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Die Hölle - erotischer Roman - ausdrucksstark, sinnlich, anregend
Das E-Book Die Hölle wird angeboten von Mont Jacques Buchclub & Verlag UG und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Roman, Erotik, LGBT, gay, Lesbian
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Seitenzahl: 494
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Die Vorhölle
Hölle
Solange seine Erinnerung reichte, fühlte sich Ariel schwul. Das war für ihn selbstverständlich, weil er eine unbeschwerte Jugend erlebte mit umsorgenden und liberalen Eltern. So versteckte er seine sexuelle Ausrichtung auch nicht. Sein Outing war banal gewesen. Einmal beim Abendessen mit seinen Eltern – er mochte 14- jährig sein - stocherte er im Essen herum und stotterte hilflos etwas von Orientierung, bis seine Mutter ihn fragte, ob er ihnen sagen wolle, was sie schon lange wisse, nämlich, dass er schwul sei? Daraufhin stand der Vater auf, nahm ihn in die Arme und meinte: «Bleib wie du bist! Ich liebe dich» und die Mutter drückte ihn alsdann auch an ihren Busen. Zusätzlich hatte er das Glück, eine gute Figur zu haben, angenehme Gesichtszüge und auch ein sehr persönlich berückendes, versöhnliches Wesen. So verlief seine Existenz eigentlich und über das Ganze gesehen problemlos. Als Kind hatte er noch in religiösen Gefühlen geschwelgt, was wohl eher mit der wohligen Stimmung in Familie, Gemeinschaft und Haus zu tun hatte als mit Glauben. Seine Familie war nicht kirchengläubig gewesen, sondern schlicht liebend und tolerant. Der Vater hatte auf Nachfrage, warum es Religionen gäbe, seinem Sohn die auf dem Weihnachtstisch stehende Weinflasche entgegengestreckt und gefragt: «Was siehst du?» Dieser antwortete: «Eine kleine Etikette, auf der die Herkunftsregion bezeichnet ist, der Produzent und einige Angaben zu den zum Wein passenden Speisen». Der Vater quittierte mit «Richtig» und drehte die Flasche um und fragte erneut: «Was siehst du jetzt?». Nun antwortete der Sohn: «Ich sehe eine grössere Etikette mit einer hübschen Zeichnung, dem Namen des Weines und dem Jahrgang». «Genauso ist es mit den Religionen», dozierte der Vater, «sie beschreiben nur immer verschiedenen Etiketten einer gleichen Flasche und weil dem so ist, sind wir – religiös gesprochen - alle Kinder Gottes». Dieses Gleichnis bestimmte von da an sein religiöses Verständnis. Er nahm hin, dass es verschiedene Kirchen gab, wo man teils über Jesus sprach – auch über andere Propheten - und einen Gott und dies mit vielen Geschichten illustrierte, die oft nach seinem Geschmack etwas abstrus waren. Als Kind hatte ihn der Beschrieb der Hölle sehr beeindruckt und seine damals pubertierende Fantasie hatte sich Perversitäten aller Art ausgemalt, die sich mit Sadomasochistischen Vorstellungen mischten und einen ganz besonderen Reiz auf ihn ausübten, der ihn zu sexuellen Träumereien verleitete. Irgendeinmal beruhigte sich sein jugendliches Sexualleben und er schätzte einfach guten Sex mit Männern, die seine Leidenschaft teilten und ihn abwechslungsweise in die unterschiedlichsten Spielwelten einweihten. Er fand das schön, genoss es, ohne aber in Ektase zu fallen, bis eines Tages er von seinem Freund in einen SM- Club eingeführt wurde, wo es ihm sehr gefiel.
Als er den Club früh morgens mit seinem Freud Bruno verliess - und das war entscheidend - , stand ein Grüppchen christlicher Fundamentalisten vor der Türe, die sie wortgewaltig mit biblischen Bildern der Hölle traktierten, denn die warte ihnen bei deren unsittlichem Treiben im Club. Sie sollten sich mal die Bilder von Bruegel anschauen. Ariel und Bruno liessen sich nicht lange aufhalten, sondern meinten nur, «der Ältere oder der Jüngere» und «ob er - der Prediger - nicht eher Hieronimus Bosch meine», denn beide waren nicht ungebildet. Dem Prediger verschlug es gerade so lange die Sprache, bis sie ausser Hörweite waren.
Genau damals – es wirkte wie ein Zünder - begann er sich wieder mit religiösen Fragen zu beschäftigen, umso mehr als etwas später Bruno an Krebs starb. Sie hatten sich beide sehr gemocht und auch geliebt. Ihre Beziehung war nicht bloss eine intime gewesen, sondern geprägt von einer Herzensfreundschaft, welche beide zusammenschweisste und sie auch zu einer gegenseitigen Abhängigkeit insofern führte, als sie nicht sein konnten, ohne sich dem anderen anzuvertrauen. Als nun Bruno verstarb, da kümmerte Ariel sich um dessen Grab. Als er einst die Blumen auf dem noch frischen Grab ersetzte, da gewahrte er aus dem linken Augenwinkel einen bräunlichen Nebel, von dem er wusste, dass es der Geist seines Freundes war, der ihn grüssen wollte. Er erschrak, der Nebel offenbar auch, denn er verschwand urplötzlich. Ariel blieb indessen in seiner Vorstellung verfangen, das sei der Geist seines Freundes gewesen und plötzlich fühlte er, wenn er an ihn dachte, wie einen sanften Hauch über seine rechte Wange streichen. Dann wusste er, Bruno ist da. Und wenn er den Geist Brunos spüren konnte, dann musste es auch einen Bereich geben, in welchem die Verstorbenen und ihre Geister lebten. Hätten also die Fundamentalisten vor dem Club doch recht gehabt?
Bei bedachter Erwägung der fundamentalistischen Argumente schien ihm das nicht mehr sicher, auf jeden Fall zu einfach gestrickt. Wenn nämlich Gott wirklich das allerhöchste und souveränste Wesen dieser Schöpfung sein sollte, so war nicht einzusehen, warum er sich just um die Sexualität seiner Kreaturen kümmern sollte, die er doch eben selbst gebastelt und denen er doch Qualitäten verliehen hatte, die offenbar er auch akzeptieren konnte. Sonst hätte er kaum diese Eigenarten verliehen. Ebenso schien ihm absurd, dass sich Gott um die Länge von Röcken und damit um sogenannt sittliche Kleidung kümmern sollte. Das wäre ihm doch nicht würdig, sich mit solchem Kleinkram zu beschäftigen. Und wenn ihm Kleidung wichtig gewesen wäre, da hätte er wohl die Menschheit mitsamt Hosen kreiert. Das war aber offensichtlich nicht so, denn geboren wird man augenscheinlich nackt.
Einer der Fundamentalisten vor dem Club hatte von Gottvater, dem Herrn, gesprochen. Dann wäre Gott ein Mann? Warum nicht eine Frau oder noch besser eine Mischung davon, denn wenn Gott wirklich das Ein und Alles ist, dann musste er weiblich und gleichzeitig männlich sein.
Und stand da nicht – verkürzt - im zweiten Gebot: Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder des, das oben im Himmel, noch des, das unten auf Erden, oder des, das im Wasser unter der Erde ist.
Dann war der «Herr» und «Gottvater» eine gebotswidrige Vorstellung. Also war nur eines klar: Gott ist anders! Und zwar dämmerte ihm: Ganz anders, unvorstellbar anders. Ja, das musste es sein.
Seine vermeintliche Sicherheit wurde aber arg erschüttert, als er an einem Sonntagmorgen zufällig im Radio einen Bibeltext hörte, nämlich den über «Hiob». Wenn in der Hiob Geschichte Luzifer die Möglichkeit hat, Gott zu einer Wette herauszufordern, dann ist dieser nicht mehr allmächtig. Wäre dieser Schluss richtig, dann gäbe es bloss zwei Möglichkeiten: Entweder ist Gott nicht allmächtig oder die Bibel erzählt unsinnige Geschichten. Und nun begann er die Bibel zu lesen. Dabei wurde ihm immer mulmiger zu Mute. Je mehr er las, desto klarer wurde ihm, dass in diesem Buch die Menschen Gott nach ihrem Bilde formten und nicht umgekehrt. Und im Übrigen fielen ihm immer mehr die Widersprüche in diesem Buch auf, so dass er bald zur Meinung vorstiess, hier dem Meinungsstreit ausgewählter Theologen zu folgen, nicht aber das Wort Gottes zu erkennen. Das beruhigte ihn insofern, als er die schwulenfeindlichen Stellen der Bibel nun als das nehmen konnte, was sie waren, nämlich aus heutiger Sicht unbedarfte zeitgebundene Wertungen dogmatisch bornierter Autoren.
