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Paris, die Jahrhundertwende. In den leisen Straßen am Rand der großen Stadt, wo das städtische Leben in Stille und Dämmerung übergeht, leben zwei junge Männer, die einander brauchen wie Licht und Schatten: Maximilien und sein Freund Jacques. Sie sind jung, sie träumen, sie suchen – nach Liebe, nach Sinn, nach einem Halt in einer Welt, die ihnen keine sicheren Antworten gibt. Was sie eint, ist weniger Glück als das gemeinsame Gewicht der Sehnsucht. Barbusse zeichnet mit zarter, fast lyrischer Hand das Porträt einer Generation, die noch nicht weiß, was die Geschichte mit ihr vorhat – eine Jugend im letzten ruhigen Atemzug vor dem großen Sturm. Die Figuren beten gleichsam zum Leben selbst: um Erfüllung, um Nähe, um das Unendliche, das sie in jedem Augenblick zu spüren glauben und doch nie ganz fassen können. "Die Schutzflehenden" – meisterhaft übersetzt von Stefan Zweig – ist ein frühes, kaum bekanntes Werk eines Autors, der später mit "Das Feuer" die Schrecken des Ersten Weltkrieges zur Weltliteratur formen sollte. Hier aber ist er noch ganz bei der Jugend, bei der Stille, bei dem stillen Flehen des menschlichen Herzens nach Wärme und Bedeutung. Ein vergessenes Juwel der französischen Literatur – und ein erschütterndes Dokument einer Epoche, die nicht wusste, dass sie zu Ende ging.
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Seitenzahl: 246
Veröffentlichungsjahr: 2026
Die Schutzflehenden
Der Roman einer Vorkriegsjugend
HENRI BARBUSSE
Die Schutzflehenden, Henri Barbusse
Jazzybee Verlag Jürgen Beck
86450 Altenmünster, Loschberg 9
Deutschland
ISBN:9783988683342
Übersetzt und kommentiert von Stefan Zweig
www.jazzybee-verlag.de
INHALT
Nachwort zur ersten deutschen Ausgabe von 1932. 1
An Eveline.3
I.4
II.14
III.19
IV.28
V.31
VI.35
VII.41
VIII.44
IX.61
X.64
XI.65
XII.70
XIII.74
XIV.75
XV.78
XVI.91
XVII.96
XVIII.108
XIX.113
XX.120
XXI.130
Nichts Überraschenderes, als die Erstlingsbücher der großen Revolutionäre zu entdecken; gerade von ihrer Jugend erwartete man das leidenschaftlichste »In Tyrannos«, den Superlativ humaner Leidenschaft. Aber sonderbar, fast alle beginnen sie mit einer unerwarteten Zartheit des Gefühls, mit einer Feintönigkeit der Empfindung oder sogar Empfindsamkeit. Robespierre in Arras schreibt zierliche Verse, Marat, der Blutige, einen zarten und zärtlichen Roman, Napoleon als Buonaparte eine sentimentalische Werther-Novelle, und vielleicht fände man in Lenins und Trotzkis Jugendpapieren literarische Versuche voll träumerischer Melancholie.
Absurd scheint dies zuerst und dann doch vollkommen natürlich; denn gerade der zarte, der verwundbare Mensch erleidet am heftigsten, am schmerzhaftesten den plötzlichen Enttäuschungsstoß von der Wirklichkeit. Der geboren Skeptische, der Grobe, der Gleichgültige ist nicht prädestiniert weder für Leiden noch für Mitleiden; eine tiefe Enttäuschung ist nötig für eine große Entrüstung, eine verratene Lebensliebe für einen kämpferischen Hass.
Auch Barbusse, dessen moralisch-menschliche Kraft in der Auflehnung liegt gegen das Unsinnige und Ungerechte der Zeit, war einmal dies innerlich unerlöste Erstlingsbuch beweist es eine lyrische, eine leise, eine zarte Natur. Erst der brüske Schock des Krieges hat ihn aufgeweckt und eigentlich aus sich herausgestoßen. Er hat, dieser Stoß, die ganzen feinen und klingenden Kristallvasen seiner Verse zerbrochen, er hat das Nach-innen-Wühlen, alle die psychologischen Minengänge in das eigene Herz hinab verschüttet, und von dem heutigen Barbusse zu demjenigen, den dieses frühe und ihm selbst heute vielleicht schon fremde Buch zeigt, geht kein Weg mehr zurück. Und doch ist etwas Ahnungshaftes in diesem ersten Versuch, ein Überschattetsein von irgendwelchem Verhängnis in der Atmosphäre, Gefühl jener Vorkriegsgeneration, die mehr mit den Nerven als mit dem Gehirn wusste, dass eine böse Spannung, eine gefährliche und unentrinnbare, über ihr laste; nur meinte sie, meinten wir alle, dieses Schicksal wachse uns von innen entgegen, indes es von außen, von den anonymen, welthistorischen Sternkonstellationen kam, nicht aus dem Horoskop unseres Ich. Ein unklarer Druck war es, der auf dem zwanzigjährigen zu Beginn des Jahrhunderts lastete, und hier fühlt man ihn deutlich in seiner Verworrenheit, in dem Nichtwissen, wohin mit sich, und in dem doch Fortwollen, Entfliehenwollen; erst nachträglich offenbart sich, wenigstens uns, dieser Sinn, denn jede neue Generation erlebt ihr Weltgefühl anders, und die Jugend, wie sie Barbusse hier zeigt, diese fragende und verwirrte Jugend von damals fragt anders und aus anderen Verwirrungen als die gegenwärtige.
