Die Hüterin - Dana Brandt - E-Book

Die Hüterin E-Book

Dana Brandt

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Beschreibung

Smilla Tender ahnt nicht, dass dieser eine Morgen ihr gesamtes Leben auf den Kopf stellt. Dabei schiebt sie gerade eine Menge Frust. Zu allem Überfluss tauchen bei ihr zwielichtige Gestalten auf, die Smilla erklären, dass sie auserwählt sei. Natürlich! Kennt man doch. Passiert jedem mal, dass einem gesagt wird, dass man wer Besonderes ist, während man überlegt, wie man sein Dasein auf die Reihe bekommt.Smilla hält das alles für einen Witz auf ihre Kosten. Sie hat genug ganz reale Probleme zu stemmen und keine Zeit. Sie muss zum Beispiel diesen seltsamen Ring loswerden, den sie gefunden hat, ihren Ex-Freund auf Abstand halten … und eine Unmenge von Schmetterlingen ignorieren, die einfach so durch Fensterscheiben fliegen, als gäbe es keine Materie. Und überhaupt: Wieso bestellen Bäume Pommes? Und warum sieht sie all diese Veränderungen als Einzige? Warum muss sie zu allem Überfluss verrückt werden? Und wieso geht es ihr immer schlechter? Fragen über Fragen und keine Antworten. Als Smilla sich vor eine Wahl gestellt sieht, muss sie eine Entscheidung treffen, die nicht nur ihr eigenes Leben für immer verändern wird. Denn es geht um nicht weniger als den Fortbestand allen Lebens. „… Geiler Stoff. Mehr davon! …“ (Susanne) Taschenbuchausgabe entspricht rund 490 Seiten

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dana Brandt

Die Hüterin - Scheiß auf Schicksal (queer urban fantasy)

tolino-media-Ausgabe

© 2021 Dana Brandt

WB-Autorenservice, Krienitzstraße 1a, 06130 Halle / Saale

Vertrieb: tolino media GmbH & Co. KG, 80636 München

Text: Dana Brandt

Lektorat & Korrektorat: AnnSophie Frind,

Bernd Frielingsdorf & Cornelia Pabst

Cover-Konzept, Gestaltung & Buchsatz: Dana Brandt

Fotos & Illustrationen: depositphoto, designcut (Credits)

2021 © alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9783754627273

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Ähnlichkeiten mit lebenden, verstorbenen sowie künftig lebenden Menschen oder menschenähnlichen Geschöpfen sowie mit Geschöpfen in/aus anderen Dimensionen und Universen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Gleiches gilt für die hier genannten Orte und Örtlichkeiten, Tiere und tierähnlichen Geschöpfe und Lebewesen, die in keine der genannten Kategorien fallen, aber Lebewesen oder Lebewesen ähnlich sind, sowie für alle materiellen und nicht materiellen Objekte, Subjekte usw., die sich angesprochen fühlen.

Warnungen gibt es keine! Und vor Küssen wird sowieso nicht gewarnt.

Lesen auf eigene Gefahr und Rechnung. Therapiekosten werden nicht übernommen.

Leser, die Probleme – welcher Art (Rechtschreibung, Grammatik, inkorrekte, doppeldeutige, ambivalente Formulierungen, Religionsdarstellungen, Diskriminierung, sexuelle Orientierung, nicht ausgesprochene Warnungen über sogenannte oder tatsächliche Trigger, die unbedingt hätten genannt werden müssen etc.) auch immer – haben, Anhänger von cancel culture sowie Menschen, die Kontext nicht mögen und bevorzugt auf Stichworte reagieren: sie alle können sich an die Autorin wenden. Jedoch kann keine Garantie ausgesprochen werden, dass alle (sic!) Anträge und Beschwerden inklusive Drohungen sowie Darstellungen hinsichtlich Unbehagen bis Wutanfälle bearbeitet und Abhilfe mit Zufriedenheitsgarantie geschaffen wird. Die Autorin ist nicht erpressbar und nicht bestechlich und Rumgetöse führt nicht zum Erfolg. Aktuelle zeitgenössische Reaktionen werden zur Kenntnis genommen und ggf. in einem neuen Roman verarbeitet.

Kaffee könnte im Übrigen einen glättenden Effekt auf die Widerborstigkeit erzielen. Argumente sind deutlich effektiver. In Kombination mit Kaffee nahezu unschlagbar.

Ansonsten in aller Deutlichkeit:

DIE GESCHICHTE IST FIKTION!

CHARAKTERE können Arschlöcher sein. Sie erfüllen ihren Zweck innerhalb der Geschichte.

LESEN IST GEFÄHRLICH!

Man kann mit fremden, nicht in das eigene Weltbild passenden Vorstellungen konfrontiert werden.

© Dana Brandt

Pläne sind was für Anfänger.

Fortgeschrittene stürzen sich ins Chaos!

Meister sehen zu, dass sie diesem ausweichen oder mit ihm tanzen.

Prolog

Es war einmal vor langer Zeit … Ein Prolog oder der Anfang von allem irgendwo in der Mitte von Jetzt und einem Ort nahe Hier unweit von Dort

Fi flatterte um Tonja herum, die sich in ein Buch vertiefte und auch nicht aufschaute, als die kleine Elfe sich auf ihre Schulter setzte. „Was liest du da?“, fragte Fi und beugte sich sogar über ihren Schwerpunkt hinaus vor, was sie in eine kleine Notsituation geraten ließ. Die kleine Elfe musste flattern, um wieder auf ihren Sitzplatz auf der Nebelfee zu gelangen. Und Tonja war eine Nebelfee. Keine Besonderheit in diesen Breitengraden. Im Norden des Planeten gab es sie weit häufiger als anderswo. Seltener war, dass sie, insbesondere Tonja, einfach so in der Gegend saß und dabei scheinbar selbstvergessen las.

„Ist ein Fantasyroman“, murmelte Tonja etwas abwesend und blätterte um.

„Spannend?“, fragte Fi.

„Geht so!“

Fi hielt sich an Tonjas Haaren fest und beugte sich erneut vornüber.

„Du bist ziemlich neugierig“, sagte Tonja und jetzt endlich klang sie so, als würde sie mitbekommen, dass sie nicht mehr allein war.

„Ja, normalerweise liest du auch kein Menschenbuch“, beschwerte sich Fi.

„Ein wenig Fortbildung kann nicht schaden.“

„Fortbildung?“ Fi konnte es nicht glauben. Fi ließ sich fallen und landete elegant auf den Seiten des Buches, von wo aus sie in Tonjas Gesicht blickte. Etwas, was ein wenig schwierig war, denn Nebelfeen hatten, wie es ihre Art war, nicht die Angewohnheit, allzu viel von ihrer Gestalt und ihren Gesichtern preiszugeben. Wie sie es im Übrigen schaffte, dass die Seiten des Buches durch ihre Berührung nicht völlig aufweichten, war Tonjas Geheimnis.

„Ja, Fortbildung. Vielleicht steht hier drin, wie wir eine Hüterin bekommen.“

„In einem Menschenbuch?“ Dass Fi fassungslos war, dafür brauchte es keinen Subtext. Die kleine Elfe hatte gerade Mühe, sich auf den Beinen zu halten. „Also, ich glaube ja nicht, dass man in einem Menschenbuch lesen kann, wie man zu einer Hüterin oder einem Hüter kommt.“

„Hüterin!“, korrigierte Tonja.

„Ach, und woher willst du wissen, dass es eine Hüterin werden wird und kein Hüter?“, fragte Fi spitz.

„Weiß nicht. Aber der letzte war ein Hüter. Der davor auch. Die lange Zeit des Wartens …“

„Frauen brauchen lange vor dem Spiegel und deshalb dauert es so ewig, bis sie sich der Öffentlichkeit zeigt.“

Tonja blickte böse auf Fi. „Ach, woher hast du diese Weisheit?“

Fi seufzte. „Es gibt ja auch Ausnahmen.“

„Ich stelle mal die steife Behauptung auf, dass du von uns beiden der Spiegelgucker bist.“

„Gar nicht“, murmelte Fi. Sie trat ein wenig von einem Füßchen aufs andere.

„Lässt du mich wieder lesen?“, fragte Tonja.

Fi blickte wieder nach oben. „Wo ist eigentlich Marius?“

Tonja hätte zu gern diese Frage nicht beantwortet, da die Antwort weitere Fragen provozierte. Entsprechend unwirsch antwortete sie: „Der hat zu tun und das weißt du!“

„Ich will auch mal in die Menschenwelt“, quengelte Fi leise. „Eigentlich wir alle.“

„Es ist zu gefährlich. Ohne Begleitung gehst du da nicht hin.“

Fi trippelte auf dem Papier herum und wirkte alles andere als glücklich. „Es ist für uns alle gefährlich, aber wenn es so weitergeht, wahrscheinlich der letzte Ort, wo wir uns aufhalten können.“ Sie verzog das winzige Gesichtchen. „Vielleicht hat Marius Glück“, versuchte sie es mit ein wenig Optimismus.