Hingegen blieb er am Satz hängen: «Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte» (Johannes 13,23) und erinnerte sich an diesen Vers, als er in Tschenstochau in Polen die Kathedrale besuchte und dort ein Bild von Jesus in einer Kapelle sah, das ihn gleich faszinierte, ja spontan aufgeilte. War das ein kraftvolles Bild eines lebens- und energiestrotzenden Mannes, der gewinnend aus dem Bilderrahmen strahlte. Er konnte dem Bild nicht widerstehen, es schlug ihn in seinen Bann. Wie hypnotisiert durch dieses so lebendige Gesicht, kniete er sich auf einen Betstuhl, seine Hose wölbte sich, je mehr er sich in das Bild vertiefte, von dem eine wahrhaft belebende, ja sexualisierende Kraft ausging. Die Kraft dieses schönen Gesichtes mit den weit geöffneten strahlenden Augen und den vollen und sinnlichen Lippen sogen ihn förmlich auf. Da kniete er nun völlig fasziniert und immer geiler vor diesem Bild, völlig absorbiert wie in einer anderen Welt, aus der er erst gerissen wurde, als eine Nonne vor seinem Betstuhl vorbei trippelte. Er sah ihr aufschreckend kurz in die Augen und fast dünkte ihn, sie habe ihn vorwurfsvoll angeschaut. Hatte er allenfalls in seiner Geilheit ungewollt vor Lust gestöhnt? Er wusste es nicht, fühlte sich aber nicht mehr Herr seiner selbst, drapierte seinen Mantel über den Arm, stand auf und verbarg seine immer stärker ausgebeulte Hose hinter dem Mantel und flüchtete aus der Kathedrale ins Hotel, wo er kaum in seinem Zimmer wild zu Onanieren begann, immer das Jesusbild vor seinem geistigen Auge. Er fand keine Ruhe mehr und liess erst wieder von sich ab, als ihm der Schwanz zu schmerzen begann.
Wenn also ein Jesusbild in einer frommen Kirche eine solche erotisch- sexuelle Ausstrahlung hatte, dann musste dieser Jesus auch ein potenter Mann gewesen sein und als Zeitgenosse der Antike natürlicherweise bisexuell, was zu jener Zeit jeder anständige Mann war.
Das gab ihm innere Freiheit. So folgte er dem Angedenken seines lieben Freundes Bruno und seiner Lust und frequentierte wieder den einst besuchten SM- Club.
Mit Bruno war es einfacher gewesen, der hatte schon Erfahrung und Ariel konnte sich unter seinem Schutz einführen lassen. Nun war er allein und ganz auf sich gestellt. Da machte er eine überraschende Entdeckung: Er war einst der Helfer von Bruno gewesen, brachte ihm die Sklaven, richtete sie zurecht für Meister Bruno und durfte mit diesem zusammen sexuell von ihnen kosten. Der Meister blieb Bruno, der die Lustsessionen leitete.
Bei seinem ersten Besuch allein im Club trat Ariel denn auch sehr zurückhaltend auf, aber man begrüsste ihn trotzdem sehr unterwürfig. War es noch eine Erinnerung an Bruno, die hier prägte? Ariel war doch im Unterschied zu Bruno, dem Draufgänger und extrovertierten kraftvollen Mann, eher freundlich- verbindlich und im Eindruck passiv. Ein besonders devoter Sklave - Heinz hiess er - sprach ihn beim ersten Besuch an der Bar sofort an. Es sei schade, dass Bruno verstorben sei. Ariel und er seien ein ganz besonderes Meisterpaar gewesen. Bruno sei mehr für das Grobe zuständig gewesen, während er, Ariel, das Raffinerte pflegte. «Ariel, nimm mich dran, ganz subtil, wie nur du allein es kannst und schon praktiziertest, als Bruno noch die Rute führte», flehte Heinz. Verdutzt schaute Ariel Heinz an und fragte: «Das musst du mir erklären, dessen bin ich mir gar nicht bewusst?» »Ja, doch, magst du dich nicht entsinnen, wie du mich präpariert hast, wenn der Bruno mich benützen wollte, wie du mir mit Ketten die Hände gebunden hast, ein Nietenhalsband anzogst, die Fotze einschmiertest, damit der Bruno so richtig einfahren konnte. Du hast das so liebevoll gemacht, aber gleichzeitig mit einer subtilen Perversität, angedeutet durch Küssen und Streicheln der Körperteile, die nun drankommen sollten. Du wusstest vermutlich, was Bruno plante, ich aber nicht. Wie geil war es dieses Mal, als Bruno sich nur auf meine Titten applizierte. Du hast mich ans Andreaskreuz gebunden, dabei meine Brustwarzen immer wieder gestreichelt und geküsst, bis sie sich hoch erregt aufstellten und überempfindlich waren. Dann kam Bruno – magst du dich erinnern, er sass bis dahin auf einem Stuhl und bearbeitete lässig seinen Schwanz mit der einen Hand, während die andere sein Kinn stützte. Er schaute uns zu, wie du mich präpariertest. Plötzlich und mit einem Sprung stand er völlig unerwartet vor mir. Erschrocken hing ich am Kreuz und sah nur seine funkelnden Augen und spürte, wie er mit voller Kraft meine Nippel quetschend griff und sie heftig zog. Du hast gleichzeitig mir einen Kuss auf die Lippen gedrückt und ein Poppers-Fläschchen unter die Nase gehalten. Im Schmerz hechelte ich kräftig das Aroma ein und war weg. Ich hing da und war ganz dir und Bruno hingegeben, der kurz seinen Griff lockerte, um dann noch brutaler zuzugreifen, was mich aufbäumen liess, bis ich kurz danach einen gewaltigen Orgasmus erlebte und Bruno lachend von mir abliess und du mich in deinen Armen aufgefangen hast und mit zärtlichem Streicheln und Worten bedachtest. Das war so geil, einmalig geil.» Heinz hatte Tränen in den Augen und legte seinen Kopf auf die Schultern von Ariel. Mit der Erzählung von Heinz hatte sich dieser auch die Erinnerung aufgefrischt, dabei erfasste ihn das damals erlebte Gefühl und die damit verbundene geile Wärme, die nun durch den an ihn angelehnten Heinz noch verstärkt wurde. Sein Schwanz bäumte sich auf und er beugte sich zu Heinz, den er lang und intensiv auf den Mund küsste, dabei mit einer Hand sich dessen Glied griff, das sich voll aufgereckt in seine Hand schmiegte. Sie verliessen ohne weitere Worte die Bar und zogen sich in eine Liebeskoje zurück, wo Ariel hemmungslos sich Heinzens bediente. Danach beschlossen sie, miteinander regelmässig SM-Sessionen zu machen. Ariel hatte seinen Lieblingssklaven gefunden und Heinz seinen neuen Meister.
Bei der Planung ihrer Spiele schwelgte Ariel in Fantasien und einigen seiner Tagträume als pubertierender Jüngling, der sich die Hölle ausgemalt hatte als ein Paradies der SM- Praxis und die wieder in sein Bewusstsein aufstiegen. Angereichert durch die Erfahrung des gereiften Mannes verdichteten sich diese Fantasien um aktuelle Weltereignisse zu Tagträumen, die weiterspannen, was er aus fernen und von Unruhen aufgewühlten Ländern las, wo Diktatoren Oppositionelle unterdrückten, einsperrten und folterten. Besonders auch Schwule. Als empathischer Mensch stürzte ihn das insofern in einen Gewissenskonflikt, da er in seiner vernünftigen und menschenfreundlichen Seite solch diktatorisches Vorgehen mit Überzeugung und aus vollem Herzen ablehnte, ja energisch mit Wort und Tat, auch Geld, bekämpfte und sich persönlich einiger geflüchteter Opfer fürsorgend annahm. Indessen blieb er als sexuelles Wesen von den ihm überbrachten Folterungen fasziniert, gleichzeitig von den traumatischen Folgen für die Opfer schockiert und tief betroffen. Das führte ihn auf ganz natürliche Weise zu der von Heinzen so treffend geschilderten sanften Perversion. Ganz von seiner sexuellen Fantasie getragen, entwickelte sich folgende Geschichte, die er mit Heinz – auf die Wirklichkeit umgebrochen und so weit wie möglich – durchleben wollte:
Mit zerschlissenem Bademantel, Schrammen und Wunden wurde er brutal von Polizisten durch eine Tür in einen Raum geworfen, der durch ein weitmaschiges Gitter mit einer Gittertür von einem weiteren Raum abgetrennt war, in den einige Türen mündeten. Beide Räume waren leer.