Aber gerade diese Ferne macht manches in diesem Erstlingsbuche dokumentarisch: es zeigt, dass die Besten auch damals und gerade damals in jener heute so beneideten Zeit das Leben schon schwer und problematisch nahmen und sich dadurch moralisch auf die entscheidende Stunde vorbereiteten; darum waren dann die scheinbar Abseitigen mit einmal in der Mitte des Problems, die angeblich Wehleidenden dem wirklichen Leiden wahrhafter gewachsen als die Berufsoptimisten und Hurra-das-Leben-Schreier des Vorkriegs, und die als die Schwächsten galten, waren die Stärksten. So Barbusse, aus dessen Passivität der Hammer des Kriegs das »Feuer« schlug, der sich seine »Clarté« erst aus Dunkelheiten und Nebellandschaften erkämpfte, für die dieses erste noch verschwommene, weil in Musik zerflutende Buch charakteristisch ist. Hier fühlt man noch das Suchen, das Sichselbstsuchen eines, der sich im entscheidenden Augenblicke gefunden hat; weil dies Suchen nicht vergeblich war, sondern zeithistorisch geworden ist, hat es dokumentarisches Gewicht.
Die Übersetzung dieses Buches unternahm ich vor zwölf Jahren zu Ende des Krieges. Nur durch geheime Zeichen konnten wir damals uns über den offiziell befohlenen Hass der Völker hinweg zeigen, dass wir eines Sinnes gegen den Krieg und für die Einheit Europas waren: solche eichen waren, dass wir gegenseitig Worte und Verse in die damals feindlichen Sprachen übertrugen, und nach Rolland, dessen »Le jour viendra« ich 1917 übersetzte, wollte ich auch Barbusse ein eichen meines Respektes geben. Durch äußere Umstände verzögert, blieb die fast fertige Arbeit lange zurück, aber es ist nie zu spät, einen Gewordenen in seinem Werden zu zeigen und einen reifen Gestalter in der Epoche, da er noch an sich selber gestaltet hat.
Ich schreibe Deinen Namen an diese Stelle, weil ich will, dass hier etwas Lebendiges atme, ein Herz stehe an der Schwelle eines Werkes, das vom menschlichen Herzen zu sprechen versucht, von seinem Elend und von seiner Unendlichkeit.
In diesen Blättern wollte ich nichts anderes zeigen als ein Wesen, das alles erdenkliche begehrt, eine nach Licht dürstende Gestalt, einen Menschen an einem Fenster; aber ich wünschte, dass man diesem Schauspiel mit wachsender Teilnahme beiwohnen möge.
Ich wünschte, dass man sich, geleitet von der Inbrunst meines Gedankens, die sich hier zu erkennen gibt, verbunden fühlen möge mit diesem Menschen in seinem tragischen Forschen nach unserem innersten Wesen, nach dem, was uns helfen könnte und was aus unserem Gebet wird. Ich wünschte, dass er in seinem heißen Eifer, der Wirklichkeit zu begegnen, eifersüchtig und andächtig zugleich das Nichts und das Schweigen sich zu bewahren, als derjenige erscheinen möge, der er, ungeachtet seiner Verneinungen, ist: kein Verneiner, sondern ein Gläubiger, und selbst jenen, die ihn nicht lieben und die ihn nicht anerkennen, ein Bruder.
Und damit der Glaube an das Leben und seine Einfalt mir dabei helfe, tut es mir not, hier Deinem Namen zu lauschen, in diesen Bildern des Schattens Dein Lächeln zu erblicken, diesen Lichtstrahl, der mich Dir vereint. H. B.
Desanzac, ein Beamter und Kritiker, hatte durch mehrere der Verbreitung und dem Verständnis neuer Kunst dienende Arbeiten bescheidene Einkünfte erworben, die es ihm erlaubten, sich häuslich niederzulassen. Nachdem er viele Zeit fern von seiner südfranzösischen Heimat auf Reisen verbracht hatte, nahm er in Paris ständigen Wohnsitz und heiratete, vierzigjährig, Anna Laner, eine sanfte, schüchterne, blonde Schwedin.
Sie lebte, gleichsam immer an ihren Mann geschmiegt, ganz nach seinem Sinne.
Sie wohnten auf Montmartre, am Ende von Paris. Das Viertel war damals noch kaum verbaut. Es glich ein wenig dem Lande; hin und wieder hörte man einen Hahn krähen, und der Herbst fand mancherlei zu vergolden. Man sah dort Bürgersleute, die freie Luft liebten, und Künstler aus der Boheme, die einander wie Brüder glichen.
Inmitten dieser letzten Wogen, die das großstädtische Leben warf, stand an einem mit dürftigen Platanen bewachsenen Boulevard das nach Norden gewandte Haus. Die Gatten bewohnten es allein. Man konnte es leicht für irgendein Haus in irgendeiner Provinzstadt halten, über dem eine Art Abendstimmung und Friedlichkeit lag.
Nach sieben Jahren bekam das Paar einen Sohn, den sie Maximilian nannten. Die Mutter vergötterte ihn. Sie machte sich für ihn klein und stammelnd: sie war neben ihrem Kinde selbst ein wunderbares Kind. Jeden Abend, wenn die untergehende Sonne das Zimmer mit ihren letzten Strahlen erhellte man schob es nämlich aus Sparsamkeit hinaus, die Lampe anzubrennen, trat sie ein und sah ihn, als wäre sie verwitwet, mit einem Blick unendlicher einziger Liebe an.
