Die Holzfigur - Jens Kreeb - E-Book

Die Holzfigur E-Book

Jens Kreeb

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Beschreibung

Frankreich, August 1833. Der Künstler Arnault Lecroix verlässt aus fadenscheinigen Gründen seine Frau Madeleine und seinen dreizehnjährigen Sohn Julien, um bei der französischen Fremdenlegion anzuheuern. Kurz darauf kommt er in Nordafrika unter mysteriösen Umständen ums Leben. Jahre später überreicht die im Sterben liegende Madeleine ihrem Sohn ein Vermächtnis seines Vaters: eine Holzfigur, die einen betenden Mann im Mönchsgewand darstellt. Die Figur soll übernatürliche Kräfte besitzen, die sich gegenüber ihrem Besitzer, je nach Herzenshaltung, positiv oder negativ auswirken können. Zunächst geht es in Juliens Leben stetig bergauf. Seine Kunst, die ihn der Vater einst gelehrt hat, macht ihn zu einem reichen Mann. Als der talentierte Philippe in Juliens Leben tritt, entwickelt Julien einen ihm selbst bislang unbekannten Charakterzug: Neid. "Die Holzfigur" von Jens Kreeb ist ein Mystery-Roman vor historischem Hintergrund, der seine Leser von der ersten bis zur letzten Seite fesselt.