Adil lag am Boden, so wie er hingeworfen worden war. Er schaute sich vorsichtig um und als er niemanden sah und hörte, drehte er sich und versuchte sich erst mal zu spüren. Man hatte ihn arg durchgeprügelt, als man ihn mit seinem Freund in dessen Wohnung im Bett überraschte. Er bewegte langsam die Beine, dann die Arme, seinen Kopf, reckte den Rücken. Es schmerzten die Glieder und der Bauch. Auch seine Hoden spürte er heftig brennen, hatte ihn ja einer zwischen die Beine getreten und dann in den Bauch. Reflexartig hatte er sich gedreht, so dass die Schläge auf die linke Hüfte abgeleitet worden waren, die stark schmerzte. Aus einer Schramme auf der Hinterbacke quoll noch etwas Blut. Er zog sich zusammen und stemmte sich mühsam auf die Knie. Mit den Händen fuhr er über seinen ganzen Körper. Offenbar hatte er Glück gehabt, nichts schien gebrochen. Mühsam stand er auf, denn die Schmerzen behinderten seine Bewegungen und er fühlte sich scheusslich und gedemütigt. Als er stand, sah er unter seinen Bademantel, dessen einer Ärmel weggerissen war. Über der Brust hing ein Stück des Stoffes runter und auf dem Rücken spürte er Zugluft, also musste dort offenbar ein grosses Loch im Stoff klaffen. Da niemand zu sehen war, zog er den Bademantel aus, begutachtete kurz das lädierte Stück, wandte dann seine ganze Aufmerksamkeit seinem Körper zu, den er nun Quadratzentimeter um Quadratzentimeter inspizierte, da eine Schramme sah, hier ein Wunde, die noch leicht blutete, da blaue und gelbe Flecken. Plötzlich begann sein Herz zu rasen und er musste sich setzen, nackt wie er war. Ihm wurde schwindlig. Er legte sich auf den Boden, der nicht sehr sauber war, wie er gewahrte. Der Schock über das Erlebte packte und schüttelte ihn; ihm wurde unvermittelt kalt und er griff die Überbleibsel seines Bademantels, in den er sich notdürftig einwickelte. Plötzlich fühlte er heftigen Durst. Er schaute sich um. In einer Ecke des Raumes war vor einer Nische ein Brünnchen angebracht. Er rappelte sich auf und hinkte zu diesem, drehte den Hahn an, Wasser floss, von dem er gierig trank. Nun fühlte er sich etwas besser. Jetzt spürte er Harndrang. Mit einem Blick erhaschte er die Nische hinter dem Brünnchen, als er sich vom Trinken aufrichtete. Da war eine Toilette, sogar ordentlich sauber. Er liess Wasser, was ihn etwas brannte. Eine kleine Schramme war am Harnausgang sichtbar und eine seiner Hoden war leicht geschwollen, wie er durch Tasten merkte. Schlimm schien es nicht zu sein. Gewohnheitsmässig fuhr er sich mit der Hand durch das Haar, da schmerzte ihn die linke obere Kopfhälfte. Er fasste vorsichtig nach und merkte, dass er ein ganz schönes Horn hatte. Er schlug wohl in der Auseinandersetzung den Kopf hart auf, was er nicht realisierte. Noch während des Tastens am Kopfe hörte er einen spitzen Schrei und trat unvermittelt aus der Nische; nichts mehr, nur Stille.
Er stand da und hörte in die Stille hinein. Nichts rührte sich, die Neonbeleuchtung erleuchtete unverändert und kalt die kargen weissen Räumlichkeiten. Nur das Gitter warf feine Schatten auf den kahlen Boden. Wo war er? Er wusste es nicht. Man hatte ihm während der Fahrt in einem Kastenwagen – nach seinem Gefühl hatte sie ewig gedauert - einen Sack über den Kopf gestülpt. Warum war er allein? Was war mit seinem Freund. Wo steckte der? Erst jetzt, nachdem er wieder zu seinem Bewusstsein erwachte und sich vom Schock löste, stiegen in ihm Ängste und Sorgen auf. Warum hatte man ihn, den jungen Anwalt und Politiker, so überfallen? War er zu weit gegangen? Hatte er Warnzeichen übersehen?
Seine Überlegungen und Fragen wurden unvermittelt durch das Geräusch einer sich öffnenden Türe unterbrochen. Ein Mann trat aus dem Dunkel eines Zimmers ins Neonlicht des Raumes hinter dem Gitter und trat entschiedenen Schrittes nahe an dieses und schaute Adil lange und eindringlich an.
Plötzlich sagte er in verpflichtendem, aber nicht unhöflichem und leisem Ton: «Komm ans Gitter.» Mit klopfendem Herzen willfahrte Adil. Etwa eine Fuss breite vor dem Gitter hielt er inne. Mit leiser und fast weicher Stimme meinte der Mann: „Näher“. Adil trat ganz ans Gitter. Sein Körper berührte dieses. Der Mann musterte ihn ausführlich, schob seine rechte Hand durch einen Zwischenraum des Gitters und streifte Adil den zerschlissenen Bademantel vom Leibe. Nun stand Adil nackt da, fühlte sich unwohl und kreuzte seine Hände vor seinem Geschlechtsteil. Immer noch musterte ihn der Mann intensiv. Plötzlich sagte er, wiederum leise, aber mit Nachdruck: „Dreh dich um“. Adil tat, wie geheissen. Er fühlte die Augen des Mannes förmlich auf seinem Rücken brennen, seinem Gesäss, dem Hinterkopf, den Armen und den Beinen. „Drehen“ hiess es wieder. Adil drehte sich. Wortlos mustere ihn der Mann weiter. Er schaute ihm nun direkt in die Augen. Da sah Adil, dass diese stahlblau waren und aus einem etwas gespannt wirkenden Gesicht ihn seltsam interessiert anschauten und nun über sein Gesicht wanderten. Adil schien, dass der Mann ihn mit den Augen abtaste. Ihn fröstelte kurz, was der Mann realisierte, mit dem Munde zuckte, wie wenn er etwas hätte sagen wollen, dies aber dann doch unterliess. Er entzifferte weiterhin das Gesicht von Adil, dessen gleichmässigen Züge mit der klar geschnittenen Nase, die Adils Gesicht einen energischen Ausdruck gab, was durch das starke Kinn noch unterstrichen wurde, indessen durch die vollen dunklen und grossen Augen sich gemildert sah. Die üppigen Augenbrauen, die langen dunklen Haare, die leicht gewellt sein Gesicht rahmten, gaben dem Gesicht eine fast weibliche Weichheit, welche durch den Dreitagebart paradoxerweise noch unterstrichen wurde. Diesen femininen Eindruck schien auch der Mann zu haben, denn seine Gesichtszüge entspannten sich.
Dann wanderten die Augen des Mannes über die muskulösen Arme zur Brust von Adil. Adil war ein schöner Mann, mit kräftig modellierter Brust, auf der die Brustwarzen in eigenartiger Weise so aufgebaut waren, wie wenn sich über diese sehr männliche Brust noch eine kleine weibliche gelegt hätte, um die dunkeln Brustwarzen weich zu umranden. Auch hier wieder der auffällige Gegensatz von männlich zu weiblich in seinem Körperbau. Das fiel offenbar auch dem Manne auf, denn mit dem Zeigefinger der linken Hand fuhr er ganz sanft über die rechte Brustwarze von Adil. Diesen durchfuhr ein Schaudern, was der Mann spürte und seinen Finger zurückzog.
Dieser fuhr nun langsam und vom Blick des Mannes gefolgt zu den über dem Geschlechtsteil gekreuzten Händen Adils. Der Finger drängte die Hände sanft auseinander, so dass der Geschlechtsteil Adils frei wurde. Der Mann schaute diesen lange und offensichtlich fasziniert an. Warum war Adil nicht klar, denn ihn hatte immer gedünkt, sein Penis sei im ruhenden Zustand nicht besonders. Endlich wanderte der Blick des Mannes über die wohl trainierten Beine Adils hinunter zu den Füssen. Nun trat der Mann durch die Gittertür auf die Seite von Adil.
Ganz unerwartet sagte der Mann: „Schön! Töten soll ich dich durch Hunger und Krankheit, wie wir das mit Promis machen. Gewöhnliche Schwule hängen wir auf. Mit dir habe ich aber Besseres vor“. Adil wurde heiss und kalt zugleich, seine Gedanken durchzuckten ihn wirr. Die Stimme des Mannes stoppte den Gedankenwirrwarr und wie durch einen Nebel hörte Adil: „Die haben dich schön verprügelt. Nimm deinen Mantel und folge mir.“ Wie in Trance sagte Adil: „Wo bin ich“ und die Antwort liess ihn erstarren: “In der Zentrale der Geheimpolizei“. Die Beine versagten Adil, doch bevor er zu Boden ging, hielt ihn der Mann mit kräftigem Griff zurück und stellte ihn mit seinen zupackenden Händen wieder auf. Dabei sah Adil erstmals, als der Mann ihn zurückhielt, diesen bewusst aus voller Nähe an. Unter einer offenen dünnen Lederjacke war der Torso nackt und Adil streifte mit einem Blick einen sehnigen Oberkörper. Sein Blick fiel auf die Jeanshose des Mannes, auf der er Blutspritzer zu entdecken glaubte.
Der Mann hatte Adil an die Wand gelehnt und stützte ihn. „Es ist nicht mehr weit“, meinte er. Da realisierte Adil, dass er überhaupt nicht mitbekommen hatte, welchen Weg sie gegangen und wo sie nun waren.