Sie starb drei Jahre nach der Geburt ihres Sohnes. Das Kind bewahrte von ihr nur ein letztes Bild: das ihres toten Antlitzes, das ihm mit dem Bett und den Dingen des Sterbezimmers verbunden blieb. Diese einzige, einer verloschenen Zeit angehörende Erinnerung galt auch dem Vater: der Mann stand am Fenster und weinte. Sein von Tränen gebadetes Antlitz leuchtete wie Sternenlicht.
Der Witwer Desanzac lebte äußerst zurückgezogen. Er arbeitete, las, und so oft er den Kopf hob, sah er das Kind. Dieses wuchs, von einem alten Dienstmädchen, Leonore betreut, heran. Sie war ihm sehr zugetan, aber dabei höchst bescheiden, als wäre sie der Schatten seiner Mutter.
Nachmittags ging man in einen ganz nahen kleinen öffentlichen Garten. Desanzac saß auf einer Bank nieder, träumte und ließ seine Blicke wandern. Das Antlitz des Vaters! Der Knabe fühlte bald, dass es zärtlich war. Dann aber begann er allmählich zu ahnen, dass es traurig sei, weil es zärtlich war und alles anblickte.
Wenn die sinkende Sonne den Boulevard waagrecht mit rotem tanzendem Staub überschichtete und Gesichter und Hände erleuchtete, kehrten die drei Menschen langsam heim.
Der Vater trug eine blaue Künstlerpelerine, die vom violetten Licht wie verziert schien. Den Knaben aber lächelten die Vorübergehenden freundlich an: sie sahen schon von fern sein bleiches Antlitz und sein Haar, das die Farbe des Weins an Herbstabenden hatte.
Ins Haus kam fast kein fremder Mensch. Nur hie und da erschien irgendein südfranzösischer Verwandter und seine lärmende Lebensfreude hallte dann von den Wänden wider, als ständen die Zimmer leer.
Maximilian unterschied sich kaum von den Kindern seines Alters, höchstens darin, dass er sanfter und innerlich vereinsamter war als sie. Die blauen, tiefen, in Fernen blickenden Augen hatte er von seiner Mutter. Er liebte es nicht sehr, auszugehen, zog es vor, daheim zu bleiben und in dem sinkenden Tag allmählich selbst zu verdämmern. Dämmerlicht zog ihn an.
Er erwies sich nach und nach von so großer Empfindsamkeit, dass dieses Wort an sich ihn schon irgendwie beschreibt.
Oft traten ihm Tränen in die Augen und seine Seele wurde von tausend Dingen in Verzweiflung versetzt, die andere Menschen gar nicht berührten. Mehr als jeder andere litt er, obwohl sein Leben ohne Zwischenfälle verlief, an einem leicht verwundbaren Herzen.
Aber seine Empfindsamkeit war einfach und ehrlich. Es schien, als wäre er durch eine seelische Zartheit aus dem Gleichgewicht gebracht.
Er liebte es, seine Blicke überall ruhen zu lassen, aber mehr und mehr zog er den Abend allem übrigen vor. Der Tag fesselt und blendet die Augen durch den Schleier von Helligkeit, der ihn umfließt. Die Finsternis bewirkt, dass sich alles dem finsteren Herzen nähert, das man in sich verbirgt.
Was der Sonnenuntergang in Bezug auf die verschiedenen Abstufungen des Lichtes, das war das Haus in Bezug auf alle Dinge: es war lebendiger als sie, vielfältiger.
Der kleine Bau entbehrte ganz irgendwelchen bestimmten Ausdrucks. Die Fassade war ganz verbraucht und hinfällig vor Abnützung. Dadurch erschien sie in der Reihe der Häuser grauer, aber leuchtender.
Drei steinerne, ein wenig ausgehöhlte Stufen führten zum Vestibül hinan. Alle Zimmer hatten schon redlich gedient; die Wände, die Decken, die Kacheln der Ofen gingen allmählich in Verfall. Es schien, als hätten sich mit der Zeit die Steine erweicht.
Zu ebener Erde, rechts neben dem Vorraum, lag die Küche, deren Tür aus mattem Glas abends wie Gold schimmerte. Nebenan das Esszimmer. In diesem höchst gewöhnlichen Raum standen ein Tisch, ein Ofen, ein kleiner alter schwarzgekanteter Schrank, aus dem Vergangenheit und Gewohnheiten der Familie widerstrahlten.
Gegenüber der Küche war der Salon, der, wenig benützt, nach Vereinsamung duftete. Die Tapeten, die Vorhänge, die Möbel waren granatrot, aber der Farbton war welk, verbraucht. Auf einer engen Wendeltreppe, die in halber Höhe des Raumes durch eine Schicht von Schatten führte, gelangte man zu den beiden Schlafzimmern, jenem Maximilians, in dem anfangs auch Leonore schlief, und dem seines Vaters und seiner toten Mutter. Dieses betrat er niemals; niemals hatte er das verödete Ehebett gesehen.
Obwohl das Haus morgens, wenn darin gewirtschaftet wurde und freie, frische Luft wehte, und auch abends (weil dann alles dunkel und ohne Ende ist) sich dem Himmel öffnete, war es doch vom Hauch aller erfüllt, die es bewohnten und bewohnt hatten. Mit ihnen allen war es durch die Gewöhnung wie in stiller Brüderlichkeit verbunden.