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Seitenzahl: 492

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Jens Kreeb

Die Holzfigur

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

I. Arnault

II. Julien

III. Sophie

IV. Mathieu

V. Philippe

VI. Der Mönch

Nachschrift

Impressum neobooks

I. Arnault

1Es dämmerte. Die Farben des Waldes verloren kaum merklich und doch unaufhaltsam an Kraft. Das Zwitschern der Vögel und Summen der Insekten verstummte. Kein Laut. Nicht einmal die Blätter der Bäume wagten es mehr, zu rascheln. Die dritte Nacht hatte angeklopft und zog ihren Schleier über den unsichtbaren Himmel. Nachdem er drei Tage und zwei Nächte durch den Wald geirrt war, beschloss Arnault, sich am nächstbesten Platz, der nicht von Gestrüpp überwuchert, sondern mit Moos oder Gras bewachsen war, hinzulegen, um zu schlafen. Nun, nicht Arnault selbst beschloss dies. Es waren vielmehr seine schmerzenden Beine und seine Augen, welche er kaum noch offenhalten konnte und die ihm seit Stunden immer stärker verschwommene Bilder seiner Umgebung lieferten. Das weichende Tageslicht tat nun sein Übriges dazu. Sein Körper vermisste die Kraft, welche noch vor Kurzem in ihm steckte. Die Kraft in seinem Herzen war schon seit geraumer Zeit geschwunden.Die wachsende Dunkelheit kam seiner Wahrnehmung nicht zu Gute. Er konnte nicht mehr weiter, mangels Kraft und mangels Sinns. Es hatte von Anfang an keinen Sinn gemacht. Der Wald war endlos. Arnault war sich dessen inzwischen bewusst. Es gab keinen Waldrand, keine Grenze zu einem Feld – zumindest nicht für ihn. Die dichten Baumkronen gaben den Blick zum Himmel nicht frei. Welch eine Metapher, dachte er sich. Denn es würde für ihn auch keinen Weg dorthin geben. Unerreichbar. Der Ort, an dem er sich befand, war zu weit vom Himmel entfernt.Tief im Gewirr seiner Gedanken wusste Arnault, dass er verfolgt wurde. Und er wusste auch, von wem. Nur wahrhaben konnte er es nicht, denn es war nicht möglich. So einfach war das. Schlicht unmöglich, was das Gedankengewirr produzierte; nicht real und doch da und spürbar. Er fragte sich, ob sich solche Gedanken aufdrängten, wenn man wahnsinnig wurde, und ob man es wohl selbst wusste, wenn man es schließlich war.Arnault war nicht wahnsinnig; nicht im Sinne von Verwirrtheit und Halluzination, auch wenn er sich dessen nicht mehr sicher war. Er blickte den letzten halbwegs klaren Blick des verstreichenden Tages und fasste dessen letzten klaren Gedanken, als er sich am Rande einer kleinen, grasbewachsenen Lichtung niederließ. Die Erschöpfung ließ ihn sofort einschlafen, so tief, dass es den bösen Träumen der Vergangenheit zunächst nicht gelang, zu Arnaults Unterbewusstsein durchzudringen.Der Mantel des Schlafes, der sich um Arnault gehüllt hatte, war jedoch aus dünnem Stoff und schütze ihn nicht allzu lange Zeit vor der empfindlichen Kälte der Nacht. Fröstelnd wachte er nach nur wenigen Stunden wieder auf. Arnault spürte die Verkrampfung seiner Beine, deren Knie er an seine Brust presste. Er sehnte sich nach einer warmen Decke, zumal er merkte, dass seine Müdigkeit, obwohl von unermesslicher Schwere, nicht ausreichte, die Kälte mittels des Schlafes noch ein paar weitere Stunden zu unterdrücken. Einige Minuten suchte er noch vergebens nach dem so notwendigen Schlaf. Dann öffnete er langsam die Augen. Mondschein fiel in die kleine Waldlichtung. Für einen kurzen Moment war er erstaunt darüber – hatte die Sonne doch kaum einen Weg durch das Dickicht der Blätter finden können. Er konnte die Bäume und Büsche im Rund deutlich erkennen, ebenso wie die menschliche Silhouette auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung.Arnault erstarrte – noch mehr als er es durch sein Frieren bereits tat. Wer immer das auch war, der sich nur wenige Meter von ihm entfernt befand, er bewegte sich ebenso wenig wie Arnault selbst. Arnault hatte das Gefühl, als würde diese Gestalt schon seit einiger Zeit dort stehen und ihn beobachten. Und noch etwas fühlte er: Von diesem geheimnisvollen Menschen ging keine Hilfe, sondern Bedrohung aus. Arnault tastete vorsichtig nach dem Knauf des Säbels, welchen er an seiner rechten Hüfte wähnte, doch sein Griff erreichte lediglich den leeren Schaft der zurückgebliebenen Halterung an seinem Gürtel. Der Gedanke an das Messer, welches sich an der Hüfte, auf der er lag, befand, kam ihm angesichts seiner nächsten Wahrnehmung sofort lächerlich vor: Arnault sah die Klinge seines Säbels im Mondlicht blitzen ... über dem Kopf der finsteren Gestalt, welche die Waffe mit beiden Händen festhielt. Der Mensch, das Monster, der Dämon ... er hatte sein bewegungsloses Verharren aufgegeben und sich Arnault bereits um einige Schritte genähert.So kurz er auch war, der Schlaf hatte Arnault gutgetan und er reagierte in Anbetracht seiner körperlichen Verfassung schnell. Noch bevor die Gestalt die Mitte der Lichtung erreicht hatte, war er aufgesprungen, seine Starre überraschend mühelos überwindend. Arnault begann zu rennen. Ohne noch einen Blick zurückzuwerfen, ob ihn die Gestalt verfolgte, rannte er blind in den Wald. Zweige schlugen ihm ins Gesicht. Er stolperte, hatte Mühe, den Baumstämmen, die er erst kurz vor seinem Auge erblickte, auszuweichen. Er rannte um sein Leben, fiel hin, bewegte sich während des Aufstehens in krabbelnder Weise fort, scheuerte sich dabei die Knie an den harten Wurzeln auf, ohne sich dessen mangels Bedeutung bewusst zu sein, und rannte weiter um sein Leben.Als er merkte, dass sein Atem seinem Rennen nicht mehr folgen konnte, ließ er sich hinter einem Baum fallen, rutschte an dessen Stamm und presste seinen Rücken dagegen. Es schien, als würde der Baum seinen rasenden Herzschlag widerhallen, und es dauerte einige lange Sekunden, bis er sein hastiges und geräuschvolles Luftholen soweit bändigen konnte, dass es ihm möglich war, in die Richtung des Verfolgers zu lauschen. Arnault vernahm nichts als Stille. Er wusste nicht so recht, ob ihn diese Stille beruhigen sollte. Viel lieber wären ihm weit entfernte Schritte gewesen, welche sich von ihm wegbewegten, da der Verfolger sich für eine andere Richtung entschieden hatte. Doch nun war ihm nicht klar, in welcher Situation er sich befand. Hatte er die Gestalt abschütteln können? War sie vielleicht einfach auf der Lichtung stehen geblieben und hatte erst gar nicht versucht, ihm zu folgen? Oder befand sie sich in seinem Rücken, auf der anderen Seite des Baumstammes?Die beiden Stunden bis zur Dämmerung erschienen Arnault wie zwei Nächte in Folge. Seine Augen sehnten sich nach Schlaf, doch der feuchte Moosboden entzog seinem Körper mehr Wärme als er ihm gab. Arnault befand sich am Ende seiner Kräfte und war doch noch nicht gewillt aufzugeben. Was er in den letzten Stunden erlebt hatte, erschien ihm keineswegs real, und so hoffte er auf eine Sinnestäuschung, auf ein plötzliches Erwachen im positiven Sinne. Für einen Menschen, der sich in einer solch außergewöhnlichen Situation befand, waren verwirrte Sinne eben nicht außergewöhnlich, sagte er sich.Seine Legion war zerschlagen worden. Die meisten der Männer durften den Hinterhalt, in den sie geraten waren, wohl nicht überlebt haben. Und der Rest, der dem Gemetzel entkommen war, irrte wahrscheinlich wie er seit Tagen durch den Wald. Ein guter Nährboden für Wahnsinn und Hirngespinste, der zur Bebauung freigegeben war und dessen Sprösslinge bereits erblühten.Seine soeben gedachten Gedanken konnten Arnault nicht gerade beruhigen. Wahnsinn hat grundsätzlich nichts Beruhigendes an sich. Trotzdem war er ein Strohhalm, ein absurder Hoffnungsschimmer, eine Erklärung für Arnaults Erlebnisse der letzten Tage und vor allem der letzten Nacht. Er hoffte auf den eigenen Wahnsinn als Verwässerer einer besseren Realität. Die Nacht ist es, die jedes Geräusch zum Laut eines Ungeheuers macht und jede Silhouette eines Baumstumpfes zu einem Wesen, welches säbelschwingend durch den Wald rennt.Arnault hatte das Glitzern des Säbels gesehen, welcher sich nicht mehr an seinem Gürtel befand. Erschreckend real.Er wollte die Sicherheit des Tages nutzen, einen Weg aus dem Wald zu finden. Arnault war sich bewusst, dass es wohl sein letzter Tag in diesem Wald sein sollte – tot oder lebendig – und dass er eine weitere Nacht nicht überstehen würde. Zumindest würde er dann nicht mehr gezwungen sein, über Wahnsinn nachzudenken und die Schwelle zur Realität erkennen zu müssen. Ein schwacher Trost.Er verließ den Schutz des Baumstammes, den er die letzten Stunden trotz der Kälte genossen hatte, dreht sich ein wenig nach links in die Richtung, in der er den sich behutsam ankündigenden Sonnenaufgang wähnte, und ging entschlossenen Schrittes in den Wald, in dem er bereits seit drei Tagen umherirrte. Einen Blick hinter den Baumstamm warf er nicht mehr.Der Wald war an diesem Ort in Bodennähe nicht besonders dicht. So war es nicht allzu tragisch, dass er seinen Säbel nicht mehr bei sich trug, denn es war nicht nötig, mehr als die Hilfe der Arme einzusetzen, um sich einen Weg durch Äste, Büsche und Gestrüpp zu