Nach wenigen Schritten öffnete der Mann mit einem Schlüssel eine Tür und schupste Adil in der Achselhöhle stützend ins Zimmer, drückte ihn auf einen Stuhl, der im Lichtkegel der Türe stand und machte Licht. Ein bürgerlich bequemes Zimmer mit zwei hohen Fenstern und einer Türe nach draussen erstrahlte matt im Licht des Vorraumes. Die Fenster und die Türe gaben offenbar auf einen Garten, denn Adil erkannte im Mondlicht die Silhouetten von Bäumen.
Der Mann öffnete eine Türe und machte Licht, Adil sah in ein Badezimmer und der Mann winkte ihm zu kommen. Adil erhob sich mühsam, stützte sich mit einer Hand an der Wand ab und humpelte zum Badezimmer und dort in die Duschnische, deren Vorhang der Mann zurückgezogen hatte und hinter Adil wieder zuzog. „Waschen“ hörte Adil leise. Adil drehte das Wasser an, der Wasserstrahl traf schmerzend und zu heiss auf seine wunde Haut. Schliesslich fand er die richtige Temperatur und den angemessenen Wasserdruck. Vorsichtig seifte er sich ein und spülte sich langsam ab. Erst jetzt realisierte er, wie sehr ihn sein Körper in seiner Gesamtheit schmerzte, nicht bloss die Haut. Als er den Duschvorhang wieder zu Seite schob, streckte ihm der Mann ein weiches Tuch entgegen, mit dem sich Adil vorsichtig abtupfte. Der Mann schaute reglos zu.
Als Adil mit dem Abtrocknen zurande gekommen war, griff der Mann auf einem kleinen Tisch neben der Dusche eine Flasche, aus der er eine ölige Flüssigkeit auf einen Wattebausch träufelte, um dann mit dem getränkten Wattebausch ganz sanft die Brust von Adil einzureiben. Adil liess es geschehen. Er hätte auch nicht mehr die Kraft gehabt, sich dem entgegenzusetzen. Genau als er das gedanklich erwog, fühlte er eine unendliche Müdigkeit in sich aufsteigen. Der Mann hatte nun seine Arme und Beine auch eingesalbt, ebenso das Gesicht und den Kopf. Nun wandte er sich dem Penis zu, den er besonders sanft einrieb und die kleine Wunde am Harnausgang inspizierte, ebenso die geschwollene Hode, dabei ganz leise etwas murmelte, was Adil nicht verstand. Etwas lauter, aber immer noch mit der gewohnten leisen Stimme, sagte er: „In einigen Tagen ist das alles vorbei. Ich verstehe was von Körpern – zum Heilen wie zum Foltern. Du hast Glück gehabt, bist auch kräftig. Hier noch ein Schmerz- und Schlafmittel, dann ins Bett.“ Mit diesen Worten reichte er Adil zwei Pillen und ein Glas Wasser. Adil war, ob dieser Worte wieder aufgewühlt und er dachte unvermittelt an seinen Geliebten. Der Mann schien seine Gedanken zu lesen und sagte, indem er auf das aufgeschlagene Doppelbett zeigte: „Dein Freund ist frei, er hat auch einige Schrammen abbekommen. schliesslich muss einer erzählen können, was mit dir geschah, damit deine Verehrer – er sagte es spöttisch – auch was zum Fürchten haben. Morgen früh komme ich wieder. Auf dem Nachttisch ist Wasser“. Mit diesen Worten löschte er das Licht und trat durch die Türe, die er hinter sich abschloss. Adil fiel sofort in einen bleiernen Schlaf.
Als er am nächsten Tage erwachte, musste er sich zuerst erinnern, was überhaupt geschehen und wo er sei. Heiss durchfuhr ihn die Erinnerung und lähmte sein ganzes Denken. Panisch riss er seine Augen auf und gewahrte neben ihm auf einem Stuhl, den Kopf schräg auf die Hand des einen Arms gestützt, den Mann von gestern, der ihn gedankenverloren eindringlich ansah. Seine dunkelblonden Locken fielen ihm ins Gesicht. Adil erstarrte, was der andere sofort gewahrte und leicht lächelte. Stockend kam über die Lippen von Adil: „Was geschieht mit mir“? «Das wirst du noch sehen», kam die Antwort leise und knapp. Hier iss etwas und der Mann reichte ihm ein Tablett mit einem reichhaltigen Frühstück, dem Adil indessen nur zögerlich zusprach. Iss, befahl der Mann bestimmt und leise. Adil gehorchte ohne weitere Überlegung und würgte noch einige Bissen herunter. Dann meinte der Mann kurz: „Jetzt heilen und schlafen. Ich gebe dir eine Spritze. Hab keine Angst“, meinte er beschwichtigend, als er sah, wie Adil zurückzuckte. Er tupfte ihm den Arm desinfizierend ab, stach gekonnt zu und nach wenigen Minuten war Adil in tiefen Schlaf gesunken.
Als er wiedererwachte, hatte er jedes Zeigefühl verloren; es war Tag. Und wieder erfasste ihn dieses dumpfe Angstgefühl. Und wieder sass der Mann auf dem Stuhl an seinem Bett und beobachtet ihn, wie er erwachte. Sein Blick lag starr auf Adil, diesen schauderte, was der Mann sofort sah und wieder lächelte. Er stand auf, fasste Adil mit kräftigem Griff unter den Schultern, richtete ihn im Bett auf, schlug die Bettdecke zurück und betrachtete den nackten Adil, dessen Wunden sichtlich heilten, auf einigen waren Pflaster, welche der Mann kontrollierte. Offenbar hatte man seine Wunden im Schlaf versorgt. „Bin zufrieden“, sagte der Mann und hiess Adil aufzustehen. Er half ihm, da Adil sich schwach fühlte und schwankte. Wie er ihm half, streifte er ihm einen Bademantel über und zeigte auf ein paar Sandalen, die vor dem Bett lagen. Adil schlüpfte hinein. Da gewahrte er auf dem Tische im Raum zwei Teller samt Besteck und Glas, nebst Flaschen und Brot. Der Mann wies auf einen Stuhl am Tisch. Widerspruchslos setzte sich Adil vor einen Teller. Der Mann nahm auf dem Stuhl neben ihm am runden Tisch Platz und hob die beiden Tellerglocken hoch, um sie auf einem Plateau auf dem Tisch abzustellen. Dabei sagte er: Magst du ein Glas Wein? Château Musard, guter Jahrgang.“ Adil nickte und der Mann schenkte ihm und sich ein. Wasser goss er in die separat stehenden Wassergläser. Und meinte: „Iss“. Da sah Adil auf den Teller, der sehr schön und sorgfältig angerichtet war mit einem rosa Lammgigot an einer Pfeffersauce.