Gleichsam tastend machte sich Maximilian mit diesem Hause vertraut. Man wird den Dingen Freund, ohne mehr davon zu merken, als sie.
Desanzac lebte in nahezu ärmlichsten Verhältnissen.
Leonore musste sich in der Führung des Haushalts einer unwahrscheinlichen Sparsamkeit befleißen und bedurfte dazu einer Geduld, die sie ihrer bretonischen Frömmigkeit verdankte. Diese Dürftigkeit hinderte Desanzac daran zu reisen, obwohl er es so herzlich gewünscht hatte. Das Kind wuchs in den bescheidensten Verhältnissen heran, eingekerkert zwischen Menschenmassen und Großstadtmauern.
Rings um das Haus lagen einige Kaufläden, die sämtlich ein einziger Blick umschließen konnte, vom Schnittwarengeschäft, dessen Auslagenfenster ein weibliches Lächeln zur Schau trug, bis zur Weinhandlung, die abends von so vielen Leuten besucht wurde.
Dieses Straßenende gehörte einer schöneren Welt an, weil es so eng an das Haus grenzte. Die Farben der Schilder waren seltsam gegeneinander abgestimmt. Die ferneren, unbekannten Häuser schienen, obwohl höher, um vieles leichter.
Den Menschen gegenüber fühlte Maximilian sich anfangs erstaunt, dann teilnahmsvoll, endlich eingeschüchtert. Aber er staunte weniger ihre Vielheit als jeden einzelnen unter ihnen an. Die Gesichter packten ihn.
Er sah die Vorübergehenden; er blieb vor den Armen stehen, weniger aus Mitleid, sondern weil sie nackter, leichter erkennbar, offener sind.
Einige Bettler trieben sich in dem Viertel umher, unter ihnen ein kleiner Knabe, der den Fuß nachzog. Man begegnete ihm bald hier, bald dort. Sein Rock war so dünn geworden, dass man sein Herz darunter schlagen sah. Maximilian hatte ein leichtes Schwindelgefühl, als dieses Kind sich ihm leise näherte, um ihm alles zu bekennen. Nächst dem Garten stand ein Alter ohne Augenwimpern, furchtbar gekrümmt, an eine Mauer gelehnt. Er hielt sich mit einer Verzweiflung aufrecht, mit der andere sich zur Erde niederwerfen. Er murmelte seine Lebensgeschichte und die Menge trug, einem heftigen Sturm vergleichbar, diese göttlichen Fetzen seiner Beichte in die vier Weltrichtungen davon. Gegenüber der Schule konnte man täglich eine Frau sehen, die, auf eine Bank gesunken, die Augen halb geschlossen hielt und nur in sanften Dämmerstunden bettelnd die Hand ausstreckte. Dann stand ihr der Engel des Abends hilfreich bei.
Maximilian wagte es kaum, in der Nähe der lebendigen Wesen zu verweilen. In den Tiefen seiner Seele wuchs allmählich das dümple Bewusstsein ihrer Unendlichkeit.
Einige Jahre hindurch hielt der Vater von seiner Gedankenwelt jeglichen lehrhaften Einfluss fern. Länger als üblich wurde seine Erziehung hinausgeschoben, damit sich seine Persönlichkeit nach eigenen Gesetzen entwickeln könne und damit der Knabe, welches auch sein Los auf Erden sein würde, auf die ihm eigentümliche Art erblühe.
Desanzac hütete sich davor, dem Kleinen auch nur die Grundbegriffe der Religion zu vermitteln. Der Mangel an dogmatischem Glauben gab Maximilian etwas von einer übermäßigen Einfachheit.
Indem er so ohne irgendwelche Hemmungen, in einer von allen Heiligen unbeeinflussten Kindheit aufwuchs, entfaltete sich seine Seele, ohne sich wesentlich zu verändern. Jede seiner Äußerungen entsprang der Tiefe seines Wesens; sein Lächeln erfüllte ihn ganz.
In seinem neunten Jahre führte ihn Desanzac, der die Zeit gekommen glaubte, Augen und Geist des Knaben zu bereichern, viel spazieren und zeigte ihm alles, sprach über alles sehr ausführlich mit ihm, aber ohne dadurch die Eindrücke ihrer Ursprünglichkeit zu berauben.
Maximilian sagte wenig. Sein Gedächtnis hatte keine Beziehungen zu Bildern und Worten. Er entsann sich schlecht der Gestalten, der Linien, der Farben, der Namen: aller Dinge, deren die Welt voll ist. Er hatte für sie eine Art ehrfürchtigen Vergessens. Die Flucht der Erscheinungen ermüdete ihn.
Von den langen Spaziergängen quer durch Paris brachte Maximilian, von einer großen Ermüdung erfasst, die einer Ebbe der Gefühle glich, keine malerischen Erinnerungen heim, sondern seelische Schauer. Er trug die Lautlosigkeit aller lärmenden Schritte, die Verlockungen der verschiedenen Himmelsrichtungen, die Trauer der Vorüberschreitenden, dieser verdämmernden Freunde, in sich.
Eines Morgens, vor Sonnenaufgang, erstiegen sie den Gipfel der Butte Montmartre. Kaum erst zeigte sich in der Ferne der erste, blasse Tag, der allen Dingen einen himmlischen Duft verlieh. Von da an sahen die Geschäftsleute des Viertels, die fröstelnd ihre Läden öffneten, auf dem Hügel mehr als einmal ein Kind und einen Mann, der das Kind mit väterlichen Augen anblickte und sich von ihm führen ließ.