bahnen. In seinem Innern fühlte er sogleich wieder eine aufkommende Unsicherheit – schließlich hatte er seit Tagen keinen Ausweg aus dem Wald gefunden, obwohl er schnell vorankam –, welche er noch im selben Moment wieder unterdrücken konnte. Und als er etwa zwei Stunden nach seinem Aufbruch auf einen Bach stieß, in dem klares Wasser floss, war ihm für kurze Zeit, als hätte er nie ein Gefühl der Unsicherheit gekannt. Arnault war erstaunt, wie sehr die Angst der vergangenen Nacht seinen Durst verdrängt hatte. Den letzten Schluck aus seiner Wasserflasche hatte er bereits vor Anbruch der zweiten Nacht genommen. Er hatte sie danach aus Verzweiflung ins Gebüsch geworfen. Glücklicher Weise wurde ihm aber sofort klar, dass er sie vielleicht noch gebrauchen konnte, wenn er doch noch Wasser finden sollte, und so hatte er sie wieder aufgehoben und den Lederriemen um seine Brust gehängt. Das Durstgefühl in Arnault kam so schnell an die Oberfläche seines Empfindens, dass er die Flasche gar nicht erst benutzte, sondern trank wie ein Tier, bis der schlimmste Durst gestillt war. Der an dieser Stelle ungefähr einen Meter breite Bach führte so viel Wasser, dass Arnault keine Angst zu haben brauchte, er könne kurzzeitig versiegen. Er entschied sich, dem Bach zu folgen und seine Wasserflasche nicht sogleich zu füllen, um sich den Ballast vorerst zu ersparen. So ging er einige Stunden den Bach entlang, der sich zwar mit vielen Windungen und Kurven um die Bäume schlang, seinen Weg gen Norden – die wenigen Sonnenstrahlen, die sich einen Weg durch die Baumkronen bahnen konnten, landeten auf seiner rechten Schulter – jedoch niemals aufgab. Diese Richtung gefiel Arnault. Es war die Richtung, in der sich sein Heimatland Frankreich befand, dessen Boden er nie wieder betreten sollte.Das Wasser hatte ihn ein wenig gestärkt und seinem ausgetrockneten Körper die Kraft gegeben, eine Zeit lang mit der Geschwindigkeit des Baches mitzuhalten. Doch glich diese Kraft der einer von der Wurzel abgeschnittenen, welken Blume, welche das Wasser noch einmal aufleben ließ, sie aber nicht mehr retten konnte. Sie ließ im Laufe der Stunden merklich nach. Er hatte seit über einer Woche kaum etwas gegessen und die wenigen Früchte, die der Wald bot, waren ihm fremd, sodass er Angst hatte, sich zu vergiften. Und diese Angst war größer als sein Hunger. Angst ist ein wirksames Rezept gegen den Hunger. Wenn man seinem Feind im Krieg Auge in Auge gegenübersteht, ist die Sehnsucht nach einer reichhaltigen Mahlzeit weitaus schwächer als in Zeiten des Friedens und der Ruhe, in denen die Ernte wegen eines heftigen Unwetters vernichtet wurde. Sobald der leere Magen Zeit hat, zu denken, wird es schlimm. Arnault hatte keine Zeit, zu denken. Er ging und ging, immer den Bach entlang, immer langsamer, und auch seine Zeit zu gehen ging dahin; schneller als ihm lieb war.Die Sonne war ihren Weg gegangen, von seiner Rechten über seine Schultern hinweg hatte sie ihn mit ihren langen, feinen Armen gestreichelt, mit denen sie hin und wieder durch die Blätter hindurchgriff, und als sie nur noch selten zu seiner Linken aufstrahlte, spürte Arnault die Unsicherheit zurückkommen. Dieses Mal hatte die Unsicherheit Verstärkung mitgebracht: Panik. Merkwürdig, wie sich Dämmerung von Dämmerung unterscheidet. Was ihm am Morgen ins Leben zurückhalf, stürzte ihn am Abend in eine tiefe Krise. Nannte man dies vielleicht Abendgrauen? Er schmunzelte. Versehentlich.Den Gedanken, noch einmal schneller zu gehen, verwarf die Resignation. Der Schwung des Wassers ließ nach, sodass Arnault trotz seines schleichenden Ganges bald im Gleichschritt mit dem Bach dahinkroch. Und als der Bach in einem kleinen See inmitten des Waldes zum Stillstand kam, hielt auch Arnault inne. Er blickte gen Osten und erhaschte den letzten Sonnenstrahl seines Lebens. Dieser spiegelte sich nochmals im See, ehe er die Wasseroberfläche den unheimlichen Gestalten preisgab, welche die Baumwipfel darin bildeten.Es war eine helle Mondnacht. Sie war wesentlich milder als die vergangenen Nächte. Arnault hatte sich am Ufer des Sees niedergelassen und harrte den Schrecken der kommenden Stunden. Am Tage hätte er hier wohl tatsächlich noch einmal das Blau des Himmels sehen können. Nur noch schwach spiegelten sich die Bäume auf dem Wasser wider, doch hin und wieder bildeten sie deutliche Silhouetten, in denen Arnault glaubte, eine Gestalt zu erkennen, die ihm bekannt war – nicht erst seit der vergangenen Nacht. Und wenn dann das Licht eines hellen Sternes reflektiert wurde, so schien es ihm, als erhaschte ihn ein böser Blick, der ihn entdeckte und seine Flucht beenden sollte. Arnault wusste, dass dieser Blick von der anderen Seite des Seins stammte.Arnault schreckte hoch. Trotz seiner Furcht war er kurz eingenickt; oder hatte er gar für längere Zeit geschlafen? Der Himmel hatte sich mit Wolken bedeckt und verriet Arnault nicht mehr den Lauf des Mondes. Trotzdem war es nicht vollkommen dunkel, was Arnault wunderte. Doch der zarte Lichtschein, der seine Augen erreichte, war nicht von konstanter Intensität, sondern glich eher einem unregelmäßigen Flackern. Ein Flackern, das seinen Ursprung hinter den Bäumen am gegenüberliegenden Seeufer haben musste. Es war Arnaults letzte Chance, das war ihm bewusst, und so stand er sofort auf und ging abermals los, die andere Seite des Sees – des Lebens, was er nicht wusste und doch befürchten musste – zum Ziel.Von einem Menschen, der in dunkler Nacht durch den Wald geht, erwartet man sicher zögernde, vorsichtige Schritte, die vor dem Aufsetzen des Fußes jede Unebenheit ertasten; vor allem, wenn der Weg direkt am Ufer eines Sees entlangführt. Arnault verschwendete keinen Gedanken an Vorsicht. Nach den ersten gemäßigten Schritten begann er sogar zu rennen. Und selbst als er hin und wieder über Wurzeln stürzte oder bis zu den Knöcheln in sumpfigem Boden versank, dachte er nicht daran, seine Schrittfrequenz zu reduzieren.Das Gestrüpp auf der anderen Seite des Sees war dichter als auf jener, auf der er sich zuvor niedergelassen hatte, und das Flackern drang nur gelegentlich in Arnaults Augen. Doch es war immer noch da, irgendwo hinter den Bäumen und Büschen. Trotz einigen Minuten des Suchens hatte Arnault keine merkliche Lücke oder Schneise entdecken können. Schließlich hob er die Arme vor sein Gesicht und zwängte sich seitwärts durch das Geäst, welches nach anfänglichem Widerstand letztendlich nachgab.Arnault fand sich auf einer kleinen Lichtung wieder. Er kannte diese Lichtung. Er hatte einen Teil der vorigen Nacht auf ihr verbracht. Zwar widersprach dies jeglicher Logik, schließlich hatte er sich am Sonnenlicht orientiert, um sicher zu sein, nicht im Kreis zu gehen; doch er wusste genau, wo er war. Weshalb er das wusste und wie er wieder hierher zurückkommen konnte, wusste Arnault allerdings nicht.In der Mitte der Lichtung brannte ein Feuer; groß und damit hell genug, dass es die komplette Lichtung und die sie einkreisenden Bäume ebenso beleuchtete wie die abermals menschliche Gestalt, die zu Arnaults Rechten in etwa drei Metern Entfernung zur Feuerstelle im weichen Gras saß. Obwohl Arnault bereits jetzt wusste, wer dort saß, wollte er diese letzte Chance ergreifen. Wenn sich das, was er ahnte, bewahrheiten sollte, spielte es ohnehin keine Rolle, was er nun tat. Er würde sich immer wieder im Kreise drehen, so lange, bis seine Zeit gekommen war.„Bitte erschreckt nicht“, sagte Arnault mit beinahe flüsternder Stimme, welche kaum durch das Knistern des Feuers drang.Die Gestalt reagierte nicht. Sie saß unbeweglich da. Bekleidet war sie mit einem langen, dunklen Gewand, welches ihren kompletten Körper bedeckte. Selbst der Kopf wurde von einer Kapuze bedeckt, sodass Arnault das Gesicht nicht erkennen konnte.„Hört Ihr? Entschuldigt bitte mein plötzliches Erscheinen in dieser Dunkelheit!“Arnault ging vorsichtig näher. Als er nur noch einen Meter von der Gestalt entfernt war und diese fast berühren konnte, erblickte er seinen Säbel in ihren Händen. Er hatte keine Zeit mehr, zu reagieren. Die Gestalt, die niemand anderes als Arnaults Wahnsinn geschaffen haben musste, stand plötzlich auf und wandte sich ihm zu. Arnault blickte in Quirins tote Augen. Für einen kurzen Augenblick funkelte Arnaults Säbel über ihren Köpfen. In der Sekunde vor seinem Tod wurde Arnault klar, an wen ihn Quirin stets erinnert hatte. Diese Erkenntnis erlangte er jedoch zu spät.2Es war der 20. August 1833, ungefähr eine Stunde nach Mittag, als Julien seinem Vater zum letzten Mal in die Augen blickte. Es waren dieselben braunen Augen, die auch sein Gesicht schmückten. Bis zu diesem letzten Augenblick hatte er nicht gewusst, dass sein Vater fortgehen, dass er ihn und seine Mutter hier zurücklassen würde. Zwar hatte er gehört, wie seine Mutter die ganze Nacht geweint hatte, war sogar mehrmals aus seinem Bett aufgestanden, um die Ursache für ihre Tränen zu erfahren; doch sie behauptete, es gäbe keinen besonderen Grund und hieß ihn rasch zurück in sein Bett. Erst als der Zeitpunkt des Abschieds von ihrem Mann gekommen war, machte Madeleine ihren Sohn mit der Wahrheit vertraut: Sein Vater würde sie verlassen. Nicht für immer, aber für ein paar Monate, vielleicht auch länger. Sie wüsste es selbst nicht genau.An diesem 20. August, kurz nach Mittag, nahm Arnault Lecroix seinen Sohn ein letztes Mal in den Arm, strich dessen kräftiges, dunkelbraunes Haar aus dem Gesicht, schaute ihn kurz, mit verheißungsvollem, jedoch traurigem Blick an und drückte ihn fest an seine Brust. Sie standen vor ihrem Haus, dessen helle, steinerne Wände samt dem Dach mit den roten Tonziegeln nahezu vollständig von saftig grünem Efeu überwuchert waren. Neben der Eingangstür und der vielen kleinen Fenster war allein der Schornstein, der den Rauch des Ofens nach draußen beförderte, nicht davon bedeckt.