Die Hügel des Vatikans - Marion Conas - E-Book

Die Hügel des Vatikans E-Book

Marion Conas

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Beschreibung

Längst bevor er in einer sensationell raschen Wahl zum Papst gewählt wurde, hat ein Mensch namens Alexander seine persönliche Wahl getroffen. Er behält sie jedoch für sich, lässt selbst Julia, die geliebte Schwester, im Unklaren. Aber obwohl mit Alexander (jetzt Julius) ein neuer Geist – der der Frau nämlich – das uralte kuriale System durchweht, ist der innere Druck immens: Darf er sein, der er in Wahrheit ist? Längst hat die moderne Welt auch Einzug in den Vatikan gehalten, oft aber nur als Diskussionsstoff. Hier jedoch ist jemand, der am eigenen Leib erfährt, wie Theorie sich in der Realität auswirkt, wie aus Begrifflichkeit Wirklichkeit werden kann: Stichwort Gender. Marion Conas unternimmt den kühnen Versuch, mit einer „unerhörten Begebenheit“, wie man bei einer Novelle sagen würde, ein Tor in die katholisch-kirchliche Zukunft aufzustoßen. Marion Conas wuchs an der Nahtstelle zwischen Münster- und Sauerland auf, unweit von Schloß Holte, wo die von ihr bewunderte Karin Struck frühe Jahre verbrachte. Das vatikanische Rom leuchtete ihr entgegen durch die Person der Hermine Speier. Die renommierte (jüdische) Archäologin wurde dank Pius XI. in die vatikanische Bibliothek berufen und gehörte damit zu den ersten Frauen überhaupt, die im Kirchenstaat an herausragender Stelle tätig waren. Vielleicht Stoff eines zusätzlichen Vatikan-Romans von Marion Conas?

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Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2017

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agenda

Kleine Reihe Literatur | 24

 

Marion Conas

Die Hügel des Vatikans

Roman

agenda Verlag

Münster

2016

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2016 agenda Verlag GmbH & Co. KG

Drubbel 4, D-48143 Münster

Tel.: +49(0)251-799610, Fax: +49(0)251-799519

www.agenda.de, [email protected]

Umschlagfoto:zach / photocase.de

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-89688-581-4

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

I.

II.

III.

IV.

V.

I.

Julia seufzte glücklich: „Glauben kann ich es ja immer noch nicht.“

„Geht mir genauso.“

„Mein Bruder, der Kardinal.“ Sie seufzte erneut: „Ein so junger hat noch nie am Konklave teilgenommen, in der jüngeren Geschichte nicht.“

„Mein Los“, seufzte nun auch er. „Immer muss ich der Jüngste sein.“

„Wer weiß, was noch kommt“, lächelte sie.

„Bitte nicht“, sagte er.

„Aber ist es nicht merkwürdig, dass deine Erhebung noch so kurz vor seinem Ableben geschah, in buchstäblich letzter Minute?“

Es stimmte: Clemens war umgefallen – und aus und vorbei. Sofort nachdem der Akt vollzogen war – der Akt, ihn, Alexander, betreffend.

„Die Tinte war noch nicht trocken“, sagte Julia fröhlich. „Und nun bist du sogar im Adelsstand. Ist doch so, oder?“

„Ich glaube, ja.“

„Heuchler, du weißt es.“

Herrje, war sie glücklich.

„Du solltest einfach noch Kardinal werden“, sagte sie. „Damit du am Konklave teilnehmen kannst, damit man dich dort –“

„Hüte deine Zunge“, sagte er. Immerhin, theoretisch war es möglich.

Aber eben nur theoretisch.

Trotzdem zog sich irgendwas in ihm zusammen.