Dazu Karotten und wenige Kartoffeln, vorzüglich gegart. Adil roch nun auch den guten Geruch des Essens und staunte. Der Mann hatte ihn beobachtet und meinte leise: „Exzellenter französischer Koch. Er kocht um sein Leben. Iss ohne Bedenken, sehr gut“. Adil versuchte. Ja, es war hervorragend gekocht. Und es kam ihm bekannt vor. „Du kennst den Koch. Es ist Michel, dieser Don Juan. Er kochte im Hilton, wo du gerne assest, bis wir ihn verhafteten. Er wusste etwas zu viel. Seine unzähligen Frauengeschichten waren ihm schliesslich fatal“. Adil blieb das Essen im Hals stecken und mühsam hustete er heraus: „Er kocht um sein Leben?“. Er trank einen Schluck Wasser, denn fast wäre er erstickt. Er erinnerte sich, dass der Koch von einem Tage zum anderen verschwunden war. Im Hotel hatte man gemunkelt, dass der Geheimdienst die Hand im Spiel hätte und man eine Frau auf ihn angesetzt habe. Offiziell hiess es, er sei heim nach Frankreich. Adil schluckte nun leer. Ihm wurde heiss und Appetit hatte er keinen mehr. Da erhob der Mann das Glas und prostete Adil zu: „Auf unsere Zusammenarbeit, denn die werden wir nun anheben.“ Ostentativ hielt der Mann das Glas erhoben und wartete auf Adil, auf dass er anstosse. Der sagte bloss: „Was für eine Zusammenarbeit“ – und in ihm meldete sich der Anwalt – „ja, wenn ich überhaupt damit einverstanden bin“? Der Mann meinte ironisch lächelnd: „Du hast keine Wahl, hier kommst du lebend nicht mehr heraus.“ Adil war wie versteinert. In seinem Innern tobten Gefühle, Angst stieg in ihm auf, er war wie gelähmt. Sein Arm, der sich zum Glas bewegt hatte – sozusagen von der Höflichkeit automatisch geleitet – blieb in starrer Haltung, wie eingefroren, unverändert, bis ein Krampf ihn erfasste und er auf den Tisch sank. Wie in einem Film lief ihm die Szene durch den Kopf, als er einen Oppositionellen vor Gericht vertrat und der Richter in einem zum Voraus abgekarteten Prozess das Todesurteil verkündete. Er sah das Gesicht seines Mandanten, dessen schreckverzerrte Gesichtszüge, erlebte wieder diese Welle von heissen Gefühlsstürmen, die ihn innerlich durchtobten, seinen Geist absorbierten und schmerzlich verzehrten, seine Seele, deren er sich wohl zum ersten Mal richtig gewahr wurde und in seinem Inneren aufschrie und ihn zerriss und wunde zurückliess, all das erlebte er in einer beängstigenden Déjà- vu- Sequenz. Er verlor fast das Bewusstsein, denn nun traf es ihn, nicht den Mandanten. Der Mann hatte ihn genau beobachtet und flüsterte, fast zärtlich: „Und du wirst nicht für dich um Gnade bitten können, wie du es damals für deinen Mandanten erfolgreich tatest. Das hast du damals brillant und kühn gemacht, die richtigen Verbindungen aktiviert, auch zum Ausland. Du fielst mir sofort auf, schön, brillant, gewandt, männlich mutig, sehr geschickt, von berückender Intelligenz, charmant, gewinnend. Ich habe damals mich in dich verliebt und ich wartete bis zum heutigen Tag, um dich zu haben, in meiner Herrschaft zu wissen. Nun ist es so weit.“ Fassungslos starte Adil ihn an und stammelte: „Wie soll ich dich lieben?“ – atmete heftig und rang nach Fassung – „ich kann dich nicht lieben - ich liebe meinen Freund“! „Ich weiss“, antwortete der Mann und ich weiss sogar, wie du deinen Freund liebst, wir haben es gefilmt. Nichts ist mir aus deinem Leben verborgen. Du meintest mit der Engländerin und einer Scheinehe uns zu täuschen, das ist dir nicht gelungen.“ „Du homosexuell“, stammelte Adil, „als Geheimdienstbeamter in einem Staat, der Homosexualität verfolgt?“ „Wir sind das Gesetz“, sagte der Mann tonlos „und tun, was wir wollen – vielleicht nicht mehr lange, deshalb wollte ich dich jetzt hier haben“. „Was soll das Heissen“, hauchte Adil beklemmt. „Unsere ausländischen Partner lassen uns fallen, die geopolitischen Voraussetzungen ändern sich und ich habe nicht im Sinne, einem neuen Regime zu dienen und vor allem nicht, mich für mein Tun rechtfertigen zu müssen. Übrigens nenne mich Levi. Ich werde mit dir in den Tod gehen. Nun sind wir Partner auf Leben und Tod! Nimm endlich dein Glas und stoss darauf mit mir an.“ Adil fühlte sich wie in einem Alptraum und ganz mechanisch ergriff er das Glas und führte es zum anderen, welches Levi ihm entgegenhielt. Die Gläser klangen. Er trank wie in der Hoffnung, dass mit dem Trinken auch der Alptraum abrupt aufhören möge und er dann erwache – schweissgebadet vielleicht - , aber wieder in der alten und vertrauten Welt. Er stellte das Glas wieder hin, wartete beklemmt auf die Erlösung, nein, nichts tat sich. Ihm gegenüber sass Levi, leise lächelnd, ihn fast liebevoll anblickend. Mit gepresster Stimme hauchte Adil: „Das ist ein Alptraum, das kann nicht wahr sein?“. „Doch, doch“, meinte Levi mit völlig entspannter und selbstverständlicher Stimme „es ist so und du wirst mich lieben lernen, aber iss jetzt, das Essen wird kalt“. Entsetzt starrte Adil Levi an und merkte plötzlich, dass er Hunger hatte. „Endlich“ meinte Levi trocken „wirkt die Pille, ein amerikanisches Produkt zur Appetitsteigerung, sehr gute Ware, wurde in Guantanamo erprobt zur Brechung von Hungerstreiks.“ Adil griff zu und schlang das Essen in seinen Gefühlswirrwarr hinunter. Als er fertig war, wurde ihm übel. Levi packte ihn und trug ihn ins Bett. „Geht vorüber“, meinte er. Schlaf jetzt und ehe sich Adil versah, spürte er die Spritze, kurz danach einen Kuss auf seinen Lippen und die Wirklichkeit verdämmerte ihm, er schlief tief ein.
Wie oft sich das Ritual des gemeinsamen Essens und danach der Spritze und des Schlafens wiederholte, das wusste Adil nicht mehr. Er hatte das Zeitgefühl nun vollkommen verloren. Er lebte auf einer Insel, er hatte ein gedämpftes Gefühl der Wirklichkeit, irgendwie war alles distanziert, wattiert, ihn hätte nicht gewundert, wenn ihm Psychopharmaka gereicht worden wären.
Eines Morgens erwachte er und merkte, dass er nicht allein im Bette lag, neben ihm war Levi. Erstaunlicherweise überraschte es ihn nicht. Es schien ihm schon fast normal und er glaubte, in seinen Träumen auch schon realisiert zu haben, dass dieser neben ihm ruhte. Traum oder Wirklichkeit. Er wusste es nicht, aber der schon wache Levi schaute ihn an. Seine eine Hand ruhte auf der Schulter Adils, was dieser erst jetzt gewahrte, aber ihn kaum berührte.
Levi lächelte und meinte: „Guten Morgen!“ Adil erwiderte mechanisch und leise diesen Gruss. Levi lächelte und meinte, „Jetzt können wir die Mittel absetzen. Du bist wieder gesund. Du bist bloss noch schwach und mental gedämpft. Steh auf, wir gehen trainieren.“ Er war aufgestanden und legte Adil ein Paar Boxershorts hin. Er selbst zog auch welche an. Adil tat ihm gleich. Levi nahm ihn an der Hand, sie traten durch die Gartentüre in den Garten.
Ein schöner Tag empfing Adil, nicht zu heiss, die Luft voller Gerüche der Blumen und Bäume dieses schönen Hofgartens. Adil atmete tief diese geruchsschwangere Luft ein und langsam – sozusagen an den verschiedenen Gerüchen – hangelte er sich zu einem normaleren Bewusstsein hinan. Mit diesem erwachte auch wieder die Erinnerung, Ängste schossen wieder hoch, Fragen begannen wieder zu quälen. Adil versteifte sich und Levi merkte es. „Quäle und gräme dich nicht, nichts bedroht dich derzeit. Dein Freund und deine Angehörigen sind sicher, dafür habe ich gesorgt. Beruhige dich. Davon werde ich dir später ausführlich erzählen.“ Adil fühlte sich sekundenlang wie durch einen Sturm von Gefühlen aufgewühlt, Empörung und Dankbarkeit wechselten sich ab, und plötzlich spürte er im Hals einen Kloss, der weder rauf noch runter wollte, sein Adamsapfel schmerzte heftig und er schwankte, fiel in die Arme von Levi, der ihn liebevoll hielt und nun stürzte eine Tränenflut aus Adil heraus, die seinen Körper heftig schüttelte. Levi hatte Adil auf eine Bank gezogen, hielt ihn in den Armen und streichelte ihm beruhigend über Gesicht und Körper.
So begann die Geschichte, die sich Ariel ausmahlte, und die er sehr erotisch empfand. Er war sich aber gar nicht sicher, wen er nun in der Geschichte darstellte, mehr Adil oder Levi? Oder allenfalls beide, die je eine Seite seiner Persönlichkeit verkörperten? Ja, vielleicht!