„Wenn er Glück gehabt hätte, wüssten wir es.“ Tonja seufzte. „Und ausgerechnet Marius. Er braucht noch Zeit.“

„Du hast ihn ausgebildet.“

„Falsch, ich bilde ihn noch immer aus, auch wenn das keiner weiter zu wissen braucht. Aber so wie es aussieht, spielt es sowieso keine Rolle, wer gerade der Wächter ist.“ Tonja hielt das Buch hoch. Fi flatterte, so schnell sie konnte, in die Luft. „Wenn man nach Gevatter Zufall geht, dann dürfte uns jetzt, wo alles am schlechtesten steht, eine Hüterin auf die Füße fallen. Oder vor die Füße. Reine Ansichtssache.“

„Oh, ich hoffe es! Eine hübsche, die mich vielleicht mag.“

Tonja hatte nicht vor, der kleinen Fi irgendwie die Hoffnung zu nehmen, wobei sie den Hinweis mit dem Aussehen einfach ignorierte. Sie würden jede Hüterin nehmen, die da käme, wenn sie denn endlich käme, und seit wann war das Aussehen von Bedeutung? Das mit dem Mögen jedoch war etwas, was sie verstand. Doch die meisten Hüter waren Menschen mit einem besonderen Wesen gewesen und es gab nur wenige Kreaturen und Seelen, die keine Elfen mochten. Tonja setzte daher die kleine Elfe einfach auf ihre Schulter zurück und begann aus dem Fantasyroman vorzulesen, den sie vor ein paar Tagen an einem Bahnhofskiosk in einer der Menschenstädte gekauft hatte. Eine Schnulze oberster Güte. Fantasy war eher dekoratives Element und die Bühne für die Handlung. Aber das Buch vertrieb die Zeit, bis Marius von seinem Ausflug zurück war.

Fi schnaufte, als sie an eine Stelle kamen, an der die „Auserwählte“ auf den Bösen hereinfiel. „Sind alle Menschen so dumm?“, fragte sie.

„Keine Ahnung“, murmelte Tonja. „Aber es ist ein Buch. Du weißt von vornherein, wer der Böse ist. Im echten Leben sind Etiketten eine recht seltene Erscheinung.“

„Daran wird es wohl liegen“, gab Fi ihr recht. „Aber ich werde der Hüterin sagen, wer böse ist.“

Tonja lachte herzhaft und las dann, als sie sich beruhigt hatte, weiter für Fi vor.

In diesem Moment wurde die Tür aufgerissen, die in die Menschenwelt ging. Tonja nutzte sie normalerweise nicht, denn sie verbrauchte einfach zu viel Magie. Aber nun stand Marius kreidebleich und keuchend in der Tür und hielt sich an der Klinke fest, da er scheinbar umzukippen drohte. „Der Ring ist weg!“, rief er und das war alles, was er noch sagen konnte, bevor ihn eine Flut von Fragen überrollte, die in der Mehrzahl innerhalb der ersten Sekunden von Fi kamen.

Kapitel 1

Das Leben ist kein Ponyhof

Rumms! Knall!

„Scheiße!“

Rumms!

Smilla zog das Kopfkissen über den Kopf, in dem es hämmerte wie in einem Stahlwerk, und riskierte einen winzigen Blick. Es war hell in der Welt da draußen und selbst die blickdichten Rollos konnten diesen Umstand nicht verbergen. Schlimmer war, es war sogar verdammt hell und sie wusste, dass mindestens einer von zweien verschlafen hatte und zwei einen ausgewachsenen Kater hatten.

Eine Form der ganz besonderen montäglichen Logik, derer sich man nur sehr schwer entziehen konnte, selbst dann, wenn einem Magen und Kopf auf Grundeis gingen.

„Du musst raus, Paul, du hast verschlafen“, rief Smilla und trat nach Paul, ihrem Langzeitfreund mit wenigen Vorzügen, den selbst die Nachbarskinder nicht hatten wecken können. Dass diese so rannten und die Türen nicht zu halten bekamen, bedeutete, dass es etwa 7:35 Uhr war und damit Paul eine gute Stunde fehlte, um auch nur mit gehäuftem Glück pünktlich bei seiner Arbeit anzukommen. Aber Paul gehörte nicht zu den Glückspilzen auf dieser Welt, wie auch die Leichtigkeit des Seins innerhalb dieser vier Wände sowieso nicht zu Hause war.

„Paul! Wach endlich auf!“, rief sie lauter, stöhnte dann aber, da ihre eigene Stimme sie daran erinnerte, dass es Dinge gab, die man an einem Sonntagabend nicht machen sollte, wenn man das Vierteljahrhundert schon vor einer Weile hinter sich zurückgelassen hatte. Zum Beispiel zwei Flaschen Wein allein leeren.

Aber sie war, wie gesagt, mit diesem Fehltritt nicht ganz allein. Paul hatte sich an die Bierkiste gehalten. Die letzte von diesem Wochenende. Sie hatten am Freitag noch drei Stück davon gehabt.

Smilla hatte trotz der frühen Stunde die vage Vorstellung davon, dass das kein gutes Bild abgab.

„Paul, verdammter Flachwichser, raus! Das ist jetzt dein vierter Job, den du in den letzten zwei Jahren verlierst.“

Nein, es gab wirklich kein gutes Bild ab.

Sie stemmte sich auf, blickte zu Paul, der sich doch bewegt hatte. Die Decke lag über seinem Gesicht und er schien weiterschlafen zu wollen. Lediglich ihren Tritten war er ausgewichen, die sie recht großzügig verteilt hatte. Jetzt lag er so weit an der Bettkante, dass er runterfallen würde, wollte er noch weiter ausweichen.

„Bin krank“, kam es gedämpft von der anderen Seite.

„Das musst du deinem Chef selbst erklären“, erwiderte Smilla und erhob sich. Irgendwo hatte sie im Bad Kopfschmerztabletten deponiert. Ihr letzter Absturz war vor mehr als einem Monat. Aber dafür war dieser hier ein ganz besonderes Kaliber. Müde blickte sie sich im Bad im Spiegel über dem Waschbecken an.

Die Frau, die sie darin erblickte, kannte sie nicht. Aber sie wusste auch, dass sie diese Frau war. Und eine Schönheit.

Eigentlich.

Im Moment jedoch war sie versucht, sich selbst die Zunge rauszustrecken und die Pennerin zu ignorieren. Loser, wisperte eine Stimme in ihrem Kopf. Es war ihre eigene und sie sagte ihr, sie solle die Klappe halten. Aber wem wollte sie etwas vormachen?

Sie war eine Verliererin oberster Güte. Beste in der Schule. Eine Schönheit war sie gewesen, nach der sich die Jungs reihenweise die Finger geleckt hatten. Ihre Mutter hatte sich vor Ehrgeiz fast zerrissen und ihr durch Beziehungen die Welt vor die Füße gelegt.

Vorbei.

Sie hatte jetzt Paul, kein Geld und keine Familie.

Damals dachte sie, sie würde ihren Schwarm heiraten und eine Familie gründen und es würde alles schön werden – wenn sie auch einen Riesenschiss gehabt hatte. Sie, siebzehn, und in weniger als einem Jahr würde sie bereits Mutter sein. Sie hatte damals Angst und Hoffnung zugleich gehabt bis zu dem Tag, an dem endgültig alles nach einer langen Zeit endete, in der ihr eine Wunde nach der anderen zugefügt worden war.

Smilla machte sich nicht die geringsten Illusionen darüber, wer sie heute war und was insbesondere ihre Mutter in ihr sah. Die Enttäuschung ihrer Mutter zu sein, tat ihr weh und manchmal gab sie sich den Erinnerungen hin. Manchmal war es ihr, als wäre es die Vergangenheit einer Fremden. Oder ein Traum, der bei Tagesanbruch verblasste. Wenn es besonders beschissen lief und sie zu gern einfach in einer Ecke gesessen und geheult hätte, dann besaß sie die blöde Angewohnheit, ihren Bauch zu berühren. Dort, wo für ein paar Monate das Glück gesessen hatte und nichts weiter, als eine Erinnerung zurückblieb. Meist war sie danach noch trauriger oder es nervte sie. Wie jetzt gerade.

Smilla riss die Tür vom Spiegelschrank auf und zupfte den Blister der Kopfschmerztabletten hinter dem Zahnputzbecher hervor. Den Luxus von Schmerz konnte sie sich nicht leisten. Smilla hörte, wie sich Paul leise fluchend aus dem Bett fallen ließ. In einem Punkt hatte er recht: Er war nicht in der Lage zu arbeiten.

Das war der Moment, in dem Smilla abschaltete und ihr übliches Morgenprogramm durchzog, das darin bestand, sich in einen menschenähnlichen Zustand zu versetzen, was in aller Regel von duschen bis Kaffee trinken reichte. Sie selbst brauchte noch nicht zur Arbeit, aber ihre Schicht begann in absehbarer Zeit.

Pommes abfüllen, Burger in Tüten packen, ein Getränk anbieten und dabei freundlich lächeln. Smilla hasste es. Aber sie konnte es verdrängen und wenn sie nicht darüber nachdachte, war es erträglich.

Während Paul noch am Telefon hustete und schnaufte, um seinen Chef davon zu überzeugen, dass er mit einer Grippe im Bett lag und es ihm ziemlich übel ging, blickte Smilla mit einer Tasse Kaffee in der Hand hinunter in das kleine Karree, das die Häuserblöcke bildeten. Um diese Zeit war niemand auf den Balkonen zu sehen. Die meisten Bewohner hasteten zur Arbeit oder in die Schule. Die Alten saßen am Küchenfenster und sahen wie sie nach draußen. Warteten, bis sie mit der Sonne dran waren, um sich in ihren Strahlen reptiliengleich aufzuwärmen.

Paul schlurfte zu ihr und schnüffelte interessiert in Richtung ihrer Kaffeetasse.

„Kaffee ist noch in der Maschine. Mach dir eine eigene Tasse fertig“, wies ihn Smilla kurz angebunden zurecht.