Jedenfalls versuchte er mit aller Kraft, sich aus der Hektik der Vorphase herauszuhalten. Jedes Konklave war ein Thriller. Schon jetzt glühten alle nur möglichen Drähte. Namen flatterten bereits wie Vögel am Himmel. Welcher Zug würde sich bilden? Clemens hatte sich wie ein Bussard in immer entferntere Gefilde hineingeschraubt. Weder rück- noch fortschrittlich. Eine Sowohl-als-auch-Gestalt. Aber wer es allen recht machte, machte es bekanntlich keinem recht. Insofern schienen die meisten der Kardinäle erleichtert, dass ein Schnitt erfolgt war. Plötzlich und unerwartet und in gewisser Weise beklagenswert, aber zum Wohl der Kirche. Gelobt sei Jesus Christus. Am dankbarsten waren die, die auf ein Morgenrot warteten, auf jemanden, der mehr tat als nur Staub von verwitterten Altären zu wischen. Nicht, dass Clemens gänzlich untätig geblieben war, doch der große Atem, er fehlte. Und es lag auch nicht nur an der Kurie, dass das meiste sich lediglich im ersten Gang bewegte. Da saßen durchaus fähige und vor allem kluge Leute, denen klar war, was die Stunde geschlagen hatte. Aber so die richtige Fanfare, die ertönte halt nicht. Es wehte kein Sturm, bloß ein Lüftchen. Warum war das so, bei so viel Wissen und Willen? Kirche brauche Pfingsten, das Wehen des Geistes, hob Julia immer wieder hervor. Er wusste schon, weshalb sie seine neue Position in eine gewisse Erregung versetzte. Er, so hoffte sie, könnte den „Chef“ auf Trab bringen, sollte es beim bisherigen Knirschen bleiben. Oder, falls sofort Windstärke 9, das Boot des Aufbruchs als zweiter Steuermann besteigen. Zusammen mit IHM einer neuen Zeit entgegen segeln.

Seine Schwester Julia. Aber sie hatte ja recht. Sie war nach Rom mitgekommen, wie selbstverständlich. So, als müsste sie nach der Wahl sofort zur Stelle sein, ihm beistehen.

Und erst recht, sollte er selbst –

Allein der Gedanke war absurd, im besten Fall kindliche Verwegenheit. Nicht den Bruchteil einer Sekunde hielt er für möglich, dass es im Konklave auf ihn zulaufen könnte. Das war so unwahrscheinlich, als würde aus dem Mond plötzlich die Sonne. Formal gehörte er nun zwar zum erlauchten Kreis derer, die wählen durften, sogar gewählt werden konnten, aber das spielte als Realität keine Rolle. Worauf es für ihn ankam, war mit seiner Stimme dem Richtigen (wer war das überhaupt?) nach oben Geleitschutz zu geben, insofern hatte sie ihren Wert, aber das Ganze besaß für ihn eher den Charakter eines Schauspiels, in dem er mehr Zuschauer als Mitwirkender war.

Redete er sich ein. Das Vertrackte nur: Irgendwie war er doch (schon) mittendrin. Plötzlich konnte es die natürlichste Sache sein, gewählt zu werden, bei gleichzeitiger Gewissheit, dass dies nie und nimmer der Fall sein würde. Dabei hatte das Konklave noch gar nicht begonnen. Das Merkwürdigste: Er nahm teil, obwohl er bereits jetzt nicht sein durfte, was er war. Es gab Zeiten, da vergaß er, wie es um ihn stand, aber dann schoss es wie eine Stichflamme in ihm hoch, und seine Situation war ihm wieder bewusst. Seine Lage, sie war durch und durch verfahren, himmelschreiend, und doch hielt er aus, blieb in der Arena, ein Schicksal, ebenso gewollt wie verrucht, mutterseelenallein schlug er sich damit herum, nicht mal Julia war eingeweiht, obwohl ihn das in die fast größte Unruhe versetzte. Er fand, sie müsste es wissen, und doch hatte er sein coming-out immer wieder hinausgeschoben. Wenngleich er schon oft gedacht hatte: Warum merkt sie nichts, gerade sie müsste es doch merken. Oder wartete sie nur darauf, dass er das Wort ergriff? Aber unmöglich könnte sie stillhalten, wenn da tatsächlich eine Ahnung (Verdacht hoffentlich nicht) in ihr wucherte. Dafür war ihr Verhältnis einfach zu – ja, zu intim. Immer hatten sie einander alles gesagt. Doch eben nur so gut wie alles, was ihn betraf. Leider. Darum musste es jetzt endlich geschehen, gerade jetzt. Aber was hieß „musste“, wenn jede Sekunde verstrich. Es war ein Abgrund. Eben alles.

