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Ein einfaches Zimmer in einem Pariser Hotel. Eine dünne Wand. Und ein Loch – klein genug, um unbemerkt zu bleiben, groß genug, um eine Welt zu öffnen. Ein namenloser junger Mann entdeckt, dass er durch einen Spalt in der Wand das Nebenzimmer beobachten kann. Was beginnt als zufälliger Blick, wird zur Obsession, zur Sucht, zum Schicksal. Denn durch dieses kleine Loch zieht das Leben selbst an ihm vorbei – in all seiner Nacktheit, seiner Lust, seinem Schmerz und seiner Banalität. Er sieht Liebende in ihren intimsten Momenten, Sterbende in ihrer letzten Stunde, Menschen, die glauben, allein zu sein, und genau deshalb wahr sind. Doch je mehr er sieht, desto tiefer wird seine eigene Einsamkeit. Er ist der ewige Zuschauer, ausgeschlossen vom Strom des Lebens, gefangen hinter seiner Wand wie hinter Glas. Was er beobachtet, kann er nicht berühren. Was er versteht, kann er nicht leben. Henri Barbusses "Die Hölle" ist ein radikales, verstörendes Buch – ein frühes Meisterwerk des modernen Bewusstseinsromans, das mit schonungsloser Offenheit von Begehren, Einsamkeit und der menschlichen Sehnsucht nach Verbindung erzählt. Ein Roman, der unter die Haut geht und dort bleibt. Die wahre Hölle ist nicht Feuer und Verdammnis. Sie ist das Glas zwischen uns und dem Leben.
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Seitenzahl: 366
Veröffentlichungsjahr: 2026
Die Hölle
HENRI BARBUSSE
Die Hölle, Henri Barbusse
Jazzybee Verlag Jürgen Beck
86450 Altenmünster, Loschberg 9
Deutschland
ISBN:9783988683335
Übersetzer: Max Hochdorf
www.jazzybee-verlag.de
INHALT
I.1
II.7
III.15
IV.26
V.36
VI.53
VII.64
VIII.70
IX.98
X.108
XI.128
XII.137
XIII.147
XIV.157
XV.173
XVI.181
XVII.196
Frau Lemercies setzte mir noch einmal alle materiellen und idealen Vorzüge ihrer Familienpension auseinander. Dann ließ sie mich allein.
Ich blieb vor dem Spiegel stehen, mitten in diesem Zimmer, das ich nun für einige Zeit bewohnen sollte. Ich musterte das Zimmer und musterte mich selbst.
Das Zimmer war grau und von Staubdunst angefüllt. Ich sah zwei Stühle, von denen der eine meinen Koffer trug. Ich sah zwei Armsessel mit winzigen Lehnen, die mit fettigem Stoff überzogen waren. Da stand ein Tisch. auf dem eine grüne Wolldecke lag. Den Boden bedeckte ein orientalischer Teppich, dessen unaufhörlich wiederholte Arabeskenverzierung die Blicke anzuziehen suchte. Aber in diesem Augenblick, wo es Abend war, hatte der Teppich die Farbe des Erdbodens.
Alles das war mir unbekannt. Und doch, wie ich alles das kannte! Dieses Bett aus falschem Mahagoni, diesen kalten Waschtisch, diese unvermeidliche Verteilung aller übrigen Möbelstücke und diese Leere zwischen den vier Wänden.
Das Zimmer war abgebraucht; es schien, dass man es schon unendlich oft abgetreten hatte. Der Teppich ließ von der Tür bis zum Fenster den Knüpfstrick sehen; er war Tag für Tag von einer Menge Menschen abgewetzt worden. Die Wandverkleidung war in der Höhe der Hände ausgehöhlt, hinfällig und verdorben, und der Marmor des Kamins hatte sich an den Ecken abgeschliffen. Bei der Berührung mit den Menschen verlöschen die Dinge mit einer verzweifelnden Langsamkeit.
Die Dinge werden auch dunkler. Nach und nach ist die Zimmerdecke düsterer geworden wie ein Gewitterhimmel. Auf der weißlichen Türverkleidung und der rosafarbenen Tapete haben sich die am meisten betasteten Stellen geschwärzt; schwarz sind auch schon die Türklinke und das übermalte Schlüsselloch am Wandschrank rechts neben dem Fenster; schwarz ist die Mauer auch dort, wo man die Vorhänge aufzieht. Hier ist eine ganze Menschheit wie Rauchschwaden vorübergestapft und nur die Fensteröffnung ist weiß.
Und ich? Ich bin ein Mensch wie die anderen; ebenso wie dieser Abend ein Abend ist wie die anderen.
Seit heute Morgen reise ich; die Hast, die Scherereien, die Gepäckbeförderung, die Fahrt im Zuge, der Atem der mannigfachen Städte - - -
Da steht ein Sessel; ich werfe mich hinein, alles wird ruhiger und sanfter.
Diese endgültige Reise von der Provinz nach Paris ist für mein Leben ein hochwichtiger Abschnitt. Ich habe eine Stellung in einem Bankhause gefunden.
Meine Lebenstage werden sich ändern.
Wegen dieser Veränderung entreiße ich mich heute Abend dem Strome meiner sonstigen Gedanken, und ich denke nur an mich. Ich bin dreißig Jahre alt, schon am Ersten des nächsten Monats. Zehn oder zwanzig Jahre ist es her, da habe ich Vater und Mutter verloren. Das Ereignis liegt so fern, dass es mir unbedeutend vorkommt. Ich habe mich nicht verheiratet; ich habe keine Kinder, und ich werde keine Kinder haben. Es gibt Augenblicke, in denen sich mir dieser Gedanke beunruhigend aufdrängt, dass mit mir ein Geschlecht aussterben wird, das seit Menschengedenken existiert hat.
Bin ich glücklich? Ja, ich verspüre weder Trauer noch Reue, auch keine Verwirrung besonderer Begierden; also bin ich glücklich. Ich erinnere mich noch aus meiner Kindheit her, dass ich Erleuchtungen des Gefühls hatte, sanfte mystische Erregungen und eine krankhafte Liebe mich einzuschließen, um Aug in Aug mit meiner Vergangenheit zu bleiben. Ich maß mir eine ungewöhnliche Wichtigkeit bei; ich konnte sogar glauben, dass ich mehr als ein anderer Mensch wäre! Aber alles das ist langsam von der nichtigen Wirklichkeit des Alltagslebens fortgeschwemmt worden.
Und jetzt bin ich hier.
Ich beuge mich aus dem Sessel, um dem Spiegel näher zu kommen, und ich mustere mich mit Aufmerksamkeit: Ich bin eher klein von Gestalt, mein Gesicht ist verschlossen, obwohl ich zuzeiten stark aus mir heraustreten kann. Meine Kleidung ist sehr sorgsam, an meinem äußeren Menschen gibt es nichts zu tadeln, nichts zu mäkeln.
Ich prüfe aus der Nähe meine Augen, sie sind grünlich; man sagt im Allgemeinen, aus einer unerklärlichen Täuschung heraus, dass sie schwarz sind.
Ganz durcheinander glaube ich an vielerlei Dinge; vor allem an die Existenz Gottes, wenn auch nicht an die Dogmen der Religion. Die Religion bietet immerhin für die Armen und für die Frauen ihren Nutzen dar, denn Arme und Frauen haben ein Gehirn, das minderwertiger ist als das Gehirn der übrigen Menschen.
Philosophische Diskussionen, ich glaube, dass sie vollkommen überflüssig sind. Man kann nichts mit Bestimmtheit fassen, man kann nichts in der Wahrheit ansiedeln. Die Wahrheit, was will denn das bedeuten?