„Ich liebe dich auch, Schatz“, gab Paul beleidigt zurück. „Früher hast du mir noch einen Kuss gegeben.“

„Früher dachte ich auch, dass du nicht der faule Arsch bist, der schon wieder seinen Job verliert und dann Wochen braucht, bis er eine neue Anstellung findet. Du weißt, dass wir das Geld brauchen und machst immer wieder so einen Scheiß!“

Paul knallte die Küchenschranktür zu. „Was? Was blökst du mich so an? Du hast schließlich auch gesoffen, oder was? Hat die Prinzessin heute ihre Tage oder warum bist du so angepisst?“

Smillas Blick hätte Paul in Staub verwandelt, wenn sie dazu in der Lage gewesen wäre, so jedoch verzog er nur das Gesicht. „Hältst dich für was Besseres!“, rief er.

„Nein, aber ich halte dich nicht noch mal für Wochen aus, während du das Geld verprasst. Ja, ich habe auch gesoffen. Aber ich werde nachher losgehen und meine Schicht durchziehen. So sieht es nämlich aus.“

Paul schnaufte abfällig. „Wenn du so gut bist, warum gibst du dich dann mit mir ab? Bin wohl der beste Stecher, den du bekommen konntest, Schlampe?“

Smilla packte die Wut. „Raus!“, sagte sie leise, brachte das Wort irgendwie zwischen den zusammengebissenen Zähnen heraus.

„Bitte? Du willst mich rausschmeißen? Na, danke auch. Was glaubst du eigentlich, wer du bist?“

„Nicht deine Mutti. Und auch nicht deine Hure, wenn dir danach ist. Pack deine Sachen und hau ab. Raus hier!“

Paul starrte sie sekundenlang an, dann ging ein Ruck durch ihn und er stampfte ins Schlafzimmer. Es knallte und rumste, dann war er keine fünf Minuten später mitsamt einer schlecht gepackten Tasche und leidlich angezogen aus der Tür, die er mit Verve ins Schloss knallte.

Smilla atmete tief durch. Sie hatte keine Ahnung, warum sie das getan hatte. Aber ihr Widerwille war auf einmal so groß geworden, dass sie Paul nicht eine Sekunde länger um sich hatte haben können. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihm aus der Scheiße half. Sie hatte ihm sogar die Spielschulden abgenommen. Doch warum es sie ausgerechnet jetzt packte, wusste sie nicht. Sie spürte die dumpf hämmernden Kopfschmerzen hinter ihrer Stirn und sie hasste es. Sie hasste alles. Ihr Leben, die Schmerzen, diese Wohnung, den Kaffee.

Smilla stellte die Tasse in die Spüle, zog ihre Jacke und Schuhe an und ging dann einfach. Bis zu ihrer Schicht im Fastfoodtempel, einer Filiale, die es seit ein paar Jahren in fast jeder Stadt gab, hatte sie noch zwei Stunden. Das bedeutete, sie stemmte mit zwei weiteren Kollegen die Mittagszeit am Counter und blieb bis in den Abend. Alle paar Wochen hatte sie Nachtschichten oder die Frühschicht bis Mittag. Ein tägliches Einerlei ohne besondere Höhen und Tiefen.

So jung und schon am Ende, schoss ihr der bittere Gedanke durch den Kopf. Sie gab daher eher leichten Herzens dem Impuls nach, ein wenig frische Luft inhalieren zu müssen. Eigentlich wollte sie weit mehr als das. Eine richtige Zigarette war es, wonach sie sich sehnte.

Doch der Entzug war mühsam gewesen. Sie hatte keine Lust, den Erfolg aufs Spiel zu setzen.

Ein paar Meter würden reichen, um den Kopf wieder freizubekommen und die Bewegung würde ihr guttun. Eindeutig war sie heute mit dem falschen Fuß aufgestanden. Sie gab im Stillen zu, dass sie hätte netter zu Paul sein können. Aber wie sie schon in der Küche bemerkt hatte, war ihr Unwille größer gewesen als ihre Nachsicht und ihre Nettigkeit, die sie auch hatte. Ihre Geduld war mit einem Mal zu Ende gewesen. Sie hoffte jetzt nur, dass Paul keinen Scheiß anstellte.

Sie fühlte Beklemmung aufsteigen und sah sich unwillkürlich um, ob sie Pauls Gestalt irgendwo entdeckte. Das hatte man wohl davon, wenn man unstrategisch Schluss machte. Jetzt musste sie zusehen, dass Paul sich nicht an ihr rächte. So richtig wusste das Smilla nicht einzuschätzen. Ihr Ex-Freund war ein wenig ausgeglichener Mann. Nun gut, heute hatte er auch allen Grund, sauer auf sie zu sein.

Smilla schwankte ein wenig zwischen Amüsement und Sorge.

Ein kleiner Seufzer entfleuchte ihr. In ihrem Magen war ein Loch. Die passende Ablenkung zur richtigen Zeit. Sie stellte sich frische Brötchen vom Bäcker vor, die sie heute frühstücken wollte. Abweichen vom Gewohnten. Noch etwas, was sie spontan entschied. Wie von selbst fanden ihre Füße den Weg hin und wieder zurück und das erste Mal an diesem Morgen dachte sie an nichts Schwerwiegendes. Die Sonne war warm und es war schön. Ein Fahrradfahrer kreuzte ihren Weg und klingelte. Die Vögel sangen und über ihr gurrten Tauben. Sie mochte sie. Paul nannte sie fliegende Ratten. Aber sie mochte den Gedanken an eine ewige Liebe.

Die Gegend, in der sie lebte, besaß nicht den größten Wohncharme, aber sie war froh, dass sie eine Wohnung hatte ergattern können. Es gab überwiegend nette Leute in der Nachbarschaft, einen Bäcker und einen kleinen Supermarkt und auch sonst war das meiste gut zu erreichen. Es wuchsen sogar Bäume in der Straße und in fast jedem Wohnkarree gab es einen grünen Innenhof, in dem die Kinder spielten. Sie hätte es schlimmer treffen können.

Als sie um die Ecke trat, sah sie Paul. Er lungerte in einem immer noch erbärmlichen Zustand vor dem Kiosk, wo er sich Nachschub für seinen Kater kaufte. Smilla wartete ab, ob er gehen würde und stellte fest, dass sie kein Glück hatte.

Das hieß für sie einen Umweg gehen. Seufzend nahm sie diesen Aufwand in Kauf, während ihr außerdem einfiel, dass sie die Trennung noch heute Abend ihrer Mutter erklären musste. Den obligatorischen Familientermin alle zwei Wochen, bei dem sie zum Abendbrot zu erscheinen hatte, hatte sie beinahe vergessen. Sie brauchte eine gute Ausrede.

Etwas fester als nötig packte Smilla ihre Brötchentüte und ging zügiger. Als sie an der Ecke ankam, endete abrupt jeder Gedanke. Geblendet musste sie ihre Augen zusammenkneifen und wäre fast mit jemand zusammengestoßen. Der Typ murmelte etwas von Entschuldigung oder etwas anderes und war ziemlich schnell zwanzig Meter weiter.

Smilla jedoch war noch immer geblendet und es half auch nicht, dass sie ihren Kopf bewegte oder ihre Augen mit der Hand beschattete. Es war, als wäre die gesamte Straße vor ihrer Wohnung in ein helles, gleißendes Licht getaucht. Doch so plötzlich, wie es da war, war es auch wieder verschwunden.

Smilla blinzelte und schüttelte den Kopf, versuchte das Blitzen vor den Augen loszuwerden. Wer macht so einen Blödsinn, fragte sie sich und blickte sich um. Aber sie war allein und der Typ, den sie fast über den Haufen gerannt hatte – oder er sie –, war auch schon nicht mehr zu sehen.

Noch einmal blickte sie in die Straße. Aber da war nichts und kein Mensch in ihrer Nähe. Selbst der Himmel und ein offenes Fenster taugten nicht als Grund und Antwort für ihre Frage.

Dann eben nicht, dachte sie und vergaß fast im gleichen Moment, was passiert war. Aber nur fast. Denn wieder blitzte etwas auf und Smilla kniff erneut fast schon automatisch die Augen zusammen. Doch sie wurde dieses Mal nicht geblendet. Es gab nur ein Glitzern in einer der mehr schlecht als recht gepflegten Rabatten vor den Häusern.

Neugierig trat Smilla näher, erwartete aber nicht mehr als ein verloren gegangenes Spielzeug oder einen dieser Kristalle aus Glas oder Plexiglas, die sich manche Leute in die Fenster hängten.

Ein wenig überrascht sah sie auf einen Ring. Er war groß und sehr beeindruckend. Smilla blickte sich um, um zu sehen, ob jemand sie beobachtete. Sie war noch immer allein. Es ging nicht einmal jemand mit seinem Hund Gassi.

Smilla hockte sich hin und nahm mit spitzen Fingern den Ring an sich. Nicht, dass sie Angst vor dem Ring hatte, aber ihre innere Stimme riet ihr, vorsichtig zu sein. Sie rechnete außerdem damit, dass jemand sie anpöbeln und sie fragen würde, was sie mit dem Eigentum fremder Leute täte. Aber nichts dergleichen geschah. Sie ließ den Ring auf ihre Handfläche gleiten und betrachtete ihn. Er war schwer und irgendwie fühlte sich das Metall zudem geschmeidig und warm an.