Im SM- Club gab es einen Raum, in welchem ein grossmaschiges Drahtgitter quer durch den Raum führte. Hier begannen Heinz und Ariel ihre Spiele. Vorweg snifften sie je eine intensive Portion Poppers und Heinz legte sich vor dem Gitter zu Boden und Ariel erschien in einem Lederoutfit auf der anderen Seite des Gitters und forderte Heinz intensiv, aber leise auf, ans Gitter zu treten: «Zum Zaun», dann Pause. Und wie in seiner Geschichte musterte, er ihn mit Blick und Fingern, ja, zwängte seine Hände durch eine Zaunmasche und presste je nach Laune Heinz mit den Händen am Hintern oder Kopf an den Zaun. «Lass dich sehen, du bist mir ausgeliefert, armer Heinz, denn ich kenne deinen Namen, weiss, was du für geile Träume hast, aber die sage ich dir noch nicht». Dann gaben sie sich gegenseitig wieder Poppers, das in Kombination mit dieser geflüsterten, wenig sexuell aufgeladenen Sprache, die Heinz zwar ahnen, aber gleichzeitig im Unwissen liess und ihn anturnte, sie Beide aufgeilte. Manchmal wurde er durch das Gitter zärtlich geküsst, mal hart, ihn auch in die Lippen beissend, dann wieder ganz leicht, zärtlich schwebend wie ein Schmetterling über der Blume, die er saugt. Heinz, bereits erregt, schwebte schon in einem geilen Zustand, wenn Ariel nun mit der Hand an einer seiner Brustwarzen herumfingerte, diese sanft kneifte, dann mit einer Fingerkuppe in hohem Rhythmus antippte und ab und an unerwartet heftig quetschte. Heizens Glied war dann hoch aufgereckt und lugte durch die Gittermaschen. Ariel griff und massierte es mit der Hand, bis Heinz knapp vor dem Orgasmus stand, um dann rasch und wortlos seine Hoden zu greifen, worauf Heinz sich am Drahtgitter zu winden begann. Dann flüsterte Ariel ihm zu: «Nun geht’s los, dich werde ich drannehmen, mein Geliebter, ganz streng.» Die letzten Worte waren wie gehaucht, sinnlich, aber ebenso verängstigend, weil gedehnt und tonal in einem subtilen Zwischenbereich, kippend aus der Harmonie in eine angedeutete Disharmonie, nicht weit vom Eindruck des Gesangs der Venus, wenn sie den in den Venusberg eindringenden Tannhäuser begrüsst. Genau dieser Klang liess Heinz zu Boden und auf die Knie gleiten, wo er aus dieser Position mit seinem Mund sozusagen im Vorbeigang das erigierte Glied von Ariel fasste und hingebungsvoll zu blasen begann. Nun wand sich Ariel und je nach der Qualität der Behandlung durch Heinz eröffnete ihm jener, wie er nun bestraft werde. Ariel umrundete den Zaun, hatte bereits eine Peitsche in der Hand und forderte nun höflich, aber für Heinz unwiderstehlich aufgeilend: «Richte dich auf, dir muss ich das Blasen noch besser beibringen und weil du es letztes Mal doch begriffen hast, muss ich mit einer Strafe dir das im Gedächtnis fixieren. Es geschieht dies alles nur zu deinem Besten, mein Liebling. Halte dich bitte am Gitter fest und geruhe, deinen Hintern mir entgegenzustrecken». Bei diesen Worten verlor Heinz förmlich den Verstand, diese so formvollendet gesäuselte Ankündigung einer unmittelbar scharfen Bestrafung machte ihn völlig fertig. Es reichte noch gerade zu einem tüchtigen Einsaugen von Poppers und schon sauste die Pferdepeitsche auf eine seiner Hinterbacken. Heinz jaulte auf. Zuerst schmerzten die Schläge grausam, aber dann ging das Schmerzgefühl in eine geile Wärme über. Die Schlagsequenzen wurden bloss unterbrochen, wenn beide Poppers inhalierten, dann ging es mit den Schlägen gleich weiter, bis Heinz zu schreien begann. Dann intensivierte Ariel kurz die Schläge, kam Heinz ganz nahe und strich ihm zärtlich über den Rücken: «Oh, du mein armer, geliebter Heinz. Was musst du auch leiden, aber es geschieht wirklich nur zu deinem Besten, damit du endlich anständig zu blasen lernst. Komm in meine Arme, du Zierde meines Herzens». Und weinend schmiegte sich Heinz in die Arme und an die Brust von Ariel, der ihm tröstend mit der Hand über den Kopf fuhr. Nach einem Moment der Beruhigung mit vielen Küssen und Liebkosungen nahm Ariel Heinz an der Hand und zog ihn in eine Liebeskoje, wo er ihm zuerst sehr einfühlsam den geröteten und geschundenen Hintern mit einer schmerzlindernden Wundsalbe einschmierte. Dabei fehlte es nicht an Zärtlichkeit, Küssen und lieben Worten. Diesen Teil ihres Spieles liebte Heinz über alles. Er gab sich vollständig Ariel und seiner Zärtlichkeit hin, genoss es, völlig passiv, nur noch ein Gebrauchsobjekt von Ariel zu sein, der das auch weidlich ausnützte und Heinz mit leisen und lieben Worten anhielt, seine Arschbacken auseinanderzuziehen und sich auf sein Glied zu setzen und ihn zu reiten. Am liebsten aber war es Heinz, wenn Ariel ihn fickte und er dabei auf dem Rücken liegen konnte, seine Füsse auf die Schultern von Ariel stützend, der genussvoll ihn langsam, aber tief penetrierte, bis er sich in seine Gedärme entlud und er dann im Schritt spürte, wie das Ejakulat von Ariel wieder langsam aus seiner Rosette floss, wo Ariel es gierig aufleckte und ihm ab und zu eine Portion in den Mund schenkte, wobei sie sich in einem tiefen Kuss vereinten. Mitunter und wenn er Lust hatte, begann dann Ariel Heinz zu fisten, schmierte ihm den Hintern gründlich ein und glitt langsam mit seiner Hand in diesen hinein, wo er sanft seine Finger spreizte, und die Prostata reizte, bis Heinz zu zucken und keuchen begann, die Augen ihm fast aus dem Kopf traten und er in einem göttlichen Orgasmus explodierte.
Sie blieben noch längere Zeit auf der Bank, bis Adil sich beruhigt hatte. Levi hatte nicht aufgehört, ihn zu liebkosen und meinte sanft: «Da hat sich viel Spannung aufgebaut und ist nun abgeflossen. Gut, dass du weinen konntest. Das ist wichtig und ich schätze das. Männer meinen immer, Weinen sei ihrer nicht würdig, dabei kann es befreiend sein und mit dem Schicksal versöhnen. Das war gut. Das solltest du noch mehr. Wir werden es jeden Tag üben.» Adil war verwirrt, antwortete deshalb auch nicht gleich, sondern lag nun recht entspannt in den Armen von Levi und – er mochte es sich nicht zugestehen – genoss dessen Wärme und Fürsorglichkeit, erlebte sich dabei sehr passiv, mehr hingegeben als ihm lieb; denn immerhin war Levi doch verantwortlich für seine jetzige Lage, aus der er nicht mehr herauskommen sollte, wie Levi ihm angekündigt hatte. Ein leichter Schauer durchfuhr ihn, was Levi nicht entging und einmal mehr staunte Adil über die Fähigkeit Levis, seine Gedanken zu lesen. «Wenn du meinst, ich sei für dein Schicksal verantwortlich, so täuschst du dich gewaltig. Wenn ich nicht meine schützende Hand auf dich gelegt hätte, so wärest du in ganz grausamer Situation oder schon tot, denn du hattest dir, ohne es zu merken, mächtige Feinde gemacht, die dich beiseite räumen liessen. So bist du jetzt da und ich bestimme hier. Für die draussen bist du tot.» Und zärtlich drückte Levi Adil einen Kuss auf die Stirne. Beide schwiegen. Adil versuchte zu begreifen, was Levi ihm eben sagte. Dann fragte er: «Was habe ich falsch gemacht? Ich habe doch immer versucht, einen versöhnlichen Mittelweg zu gehen und die Mächtigen nicht zu provozieren? Dank meiner guten Beziehungen gelang mir auch vieles.» «Das Mandat Youssuf war dein Fehler. Youssuf war nicht nur Geschäftsmann, sondern auch Doppelagent, der Beziehungen zur Auslandopposition hatte. Deine Bemühungen in der Angelegenheit Youssuf-Delman sollten Finanzkanäle für die Opposition öffnen. Wusstest du das?» Adil schaute Levi an, überlegte und meinte: «Etwas kam mir an dieser Sache seltsam vor, aber ich konnte es noch nicht orten». «Dein Glück», meinte Levi erleichtert, »sonst könnte ich dich nicht schützen. Diesen Eindruck hatten auch unsere Geheimdienste, aber unser vorzüglicher Präsident, der schon geopolitisch unter grossem Druck steht, wollte kein Risiko eingehen. Und deine Homosexualität lieferte dich ihm bequem ans Messer. Du bist aber kein grosser Fisch für ihn, deshalb kümmert er sich nicht weiter um dein Schicksal, was mir freie Hand gibt. Da ist die Lage für Youssuf viel schlimmer. Der wurde befragt und das auf nicht ganz gemütliche Weise. Man hat ihn wie dich als Perverser der Öffentlichkeit präsentiert, die beide in einem nichtöffentlichen Prozess abgeurteilt würden, der öffentlichen Moral wegen. Das Urteil wird später mal in den Medien präsentiert. Ein Gerichtsverfahren wird es freilich nie geben. Diese Ausgangslage gab mir auch die Möglichkeit, deine Frau in die europäische Heimat abzuschieben. Deine Frau hat aufrichtig mitgespielt und erzürnte sich