Ich habe das Gefühl für das Gute und für das Böse; niemals würde ich etwas Unzartes begehen, selbst dann nicht, wenn ich der Straflosigkeit gewiss wäre. Ich könnte in keiner, auch nicht in der geringfügigsten Sache, irgendeine Ausschweifung gutheißen. Wäre jedermann wie ich, alles würde gut gehen auf der Welt.
Es ist schon spät, heut' werde ich nichts mehr tun. Da sitz ich nun vor dem Spiegelglas in dem Dämmerlicht, und ich nehme in all dem Kreise, der allmählich in Halbdunkel eingetaucht wird, die Form meiner Stirn und das Rund meines Gesichtes wahr. Und ich entdecke unter der zuckenden Wimper meinen Blick, der die Ungewissheit und die Finsternis meiner Seele umschließt, meinen Blick, mit dem ich in mein Inneres vordringe wie in das Innere eines Grabgewölbes.
Die Müdigkeit, das trübe Wetter (ich höre das Regenfallen in der Abendluft), der Schatten, der meine Einsamkeit vergrößert und mich selber trotz all meines Gegenwillens aufschwemmt, und dann irgend etwas anderes, ich weiß nicht was, traurig macht mich das alles. Das quält mich, traurig zu sein. Ich schüttle mich. Was ist denn los? Nichts ist los. Ich allein bin da.
Im Leben stehe ich nicht so allein da, wie ich heute Abend dastehe. Die Liebe hat für mich die Gestalt und die Bewegungen meiner kleinen Josette angenommen. Lange ist es schon her, dass wir zusammen sind; lang ist's schon her, dass ich sie dort in Tours, in dem Modegeschäft, wo sie arbeitete, sah, wie sie mir mit einer seltsamen Nachhaltigkeit zulächelte. Da habe ich sie beim Kopf genommen und auf den Mund geküsst, und plötzlich habe ich gemerkt, dass ich sie liebte.
Jetzt erinnere ich mich nicht mehr deutlich an das merkwürdige Glück, das wir empfanden, wenn wir uns auskleideten. Aber es gibt doch Augenblicke, in denen ich sie ebenso toll begehre wie beim ersten Mal; besonders wenn sie nicht da ist. Ist sie da, da gibt es Augenblicke. in denen sie mich anekelt. Im Grunde sind das aber alles geschlechtliche Aufwallungen, um die man etwas Gefühlsseligkeit herumwirkt.
In den Ferien werden wir uns zu Hause wiederfinden. Die Tage, an denen wir uns vor unserem Tode wiedersehen werden, wir könnten sie zählen, wenn wir den Mut dazu hätten.
Der Tod! Der Gedanke an den Tod ist sicherlich der bedeutsamste von allen Gedanken.
Ich werde eines Tages sterben. Habe ich jemals daran gedacht? Ich schürfe in meinen Gedanken nach. Nein, ich habe niemals daran gedacht, ich kann es nicht. Man kann seinem Schicksal nicht ins Auge sehen, ebenso wenig wie der Sonne, und dennoch, graufarben ist das Schicksal nur.
Und der Abend bricht herein, wie alle übrigen Abende kommen werden, bis zu dem letzten Abend, dessen Macht allzu groß sein wird.
Aber da, da habe ich mich plötzlich aufgerichtet. Ich wanke, gewaltig schlägt mein Herz, wie in einem Flügelschlag. - - -
Was denn? Unten auf der Straße erschallt ein Trompetenton, eine Jagdweise. Sicherlich hat dort irgendein Bereiter aus einem herrschaftlichen Haus an irgendeinem Schanktisch die Backen aufgeblasen und den Mund aufgeplustert, und er bläst eine wilde Melodie, und er bläst und trampelt seine ganze Gesellschaft nieder.
Aber es ist nicht nur das, diese Fanfare, die in den Steinquadern der Stadt widertönt. - Als ich noch ein Kind war, da habe ich auf dem Lande oft diese Weise aus der Ferne gehört, auf den Wald- und auf den Gutswegen. Es war dieselbe Weise, genau die gleiche Weise. Wie alles das so ähnlich sein kann untereinander!
Und gegen meinen Willen hat sich meine Hand plötzlich mit einer langsamen und zitternden Bewegung auf mein Herz gelegt.
Einstmals - - heute - - mein Leben - - mein Herz - - ich! An alles das denke ich plötzlich, ohne Ursache, als wenn ich verrückt geworden wäre.
Seit dem - Einstmals - all die Zeit über - was habe ich seitdem getan? Nichts, und ich bin schon auf der abschüssigen Linie. Ach, weil dieser Musikhall in mir die Vergangenheit aufgeweckt hat, bedünkt es mich; dass es mit mir schon zu Ende geht, und dass ich niemals gelebt habe; und ich sehne mich nach einem verlorenen Paradies. Aber ich werde gut betteln haben, aber ich werde gut haben, mich im Aufruhr aufzurecken; für mich würde es nichts mehr geben. Fortan werde ich weder glücklich sein noch unglücklich. Ich werde nicht auferstehen können. Ich werde alt werden, ebenso ruhig wie ich jetzt in diesem Zimmer bin, in dem so viele Wesen ihre Spur hinterlassen haben, in dem kein Wesen seine eigene Spur hinterlassen hat.
Dieses Zimmer, bei jedem Schritt findet man es wieder. Es ist das Zimmer, das jeglichem Menschen gehört. Man glaubt, dass es verschlossen ist, doch nein: es steht offen für alle vier Winde, die aus dem Weltraume wehen. Das Zimmer liegt verloren mitten in der Menge aller übrigen Zimmer, die ihm gleichen, verloren wie das Licht am Himmel, verloren wie ein Tag in der Tage Ewigkeit, verloren wie ich selber mitten in dem All verloren bin. Ich, ich! Ich sehe nichts mehr als die Fahlheit meines Gesichtes, in dem die tiefen Augenhöhlen liegen; ich sehe nur mein Gesicht, das in den Abend eingebettet ist, und meinen Mund, der von Schweigen erfüllt ist, und der mich sanft aber sicher ausliefert an das Nichts.
Ich stütze mich auf den Ellenbogen wie auf einen Flügelstumpf, ich wünsche, dass mir irgendetwas Unendlichkeitumwobenes begegne!
Ich habe kein Genie, keine Mission zu erfüllen, kein großes Herz zu verschenken, ich habe nichts, und ich darf mir kein besonderes Verdienst zuschreiben. Aber ich möchte trotzdem, dass mir irgendwelche Belohnung gespendet werde. - -
Liebe; ich träume eine unerhörte, einzige Freudenerhebung in Gesellschaft einer Frau, von der ich bisher getrennt gewesen bin, und um derentwillen ich bisher all meine Zeit vergeudet habe. Ihre Züge sehe ich nicht, doch ich stelle mir ihren Schatten vor, wie er neben dem meinigen weilt, wenn wir hin wandeln auf der Wegstraße.
Etwas Unendliches und etwas Neuartiges! Eine Reise, eine außergewöhnliche Reise, in die ich mich hineinstürzen könnte, durch die ich mannigfaltiger werden könnte. Erst die Abreise, umrauscht von Luxus und Geschäftigkeit, mitten im Herumhasten des Gesindes, dann das sachte Hinstrecken im Eisenbahnwagen, der mit all seiner Kraft donnergleich dahinrollt, und dann weiter durch Landschaften, die aufgeblättert werden, und durch die Städtebereiche, die plötzlich wie der Wind ins Mächtige hinauswachsen.
