten. „Wenn du dich nicht belehren lässt, dann will ich dich darauf hinweisen, dass wir von Gesetzes wegen nicht verpflichtet sind, dir Unterhalt zu zahlen, wenn du in Linden ein Studium beginnst, das du auch in deiner Heimatstadt absolvieren kannst.“
Und nun war ihr BAföG-Antrag abgelehnt. Alex grübelte. Ihr Vater sparte auf einen Neuwagen, und da war ja auch noch ihre kleine Schwester. Erst seit zwei Monaten hatte er wieder einen Job. Den Schock hatte sie nicht vergessen, als er 1990 völlig deprimiert nach Hause gekommen war und seiner Familie mitgeteilt hatte, dass sein Betrieb abgewickelt und er entlassen worden sei. Doch das war noch nicht der härteste Schlag. Wenige Wochen später erzählte er, dass im Gebäude seiner ehemaligen Firma jetzt das Arbeitsamt untergebracht sei. In derselben Etage, in der sein Büro gelegen hatte, saß nun seine Arbeitsvermittlerin, nur ein paar Türen weiter.
Und Alex dachte an die groteskeste Ironie, die die Arbeiterstadt Sachsens mit der Ansiedlung ihres Arbeitsamtes ausgebrütet hatte. War das die Absicht einiger ehemaliger Parteigenossen gewesen, oder war es doch nur Zufall? Jedenfalls wurden einige Jahre die Büros der Arbeitsvermittler im Gebäude der ehemaligen SED-Bezirksleitung, hinter dem überdimensionalen Karl-Marx-Kopf untergebracht. Blickte man damals auf die Fassade hinter dem „Nischel“, dann sah man in großen roten Lettern Logo und Schriftzug des Arbeitsamtes und rechts daneben das riesige Relief, das in deutscher, englischer, französischer und russischer Sprache einen Satz aus dem Kommunistischen Manifest zitierte: „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ ‚Das habt ihr nun davon!‘, hieß das Bild für Alex ins Alltagsdeutsch übersetzt, und sie musste jedes Mal grinsen, wenn sie daran vorbeilief.
Als Alex früher ihren Vater im Betrieb besucht hatte, hatte sie immer über die großen Reißbretter der Konstrukteure mit den feinen, detaillierten Bleistiftzeichnungen gestaunt. Er selbst hatte während der Arbeit aufrecht an einem der tafelgroßen Bretter mit beweglichen Winkellinealen gestanden und akkurat und sauber Teile von Drehmaschinen gezeichnet, die er dabei quasi erfand.
Eigentlich war er in Alex’ kindlicher Fantasie ein Erfinder gewesen, und sie war stolz auf ihn, wenn er ihr von seinen Patenten erzählte. Doch diese Reißbretter und das Zeichnen an ihnen waren längst überflüssig geworden. Seit zwei Jahren arbeitete er mit Konstruktionsprogrammen am Computer.
Kurz überschlug sie ihre Ausgaben. Das Doppelzimmer im Wohnheim kostete hundert Mark im Monat. Das hieß, sie hatte zweihundert Mark für andere Ausgaben zur Verfügung, fünfzig Mark pro Woche. Das war eindeutig zu wenig. Der einzige Ausweg war ein Job.
„Studentenjobs auf einer archäologischen Ausgrabung“, stand in großen schwarzen Lettern am Aushang des Seminargebäudes. Darunter das Kleingedruckte, eine archäologische Notbergungen im Tagebau Seese-Ost. Wie der Student neben ihr, schrieb sie sich sofort die Adresse auf.
„Was sind denn Notbergungen?“, fragte sie ihn.
Der Student sah sie von der Seite an. „Studierst du nicht Ur- und Frühgeschichte?“
Alex schüttelte verlegen den Kopf, und ihr Blick blieb an seinem verschlissenen blaugestreiften Shirt hängen, das sie an einen Matrosen erinnerte.
„Notbergungen sind Rettungsgrabungen im Vorfeld von Bauvorhaben“, klärte er sie auf. Und als Alex ihn immer noch fragend ansah, sprach er weiter: „Da greift das neue Denkmalschutzgesetz. Seit der Wiedervereinigung schreibt es für die neuen Bundesländer vor, dass jede Fläche, auf der gebaut werden soll, zuvor archäologisch prospektiert, also untersucht werden muss. Und falls archäologische Funde bei der Sondierung entdeckt werden, dann sind die Bauherren verpflichtet, sie ausgraben zu lassen, auf eigene Kosten natürlich. Überall, wo Gewerbegebiete und Einkaufzentren auf der grünen Wiese entstehen, wird jetzt im Vorfeld gegraben.“
„Und der Tagebau?“, fragte Alex weiter.