Dabei: Wie schön, wie strahlend hatte es angefangen. Zum Beispiel die Messdiener-Zeit. Natürlich er wieder der Jüngste, der Kleinste auch. Ein Winzling am Altar. Da hatten sie beide geglüht vor Stolz, er und Julia. Aber er hatte sie neben sich haben wollen, als Messdienerin. Nur: Der damalige Pfarrer war ein konservativer Knochen gewesen. Mädchen mit dem Weihrauchfass? „Aber es sind doch so etwas wie Engel“, hatte er einmal dagegen gehalten, musste da keineswegs tapfer sein. Immer wieder war das priesterliche Arschloch (dieses Prädikat verlieh er ihm damals freilich nicht) von ihm bekniet worden, doch mehr als knurrende Anerkennung kam nicht dabei heraus: „Ist ja schön, wie du dich für deine Schwester einsetzt.“ Ein Glück beinahe, dass er selbst zugelassen worden war, bei seinem Alter, seiner Statur. Der Pfarrer blieb ein Sturkopf, auch wenn in anderen Gemeinden Mädchen längst willkommen waren. Der Himmel hatte indes ein Einsehen und ließ den sogenannten Geistlichen Rat krank und amtsunfähig werden. Für den Nachfolger war es dann gar kein Problem: Sakristei und Altar wurden nun auch von Mädchen in Beschlag genommen. Oft versahen Alexander und Julia gemeinsam den Dienst, ja nicht nur eine ernste, sondern durchaus auch unterhaltsame Angelegenheit.