Smilla hielt sich den Ring ganz nah vor die Augen, als sie Muster bemerkte. Die Oberfläche war keinesfalls glatt, wie sie erst angenommen hatte. Vielmehr wanden sich feinziselierte Ranken um die Rundungen. Es gab keine Fläche, die nicht davon bedeckt war. Das schloss den großen Stein in der Mitte ein.

Smilla stand wieder auf und blickte sich erneut um. Das war kein Souvenir aus einer Überraschungstüte. Dieses Schmuckstück war teuer und kostete sicherlich weit mehr, als sie innerhalb eines Jahres verdiente. Das Siegel, das aus einem roten Stein geschnitten war, verriet, dass es sich um ein Statussymbol handelte. Vielleicht gehörte der Ring einer alteingesessenen Familie, die adlige Wurzeln besaß.

Doch wenn das der Fall war, warum lag er dann unbeachtet in den Rabatten eines Stadtviertels, wo sich Leute, die so etwas besaßen, ganz sicher nicht herumtrieben? Während Smilla diese Frage wälzte und die Straße wiederholt rauf- und runterschaute, konnte sie niemanden entdecken, der ihr das Fundstück wieder abnehmen wollte.

Mit einem Schulterzucken betrachtete sie es und steckte es in die Hosentasche. Jetzt konnte sie das Geheimnis sowieso nicht ergründen. Erst einmal war Frühstück angesagt, dann musste sie überlegen, wie sie ihre Wohnung vor Paul einbruchsicher bekam. Irgendwann danach hatte sie vielleicht Zeit, über den Ring nachzudenken und wie sie dessen Besitzer ausfindig machen könnte. Der Gedanke an Polizei behagte ihr nicht. Aber ihre Erfahrung sagte auch, dass es nichts brachte, einen Aushang zu fertigen und auf den Fund des Rings hinzuweisen. Dann würde sich jeder Hinz und Kunz melden und frei Schnauze behaupten, dass er der Eigentümer sei.

Smilla sah sich nicht als Genie an, aber sie war auch nicht so dämlich, wie Paul es gern behauptete. Schließlich war sie mal eine Einserschülerin gewesen. Dennoch, die Polizei aufsuchen …

Smilla nahm sich vor, später darüber nachzudenken. Sie hatte keine Zeit und der Ring konnte auch noch später zurück zu seinem Besitzer. Den restlichen Morgen bereitete sie sich körperlich und mental darauf vor, einmal mehr eine öde Schicht zu überleben. Sie vergaß dabei sogar Paul und das Problem mit dem Haustürschlüssel.

Ab zwölf hörte Smilla auf, Smilla zu sein. Sie schaltete alles ab, was nicht unbedingt für ihre Arbeit nötig war. Lächelte, bediente am Schalter, füllte Pommes auf, ignorierte das penetrante und stete Piepen, das den Call für die Kollegen ausgab, etwas zu tun, und kassierte Geld von teilweise gut, teilweise auch schlecht gelaunten Kunden.

Alles in allem war es ein normaler Tag.

Doch das änderte sich, als Smilla ihrem letzten Kunden vor der anvisierten Mini-Pause nach dem Mittagsrun ins Gesicht schaute.

„Für mich zwanzig große Pommes, zehn Majo- und zehn Ketchup-Tüten. Dazu zwei Liter Cola“, bestellte der. Smilla jedoch starrte ihn nur an. Sie konnte nicht fassen, was sie sah, und versuchte die Realität von dem zu trennen, was sich vor ihren Augen abspielte.

„Bitte?“, fragte sie, als ihr Verstand meldete, dass der Typ etwas gesagt hatte, während der niedliche Fliegenpilz ein kleines Stück größer wurde, der ihm aus dem linken Ohr wuchs. Doch das war nicht das eigentliche Problem. Das konnte sie geradezu vernachlässigen. Der Kunde sah aus, als wäre er aus Holz. Ein Baum oder Baumrest oder etwas anderes aus Holz und Borke. Moos-, pilz- und farnbewachsen und ab und an schien etwas auf ihm herumzukrabbeln.

„Ich möchte zwanzig große Pommes, zehn Majo- und zehn Ketchup-Tüten. Dazu Cola XXXL“, wiederholte der Baummann mit sonorer, leicht raspeliger Stimme und Smilla nickte nur. Ihre Lippen und überhaupt ihr Mund schienen auf einmal für eine Fortführung des Kunden-Counter-Gesprächs zu trocken. Dabei waren die Standardsätze in ihr Gehirn eingebrannt und rollten ihr automatisch über die Zunge, sobald sie hinter dem Tresen stand.

„Hast du was?“, zischte ihr Supervisor sie an.

Smilla schüttelte den Kopf. Inga, ihre Kollegin, hatte schon bei der Großbestellung Pommes fast eine Tüte komplett als Nachschub in die Fritteuse geleert. Für die ersten zehn Schachteln reichte der Vorrat in der Warmhaltebox.

Smilla schlussfolgerte, dass sie gerade einen ganz schlechten Trip hatte, da keiner ihrer Kollegen etwas sagte und ihr Chef gewohnt souverän die nächste Bestellung per Headset am Auto-Drive entgegennahm.

„Kein Problem. Möchten Sie noch etwas dazu?“, fragte Smilla freundlich und ignorierte, dass der Fliegenpilz im Ohr sich zurückzog und eine kleine Familie Pfifferlinge, zumindest glaubte sie, dass es Pfifferlinge waren, etwa auf Herzhöhe zu sprießen begannen. Ein Schmetterling, dessen Flügel seltsam glitzerten, setzte sich auf den Minifarn daneben. Alles in allem ein idyllisches Bild, wenn man sich nicht vergegenwärtigte, dass das kein Landschaftsbild, sondern ein Kunde vor ihrem Counter war.

„Nein, das wäre alles.“

Smilla lächelte tapfer. „Zehn Portionen Pommes können Sie gleich bekommen. Die nächsten werde ich Ihnen an den Tisch bringen“, erklärte sie und legte zu dem Zweiliter-Pott Cola die Tütchen mit Ketchup und Mayonnaise aufs Tablett.

„Kein Problem. Ich setze mich ans Fenster.“ Der Baummann deutete unbestimmt in die hintere Ecke des Restaurants.

Ihre Kollegin, die gerade die ersten sechs Portionen zusammengeschaufelt hatte, blickte sie merkwürdig an. „Krank?“, fragte sie.

Smilla schüttelte den Kopf. „Nein, nichts! Alles in Ordnung. Ich habe mich nur etwas erschreckt. Hatte aber nichts mit ihm zu tun“, log sie und machte die nächsten vier Portionen fertig.

Den Baummann abzukassieren und ihn zufrieden mit seiner Beute von dannen ziehen zu sehen, schaffte sie, ohne einen weiteren Blick auf ihn und das, was auf ihm geschah, zu riskieren. Das Gesicht des Mannes war schon ungewöhnlich genug und es unterstützte keinesfalls Smillas Selbstbeherrschung, dass der Schmetterling seinen Landeplatz auf dem Minifarn verließ und mit einem Kumpel jetzt den Kopf des Baummannes umschwirrte.

Smilla fragte sich, ob sie irgendwie mit LSD in Kontakt gekommen war. Anders konnte sie sich nichts von dem hier erklären und sie betete, dass sie überzeugend genug darin war, niemanden bemerken zu lassen, dass ihr Blick auf die Realität gerade mächtige Risse bekam. Hoffentlich konnte sie bis zum Ende der Schicht überleben und sich mit einer Mütze voll Schlaf auskurieren.

Zusammen mit der Idee des Ausschlafens fiel Smilla wieder ein, dass sie noch eine Verabredung zum Abendbrot mit ihrer Mutter hatte. Eigentlich Eltern, aber es war ihre Mutter, die darauf bestand, seit sie ausgezogen war.

Smilla schickte ein Stoßgebet in den Himmel.

Als sie die letzten Pommes dem Baummann an den Tisch geliefert hatte, war sie unendlich froh, endlich in ihre Mini-Pause gehen zu dürfen.

Sie verzog sich mit einem Wink an ihren Supervisor in das kleine Zimmer, in dem schon Inga und Andre, der zum Küchenteam gehörte, auf sie warteten.

„Du sahst vorhin aus, als hättest du etwas Schlechtes gegessen“, begrüßte sie Inga auch gleich.

Smilla winkte ab. „Hast du eine Kippe?“, fragte sie.

Inga tauschte mit Andre einen bedeutungsvollen Blick. „So schlecht also“, kommentierte Andre und er war es, der Smilla seine Packung Zigaretten über den Tisch schob.

Inga stand auf und öffnete die Tür nach draußen, da das Rauchen im Raum nur geduldet wurde. Daher war Lüften obligatorisch.

„Nein, mir geht’s schon wieder besser“, beschwichtigte Smilla und nahm einen ersten tiefen Zug von ihrer ersten Zigarette seit nun fast sechs Jahren. Den Hustenreiz unterdrückte sie. Gekonnt war gekonnt.

„Glaube ich dir nicht!“, meinte Inga und lehnte sich entspannt auf dem Stuhl zurück, auf den sie sich wieder hatte fallen lassen.

Smilla überlegte, was sie sagen sollte. Der inquisitorische Blick ihrer Kollegin riet ihr, ihr irgendetwas zum Fraß vorzuwerfen.

„Na gut“, meinte sie und seufzte vernehmlich. Es war für ihre Kollegen das Zeichen, dass sie nachgab.

Inga lehnte sich vor und Andre grinste ein wenig vor sich hin.