„Ja, gerade ein Tagebau zerstört den Boden. Dort wird heute großflächig gegraben.“
Eine Woche später hatte sie Grund zum Feiern. Sie war eingestellt und niemand hatte nach ihrem Studienfach gefragt. Aktiver Urlaub, dachte sie, keine Arbeit, die sie ausschließlich tat, um Geld zu verdienen. Sie reiste zum Braunkohletagebau Seese-Ost in die Lausitz.
Am späten Abend erreichte sie den Bahnhof Vetschau. Sie stieg als Einzige aus und stand mit ihrem Gepäck in der Dunkelheit auf einem menschenleeren Bahnsteig. Als der Zug wieder anfuhr, flogen drei Tauben auf, und als seine Geräusche in der Dunkelheit verklangen, zirpten die Grillen. Alexandra sah sich um. Die Türen des Bahnhofs waren mit Brettern vernagelt. Sie ging um das Gebäude herum und sah einen neu geteerten Parkplatz mit frischen leuchtend weißen Linien, auf dem ein einziger Kleinbus stand. In der Kabine brannte Licht und jemand schien darin zu lesen. Alex ging auf den Kleinbus zu. Der Fahrer blickte auf, legte sein Buch weg und öffnete die Tür. Zögernd stieg er aus und wartete, bis Alex herangetreten war. Er war jung und kräftig gebaut, fast etwas dick.
„Hallo, ich bin Alex. Sollst du mich zum Tagebau Seese-Ost abholen?“
Er lächelte sie an. „Ja, wenn du die Archäologen meinst?“
„Dann bin ich richtig.“ Erleichtert atmete sie auf und lachte verlegen. Kurz hatte sie gedacht, sie sei am falschen Bahnhof und stecke jetzt hier mitten im Niemandsland fest. Umso fröhlicher hob sie nun ihr Gepäck hinter den Sitz und stieg auf den Beifahrersitz. „Wie heißt du“, fragte sie den Fahrer.
„Dieter. Freut mich, dich kennenzulernen.“
Geübt lenkte er den Wagen vom Parkplatz hinunter und Alex ließ sich in den Sitz sinken, froh an diesem verlassenen Ort mitten in der ostdeutschen Provinz nicht darauf warten zu müssen, irgendwann abgeholt zu werden.
„Ist das deine erste Grabung?“, fragte Dieter und sah sie von der Seite an. Sein Gesicht hatte die rosig zarte Haut eines pausbäckigen Kindes vor der Pubertät.
„Ja!“ Ein völlig verwilderter Wald zog am Beifahrersitz vorbei, und Alex betrachtete die dunkelgrüne, durchbrochene Silhouette aus Bäumen und Unterholz.
„Hier sagen sich ja Fuchs und Hase ‚Gute Nacht‘“, lachte sie. „Gibt es noch mehr als nur Wildnis?“
„Ja, uns!“ Dieter zwinkerte sie an. „Hier wird bald alles weggebaggert. Deshalb sieht es so verwildert aus. Der Tagebau frisst sich ohne Gnade durch die Landschaft. Was studierst du?“
Und Alex begann, von ihrem Studium zu erzählen, von ihren Geldsorgen und von ihrer Freude, diesen Job auf der Grabung gefunden zu haben, während Dieter sie immer wieder betrachtete. Alexandra meinte, ein gewisses Interesse in seinem Blick zu erkennen, ein Interesse, das sie erst seit wenigen Jahren kannte und auf sich selbst bezog. Sie lächelte in sich hinein, während Dieter ihr von seiner Ausbildung zum Koch erzählte und dabei nicht vergaß, ihr anzudeuten, welches Glück die Frauen hätten, die er mit einem Drei-Sterne-Menü beehrte.