„Sei tapfer, mein Junge“, flüsterte er in Juliens Ohr. „Versprich mir, dass du auf deine Mutter aufpasst, während ich weg bin. Es wird nicht lange dauern, bis ich wieder zurückkomme. Du wirst hart arbeiten müssen, damit ...“Er hielt einen Moment inne und schluckte hörbar.„Ihr werdet regelmäßig Geld bekommen und es wird euch gut gehen“, fuhr er fort. Dann fasste er seinen Sohn an den Schultern und sagte mit zitternder Stimme: „Ich liebe dich, Julien. Versprich mir, dass du auf deine Mutter aufpasst.“Julien nickte. Er versuchte tapfer zu sein, doch seine großen, dunkelbraunen und in diesem Augenblick sehr traurigen Augen offenbarten seine Bedrückung. Sein Gesicht war blass, was nichts Besonderes war. Julien neigte nicht dazu, die Farbe, die ihm die Sonne verleihen wollte, anzunehmen; ähnlich der Natur eines rothaarigen Menschen. Dennoch waren seine Wangen noch blässer als üblich. Er löste sich aus der Umarmung seines Vaters und rannte, nur gebremst durch die schwere Eichentür, deren Öffnen ihn viel Mühe kostete, ins Haus. Dort warf er sich auf sein Bett und weinte bitterlich. Nach fünf Minuten kam auch seine Mutter zurück ins Haus, gesellte sich zu ihm, strich ihm das volle, dunkle Haar aus der Stirn, nahm Julien in den Arm und weinte mit ihm bis zum späten Abend.Sowohl Julien als auch seine Mutter lagen die darauffolgende Nacht wach. Madeleine selbst war nicht überzeugt von dem Entschluss ihres Mannes. Als sie merkte, dass Julien nicht schlief, versuchte sie ihrem Sohn nochmals gegen ihre Vernunft zu erklären, weshalb Arnault sie verlassen musste. Sie schien durch ihre eigenen Erklärungsversuche selbst nach einer sinnigen Antwort zu suchen, schließlich hatten sie die letzten Jahre sorglos gelebt. Arnaults Gemälde verkauften sich so gut, dass das Ersparte selbst dann für eine beruhigend lange Zeit reichen müsste, wenn die Preise auf Grund der allgemein erwarteten Missernte im üblichen Maße steigen würden.Bereits in frühester Jugend hatte Arnault die Liebe zur Malerei sowie das entsprechende Talent von seinem Vater geerbt. Nicht minder frühzeitig hatte er erkannt, dass man mit diesem Talent seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte, und dies, ohne seinen Körper auf dem Feld schinden zu müssen. Selbst in der Provinz gab es immer wieder reiche Menschen, welche den Wert des Gemäldes eines begabten Künstlers wohl zu schätzen und auch zu bezahlen wussten.Nach dem frühen Tod seines Vaters, welcher an einer schweren Grippe starb, führte Arnault dessen Arbeit bereits in jungen Jahren in jenem Atelier fort, das sein Vater im eigenen Hofe an sein Haus angebaut hatte. Später gründete er mit Madeleine eine Familie, in welche jedoch lediglich ein Sohn geboren wurde. Juliens Geburt war schwer. Er kostete seiner Mutter viel Blut und Madeleine entkam nur knapp den Fängen des Todes. Danach war es ihr nicht mehr möglich, weitere Kinder zu gebären, so sehr sie und Arnault es sich auch gewünscht hatten. Dennoch meinte es das Leben gut mit ihnen. Vielleicht lag dies ja tatsächlich an der kleinen Holzfigur, welche Arnaults Vater seinem Sohn kurz vor seinem Tode als Talisman vermacht hatte. In den dreizehn Jahren seit Juliens Geburt war es Arnault stets gelungen, Hunger und Kälte von seiner Familie fern zu halten; allein durch den Verkauf der von ihm gemalten Bilder. Zwar gelang es ihm auf der anderen Seite nie, Reichtum zu erlangen – wobei Arnaults Verständnis von Reichtum da begann, wo es ihm gelingen sollte, sich und seiner Familie den Weg nach Paris zu finanzieren, um dort wirklich reich zu werden und für immer sorgenfrei leben zu können, was Künstlern in der Provinz nur selten möglich war – doch war er in seinem Dorf und selbst im nahe gelegenen Nancy durchaus anerkannt und zählte nicht gerade zum armen Großteil der Bevölkerung.Auf Grund dieser zweifellos positiven Lebensumstände konnte Madeleine Arnaults Entscheidung, dies alles aufzugeben, wenn auch nur für eine begrenzte Zeit – sie konnte schließlich nicht wissen, dass es für immer sein sollte –, und seine plötzliche Angst vor Armut nicht nachvollziehen.„Es wird eine schlechte Ernte geben“, hatte Arnault ihr gesagt. „Die Bauern im Ort denken, dass uns eine Missernte bevorsteht. Das Brot wird teuer werden, Madeleine. Wenn ich nicht noch mehr Gemälde als bisher verkaufe, steht uns ein harter Winter bevor, und wenn es im nächsten Jahr wieder eine schlechte Ernte geben sollte, weiß ich nicht, ob uns meine Arbeit noch ernähren kann.“Ihren Einspruch, dass es ihnen doch sehr gut ginge, ließ Arnault nicht gelten: „Täusche dich nicht darin, wie schnell unser Erspartes aufgebraucht sein würde. Das Verdiente der letzten Monate haben wir in die Ausbesserung der Schäden an unserem Haus gesteckt. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass es immer so weitergeht, dass ich immer genügend Geld verdiene, um uns diesen Wohlstand zu erhalten. Es ist besser, wenn ich einen festen Verdienst habe, mit dem ich uns ein sicheres Polster verschaffen kann. Und der Dienst in der Fremdenlegion wird gut bezahlt. Es wird euch immer gut gehen und ich werde mir keine Sorgen um euch machen müssen.“Madeleine Lecroix fand keinen Zugang zur Argumentation ihres Gemahls. Diese entbehrte aus ihrer Sicht jeglicher Rationalität. Arnault Lecroix hingegen war nicht von seinem Entschluss abzubringen, sich den Männern anzuschließen, die sich an einem dieser Tage in Nancy trafen, um sich gemeinsam auf eine weite Reise zu machen, welche sie bis nach Nordafrika führen sollte. Dort würden sie die französischen Truppen unterstützen. Er verließ sein Haus, seine Familie, seine Gemälde und kehrte nicht wieder zurück.Madeleines Skepsis hinsichtlich des Grundes, warum sich Arnault der Fremdenlegion anschloss, war berechtigt, denn Angst vor Armut und mangelnder Versorgung seiner Familie zwang Arnault nicht zu diesem Schritt. Den wahren Grund für Arnaults weitreichenden Entschluss aber sollte sie niemals erfahren ...3Arnault Lecroix war den steinigen Weg, welcher ihn von der Kneipe im Süden der kleinen Gemeinde hinter den großen Bauernhöfen vorbei direkt zu seinem Haus führte, das sein Vater im Nordosten von Méréville gebaut hatte, schon oft gegangen. Er war kein Trinker, gönnte sich aber hin und wieder einen ausgiebigen Besuch im „Cheval Rouge“, dem einzigen Café am Ort, dessen Name und auffällig rotfarbiges Schild über der Eingangstür zu Unrecht eine frivole Bar vermuten ließen. Madeleine hatte nichts gegen die Kneipenbesuche ihres Gemahls. Sie wusste, dass sich Arnault vom Alkohol weitestgehend fernhalten konnte. Außerdem beruhigte sie die Tatsache, dass sich dort keine leichten Mädchen herumtrieben, welche Arnault den Kopf hätten verdrehen können. Womöglich war der kleine Ort an der Mosel einfach ein zu verschlafenes Nest für Mädchen dieser Art. In der Tat trafen sich in der Kneipe die Herren des Dorfes, um bei einem Glas Wein über die Arbeit und die Politik zu sinnieren. Die zumeist einzige anwesende Dame wurde durch den Tresen von den Männern getrennt, was den Großteil unter ihnen wenig störte. Marie-Claire hatte längst siebzig Lenze hinter sich gelassen. Eine Tatsache, die sie nicht verbergen konnte, sodass die wenigen, die an ihr eine erotische Ausstrahlung ausmachen wollten, nicht mehr in der Lage gewesen wären, ihre lüsternen Gedanken in die Tat umzusetzen. Kurzum: Marie-Claire war ebenso ungefährlich wie das Betreten ihres Cafés an sich. Was Madeleine Lecroix nicht wusste: Die Gefahr lag auf dem Weg; viel näher als sie es für möglich gehalten hatte. Es fiel der Gefahr keineswegs schwer, sich in ihrer Nähe aufzuhalten, schließlich vertraute Madeleine in die Treue ihres Mannes und hielt es für mehr als unwahrscheinlich, dass Arnault sich in sündhafter Weise umblicken könnte. Und selbst Arnault dürfte wohl bis zu jenen Tagen nicht bewusst gewesen sein, welches Ungeheuer in ihm steckte.Robert Le Bersiers hübsche Töchter, die den Großteil des Tages auf dem überschaubaren Hofe ihres Vaters arbeiteten und welche vor allem im Sommer, wenn nicht ihr ganzer Körper mit dicker Kleidung bedeckt war, für jeden des Sehens mächtigen Mann, der vorbeiging, eine Augenweide waren, hatte Arnault noch nie eines Blickes gewürdigt. So mancher hatte sich schon hinter den Büschen verkrochen, um den einen oder