„Ich habe heute mit Paul Schluss gemacht.“

Andre gab die entspannte Haltung auf, während Inga noch ihre Gesichtszüge einsammelte, die ihr abrupt entglitten waren.

„Bitte? Was hast du getan?“, fragte Andre.

„Ich habe ihn heute Morgen vor die Tür gesetzt. Er war zu besoffen, um auf Arbeit zu gehen und ich hatte dieses Mal keine Geduld, das Spielchen von vorn zu beginnen.“

„Oha!“, kommentierte Inga. „Na ja, ein kleiner Alkoholiker ist er ja schon und du hast ihm seine Schulden bezahlt. Er sollte zusehen, dass er den Boden unter seinen Füßen behält. Aber so von jetzt auf gleich?“

Smilla wirkte vage schuldbewusst, als sie mit der Schulter zuckte, und sie wusste es auch. „Ich wollte das nicht noch einmal durchmachen. Wenn er sich so gehen lässt, dann zieht er bald wieder los und zockt herum. Wahrscheinlich sitzt er bereits vor dem erstbesten Automaten. Wir hatten vor Wochen über Heiraten gesprochen und ich hatte auch ernsthaft überlegt. Aber heute Morgen – ich konnte ihn nicht ertragen.“

Andre schnaufte. „War er dir auf einmal nicht mehr gut genug?“

„So ist das nicht richtig“, wehrte Smilla ab, „ich habe fast anderthalb Jahre für seine Schulden Überstunden gekloppt, weil er es nicht geschafft hat. Der Arsch hat einen Hilfsjob nach dem anderen in den Sand gesetzt und jetzt scheint es wieder von vorn loszugehen. Ich bin doch keine Kuh, die man ständig melken darf. Mal ernsthaft, wenn deine Freundin das mit dir machen würde, kämst du damit klar?“

Andre verzog die Mundwinkel und nickte dann. „Stimmt ja, aber es kam wirklich etwas heftig. So nach dem Kaffee, vermute ich mal.“

Smilla hustete, weil ihr jetzt der Rauch der Zigarette quer saß. „Ähm …“, räusperte sie sich.

„Nicht einmal einen Kaffee?“, fragte Inga und irgendwie klang da eine Menge Schadenfreude mit.

„Nun ja, ich habe mich geweigert, ihm einen einzugießen, als er an meiner Tasse geschnüffelt hat. Er wollte mir meine Tasse nehmen.“

„Oh, wie abtörnend und so unromantisch“, stellte Inga fest.

„Ihr Weiber macht es euch aber auch immer zu einfach. Bei euch muss es immer der romantische Prinz sein“, beschwerte sich Andre. „Und wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden, kommt der Rausschmiss.“

„Hey“, rief Smilla, „mag ja sein, dass der Rausschmiss nicht ganz ladylike war, aber ehrlich? Was hat das mit einem Prinzen zu tun? Ich meinte es ehrlich mit Paul, aber er bekommt sein Leben nicht auf die Reihe. Ich bin keine Heilige und irgendwann kann ich auch nicht mehr. Was ist so kompliziert daran, ein normales Leben zu führen? Das ist jetzt nicht das Paradies einerseits, aber andererseits es geht. Warum bekommt er das nicht auf die Reihe? Er hat sogar den Tankstellenjob hingeschmissen. Hör mal, das ist kein so großer Aufwand. Das mit dem Zeitungsaustragen war nicht der Hit gewesen und darüber hinaus schlecht bezahlt. Da konnte er bei der Tanke ganz anders arbeiten und wurde auch noch besser bezahlt. Aber nein, geht für ihn nicht klar. Ich bin nicht seine Bank, seine Mutter, seine Putze und seine Hure. Sorry, ein wenig muss er auch den Arsch hochbekommen. Ich habe nie viel von ihm verlangt. Also nichts mit Prinzen“, erklärte Smilla immer aufgebrachter.

„War nicht so gemeint!“

„Vergiss es, Andre, er meint nämlich auch, dass ich mich wie eine Prinzessin benehmen würde. Hallo? Wo lebe ich eigentlich? Und ganz übel war der Spruch mit meinen Tagen. Wenn der Herr schlecht gelaunt ist, ist das ernst zu nehmen. Aber wenn ich schlecht gelaunt bin, dann habe ich meine Tage. Danke schön noch mal!“

Andre presste die Lippen zusammen.

„Großes Fettnäpfchen“, murmelte Inga und Andre nickte dezent.

„Sorry!“, murmelte er. „War nicht so gemeint, ehrlich. Vielleicht kann ich ja Paul den Kopf waschen. Er ist sonst ein netter Kerl, aber er könnte schon in die Pötte kommen.“

Smilla wehrte ab. „Lass es, Andre! Ich bleibe jetzt Single und ich hoffe, dass er mir nicht die Bude aus Rache leer räumt. Der glaubt wahrscheinlich, dass ihm alles gehört.“

„Tut es nicht?“, fragte Inga.

„Nicht ein Stück. Nur die Sachen, die er am Leibe trägt, ein paar Klamotten im Schrank und die Zahnbürste im Bad. Alles andere kommt von mir. Er kam mit nichts und das hat sich seitdem nicht geändert.“

„Eure Pause ist zu Ende“, tönte es auf einmal aus der Sprechanlage. Smilla, Andre und Inga blickten synchron auf ihre Handys.

„Eine Minute noch“, maulte Andre. „Sklaventreiber!“

„Lass ihn das nicht hören“, warnte Inga. An Smilla gewandt meinte sie: „Der wäre ehrgeizig genug. Vielleicht ist er was für dich?“

Smilla lachte trocken, drückte ihre Zigarette aus und ging zur Tür. „Der hat eine Freundin und die sind verlobt, soweit ich weiß, und darüber hinaus ist er das andere Extrem. Ein Normalo wäre nicht schlecht.“

„Dann wäre ich was“, meinte Andre noch ohne Grinsen.

„Und du bist in festen Händen“, erinnerte Inga ihn an ein wichtiges Detail.

Kapitel 2

Wenn es nur ein niedlicher Fliegenpilz gewesen wäre, …

Ljuba betrachtete ihre Hände, die von viel Arbeit in einem langen Leben erzählten. Die Schwankungen der Magie, die sie gespürt hatte, waren winzig. Zu winzig, um eigentlich von Bedeutung zu sein. Das zu glauben, wäre jedoch ein fataler Irrtum. Die Veränderungen waren fundamental. Sie berührten wirklich und tatsächlich das Fundament des Landes, auf dem alles ruhte, und waren direkt durch ihren Körper gegangen.

Rosa blickte sie an. Seit mehreren Minuten, schweigend, wartend. Erst jetzt jedoch war Ljuba in der Lage, sie wieder wahrzunehmen.

„Bereite alles für eine sehr lange Reise vor“, wies sie Rosa an. „Und kein Wort zu irgendwem. Sei so diskret wie möglich.“

Rosa, ihre langjährige Freundin, Wächterin und Vertraute, nickte. Irgendwem bedeutete nicht, dass sie es niemanden sagen durfte. Irgendwem war jeder, der nicht zu ihrer verschworenen Gemeinschaft gehörte. „Ich werde Mischa Bescheid geben. Er soll schauen, ob das Auto genug Benzin hat“, informierte sie die alte Hüterin.

Als Rosa Ljuba allein gelassen hatte, atmete sie noch einmal bewusst tief ein und aus und lauschte den feinen Vibrationen eines Netzes, die so gering waren, dass ein Handwisch ihrerseits genügt hätte, um sie zu beseitigen. Doch das würde die Quelle selbst nicht berühren. Ljuba wusste, dass es keine Macht auf dieser Welt gab – außer die der Welt selbst –, um das aufzuhalten, was jetzt begann. Eile war geboten und ebenso Vorsicht.

Sie hatte eine junge Seele gespürt. Irgendwo in Europa.

Noch war alles weit entfernt, winzig, fastohne Bedeutung. Jedoch nur dann, wenn man nicht wusste, dass sie das Ende einer langen Dürreperiode war und der Anfang von etwas Neuem.

Das Land unter Ljubas Füßen trug den von Menschen verliehenen Namen Sibirien. Aber Europa wurde von ihr, der Hüterin Sibiriens, beschützt, solange es niemanden gab, der darauf Anspruch erhob und damit seine volle Kraft zu entfalten vermochte. Die Magie, verbunden mit der Erde und allem, was darauf und darunter lebte, akzeptierte sie, ohne dass sie seine erwählte Hüterin war. Doch eben hatte sich ein Anker gebildet, dessen Kraft noch lange nicht ausreichte, um einen Stein zu heben, der aber mächtig genug war, um einen Menschen an die Erde zu binden und dessen Leben von Grund auf und für immer zu verändern.

Die Macht verschob sich und damit änderten sich Ansprüche. Ein Krieg stand bevor, wenn sie nicht eingriff. Eile war geboten.

Mischa polterte herein und blickte sie verwirrt an. Der große Mann mit den Augen eines Kindes hatte Angst.

Ljuba trat zu ihm und berührte ihn. „Keine Sorge. Ich werde auf mich aufpassen. Du musst auf das hier und dich achtgeben und du musst auf meine Nachrichten hören. Ich werde dir schreiben.“

Mischa nickte. „Ich werde das Auto bereit machen. Wann wirst du reisen, Ljuba?“

„Heute Nacht noch.“

Kapitel 3

Manchmal ist es besser, sich nichts zu wünschen

Zisch!