Nach etwa dreißig Minuten bog der Wagen in einen Sandweg ein, holperte durch ausgefahrene Löcher und beleuchtete mit seinem heftig auf- und abwärtsschwankenden Lichtkegel hüfthohes trockenes Gras. Dann erfasste das Licht eine alte, weiß gestrichene Baracke, ähnlich, aber um einiges größer, als das Schreberhäuschen ihrer Eltern. Die Bremsen quietschten und der Transporter hielt ruckartig an. Alex öffnete die Tür, kletterte vom Beifahrersitz, zog ihren Rucksack hinter dem Sitz hervor, hob ihren Kopf und atmete die süßlich-schwere sommerliche Nachtluft ein. Die Grillen zirpten auch hier, kein Bus, keine Bahn hätten sie hierhergebracht, dachte sie, das Stadtkind, und wunderte sich, wie sie so unversehens ans Ende der Welt geraten konnte. Doch als Dieter ihr in der Dunkelheit die Barackentür öffnete, schlugen ihr Wärme, Licht und fröhliche Stimmen entgegen. Glück stieg in ihr auf und sie wusste, sie wollte ein Teil davon sein.
„Ich bring dich in mein Zimmer.“ Dieter lief an ihr vorbei, den langen hell erleuchteten Gang entlang auf eine Tür zu. Er öffnete sie, und Alex sah in einen schmalen Raum, in dem von der Tür bis zum Fenster zwei Betten hintereinander Platz fanden. Direkt an der Tür lag eine schlanke Gestalt mit langen Haaren und schlief. Dieter wies auf das Bett am Fenster. „Dort schlafe ich.“
„Übernachtest du hier mit einer Studentin?“, fragte sie verwundert. „Dann habe ich wohl keinen Platz bei euch.“
„Keine Sorge“, sagte Dieter. „Das ist Sven. Den kriegen wir hier schon raus. Ich stelle dir erst mal eine Liege mit rein.“ Dann verschwand er und kam mit einer aufklappbaren Liege zurück, die er neben die schlafende Gestalt an die gegenüberliegende Wand stellte. Zwischen Bett und Liege blieb ein etwa fünfzig Zentimeter schmaler Gang. Alex setzte ihren Rucksack ab. „Lass uns erst die anderen begrüßen“, bat sie Dieter und sie gingen gemeinsam in die Richtung, woher sie das Gelächter hörte.
Die Küche war ein etwa dreißig Quadratmeter großer Raum, in dem um einen langen Tisch sieben Studenten mit glühend roten Wangen saßen und Bier aus Flaschen tranken. Als Dieter und Alex den Raum betraten und sie vorgestellt wurde, prosteten sie ihnen zu.
„Setzt euch. Wir haben noch Bier da!“, rief ein schlaksiger blonder Student.
Alex reichte jedem die Hand und setzte sich. Der Schlaksige öffnete ein Bier und hielt es ihr entgegen.
„Danke“, sagte Alex und sah sich um.
Dem Tisch gegenüber standen eine Kochgelegenheit und eine Spüle. Das Durcheinander von Töpfen und rot gefärbten Tellern verriet ihr, dass es am Abend Spaghetti mit Tomatensoße gegeben hatte. Dann stimmte sie in das schallende Gelächter der jobbenden Studenten ein, blödeln konnte auch sie, und noch bevor sie zu Bett ging, war alle Unsicherheit verflogen und sie fühlte sich angekommen.
Die körperliche Arbeit auf der Notbergung im Vorfeld des Tagebaus Seese-Ost tat ihr gut. Jeden Morgen wurden sie von einem Gong geweckt, schlichen verschlafen zu den Duschräumen, zogen sich an, frühstückten gemeinsam und fuhren dann mit einem uralten Barkas auf die Grabungsfläche. Morgens sangen sie den erzgebirgischen Volkslied-Oldie von Anton Günther „’S is Feieromd“ und am Abend sangen sie das Arbeiterlied „Wacht auf, wacht auf, der Kampf beginnt“. Torsten, der immer vorne saß, hielt sich beim Singen das klobige Telefon des Kleinbusses vor den Mund und dirigierte das Konzert. Sie hatten Spaß und kitzelten aus allem, was sie taten, den Reiz des Besonderen heraus, und diese Art, mit dem Leben umzugehen, weckte in Alex eine bisher ungekannte Lebensfreude.