Schiffe, Schiffsmasten, Kommandorufe in barbarischen Sprachen, Ankern an goldumsäumten Meeresufern, dann seltsame, exotische Gesichte im Sonnenbrand, die sich alle schwindelhaft ähnlich sind. dann Monumente, von denen man nur die Abbilder gekannt hat, und die nun, mithelfend bei all dem stolzen Walten dieser Reise, zu uns gekommen sind.
Mein Gehirn ist leer; ausgedörrt ist mein Herz, ich habe niemanden, der mich umgibt; ich habe niemals etwas gefunden, nicht einmal einen Freund; ich bin ein armer Kerl, der für einen Tag auf dem Boden eines Gastzimmers gestrandet ist, das jedermann betreten kann, das jedermann verlassen kann. Gestrandet bin ich in einem flüchtig eingerichteten herrenlosen Zimmer, und dennoch, nach irgendetwas Lichtumflossenen begehrte ich wohl.
Das Lichtumflossene müsste meinem Wesen eingemengt sein wie eine erstaunliche und merkwürdige Wunde, die ich spüren dürfte, und jedermann sollte davon reden. Ich wünschte um mich eine Menschenmasse, und ich wollte der Erste darin sein. Von meinem Namen wollte ich beifällig umrauscht werden wie von einem ganz neuartigen Schrei, der zum Himmelsantlitz aufrauscht.
Aber ich spüre es, wie meine Größe zurückschnellt. Meine kindische Einbildung spielt umsonst mit diesen maßlosen Einbildungen. Nichts gibt es für mich. Was es gibt, das bin nur ich, ich, ausgemergelt durch den Abend. ich, der ich aufkreische wie ein Schrei.
Die Dämmerstunde hat mich fast blind gemacht, in dem Spiegelglas errate ich mich eher, als dass ich mich klarsehe. Ich sehe nur meine Schwäche und meine Gefangenschaft. Ich strebe vorwärts, dem Fenster zu. An meinen Händen sind die Finger krampfhaft gespannt, denn meine Hände tragen an sich den Anblick der zerrissenen und verzerrten Dinge. Von meinem Schattenwinkel aus erhebe ich das Gesicht bis zum Himmel. Ich kippe hintenüber und stütze mich auf das Bett, auf diesen großen Gegenstand, der eine verschwimmende Gestalt angenommen hat wie ein Totenkörper. Herr Gott im Himmel, ich bin verloren, Herr Gott im Himmel, hab' Mitleid mit mir! Ich glaubte mich der Weisheit voll, ich glaubte mich zufrieden mit meinem Schicksal; ich rühmte mich, dass ich frei wäre vom Instinkt des Raubes; ach, das ist nicht wahr, wollte ich doch alles an mich reißen, was nicht zu meinem Eigentum gehört!
Die Jagdhornmusik hat seit langem aufgehört. Die Straße und die Häuser, stille sind sie geworden. Stille. Ich streiche mit der Hand über die Stirn. Dieser Anfall von Verweichlichung ist vorüber. Desto besser. Durch ein Aufgebot von Willenskraft gewinne ich mein Gleichgewicht wieder. Ich setze mich am Tisch nieder und ziehe aus meiner Tasche Papiere hervor, die es zu lesen und zu ordnen gilt.
Etwas stachelt mich auf. Ich werde ein wenig Geld verdienen. Ich werde etwas Geld meiner alten Tante schicken können, die mich auferzogen hat, und die mich nun immer nachmittags erwartet, wenn sie in dem niederen Zimmer dasitzt und das Geräusch ihrer Nähmaschine eintönig und tödlich wie das Ticken einer Uhr dahinrasselt. Erwarten wird sie mich am Abend, wenn neben ihr die Lampe brennt, die, ich weiß nicht warum, ihr selber ähnlich ist.
Die Papiere, sie enthalten den Entwurf zu der Eingabe, die ein Urteil über meine Fähigkeiten schaffen und meine Aufnahme in das Bankhaus Berton endgültig machen soll. - - -Herr Berton ist der Mann. der alles für mich vermag, und der nur ein Wort zu sprechen hat, Herr Berton ist der Gott meines gegenwärtigen Lebens. Ich mache mich daran, die Lampe anzuzünden. Ich reiße ein Zündholz an. Der Phosphor zündet nicht und schält sich ab, das Zündholz zerbricht, ich werfe es weg und werde ein wenig müde und warte. - - Dann höre ich einen Gesang, der nahe meinem Ohr gesummt wird.
Es scheint mir, dass irgendjemand über meine Schulter gebeugt ist und für mich singt, für mich ganz allein und vertraut.
Ach, es ist nur eine Halluzination! Mein Gehirn ist natürlich krank, es ist die Strafe dafür, dass ich vorhin zu viel nachgedacht habe. Ich halte mich mit gekrampften Händen am Tischrande fest und springe auf, und bin durch den Eindruck von irgendetwas Übernatürlichem zerschmettert. Aufmerksam und argwöhnisch wittre ich dem Zufall nach und meine Augenwimpern flirren.
Das singende Gesumme ist immerzu da. Ich werde es nicht los. Der Kopf dreht sich mir. - - Das Gesumme kommt vom Zimmer nebenan. Warum ist es so deutlich, so seltsam nahe, warum berührt es mich so stark? Ich studiere die Mauer, die mich von dem Nachbarzimmer trennt, und ich ersticke einen Schrei der Überraschung. Oben an der Zimmerdecke und unterhalb der blinden Tür ist ein schwingendes Licht sichtbar. Von diesem Stern fällt der Singsang hernieder.
Die Wand ist dort durchlöchert, und durch dieses Loch dringt das Licht des Nachbarzimmers in die Dunkelheit meiner eigenen Stube hinein.
Ich steige aufs Bett. Ich recke mich auf und drücke die Hände gegen das Mauerwerk. Jetzt erreiche ich das Loch mit dem Gesicht. Ein verfaultes Holzstück, zwei Ziegel, die auseinandergeklafft sind, Mauerputz, der sich losgelöst hat, vor meinen Augen liegt eine Öffnung. die breit ist wie meine Hand, aber wegen der unteren Wandverkleidung unsichtbar bleibt - - Ich spähe hindurch - - ich sehe - - das Nachbarzimmer bietet sich mir dar. Ganz nackt bietet es sich mir dar.
Nun dehnt sich das Zimmer vor mir aus, dieses Zimmer, das mir nicht gehört. Die Stimme, die gesungen hat, ist verschwunden, und nach diesem Weggleiten ist die Tür offen geblieben; noch regt sie sich beinahe. Im Nachbarzimmer nichts als eine brennende Kerze, die auf dem Kamin zittert.
In der Feme ist der Tisch wie eine Insel; die bläulichen und rötlichen Möbel erscheinen wie verschwimmende Organe. die irgendwie im Dunklen leben und irgendwo ausgestreut sind.
Ich betrachte den Schrank, das blinkende gerade gerichtete Liniengewirr daran und die Füße, die im Schatten stehen. Ich betrachte die Zimmerdecke und den Widerschein der Decke im Spiegelglas und die fahle Fensteröffnung, die sich zum Himmel hin wie ein Gesicht abzeichnet.
Ich bin in mein Zimmer zurückgekehrt, wie wenn ich in Wirklichkeit das Nachbarzimmer verlassen hätte. Erstaunt bin ich zuerst, all meine Gedanken sind durcheinander, ich vergesse sogar, wo ich bin.