Smilla zündete sich auf dem Weg zu ihren Eltern noch eine Zigarette an. Endgültig mit dem Rauchen aufzuhören, konnte sie unter diesen Umständen vergessen.

Tief sog sie den Rauch in ihre Lungen. Es war, als würde sie nach Hause kommen und willkommen sein. Im Gegensatz zu ihrem richtigen Zuhause. Es war erbärmlich und fühlte sich zugleich unendlich vertraut an. Ihre Mutter würde sie der Tür verweisen oder es versuchen. Wie froh war sie gewesen, als ihre Tochter endlich aufgehört hatte, am Glimmstängel zu ziehen.

Aber das war im Grunde für den heutigen Tag nur ein Nebenkriegsschauplatz. Die Herausforderungen vom Mittag waren ihr die ganze Zeit über erhalten geblieben. Zigaretten waren dabei lediglich eine Kleinigkeit.

Was sich in ein paar Stunden alles ändern konnte, kommentierte Smillas innere Stimme, die immer wieder mal unerwünschte Kommentare von sich gab. Aber sie hatte häufig recht. Es hatte sich an diesem Tag viel geändert und das meiste davon konnte sie noch nicht einmal jemandem erzählen.

Der Baummann war nicht der Einzige, der als Dekorationsobjekt vor ihrem Counter gestanden hatte, während die Schmetterlinge ihn umrundeten, als gälte es einen Wettbewerb im Langsamfliegen zu absolvieren. Es gab da noch dieses andere merkwürdige Geschöpf. Na ja, speziell das, was ihr gerade einfiel, war eigentlich nicht als Geschöpf zu bezeichnen. Eher als einen Mensch mit Eselsohren. Das Interessante an denen war gewesen, dass sie sich bewegten. Begleitet wurde er aber tatsächlich von etwas, das die Bezeichnung Geschöpf verdiente. Ein ätherisches Wesen, das sich ausschließlich Wasser bestellt hatte – mit viel Eis.

Smilla war sich nicht ganz sicher, ob das Wesen Flügel auf dem Rücken gehabt hatte oder ihre Sinne einen feinen Schleier vorgaukelten. Neben diesem tauchten dann ein paar Zwerge auf. Und nein, hier half keine Umschreibung.

So einfach war das nicht!

Nein, das waren keine kleinwüchsigen Menschen, und jetzt brauchte es einer weitschweifigen Umschreibung. Die, die bei ihr eine ganze Ladung Hamburger, Cheeseburger und Spezialburger sowie Pommes bestellten, dazu literweise Cola und Wasser, waren eindeutig Zwerge – wie die aus den Märchen. Keine Menschen, sondern irgendwie … magisch. Sie trugen keinesfalls Zipfelmützen auf ihren Köpfen. Das weniger. Sie trugen vielmehr Jeans oder Lederhosen, dazu winzige Stiefel und Flanellhemden, darüber Lederjacken. Sie hätten genauso gut aus einem Bikerclub stammen können.

Das Problem war vielmehr, dass sie aussahen, wie man sich Zwerge so vorstellte. Die Gesichter, die Hände. Selbst die Haare. Smilla wusste nicht, wie sie es beschreiben sollte, denn so klang es wieder alltäglich, was es aber nicht war. Sie wusste mit absoluter Gewissheit, dass sie keine Menschen vor sich gehabt hatte. Genau das war der Punkt. So wie sie wusste, dass der Baummann kein Mensch war und wahrscheinlich nicht mal ein Mann, so hatte sie auch gewusst, dass diese Zwerge schlicht und einfach Zwerge waren. Es brauchte dann auch nicht mehr die Bestätigung durch eine Geste. Der eine Zwerg hatte mit dem Finger geschnippt und in seiner Hand erschien eine Kreditkarte.

Das war reine Angeberei gewesen, wobei sich Smilla sicher war, dass sie der einzige Mensch weit und breit gewesen war, der sah, was sie gesehen hatte.

Im Laufe ihrer Schicht waren das aber nicht alle Merkwürdigkeiten gewesen. Sie schaffte es sogar, ihre Verblüffung so weit unter Kontrolle zu bekommen, dass sie sich nicht einmal offen darüber wunderte, dass die Schmetterlinge des Baummannes durch die Fensterscheibe flogen, als gäbe es da kein Hindernis. Es gab zudem besondere Gerüche, Geräusche und andere Wahrnehmungen, die nichts mit ihren fünf Sinnen zu tun hatten. Den Abgleich mit der Realität hatte sie irgendwann einfach aufgegeben. Eigentlich wollte sie wissen, ob ihre Fantasie Amok lief und sie sich alles nur einbildete. Aber sie brachte nicht mehr die Kraft auf, um hinter die seltsamen real wirkenden Masken blicken zu können.

Schließlich musste sie arbeiten und es waren Kunden und die brachten Geld. Das war die simple Logik ihres Supervisors und daran klammerte sich Smilla, wenn es mal wieder vor ihrem Counter etwas bunter als üblich wurde. Jetzt war sie froh, dass sie ihre Mimik nicht mehr kontrollieren musste und ihr kaum Leute begegneten. Sie wollte ins Bett und alles vergessen. Der Tag war für die Tonne.

Die Krönung war der letzte Termin des Tages. Den musste sie irgendwie überleben.

Der Familie konnte sie nicht entkommen. Das brachte sie wieder unweigerlich auf Paul. Auf den Morgen. Das missglückte Frühstück und einen Gedanken, den sie bereits hatte: Vielleicht waren Drogen in ihrem Frühstück gewesen. Die Brötchen?

Das war absurd. Vielleicht auch der Kaffee.

Smilla verzog das Gesicht. Abgesehen von Pauls Rausschmiss gab es keine Quellen, gab es keine besonderen Vorkommnisse, bei denen sie aus Versehen mit Drogen in Kontakt gekommen wäre. Der Bäcker dealte zwar mit Staub. Aber Smilla ging nicht davon aus, dass sie Mehl mit einem anderen weißen Pulver verwechselt hatten.

Und dass Paul dafür die Verantwortung trug, das wollte sie nicht glauben. Davon abgesehen …

„Verdammt, Paul! Fuck!“, jammerte Smilla und schnippte ihre Zigarette weg. Sie hatte noch etwas ganz anderes vergessen: Paul hatte noch den Schlüssel und es gab einen Plan B, den sie aber wieder vergessen hatte. „Verdammt, ich wollte doch anrufen!“ Sie suchte ihr Handy aus der Tasche und rief ihre Nachbarin an, die Frau Müller, die zu ihrem Leidwesen nicht abhob. „Verdammt“, fluchte Smilla. „Verdammt, verdammt, verdammt!“, wiederholte sie und warf das Handy zurück in ihre Tasche. Ein ungutes Gefühl beschlich sie und es ließ sich nicht abschütteln. Sie hatte die Wahl, ihre Mutter zu versetzen und nach Hause zu laufen oder … Es gab kein Oder. Sie hatte lieber Stress mit Paul.

Ungern ging sie weiter und dennoch beeilte sie sich, was unsinnig war, denn ob sie früher oder später bei ihren Eltern ankam: Unter einer Stunde war ein Besuch bisher nie gewesen und dieser Zeitraum galt schon als unangemessen kurz und unhöflich.

Als sie bei ihren Eltern vor dem Haus stand, war sie außer Atem und musste sich erst einmal beruhigen, um einen einigermaßen gelassenen Eindruck machen zu können. Dabei half es nicht sonderlich, dass ein Salamander auf den Stufen zum Eingang saß und ihr zuzwinkerte. Er funkelte und leuchtete ähnlich wie die Schmetterlinge des Baummannes. Ein Glück war, dass er nicht durch die Luft flog.

„Keine Drogen mehr“, murmelte Smilla, „und für das nächste halbe Jahr keinen Tropfen Alkohol.“ Das war natürlich auch noch eine Möglichkeit: Der Wein vom Vorabend war verdorben. Irgendwie vergiftet.

Smilla nahm sich vor, sich darüber zu informieren. Vielleicht war das überhaupt des Rätsels Lösung. Oder sie lag im Koma und träumte komische Sachen, weil sie zu viel getrunken hatte. Smilla schüttelte den Kopf. Keinesfalls, dachte sie bestimmt. Dafür fühlte sich alles so real an, wie es kaum möglich sein konnte. Trotzdem kniff sie sich in den Oberschenkel. Es war schmerzhaft.

Da sie im Moment sowieso nicht in der Lage war, den Dingen auf den Grund zu gehen, klingelte sie an der Tür ihrer Eltern und übergab das Wohl ihrer Seele dem Allmächtigen und allen anderen Göttern, die gerade Dienst schoben.

Sie musste nicht allzu lange auf ihr Urteil warten, denn tatsächlich machte ihre Mutter auf und statt eines freundlichen Komm herein, eines Kusses oder etwas anderes Nettes warf sie ihr vor, dass sie ja ziemlich spät käme. „Du hättest anrufen können, Smilla!“

Smilla lächelte, beugte sich vor und gab ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange, die sie ihr auffordernd hinhielt. „Hat gedauert, wie immer“, sagte sie, „die Schicht lässt sich leider nicht abkürzen.“

„Und wessen Schuld ist das?“, fragte ihre Mutter und schnüffelte naserümpfend an ihr. Natürlich brachte sie den eher unangenehmen Duft von Burgern und Frittenfett mit – und Zigarettenrauch. Dass ihre Mutter den nicht ansprach, schob Smilla auf das winzige Glück, das ihr noch geblieben war.