Oben war die Erde nackt wie in den ältesten Zeiten der Welt. Die neue, im Bau befindliche Kirche erhob sich weiß wie ein armseliges, von Menschen ersonnenes Morgenlicht, und das Denkmal zeigte in den Umrissen schon die Form seiner künftigen Ruinen.
Maximilian stand zu Füßen der Kirche an seinen Vater gelehnt und blickte, als stünde er irgendwo außerhalb seiner selbst, auf Paris. Die unzähligen Einzelheiten in diesem ungeheuren Bilde, die glitzernde Endlosigkeit dieses versteinerten Ozeans, der, weit in der Ferne, sanft in Staub verlief, berührten ihn nicht, aber er fühlte die Todesangst und den Sturz dessen, was darin Schiffbruch litt: des Lebens.
Dann füllten sich die bettelnden Augen des Knaben mit Fragen, auf die niemand eine Antwort gewusst hätte. Er gedachte der unendlichen Zahl von Häusern, der noch unendlicheren Zahl von Stuben, von Kammern, die darin angehäuft sind, die sich darin stets vermehren und deren jede doch so groß ist wie das Leben selbst.
Und seine Blicke irrten, zurückgestoßen und fliehend, im Raum und hefteten sich in ihrer Not zufällig an irgendein Haus unter den vielen, und er gedachte grenzenlos innig irgend einer Seele oder irgend zweier Seelen.
Die Landschaft, die er am häufigsten durchschritt und die er am meisten liebte, war keine grünende und freie Gegend, deren Lachen die Stadt vergessen lässt, sondern die verbaute Umgebung von Paris: Vorstädte, durch die der schwarze Wind der Menschheit geweht hatte, mit Schmutz umkrustet, von menschlicher Regelmäßigkeit gleichsam zerquälte Ebenen, auf denen der Winter nackter und fesselloser ist als anderswo.
Dem Knaben wurde diese Gegend durch eine unbewusste sanfte Vorliebe für solche Landschaft erhellt. Die Hand in der seines Vaters, wanderte er, beinahe glücklich, die großen, von den Spuren der Schritte gezeichneten Alleen dahin und fühlte, zwar noch nicht überzeugt, aber doch schon unbezwinglich tief, dass diese sterbliche Natur schöner sei als die unberührte unsterbliche.
Wenn sie sich ein andermal in das ungeordnete, wildwachsende Dickicht des Waldes wagten, fühlte er weniger Wonne, sah er weniger Unendlichkeit vor sich. Es verlangte ihn, in das Gewohnte zurückzukehren. Die armselige Menschenlandschaft hatte ihm die Erinnerung an eine Größe eingepflanzt, über die er sich sozusagen nicht zu trösten vermochte. Irgendetwas führte ihn von den Bäumen zu den Häusern zurück.
Selbst während der Spaziergänge, die sie des Abends machten die beiden Schatten hielten einander dann an der Hand, schritten langsamer und gingen nicht weit, nahm Maximilian, gemäß der Stetigkeit seines Wesens, den menschlichen Herzschlag der Nacht auf, nichts als ihn.
Einige Fenster glänzten verstreut in der Höhe. Es liegt ein sanftes Blond, der Süße des Honigs vergleichbar, über jenen, die lange wachen müssen und deren Namen man nicht weiß.
Unten leuchteten die vielen Laternen in Gassen und auf Plätzen wie Sternenglanz von mattem Schein, ein Sternenglanz, der die Menschen umkrönt.
Vor den Gefahren der einsamen Boulevards bewahrte ihn allein schon die Klarheit seiner Blicke. Die hin und wieder gleitenden Schatten von spähenden Frauen waren für ihn nichts als der lautere Ausdruck von Bettelarmut.
Man hörte die Musik eines Orchesters aus irgendeinem Tanzlokal. Er verstand nichts von Musik, er bewunderte nicht ihren Klang, aber er horchte auf sie wie auf eine klagende, kranke, verzweifelnde Stimme, die verborgenen Fingern, erstickten Herzen entströmte und sich als eine Art von Unendlichkeit in die Unendlichkeit des Äthers erhob.
Er träumte, wie stets, von der Unergründlichkeit, die in uns ist und die wir vergessen, von dem dunklen Menschenherzen, und, indem er die Augen schloss, fühlte er unklar, dass darin eine andere Größe, etwas wie ein anderer Himmel sei.
Er vertiefte sich in die Betrachtung des Unendlich-Unsichtbaren. Mehr und mehr schloss er die empfangenen Eindrücke, die er sich selbst übrigens keineswegs klar machte, in sich ein. Seinem Vater ging er allmählich verloren.
Seine geringe Vorliebe für Spaziergänge, für neue Erlebnisse prägte sich immer deutlicher aus. Wozu all das? Es ist unnötig, weit fortzugehen: man braucht bloß irgendwo mit großen Blicken zu verweilen. In der Mannigfaltigkeit der Umwelt ist etwas von Falschheit und Verstellung. Draußen ist man nicht mit dem Leben der Wesen verbunden, sondern mit ihren Körpern, nicht mit ihrer Größe, sondern mit ihrer Kleinheit.
Wenn man sich, vom Druck der freien Luft und dem eisigen Widerhall der Unbekannten befreit, bei den Seinen wiederfindet, fühlt man die Wärme der Blicke; und wenn sich überall sonst in der Welt die Zartheiten des Lebens blumenhaft pflücken lassen, so fallen sie für uns, Küssen vergleichbar, daheim ganz von selbst von den Stängeln.