anderen lüsternen Blick auf die jungen Dinger zu erhaschen. Arnault zählte nicht dazu. Und wenn Robert Le Bersiers nicht zu den Besuchern der Kneipe zählte und ein gewisser, für den Fortlauf des Geschehens unbedeutender Fabrice Cavarel mit leuchtenden Augen von den Wölbungen sprach, welche sich unter den Hemden der beiden Mädchen zumeist erfolglos verbargen, wusste Arnault aus eigener Erfahrung nicht, von was Fabrice sprach. Hinzu kam, dass ihm diese Art von Konversation keineswegs lag. Es fiel in diesem Zusammenhang auch niemals ein Verdacht auf Arnault – weder von den Männern in der Kneipe, einschließlich Robert Le Bersiers, dem Vater selbst, noch von irgendjemand anderem in Méréville, geschweige denn von Madeleine – als man Charlotte Le Bersiers, das jüngere der beiden Mädchen, wenige Wochen später mit einem langen Dolch, der zwischen ihren Beinen steckte, unweit des elterlichen Hofes fand. Ihren Mörder fand man nie, was dafür sprach, dass er nicht aus dem Dorf kam. Ein solch abscheuliches Verbrechen hätte wohl nur ein Psychopath verbergen können, der nicht wusste, was er tat. Doch diesen gab es augenscheinlich nicht in Méréville, und auch Arnault war geistig nicht abnormaler als seine Nachbarn. Darüber hinaus unterstellte man dem Täter mangelnde Manneskraft. Warum sonst hatte er wohl keine durchaus mögliche Alternative zur Penetration, anstatt jener mit Hilfe eines Dolches, genutzt. Zumindest wiesen die fehlenden entsprechenden Spuren darauf hin. Allein aus diesem Grunde kam Arnault nicht nur für seine Gemahlin niemals als Täter in Frage. Nichts lag ferner.Nein. Weder die Mädchen noch der Mörder von Charlotte waren die Gefahr, die auf dem steinigen Weg lauerte. Die eigentliche Gefahr befand sich schon seit langer Zeit vor Ort, hielt sich aber bis zu jenem Tage im Spätsommer des Jahres 1832 unbeabsichtigt im Verborgenen. Schließlich war sie sich ihrer Rolle zunächst nicht bewusst.Wie an unzähligen Tagen zuvor folgte Arnault dem von wenigen Bäumen aber zahlreichen Büschen begrenzten Weg unweit der Mosel, welcher ihn über die Felder wieder zurück ins Dorf führte. Die ersten Häuser des Ortes standen dicht aufeinander, bevor der alte Römerweg, auf dem jeder unkonzentrierte Schritt ob der zahlreichen Löcher und Mulden einen Knöchelbruch bedeuten konnte, im rechten Winkel um eines der Häuser führte. Zu Arnaults Linken sollte sich an der Dichte der Häuserreihe nichts ändern. Zu seiner Rechten folgte noch ein Haus vor dem großen Waschplatz, auf dem sich die Frauen dieses Viertels regelmäßig trafen, um die Hemden ihrer Männer, die Hosen ihrer Kinder und ihre eigenen Röcke auf den Waschsteinen zu schrubben. Die Waschsteine befanden sich zu Fuße eines großen Brunnens, aus dessen mittiger, hoch emporragender, runder Säule in alle vier Himmelsrichtungen, in Brusthöhe eines Mannes von normaler Größe, steinerne Tierköpfe ragten. Aus dem Maul der Kuh, des Schafes, der Ziege und des Pferdes drang klares Wasser. Es prallte in hohem Bogen auf die Waschsteine, und zwar selbst während der regenarmen Sommerzeit. Die Waschsteine bestanden aus großen, flachen Steinplatten, die sich auf Kniehöhe leicht gen Brunnensäule neigten, sodass das aufprallende Wasser ins Innere des Brunnens zurückprallte. Auf allen vier Seiten des Brunnens befanden sich jeweils neben den Waschsteinen noch zwei weitere steinerne Platten. Diese dienten dem Auswringen und Ablegen der Wäsche. Gemeinsam bildeten sie ein geschlossenes Quadrat um die Säule, an dessen inneren Rand das Wasser in einem breiten Rinnsal, in welchem gut ein Mann liegend hätte Platz finden können, zirkulierte. Das Rinnsal verließ den Brunnen durch eine Öffnung auf Höhe des Pferdekopfes, wurde sogleich wesentlich schmaler, aber auch tiefer, und verzweigte sich fortan in den Gassen des Dorfes. Ließ man den Waschplatz hinter sich, fand man sich schließlich vor der großen Scheune von Arnaults Nachbarn, Quirin Bellôt, wieder. Dort hielt dieser im Winter Vieh und Schweine. In der warmen Jahreszeit befanden sich die Tiere auf einer Weide am Rande von Méréville. Man erreichte diese, wenn man den Weg, den Arnault soeben gegangen war, nicht bis in das Dorf folgte, sondern an der letzten Weggabelung vor der Ortsgrenze auf einen Pfad abbog, der nahezu allein durch das immer wiederkehrende Ein- und Austreiben der Tiere sowie durch den sommertäglichen Gang Quirin Bellôts zu deren Versorgung entstanden war. Das Haus der Bellôts war direkt an deren Scheune angebaut. Die darauffolgende Mauer, die kaum einen Meter an Höhe maß, wurde durch ein ebenso niedriges Holztürchen unterbrochen, welches Arnault den Eintritt zu seinem eigenen Hof eröffnete. Von diesem Hof aus konnte er sowohl sein Atelier als auch sein Haus betreten.Arnault befand sich auf Höhe des Waschplatzes, als Quirin Bellôt und dessen Frau aus der Scheune kamen und ihm entgegengingen. Im Sommer begegnete er Quirin oft, wenn dieser sich des Abends auf dem Weg zu seinen Tieren befand und Arnault sein hin und wieder nachmittägliches Kneipenpäuschen beendet hatte. Wenn die Kühe am Abend gemolken werden mussten, wurde Quirin stets von seiner Frau begleitet. Nur selten kam es bei diesen Begegnungen zu längeren Gesprächen, da die Zeit der Bellôts meist drängte und die Arbeit zwar aus der Ferne, aber dennoch unüberhörbar mit muhenden Lauten nach ihnen rief.Auch an diesem Abend kamen Quirin und Mireille Bellôt zügigen Schrittes auf Arnault zu. Dieser hob in jenem Augenblick die Hand, um zu grüßen, als ihn ein solcher in intensivster Weise traf. Arnault hatte schon oft in Mireilles Augen geblickt, ohne jeglichen Hintergedanken. Arnault liebte seine Frau und er war besonders stolz auf seinen Sohn, der sein Talent für die Malerei von ihm zu erben schien wie dies einst Arnault von seinem Vater geerbt hatte. Es lag ihm fern, sein glückliches und meist sorgloses Leben Trieben zu opfern, die er selbst für verwerflich hielt, zumal Arnault viel Wert auf die Einhaltung der Gebote Gottes legte. Auch seine Achtung vor Quirin verbot bereits seinem Unterbewusstsein, sündhafte Gedanken zu entwickeln, in deren Mittelpunkt Mireille Bellôt stehen könnte. Mireilles Blick, unvergleichlich zu den Tausenden vormaligen Blicken, hob dieses Verbot mit einem Male auf.Arnault war sich nicht sicher, was geschehen war. Wie gewöhnlich hielt er dem Blick einer Frau nur für den Bruchteil einer Sekunde stand, was eben in seinen Wertvorstellungen begründet war. Für gewöhnlich verhielten sich Frauen ebenso. Woher er das wusste, war ihm nicht klar. Vermutlich sah er es in seinem Augenwinkel oder er spürte es einfach mit einem ihm ansonsten nicht bekannten Sinn. Es war wohl dieser Sinn, der ihn zu Recht glauben ließ, dass Mireille ihren Blick nicht sogleich wieder abgewandt hatte, so wie es zumindest der Anstand gebührte. Er wurde in seiner Ahnung bestätigt, nachdem er seine Augen, die für einen kurzen Moment auf Quirin schauten, wieder auf Mireille richtete. Womöglich hätte es ihn gar nicht beunruhigt, wenn dieser Blick von gewöhnlicher Natur gewesen wäre, als ob man dem Erzähler einer unterhaltsamen Geschichte längere Zeit in die Augen schaute. Arnault Lecroix war kein Erzähler, nicht in diesem Moment. Die Art und Weise und vor allem die Intensität, mit der Mireille in ansah, erschrak ihn, weil sie unmissverständlich war. Es handelte sich um einen langwierigen, schleichenden Schrecken, da sich Arnault dieser Unmissverständlichkeit von Stunde zu Stunde sicherer war und weil es ihm erstmals seit längst vergangenen Jugendzeiten nicht gelang, sein Wertegerüst aufrecht zu erhalten. Mireille Bellôt hatte mit ihrem Blick ein tiefes Loch in Arnaults Verstand gebrannt, das noch tiefer wurde, als Mireille Arnaults Blick über die Schulter, nachdem er an den beiden vorbeigegangen war, abermals erwiderte. Viel länger als ein Versehen dies zulassen würde. Für einige Minuten verspürte Arnault weiche Knie. Sein Herz schlug schneller als gewohnt.Wie gewöhnlich bereitete Madeleine das Abendessen vor, wenn Arnault aus der Kneipe zurückkam.„Wo ist Julien?“ fragte er, als er in die Kochstube eintrat, welche in einen Duftnebel aus würziger, fleischhaltiger Suppe getaucht war.„Monsieur Roquemar hat Julien mit einem Botendienst beauftragt.“„Monsieur Roquemar? Schon wieder?“Arnault schüttelte den Kopf.„Ja, ist das nicht wunderbar, Arnault? Unser Junge ist bereits ein kleiner Geschäftsmann.“Madeleine strahlte.„Du weißt, dass ich mich freue, wenn sich Julien ein paar Sous verdienen kann, aber muss er denn ausgerechnet für Roquemar tätig sein? Er erscheint mir doch ziemlich zwielichtig“, erwiderte Arnault. „Was soll Julien denn übermitteln und wohin ist er überhaupt unterwegs?“ wollte er wissen.„Roquemar hat ihn mit einem kleinen Päckchen nach Neuves-Maisons geschickt.“„Neuves-Maisons? Aber da ist er ja stundenlang unterwegs.“Der Gedanke führte bei Arnault zu Missbehagen.„So weit ist es nun auch nicht. Er wird bestimmt zum Abendessen zurück sein, Arnault.