„Hannah!“, tönte es aus dem Hausinneren. „So lass sie doch erst mal reinkommen. Du nimmst sie ja schon gleich im Hauseingang in Beschlag.“

„Aber recht habe ich! Wessen Schuld ist das?“

„Nicht ihre!“, war die Antwort von Smillas Vater. Die große, schlanke Frau, die eindeutig mit Smilla verwandt war, sah pikiert zu ihrem Ehemann, der ebenso groß, jedoch nicht ganz so schlank war.

Aber für Smilla spielten Körpergröße und -umfang ihrer Eltern keine Rolle. Hauptsache, sie konnte das: Sie umarmte ihren Vater, der sie zur Begrüßung angelächelt hatte. „Anstrengende Schicht gehabt“, sagte er und es war eine Feststellung, keine Frage und das Verständnis tat Smilla so gut, dass sie endlich lächeln konnte.

„Wo ist Paul?“, fragte ihre Mutter.

Smilla seufzte, bevor sie sich zu einer Antwort durchringen konnte. Zum Glück war die Tür schon geschlossen, sodass die Nachbarn das Folgende nicht mitbekamen. Es konnte durchaus sein, dass ihre Mutter vergaß, was für ein gewaltiges Organ sie besaß, wenn sie aufgebracht war.

Smilla versuchte sich dem zu entziehen – meist ohne nennenswerten Erfolg. Wie auch jetzt. Kaum hatte sie angedeutet, dass mit Paul Schluss war, explodierte ihre Mutter und Smilla klingelten die Ohren. Sie sah jedoch dennoch, dass ihr Vater entsetzt war und sichtlich Sorgen hatte. Doch erst als ihre Mutter mit einem „Es ist so typisch. Du gibst auf, wenn es schwer ist“ sie noch im Flur stehen ließ, stieß er einen Seufzer aus.

„Sie ist heute schon den ganzen Tag angespannt“, murmelte er und klang reichlich resigniert. „Das mit deinem Freund …“ Er ließ den Satz offen.

„Bin ich nicht und rede nicht so über mich“, schallte es aus der Küche und kurz darauf stand seine Frau mit einer dampfenden Schüssel Kartoffeln in der Küchentür und drückte sie ihrer Tochter in die Hand.

„Habe ich es dir nicht immer schon gesagt, Smilla?“, rief sie, als sie wieder zurück in die Küche ging, um Braten und Gemüse für Schüsseln und Platten vorzubereiten. „Er ist ein Tunichtgut, ein Taugenichts, aber er ist immer noch besser als gar kein Mann. Du bist nicht verheiratet. Wärst du verheiratet, gäbe es Enkel und dann wäre dein Leben nicht verplempert und würde in geregelten Bahnen verlaufen. Die Ehe tut auch einem Mann wie Paul gut. Glaub mir! Ihn wegen deiner Allüren vor die Tür zu setzen, wirft kein gutes Licht auf dich.“

Smilla versuchte die Nerven zu bewahren. Mit letzter Kraft stellte sie die Schüssel mit den Kartoffeln auf dem Esstisch ab. Dann suchte sie Halt. Ihre Hände schlossen sich um die Rückenlehne des Esszimmerstuhls. Ihr Vater legte ihr seine Hand auf die Schulter. „Hannah!“, rief er laut und deutlich, „es reicht!“

„Du hast mir nichts zu sagen. Sie ist auch meine Tochter und mir ist nicht egal, was aus ihr wird und was über sie gedacht wird“, rief seine Frau und kam mit der Schüssel, in die sie die Erbsen getan hatte, wieder. „Sie hat ihr Leben nicht im Griff und es ist meine Pflicht als Mutter, das Beste für sie zu wollen. Und ich muss sie anscheinend antreiben. Sie arbeitet als Kassiererin in diesem furchtbaren Unternehmen. Sie stinkt nach Pommesfett, wenn sie hierherkommt. Pommesfett! Klaus, sie ist die Jahrgangsbeste gewesen und jetzt frittiert sie Kartoffelstäbchen!“

„Es reicht trotzdem“, erwiderte er ruhig und blickte seine Tochter an. „Setz dich! Ich bin gleich wieder da.“ Mit diesen Worten zog er seine Frau zurück in die Küche, wo sich beide ein halblautes, ziemlich heftiges Wortgefecht lieferten.

Kurz darauf kamen sie wieder. Smillas Mutter war eindeutig immer noch schlecht gelaunt, aber ihr Vater zwinkerte Smilla zu. Sie hatte keinen Hunger, noch weniger Appetit, und als ihre Mutter das bemerkte, knallte sie ihr Besteck auf den Tisch.

„Da hat man den ganzen Tag in der Küche gestanden und dann wird nichts davon gegessen“, beschwerte sie sich. „Wahrscheinlich hast du wieder einen dieser widerlichen Burger gegessen. Du musst auf deine Ernährung achten! Sonst wirst du noch fett und dann will dich niemand mehr.“

„Mutter!“, rief Smilla endlich. „Kannst du damit aufhören?“

„Womit? Da du anscheinend dein Leben nicht im Griff hast, kann ich doch zumindest darauf achten, dass du dich ordentlich ernährst.“

„Mutter, ich ernähre mich ordentlich und wenn nicht, dann ginge es dich nichts an“, erwiderte Smilla. „Jedes Mal, wenn ich hierherkomme, habe ich Bauchschmerzen, da du mich in einer Tour belegst.“

Ihre Mutter sah sie verletzt an und schüttelte dann den Kopf. „Das muss ich mir nicht sagen lassen“, flüsterte sie, erhob sich wie eine Göttin und ging dann mit geradem Rücken und hocherhobenem Haupt hinaus. Ihre Schritte auf der Treppe waren gut zu hören, ebenso die Tür, die ein Stockwerk höher geschlossen wurde. Doch nichts davon war unangemessen laut. Die Anklage in jeder Bewegung war spürbar und geradezu schmerzhaft für Smilla.

Ihr Vater berührte ihre Hand. „Es tut mir leid“, sagte er leise. „Es tut mir wirklich leid. Du kannst mir glauben, dass ich versuche, dass sie nicht ständig dieselbe Leier abspielt.“

„Pa, wie lange will sie mich noch fertigmachen? Ich kann langsam nicht mehr. Und heiraten, nur weil sie Enkelkinder haben will, kommt für mich nicht infrage. Außerdem hätte ich beinahe ein Kind gehabt und das war ihr damals auch nicht recht. Nie war das, was ich getan habe, gut genug. Aber ist es nicht langsam gut? Ja, ich arbeite …“

Ihr Vater zog sie hoch und umarmte sie. „Hör auf, dich selbst zu kasteien. Deine Mutter ist enttäuscht. Richtig! Aber sie hat auch Fehler gemacht. Viele Fehler und sie weiß es. Es ist dein verdammtes Recht, eigene Fehler zu machen und es wäre schön, wenn du Rückhalt von ihr bekämst. Aber bei deiner Mutter wird das nicht der Fall sein. Sie sieht ihr eigenes Scheitern und sie wollte mit dir beweisen, dass sie nicht gescheitert ist und du ihren Ehrgeiz mitträgst. Du tust ihr den Gefallen nicht und darüber ist sie enttäuscht. Aber im Grunde sollte ihr am wichtigsten sein, dass du glücklich bist. Und das bist du nicht! Davon kannst du mich nicht überzeugen, Smilla. Ich mache dir da keine Vorhaltungen. Du bist zu jung, um schon aufzugeben, dein Glück zu finden. Sosehr ich auch mitunter mit deiner Mutter streite, ich bin glücklich mit ihr. Wenn du etwas findest, das dich glücklich macht, dann verwirkliche es und gib nicht auf.“

Smilla schniefte leise, da ihr mit jedem Wort Tränen in die Augen schossen und sie konnte sie nicht aufhalten.

Tröstend strich er über ihren Rücken. „Oh, Kleines. Nicht weinen. Denke nicht mehr über die Vergangenheit nach. Schau nach vorn. Was gewesen ist, kann nicht geändert werden. Aber das, was in der Zukunft ist, kann man beeinflussen. Und noch etwas“, er senkte verschwörerisch die Stimme, „gut, dass du Paul rausgeschmissen hast. Bei ihm sind wir uns beide, deine Mutter und ich, einig gewesen. Ich hatte zwar gehofft, dass er dir etwas gibt, was dich aufblühen lässt. Aber er ist ein kleiner Schmarotzer. Eine Partnerschaft sollte ein Austausch sein und damit mehr als die Summe seiner Einzelteile. Doch bei dir und Paul kam nicht einmal das raus. Ihr beide wart zusammen weniger als jeder für sich allein.“

Smilla schluckte und schniefte. „Ich habe ihn vor dem Kaffee heute Morgen rausgeschmissen“, gestand sie und wischte ihre Tränen weg. „Ich weiß auch nicht …“

Ihr Vater lachte gutmütig. „Das ist hart. Wenn er dir aber blöd kommt, ruf mich an. Den biege ich wieder grade.“

Jetzt musste Smilla ebenfalls lachen.

Ihre Mutter kam den Rest des Abends nicht wieder runter. Sie schmollte, um einen Begriff zu verwenden, der mehr einem Kind zugestanden hätte. Sie kam auch nicht, als Smilla laut „Auf Wiedersehen, bis zum nächsten Mal“ rief und sie ihrem Vater einen Kuss zum Abschied gab.