Auch sonst: Sie waren wie ein einziger Baum. Dass Julia ein Mädchen, er ein Junge, sie empfanden es nicht als Unterschied. Ein beinah paradiesischer Zustand. Da wuchs in der Tat zusammen, was zusammengehörte, wobei Alexander immer das Gefühl hatte, dass er es war, der sich hinüber begab, sich an- und sich einschmiegte. Motto: Wie die Schwester, so der Bruder. Symbiose. Von den Eltern wurde nicht gegengesteuert, sie waren auch zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Was allerdings nicht hieß, dass der Mutter die vertrauliche Gemeinsamkeit bei ihren Kindern verborgen blieb. Das zeigte sich sogar bei und an der Gartenhecke. Da immer wieder überwuchert von Heckenrosen, ließ sie sie von Zeit zu Zeit lichten, sodass man durch sie hindurchblicken konnte. „Verstecken hinter Hecken kommt bei mir nicht in Frage“, war einer ihrer Sprüche, und sie nahm in Kauf, dass auch ihr Mann sich jedes Mal ärgerte, wenn das „Rosen-Fest“ – so sagte er wirklich – ein weiteres Mal aufgrund ihrer Pflegewut gestört wurde. Mit dem Ausdruck „Rosen-Fest“ konnte seine Frau sich ohnehin nicht abfinden: „Dieses gewöhnliche Zeugs? Sie duften ja nicht einmal richtig, deine Heckenrosen.“ Für Alexander und Julia bildete die Hecke mit ihren Rosen das Reich der Märchen, ihrer selbst erfundenen Märchen, die sie sich in einer Art Höhle erzählten. Manchmal kam die Mutter vorbei, lugte in das Nest, minutenlang mitunter, sodass den Kindern nicht gerade angst und bange wurde, doch es fröstelte sie, ließ sie noch enger zusammenrücken. Kopfschüttelnd entfernte sich die Mutter schließlich, immerhin, sie hatte sie nach nichts ausgefragt, doch sie waren froh, als die Schritte sich entfernten. So ähnlich hätte sich auch eine Schlange zurückziehen können. Gefahr vorbei, herrlich. Gewisse Parallelen gab’s zu den Aufenthalten im Zimmer von Julia, entdeckungssüchtige Aufenthalte, denen die Mutter aber ihren Lauf ließ: So war es halt, in diesen krausen Jahren. Wurde ihr auch von beiden hoch angerechnet. Mit ihrem Mann dafür im Dauergespräch, wobei die Probleme meist berufliche Dinge betrafen, seine. Dramatische waren es nicht, denn ihr Vater saß an einem Schreibtisch der Stadtverwaltung, kümmerte sich hauptsächlich um die Wasser- und Stromversorgung, soweit sie das mitbekamen. Für sie ganz Vater, weil Beschützer. Ihm hätten sie etwas sagen, gestehen können, ohne es erklären zu müssen. „Turm“ nannten sie ihn oft. Dauernd gaben sie Menschen und Dingen ihre eigenen Namen und Bezeichnungen. Dass der Vater die Heckenrosen mochte wie sie selbst, verlieh ihm für sie noch einen besonderen Wert. Seinen Ausdruck „Rosen-Fest“ übernahmen sie, fanden ihn irgendwann aber nicht mehr passend, nicht für den heimischen Garten passend. Das wahre Fest, sie erlebten es nämlich ein paar Häuser weiter, wo der Garten fast ein Park. Eine Frau hatte sie nach dort eingeladen, eine Nachbarin. Schützenfest war, von den Eltern freilich bis auf die unumgängliche Fahne negiert. Julia und Alexander standen jedoch draußen unter dem Torbogen (auch er war notgedrungen geschmückt), sahen sich den schmetternden Zug der vorbeimarschierenden Schützen an. Julia hatte sich zwei Heckenrosen ins Haar gesteckt, besagte Nachbarin sprach sie darauf an, fügte hinzu, nun mit Blick ebenfalls zu Alexander: Rosen wüchsen bei ihr auch, richtige, und wenn sie wollten, könnten sie kommen und sie sich ansehen. Was sie taten. Zum Ärger allerdings der Mutter, der ihr wie immer nur anzumerken war, ihn sich erklären konnten die Geschwister erst später.

Der Garten, der Beinah-Park der Nachbarin. Ihre Beete und die künstlich angelegten kleinen Terrassen, das wahre Rosen-Fest. Julia vor allem tauchte ein in diese betörende Welt, freudig beobachtet von der Besitzerin, die am Wohnzimmerfenster stand und jede Szene aufsaugte. Dieses Kind, wie verzaubert es war, wie es den Bruder an die Hand nahm, ihn sich hinunter beugen hieß. „Wer spricht von verdorbener Jugend“ fragte sie abends ihren Gatten, Direktor eines Textilbetriebs. Aha, Direktor, während der andere, der Vater von Julia und Alexander, zwar ebenfalls sich Hausherr nennen durfte, aber nur auf ein Stück Wiese (hauptsächlich für die Wäsche) verweisen konnte, vor allem jedoch sich beruflich und gesellschaftlich etliche Etagen tiefer vorfand, sodass, kurz gesagt, die Situation eine war, welche seine Frau und die Mutter der beiden Rosenverliebten nur grollend hinzunehmen vermochte, obwohl die Wasserversorgung doch auch ihr am Herzen lag, mehr beinah noch als dem Ernährer der Familie. Dies, wie gesagt, die Lage aus der Rückschau, da waren Julia und Alexander bereits erwachsen. Zur Kinderzeit wurde der Garten der Nachbarin schon bald ihr eigener: „Fühlt euch wie zuhause“, hatte die Frau gesagt, worauf Alexander allerdings erschrak: Die heimische, doch eher bescheidene Umgebung sollte auch hier gelten? Die Heckenrosen gleichgesetzt sein mit der Pracht hier? Da konnte Julia rasch aufklären. Später meinte sie, was sie beide so angezogen habe. sei wohl das unbestimmte Gefühl eines Himmels auf Erden gewesen, eines irgendwie vorweggenommenen. Das hielt selbst er für übertrieben, für weit übertrieben. Zumindest was sie beide betraf. Doch Julia mochte es ja so empfinden. (Noch später, da schon Bischof, schenkte er ihr sogar eine Rosenuhr, von Chanel.)