Ich setze mich auf das Bett nieder, und ich denke mit Hass nach, und ich zittere ein wenig, denn die Zukunft bedrückt mich. - - Ich beherrsche und besitze dieses Nachbarzimmer. - - Mein Blick dringt darin ein. Ich weile im Innern des Nachbarzimmers. Alle Menschen, die dort weilen werden, sie werden dort mit mir weilen, aber sie werden es nicht wissen. In dieses Gastzimmer werden viele Menschen eintreten, und sie werden dort ihr Wesen leben. Und ich werde sie sehen, ich werde sie hören, ich werde mit ihnen sein, ganz, als wenn die Tür offenstände! Ich halte mich nicht mit dem Gedanken der Entweihung auf; das Schauspiel vom Menschenwesen, das dort zwischen den Mauern des Nachbarzimmers eingeschlossen ist, scheint mir plötzlich viel zu sehr des Begehrens würdig, als dass ich darauf verzichten könnte. Ich warte. und schon brauche ich dieses Schauspiel.
Einen Augenblick später habe ich wiederum das Gesicht mit einem langen Erschauern zu dem Mauerloch hingewendet, und ich habe von neuem hindurchgespäht. Die Kerze ist erloschen, aber jemand ist im Raume. Es ist das Dienstmädchen. Sie ist zweifellos gekommen, um das Zimmer in Ordnung zu bringen, und nun macht sie einen Augenblick Pause.
Sie ist allein. Sie ist mir ganz nahe. Und doch sehe ich das lebende Wesen, das da herumrumort, nicht sehr deutlich; vielleicht bin ich geblendet. weil ich es so wirklich sehe: die dunkelblaue Schürze des Mädchens, die von einer nachtdunklen Farbe ist, und die vor ihr niederfällt wie ein Abenddämmern, die weißen Handknöchel und die Hände dann, die von der Arbeit nachgedunkelt sind. Unbestimmt ist ihr Gesicht, irgendwie umwellt und dennoch einprägsam. Ihr Auge ist verborgen, und dennoch leuchtet es. Ihre Wangenknochen flitzen hervor, auf ihrem Kopf leuchtet ein Flechtengewinde gleich einer Krone.
Eben habe ich es auf dem Flur bemerkt, dieses Mädchen, das hockend den Boden aufwischte, und das Gesicht, das rotflammend auf ihren Händen lag. Wegen ihrer schwarzen Hände und wegen der staubigen Beschäftigungen, mit denen sie verknäuelt und verwickelt ist, habe ich sie eben abstoßend gefunden. - - Ich habe sie auch in einem Gang bemerkt; sie ging vor mir schwerfällig und mit zerzaustem Haar, und sie zog hinter sich die Furche eines faden Dunstes, der von ihrer ganzen Persönlichkeit ausströmte, und der, wie man merkte, grau und zusammengeballt, in ein schmutziges Wäschebündel eingebettet war.
Und jetzt werde ich ihrer wieder gewahr. Der Abend hebt von ihr sachte die Hässlichkeit ab, er verlöscht das Elend und den Abscheu. Gegen meinen Willen verwandelt er den Staub in Schatten, als wenn ein Fluch in einen Segen umgewandelt würde. Und von ihr bleibt nur ein Farbschimmer, ein Dunst, ein Gestaltenumriss, nicht einmal ein Aufzittern oder ein Schlagen ihres Herzens. Von ihr bleibt nur die sichtbare Wirklichkeit ihres Wesens.
Sie ist allein. Unerhörtes Geschehnis, mit etwas Göttlichkeit umwittert, sie ist wirklich allein. Sie ist in dieser Unbescholtenheit und in dieser vollkommenen Reinheit: in der Einsamkeit ist sie.
Ich aber vergewaltige ihre Einsamkeit mit den Augen, und sie weiß es nicht, und darum ist sie nicht vergewaltigt. Sie geht zum Fenster hin, in ihren Augen wird es hell, sie schwenkt die Hände, dunkelblau ist ihre Schürze.
Ihr Gesicht und ihr Oberkörper sind auch erhellt; es scheint, dass sie mitten im Himmelslicht steht. Sie setzt sich auf dem geräumigen, niedrigen, dunkelroten Sofa nieder, das den Raum am Fenster einnimmt. Der Besen steht neben ihr, der Wischlappen ist zu ihren Füßen schlaff niedergefallen.
Sie zieht aus der Tasche einen Brief und liest ihn. Dieser Brief ist in der Dämmerung der hellste Gegenstand, den man sich denken kann. Das Doppelblatt bewegt sich zwischen ihren Fingern, die den Brief vorsichtig umspannen wie eine Taube, die im Raume regiert. Sie nähert den Brief ihrem zitternden Munde und küsst ihn. Von wem ist dieser Brief? Nicht von ihrer Familie. Ist ein Mädchen Frau geworden, so bewahrt sie nicht genug Kindesliebe, um einen Elternbrief zu küssen. Schreibt ihr ein Geliebter, ein Verlobter? Ja, ich kenne den Namen des Geliebten nicht, den vielleicht viele kennen, und ich nehme doch an ihrer Liebe teil, wie es noch kein Lebender getan hat. Aber diese einfache Bewegung des Kusses, der auf das Papier gedrückt wird, diese Bewegung, die in einem Zimmer grabdunkel verborgen wird, diese vom Schatten herausgeschälte und herausgeschöpfte Bewegung birgt etwas Erhabenes und etwas Erschreckendes in sich.
Sie ist aufgestanden und ganz nahe an das Fenster gegangen, in ihrer grauen Hand liegt der gefaltete, weiße Brief.
Immer dichter wird der Abend, und es bedünkt mich, dass ich nicht das Alter des Mädchens weiß und auch nicht ihren Namen, weder die Arbeit, die sie zufällig hienieden verrichtet, noch sonst etwas von ihr - nichts, nichts. - - Sie blickt zur fahlen Unendlichkeit empor, die auf ihr lastet. Ihre Augen glänzen. Man möchte meinen, dass ihre Augen weinen, aber nein, sie strömen nur vor Helligkeit über. Ihre Augen ziehen das Licht nicht aus ihrer eigenen Leuchtkraft. Sie sind nur da, wie das Weltlicht überhaupt. Das Mädchen wäre ein Engel, wenn die Wirklichkeit auf Erden erblühen könnte. Sie hat aufgeseufzt und ist langsam zur Tür zurückgegangen. Wieder ist die Tür verschlossen wie irgendetwas, das versunken ist.
Das Mädchen ist fortgegangen, ohne etwas anderes getan zu haben, als nur den Brief zu lesen und zu küssen.
Ich bin in meinen Winkel zurückgekehrt und einsamer, viel einsamer als vorher. Die Einfachheit dieses Erlebnisses hat mich wie mit einer Gottesunruhe aufgestört. Und doch war dieses Wesen da nichts anderes als nur ein Menschenwesen wie ich: Also ist nichts sanfter und nichts stärker als die Nähe eines Menschenwesens, welcher Art es auch immer sei.
Diese Frau fesselt meine lebendigen Gedanken, an meinem Herzen nimmt sie teil. Wie, warum? Ich weiß nicht. - - Aber welche Bedeutsamkeit hat sie vor mir gewonnen! - - Nein, nicht durch die Kraft ihrer selbst; ich kenne sie ja nicht, und ich sorge mich auch nicht darum, sie zu kennen; nur durch die Wichtigkeit ihres Lebens überhaupt, die aufgehellt wurde für einen Augenblick, nur durch das Beispiel, das sie gespendet hatte, nur durch die Furche, die von ihres Wesens Anwesenheit ausgestreut wurde, nur durch das wirkliche Geräusch ihrer Schritte.