über deine Ausschweifungen. Sie hat das gut den Medien präsentiert. Sie war aber sehr betroffen, weil sie dich auf eine ganz eigene – asexuelle – Art liebt. Ich habe auf dem Flughafen und vor dem Abflug mit ihr – auch mit deinem Freund, der sie begleitete – gesprochen und beiden versichert, dass ich dich beschütze, sofern sie schweigen. Ist dann alles wie nach Drehbuch gelaufen. Ich fürchtete noch, dein Freund würde Schwierigkeiten machen, denn er war nicht nur sehr betroffen, sondern zutiefst aufgewühlt und empört. Aber schliesslich fand er zur Räson. Unser vorzüglicher Präsident war sehr zufrieden und hat mir persönlich gratuliert.» «Und wo sind meine Frau und mein Freund jetzt», stammelte Adil. «In Europa in Sicherheit», meinte Levi kurz. «Deine Frau ist sehr vermöglich, wie du ja weisst. War für dich auch sehr angenehm. So warst du nie von Geld abhängig, das wir dir hätten geben können. Das war einer deiner Trümpfe. Du wähntest dich auch sicher deiner europäischen Beziehungen wegen. Die trugen aber nur eine beschränkte Zeit, das politische Personal in Europa hat geändert, die geopolitische Situation auch, damit ist dieser Schutz dir nach und nach weggebrochen.» «Du weisst ja wirklich alles», entfuhr es Adil, der sich aufgerichtet hatte und aus den Armen von Levi löste. «Ist auch mein Job», meinte Levi trocken und knapp. «Wie kannst du auch nur eine solche Tätigkeit ausüben», fragte Adil vorwurfsvoll. «Gute Frage», antwortete Levi nachdenklich und nahm Adils Hand in die seine. Und mit warmer, emotional schwingender Stimme begann er leise zu erzählen: «Was ich dir jetzt erzähle, das habe ich noch nie jemandem so erzählt, es ist meine Lebensgeschichte. Geboren wurde ich auf dem Lande als Kind armer Kleinbauern. Wir hatten nichts ausser unserer schäbigen Hütte, wenig Land, das knapp unserer Versorgung reichte. Wurde das Wasser in den Bewässerungskanälen, die wohl noch aus der Römerzeit datierten, zum Rinnsal, dann hungerten wir. Mein Vater war zusätzlich noch Taglöhner. Er starb an einem Arbeitsunfall, verendete wie ein Tier auf der Arbeitsstelle, wo man ihn einfach liegen liess. Für unsereiner gab es weder Schutz noch Mitleid. Meine Mutter versuchte uns durchzubringen, mich und meine zwei jüngeren Brüder. Sie war einerseits mutig, erfinderisch, auch liebevoll, gleichzeitig streng und völlig in ihr Schicksal ergeben. Das machte mich so rasend. Im Todesjahr meines Vaters war ein Aufstand in unserem Gebiet und Armeeeinheiten rückten an. Wir erlebten keine Kämpfe, aber einst ruhte sich eine kleine Gruppe von Soldaten im Schatten unseres Hauses aus. Sie assen und meine Mutter hiess mich, ihnen Wasser aus dem Sodbrunnen zu bringen. Der Offizier, der die Gruppe anführte und schon etwas älter war, fragte mich, der ich damals 14jährig war, was ich werden sollte. Ich hatte Hunger und sah die Soldaten essen, so dass ich prompt antwortete: Soldat! Gut meinte der Offizier, dann kannst du gleich mitkommen und rief meine Mutter, der er Geld bezahlte und ich erhielt zu essen. Meine Mutter nahm mich in die Arme, segnete mich, dankte Allah und bat den Offizier, auf mich aufzupassen und mich gut zu behandeln. Er nickte und verbeugte sich zu meiner Mutter. Dann wurde aufgebrochen. Mutter und Brüder standen vor dem Haus und winkten, ich winkte zurück und mir war schwer ums Herz, aber ich biss tapfer auf die Zähne und weinte nicht vor der Gruppe. Es war das letzte Mal, dass ich meine Familie sah. Ein halbes Jahr später gab es einen Sturm, in welchem meine Familie umkam. Der Offizier hatte mich bei der Verabschiedung von der Familie beobachtet. Als ich Mutter und Brüder nicht mehr sah, fasste er mich an der Hand und begann mich über meine Kindheit zu befragen. Ich erzählte und er hörte wortlos zu. Die Gruppe ging in einem angenehmen Tempo, locker, denn das Gebiet galt als von Aufständischen gesäubert und die Gruppe hatte die Aufgabe, den Zustand der Infrastruktur zu erheben. Immer wieder wurde angehalten, Skizzen gemacht, fotografiert und Protokolle ausgefertigt. In solchen Momenten musste ich aus einer grossen blechernen Militärkiste, welche auf dem Marsch von zwei Soldaten getragen wurde, Karten, Blätter, Stifte und Instrumente holen und bringen. Der Offizier war freundlich, knapp in seinen Anweisungen und offenbar sehr kundig in seiner Aufgabe. Jedenfalls behandelten ihn die Männer mit grossem Respekt. Das erfuhr ich gleich am ersten Tag, als ich gegen Abend mit einem Soldaten ins Gespräch kam und der mir kurz erklärte, der Offizier sei ein bekannter europäischer Infrastrukturingenieur und Kartograph. Als ich fragte, warum er denn in unserem Lande sei, flüsterte mir der Soldat zu und legte den Finger vor den Mund, man munkle, dass er sich abgesetzt habe, warum wisse man nicht. Ich nahm das etwas verständnislos zur Kenntnis, ohne dem aber in meinem kindlichen Gemüt Bedeutung zuzumessen und nicht ahnend, dass ich es bald wissen würde.
Gegen Abend kamen wir in eine Ortschaft, aus der offenbar viele Bewohner geflüchtet waren. Einige Häuser standen leer, waren aber noch voll eingerichtet. Der Offizier wählte ein grösseres aus, bestimmte sein Zimmer, dem eine kleine Kammer mit einem Bett angeschlossen war, die er mir zuwies. Der Offizier gab ruhig einige knappe Anweisungen und ohne weitere Worte machten sich die Soldanten an ihre Arbeit, richteten sich ein und begannen zu kochen und zwei weiter stellten sich als Wachen vor die Türe. Das Haus musste einem reicheren Bürger gehören, denn es war geräumig und mit Geschmack eingerichtet.
Der Offizier rief mich aus meinem Kämmerlein und bat mich, ihm sein Gepäck zu bringen, das in einem Militärtornister verpackt war. Ich holte diesen flink, was den Offizier beindruckte, weil er doch recht schwer war. Dann eröffnete er mir, ich sei jetzt seine Ordonnanz und hätte seinen Haushalt und seine Sachen zu besorgen. Verdienen und lernen würde ich dabei auch etwas. Ich solle ihn ‘Sir John’ nennen. Ich meinte damals, ‘Sir’ sei sein Vorname und quittierte dies mit ‘Ja, Herr John’, was ihn kurz stutzen liess, er dann aber sofort begriff und mir bestimmt, aber freundlich erläuterte, dass ‘Sir’ eine englische Anrede für ‘Herr’ sei und er aus England komme. Er sprach unser Idiom ohne jeden Akzent perfekt.
Er ass mit mir und den Soldaten, dann schickte er mich ins Bett. Da ich immer auf einer Matte geschlafen hatte, legte ich mich vor das Bett auf den Bettvorleger. Einmal in der Nacht spürte ich, wie mich jemand aufhob, schlug kurz die Augen auf und sah Sir John. Er legte mich ins Bett und ich schlief weiter. Als ich am Morgen aufwachte, sah ich durch die offene Türe in das Zimmer von Sir John, der sich vor dem Fenster rasierte und mich aufforderte, mich anzuziehen, was ich sofort tat. Dann gab es Frühstück und Sir John verfügte, dass wir hier einige Tage bleiben würden, um die Umgebung zu erkunden. Ich solle sein Zimmer aufräumen und einem Soldaten helfen, der für die Versorgung bestimmt war.
Zum ersten Mal in meinem Leben war ich ein Mensch, der ausserhalb der Familie anständig behandelt wurde. Sir John war streng, aber fair. Er verlangte von seinen Leuten etwas, aber hatte auch Verständnis für deren Nöte. Wohltuend war sein sehr englischer Humor, den ich anfänglich nicht verstand. Hingegen verstand ich sofort, was gute Führung bedeutete und natürliche Autorität. Sir John wurde mein Vorbild. Erst später gewahrte ich, dass er in Aussehen und Art erstaunlich dem Schauspieler David Niven glich. Sehr beeindruckte mich, dass er mit jedermann sich verstand, sei er Bauer oder Gouverneur. Mit allen war er freundlich, bestimmt und etwas distanziert, ohne überheblich zu wirken. Welch ein Unterschied zu der Oberschicht meiner Geburtsregion, die uns Bauern immer wie Dreck behandelte und demütigte, wo sie konnte, ja verachtete und uns das auch spüren liess.
Rasch wurde ich mit meiner neuen Rolle vertraut. Waren wir auf Erkundungsmission, hatte ich mich ums Gepäck und die Unterkunft zu kümmern. Ich lernte mit den Instrumenten umgehen und wurde mit der Vermessungstechnik vertraut. Geschult wurde ich auf Geheiss von Sir John von einem jungen Soldaten namens Ali, der im Zivilleben Lehrer war. Es war ein hagerer noch jüngeren Mann, mit grossen braunen Augen, die sehr ausdruckstark waren. Ich war nur sehr rudimentär zur Schule gegangen. Nun wurden die Wissenslücken gestopft und ich lernte begierig mit Ali, der praktisch zu meinem Privatlehrer geworden war.