Oft in diesen fernen Tagen brachte der Knabe seine Zeit damit hin, weiten Blicks irgendwelche einfache häusliche Beschäftigung, irgendwelchen gewöhnlichen, alltäglichen Vorgang zu betrachten: durch die halboffene Tür des Speisezimmers, worin die Wärme des Ofens wunderbar wie eine schöne dunkle Sonne leuchtete, schlüpfte er in die Küche, um der alten Leonore bei der Zubereitung des Essens zuzusehen.
Das alte, unwissende Dienstmädchen hatte ihn lesen gelehrt.
Oft, nach dem Essen, wenn sie an dem mit einem Wachstuch bedeckten, das Licht der Lampe spiegelnden Tische saßen, las Desanzac vor oder erzählte von den verschiedensten Dingen.
Maximilian hörte unaufmerksam zu. Alles, was man solcherart lernt, die Erkenntnisse, die man künstlich und gleichsam zufällig vom Lehrer erwirbt, Tatsachen, Zahlen schienen ihm nur in geringem Maße wahr und das Innere der Dinge nicht zu berühren, die sich nur dann hingeben, wenn man sich selbst ihnen gibt.
In diesem schmucklosen Zimmer, dessen spärliche Einrichtungsgegenstände kaum die Bedürfnisse erfüllten und dessen kleine Lampe, einer Blume ohne Duft vergleichbar, es zur Not erleuchtete, ohne es zu erwärmen, in diesem Zimmer, durch das alles menschliche Wissen in seinen Grundformen zugleich mit dem Hauch der Worte wehte, sah Maximilian bloß das Antlitz seines Vaters.
Allmählich schwand alles ringsum, und dieses Antlitz allein war noch da.
Er achtete nicht auf die Lektüre und bildete sich doch auf unerhörte Art, dank dem Vorlesenden. Die Ellenbogen auf die leuchtende Wachsleinwand gestützt, lauschte er dem Antlitz, das die matte Lampe zu erhellen sich mühte. Er, der unter allen Dingen dem menschlichen Antlitz sich zuwandte, wählte unter allen Gesichtern im Besonderen dieses. Er beschäftigte sich mit den seidigen Haaren, die sich um das Oval des Ohrs kräuselten, mit dem Bart, der durch das wahrhafteigentliche, unauslöschliche Licht gebleicht war, mit dem unter rosenfarbenen, müden Augenlidern ruhenden, allmächtigen Augen, die der gedankenvollen Nacht und dem großen Schweigen der Sterne glichen.
So regte bloß Milde die Aufmerksamkeit des Kindes an.
Am Ende des Tisches, ganz in den Schatten getaucht wie ein Herz, saß der Knabe, völlig der leiblichen Gegenwart seines Vaters hingegeben. Er bewunderte ihn und beobachtete heimlich auf seinem Antlitz den Regenbogen, den die Seele darüber zieht, vom unfassbaren, flüchtigen und wechselnden Gedanken bis zur Rührung, den gesamten inneren Zustand, der alle Größe des Menschen in sich schließt.
Eines Tages, als es kalt und regnerisch war, erzählte Desanzac von einer Reise, die er einst nach einem mit unendlichem Frühling gesegneten Archipel gemacht hatte. Er war in seinen Schlafrock gehüllt und senkte traurig mit seiner Stimme zugleich ein wenig sein Antlitz, das ein ungeheures Heimweh nach der Sonne erleuchtete. Und wie zwei Flügel öffneten sich in ihm alles flimmernde Blau des Himmels und alles fließende Blau des Meeres.
Oder er las aus eigenen Büchern vor, oder aus Büchern anderer, die das Ideal, die Kunst und die großen Epochen behandelten. Er las all dies mit der Stimme eines Entzauberten, die bei den enthusiastischen Stellen erbebte.
An anderen Abenden war er zerstreut: er dachte an unbekannte Dinge. Aber stets, wenn er seine Blicke hob, kreuzten sie die des Knaben. Dann lächelte er und Maximilian dachte: Ein Lächeln erglänzt auf einem Antlitz genau wie Tränen.
Dann wurden die abendlich Vereinten von sanfter Rührung befallen. Es war selten, dass nicht gegen Ende dieser Lehrstunden irgendwelche gedanklichen Zusammenhänge die Erinnerung an die Mutter wachriefen. Desanzac schwieg, dann neigte er sich zärtlich seinem Sohne zu und flüsterte ihm innig verbunden: »Unsere Mutter.« Der Abend ging zur Neige. Das verflackernde Feuer schützte nicht mehr vor Kälte. Man schloss die Bücher. Es war Zeit, schlafen zu gehen.
Sie erhoben sich. Stehend schienen sie hager und zart, und sie waren ein viel kleineres Paar als jenes andere, das sich über dem Lampenschirm im verdämmernden Licht aufrichtete.
Sie umarmten einander mit endlich verstummten Lippen. Die innige Umschlingung machte sie noch kleiner, aber Maximilian war bereit, in eine andere, wahre Größe emporzuwachsen, während er, den Kopf in das Dunkel von Desanzacs Schulter gebettet, sich dem Schatten seines Vaters hingab.