Julia konnte überhaupt gut erklären, in Worte fassen, etwas prägnant beschreiben. Hinterfragen tat sie ebenfalls gern, es war fast schon eine Manie. Eine Antwort musste her, und wenn es eine offene war. „Du breitest aus wie ein Tischtuch“, kommentierte er gern. Als er die Mitra trug, sagte sie: „Der Mensch geht, der Bischof schreitet.“ Früh war für sie klar: Es wird in seinem Fall nicht bei der Funktion des Messdieners bleiben, er würde dereinst selbst den Wein trinken und das Brot beziehungsweise die Hostie brechen. Alexander nahm es ohne Erstaunen hin, obwohl er daran noch nie gedacht hatte, war aber unbewusst vielleicht froh über eine solche Zukunft: War er Priester, musste er sich von Julia nicht trennen, konnte sie bei ihm bleiben. Dass sie bei ihm leben, sich an einen anderen Mann nicht binden werde, setzte er wie selbstverständlich voraus, sie ja ebenfalls. Er und sie hätten es auch vorausgesetzt, wäre von einer priesterliche Laufbahn gar nicht die Rede gewesen (und hätte wie, bitteschön, gehen sollen?). Gut, zur Rosenzeit waren sie noch die Königskinder, die kein Wasser trennte, aber sie wurden schließlich erwachsen, oder? Ja, sie wurden erwachsen, ohne Folgen jedoch. Mochten sich die Umstände ändern: Ihr Verhältnis blieb das gleiche. Und es war, wie es war. Erörtert wurde die Lage sogar von Julia nicht, diese nicht.

Aber etwas änderte sich doch, unter Beibehaltung ihrer Symbiose. Alexander wurde zum Fremden im gemeinsamen Land. Er hätte das nicht sein müssen, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht, wäre er der gewohnten Linie weiter gefolgt. Oder hatte er unbewusst Angst, ihre Insel würde auseinanderbrechen? Okay, wäre er nicht geweiht, wäre die Situation vielleicht eine andere. Dass er zudem nach oben gehievt wurde, verstärkte das Problem möglicherweise. Erst mal allerdings nur für ihn, nicht für ihr Verhältnis. Es konnte sie entsetzen, sehr sogar, kaum aber das Band zwischen ihnen brüchig werden lassen. Entscheidend und verhängnisvoll war nur eines: sein Schweigen. War der Rest, der Rest ihres Lebens das: sein Schweigen? Das konnte, durfte nicht sein. Ausgeschlossen, dass, bliebe er stumm, ihre Insel die Seligkeit behielte. Was hieß: behielte, längst hatte er ja den Frevel begangen, ihr die Unschuld des ursprünglichen (paradiesischen) Zustands genommen. Etwas wird nicht ungeschehen dadurch, dass ein Beteiligter unwissend ist. Der ihm nächste Mensch, der, welcher durch kein Wasser von ihm getrennt war, wusste von nichts. Das konnte sogar töten. Julia könnte so verletzt sein, dass allein dies ihre Gemeinsamkeit zerstören würde. Zerstören. Schon jetzt hatte er ihren kostbarsten Schatz, das uneingeschränkte Vertrauen, schändlich beschmutzt. Schweigen ist Gold?