“Madeleine versuchte, ihren Mann zu beruhigen. Arnault machte sich in ihren Augen zu viele Gedanken um Julien, schließlich war der Junge bereits zwölf Jahre alt. Alt genug, um Geld zu verdienen und weiter als eine Stunde von zu Hause entfernt zu sein.„Gehst du heute nicht mehr ins Atelier?“Sie wollte die Diskussion beenden.„Sicher doch.“Die Diskussion war beendet.In der Kochstube hatte ihn der Alltag nur für kurze Zeit wieder eingeholt. Hier im Atelier konzentrierten sich Arnaults Gedanken weder auf die Staffelei vor ihm, noch auf das zukünftige Gemälde, welches bald auf ihr stehen sollte. Er mischte die Farben ohne Ziel. Er mischte einen dunklen Farbbrei und blickte hinüber auf das Haus der Bellôts. Nein, er hatte sich nicht getäuscht. Mireille hatte ihn auf eine Weise angeblickt, die sich für eine verheiratete Frau nicht gehörte. Arnault war empört. Er war schockiert und verunsichert. Jedoch nicht hinsichtlich Mireilles verbotenem Blick, sondern hinsichtlich der Tatsache, dass er spürte, wie er den Gedanken an die Begegnung genoss. Erregende Bilder drängten sich ihm auf und es gelang ihm nicht, sich ihnen zu entziehen. Arnault verschloss die Atelierstür und verkroch sich hinter zwei Staffeleien derart, dass er vom Fenster aus nicht gesehen werden konnte. Dann gab er sich seinen Gedanken hin, aus deren Mitte sich jene an Mireilles Weiblichkeit, deren Formen er sich nicht einmal bewusst war, in den Vordergrund drängten.An diesem Abend malte Arnault nicht mehr, weder vor noch nach dem Abendessen. Er aß wenig, was ebenso an dem Bild einer begehrenswerten Mireille, das sich in seinem Kopf Platz verschafft hatte, wie an seinem Zorn lag, dass Julien immer noch nicht von seinem Botengang zurückgekehrt war. Und so war Arnault in seinen Gedanken hin- und hergerissen und verlor kaum ein Wort an Madeleine, während er mit dem Löffel in der Suppe herumstocherte.„Mach dir keine Sorgen, Arnault.“Madeleine spürte Arnaults getrübte Stimmung.Die ohnehin eher geringen Sorgen um Julien waren unbegründet. Julien trat durch die Tür, als seine Mutter gerade den Teller seines Vaters abräumte. Hastig aß Julien die ihm durch Arnaults Appetitlosigkeit gebliebene große Suppenportion, welche zu seiner Freude noch viele der kostbaren Rindfleischstückchen enthielt. Umso mehr begründet waren die Sorgen, die sich Arnault machte, weil ihm Mireille nicht aus dem Kopf ging. Er ahnte bereits zu diesem Zeitpunkt, dass er gewisse zukünftige Geschehnisse, die eine große Gefahr für sein geordnetes Leben bedeuten könnten, nicht würde verhindern können.Es vergingen einige Tage, bis er Mireille wiedersah. Er hatte entgegen einer ersten Intention beschlossen, keinen weiblichen Akt zu malen, um seine sündigen Gedanken nicht zu fördern. Ohnehin hätte sich Madeleine über ein entsprechendes Motiv wohl gewundert. Stattdessen malte er eine fiktive Weide; farb- und ausdruckslos. Anfangs sah er regelmäßig aus dem Fenster seines Ateliers, in der vergeblichen Hoffnung, Mireille auf der Straße zu erblicken. Auch auf seinem Weg zur und von der Kneipe traf er weder sie noch ihren Gemahl. Letzteren nicht zu treffen, stimmte ihn nicht besonders traurig, konnte er sich doch nicht sicher sein, ob Quirin Bellôt den besonderen Blick seiner Frau nicht auch aus den Augenwinkeln bemerkt hatte.Arnault hatte seine wirren Gedanken der vergangenen Tage schon beinahe als Hirngespinste abgetan, als es zu der entscheidenden Begegnung mit Mireille kam, welche das Schicksal kaum besser hätte inszenieren können. Womöglich hatte Mireille dem Schicksal ein wenig auf die Sprünge geholfen, was im Endeffekt keine Rolle spielte und worüber sich Arnault auch im Nachhinein niemals den Kopf zerbrochen hatte. Auch dass an jenem Tag Charlotte Le Bersiers ihr Leben lassen musste und somit das Schicksal einer weiteren Familie in Méréville eine verheerende Wendung nahm, tut wenig zur Sache.Zweimal im Monat lieh sich Arnault ein Pferd seines Freundes Luc Guyaux, welcher eine ganze Herde an Pferden besaß und seinen Lebensunterhalt vor allem durch deren Verleih bestritt. Arnault benötigte das Pferd, um damit auf den Markt des grundsätzlich nahe gelegenen, zu Fuß aber doch etwas zu weit entfernten Nancy zu gelangen. Ohne Pferd hätte er für den Weg, welcher ihn bereits mehrere hundert Meter nach Verlassen seines Heimatortes mittels einer Brücke über die Mosel und schließlich bis an den Stadtrand Nancys führte, mindestens drei, vielleicht sogar vier Stunden benötigt. Zudem hätte er seine Einkäufe wohl kaum selbst bis nach Hause tragen können; schließlich kaufte Arnault dort alles ein, was er und seine Familie in den kommenden Wochen benötigen würden und nicht selbst herstellen oder in Méréville oder einem der umliegenden Dörfer erwerben konnten. Auch so manches in unmittelbarer Nähe erhältliche Produkt, wie das kostbare und sehr teure Salz und viele andere Gewürze, konnte er auf dem Markt in Nancy wesentlich günstiger einkaufen, sodass sich der Ritt schon deshalb lohnte. Und ab und zu erwarb er auch Kleider für sich und seine kleine Familie. Andererseits nahm er aber stets einige seiner Gemälde mit sich, mit dem Ziel, diese dem einen oder anderen Galeristen, welche sich in erfreulich großer Zahl in einem nahen Umkreis um den zentralen Place Stanislas von Nancy niedergelassen hatten, zu verkaufen. Falls ihm dies nicht vollständig gelingen sollte, hatte Arnault immer noch die Möglichkeit, die übrigen Gemälde an Passanten auf dem Markt zu veräußern. Ein Unterfangen, welches ohne festen Verkaufsstand sehr schwierig und deshalb auch meist nicht sehr erträglich war.Auf dem Markt angekommen staunte Arnault jedes Mal von neuem über das bunte Treiben im Zentrum der Stadt. Er schätze die Zahl der Händler, die sich auf dem Place Stanislas und auf den meisten von dort in alle Himmelsrichtungen führenden Straßen und Wegen niedergelassen hatten, auf drei- bis vierhundert. Diese wurden sichtlich zu ihrer Zufriedenheit von unzählbaren potentiellen Käufern umzingelt. Zusammen bildeten sie, der grauen Jahreszeit zum Trotz, ein Meer aus tausend Farben. Arnault war in dieses Meer getaucht, nachdem er an diesem bislang erfolgreichen Tag das mitgebrachte Dutzend Gemälde restlos an seinen besten Abnehmer, den Galeristen Charles Alfonse verkaufen und dabei sogar noch einen guten Preis erzielen konnte. Die Geschäfte von Alfonse, dessen Galerie sich in der Rue des Vosges befand, gestalteten sich in diesem Jahr besonders erfreulich, und davon profitierte nicht zuletzt Arnault.Das Besorgen von Lebensmitteln und Gewürzen bedeutete für Arnault in der Regel keinen großen Zeitaufwand. Er wusste, welche Qualität er für welchen Preis erhalten würde, und kaufte fast immer bei den gleichen Händlern ein, die er oftmals schon seit Jahren kannte und welche sein Vertrauen bislang nicht missbraucht hatten. Wenn ihn Madeleine jedoch beauftragte, Kleider oder, was sehr selten vorkam, Geschirr zu erwerben, tat er sich meist schwer, eine schnelle Wahl zu treffen. Dieses Mal hatte Madeleine ihn gebeten, einen neuen Weinkrug zu besorgen, nachdem Julien einen der ihren zum Zorn seiner Eltern zerbrochen hatte, als er seiner Mutter am Vorabend geholfen hatte, den Tisch abzuräumen. Da es sich nicht um den teuren Krug handelte, mit denen er ab und an Gäste bediente, sondern den schlichten Krug, der stets in Abwesenheit außerfamiliärer Besucher zum Einsatz kam, war ihm der Preis besonders wichtig. Und so verglich er Material und Preis einer Vielzahl der auf dem Markt gebotenen Weinkrüge.Es verging weit mehr als eine Stunde, bis er sich schließlich für einen Krug entschieden hatte. Er führte das Pferd zurück zu dem Händler, der ihm das in Arnaults Augen interessanteste Angebot machte, und nahm, dort angekommen, den Krug seiner Begierde nochmals in die Hand, als er von der linken Seite so stark angerempelt wurde, dass er den Krug auf die Pflastersteine des Place Stanislas fallen ließ. Er versuchte noch, den harten, zerstörerischen Aufprall des Gefäßes durch ein Abbremsen mit Hilfe seines Stiefels zu mildern, doch führte dies lediglich dazu, dass die Scherben nach dem Zerbersten des Kruges in weitem Bogen vor ihm verstreut wurden.„Könnt Ihr nicht aufpassen, Monsieur?“ sagte der Händler zornig. „Ihr werdet den Krug wohl oder übel bezahlen müssen.“„Von wegen“, dachte sich Arnault. „Diese Rechnung kann der Idiot begleichen, der mich angerempelt hat.“Er warf einen wütenden Blick auf den Schuldigen, der immer noch direkt neben ihm stand. Doch sein Blick erhellte sich im selben Moment und wandelte seine Wut in freudiges Erstaunen.„Oh, bitte, entschuldigt mein Ungeschick, Monsieur!“ bat ihn die hübsche Dame zu seiner Linken. „Selbstverständlich komme ich für den Schaden auf ... aber ... Ihr seid es ja, Monsieur Lecroix!“„Madame Bellôt!“Einige lange Sekunden stand Arnault wie angewurzelt da und starrte auf Mireille. Ihre Weiblichkeit, die Arnault bis vor Kurzem keineswegs interessiert hatte, wurde von dem eng sitzenden, braunen Mantel, der bis zum Boden reichte und die Hüfte mit Hilfe eines eng geschnallten, breiten Gürtels hervorhob, durchaus betont. Ihr Gesicht strahlte unter dem schwarzen Hut, den eine gleichfarbige Feder zierte und unter dem sie ihr auffallend blondes Haar weitestgehend verbarg, durch seine Augen in sein Herz. Ein Lächeln, das er nicht verhindern konnte, umspielte Arnaults Mundwinkel. Dann fand er seine Stimme wieder: „Macht Euch keine Sorgen, Madame Bellôt“, sagte er, ein Stottern kaum vermeidend. „Ich ... ich habe den Krug nicht richtig festgehalten. Es war meine Schuld.