Es bedünkt mich. dass der übernatürliche Traum, den ich eben geträumt hatte, erfüllt ist. Es scheint, dass geschehen ist, was ich eben Unendlichkeit genannt hatte. Ist nicht das, was diese Frau, ohne es zu wissen, beim tiefbewegenden Vorüberhuschen und bei der Enthüllung ihres Kusses meinen Augen dargeboten hat, die Art Schönheit, die in der Welt regiert, und deren Widerschein die Menschen mit Herrlichkeit bedeckt?
Die Essensglocke hat durchs Haus geklungen. Die Erinnerung an die alltägliche Wirklichkeit und die gewöhnlichen Beschäftigungen ändert den Gang meiner Gedanken augenblicklich. Ich mache mich fertig, um zu Tisch hinunterzugehen. Ich lege eine bunte Weste an und einen dunklen Rock. Ich stecke eine Perle in die Krawatte. Aber bald halte ich wieder an und spanne das Ohr nach dem Nebenzimmer in die Weite hinaus. Denn ich hoffe, noch ein Geräusch von Schritten zu vernehmen oder irgendeine Menschenstimme. Während ich die nötigen Griffe des Ankleidens ausführe, gerate ich immer mehr in den Zwang dieses großen Ereignisses hinein, das für mich diese Erscheinung bedeutet.
Ich bin unter die Leute hinabgestiegen, die mit mir zusammen das Haus bewohnen. Im Esszimmer, das kastanienfarben und golden ausgestattet und von Licht durchflutet ist, setze ich mich am Tische nieder. Es herrscht ein großes Durcheinander und Gefunkel, es herrscht das große leere Hin- und Herhasten, bevor man sich zum Essen niederlässt. Viele Leute sind da, und sie nehmen mit der Behutsamkeit wohlerzogener Menschen Platz. Lächeln überall, Stühlerücken, hier und da zerstreute Worte, Stimmen, die sich suchen und wieder Berührung nehmen, Stücke von Gesprächen. - - Dann nistet sich die regelmäßige und steigende Musik des Tellerklirrens und des Klapperns von Messern und Gabeln ein.
Meine beiden Nachbarn plaudern jeder für sich. Ich höre ihr Murmeln, das mich absondert. Ich hebe die Augen auf. Vor mir zeichnen sich über dem blendend weißen Tischtuch die leuchtenden Stirnen ab, die blinkenden Augen, die Krawatten, die Blusen, die geschäftigen Hände. Alle diese Dinge ziehen meine Aufmerksamkeit an, und sie stoßen sie gleichzeitig ab.
Ich weiß nicht, was diese Leute denken, ich weiß nicht, was sie sind; sie verstecken sich voreinander, sie nehmen sich voreinander in Acht; an ihrer Helligkeit und an ihren Stirnen stoße ich mich wie an Schranken. Armbänder, Halsketten, Ringe. - - Das funkelnde Bewegen der Schmuckstücke entführt mich ebenso fern, als wenn es die Gestirne tun würden. Ein junges Mädchen blickt mich mit ihren blauen und schwimmenden Augen an. Was vermag ich gegen diese Art von Saphir? Man spricht, aber dieses Geräusch überlässt jeden sich selber, und es betäubt mich, wie das Licht mich vorher geblendet hatte. Und trotzdem haben sich diese Leute zeitweise enthüllt, als wenn sie allein wären; denn sie haben beim Zufall der Unterhaltung an Dinge gedacht, die ihnen am Herzen lagen. Ich habe diese Urwahrheit erkannt, und ich bin erbleicht in der Erinnerung daran.
Man hat vom Geld gesprochen. Die Unterhaltung hat sich auf diesen Gegenstand ausgebreitet, und die Gesellschaft ist wie von einem Ideal gestreift und erregt worden. Aus den Blicken ist ein Traum des Besitzergreifens und des Erraffens durchgeschimmert, wie aus einem Wassergrunde. Ebenso, wie vorhin noch, als ein wenig angebeteter Anbetung in den Augen des Dienstmädchens aufgeblitzt war, das sich allein gefühlt hatte, unendlich stille und losgelöst.
Man hat die Erinnerung an Kriegshelden heraufbeschworen. Mancher Mann bei Tisch hat gedacht: Und ich! Und er ist fiebrig geworden, und er hat gezeigt, was er dachte, trotzdem seine Gedanken in lächerlichem Missverhältnis zur Sklaverei seiner sozialen Stellung standen. Das Gesicht eines jungen Mädchens schien mir wie überblendet. Sie hatte nicht einen Seufzer der Begeisterung unterdrückt, sie war unter der Wirkung eines rätselhaften Gedankens errötet.
Ich habe das Zuströmen der Blutwelle auf ihrem Gesicht gesehen. Das Aufstrahlen ihres Herzens habe ich gesehen. Man hat über die Erscheinungen des Okkultismus und über das Jenseits diskutiert. ,,Wer weiß!" hat man gesagt; dann hat man vom Tode gesprochen. Während man vom Tod sprach, haben zwei Gäste, ein Herr und eine Dame, die keinen Laut zueinander redeten, und die sich nicht zu kennen schienen, einen Blick über den Tisch hin ausgetauscht, und ich habe diesen Blick überrascht. Da aber habe ich an dem gleichzeitigen Augenaufsprühen dieser beiden Menschenkinder, die unter dem Griff des Todesgedankens standen, begriffen, dass sie sich liebten, und dass sie einander im Grunde ihrer Lebensnächte gehörten.
Die Mahlzeit war zu Ende, die jungen Leute waren zum Salon hinübergegangen. Ein Advokat erzählte seinen Nachbarn einen Fall, den man im Laufe des Tages abgeurteilt hatte. Wegen des Gegenstandes drückte er sich mit Zurückhaltung, fast mit vertraulichem Zögern aus. Es handelte sich um einen Mann, der ein kleines Mädchen erdrosselt und gleichzeitig vergewaltigt hatte. Damit man die Schreie des winzigen Opfers nicht höre, hatte der Mörder dröhnend gesungen.
Bei der Verhandlung hatte die Bestie erklärt: „Man würde sie doch gehört haben, so sehr hat sie geschrien, aber zum Glück ist sie noch ganz jung gewesen."
Nacheinander sind alle Redenden still geworden; jeder lauscht, wenn es auch nicht so aussieht, und die Fernerstehenden möchten bis zu dem Sprechenden vordringen. Rings um diese Erscheinung, die da aufgetaucht ist, rings um diesen entsetzlichen Ausbruch unserer schüchternen, versteckten Menscheninstinkte hat sich das Schweigen ausgebreitet, und doch gleicht es einem ungeheuren Rauschen, das in den Seelen rumort.
Dann höre ich das Lachen einer anständigen Dame. Es ist ein trockenes und brüchiges Lachen, das sie vielleicht für unschuldig hält; aber das Gelächter liebkost und übersprüht die Dame ganz und gar. Es ist der Ausbruch eines Lachens, das unförmige instinktmäßige Schreie gestaltet. Fast wie ein Ausstrom ihrer ganzen Körperlichkeit ist es.
Sie schweigt, und verschlossen ist ihr Inneres wiederum. Und der Sprecher fährt fort, auf diese Leute das Bekenntnis des Ungeheuers hinzuschmettern, und seine Stimme ist ruhig und ihrer Wirkungen gewiss: „Sie hatte ein zähes Leben, und sie schrie, schrie! Ich war gezwungen, sie mit einem Küchenmesser abzustechen."