Aber Smilla wusste, warum ihre Mutter das tat und sosehr ihr Vater sie auch getröstet hatte, sie selbst sah es in ihren stillen Stunden ähnlich: Sie hätte mehr sein können. Erfolgreich hätte sie sein können. Aber es war anders gekommen. Im letzten Schuljahr war sie mit dem begehrtesten Jungen der ganzen Schule gegangen. Sie hatte ihn angehimmelt und es war die schönste Zeit, die sie bis dahin und danach gehabt hatte. Und sie hatte darauf vertraut, dass die Verhütung ausreichte.

Sie war schwanger geworden. Aber das war nicht schlimm gewesen, fand zumindest Smilla in dieser Zeit. Wenn sie zurückdachte, fühlte sie das Glück von damals und es war, als hätte ihr niemand etwas antun können. Das änderte sich, als ihr Freund mit ihr Schluss machte. Smilla erinnerte sich an die Gesichter seiner Eltern und den Vorwurf, der darin lag. Sie wurde in der Schule verleumdet. Die Monate waren die Hölle gewesen. Doch das, was sie wirklich aus der Bahn warf, war, als sie ihr Kind verlor.

Smilla musste bei der Erinnerung mitten auf dem Gehweg stehen bleiben, weil die Gefühle sie überrollten. Sie hatte das Kind gewollt und dann war es weg gewesen. Einmal mehr berührte sie ihren Bauch, wo sie mitunter immer noch zu spüren vermeinte, wie ihr Kind heranwuchs. Seinen Herzschlag zu glauben hörte. Seine Bewegungen fühlte.

Smilla schloss für einen Moment die Augen und gab diesem Gefühl nach. Es war Hoffnung gewesen. „Du wirst mal was Besonderes sein“, hatte ihre Mutter immer gesagt. Sie sollte Karriere machen, etwas Großes werden. Sie stolz machen. Keine Hausfrau und Mutter wie sie selbst, die viel zu früh ein Kind bekam. Smilla erinnerte sich an den Moment der Erkenntnis. Sie war schwanger. Ein Kind wuchs in ihr und dann ihr Erschrecken und die Faszination und die Angst und die Freude. Nicht mal das Gekeife ihrer Mutter hatte diesen Strudel an Gefühlen übertönen können.

Sie erschuf eigenes Leben in sich. Es wuchs und sie fühlte sich damit auf eine Weise verbunden, die sie bis heute kaum in Worte fassen konnte.

Ihre Mutter hatte dagegen nichts zu unternehmen vermocht. Sie hatte von Abtreibung gesprochen, aber ihre Mutter hatte sich nicht über ihren Willen hinweg durchsetzen können. Also blieb das Kind – bis zu dem Morgen, wo auf einmal in ihrem Bett überall Blut war und sie heftige Schmerzen schüttelten.

Smilla verbat sich zu weinen. Sie fühlte sich schwach. Die Jacke fest um den Körper gezogen, um das Quäntchen Wärme in ihrem Inneren zu halten, das ihr Kraft gab, lief sie den Rest des Weges wie betäubt. Als sie bei ihrer Wohnung angelangt war, war sie müde und zerschlagen. Aber all das war vergessen, als sie an ihre Wohnungstür gelangte, die aufstand und wo sie ihre Nachbarin im Flur stehen sah. Frau Müller wirkte erschrocken, was sie angesichts der Tatsache, dass sie sich ohne Schlüssel in Smillas Wohnung befand, auch sein durfte.

„Ich habe ihn nicht aufhalten können“, rief sie und Smilla wusste, dass mit „er“ Paul gemeint war. „Ich wusste jetzt nicht, ob ich die Polizei rufen sollte. Er hat sich alles genommen, was er wollte, und dann ist er weg. Es war furchtbar. Ich hatte Angst vor ihm. Er ist doch sonst so ein netter Mann.“

Smilla suchte automatisch nach ihrem Handy und rief die Polizei an, während ihre Nachbarin weiter berichtete und so erfuhr sie mit halber Aufmerksamkeit, dass Paul sie als Schlampe und Hure beschimpft hatte und dass sie ihn betrog und es sein gutes Recht wäre, sich zu nehmen, was ihm gehören würde. „Er hat so geschrien und er war wütend. Ich dachte, wie kann er nur so wütend sein?“, erzählte ihre Nachbarin. „Und dann hat er sich alles genommen. Sagte, dass ihm das alles gehört. Radio, Fernseher, die Mikrowelle. Er hat sogar den Geschirrspüler mitgenommen. Ausgebaut und einfach mitgenommen. Und die ganze Kosmetik. Was will er mit dem Make-up? Außerdem den Sessel. Er war alt.“

„Er ist von meiner Oma. Ich habe ihn geerbt“, murmelte Smilla dumpf.

„Er war mit einem Kumpel da und die haben dann alles aufgeladen. Ich weiß doch auch nicht …“, jammerte ihre Nachbarin weiter und sie redete noch immer, als die Polizei eintraf. Die schafften es dann mit viel Geduld und Fingerspitzengefühl, aus dem, was sie sagte, einen Bericht zu machen. Smilla führte dann noch aus, was ihr fehlte.

„Können Sie die Sachen zurückholen?“

„Nun, das wird schwierig. Wenn Sie Belege haben, dann ist das ein guter Beweis. Wenn er behauptet, er hätte sie gekauft, wird es schwierig. Aber wir werden sehen, was wir herausbekommen.“

„Der Sessel stammt von meiner Oma und mein Vater kann bezeugen, dass er mit mir zusammen damals alles eingekauft hat und da war Paul noch nicht mein Freund gewesen. Wir haben uns erst sehr viel später kennengelernt. So, wie sich meine Nachbarin anhört, sieht er die Sachen als Bezahlung dafür an, dass ich ihn rausgeschmissen habe.“

„Nun, wir werden tun, was wir können“, sagte der eine Polizist und Smilla wusste, dass sie wirklich einen Haufen Probleme mehr hatte als heute Morgen.

Als die Herren weg waren und Smilla noch von dem einen unten im Treppenhaus zu hören bekam, dass Beziehungsstreitigkeiten nervig waren, sank sie auf den Treppenabsatz zusammen und blieb einfach sitzen. Sie sah erst auf, als ihr jemand auf die Schulter tippte. Es war ihre Nachbarin, die sie mitleidig anschaute.

„Wieso hat er die Kosmetik mitgenommen?“, fragte sie.

Smilla zuckte mit der Schulter. „Rache?“, schlug sie vor. „Genauso wie alles andere, wobei er sich wohl bei Bett, Geschirrspüler, Radio, Mikrowelle, Sofa und Sessel gedacht hat, dass es ganz praktisch ist.“

„Das könnte natürlich sein. Aber jetzt, da Sie nichts mehr haben, können Sie gar nicht schlafen.“

Smilla seufzte und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. „Scheiße, Scheiße, Scheiße“, flüsterte sie. „Dieser elende Bastard.“

„Ich kann Ihnen mein Gästebett anbieten. Es steht bei mir hinter der Tür und bis Sie Ihres wiederhaben, können Sie es sich ausleihen.“

Smilla blickte wieder auf und sah sie dankbar an. „Das ist sehr großzügig, aber ich kann das nicht annehmen.“

„Ach Quatsch!“, meinte Frau Müller und ging in ihre Wohnung, aus der sie keine Minute später ein Klappbett auf Rollen herausschob. „Das wird gehen, denke ich“, sagte sie und lächelte. „Und ich habe noch eine Ersatzzahnbürste und gestern war ich auch noch Zahnpasta und Kleinkram einkaufen. Ich mache Ihnen ein Carepaket fertig. Machen Sie Ihr Bett und ich klingle und bringe Ihnen alles rüber.“

Ehe Smilla noch etwas sagen konnte, war ihre Nachbarin in ihrer eigenen Wohnung verschwunden. Smilla wollte ihr Glück nicht fassen. Bisher hatte sie nur wenige Worte mit der Frau gewechselt, aber sie passten gegenseitig auf Post und Blumen auf, wenn die eine wie die andere länger nicht da war – wobei keine die Wohnung der anderen betrat. Vielmehr wurden Blumen und Briefkastenschlüssel ausgetauscht und ab und an riefen sie sich an, wenn mal ein Paket geliefert worden war und anscheinend der Zettel des Lieferanten nicht im Briefkasten gelegen hatte. So viel oder so wenig Vertrauen herrschte zwischen ihnen. Mehr als diese freundliche Distanz und Nachbarschaftshilfe war nie gewesen.

Apropos Schlüssel. Sie sah Pauls Schlüssel nirgendwo. Das hieß, sie tauschte besser das Schloss ihrer Wohnungstür aus, bevor ihr Ex-Freund sich auf einen zweiten Raubzug machte. Wenn sie zu Hause war, würde sie die Kette einhängen. Für weitere Aufregung – einschließlich möglicher Überraschungen, wenn sie zu Hause war – hatte sie keinen Nerv mehr.

Smilla raffte sich auf und schob das Klappbett in ihre Wohnung. Sie konnte sich glücklich schätzen, dass Paul keinerlei Sinn für Häuslichkeit besaß und daher die Bettwäsche noch da war, ebenso ihr Bettzeug. Einige Zeit später klingelte es und tatsächlich stand ihre Nachbarin vor der Tür mit einer Plastiktüte und einem eher scheuen Lächeln. „Machen Sie sich keine Gedanken. Ich muss sagen, dass ich froh bin, wenn ich helfen kann, denn als Ihr Ex-Freund hier herumwütete, fühlte ich mich ziemlich hilflos. Ich heiße übrigens Philomela. Aber alle nennen mich Phil.“