“„Ich werde meinen Gatten holen, damit er für die Scherben aufkommt.“Sie grinste, wohl wissend, dass dies nicht nötig sein würde.„Nein, nicht Euren Gatten ...“Ihr Grinsen gewann an Intensität.„Wie meint Ihr, Monsieur Lecroix?“Ein flaues Gefühl überkam Arnault. Der gezielte Griff in seine Gürteltasche geriet zu einem unsicheren Zittern. Mit Mühe gelang es ihm, der Tasche einige Münzen zu entnehmen. Eilig reichte er sie dem Händler unter dem Hinweis, dass seine Schuld hiermit getan sei. Dieser stellte daraufhin sein Protestieren ein, sodass die nicht selbstverständliche Konversation von Mireille und ihrem Gegenüber fortan nicht mehr von Dritten gestört wurde.Arnault wandte sich wieder gen Mireille.„Solltet Ihr weiterhin ein Schuldgefühl haben, so bitte ich Euch, mir bei einer Tasse Tee Gesellschaft zu leisten.“Arnault war selbst über seinen Mut erstaunt. Mireille allem Anschein nach ebenso. Sie zögerte, die Lippen leicht geöffnet, als hätte sie nun ihre Stimme verloren.„Ich weiß, wo es den besten Tee auf dem Markt gibt“, gab Arnault seinem Anliegen Nachdruck.„Wo denkt Ihr hin, Monsieur?“ Mireille hatte ihre Sprache wieder gefunden. Nur hätte Arnault an ihrer Stelle andere Worte gewählt.„Mein Gatte erwartet mich in absehbarer Zeit.“Arnault zögerte nur für einen Moment. Dann besann er sich ihrer kürzlichen Begegnung und des unmissverständlichen Blickes. Er war sicher, sich nicht getäuscht zu haben.„Gerade diese Zeit sollten wir nutzen.“Er ließ nicht locker und Mireille sagte nicht „Nein“, denn das war es, was sie tatsächlich im Sinn hatte: die unverhoffte Zeit nutzen. Mit Arnault.Arnault führte Mireille herunter vom Place Stanislas über zwei Querstraßen in eine nahe gelegene Seitengasse. Er wagte es nicht, sie in dem dichten Gedränge, welches auf dem Marktplatz herrschte, an die Hand zu nehmen. Es war sie, die seine Hand ergriff und auch weiterhin hielt, als sich außerhalb des Marktplatzes die Menschenmasse um sie herum deutlich lichtete. Arnault wehrte sich nicht dagegen. Es tat ihm im Gegenteil fast leid, als sie das Ziel erreichten und er ihre Berührung der Situation wegen aufgeben musste. Ein eisiger Wind, der sich versehentlich zu früh in diese Jahreszeit verirrt hatte, ließ ihre soeben gewärmten Hände sofort wieder frieren.Der Händler, welcher nicht nur Tee verkaufte, sondern diesen auch an seinem Marktstand, der augenscheinlich direkt vor seinem Wohnhaus aufgebaut war und um den er drei kleine Tische aufgestellt hatte, zubereitete und ausschenkte, grüßte Arnault höflich:„Bonjour, Monsieur. Heute in Begleitung Eurer reizenden Gattin?“Arnault warf einen kurzen, verlegenen Blick auf Mireille, zog diese sanft am Arm in eine windgeschützte Stelle zwischen Haus- und einer speziell angebrachten Bretterwand und nickte dem Teeverkäufer zu. Er hatte nicht bedacht, dass man ihn hier kannte, doch kontrollierte er die Situation gegenüber dem Händler. Madeleine hatte ihn noch nie auf den Markt begleitet und es bestand kein Anlass, dass sich zukünftig etwas daran ändern sollte.„Was darf es sein, Monsieur?“Arnault bestellte zwei Tassen der seinem Geschmack nach besten Teemischung, die der Händler zu bieten hatte. Sie setzten sich an einen der Tische, der soeben frei wurde.Es gelang Arnault nicht, die einleitenden Worte für ein sinnvolles Gespräch zu finden. Fragen wie „Habt Ihr bereits alles besorgt, was Ihr Euch vorgenommen hattet?“, „Ob wir wohl wieder einen harten Winter vor uns haben, wo es heute bereits so kalt ist?“ oder „Wie geht es Eurem Vieh?“ erschienen ihm zu banal und zu schade für die außergewöhnliche Situation. Gegenüber Mireille kontrollierte er sie nicht. Ein Beherrschen der Situation war ihm angesichts ihrer Gegenwart absolut unmöglich.Mireille erging es ähnlich und so kamen sie über ein „Der Tee schmeckt köstlich“ und ein „Das freut mich sehr“ nicht hinaus. Aber es waren schließlich nicht die Worte, die diesem Moment die Spannung verliehen. Mireille nahm ihren Hut ab, legte ihn auf ihren Schoss und schüttelte ihr Haar auf eine Weise, die Arnault als äußerst elegant empfand. Sie schauten sich tief in die Augen. Mireilles Blick verursachte Arnault abermals weiche Knie. Er war dankbar, zu sitzen, und wusste nicht, dass auch Mireilles Herz durch die Brust zu brechen drohte; eine durchaus üppige Brust, was Arnault in jenem Augenblick erstmals bewusst bemerkte und was ihn noch mehr anzog. Mireilles strohblondes Haar, eine Farbe, welche man in dieser Gegend, gepaart mit hellblauen Augen, nicht allzu oft sah, lag schwungvoll darüber und provozierte gar Arnaults Fantasie. Hätte man Arnault Lecroix in diesem Moment gefragt, was er unter wahrer Weiblichkeit verstand, er hätte nicht geantwortet, sondern nur auf das sich ihm gegenüber befindende, personifizierte Sinnbild gezeigt, von dem er seinen Blick nicht lassen konnte. Das Aufkeimen von Gedanken, welche ein gut situierter Mensch niemals in Worte fassen würde, wurde jedoch jäh gestoppt, als ihm Mireille ihre Tasse reichte und sagte: „Ich muss gehen. Quirin wird mich gewiss bereits suchen.“Sie wendete sich ab, doch es gelang ihm, ihre Hand zu ergreifen. Mireille ersparte ihm seine Frage: „Werdet Ihr morgen Nachmittag wieder ins „Cheval Rouge“ gehen?“„Woher sie nur davon wusste?“ dachte sich Arnault.Quirin Bellôt war schließlich niemals dort, sodass er ihr nicht von seinem nahezu täglichen Besuch erzählt haben konnte.Arnaults Gedanken drehten sich für ein paar Sekunden. Er schaute Mireille tief in die Augen. Dann nickte er.„Ich denke schon.“„Kennt Monsieur die große Kastanie vor dem Waldrand in der Nähe des Hofes von Guillaume Chalet?“„Ich weiß, welchen Baum Ihr meint.“„Geht morgen nicht ins ‚Cheval Rouge‘, Arnault. Geht stattdessen dorthin. Ich werde Euch erwarten. Am Nachmittag.“Mireille löste sich aus Arnaults Griff und eilte in Richtung des Marktplatzes, wo sie nach wenigen Sekunden in der Menschenmenge verschwand.4Julien schlief bereits, als Arnault eine Stunde nach Einbruch der Dunkelheit sein Haus betrat. Madeleine erwartete ihn in der Küche, wo sie das Abendbrot schon vorbereitet hatte. Sie war sehr verärgert darüber, dass der neue Weinkrug auf dem Heimweg zerbrochen war, als das Pferd auf Grund eines herumstreunenden Hundes scheute, der Krug dadurch aus der Satteltasche fiel und unglücklicher Weise auf einem Stein zerbarst. Aber im Grunde genommen traf Arnault keine Schuld, und der würzige Münsterkäse, den er besonders günstig erworben hatte, schmeckte Madeleine so gut, dass sich ihre Laune bald besserte. So gesehen spielte es keine Rolle, dass Arnault, ob seiner Verwirrtheit und der Konzentration auf seine verbale Ausflucht, vergaß, seiner Gemahlin von dem erfolgreichen Geschäft mit Charles Alfonse zu berichten.Arnault schlief erst am frühen Morgen ein; zu sehr sprangen die Gedanken an Mireille in seinem Kopf herum. Er kämpfte mit sich und seinem Gewissen. Sollte er wirklich zu dem Baum gehen, um Mireille dort zu treffen? Er liebte sie doch, seine Frau. Aber die Gedanken an Mireille erregten ihn und ließen ihn während der gesamten Nacht nicht los, sodass der Schlaf lange Zeit vor verschlossenen Türen stand.Madeleines weckender Kuss erschreckte ihn. In Anbetracht des bevorstehenden Ereignisses fühlte sich Arnault nach der für ihn kurzen Nacht aber keineswegs müde oder gar gerädert. Im Gegenteil: Er verspürte enormen Tatendrang, wenn es ihn auch zu Taten drängte, an die er tags zuvor noch nicht einmal im Traum gedacht hatte. Tags zuvor war längst vorbei.Ohne Zögern stand er auf, wusch sich am Zuber, während Madeleine bei Julien nach dem Rechten sah und dessen Schlaf sanft beendete. Arnault frühstückte höchstens ein Drittel der üblichen Menge, trank hastig seinen Tee und verschwand mit den Worten „Ich habe einen tollen Einfall, den ich schnell auf die Leinwand bringen muss!