Eine Mutter, die ihr Kindlein neben sich hat, hat sich halb hochgerichtet, aber sie kann nicht fortgehen. Sie setzt sich wieder und beugt sich vorwärts, um das Kind zu verdecken. Beim Zuhören empfindet sie gleichzeitig Lust und Abscheu.
Eine andere Dame bleibt unbeweglich, und sie beugt nur das Gesicht vor. Aber ihr Mund ist verschlossen, wie wenn sie sich mit tragischer Gebärde verteidigte, und ich habe beinahe unter der irdischen Gestalt ihres Gesichtes, einer Inschrift gleich, ein irres Märtyrerlächeln wahrgenommen.
Und die Männer! Diesen Herrn dort, der sonst so sanft und schlicht ist, ich habe ihn deutlich röcheln gehört. Der andere spricht mit großer Mühe zu seiner Nachbarin von diesen und jenen Dingen, und sein Gesicht bleibt gleichgültig und bürgerlich dabei. Aber er mustert sie mit einem Blick, der bis zu ihrem Fleische vordringen möchte und weiter noch. Ein Blick ist es, stärker als er selbst, und er schämt sich dieses Blickes, dessen Auffunkeln ihm die Augen zudrückt, und dessen Gewicht ihn zermalmt. Und der andere dort, ich habe auch seinen enthüllten Blick gesehen und seinen zittern den Mund. der sich halb aufschloss! Ich habe dieses Aufknattern im Räderwerk der Menschenmaschine überrascht und das zuckende Schlagen der Zähne, die sich nach der frischen Körperlichkeit und dem Blutstrom des anderen Geschlechtes sehnten. Und sie alle verbündeten sich gegen die Menschbestie in einem Konzert allzu großer, allzu großspuriger Verwünschungen.
So haben sie eine Sekunde lang nicht gelogen; sie haben beinahe ihre tiefste Beichte bloßgelegt, ohne es vielleicht zu wissen und selbst ohne zu wissen, was sie gebeichtet haben. Sie sind fast sie selber gewesen. Wunsch und Begierde haben sich aufgebäumt. Vorübergeweht ist der Widerschein von Wunsch und Begierde, und man hat gesehen, was im Schweigen lebte, und was von den Lippen eingesiegelt gehalten worden ist.
Das ist es. Dieser Gedanke ist es, diese Gestalt von einem lebenden Gespenst, was ich ausspähen will. Ich springe auf, emporgeschnellt durch die hastende Sehnsucht nach der Entschleierung aller Aufrichtigkeit im Menschen, in Männern und in Weibern. Das will ich sehen; denn es ist schön wie ein Meisterwerk, trotz seiner Hässlichkeit. Und von neuem kehre ich in mein Zimmer zurück, und ich öffne die Arme und lehne mich an die Mauer, als wenn ich sie umarmen wollte, und ich bespähe die Heiligkeit des Nebenzimmers.
Da liegt es nun zu meinen Füßen. Selbst in seiner Leere ist es von größerem Leben erfüllt als die Menschen, die man streift, und in deren Mitte man lebt, als die Menschen, die verlöschen müssen in der Unermesslichkeit ihrer Menge und vergessen werden, als die Menschen, die ihre Stimme nur zum Lügen haben und ihr Gesicht nur, um sich zu verbergen.
Nacht, vollständige Nacht. Der samtdichte Schatten beugt sich von allen Richtungen über mich. Alles rings um mich ist in Finsternis aufgelöst. Mitten in diesem Duster habe ich mich auf meinen Tisch gestützt, den die Lampe erhellt. Ich habe mich dort zur Arbeit niedergelassen, aber in Wirklichkeit habe ich nichts anderes zu tun, als zu horchen.
Eben habe ich in das Zimmer hineingespäht. Niemand ist dort, aber sicher ist es, irgendjemand wird kommen. Irgendjemand wird kommen, vielleicht heute Abend, vielleicht an einem anderen Tage. Bestimmung ist es, irgendjemand wird kommen, und dann werden ihm andere Geschöpfe nachfolgen. Immer andere. Ich warte, und es bedünkt mich, dass ich·zu nichts anderem geschaffen bin als nur zu diesem Geschäft.
Lange habe ich gewartet und nicht gewagt, mich auszuruhen. Dann, sehr spät erst, als die Stille schon seit langem herrschte, und als es so lähmend auf mir lag, versuchte ich es, Ruhe zu finden. Von neuem habe ich mich an die Mauer geklammert. In Gebetsstellung habe ich meine Augen dort hinaufgesandt. Das Nebenzimmer war düster, es war weiter gemengt in das All ringsherum, in die Nacht ringsherum, in das Unbekannte ringsherum, in alle die Möglichkeiten ringsherum. Ich bin in mein Zimmer zurückgesunken.
Am nächsten Morgen habe ich das Nachbarzimmer in der Einfachheit des Tageslichts gesehen. Wie die Dämmerung sich ausbreitete darinnen, das habe ich wahrgenommen. Langsam, langsam fing es an, aus den Trümmern aufzublühen und ans Licht emporzusteigen. Es ist angelegt und möbliert genauso wie mein Zimmer: mir gegenüber der Kamin, über dem der Spiegel hängt, rechts das Bett, links neben dem Fenster das Sofa. Stühle, Armsessel, der Tisch, der Schrank; die beiden Zimmer sind sich vollkommen gleich, aber das meinige hat aufgehört zu leben, und das andere soll erst aufleben. Nach dem flüchtigen Frühstück kehre ich genau zur nämlichen Stelle zurück, die mich anzieht, zu dem Spalt in der Wand. Nichts, ich steige wieder hinunter.
Es ist schwül. Etwas Küchendunst hat sich sogar hier festgesetzt. Ich bleibe wieder in dieser großen, grenzenlosen Leere meines Zimmers stehen. Ich öffne meine Tür zur Hälfte, ich öffne sie ganz. Auf dem Flur sind die Zimmertüren braun gemalt, und auf Kupferplatten sind die Nummern eingraviert. Alles ist verschlossen. Ich mache einige Schritte. Sie sind das Einzige, was ich vernehme, was ich zu laut vernehme in diesem Hause, das groß ist wie die Starrheit des Erdballs. Der Flur ist lang und schmal, die Mauer ist mit einem dunkelgrün gemusterten Rupfen bekleidet, an dem das Kupfer eines Gasarms blinkt. Ich stütze mich aufs Treppengeländer. Ein Dienstbote, der gleiche, der bei Tisch bedient, und der augenblicklich eine blaue Schürze trägt, und der sich sonst mit seinen unordentlichen Haaren der Aufmerksamkeit wenig einprägt, hüpft die Treppe hinunter. Das Mädchen trägt Zeitungen unter dem Arm. Das Kindlein von Frau Lemercier kommt herauf, es hat die Hand sorgsam auf das Geländer gestützt und streckt den Hals vor wie ein Vögelein; und ich vergleiche seine winzigen Schritte den Bruchteilen enteilender Sekunden. Ein Herr und eine Dame kommen bei mir vorbei: sie unterbrechen ihre Unterhaltung, damit ich sie nicht hören soll, wie wenn sie mir das Almosen ihrer Gedanken verweigern wollten. Diese leichten Ereignisse entschwinden wie die Auftritte einer Komödie, über die sich der Vorhang gesenkt hat.