Der Tagebau war ein riesiger 50 Meter tiefer Krater, mit einer Ausdehnung, die Alex von der Grabungsfläche aus nicht vollständig überblicken konnte. Die Kante der Grube zeigte den geologischen Schnitt der Bodenaufschichtung bis ins Tertiär. Aus der Schule wusste sie, dass Braunkohle, der wichtigste Energielieferant der DDR, durch Druck und Luftabschluss aus dem organischen Material Millionen Jahre alter Vegetation entstanden war. Die obersten 30 Meter bestanden vor allem aus verschieden getönten, sandigen Erdschichten, darunter lag die bräunlichschwarze Kohle, ein Flöz von circa sieben bis acht Metern. Der abgelagerte Boden und die Kohle wurden getrennt abgetragen. Tief unten im Tagebaukrater schürfte ein kleiner Kohlebagger, und in die obere Schicht aus Erde und Sand fraß sich ein Eimerkettenbagger, so groß wie ein fünfgeschossiger Häuserblock. Die an einer Kette angebrachten beweglichen Schaufeln gruben sich tief in das Erdreich und schütteten es auf das Fließband eines Transportarms. Der reichte in Form einer riesigen Brücke von der einen Seite des Tagebaus bis zur gegenüberliegenden Seite. Dorthin transportierte das Fließband das abgegrabene Erdreich und ließ es auf die riesigen Abraumhalden fallen, die wie ein zerklüftetes Gebirge aus Sand und Erde am anderen Ende des Tagebaus emporragten. Die Schaufeln fraßen sich die Längsseite der Tagebaukante entlang und die Ausgräber wussten, dass sie einmal die Woche einen gehörigen Teil ihrer Grabungsfläche verschlangen. Sie gruben hastig auf der Fläche, die der Eimerkettenbagger bei seiner nächsten Durchfahrt wegschaufeln würde.
Einmal die Woche stieg der Arbeitsdruck ins Unerträgliche, bis einer der Studenten rief: „Der Bagger kommt!“ Die riesigen Schaufeln fraßen sich immer näher an die Grabungsfläche heran. Dann rief die Grabungsleiterin: „Runter von der Fläche!“
Alex sprang auf, las ihre Werkzeuge und Fundtüten zusammen, packte sie in ihren Eimer und verließ, wie die anderen ihre Fläche, um aus sicherer Entfernung zuzusehen, wie sich die Zähne der Schaufeln in das Erdreich bohrten, um große Stücke herauszureißen. Die akkurat zu Plana gekratzte Fläche löste sich in rieselnden Sand auf und verschwand mit jeder Schaufel in der Höhe, wo sie irgendwann auf dem Förderband landen würde.
„Sven ist noch dort“, rief Daniela, eine Archäologiestudentin.
Alexandra sah, wie Sven wenige Meter von den Schaufeln entfernt, große Scherben aus dem Boden zog und sorgsam in seinen Eimer legte.
„Ist der wahnsinnig?“, brüllte die Grabungsleiterin, und begann ihn zu rufen.
Olaf, der Fotograf, zückte seinen Fotoapparat und begann Bilder von Sven unter den riesigen Schaufeln zu machen.
„Sven“, brüllte Stephanie nochmals. Das Dröhnen und Quietschen des Baggers verschlang ihre Stimme. Sven sah kurz zu den Schaufeln, die nur noch sieben Meter von ihm entfernt gruben. Dann durchwühlte er nochmals hastig den Sand mit seinen Händen, las eilig letzte kleinere Scherben heraus, legte sie in seinen Eimer, packte ihn und rannte zu den anderen, wo Stephanie ihm sofort einen Vortrag hielt und damit drohte, ihn zu entlassen, wenn er noch einmal die Sicherheitsauflagen der Grabung unterlaufen würde. Doch schließlich umstanden alle seinen Eimer und betrachteten das zerscherbte, aber vollständige slawische Gefäß, das Sven in letzter Sekunde aus dem Sand gerettet hatte.
„Das war aber nicht gerade saubere Grabungstechnik“, grinste Torsten und spielte darauf an, dass Sven die Scherben mit den Händen aus dem Sand gewühlt hatte.
„Was man hat, hat man“, erwiderte Sven darauf und Olaf hielt triumphierend seinen Fotoapparat in die Höhe und sagte: „Zwar nicht gezeichnet und vermessen, aber in situ fotografiert. Sogar die Schaufeln des Baggers sind mit drauf. Das gibt ein gutes Foto für die Ausstellung.“