Ja, sein Vater lehrte ihn wirklich die Wahrheit, freilich nicht jene, die er ihm durch seine Bücher oder seine Erzählungen zu vermitteln gedachte. Es war nicht die der unendlichen Vielfalt der Dinge, es war die der Unendlichkeit eines einzigen Wesens.
Maximilian besaß geistige Einfalt. Wenn irgendetwas an ihm überraschte, so war es dies. Er war einfach ein Kind, das vor der ungeheuren Nacktheit der Erscheinungen stehen blieb und staunte. Und solch ein Kind war er aus Liebe zu seinem Vater, zu seinem Schöpfer, zu jenem Menschen, der, einem lebendigen Himmel vergleichbar, über ihm in den Zeiten stand und doch sein Blut war, sein Bruder im Letzten und im Geheimsten.
Auch Leonores Antlitz zog ihn an. Dieses Antlitz schien ihm einfacher, gleichsam bequemer. Stete Gemeinsamkeit vereinigte die alte Magd und den Knaben, dem sie für immer ihre mütterliche Liebe geschenkt hatte.
Leonore war sehr alt. Ihr gefurchtes, von der Zeit durchwühltes Haupt war zur Seite geneigt; es hätte sich, schon vom Schicksal geknickt, wohl nie wieder aufrichten können. Wenn Maximilian sie ansah, konnte er nicht umhin, zu denken, dass sie vielleicht bald sterben würde, und dieses alte Haupt wurde ihm, dank seiner Hinfälligkeit, nur umso teurer.
Leonore war über die Maßen arm. Sie besaß nichts: weder Familie noch Geld; kein Haus, kaum irgendwo in der Ferne die Gassen eines Dorfes. Ihr eigenes, abgeschlossenes Geschick trug sie nicht mehr in sich. Ein goldenes Kreuz hing an ihrem Hals: ein Andenken und zugleich ein totes Ding. Sie blickte niemals zurück. Tiefe Unwissenheit ließ sie an alles glauben, was vor ihr lag. Für sie war alles möglich, und dieses Möglichsein verwandelte sich in ihrem Kopf immer sogleich in eine Hoffnung allgemeiner Art: so stark war ihr Herz. Keine Kritik, kein Etwas-Erlernen, keinen Fortschritt gab es für sie; nichts als eine Art Gebete.
Neben dem Fenster des Esszimmers, dessen Vorhänge dem Wäscher zu blau geraten waren und die so recht unschuldsvoll dem Himmel nachgeschminkt schienen, war der Platz, den sie während des Nachmittags innehatte, wenn sie irgendetwas nähte. Auch Maximilian kam, untätig, hinzu. Sie sprach zu ihm oder eigentlich: sie sprach zu sich selbst, aus Unschuld, aus Schwäche, weil sich selbst überlassene Menschen ihr Herz öffnen, wie Vögel ihre Flügel.
Lange blieb der Knabe auf der bisher erreichten Stufe seiner Entwicklung stehen. Seine kleinen, ungeschickten, noch unfreien Hände kamen den ihren gleich, die alt und abhängig waren und im Dienst anderer Hände standen. Er nannte sie, obwohl sie dick war, Leonorette. Solange sie dasselbe Zimmer bewohnten, glichen ihre beiden kleinen Betten einander vollständig.
Er hörte ihr zu, wie sie niemals alltägliche, gewöhnliche Vorgänge erzählte, sondern Geschichten und Legenden vom Paradies und von wunderbaren Begebenheiten. Er hörte sie von Königen und Prinzen berichten, als würden diese, gekleidet wie die Könige aus dem Morgenlande sie verwechselte nämlich die Jahrhunderte an die Türe pochen, vom kommenden Frühjahr, als würde man im April von Heiligenscheinen umleuchteten, zwischen den Baumstämmen umherflatternden Heiligen begegnen und Gott vom Himmel sich herabneigen sehen.
Maximilian glaubte nicht, was er sie sagen hörte; er achtete kaum darauf. Er glaubte nur an sie selbst, an ihren blutenden Schatten, an die Wurzel ihrer Worte. Was bedeutete denn der Sinn dieser Worte, mochten sie nun wahr oder unwahr sein!
Die Realität ihrer Stimme stand für ihn fest.
Diese leise, ungeübte Stimme war schön um der Liebe willen, die sie erbeben ließ.
Bei Sonnenuntergang legte Maximilian, auf dem Fußboden sitzend, seinen Kopf in den Schoß des alten Dienstmädchens, das untätig es war zur Arbeit nicht mehr hell genug mit geöffneten Händen, völlig beseligt vor sich hinblickte.
Die Nacht sank nieder und deckte beide mit Finsternis zu. Sie verweilten unbeweglich, eine dunkle Masse über einem Streifen Lichtes, der auf dem Fußboden hinlief, mit hellen, der Helligkeit des Fensters zugekehrten Gesichtern, die Blicke zum Himmel gerichtet.
So geht vom Grunde des Lebens irgendein Ruf aus. Das, was bewirkt, dass Leonore Leonore ist und er selbst er selbst, ist diese Kraft zu wünschen, zu wollen, zu beten. Was aus ihr und ihm aufströmt, mitten aus der Ruhe der gefühllosen, toten Dinge, was wirklich ist, das ist das Antlitz dieser Dinge, dem man nicht entrinnt.
Dann aber begann seine Kindheit sich bedrückt zu fühlen. Verfrühte Ängstlichkeit betonte seine hauchzarte Verschiedenheit mit anderen Kindern. Oft bewegten ihn seine Gedanken heimlich ungemein heftig. Das Wirkliche des Lebens schien ihm der Gegensatz zur Ruhe.