Ich wandle durch den Nachmittag, der mir Herzweh bringt. Ich habe den Eindruck, allein gegen alle zu stehen, während ich im Innern dieses Hauses herumstreife und doch· außerhalb des wirklichen Hauses bleiben muss. Während meiner Wanderung durch den Flur ist eine Tür schnell zugeworfen worden, und sie hat das Lachen einer überrumpelten Frau abgeschnitten. Die Menschen flüchten sich und sie wehren sich. Ein Geräusch, das keinen Sinn hat, durchsickert die Verwirrung der Mauern: Das ist schlimmer als das Schweigen. Unter den Türen kriecht eine Lichtlinie hervor, aber sie ist zermalmt und so gut wie tot: Das ist schlimmer als der Schatten.
Ich steige die Treppe hinunter, ich trete in den Salon ein, wohin mich das Geräusch einer Unterhaltung lockt. Einige Herren sind dort; sie sitzen beisammen und reden irgendwelche Sätze, an die ich mich nicht mehr entsinne. Sie gehen hinaus. Ich bleibe wieder allein, und ich höre sie auf dem Flur weiterreden. Endlich sind ihre Stimmen verschwunden.
Dann tritt noch eine elegante Dame herein; sie ist von Seide umrauscht und von Blumen- und Wohlduft umgeben. Mit ihrem Wohlduft und ihrer Eleganz nimmt sie viel Platz ein. Die Dame beugt leicht ein schönes, langgeschnittenes Gesicht vor, das durch ein Auge von großer Sanftheit geziert ist. Aber ich sehe sie nicht gut, denn sie blickt mich nicht an. Sie setzt sich nieder, sie nimmt ein Buch ·und blättert darinnen, und die Seiten geben ihrem Gesicht einen Widerschein von Bleichheit und Nachdenklichkeit. Verstohlen prüfe ich ihren Busen, der sich hebt und senkt, und ihr unbewegliches Gesicht, das lebende Buch, das mit ihr verbündet ist. So hell ist ihre Gesichtsfarbe, dass ihr Mund fast düster erscheint. Ihre Schönheit macht mich traurig. Mit erhabenem Bedauern betrachte ich diese Unbekannte, von Fuß zu Kopf mustere ich sie. Sie aber liebkost mich mit ihrer Gegenwart. Eine Frau liebkost einen Mann immer, wenn sie ihm näherkommt und wenn sie allein ist; mögen sie auch sonst, wer weiß wie weit, voneinander getrennt sein. Zwischen Mann und Frau besteht immer ein beängstigender Anfang von Glück. Aber sie geht weg. Es ist aus mit ihr. Es ist nichts geschehen, und dennoch, es ist aus. Alles das ist zu schlicht, zu stark, zu wahrhaftig.
Diese sachte Verzweiflung, die ich vorher nicht empfunden hätte, beunruhigt mich. Seit gestern bin ich verändert. Das Menschenleben, die lebende Wahrhaftigkeit, ich kannte es, wie wir alle es kennen. Von Kindheit auf habe ich das Menschenleben durchgelebt. Jetzt glaube ich daran mit einer Art Entsetzen, jetzt, da es mir in göttlicher Gestalt erschienen ist.
Ich bin wieder in mein Zimmer hinaufgestiegen. Der Nachmittag schleppt sich ewig hin, und dennoch, der Abend kommt. Von meinem Fenster erblicke ich den Abend, wie er zum Himmel hinaufklimmt. Es ist ein sanftes Ansteigen, das man sieht und doch wieder nicht sieht. Und die Menschenmasse, die sich auf dem Pflaster der Straßen zerkrümelt und hin stiebt.
Die vorübergehenden Menschen kehren zu den Häusern zurück, denen ihre Gedanken gehören. Ich höre durch das Mauerwerk, wie sich mein Haus in der Ferna mit flüchtigen Gästen und mit schwachen Geräuschen anfüllt, mein Haus! Ein Geräusch ist auf der anderen Seite der Wand hörbar - - -
Ich strecke mich gegen die Mauer, und ich blicke in das Nachbarzimmer hinein, das schon ganz dämmergrau ist. Eine Frau ist dort, in Dunkel ist sie gehüllt.
Sie steht da, an das Fenster gelehnt, ebenso wie ich mich eben an mein Fenster gelehnt hatte. Das ist zweifellos die ewige Haltung der Menschen, die allein in einem Zimmer weilen.
Ich sehe sie schärfer und schärfer; je mehr sich meine Augen gewöhnen, desto bestimmter wirkt sie; es scheint mir, dass sie barmherzig ist und näherkommt.
Sie trägt zu diesem Herbstbeginn eines von den hellen Kleidern, in denen die Frau selbst heller wird, solange noch ein Sonnenstrahl leuchtet. Das verwelkte Lichtgesträhn am Fenster bedeckt sie mit einem fast verloschenen Widerschein. Ihr Kleid ist von der Farbe der ungeheuren Dämmerung, von der Farbe der Ewigkeit, genauso, wie es in den Feenmärchen erzählt wird. Ein Atem von Wohlduft und von Blumenduft strömt von der Frau zu mir, und an diesem Duft, der sie wie ein wirklicher Name auszeichnet, erkenne ich sie wieder. Es ist die junge Frau, die soeben neben mir gesessen hat und dann fortflog. Jetzt ist sie da, hinter der- verschlossenen Tür, und sie ist meinen Blicken ausgeliefert. Ihre Lippen haben sich bewegt; ich weiß nicht, ob sie ganz leise zu sich spricht, oder ob sie vor sich hinsingt. Sie ist da neben der traurigen Fahlheit des Fensters, neben dem Abbild des Fensters drinnen im Spiegel, mitten in diesem unbestimmten Zimmer, das sich langsam entfernt. Darinnen steht sie nun mit ihren düsteren Augen und mit ihrer düsteren Körperwesenheit und mit der Helligkeit ihres Gesichtes, das so viel Blicke zeit ihres Lebens geliebkost haben,
Ihr weißer Hals, der so wundervoll kostbar ist, beugt sich vorwärts. Das Antlitz, das dem Fenster nahe ist, und die Stirn, die sie aufstützt, das taucht alles in den bläulichen Halbschatten hinein, wie wenn das Gedankenweben blaufarben wäre. Und ein schwacher Goldschein, der über der noch düsteren Masse ihrer Haare schwebt, zeigt, dass ihre Haare blond sind.
Ihr Mund ist dunkel, wie wenn er halb geöffnet wäre. Gleich einem Vogel ruht ihre Hand auf der himmelfarbenen Fensterscheibe. Ihre Bluse ist von einer zarten und doch leuchtenden Farbe, grün oder blau.
Ich weiß nichts von ihr. und sie ist mir so fern, als wenn uns Welten oder Jahrhunderte trennten, als wenn sie tot wäre.
Meine Hände strecken sich aus, um sie zu umfassen. Ich bin ein Mann wie die anderen Männer auch, immer traurig bereit, von der ersten vorüberwandelnden Frau verblendet zu werden. Sie ist das reinste Abbild der Frau, die man liebt, der Frau, die man noch nicht vollkommen kennt, und die sich noch offenbaren soll, der Frau, die das einzig lebende Wunder birgt, das auf Erden lebendig ist.
Mit ihren runden und wiegenden Formen gleitet und schlüpft sie, einer Wolke gleich, in das Zimmer zurück, das schon von Nacht erfüllt ist. Ich höre das tiefe Rauschen ihres Kleides. Ich suche ihr Gesicht, wie wenn ich einen Stern suchte; aber ich sehe ihr Gesicht ebenso wenig wie ihre Gedanken.