“ im Atelier. Dort malte er nicht einen Strich.Als der Vormittag in seine letzte Stunde ging, sah Madeleine den Kopf ihres Mannes durch den Türspalt zu dem kleinen Arbeitszimmer ragen, in dem sie seine Socken stopfte, und hörte zu ihrer Überraschung, dass Arnault bereits jetzt ins „Cheval Rouge“ gehen würde, weil er sich dort mit einem Freund traf und sie deshalb kein Mittagessen für ihn bereiten müsse. Dieses bestand im Übrigen meist ohnehin nur aus einer kleinen Stärkung, da man pflegte, die Hauptmahlzeit des Tages am Abend zu sich zu nehmen.Noch vor Mittag befand sich Arnault unter der besagten Kastanie am Rande des nördlich des Dorfes auf einer sanften Anhöhe gelegenen Waldes. „Am Nachmittag“, hatte Mireille gesagt, ohne die Zeit zu präzisieren, und da der Nachmittag sofort nach dem Mittag begann und er nicht riskieren wollte, sie zu verpassen, falls sie denn tatsächlich erscheinen sollte, wollte er von Beginn an dort sein. Auch sprachen die gestiegenen Temperaturen und der verschwundene, kalte Wind des Vortages, was den Aufenthalt im Freien angenehm machte, für diese Entscheidung. Dennoch vergingen die Minuten wie Stunden. Er setzte sich ins Gras. Mehrmals packten ihn Zweifel. Zweifel, ob er einen großen Fehler machte; Zweifel, ob sie vielleicht gar nicht kam und er stundenlang wie ein Narr unter einer Kastanie saß; Zweifel, ob er auch wirklich unbeobachtet war. Denn was würde man wohl von ihm denken? Dass er womöglich nach Kastanien suchte? Erfolglos versuchte Arnault, die Gedanken, die ihn verunsicherten, zu verdrängen. Er stand wieder auf und mühte sich, den herrlichen Blick, den man von hier oben über die Dächer von Méréville geschenkt bekam, zu genießen. Ein wenig Erfolg versprechendes Unterfangen. Er hielt die Hand über die Stirn, um seine Augen vor der blendenden Sonne zu schützen. Die wenigen Menschen in den Dorfgassen waren lediglich als Punkte zu erkennen. Selbst wenn man den Punkt „Arnault“ vom Dorf aus unter der Kastanie erblicken würde, wäre es unmöglich, ihn aus dieser Entfernung zu identifizieren. Einen Punkt, der sich ihm näherte, konnte er nicht ausmachen. Wiederum setzte er sich ins Gras zwischen dem wenige Schritte entfernten Waldrand und der Kastanie und wartete.Seine Nervosität stieg merklich, als die Zeit kam, in der er normalerweise aufbrach, um ins „Cheval Rouge“ zu gehen, und gar bis zum Hals spürte er seinen Puls schlagen, als er glaubte, leise Schritte zu vernehmen. Ein regelmäßiges Rascheln im Gras schien sich ihm zu nähern. Beinahe wünschte sich Arnault, dass er sich täuschte und das Rascheln, die Schritte, wieder aus seinem Ohr verschwanden. Er wagte es nicht, hinter dem Baum hervorzublicken – ähnlich und doch ganz anders als die beängstigende Situation, der Arnault einige Monate später in jenem fernen, dunklen Wald ausgesetzt sein sollte –, zumindest nicht so lange, bis er eine bezaubernde Stimme vernahm:„Arnault?“Er hörte für einige Sekunden auf zu atmen.„Arnault, seid Ihr hier?“ hörte er Mireille leise sagen, die seine Anwesenheit auf Grund des nieder getretenen Grases vor dem Baum vermutete.Arnault trat hinter dem Baum hervor und blickte in die Augen, vor denen sich sein Verstand so sehr fürchtete. Mireilles zögernder Blick verwandelte sich in ein sanftes, schüchternes Lächeln, welches ihn sogleich ansteckte. So standen sie sich in etwa zwei Metern Entfernung viele zitternde Atemzüge lang gegenüber, ohne ein Wort zu sagen. Ihr blondes, glattes Haar streichelte im leichten Wind sanft über ihre Schulter, worum Arnault es beneidete. Er versuchte mit Mühe, seine Sinne zu sortieren und sann nach einem klugen Wort, welches es nun zu ergreifen galt. Doch Mireille kam ihm zuvor: „Ich begehre Euch, Arnault!“Sie strich langsam mit der Hand über ihren Körper, beginnend vom Hals in Richtung des Waldbodens, keine der reizenden Stellen, die Arnaults Fantasie tanzen ließen, auslassend. Als sie den Arm nahezu ausgestreckt hatte, schloss sie ihre Augen.„In mir brennt ein Feuer. Das solltet Ihr wissen, Arnault. Ich spüre die Hitze, die Ihr in mir entfacht!“Mireille wagte es nicht, ihre Augen zu öffnen, während sie diese tragenden Worte, die sie sich auf ihrem Weg zu der Kastanie zurechtgelegt hatte, sagte, da sie befürchtete, ihr Mut könnte sie verlassen.„Wollt Ihr meine Haut mit Euren Lippen kühlen?“Arnault war der Ohnmacht nahe. Eine undefinierbare Zeit später, die ihm eben noch wie eine Stunde vorgekommen wäre, spürte er Mireilles zarte Lippen, entgegen der von ihr soeben noch gestellten Frage, an seinem Hals. Sie führte seine Hand zuerst an ihre wohlgeformte Brust, deren zarte Knospen er durch das leichte Kleid hindurch fühlte. Arnaults Herz drohte das Schlagen zu vergessen und erinnerte sich doch gerade noch rechtzeitig an diese Notwendigkeit. Dann leitete Mireille seine Hand nach unten, unter ihr Kleid, und als seine Fingerspitzen deutlich ihre warme Erregung fühlten, konnte er sich nicht mehr beherrschen.Sie liebten sich nahezu täglich, mit Ausnahme der Tage, an denen Arnault nach Nancy ritt. Anfangs verschmolzen sie stets unter der Kastanie, bis sie dort von spielenden Kindern beinahe entdeckt wurden. Danach suchten sie sich einen gemütlichen Platz etwas tiefer im Wald, solange es die spätsommerlichen Temperaturen zuließen. Viel Zeit blieb ihnen dabei nicht, jedoch genügend, um ihrem gegenseitigen Begehren Ausdruck zu verleihen.Arnaults Frau fragte sich, warum er in letzter Zeit nur immer so früh ins „Cheval Rouge“ ging. Als sie ihn bei Tisch darauf ansprach, hörte er nicht, und als sie nachhakte, brummte er Unverständliches in seine Suppe. Im „Cheval Rouge“ fragte man sich, warum er in den letzten Wochen immer so spät kam, was Arnault damit erklärte, dass es einige Reparaturen an seinem Haus zu erledigen galt. Er wusste, dass keiner der Gäste, wenn er denn einmal bei den Lecroix vorbeisah, einen Blick dafür haben würde, dass sich sein Haus mittlerweile schon seit Monaten, nachdem Arnault und Madeleine im letzten Winter viel Zeit und Geld darin investiert hatten, in einem makellosen Zustand befand.Arnault lebte eine Zeit lang in der Hoffnung, dass der Zufall niemals ein entsprechendes Gespräch zwischen Madeleine und einem der Männer, die er in der Kneipe traf, herbeiführen würde. Doch schon bald wurde Arnault ein besseres Alibi geliefert: Henry Knobloch war mit seiner Frau und seinen beiden pubertierenden Söhnen von Nancy nach Méréville gezogen. Um einen guten Kontakt zu den Dorfbewohnern aufzubauen, gesellte er sich bereits wenige Tage nach seiner Ankunft ins „Cheval Rouge“. „Städter“, wie die seltenen Immigranten aus der nahegelegenen Stadt von den Dorfbewohnern kurz und banal bezeichnet wurden, zogen stets das Interesse der Kneipenbesucher auf sich. Besonders bei Arnault hinterließ Henry, den man durchaus als intellektuell bezeichnen konnte, einen intensiven Eindruck. Henry, ein kleiner, untersetzter aber selbstbewusster Mann mit Nickelbrille und gepflegtem Vollbart, der mit Hilfe einiger Geschäftsleute aus Nancy und näherer Umgebung einen Marktstand in Méréville eröffnen wollte, welcher den hiesigen Menschen den Weg in die Stadt zum Großteil ersparen sollte, vermochte viele interessante Geschichten über das Stadt- und Geschäftsleben zu erzählen. So hatte nun Arnault gegenüber Madeleine einen Grund, früher in die Kneipe zu gehen, da ihn die Gespräche mit Henry in Bezug auf seine Malerei so sehr inspirierten. Andererseits verspätete er sich zusehends im „Cheval Rouge“, da er doch die inspirierenden Gedanken in Bilder umsetzen musste, was er aber tatsächlich mit begrenztem Arbeitseifer meist erst am späten Abend tat.Diese Ausrede verschaffte ihm täglich ein bis zwei Stunden Freiraum, den er mit Mireille verbringen konnte. Sie vereinbarten verschiedene Treffpunkte, meist im Wald, um möglichst wenig aufzufallen. Doch wenn es regnete, trafen sie sich stets unter der großen Kastanie, deren großflächige Blätter sie vor den kühlen Tropfen schützte. Arnault liebte die seltenen Regenfälle an jenen Spätsommernachmittagen besonders. Mireilles feuchte Haut zerfloss unter seinen Lippen und seiner Zunge, welche die kühlen Tropfen aufzunehmen suchte, bevor diese durch Mireilles Körperwärme verdampften. Wenn es aus allen Wolken Wasser schüttete und er sie liebte, fühlte er sich wie ein Tier, dessen Opfer danach strebte, zerfleischt zu werden, weil der Regen die wohltuenden Wunden kühlte. Außerdem war nicht damit zu rechnen, dass ihre Schreie, mit welchen sie die Gipfel ihres Treibens zu begrüßen pflegten, von irgendjemandem gehört wurden.5Der lange Sommer des Jahres 1832 neigte sich endgültig seinem Ende entgegen und ergab sich dem rauen Wind des Herbstes, dessen Regen nun nicht mehr kühlte, sondern unangenehme Kälte brachte. Die triebhafte Sehnsucht nach Mireille, die in Arnault steckte, war ungebrochen und ihr ging es ebenso. Doch konnten sie fortan den Schutz des Waldes nicht mehr nutzen, um sich zu lieben. Solange die Kühe der Bellôts sich noch auf der Weide befanden, konnten sie sich, während Quirin ebenfalls auf der Weide verweilte und die Mithilfe seiner Frau nicht benötigte, in deren Scheune treffen. Dies barg jedoch ein hohes Risiko, von Quirin entdeckt oder von Madeleine oder gar Julien beim Eintritt in die Scheune beobachtet zu werden. Doch dies war nicht die einzige Sorge, mit der sich Arnault konfrontiert sah: Die wenige Zeit, die er in den letzten Wochen in seinem Atelier verbracht hatte, war nur wenig ergiebig. Zu sehr war er mit seinen Gedanken bei Mireille, ihrem reizvollen Körper mit all seinen paradiesischen Stellen, verharrt, als dass es ihm möglich gewesen wäre, effektiv zu arbeiten. Immer öfter kam er mit immer mehr nicht verkauften Gemälden aus Nancy zurück und der Bestand an Werken, welche er selbst für qualitativ so gut hielt, dass sie sich zum Verkauf wohl eigneten, war über den Sommer auf Grund der ablenkenden Umstände zunächst kaum bemerkt, aber letzten Endes doch merklich dahin geschmolzen.