Wenn er nur an diesen einen Tag dachte –

Safrangelb der Weizen, ein Wind wie ein Lied, keramikblau der Himmel, einzelne Wolkenschiffe und eine Luft, als wäre sie gerade erst geschaffen. Wieder ein Fest – und jetzt das schönste. Und doch auch ähnlich dem der Rosen, irgendwie. Er über ihr, aber nach vorn hin, nicht das Übliche. Das heißt, beinahe nicht, denn als ihr Mund geöffnet und bereit war, sein sonst so lächerliches Anhängsel seine Milch mit Freuden loswerden wollte, hörten sie sich – nach künstlichem Husten – „Kinder, Kinder“ genannt, stand der, der den Zuruf zu ihnen schickte (keineswegs erbost, wie es schien, eher gutmütig), nur wenige Meter von ihnen, mitten im Feld, dem wogenden. Mann mit Strohhut, offenem Hemd, vor allem mit dem freundlichsten Gesicht. Er hätte es nicht zu sagen brauchen, doch er sagte es: „Jung war ich schließlich auch mal.“ Und weg war er im sonnenhaften Gewoge. „Jetzt können wir“, sagte Julia, ließ sich dabei zurück fallen auf die krümelige Erde, die sie schon vorher zum „schönsten Teppich“ gemacht hatte. Nun war es soweit, fast, denn er hatte sich einen Augenblick noch sammeln, die Staumauer endlich auflösen müssen. Aber dann vollzog sich‘s wie gewünscht, wie vorgestellt. „Auch eine erste Kommunion“, sagte danach Julia. Darauf musste man erst einmal kommen. Darüber, nach was es für sie eigentlich geschmeckt hatte, hatten sie nicht gesprochen an jenem Nachmittag, es war einfach kein Thema gewesen im Glück des Erlebten. Sie hatten nur dagelegen, dann gesessen, hinter ihnen die Halme wie ein lichtes Gitter, Julia dauernd mit ihren Haaren zugange, er sich immer wieder zu ihr und über sie beugend, Lippen zu Lippen, keine Worte fast, nur Blicke, Berührungen.

Und doch hatten sie an den folgenden Tagen das Gefühl des Unabgeschlossenen. Bis Alexander den Schlüssel fand: Beichte, gemeinsame. Nicht, als ob da ein Sündenbewusstsein, überhaupt nicht, aber das Gefühl, bekennen zu müssen: das, was geschehen an jenem Julinachmittag. Da Beichte ja ein Sakrament, erhielt auch das Ereignis eine Art von Weihe, nachträglich. So argumentierte einer, der inzwischen Julias Vorhersage als richtig erkannte, der also tatsächlich Priester werden wollte, sich schon in diesem frühen Alter sicher war. Und der natürlich wusste, dass der Charakter der Beichte ein grundsätzlich anderer war. Dort wurde vergeben, das Vorgefallene aber keineswegs dadurch geheiligt, weil der Akt des Bekennens einen sakramentalen Rahmen besaß. Alexander dachte sich da etwas zurecht, wurde aber von Julia darin lebhaft unterstützt: Gemeinsame Beichte, das war beinah so etwas wie ein gemeinsamer Akt. Doch war das in der katholischen Kirche überhaupt möglich, als Paar zu beichten, außerhalb des Beichtstuhls, etwa in der Wohnung eines Geistlichen? Alexander fragte seinen Religionslehrer, mit dem er konnte, und der, obwohl mit einem solchen Fall noch nie konfrontiert, wusste von keiner prinzipiellen Schranke, ob das aber nun wirklich von Nutzen sei, dies werde man sehr wohl bedenken müssen. Alexander hatte schon jemanden im Auge, einen, mit dem er einerseits keinerlei Umgang pflegte, von dem er sich aber vorstellen konnte: mit dem war das durchzuziehen. Er rief also an, schilderte, erhielt ein Ja, einen Termin.

Julia und er jubelten. Heiß war ihnen aber auch. Und sie hatten Herzklopfen, als sie läuteten.