Ich suche nach dem Sinn ihrer Bewegungen; aber sie entgleiten mir. Ich bin ihr so nahe, und ich weiß nicht, was sie tut. Die Geschöpfe, die man sieht, ohne dass sie es ahnen, sehen aus, als wenn sie selbst nicht wüssten, was sie tun. Sie schließt die Türe mit dem Schlüssel ab; das umwittert sie noch ein wenig mehr mit Göttlichkeit. Sie will allein sein. Zweifellos ist sie in dies Zimmer eingetreten, um sich zu entkleiden.
Ich versuche es nicht, mir die Gründe ihrer Gegenwart zu erklären, ebenso wenig wie ich mir Rechenschaft von dem Verbrechen ablegen will, das ich begehe, indem ich sie mit den Augen besitze. Ich weiß, dass wir verbündet sind, und mit meinem ganzen Herzen, mit meiner ganzen Seele, meinem ganzen Leben flehe ich sie an, sich mir zu zeigen. Sie scheint sich zu sammeln und zu zögern. Ich stelle mir, verleitet von einer unbekannten, weißkeuschen Anmut ihres ganzen Wesens, vor, dass sie auf das Alleinsein schon länger gewartet hat, um sich zu enthüllen. Ja, sie fühlt sich noch ganz niedergeschlagen durch die Luft von außen, noch betastet durch die vorübergehenden Menschen, noch ganz berührt durch die gespannten Gesichter der Männer. Und nun hat sie sich zwischen diese Wände geflüchtet, und sie wartet nur, dass·all diese Berührung sich noch mehr entferne, um ihr Kleid abzulegen. Mit Wohlgefallen lese ich in ihr diesen jungfräulichen und doch körperlich sichtbaren Gedanken. Ich habe das Gefühl. dass mein Körper sich trotz dem Mauerwerk zu dem ihrigen hin beugt.
Sie ging auf das Fenster zu, sie hob die Arme, und selber vom Licht übergossen, schloss sie die Vorhänge. Vollständige Dunkelheit fiel zwischen uns.
Ich verlor sie! Das war ein spitziger Schmerz, der in mein Wesen hineintraf, wie wenn sich das Licht aus mir losgerissen hätte. Und ich blieb bestürzt und unterdrückte ein Seufzen, und spähte nach dem Schatten, der mit ihrem Atem zusammenschmolz.
Sie tastete, sie griff nach den Gegenständen; ich erriet, ich sah. wie in ihrer Hand ein Zündholz entflammt wurde. langsam geriet ihr Bild wieder in das Leuchten hinein. Man sah von ihren Händen das schwache, bleiche Schimmern aufsprühen; auch von ihrer Stirne und von ihrem Hals leuchtete es, und ihr Gesicht war vor mir wie ein Engelsantlitz.
Solange mir das dünne Lichtlein nur den Umriss ihrer Erscheinung lieh, unterschied ich nicht mit Klarheit die Zeichnung der Züge im Antlitz dieser Frau. Sie kniete vor dem Kamin nieder und hielt das Lichtlein. Ich hörte und sah das helle Aufschüren trockenen Holzes in der düsteren und kalten Feuchtigkeit. Sie warf das Zündholz weg, ohne die Lampe anzustecken, und es gab in dem Zimmer keine andere Helligkeit als diesen auf- und niedersteigenden Schimmer.
Der Kamin wurde rot, während sie davor hin und her wandelte, wie ein Windwehen, wie vor einem Sonnenuntergang. Man sah, wie sich ihre große elegante Gestalt, ihre dunklen Arme und ihre goldig-rosigen Hände im Umriss regten. Der Schatten kroch zu ihren Füßen, er schwang sich die Mauer hinauf, und er schwebte über ihr an der erleuchteten Zimmerdecke.
Sie wurde von dem Aufglänzen der Flamme ergriffen, das sich zu ihr hin wälzte, aber sie hielt sich noch im Schatten; sie war noch verborgen, sie war noch im Dämmergrauen verdeckt. Traurig fiel ihr Kleid um ihren Körper nieder.
Sie setzte sich auf das Sofa mir gegenüber. Ihr Blick flackerte sanft durch das Zimmer. Eine Weile lang lehnte sich ihr Blick an den meinigen, ohne dass sie es wusste.
Dann ein Blick, der schärfer war, ein anbietendes Spenden, von dem mehr Wärme ausströmte. Ihr Mund, der an irgendetwas oder an irgendjemanden dachte, entspannte sich; sie lächelte,
Der Mund ist auf dem entblößten Menschenantlitz selbst wie eine Blöße. Der Mund, der blutrot ist und ewig blutet. der ist dem Herzen vergleichbar. Er ist eine Wunde, und es ist fast wieder wie eine Verwundung, wenn man den Mund einer Frau sieht.
Und ich begann vor dieser Frau zu zittern, die sich vor mir erschloss, und die mit ihrem Lächeln blutete. Das Sofa bog sich unter der lauen Berührung ihrer breiten Hüften zusammen, ihre feinen Knie waren zusammengedrückt, und die ganze Mitte ihres Körpers hatte die Form eines Herzens. - - -
Sie lag halb ausgestreckt auf dem Sofa und bot ihre Füße dem Feuer dar und lüftete mit beiden Händen den Rock etwas, und mit dieser Bewegung enthüllte sie die Form ihrer Beine, die in der Rundung der schwarzen Strümpfe lagen.
Und mein Körper schrie auf, er wurde wie mit heißem Eisen durch die wollüstige Linie gebrandmarkt, die dort verschwand und doch im Schatten größer wurde und sich wieder in unergründliche Tiefen verlor. Ich krampfte die Finger, und mein Blick war zerrissen; derart bot sie sich mir dar, fast rückhaltlos starrend und ausgereckt. Die Stirn war in das Dunkel getaucht, aber das blutige Aufleuchten, dass sich am Erdboden hinschleppte, das kletterte verzweifelt über sie fort, das kroch in sie hinein, wie eine Menschenkraft!
Die Hülle des Rockes ist gefallen, die Frau ist wieder das geworden, was sie war. Nein! nein! sie ist eine andere. Weil ich ein Flecklein ihres verbotenen Fleisches wahrgenommen habe, bin ich auf der Lauer nach diesem Fleische. Und ich stehe da in dem Schattengewoge, das unsere beiden Zimmer zusammenschmilzt.
Sie hat das Kleid hochgehoben, sie hat die große, einfache Bewegung vollendet, die die Männer anbeten gleich einem Gegenstand der Religion, die die Männer erbetteln, selbst gegen alle Hoffnung, selbst gegen alle Vernunft. Sie hat die blendende und wieder von Blendung verhüllte Bewegung vollendet. Wiederum geht sie auf und ab, und jetzt ist das Geräusch ihrer Röcke ein Flügelschlagen, das mich im Innersten betrifft.
Mein Blick stößt ihr mädchenhaftes Gesicht, auf dem das zerstreute Lächeln erstarrt ist, verdammend zurück. Der Blick will ihre Seele und ihre Gedanken zurückstoßen, er will alles das gewaltsam vergessen, und er reißt nur ihre Gestalt an sich, und er begehrt nur ihr Fleisch und Blut. Der Blick ist wie das Feuer, das auf sie einströmt und sie nicht mehr loslässt. Aber meine Blicke können nur zu ihren Füßen niederfallen und nur schwach ihr Kleid aufhaschen, ebenso wie die Flammen im Kamin, die prächtigen, bettelnden Flammen, die aufgeräufelten Flammen, die zerfetzten, die zum Himmel rieselnden Flammen.
Endlich hat sie sich über und über gezeigt. Um den Schuh auszuziehen, hat sie die Beine sehr hoch gekreuzt, und sie hat mir den Abgrund ihres Körpers dargeboten.