Seine Träumereien verdunkelten sich plötzlich, wie der Himmel sich durch gewaltige, überirdische Drohungen verdunkelt. Er fürchtete oft, nicht mehr zu wissen, wie er leben, wie er gehen sollte; oft fühlte er in seinem Antlitz den Hauch einer Wüste.
So wuchs er heran und erreichte sein zwölftes Jahr. Er war nicht dazu geschaffen, irgendeine alltägliche, dem Wirken anderer verbundene Arbeit zu verrichten; er war da, um sich mit der Wahrheit selbst zu befassen. Er war wie jene, die auf innere Stimmen horchen und von ungewöhnlichen Erkenntnissen besessen sind. Dennoch hatte er keine Beziehung zum Übersinnlichen, er glaubte nur an das, was vorhanden war, was man gewissermaßen einatmen konnte. Er sah keine »Erscheinungen«, aber mehr als jeder andere die Erscheinung der anderen und seiner selbst. Keine Gespenster kannte er. Aber der Schatten des Abends, dieser Widerschein aller andern verlorenen Herzen, legte sich um sein Haupt wie lebendige Gegenwart und wie ein Wort.
Ohnmächtig und klein in den Gassen, in den Zimmern, senkte er alles aus der Not dieser seiner Ohnmacht, seiner bescheidenen Sendung in die Tiefe seines Herzens. Aber seiner selbst nicht sicher, in Kleinheit verstrickt, von Kindlichkeit erstickt, tat er es auf eine zarte, armselige Art.
Manchen Abend ließ er ab vom Schauen und Horchen und gedachte der unaufhaltsamen Zeit, die, in die großen, tiefbewegenden, weil auf uns herabblutenden Worte Frühling, Sommer, Herbst und Winter gehüllt, hinschwindet und deren Schwinden uns selbst hinsterben lässt. Und dachte er dies, so ward ihm alles übrige gleichgültig.
Oft betrachtete Desanzac Maximilian in diesem Abschnitt seiner Kindheit mit Besorgnis.
Körperlich gedieh der Knabe gut. Eine unerschütterliche Gesundheit war ihm, trotz seinem zarten Aussehen, eigen. Sein Antlitz vergeistigte sich, sein Auge wurde klarer, weißer seine Stirn. Selbst einem Fremden musste er sanft und angenehm scheinen.
Und doch unterschied er sich mit der Zeit mehr und mehr von den anderen Kindern.
Warum? Es gab in dem kleinen Hause stumme Szenen heimlichen Beobachtens. Bisweilen betrachtete der Mann, an die Arme seines Sessels gekrampft, ängstlich vorgeneigt den Knaben, der irgendwo, die Hände über den Knien gefaltet, saß und die Luft des blauen Tages einsog. Dann sehnte sich der Vater vergebens darnach zu bemerken, zu erhorchen, dass sich der Sohn allmählich verwandle.
Desanzac seufzte und sprach: »Es ist meine Schuld.« Er verbrachte schlaflose Nächte. Hatte er seinen Sohn nicht zu einsam aufwachsen lassen, zu abgeschlossen in sich selbst, hatte er ihn nicht dadurch der Scham überantwortet, sich dem Allgemeinen hinzugeben, eine Scham, die ihn jetzt wie eine Tugend davor beschützte?
Da Desanzac, losgelöst von der Wirklichkeit wie fast alle Menschen, niemals über diese Dinge nachgedacht hatte, wusste er nicht, was beginnen. Er fühlte seinem Sohne gegenüber Unsicherheit. Vor allem hätte er ihn gerne kennengelernt, gerne durchschaut. Er blickte ihn flehentlich und zugleich schüchtern an, er sah um sich mit erbleichender Stirn, mit Händen, die zitterten, beinahe als wären seine armseligen Arme Flügel. Er suchte in sich selbst und überall nach der Wahrheit, dieser Religion, von der die Menschen nichts wissen.
Dank seiner Bemühungen wurde er mit ein wenig Scharfblick begnadet. Der Knabe war nichts als Herz.
Er war nichts als Herz. Nur die leise Stimme seines Herzens sprach zu ihm von der Wahrheit. Er lebte nur in Empfindung, Wunsch und Liebe.
Warum unterschied ihn das von den anderen? Warum machte ihn das unter allen übrigen einsam?
Bedeutet nicht im Gegenteil: das Herz gebieten lassen den anderen sich nähern?
Nein, der Vater in der Klarheit seiner Vision begriff: Es ist nicht das Herz, das den Menschen seinen Mitmenschen nähert. Im Gegenteil: das Herz verschließt jeden einzelnen in sich selbst.
Im Übernatürlichen unseres Geistes gibt es Gedanken, die uns an die Welt und an die anderen Menschen binden: den Verstand, die Grundprinzipien, die bei allen gleich sind, dieses Erbe aller, diese Teilzellen der Weltseele und des unendlichen Lebens der Menschheit.
Das Herz aber ist der einzelne Mensch, ist das persönliche Teil, ist das Individuelle, die Einsamkeit. Das Herz ist ein Bestandteil der Finsternis, der Absonderung und der Abgründe. Wer in Gefühlen lebt, denkt an sich, wer genießt oder leidet, denkt in Verblendung an sich.
Und der Vater sah dies täglich, wenn der Junge am Fenster seinen Blick über die Leute auf der Straße und in das Dämmern des Abends schweifen ließ.