Was ihnen sofort auffiel: das riesige Kreuz – Einfach ein Kreuz. Der Vikar, darauf angesprochen: Der Tod Jesu sei das Tor zur Auferstehung, zum ewigen Leben gewesen, da solle man nicht die erbärmliche Art, wie ihn der Mob zu Tode gepeinigt habe, zur Schau stellen. So in etwa und auch ausführlicher. Dann das Eigentliche, wobei Julia Alexander das Wort überließ. Sofort, um das klarzustellen: Hier handle es sich nicht um eine Beichte im üblichen Sinn, um gar keine Beichte, ehrlich gesagt, denn zu bereuen gebe es nichts, rein gar nichts. Gleichwohl seien sie der Ansicht, es müsse ihr Handeln vor einem Priester offengelegt werden, letztlich vor Gott also. Der Nachmittag im Weizenfeld, er sei ein doppelter Vollzug gewesen, ein, ja, eben ein fleischlicher, aber darüber hinaus auch ein quasi religiöser – so, wie Liebende sich das Sakrament der Ehe spendeten, sie selbst, nicht ein Geistlicher. Ja, ungefähr so. Während er sprach, schaute er immer wieder zu Julia hinüber, die dann eifrig nickte. Ihr Priester, tiefernst, hörte ohne jede Unterbrechung zu, lächelte manchmal, aber nicht so, wie man über Kinder lächelt. Was auch nicht bei ihm fiel, war das Wort „Geschwisterliebe“, und um eine solche handelte es sich doch hier. Sah er einfach nur Liebende vor sich, zwei, die bekennen wollten, dies mit der ausgeliehenen Würde einer Beichte? Unerwartet lenkte er zu einem Gebiet über, das ihm offensichtlich am Herzen lag: Fehlverhalten, christliches Fehlverhalten in der Gesellschaft, in der persönlichen Umgebung. Da konnten sie nun mit wirklichem Verschulden aufwarten, sodass am Schluss das Ego te absolvo gesprochen wurde, ganz richtig mit der violetten Stola.

Und dabei knieten sie auch

Was für eine Stunde.

Eigentlich wollten sie nach der Lossprechung gleich gehen, aber dann unterhielten sie sich doch noch länger. Der Anstoß erfolgte durch den Priester, berührte den ersten Teil ihrer „Beichte“. Der Priester redete von Lebensformen, wie sie auch in der Kirche immer mehr Eingang fänden beziehungsweise ins Bewusstsein durchsickerten. Er berichtete von einer Nonne, der das Unerhörte gelungen sei, ihre verschlossene Existenz nach außen zu kehren. Eine Lesbierin. Da kam nun nichts grundsätzlich Neues ans Licht, zu allen Zeiten schon trieb man es hinter mehr oder weniger dicken Mauern in allen geschlechtlichen Variationen, doch selbst, wenn die Öffentlichkeit davon erfuhr, blieb der Eindruck des runtergelassenen Vorhangs. Nun gab aber die Nonne, eine in gehobener klösterlicher Funktion sogar, laufend Interviews, schrieb Artikel, stellte sich und ihre Freundin vor, eine, die nicht mal wie sie Ordensangehörige, sondern Lehrerin an einer weltlichen Mittelschule war, auf irgendeine Weise hatten sie Bekanntschaft gemacht und sich auf der Stelle ineinander verliebt. Und sie, die Nonne, dachte nicht daran, die eigene Gemeinschaft zu verlassen, obwohl erheblicher Druck auf sie ausgeübt wurde (Julia erinnerte sich schwach, von dem Fall gehört zu haben). Toll wäre es natürlich gewesen, sie und ihre Geliebte hätten auch innen, vor allen anderen, ihre Liebe ausdrücken können, aber das blieb natürlich Utopie. Blieb? Sie ging jedenfalls nicht, bewies damit, bestärkt von immerhin zwei Mitschwestern, eine immense Standhaftigkeit. Da hatte es ihr Kampfgefährte einfacher, obwohl auch er unter Beschuss geriet. Ein Dominikaner, der mit den Jahren, erst verhältnismäßig spät, seine Homosexualität entdeckt beziehungsweise sie sich eingestanden hatte: endgültig bei einer Sext, dem Mittagsgebet. Sext und Sex, pflegte er hinterher zu sagen, fand das wohl ganz originell. Einen Namen erwarb er sich, indem er lautstark dafür eintrat, dass Frauen geweihte Priesterinnen werden können. Auch