Sir John liess es dabei nicht bewenden, sondern führte mich auch in den gesellschaftlichen Comment nein, so dass ich lernte, mich in der Gesellschaft zu bewegen.
Sir John las viel und ich musste immer in seinem Gepäck die Bücher mitführen, die er gerade las. Wenn er ein Buch zu Ende gelesen hatte, musste ich es lesen und ihm dann erzählen, was ich gelesen hatte. Vieles überforderte mich vollständig, weil es erstens meinem Alter nicht angemessen war und zum zweiten oft meinen Erfahrungshorizont sprengte. Ich erinnere mich an ein Buch, wo eine «Metro» eine Rolle spielte und ich keine Ahnung hatte, was das sei.
Damals waren wir in der Garnisonsstadt unserer Einheit und Sir John hatte dort eine sehr geräumige, prächtige Wohnung mit Terrasse, die auf einen schönen Garten gab. Abends sass er auf seinem Lesestuhl, neben sich auf einem Tischchen ein Glas Whisky und rauchte dazu lesend eine Pfeife. Wenn ich mit dem Aufräumen des Esszimmers fertig war, durfte ich zu ihm und er befragte mich über meine Lektüre und holte mit unendlicher Geduld aus mir heraus, was ich unterbewusst wusste, aber noch nicht gegenwärtig hatte. Ich lernte mit ihm viel und wirkte wohl bald etwas altklug. Er beobachtete dies mit dem ihm eigenen Phlegma und schmunzelte jeweils kurz.
Als ich zu Sir John kam, hatte ich noch wenig eigene sexuelle Regungen, aber meine Pubertät begann dann recht stark und ich wurde für sexuelle Phänomene sehr viel empfänglicher und aufmerksamer, umso mehr als ich nun fortlaufend mehr in die militärische Ausbildung eingegliedert wurde. Die durfte zwar offiziell erst ab 18 Jahren anheben, was aber Sir John nicht hinderte, mich an ausgewählten Ausbildungen teilnehmen zu lassen. Dazu gehörte Sport allgemein, Fechten, Schiessen und Schwimmen sowie einige theoretische Fächer. Ich hatte in den letzten Monaten körperlich sehr zugelegt, auch in meiner geistigen Entwicklung und wirkte deshalb wohl älter als ich war. Ich hatte auch keine Gelegenheit auszugehen, weil mich Sir John sehr beanspruchte und forderte. Er übertrug mir immer mehr Aufgaben, die mich ausfüllten. Er war nun im Generalsrang, blieb aber bei seiner spezialisierten Gruppe, die nun systematisch das ganze Land bereiste und kartographierte.
Die jungen Männer in den militärischen Kursen sprachen ständig von Frauen und prahlten mit ihren Abenteuern. Bald wusste ich theoretisch viel über Sex, hatte jedoch keine Gelegenheit dazu.
Just zu dieser Zeit spielte sich eine eindrückliche Szene ab. Unsere Garnisonskaserne stammte noch aus der Kolonialzeit und war vielfach umgebaut worden. Zwischen den Gebäuden waren verwinkelte Höfe, die man erst überblickte, wenn man sie betrat. Eines Tages und als wir von einer Tour zurückkamen, betraten wir einen Hof und stiessen auf eine seltsame Konstellation. Ein Truppenverband stand da ohne Waffen im Carré und vor ihr eines dieser grossen quadratisch mit Stahlrohren gefassten Gitter, die schräge gestellt oder flach dazu dienten, Decken oder Zeltplachen zu reinigen oder auszuklopfen. Just an dieses Gitter war ein Mann gefesselt, die Beine wie die eines Frosches hochgezogen und das Gesäss und die Genitalien frei. Zwei Männer waren gerade im Begriff dem Gefesselten einen rund zwei Meter langen und runden Stab in den Anus einzuführen. Einer hielt den Stab, der andere hatte einen Hammer in die Höhe gezogen, um zuzuschlagen. Sir John war seiner Gruppe wie immer vorangegangen, sah die Szene, zog seinen Revolver, was seine Männer, ohne ein Wort von ihm, spontan und alsogleich dazu führte, die Waffe in Anschlag zu nehmen. Der Offizier, der vor dem Carré stand, wollte ebenfalls seinen Revolver ziehen, aber schon knallte ein Schuss, der Offizier sank zu Boden. Erst jetzt gewahrte ich, dass die Männer im Carré teils ihre Köpfe hoben, die sie offenbar vorher gesenkt hatten. Sir John erteilte mit schneidender Stimme kurze Befehle, aus dem Carré lösten sich Männer, welche den verletzten Offizier vom Boden hoben und Richtung Sanitätsposten wegführten. Die zwei Männer, welche die Stange geführt hatten, wurden auch weg eskortiert. Zwei Männer unserer Gruppe lösten den Gefesselten vom Gitter, wo zwischenzeitlich auch Sir John angelangt war, der die Hosen des Mannes aufgehoben hatte und sie ihm entgegenstreckte, dabei kurz, aber nicht unfreundlich meinte: »Anziehen». Er fragte weiter: »Geht’s» und als der Soldat nickte:
«Wenn Sie künftig verstopft sind, melden Sie sich bei mir, ich habe bessere Klistiere». Der Soldat, der seine Hose wieder angezogen hatte, salutierte, Sir John dankte und verwies ihn an seinen Stellvertreter in der Gruppe, dem er einige Instruktionen gab. Dann führte er seine Gruppe in unser Quartier, ohne ein weiteres Wort über den Vorfall zu verlieren.
Dieser Vorfall wühlte mich sehr auf. Erst mit der Zeit dämmerte mir, dass man den Mann auf dem Gitter hatte durch Pfählen töten wollen. Aber warum? Niemand aus der Gruppe von Sir John wollte klar Stellung nehmen. Ich selbst war einerseits von grossem Mitleid für den Mann erfüllt, der nun in unserer Gruppe war, gleichzeitig vom Erlebten seltsam fasziniert, ja erregt. Und wenn wir in der Gruppe duschten und ich zufällig mit Samir – so hiess der von der Pfählung errettete Mann – zusammen in der Dusche war, musste ich gegen meine Erregung kämpfen, was Samir nicht entging und mir sehr peinlich war. Aber Samir liess sich nichts anmerken und war immer sehr nett und hilfsbereit. Wir teilten die Verehrung für Sir John.
Ariel liebte es, abends, wenn er zuhause war, sich nach einem kurzen Abendessen nackt ins Bett zu legen und an der Geschichte von Adil und Levi weiter zu spinnen, dabei durchlebte er sämtliche Gefühle und Ängste der beiden. Manchmal weinte er, so sehr litt er mit den Protagonisten seiner Fantasievorstellungen, spielte dabei immer mit seinem Gemächte und genoss diese mässige Geilheit, die ihn erfüllte, bis er an einer Vorstellung sich festkrallte, die in seinem Kopf immer konkreter sich formte, sich dabei aufgeilte, etwas Poppers schnüffelte und völlig seinen Fantasien hingegeben, sich befriedigte. Eine solche Kopfszene war jene mit Samir gewesen, als er gepfählt werden sollte. Die Szene war auch nicht gänzlich seiner Fantasie entsprungen, sondern beruhte auf der Schilderung eines Deserteurs in einem Bürgerkrieg, der den Flüchtlingsstatus beantragt hatte. Die Asylbehörde nahm ihm, indessen seine Schilderung nicht ab, weil er die Hofstruktur seiner Kaserne nicht genau schildern konnte. Dabei war er als Homosexuller tatsächlich zur Pfählung verurteilt worden, wurde auf das Gitter gebunden, spürte den Pfahl bereits in seinem Anus und wie dieser mit kleinen Hammerschlägen sehr langsam in ihn getrieben wurde. Die sadistischen Folterknechte wollten es in ihn ‘geniessen’ lassen, was sie ihm immer wieder hässlich grinsend zuriefen und nicht unterliessen, ihm zu versichern, er werde lange und gründlich gefickt, denn eingeschmiert sei der Pfahl vorzüglich. Was ihn rettete, war eine völlig unerwartetes Bombardement. Eine Granate schlug voll in die Truppe. Es war grauenhaft. Überall Blut, abgerissene Glieder und zerfetzte Körper. Wie durch ein Wunder erlitt er keine einzige Schramme. Ein Mitsoldat, der völlig blutverschmiert war, löste ihm die Fesseln und er nutzte die allgemeine Panik und Verwirrung, um zu flüchten, was dann sehr abenteuerlich und gefährlich wurde, aber letztlich gelang. Der Flüchtling war schwer traumatisiert und konnte kein normales schwules Sexualleben mehr führen. Jeder sexuelle Kontakt liess seine Erinnerung hochschiessen mit all den Ängsten und der erlebten Todesahnung. Ariel war durch die Erzählung und das Schicksal des Flüchtlings tief schockiert und voller Mitleid. Besonders traf ihn, dass er realisieren musste, dass er ihm nicht helfen konnte.
